China und Japan: Erlebnisse, Studien, Beobachtungen

Part 46

Chapter 463,241 wordsPublic domain

Der erste Eindruck, den die langen, engen Gäßchen mit den bescheidenen, einstöckigen Häuschen jetzt in den späten Vormittagsstunden machen, ist enttäuschend. Straßen auf, Straßen ab dasselbe ewige Einerlei; gutes, mit peinlicher Sorgfalt reingehaltenes Pflaster, mit dem Trottoir nicht längs der Häuser, sondern in der Mitte der Straße; Matten- und Leinwanddächer schützen die langen Reihen von Kaufläden gegen die brennende Sonnenhitze; die Kaufläden nehmen die ganzen Häuserfronten ein, die weder Thüren noch Fenster haben; der ganze verfügbare Raum ist mit Waren der verschiedensten Gattung belegt, hier kostbare Bronzen und Porzellane, dort Rüstungen, Schwerter und Helme, daran anstoßend Papierwaren, Lampions, Schmetterlinge, Drachen; dann wieder Seidenwaren oder allerhand Artikel aus Schildpatt, eine der Hauptindustrien von Nagasaki. Ebensowenig wie nach vorne, haben die hölzernen Häuschen nach hinten eine Mauer; während ich durch die Straßen fliege, kann ich das Innere der Häuser von einem Ende zum andern sehen; alles ist offen, auf den ungemein reinlichen Strohmatten des erhöhten Fußbodens kauern schläfrige Japaner, Männlein und Weiblein, der Hitze wegen in tiefem Negligé, und rauchen ihre winzigen Pfeifchen, mit Köpfen, die kaum groß genug sind, um unseren zartesten Damen als Fingerhut zu dienen; oder sie schlafen, auf die Matten hingestreckt, einen Holzklotz als Kissen unter dem Kopf; oder sie hocken auf ihren Waden, die beliebteste Stellung, und schlürfen Thee aus winzigen Täßchen, den Theetopf vor sich auf dem Boden. Mitten durch die Häuser durch gewahre ich hier und dort ein winziges Gärtchen mit kurios gebogenen und verschlungenen Fichten, mit Wassertümpeln und winzigen Brücken darüber; auf den tischgroßen Rasenflächen stehen allerhand Bronze- und Steinfiguren, die reine Spielerei, denn viele der Gärtchen nehmen nicht mehr Raum ein als eines unserer europäischen Wohnzimmer. Plätze, Squares, öffentliche Gärten giebt es in dem alten Nagasaki keine; alles ist uralt, klein, niedlich und, was mich seltsam, aber angenehm berührte, durchaus japanisch. Von der Modernisierung des alten Japan, die sich dem Besucher von Yokohama, Osaka, Tokio und anderen Städten so unangenehm aufdrängt, sind in Nagasaki nur wenige Spuren zu sehen, und doch war gerade dieser Hafen den Kaukasiern schon über zwei Jahrhunderte geöffnet, als die anderen jedem Europäer noch hermetisch verschlossen waren. Damals, im alten Japan, war Nagasaki der moderne, europäische Hafen; jetzt im modernen, europäischen Japan ist Nagasaki derjenige, der am meisten Alt-Japan bewahrt hat. Nirgends sieht man in den Kaufläden so gute, alte Prachtstücke der japanischen Kunst wie hier; nirgends so echtes und schönes Satsuma- und Hizenporzellan; alte Seidenstoffe und Stickereien, Rüstungen und Bronzen. Man könnte sein Vermögen opfern, um all diese entzückenden Produkte einer fremdartigen Kunst zusammenzukaufen; trete ich in einen Kaufladen, flugs liegen die Händler, Vater, Mutter und Tochter, vor mir auf allen Vieren und berühren aus lauter Artigkeit mit der Stirn den Boden, und während der Papa die kostbarsten Stücke aus Schachteln und Papier, Baumwolle und Seidentüchern herauswickelt, um sie mir zu zeigen, bereitet ein Fräulein Chrysanthemum, seine Tochter, mit ihren zarten Fingerchen Thee und überreicht mir kniend eine Tasse. Dabei ist sie so niedlich und hübsch und lächelt so einschmeichelnd kokett, daß man viel eher vor ihr auf die Knie fallen möchte.

