China und Japan: Erlebnisse, Studien, Beobachtungen
Part 47
Kobe ist ein Beispiel des in seiner Art geradezu amerikanischen Städtewachstums, das auch mehrere andere Orte Japans seit der großen Revolution aufzuweisen haben. Erst vor etwa vierzig Jahren kam der erste europäische Ansiedler nach dem öden Landstrich östlich des kleinen Städtchens Hiogo, den die Japaner für eine europäische Kolonie bestimmt hatten, und heute zählen Hiogo und Kobe zusammengenommen gegen zweihunderttausend Einwohner. Wie Yokohama, so hat auch Kobe seine englischen und deutschen Klubs, große vorzügliche Hotels ganz nach europäischer Art, Vereine, Gesellschaften und einen sehr bedeutenden Handel. Die Straßen Kobes übertreffen sogar jene von Yokohama an Breite und Reinlichkeit. Inmitten des seinem Aussehen nach lebhaft an den europäischen Süden gemahnenden Städtchens befand sich zur japanischen Zeit ein öder Fleck, der Richtplatz von Hiogo. Das Blut Hunderter von Opfern des Schlachtbeils hat den Boden hier gedüngt; an den Ecken des Platzes erhoben sich die hohen Stangen, auf welche die abgeschlagenen Köpfe, eine Beute für Geier, gesteckt wurden. Heute ist dieser Fleck in einen reizenden kleinen Park verwandelt, hinter welchem sich die Kobe umgebenden Anhöhen hinauf eine europäische Villenstadt befindet, die Wohnungen der Geschäftsleute, welche unten am Strande ihre Bureaus und Warenlager haben. Wer diese anmutige, belebte Hafenstadt durchwandert und sie mit ähnlichen Städten in Europa vergleicht, der würde ihre Einwohnerzahl auf mindestens mehrere tausend schätzen. Und doch erreicht sie in Wirklichkeit nicht einmal achthundert, die Frauen und Kinder eingeschlossen. Man würde es nicht für möglich halten. Während meiner Anwesenheit fand in der hübschen Konzerthalle der Stadt ein Konzert statt; das Auditorium war mit Damen in den elegantesten Toiletten und Herren im Frack und weißer Binde vollständig gefüllt, als stände die Halle in Wien oder Berlin und nicht bei den Antipoden; ein ganz annehmbares städtisches Orchester begleitete die fremden Künstler, und das Publikum beklatschte Brahms und Schumann mit Enthusiasmus. Wie tagsüber in den Straßen, so herrschte auch abends in den Klubs reges Leben; besonders wenn fremde Kriegsschiffe im Hafen liegen, was sehr häufig vorkommt, geht es in diesen eleganten Lokalen sehr munter zu. Mein Zimmer im Oriental Hotel ging gerade auf den benachbarten deutschen Klub, und ich kann von diesem fröhlichen Treiben recht viel erzählen. Vor drei Uhr morgens konnte ich keine Nacht die Augen schließen; die Handvoll biederer Germanen machte auf der Klubterrasse bei schäumendem Münchener Faßbier genug Lärm für einen großstädtischen Turnvereinsabend. Die meisten Europäer, die nicht als Regierungsvertreter oder Missionare hier wohnen, sind Importeure, Seiden- und Theehändler. Mit Interesse besuchte ich eines der großen Thee-godowns, wo Hunderte von Japanerinnen bei kärglichem Tagelohn die Theeblätter in heißen Pfannen rösten; mit offenen Jacken, die Brust und Arme entblößt, stehen sie vom frühen Morgen bis nach Sonnenuntergang an ihren Röstöfen und wenden mit den Händen die schmutziggrünen Blätter, die hauptsächlich in Nordamerika guten Absatz finden.
