China und Japan: Erlebnisse, Studien, Beobachtungen

Part 49

Chapter 493,340 wordsPublic domain

Dieses einförmige, öde, farblose und armselige Häusermeer von Tokio wird an vielen Stellen durch kleine Hügel mit üppigem Baumwuchs unterbrochen, und zwischen den Bäumen versteckt schlummert irgend ein kleines, verschiedenen Gottheiten geweihtes Tempelchen. Was aber Tokio vor allen anderen Städten Japans auszeichnet, sind seine beiden prachtvollen Parks, der Schiba und der Uyeno, mit ihren ungeheuren, alten Kryptomerien und Kiefern, ihren langen Alleen von Aepfelbäumen, ihren lauschigen Tempelhainen und Lotosteichen. Die wunderbaren Tempel mit ihren nicht zu beschreibenden Einzelheiten von Ausschmückung und Einrichtung enthalten nicht nur die Gräber der Schogune, sie enthalten auch das Grab der altjapanischen Kunst. Wohl hat Tokio dafür moderne Hochschulen, Hospitäler, Bibliotheken, Museen, Arsenale, Fabriken erhalten, mit denen sich die Japaner heute brüsten, aber all das sind fremde Errungenschaften, die sie sich angeeignet haben. Ihr altangestammtes Eigentum, ihre Schöpfung, das Ergebnis ihrer Liebe und ihres Verständnisses für die Natur war ihre Kunst, die so herrliche Blüten getrieben hat; diese haben die Japaner ohne eine Thräne des Bedauerns geopfert, im Austausch für die modernen Wissenschaften der alten Welt hergegeben. Wer diese Tempelhaine durchwandert, die hohen, eigentümlichen Thorbogen durchschreitet, die langen Reihen steinerner und bronzener Opferlaternen passiert, von alten Daimios dem Andenken der Schogune gewidmet, und endlich die heiligen Grabtempel und den Göttern geweihten Hallen betritt, der empfindet neben rückhaltsloser Bewunderung auch jenes tiefe Bedauern für das Dahinschwinden einer großen Kultur, für welche der moderne Japaner kein Verständnis, kein Gefühl zu haben scheint.

Aber es giebt in Tokio noch ein Stück unverfälschten Japans, das die gütige Vorsehung auch noch recht lange zur Freude aller morgen- und abendländischen Besucher erhalten möge: jenseits des herrlichen Uyenoparks, zu Füßen der von gewaltigen Kryptomerien gekrönten Hügel dehnt sich jene eigentümliche Ausgeburt japanischer Sitten, die Yoschiwara mit ihren der Venus gewidmeten Freudenhäusern aus, und dicht daran schließt sich das Quartier von Asakusa, das sehenswerteste der ganzen Hauptstadt des Mikadoreiches. Ein vielstöckiger Steinturm, der schon so manches verheerende Erdbeben überstanden hat, bildet das Wahrzeichen von Asakusa, wenn nicht von Tokio selbst. Rings um diesen Turm liegen in großen Hainen die stattlichsten Tempel der Stadt, der Hongwanji und der der Gnadengöttin Kwannon geweihte Buddhistentempel von Sensodschi. An diesen merkwürdigen Gebäuden mit ihren absonderlichen Göttergestalten, Inschriften, Bildern und zahllosen Andächtigen hat sich der Ansturm der amerikanischen Baptisten-, Methodisten-, Unitarier-, Presbyterianer- und sonstigen Missionare doch gebrochen, ebenso wie der Ansturm der fanatischen Umstürzler mit ihren europäischen Reformen. Rings um diese Tempel liegt der Wurstlprater von Tokio mit zahllosen Schaubuden, Theehäusern, Theatern, Verkaufsständen, stets belebt, besonders aber an den zahlreichen Festtagen, wenn viele Tausende grotesk geputzter Japaner mit ihren Frauen, mit Musmis und Kindern dort hinauspilgern und Volksfeste abhalten, die in ihrer Eigenart dem Europäer entschieden interessanter sind als der Abklatsch europäischer Universitäten, Arsenale, Pferdebahnen und Gasanstalten, mit denen die modernen Japaner gerade dem Europäer gegenüber so gerne prunken.