Am jenseitigen Ende der eigenartigen alten Stadt mit ihren schnurgeraden, sich rechtwinklig schneidenden Straßen, die wohl noch selten, wenn überhaupt jemals, von einem Lastwagen oder einer Equipage befahren worden sind, zieht sich die Vorstadt Dschudschendschi die reich mit alten Kampferbäumen besetzten Höhen empor. Dort, in einem der niedlichen Häuschen mit den offenen Veranden und den hübschen Gärten mit blühenden Wisterias, hat auch Pierre Loti mit seiner Frau Chrysanthème gewohnt; welches der Häuschen es wohl sein mag? Gegen die Meeresbucht zu sind die Berghänge mit Tausenden von Grabdenkmälern, alten, mit Farnkraut und Myrten überwucherten Steinen bedeckt, und zwischen beiden führt eine wundervolle Treppenanlage mit gewaltigen steinernen Thorbogen die Anhöhen empor zu dem berühmten Osuwatempel, einem der schönsten Shintotempel Japans. Nummer vier macht vor der Riesentreppe Halt, wischt sich mit den Händen den triefenden Schweiß von den Gliedern und ladet mich ein, den Tempel zu besuchen.

Es ist eher eine ganze Reihe von Tempeln, die dort oben inmitten eines Waldes von kolossalsten Kampferbäumen und Kryptomerien vor langer, langer Zeit errichtet wurden: kleine, einfache Holzhäuser mit schweren, grauen, bemoosten Dächern und weiten, von Galerien umgebenen Vorhöfen, in denen fromme Daimios im Laufe der Jahrhunderte Opferlaternen, steinerne Wasserbecken, Drachen- und Götzengestalten, ja sogar ein bronzenes Pferd haben aufstellen lassen. Das letztere ist eine Berühmtheit Japans, wohl wegen seiner für dortige Verhältnisse selten schönen Ausführung. Pierre Loti behauptete, es wäre aus Jade (Nephritstein), indessen sein reizendes Buch Madame Chrysanthème ist so voll von Unrichtigkeiten, daß man ihm auch wohl das steinerne Pferd hingehen lassen muß. Nur seine Chrysanthème, diese Gattin auf Zeit, hat er richtig geschildert, dann auch die Tänzerinnen und Sängerinnen.

Bei jedem Treppenabsatz haben die Japaner hier Tempelchen und Shintoschreine errichtet; über jedem Thor sind die charakteristischen Neujahrs-Hanfseile gespannt, mit langen, herabhängenden Papierfetzen, zur Abwehr der bösen Geister. Die Treppe scheint gar kein Ende zu nehmen. Weißgekleidete Priester mit kahlgeschorenen Schädeln huschen in den Gängen auf und nieder, verschwinden hinter weißen Vorhängen; andere halten eben unter allerhand geheimnisvollem Zeremoniell ihren Götterdienst; wieder andere ruhen in den Nischen und Seitengebäuden und schmauchen ihre Pfeifchen, deren Rauch sich mit jenem der Weihrauchhölzchen vermengt, die in ungezählten Mengen vor den bronzenen, steinernen und hölzernen Götzenbildern brennen.