Das Schönste von Kobe ist seine Umgebung. Unmittelbar hinter der Stadt steigen eine Reihe von Bergen auf mehrere hundert Meter vom Meere empor, darunter sogar ein Bismarcksberg, wegen der drei einsamen, schlankstämmigen Bäume, die auf seinem kahlen Scheitel stehen, so genannt; diese Berge entlang ziehen sich prächtige Spaziergänge und führen zu schattigen Wäldern, Aussichtspunkten, Tempeln und Theehäusern. Der anmutigste Spaziergang ist wohl jener zu den berühmten Wasserfällen von Nunobiki, in deren Nähe man häufig große Affen herumklettern sieht. An den Wasserfällen spielt sich, besonders an Festtagen, ein gutes Stück japanischen, recht ursprünglichen Lebens ab. In den Tümpeln zu Füßen der Fälle baden sich nackte Männlein und Weiblein zusammen in rührender Ungeniertheit, in den Theehäusern tanzen die Maikos und singen die Geishas bei unvermeidlichem Samisengezupfe. Kaum wurden die Mädchen meiner oder irgend eines anderen Europäers gewahr, so ging der monotone Singsang los. Man hat die Mädchen hundertmal tanzen gesehen, das Pin-Pin der japanischen Guitarre tausendmal gehört, aber man läßt es doch immer wieder über sich ergehen. Japan ist eben das Land des Gesanges und des Tanzes.
Yokohama.
Die Größe und Bedeutung des modernen Japan im Welthandel, die Leichtigkeit, mit der es sich im Laufe der letzten drei Jahrzehnte der europäischen Kultur erschlossen und die europäischen Industrien angenommen hat, lassen die Ansicht gerechtfertigt erscheinen, daß auch die wenigen europäischen Handelsstädte in Japan in rascher Zunahme begriffen seien. Aber die Zahl der in Japan ansässigen Europäer, welche auch in der besten Zeit kaum viertausend erreicht haben dürfte, hat in den letzten Jahren, besonders nach dem neuen Vertrag mit den europäischen Mächten, welcher die Europäer in Japan in unerhörter Weise den japanischen Gerichten unterstellt, eher ab- als zugenommen. Im ganzen waren in Japan bis 1898 sieben Städte den Europäern geöffnet, d. h. in sieben Städten wurden ihnen eigene, streng begrenzte Quartiere für Wohnsitze angewiesen, und die dort ansässigen Weißen, zum größten Teil Engländer und Amerikaner, verteilen sich bis auf die jüngste Zeit in folgender Weise:
Yokohama etwa 1800 Tokio „ 900 Kobe „ 900 Nagasaki „ 400 Osaka 150 Hakodate 63 Niigata 10.
Unter diesen etwas über 4000 Ausländern befinden sich 2100 Engländer, 1000 Amerikaner, 600 Deutsche und 500 Franzosen.
Wenn man berücksichtigt, daß mehr als die Hälfte dieser Ausländer christliche Missionare sind und daß von den übrigen 2000 wieder mehrere hundert im diplomatischen Dienst ihrer Heimatsländer oder im Dienst der japanischen Regierung stehen, so bleiben im ganzen etwa tausend Europäer, welche in Japan als Kaufleute thätig sind.
Das wichtigste Emporium des europäischen Handels mit Japan und gleichzeitig die größte europäische Ansiedelung im Reiche des Mikado ist Yokohama. Die großen Dampfergesellschaften, welche den Verkehr zwischen Europa, Ostasien und Amerika mit Japan vermitteln, darunter auch der Norddeutsche Lloyd, lassen ihre Schiffe hier anlaufen. Yokohama ist das große Thor nicht nur für den ausländischen Warenverkehr und die Touristenwelt, sondern auch für die Japaner selbst: es ist der Hafen der Reichshauptstadt Tokio und durch seine große Nähe beinahe nur ein Vorort der letztern. In gesellschaftlicher Hinsicht bilden Yokohama und Tokio nur eine Stadt. An größern Festlichkeiten in der einen Stadt nehmen die Europäer der andern gewöhnlich teil, und zwischen beiden herrscht das ganze Jahr über reger Verkehr.