Der Kaiser von Japan und sein Hof.

Mit dem alten Japanerreich stand in den letzten beiden Jahrzehnten auch Mutsu Hito, der Beherrscher desselben, im Vordergrunde des Interesses. Der Sturz des Schogunats, die Wiedereinsetzung der alten Kaiserdynastie an die Spitze der Regierung, die Einführung europäischer Kultur, die Errichtung einer modernen Armee und Flotte, die Konstitution, mit einem Worte, die ganze wunderbare, in der Geschichte beispiellos dastehende Verwandlung Japans aus einem alten despotischen Feudalstaate in ein modernes Reich mit westlicher Zivilisation wird in Europa ziemlich allgemein der eigensten Initiative des japanischen Herrschers zugeschrieben. Wäre dies richtig, so müßte Mutsu Hito nicht nur als der weitaus bedeutendste der hundertzweiundzwanzig Kaiser seiner Dynastie sein, er wäre auch eine der bedeutendsten Erscheinungen der ganzen Geschichte, und es ist deshalb wohl begründet, sich mit dieser Erscheinung näher zu befassen. Schon der Umstand allein, daß er als der hundertdreiundzwanzigste seiner Familie auf dem gleichen Throne sitzt und daß sein Stammbaum bis auf das Jahr 660 v. Chr., also auf über 2600 Jahre zurückreicht, macht ihn zu einer interessanten Persönlichkeit. Ihm gegenübergestellt wären ja die Häupter unserer ältesten Herrscherfamilien Europas geradezu Parvenus, denn ihr Stammbaum reicht höchstens auf tausend Jahre zurück.

Bei näherer Betrachtung gestaltet sich die Sache freilich etwas anders. In Japan nahm man es mit der Thronfolge lange nicht so genau wie in den europäischen Herrscherfamilien. Der Thronfolger wurde nach Belieben aus der Menge der mit Konkubinen gezeugten Söhne auserwählt, zuweilen wurden Frauen auf den Kaiserthron gesetzt, ja es wurden häufig Söhne aus anderen dem Throne nahestehenden Adelsfamilien von verschiedenen Kaisern adoptiert und zu Thronfolgern gemacht. Eine direkte Thronfolge vom Vater auf den Sohn kam in der japanischen Geschichte nur selten vor. In den ersten Jahrhunderten der Dynastie, welche Jimmu Tenno, den Sohn des Himmels, als ihren Stammvater nennt, waren die Kaiser auch thatsächlich Herrscher; später gelangten Familien aus der nächsten Umgebung der Kaiserfamilie zu Einfluß und Macht, sie rissen allmählich die ganze Regierung an sich, und die Kaiser selbst waren kaum viel mehr als willenlose Puppen, die von den wirklichen Regenten nach Belieben gewöhnlich als Kinder auf den Thron gesetzt und wieder verjagt wurden, sobald sie das Mannesalter erreicht und den Usurpatoren gefährlich werden konnten. So waren beispielsweise unter dem Mikado Go-Nijo (1302-1308) nicht weniger als fünf Mikados gleichzeitig am Leben; nämlich er selbst, der von seinem siebzehnten bis zum dreiundzwanzigsten Jahre auf dem Throne saß; dann seine vier Vorgänger: Go-Fukakusa, der schon in seinem vierten Jahre Kaiser wurde und in seinem siebzehnten abdankte, d. h. abdanken mußte; dann Kameyama, Kaiser von seinem elften bis zum sechsundzwanzigsten Jahre; Go-Uda, Kaiser von seinem achten bis zum einundzwanzigsten Jahre, und der fünfte Kaiser, Fuschimi, schien den Ministern gar nicht zu passen, denn in seinem dreiundzwanzigsten Lebensjahre zum Kaiser gemacht, mußte er schon in demselben Jahre abdanken. Wie man sieht, wechselte man im alten Japan die Kaiser ähnlich wie heute in manchen europäischen Staaten die Minister. Nur war das Verhältnis umgekehrt. Nicht der Hund wedelte den Schwanz, der Schwanz wedelte den Hund.