Zur Linken führt ein Thor nach einem großen schattigen Garten. Welche Ueberraschung! Unter den riesigen Kampferbäumen stehen hier eine Anzahl Theehäuser, und vor jedem derselben laden uns buntgekleidete Musmis mit freundlichem Lächeln zum Besuch ein, Musmis in roten, blauen und rosenfarbigen Kimonos, mit Blumen besäet, Blumen auch in dem üppigen schwarzen Haar, den Samisen, die japanische Guitarre, in der Hand, und treten wir ein, flugs werfen sie sich zu Boden und harren der Befehle. Dann bringen sie, immer lächelnd, Stuhl und Tischchen herbei, es folgen Aschenbehälter mit glühenden Kohlen, dann die zierlichsten kleinen Porzellanschüsselchen mit den seltsamsten Eßbarkeiten. Sie drücken einem in reizend naiver Weise die japanischen Chop-Sticks (Eßhölzchen) in die Hand und lachen über unsere Ungeschicklichkeit. Drei, vier, fünf von diesen zierlichen Geschöpfchen kauern rings um mich auf dem Boden und befühlen meine Kleider, zupfen an meiner Uhrkette, nötigen mich zu essen und zu trinken. Ob ich nicht möchte, daß sie tanzten? Gewiß. Sofort wird der Samisku herbeigeholt, und während eine an den Saiten zupft, tanzen die anderen die eigentümlichen japanischen Tänze, den Manzai, Kisku und Ogurayama, tanzen sie mit den Händen, den Hüften, den Köpfchen und Knieen, nur nicht mit den Füßen. Dabei sehen sie so reizend aus, so verführerisch, so jung, vierzehn, fünfzehn Jahre, daß man nicht französischer Seeoffizier zu sein braucht, um sich in diese Chrysanthèmes zu vergucken. Und reißt man sich endlich los von den kleinen Zauberinnen, dann fallen sie nieder auf alle Viere und berühren ganz demütig mit der Stirne den Boden. Sayonara, Sayonara!

Am andern Tage trete ich den Rückweg nach der Stadt an, und unten angekommen zeigt sich mir in den Seitenstraßen der Vorstädte vereinzelt das seltsame, kaum glaubliche Schauspiel, das Pierre Loti in der Heimat von Fräulein Chrysanthème so oft gesehen hat:

„Zwischen fünf und sechs Uhr nachmittags ist jedes lebende Wesen nackt; Kinder, junge Leute, alte Männer, alte Frauen, alles sitzt in einem Bottich irgendwelcher Art und badet. Und das findet wo immer statt, in den Gärten, in den Höfen, in den Kaufläden, selbst auf der Thürschwelle, so daß die Unterhaltung mit den Nachbarn auf der anderen Seite der Straße leichter vor sich gehen kann. In dieser Situation werden Besucher empfangen, und die Badenden verlassen ohne das geringste Zögern die Badewanne, um dem Besucher einen Sitz anzubieten oder mit ihm einige liebenswürdige Redensarten zu wechseln. Indessen, weder die jungen Mädchen noch die alten Frauen gewinnen etwas durch dieses ursprüngliche Auftreten. Eine japanische Frau ohne ihren langen Kimono und ihren breiten, anspruchsvollen Obi (Leibbinde) ist nichts als ein winziges, gelbes Wesen mit krummen Beinen und flacher, formloser Brust; keine Spur bleibt zurück von ihren künstlichen kleinen Reizen, die gleichzeitig mit ihrer Kleidung verschwunden sind.”

Die Wahrheit dieser Bemerkung hat gewiß jeder empfunden, der die Japanerinnen im Bade gesehen hat, und gesehen hat sie jeder Japanbesucher, auch wenn er sie nicht gesucht hat, ja selbst, wenn er getrachtet hätte, ihnen auszuweichen, denn sie sind, wie gesagt, morgens und abends überall zu sehen. Wie beim Schmetterling, so sind es auch bei den Chrysanthèmes von Japan nur die Flügel, die Kleider, welche sie so reizend machen.

Ob denn das Urbild von Madame Chrysanthème, der japanischen Gattin Pierre Lotis, auch eine solche Enttäuschung für ihn war? Mein Schiff fuhr erst spät abends weiter, ich hatte also noch hinlänglich Zeit, ihr meinen Besuch abzustatten. Aber wie sie finden? Ueber den Bund schlendernd, kehrte ich bei dem Konsul einer großen, uns nahestehenden Kontinentalmacht ein, um mich nach ihr zu erkundigen. War sie seit dem Erscheinen von Pierre Lotis Buch zu einer Weltberühmtheit geworden, so wird man sie doch in Nagasaki noch viel besser kennen. Der Konsul war nicht zu Hause, und sein Sekretär hatte gar keine Ahnung von Pierre Loti und kannte weder das Buch noch die Heldin desselben. Vielleicht konnte ich beim französischen Konsul Auskunft in dieser Angelegenheit erhalten. Ich kletterte zwischen schönen, tropischen Gärten hinauf zu dessen Wohnung. Loti? Madame Chrysanthème? Er zuckte die Achseln. „Bedaure. Unbekannt.” Wie sollte er jeden Marineoffizier kennen, der in Nagasaki herumspaziert! Es kommen so viele französische Kriegsschiffe hierher. Gewöhnlich steigen sie bei Madame L., der Besitzerin des Hotels Bellevue, ab.