Wer auf einem der großen Passagierdampfer des Norddeutschen Lloyds von China aus oder mit den Prachtschiffen der kanadischen Pacificgesellschaft von Nordamerika aus sich dem Hafen von Yokohama nähert, der wird von dem europäischen Leben dort vor der Hand nichts gewahr. Beim Anblick der malerischen Pracht der Seeküsten dieses ostasiatischen Inselparadieses, der Fremdartigkeit des Schiffsverkehrs auf der tiefblauen, mit zahlreichen, seltsamen Eilanden gespickten Meeresfläche glaubt er sich nach der langen einförmigen Seefahrt eher einem anderen Planeten zu nähern, als dessen erstes Wahrzeichen er bei klarem Wetter den wunderbaren Schneekegel des heiligen Berges der Japaner, des Fudschiyama, erblickt. Scharf hebt sich die den größten Teil des Jahres mit Schnee bedeckte Vulkanspitze von dem italienischen Himmel ab, der mich in seiner Eigenart und Majestät an einen anderen Bergriesen in der westlichen Hemisphäre erinnerte, an den gewaltigen Orizaba in Mexiko. Wie dieser, so weist auch der Fudschiyama mit seinem Schneekegel den Seefahrern leuchtend den Weg. Bald nachdem er über dem Horizont erschienen, zeigt sich gegen Osten ein zweiter mächtiger Vulkan, der stets qualmende Oschima auf der Vriesinsel. Dann kommen die ungemein malerischen Küsten der Bai von Tokio in Sicht, der Dampfer kreuzt die Mississippibucht mit ihren steilen, bewaldeten, malerisch geformten Felsen und geht endlich im Angesicht von Yokohama mitten zwischen Hunderten von Schiffen aller Art, von den größten fremdländischen Kriegsdampfern bis zu den winzigen japanischen Sampans, etwa einen Kilometer weit vom Lande vor Anker. Wie das Theaterschiff im dritten Akt von Meyerbeers „Afrikanerin”, ist auch unser Dampfer bald von fremdartigem, dunkelhäutigem Volke erobert, das aber nicht gekommen ist, um den friedfertigen Seefahrern den Garaus zu machen, sondern mit freundlichem Grinsen in der höflichsten Weise den Kulis Adressen von Hotels, Schneidern, Schustern und Kuriositätenhandlungen zu überreichen. Die drei vornehmsten Hotels von Yokohama holen glücklicherweise die Passagiere in eigenen Dampfbarkassen ab, und ihre Angestellten überheben sie der Sorge um ihr Reisegepäck. Auf der ganz europäisch eingerichteten Landungspier stehen wie bei uns die Droschken, Dutzende von Kurumas, bequeme einsitzige Fauteuils auf Rädern, bereit, und ein Kuli, der Kutscher und zweibeiniges Zugtier zugleich ist, bringt uns in raschem Lauf auf einer durchaus europäischen Straße nach dem ebenso europäischen Grand Hotel.
Was den Reisenden in Yokohama gewiß zunächst auffällt, ist die Abwesenheit von all den unangenehmen, lärmenden und schmutzigen Zuthaten unserer europäischen Häfen. Nirgends die hohen, düstern Warenhäuser, die rauchenden und pustenden Lokomotiven, kreischenden Dampfkräne, Schienengeleise, Frachtwagen, schmutzigen Hafenstraßen mit ihrem internationalen Verkehr, ihren Matrosenkneipen und Kramläden. Yokohama zeigt sich von der See aus eher wie eines unserer fashionablen Seebäder, Ostende oder Norderney, als wäre es gar nicht eine der wichtigsten Hafenstädte und Warenzentren eines großen Kontinents, sondern nur eine Villeggiatur wohlhabender Europäer, die sich hier wie etwa an der Riviera der herrlichen Natur und des gesellschaftlichen Lebens erfreuen wollen. Tausende von Globetrottern und Weltreisenden, vergnügungssüchtigen reichen Amerikanern und Engländern ziehen hier das ganze Jahr über aus und ein; Hunderte von europäischen Ansiedlern in Ostasien, hauptsächlich aus Shanghai, Hongkong, ja aus Bangkok und Singapore bringen den Sommer mit ihren Familien in Japan zu, und Yokohama ist der wichtigste Landungsplatz, der Verteilungspunkt all dieses fashionablen Verkehrs.