Als die letzte Schogunfamilie, die berühmten Tokugawa, die Macht in den Händen hatte, wurde den Kaisern wohl alle Achtung und Verehrung zu teil, die ihnen gebührte, allein von der Regierung waren sie vollständig ausgeschlossen, ja sie waren kaum besser als Gefangene, die nicht einmal, wie das Sprichwort sagt, einen goldenen Käfig hatten. Dank der kaiserlichen Gnade war es mir gestattet, in der früheren Hauptstadt des Reiches, in Kioto, die Paläste zu besichtigen, die den Vorgängern des Kaisers und in seinen jungen Jahren auch noch dem regierenden Kaiser als Wohnung angewiesen waren. In den weitläufigen, einförmigen Holzgebäuden mit ihren breiten Veranden und papierenen Zimmerwänden sah ich noch viel weniger Pracht als in dem Palaste ihrer Unterthanen, der Schogune. Dort wohnten und lebten die Kaiser vollständig abgeschlossen von der Außenwelt, vollständig unsichtbar und in gänzlicher Unkenntnis der Größe und Eigenart ihres Reiches. Nur in den seltensten Fällen kamen sie über die Palastmauern heraus, und auch das nur in fest verschlossenen und verhängten Wagen. Von ihrem Regierungsantritte bis zu ihrem Tode bildeten ihre Frauen und ihre Hofhaltung den einzigen Verkehr. Nur die Kuge und die Daimios, also der höchste Adel des Landes, wurden in seltenen Fällen in den Thronsaal zugelassen, um dem Sohne des Himmels ihre Glückwünsche darzubringen oder ihre Ehrfurcht zu bezeugen. Sie lagen an einem Ende des Saales auf den Knieen, mit dem Gesichte auf dem Boden, während der Kaiser auf dem Throne am anderen Ende des Saales saß. Und welcher Thron! Ein Zelt von der Größe und dem beiläufigen Aussehen unserer kleinsten Feldzelte, aus weißem Seidenstoff angefertigt. Im Innern desselben liegt auf dem Holzboden eine Matratze, und auf dieser saß der Kaiser mit verschränkten Beinen. Während der Audienz wurde auch noch ein dichter Vorhang herabgelassen, damit kein Sterblicher das geheiligte Antlitz des Sohnes des Himmels erblicke.

Auch noch der regierende Kaiser empfing seine Fürsten auf diese Weise, und wer vor einem Vierteljahrhundert gesagt hätte, derselbe Kaiser würde auf einer Landesausstellung in Tokio angesichts vieler Tausende seiner Unterthanen selbst die Preise verteilen, mit der Kaiserin an seiner Seite ein neugeschaffenes Parlament eröffnen oder in seinem modernen europäischen Palaste Diners und Garden parties geben, der wäre in Japan als verrückt eingesperrt worden.

Die Sache erscheint in der That unglaublich und liest sich wie ein phantastisches japanisches Märchen. Am unglaublichsten aber erscheint es, daß Kaiser Mutsu Hito, der bis zu seinem sechzehnten Lebensjahre nur wenige fremde Menschen zu Gesicht bekommen hat, der in seinem siebzehnten Jahre zum erstenmal seinen Palast verließ, zum erstenmal grüne Reisfelder und bewaldete Berge, Dörfer und Städte mit seinen eigenen Augen gesehen hat, daß dieser Kaiser einige Jahre später bereits eine Armee nach europäischem Muster schuf, europäische Kultur und Kleidung für seine Unterthanen dekretierte und 1889 sogar seinem Lande eine Konstitution nach europäischem Muster gab.