Das Hotel ist ganz nahe, und ich hatte doch die Absicht dort zu essen. Madame L. ist die dritte Witwe eines französischen Journalisten, der vor einigen Jahren in Tokio eine Zeitung, Courrier du Japan, gegründet hat. Nach einigen Nummern starb die Zeitung, gerade so wie ihr Gründer, an der Auszehrung. Seither warf sich die Witwe auf das Hotelwesen und darbt nicht mehr. Beim Kaffee, den ich auf der Hotelterrasse an ihrem Tisch einnehme, frage ich sie nach Pierre Loti und Madame Chrysanthème. Sie lacht auf. „~Mais Monsieur, c’est un farceur!~ Er war in Nagasaki, hat aber weder Haus noch Frau hier gehabt. Das ist ja alles erdichtet! Er hat bei mir gewohnt und gegessen.” „Und Madame Chrysanthème?” fragte ich weiter. „~Quand à ça~”, antwortete sie mir, „es giebt Tausende hier. Sie brauchen nur zu pfeifen, und sie kommen. Aber Pierre Loti hat niemals mit einer solchen zusammengewohnt. Das einzige Wahre in seinem Buche ist seine Beschreibung von Nagasaki und seine Bemerkung, daß das vermeintliche Bronzepferd im Osuvatempel aus Jadestein ist.”

Ich empfahl mich und kehrte enttäuscht auf mein Schiff zurück. Ein paar Stunden vorher hatte ich selbst vor dem Bronzepferde gestanden und mich, mit dem Taschenmesser daran kratzend, überzeugt, daß das Pferd aus Bronze sei. Ob die Geschichte mit Pierre Loti, welche mir die Besitzerin des Hotels erzählt hat, ebenso unrichtig ist wie jene mit dem steinernen Pferd?

Durch das japanische Mittelmeer nach Kobe.

Wenn ich mir die vielen Länder, die ich in den verschiedenen Weltteilen gesehen habe, vor Augen zaubere, so kann ich doch keines finden, das sich an leidenschaftlichem Reiz, an idyllischer Schönheit mit dem Paradiese von Ostasien, mit Japan, vergleichen ließe, und in diesem letztern ist wieder die Inlandsee das Schönste.

Man denke sich den vielgerühmten Lago Maggiore mit Palanza und seinen Borromëischen Inseln hundertmal vergrößert, dann hat man ein annäherndes Bild der Inlandsee. Kein anderer Erdenstrich könnte den Vergleich mit ihr aushalten, und selbst der Lago Maggiore ist lange nicht so lieblich und zugleich großartig. Der großen Hauptinsel des japanischen Reiches, Hondo, sind gegen Südosten drei andere große Inseln vorgelagert, Kiuschiu, Schikoku und Awadschi, und zwischen ihnen breitet sich eine Wasserfläche von etwa 350 Kilometern Länge und zehn bis fünfzig Kilometern Breite aus, die mit der ungeheuren Wasserwüste des Stillen Ozeans nur durch schmale Straßen verbunden ist. Diese von den vier genannten Inseln umschlossene Wasserfläche ist die Inlandsee.