Dabei ist diese europäische Stadt im Reiche des Mikado eine ganz neue Gründung; noch vor etwa vierzig Jahren war der Name Yokohama höchstens einigen Diplomaten bekannt, als das damalige elende Fischerdörfchen von ein paar hundert Einwohnern von der japanischen Regierung den Europäern für eine Ansiedelung zugewiesen wurde. Damals hätte gewiß niemand vorausgesagt, daß nach vier Jahrzehnten dieses Fischerdorf zu einer Großstadt von nahe 200000 Einwohnern und einem Welthafen von ein paar Millionen Tonnen, mit einem Warenverkehr im Werte von etwa hundertfünfzig Millionen Yen herangewachsen sein könnte.
Yokohama liegt auf einer nur wenige Meter über dem Meeresspiegel sich erhebenden, vollständig flachen Insel, auf der Ostseite bespült von den Wellen der Bai von Tokio, auf den übrigen drei Seiten durch Schiffahrtskanäle vom Lande getrennt. Diese etwa zwei Kilometer lange und einen Kilometer breite Insel wird durch einen mit schönen europäischen Gebäuden besetzten und mit Gartenanlagen geschmückten Boulevard in zwei Hälften geteilt. Die nördliche Hälfte wird von der japanischen, die südliche von der europäischen Stadt eingenommen.
Man wäre nun geneigt zu glauben, daß die im Laufe der Jahre hierher verschlagenen Europäer von der so sympathischen, so ansprechenden und malerischen Kultur der Japaner, die sie selbst so sehr rühmen, etwas angenommen haben würden. Jeder nach Japan kommende Tourist hat das Verlangen, dies zu thun, und erkennt gerne die großen Vorteile an, welche sie in mancher Hinsicht des Lebens gegenüber der nüchternen, geschäftigen, europäischen besitzt. Aber die ersten Ansiedler waren eben Engländer. John Bull bleibt überall derselbe, ob er an den Ufern der Themse oder bei den Antipoden wohnt. Seine Zivilisation ist ihm so fest an den Leib gewachsen wie seine Beine, und er trägt sie überall mit hin. Die Engländer haben das Werk begonnen, die anderen Nationen sind ihnen gefolgt, und so ist hier eine durchaus europäische Stadt entstanden, mit geraden, wohlgepflasterten und erleuchteten Straßen, mit steinernen Häusern im europäischen Stile, mit Kaufläden, Buchhandlungen, Banken, Apotheken; mit vornehmen Hotels, Klubhäusern, Kirchen, Zeitungsbureaus, daß man sich ebensogut in Plymouth oder Penzance wähnen könnte, wären im Straßenverkehr nicht die japanischen Diener, Arbeiter und Bettler so zahlreich.
Neben dem vorgenannten, Nipon o dori genannten Boulevard mit dem großen Postamte und mehreren anspruchsvollen Konsulatsgebäuden ist die schönste Straße Yokohamas der Bund, eine schnurgerade, mit Bäumen bepflanzte Avenue, die sich wie die Promenade des Anglais in Nizza längs des Meerufers einen Kilometer weit hinzieht und nur auf der Landseite von Häusern besetzt ist. Aber hier, ebenso wie in den hinter dem Bund befindlichen Straßen, befinden sich nur die Hotels, Klubs, Konsulate und Geschäftshäuser. Doch ist die City, das geschäftliche Viertel von Yokohama, nur tagsüber belebt. Die meisten Europäer wohnen auf dem Bluff, südlich der Insel von Yokohama auf dem Festlande von Nipon. Dort erhebt sich steil aus dem Meere ein etwa fünfzig Meter hohes Plateau mit einer entzückenden Rundsicht auf die weite Meeresbucht, die sie umfassenden malerischen Küsten und die entfernten Bergketten des zentralen Japans mit dem alles überragenden Fudschiyama. Wer den steilen, mit japanischen Kuriositätenlagern und Kaufläden besetzten Weg zu dem Bluff emporklettert, befindet sich in wenigen Minuten in einer reizenden Villenstadt, einem kleinen Homburg, ebenso durchaus europäisch wie die Geschäftsstadt zu ihren Füßen. Jede der hübschen, in modernem Baustil errichteten Villen ist von einem Garten umgeben, in welchem die reiche japanische Flora, von eingeborenen Kunstgärtnern gepflegt, zu geradezu großartiger Entfaltung gelangt ist, vor allem in dem weitläufigen, öffentlichen Park, dem Bluff Garden, hinter welchem man sogar einen Wettrennplatz wie jenen in Goodwood oder Epsom gewahr wird. Verborgen zwischen majestätischen Kampferbäumen und japanischen Kiefern liegen hier oben auch das