Alle diese Errungenschaften werden in Europa ziemlich allgemein der persönlichen Thatkraft und Einsicht des Kaisers zugeschrieben, aber mit wie wenig Recht, kann man bei einigem Nachdenken schon aus dem Gesagten erkennen. Zu den herrschenden irrtümlichen Ansichten haben wohl die Begriffe beigetragen, die wir Europäer von unseren Herrschern haben. In Europa sind die letzteren Persönlichkeiten mit ausgesprochener Individualität, in Japan aber ist der Mikado, wie Chamberlain ganz richtig sagt, einfach der Kaiser. Er hat nicht einmal einen Namen, der von seinen Unterthanen ausgesprochen werden darf. Nach seinem Tode wird er unter dem Namen Meji, d. h. Aufklärung, bekannt sein, den er seiner Regierungszeit gegeben hat. Alle Verordnungen, alle Maßnahmen, Neuerungen werden allerdings vom Kaiser dekretiert, allein er ist keineswegs auch der Schöpfer derselben. Es wäre ja auch ganz unmöglich, daß der Kaiser, der beispielsweise in seinem Leben noch niemals das offene Meer gesehen hat und niemals auf einem Schiffe war, eine Kriegsflotte nach europäischem Muster aus eigenem Antrieb schaffen sollte; oder daß er, der niemals einen anderen Soldaten gesehen als etwa die Samurai (Zweischwertermänner) seiner Eskorte auf der Reise nach Tokio, deutsche Stabsoffiziere nach Japan berufen sollte, um seine moderne Armee Taktik und Strategie zu lehren. Aber ein großes Verdienst um sein Land und Volk, gleichzeitig auch um den Triumph unserer europäischen Kultur hat sich der Kaiser unzweifelhaft erworben: das, thatkräftige, kluge, weitsehende Männer seiner Umgebung gewähren zu lassen, ihnen Vertrauen zu schenken und sie auf ihren Posten selbst dann noch zu belassen, als sie seine kaiserlichen Vorrechte beschnitten, ja ihn veranlaßten, von seiner Gottähnlichkeit herabzusteigen unter die Menschen und selbst Mensch zu werden. Dazu gehört viel Seelengröße, viel Einsicht und Klugheit, Eigenschaften, die bei orientalischen Herrschern bei ähnlichen Anlässen nur äußerst selten zu finden sind. Statt wie es sonst zu geschehen pflegt, dem Strome der öffentlichen Meinung nachzugeben, ist er als erster mit seinem Beispiel vorangegangen, er hat befohlen und hat als erster diesen Befehlen Folge geleistet. Wo der Kaiser sich der Notwendigkeit beugt und die tausendjährige eigenartige Kultur seines Landes opfert, um neue, ihm und seinem Volke durchaus fremde, anfänglich unsympathische europäische Kulturfesseln anzulegen, da mußten seine Unterthanen ihm folgen. Die Gebildeten und Klugen der letzteren thaten dies aus eigener Ueberzeugung, die weitaus größte Masse gehorchte eben dem Gebote ihres Kaisers, gegen den von alters her ein Widerstand, eine Auflehnung undenkbar ist. Nur diese allgewaltige Autorität, diese halbgöttliche Stellung, welche der Kaiser aus der früheren Zeit mit hinübernahm bis zur Einführung der konstitutionellen Verfassung, konnte die ungeheuren Umwälzungen möglich machen, welche die Männer der Regierung beschlossen hatten. Wie in Deutschland und Italien, so muß man in dem neugeeinigten Japan neben dem Herrscher auch diese seine Ratgeber nennen, vor allen anderen Graf Ito, den Bismarck von Japan, dann Yamagata, Inouye, Yamada, Aoki, die beiden Saigo, Kuroda, Mutsu, Oyama, Okubo, Yoshida und Terashima. Sie sind die eigentlichen Schöpfer des neuen, ich möchte sagen abendländischen Japan, Männer, beseelt von glühender Vaterlandsliebe und Loyalität, dabei durch und durch ehrenhaft und selbstlos. Nicht sich wollten sie heben, sondern nur ihr Vaterland. Glücklich ein Land, das solche Männer hat!