Auf meiner Dampferfahrt von Nagasaki nach dem in der letzten Zeit vielgenannten Schimonoseki bildeten einige Reisebeschreibungen über Japan meine Lektüre, und unwillkürlich mußte ich über die Ueberschwänglichkeit lächeln, mit welcher die Schönheiten der Inlandsee, deren Portierloge sozusagen Schimonoseki bildet, darin gepriesen werden. Allein die Wirklichkeit übertrifft thatsächlich alle Schilderungen. Schimonoseki selbst hat daran freilich keinen Anteil; ein kleines, bescheidenes Städtchen, der Hauptsache nach nur aus einer Straße bestehend, die sich auf zwei Kilometer längs des Nordufers der schmalen Meerenge hinzieht. Der Mastenwald von unzähligen Segelbooten entzog es unserem Anblick, so daß ich den Aufenthalt unseres Dampfers in der gegenüberliegenden großen, schwarzen Kohlenstation Modschi benutzte, um auf einer der flinken Dampfschaluppen, welche den Verkehr zwischen beiden Ufern der Meerenge besorgen, nach dem Städtchen zu fahren. Vor den Holzhäuschen und rings um die Warenhäuser herrschte reges Leben. Schimonoseki ist von der europäischen Kultur noch vollständig unberührt geblieben, und ganz wie vor der großen Revolution kleiden sich und leben die Einwohner auch noch heute. Selten wird es von Europäern besucht, kaum daß ein halbes Dutzend von Touristen in jedem Jahre in einem der kleinen urjapanischen Gasthöfe absteigt. Hinter dem Orte, die waldgekrönten Anhöhen hinauf, ist jedes Fleckchen Landes von den fleißigen Japanern bebaut worden, und auf beiden Seiten der Meeresküste bilden die zahlreichen, mit Kanonen besetzten Festungswerke die einzige Unterbrechung.

Die Schimonosekistraße mit ihren hohen, malerischen Uferbergen und der hier stets heftigen Flutströmung erinnerte mich lebhaft an den Rhein, etwa bei Bingen. Die Breite ist auch nicht viel größer, nur sind die Krümmungen stärker, so daß die großen Seedampfer mit besonderer Sorgfalt gelenkt werden müssen. Nach kurzer Fahrt treten die Ufer zurück, und wir befanden uns in dem am wenigsten schönen Teil des Binnenmeeres, der weiten, tiefblauen, spiegelglatten Suwo-Nada. Aber schon nach zweistündiger Fahrt sahen wir vor uns eine Anzahl von Inseln aus der Seefläche emporsteigen, und während der nächsten zwanzig Stunden kamen wir aus dem großartigen Insellabyrinth der Inlandsee gar nicht mehr heraus. Tausende und Abertausende von Inseln bedecken hier die Wasserfläche, Inseln in jeder Größe, bis zu kleinen, kaum einige Meter hohen Felsen, alle in so malerischen Formen und in so entzückender Gruppierung, daß man bei der Betrachtung dieser idealschönen Scenen in Bewunderung schwelgt. Die Passagiere unseres Dampfers blieben den ganzen Tag über auf Deck; vergeblich wurde der Gong zu den Mahlzeiten geläutet, und selbst als nach der entzückendsten, ewig wechselnden Beleuchtung die Sonne untergegangen war und schließlich Mond und Sterne auf dem Firmament erschienen, konnten sich nur die wenigsten entschließen, die Kojen aufzusuchen. An manchen Stellen befand sich unser Dampfer in einem Seekessel von zehn bis zwanzig Kilometer Durchmesser, auf allen Seiten von Land eingeschlossen, und nirgends war eine Durchfahrt zu entdecken. Hohe Bergketten erhoben sich kulissenförmig hintereinander, manche bewaldet, manche mit steilen, kühnen Vulkanspitzen; die weite Seefläche wurde von zahllosen Segelbooten durchfurcht, alle in alten malerischen Formen mit blendend weißen, viereckigen Segeln; ruhig wie Schwäne glitten sie einher und näherten sich unserem gewaltigen Dampfer; dann konnten wir auch die peinliche Reinlichkeit dieser nicht wie die Chinesenboote bemalten, sondern weiß gescheuerten Schiffe bewundern, deren Insassen ein geradezu ideales Leben von Ruhe und Behaglichkeit führen mochten. Zwischen den hoch aus dem Wasser ragenden Bootenden erhob sich auf den meisten eine kleine Kabine mit Wänden aus Bambusgeflecht, und im Innern lagerten die Insassen, ganze Familien, anscheinend unbekümmert um den häßlichen, schwarzen Rauch pustenden, lärmenden Riesendampfer, der die olympische Ruhe und Erhabenheit dieser einzig schönen Natur so rücksichtslos störte.