deutsche und englische Hospital, der Friedhof und eine Anzahl Missionsanstalten. Ebenso wie die City unter dem Bluff, enthält auch die Villenstadt auf dem Bluff etwa 300 Häuser mit ebensovielen Gärten. Hier leben die Kaufherren von Yokohama mit ihren Familien in entzückenden Homes, behaglich in ganz europäischem Stil eingerichtet, aber mit durchweg japanischer oder chinesischer Dienerschaft. Ist der Erwerb in Yokohama auch lange nicht so bedeutend wie in Shanghai oder Hongkong, so ist dafür auch das Leben billiger; die Chinesen sind die ehrlichsten und treuesten Diener, die Japaner die freundlichsten, dabei auch ganz vortreffliche Köche, so daß es in Yokohama den europäischen Hausfrauen bei weitem nicht so schwer ist, die Haushaltung zu besorgen, wie in Europa und auch der Junggeselle in seinem eigenen Heim ein sehr behagliches Dasein führen kann. In diesen Haushaltungen geht es zuweilen recht lustig her; es werden Gesellschaften, Tänze, Diners veranstaltet, und für die Vorbereitungen läßt man die japanischen, ungemein findigen Diener Sorge tragen. Sie stehen mit ihren Kollegen in anderen Häusern in Verbindung; fehlt es an Fleisch oder Fischen, so wird das Fehlende von diesen Kollegen entlehnt, und nicht selten kommt es vor, daß ein Kaufherr, bei einem anderen zu Gaste geladen, seine eigenen Bestecke, Teller und Schüsseln zu seiner Ueberraschung auf dem fremden Tische findet.
Recht eigentümlich ist in Yokohama, ebenso wie in Kobe, die Numerierung der Häuser. Wohl führen die Hauptstraßen auch Namen, und die einzelnen Geschäftshäuser haben ihre kleinen Firmentafeln, aber die Häuser sind nicht nach Straßen, sondern insgesamt je nach der Reihenfolge ihrer Erbauung numeriert, so daß es sowohl in der City wie auch auf dem Bluff nur gegen dreihundert Nummern giebt, wobei z. B. auf dem Bluff neben Nummer 99 Nummer 251, gegenüber Nummer 115, 186 und 165 liegen. Wo immer möglich, hat man in den Straßen die Nummern fortlaufend gehalten; denn sie spielen in Yokohama eine viel größere Rolle als in europäischen Städten. Da die Boten, Kuruma-Kulis, Briefträger nur ganz selten die europäischen Schriften lesen und auch die europäischen Namen nur schwer aussprechen können, so wird im öffentlichen Verkehr ein Geschäft gewöhnlich nur mit seiner Nummer bezeichnet. Die Kaufleute drucken auf ihren Briefbogen und Visitenkarten ihre Nummer ebenso bei wie ihre Kabeladresse, aber sonst weder Straße noch Haus. Bei den Kuruma-Boys, Dienst- und Geschäftsleuten heißen die Europäer einfach Gentleman Nummer 3 oder Lady Nummer 10. Einen anderen Namen kennen sie nicht.
Wie die Lebensmittel, so sind auch die Fahrgelegenheiten in Yokohama sehr wohlfeil; die Mehrzahl der Europäer haben ihre eigene Kuruma, die mit dem Lohn und Unterhalt des Kuli monatlich etwa zehn Yen, also ungefähr fünfundzwanzig Mark kostet; Privatequipagen mit Kutscher und Pferd kosten nur etwa hundert Mark monatlich, und deshalb wird auch von den Fahrgelegenheiten ungemein viel Gebrauch gemacht. Das gesellschaftliche Leben unter dem Häuflein der Europäer und Amerikaner der verschiedensten Nationen ist sehr rege; die Geschäftszeit beschränkt sich auf einige Stunden täglich, und auch diese werden nur an Steamer Days, wenn die einlaufenden Dampfer die Post bringen und abholen, streng eingehalten. Die Abende werden im Bekanntenkreise oder in den beiden Klubs zugebracht; zuweilen giebt es Konzerte und Theatervorstellungen von Wandertruppen, und fehlen diese, so hat doch Yokohama seine Gesang-, Orchester-, Cricket-, Renn- und Segelvereine, gerade so wie irgend eine Stadt Europas, obwohl die ganze verfügbare Bevölkerung kaum tausend Seelen umfaßt. Sogar ein städtisches Orchester von japanischen uniformierten Musikern ist vorhanden, und an den Abenden, an welchen dieses Orchester in dem Garten vor dem Grand Hotel Tafelmusik macht, herrscht in den Speisesälen dieses Hotels ein so elegantes und bewegtes Leben wie in den vornehmen Restaurants von Piccadilly, die Damen in großer Abendtoilette, die Herren in Schwarz mit weißer Halsbinde.