Der Kaiser wurde am 3. November 1852 geboren und gelangte nach dem Tode seines Vaters am 13. Februar 1866 auf den Thron. Zwei Jahre später, am 9. Februar 1868, vermählte er sich mit Haruko, der dritten Tochter des Kuge (Fürsten) Ichijo Tadaka, am 28. Mai 1850 geboren, somit um zwei Jahre älter als der Kaiser. Am 15. April 1868 verließ das Kaiserpaar die alte Hauptstadt Japans, um die Residenz nach Yeddo zu verlegen, das bald darauf in Tokio, d. h. östliche Hauptstadt, umgetauft wurde. Als der bekannte amerikanische Staatsmann Seward auf einer Reise um die Welt 1871 Japan besuchte, empfing ihn der Kaiser noch in der altjapanischen Kaisertracht, die keineswegs als schön bezeichnet werden konnte: lange, steife Seidengewänder, die den Körper mit Ausnahme der Hände vollständig verhüllten, und auf dem Kopfe eine eigentümliche, schwarze Roßhaarkappe mit einem linealförmigen Aufsatz, der sich von der hinteren Seite der letzteren vertikal etwa einen halben Meter über das Haupt erhob. Der Kaiser sprach kein Wort und würdigte Seward überhaupt mit keinem Blicke. Seine Fragen und Bemerkungen waren auf einzeln bereitgehaltenen Papierbogen niedergeschrieben, die ein Hofbeamter dem Kaiser unterbreitete und dann ablas. Damit war die Audienz beendet.

Einige Monate später vertauschte der Kaiser das traditionelle japanische Kaisergewand mit einer militärischen Uniform nach französischem Schnitt, und seither hat er sich niemals mehr öffentlich in japanischen Gewändern gezeigt. Auf kaiserlichen Befehl mußte der ganze Hof moderne europäische Kleider anlegen, und von der Kaiserin herab bis zum letzten Hofbediensteten darf bei Hof seither niemand mehr in der angestammten Landestracht erscheinen. Mit einem Federzug wurde dem alten Japan, wenigstens den Aeußerlichkeiten nach, ein Ende bereitet.

Ueberhaupt stürzte man sich mit wahrem Feuereifer auf die Umgestaltung des ganzen Hofes, der Regierungsmaschine, ja selbst der Hauptstadt nach europäischen Vorbildern. Prinz Komatsu verweilte während mehrerer Jahre in den Hauptstädten Europas, um die Verhältnisse an den dortigen Höfen zu studieren; der Hofmarschall Sannomiya Yoshitane wurde an den Kaiserhof in Wien gesandt, um bei dem dortigen Oberhofmeisteramte das ganze altspanische Zeremoniell in allen seinen Einzelheiten kennen zu lernen, und nach Japan zurückgekehrt, wurde er damit betraut, dieselben nicht etwa ins Japanische zu übertragen, beziehungsweise den Verhältnissen in Tokio anzupassen, sondern ganz genau so wie in Wien einzuführen. Nicht der Schuh wurde geändert, um für den Fuß zu passen, der Fuß wurde in den schlechtsitzenden Schuh gezwängt.

Damit verlor aber der japanische Kaiserhof seinen eigentümlichen hohen Reiz, seinen ganzen Charakter und die Romantik, die ihn seit so langer Zeit umschwebt hat. So sehr man die Japaner zu ihren Unternehmungen der letzten Jahrzehnte beglückwünschen muß, von allen Europäern und Amerikanern, ja gewiß auch von der Mehrzahl der Japaner selbst wird das Aufgeben der Nationaltracht verdammt. Die alte Kaiserinwitwe beharrte bis auf den heutigen Tag fest an der angestammten Kleidung und mit ihr ein großes Kontingent Japaner der höchsten Stände. Bei allen Gelegenheiten, ausgenommen bei Hoffestlichkeiten, legen sie mit Vorliebe die reizenden, faltenreichen Gewänder an, die sie in ihrer Jugend getragen, denn sie wissen wohl, daß sie ihren sprichwörtlichen Liebreiz, ihre unsagbare Anmut nur in diesen Gewändern besitzen. Hoffentlich ist es zur Rückkehr zu den alten Trachten nicht zu spät, hoffentlich werden die japanischen Machthaber, welche in anderen Dingen so bewunderswerte Weisheit und Diskretion gezeigt haben, die Unzweckmäßigkeit dieser Toilettenreform noch einsehen und die europäischen Modefesseln, die sie ihren eigenen Landsleuten angelegt haben, selbst sprengen. Die europäischen Moden haben nämlich in Japan bei weitem nicht den Eingang gefunden, den man in Europa ziemlich allgemein annimmt. Nur diejenigen, welche durch ihre Stellung bei Hofe oder bei den Regierungsbehörden dazu gezwungen sind, tragen europäische Kleider. Dazu kommen vielleicht noch Mitglieder aristokratischer Familien, Studenten und Modenarren, welche Europa bereist haben. Alles in allem genommen, dürften sie aber bei einer Gesamtbevölkerung von 41 Millionen nicht viel mehr als den vierhundertsten Teil ausmachen. Ich besuchte eine Reihe von Städten, wo ich keinen einzigen europäisch gekleideten Japaner antraf, ja es giebt in Japan noch zahlreiche Ortschaften, wo man einen solchen überhaupt noch niemals gesehen hat.

Selbst dem Kaiser scheint die den Japanern ziemlich willkürlich aufgepfropfte Europäermode unsympathisch zu sein, denn sobald er seine staatlichen Funktionen beendigt hat, zieht er den Europäer aus und den Japaner an. Bei Audienzen, Festlichkeiten und Ausfahrten trägt er gewöhnlich die Uniform eines japanischen Generals, die ihm viel besser steht als so manchem seiner Offiziere.

Bei einer Privataudienz, zu der ich die Ehre hatte befohlen zu werden, hatte ich die gewünschte Gelegenheit, den Kaiser eine Zeit lang in nächster Nähe zu sehen. Das ganze mit der Audienz verbundene Zeremoniell erinnerte mich lebhaft an jenes bei großen europäischen Höfen. Am Eingang zum Palast wurde ich durch Kammerherren empfangen, die europäische Uniform mit Degen und Federhut trugen. Die Dienerschaft war in europäischer Livree, dunkelblauem Frack mit gelben Aufschlägen, welche das kaiserliche Wappen, die sechzehnblätterige Chrysanthemumblüte, eingestickt zeigen, roten Westen, dunkelblauen Kniehosen und weißen Strümpfen. Ich kann nicht sagen, daß diese Livree den kleinen, dunkelhäutigen, schlitzäugigen Japanern mit ihrem struppigen Haar besonders gut stand. Dafür zeigten sich die Kammerherren, dann der Zeremonienmeister und Hofmarschall Sannomiya, denen ich nun vorgestellt wurde, als vollendete europäische Gentlemen. Ihrem Typus, Auftreten und Benehmen nach hätte ich sie für Spanier oder Italiener gehalten, wenn ich ihnen irgendwo in Europa begegnet wäre. Sie sprachen mit fließender Leichtigkeit französisch, englisch und deutsch, und ganz besondere Gewandtheit zeigte der Adoptivsohn des Grafen Ito, der einige Jahre in Halberstadt die Schulen besucht hat. Der hochgebildete junge Mann, ein vollendeter Aristokrat, geht einer ähnlich glänzenden Carriere entgegen wie sein berühmter Vater, einer der Schöpfer des modernen Japan.

Der Saal, in dem wir uns befanden, war ganz europäisch möbliert. Auf einem Tische lagen vier Einschreibebücher für die beiden Majestäten, je eines für Europäer und Japaner.