Dieses in Bezug auf Eleganz vielleicht sogar ein bißchen zu weit getriebene Gesellschaftsleben wäre in geistiger Hinsicht reger und angenehmer, wenn die Europäer nicht in so viele geschlossene Gesellschaften gespalten wären. So haben vor allem die sehr zahlreichen amerikanisch-protestantischen Missionare und ihre Frauen mit der kaufmännischen und diplomatischen Gesellschaft fast so gut wie gar keinen Verkehr. Ebenso sind die Engländer von den Amerikanern getrennt, beide wieder von den deutschen, und nur bei großen Anlässen, wie bei Wettrennen, Yachtfahrten, Konzerten und dergleichen trifft man sie vereinigt.
Japaner fehlen in der europäischen Gesellschaft vollständig. Die Japaner haben ihren eigenen Stadtteil und leben dort gerade so wie in irgend einer anderen japanischen Provinzstadt. Nur haben sie durch die fortwährende Berührung mit Europäern doch schon, was ihre Trachten anbelangt, einzelne abendländische Kleidungsstücke, Hüte, Schuhe oder Regenschirme angenommen, sie haben im Verkehr mit den rücksichtslosen, häufig roh auftretenden englischen und amerikanischen Touristen viel von ihrer Höflichkeit eingebüßt, und auch die Bazare haben sich diesem, von den ansässigen Europäern nicht mit Unrecht gehaßten Globetrotterverkehr angepaßt. Wohl sind die Kaufläden ungemein zahlreich, aber sie enthalten doch nur auf den Globetrottergeschmack berechnete Artikel, und feine, altjapanische Kunstsachen oder Antiquitäten wird man nur selten finden. Dennoch gehören die beiden Hauptstraßen des japanischen Stadtteiles, Benten-dori und Hondscho-dori, zu den belebtesten und sehenswertesten von ganz Japan. Die berühmte Isezakicho, die breiteste und belebteste Straße Yokohamas mit ihren fünf großen Theatern, ihren Schießbuden, Akrobaten und Märchenerzählern, mit ihren feinen japanischen Restaurants und Theehäusern, ein beliebter origineller Spaziergang für die Fremden und wohlbekannt bei den Einheimischen, ist im Sommer 1899 einem verheerenden Brande zum Opfer gefallen. Die schönen großen Bazare sind bis auf den Grund zerstört, weit schweifte der Blick auf dem öden Trümmerfeld vom Bahnhof bis zur griechischen Kirche, wo wenige Stunden vorher hohe Häuser standen und viele Tausende von Menschen ihr Heim besaßen. Verbrannt sind auch die Hauptpolizeistation, die große Yoshidaschule, die Musaschibank, Backsteinbauten, die der Gluthitze keinen Widerstand zu leisten vermochten.
Von den anderen Häusern sind, da sie nur aus Holz gebaut waren, der steinerne Kochherd und die Dachziegel übrig geblieben. Auf jedem Platze, wo ein Haus gestanden, wird bei einem Brande gewöhnlich von der Polizei eine Tafel mit dem Namen des Besitzers angebracht, damit derselbe im Schutte nach Gegenständen suchen kann, die die Hitze überdauert haben sollten. Binnen wenigen Stunden wurden 3300 Häuser vom Feuer verzehrt, viele Menschenleben sind verloren gegangen, und der materielle Schaden erreichte viele Millionen.