Nach etwa halbstündigem Warten wurde ich durch lange hohe Korridore in den Audienzsaal geführt, wo gewöhnlich fremde Gesandte ihre Antrittsaudienz haben und ihre Beglaubigungsschreiben überreichen. Mit Ausnahme des herrlichen kassetierten Plafonds, mit Malereien und einem kleinen Thronstuhl in der Mitte, zeigte dieser Saal keinerlei Schmuck, auch keine Möbel. Ueber den spiegelglatten Parkettboden war ein moderner Teppich gebreitet. Zur Linken führte eine Thüre mit großen Spiegelscheiben auf einen Korridor, welcher den Audienzsaal mit den Privatgemächern des Kaisers verband; die Thüre zur Rechten führte nach dem großen Thronsaal.

Auf der Seite, welche wir einnahmen, öffnete sich der Audienzsaal auf einen wunderbar schönen Garten mit Fontänen, felsigen Wasserbecken und Grasmatten, welche durch Gruppen von bronzenen Störchen geschmückt wurden. Dieselben waren weiß übermalt und zeigten so natürliche Stellungen, daß ich sie im ersten Augenblick für lebende Störche hielt.

Ob dem Kaiser ein Zeremonienmeister voranschritt, ob er angemeldet wurde, wüßte ich nicht zu sagen. Er stand plötzlich vor mir. Ich kann es nicht verhehlen, daß ich im ersten Augenblick befangen, überwältigt war. Keine Persönlichkeit der Gegenwart hat eine so wunderbare Geschichte, keine kann auf eine so lange Reihe von Ahnen zurückblicken, die in das graue Altertum hinaufreicht, sechshundert Jahre vor Christi Geburt! Ich befand mich vor dem Inhaber eines Thrones, auf welchem hunderteinundzwanzig seiner Vorfahren gesessen haben und deren Stammvater seine Gewalt von den Göttern selbst empfangen haben soll.

Der Kaiser ist für einen Japaner ein großer, stattlicher, hochaufgerichteter Mann, mit fahlem gelblichen Gesichte, aus welchem große, schwarze, stechende Augen blicken; das Kopfhaar ist länger, als es die Japaner zu tragen pflegen, dicht und struppig; die Nase ist fleischig, Schnurr- und Vollbart sind dünn, mit langen, steifen Haaren; die Thränendrüsen treten auffallend stark hervor. Man kann nicht behaupten, der Kaiser sei ein schöner Mann, allein das wenig ansprechende Aeußere wird durch seinen hoheitsvollen Ausdruck und eine gewisse Unnahbarkeit, die sein Wesen zeigt, aufgewogen. Unter den vielen Tausenden von Japanern, denen ich auf monatelangen Reisen in dem Inselreiche begegnet bin, habe ich keinen von interessanterem, charakteristischerem Aussehen gefunden, und wenn man sich vor Augen hält, daß der Kaiser der Repräsentant einer Familie ist, die seit zweieinhalb Jahrtausenden nicht über einen enggezogenen Kreis herausgekommen ist, so muß man in ihm den reinsten Typus des Japaners sehen.

Der Kaiser trug eine Uniform, die jener der französischen Artillerieoffiziere ähnelt, aus schwarzem Tuch mit ebensolchen Seidenborten. Auf der rechten Brust prangte der Stern seines Chrysanthemumordens und zwei kleinere Ritterkreuze. Nachdem ich durch den Zeremonienmeister vorgestellt worden war, richtete der Kaiser mehrere Fragen an mich, die sich auf meine Reisen, hauptsächlich auf jene nach Korea, bezogen. Er sprach japanisch, mit leiser Stimme, und seine Worte wurden von einem Dolmetscher ins Französische übertragen. Meine Antworten und Ausführungen wurden dem Kaiser wieder japanisch mitgeteilt, der jeden Satz mit heftig ausgestoßenem „hei, hei”, etwa „ja, ja” oder „ich begreife” beantwortete. Während der ganzen Unterredung blickte der Kaiser niemandem in die Augen; er hielt sich steif und unbeweglich wie eine Statue und reichte auch beim Abschiede niemandem die Hand.