Auf solche scheinbar vollständig landumschlossene Seen folgten enge, von hohen Felseninseln eingefaßte Meerengen, die durch ihr heftiges, schäumendes Flutenspiel reißenden Bergflüssen glichen, und waren sie, nicht ganz ohne Gefahr für den Dampfer, passiert, so traten uns wieder die entzückendsten Inselgruppen vor Augen; die aus den blauen Fluten emporsteigenden Anhöhen waren bis hoch hinauf durch die fleißigen Inselbewohner in Terrassen geteilt worden, um die Bebauung zu ermöglichen; auf jeder Insel zeigten sich diese parallelen Terrassenlinien, während in den lauschigen, saftiggrünen Thälern, halb versteckt zwischen schattigen Hainen, die reinlichen Häuschen der Einwohner lagen. Zuweilen fuhren wir so nahe an ihnen vorbei, daß wir mit aller Deutlichkeit die Einzelheiten ihrer bescheidenen Haushaltungen wahrnehmen konnten; oder den Strand entlang zogen sich größere Städte hin mit Tempeln und Pagoden und regem Schiffsverkehr. Tempelchen und Heiligenschreine mit zahlreichen hochroten Opferthoren thronten auch auf den kleinsten Felseninselchen, gewöhnlich einzelne von ungemein malerischen, phantastisch geformten Fichten, deren lange, bis ins Wasser reichende Aeste von dem durch unseren Dampfer aufgeworfenen Wellenspiel bewegt wurden. Ueber dem ganzen entzückenden, stets wechselnden Bilde lag solcher Friede, solch Wohlbehagen, daß man am liebsten gleich hier ausgestiegen wäre, um inmitten dieses glücklichen Inselvölkchens den Rest seiner Tage zu verleben. Manchmal erinnerten mich gewisse Strecken dieses Binnenmeeres an die Azoren, an die schönen Sandwichinseln, Tausende von Kilometern weiter östlich, mitten im Großen Ozean gelegen; dann wieder an die Thousand Islands im St. Lorenzostrom, die ich so oft durchfahren hatte, oder an den herrlichen träumerischen Puget Sound im fernen Washington-Territorium. Wie die noch heute von Indianern bewohnten stillen Waldinseln dieser amerikanischen Inlandsee mochten die Inseln, an denen wir vorüberglitten, vor urdenklicher Zeit ausgesehen haben. Seit Jahrtausenden aber sind sie schon der Kultur unterworfen, und gerade diese Vereinigung von verständnisvoller Kultur und idealer Natur ist es, welche das Inlandmeer so reizvoll macht. Manche dieser Tausende von Inseln sind heilige Stätten der Japaner, so die Insel Miyadschima in der Nähe der großen Stadt Hiroschima. Ein einziger herrlicher Park mit riesenhaften, uralten Kryptomerien umgiebt die wunderbaren Tempel, denn an diese Baumriesen darf die Axt nicht angelegt werden; mitten unter den Pilgern ziehen die flüchtigen Waldbewohner, die Hirsche, umher und lassen sich mit der Hand füttern; nach einer uralten Vorschrift dürfen auf dieser heiligen Insel keine Geburten und keine Todesfälle vorkommen. Erwartet man solche Ereignisse, so werden die Betreffenden ans Festland geschickt.

Zu schnell vergingen uns Passagieren der Tag und die Nacht, und am nächsten Morgen sahen wir mit Bedauern das Ziel unserer Reise, gleichzeitig das Ende des Binnenmeeres, die weiße Stadt Kobe vor unseren Augen am Horizont auftauchen. Aber glücklicherweise wird dem Weltwanderer durch japanische Dampfer Gelegenheit geboten, die Inseln der Inlandsee zu besuchen und länger auf ihnen zu verweilen. Freilich sind diese Dampfer nicht solche europäischer Art. Nur der Schiffskörper und die Maschinen sind europäisch, alles Uebrige ist japanisch; der Reisende muß sich mit der recht frugalen japanischen Kost zufriedengeben, und will er seine Kabine betreten, so muß er sich zuvor seines Schuhwerks entledigen, gerade so, als würde er ein japanisches Haus besuchen. Aber wie gerne opfert man die gewohnte Bequemlichkeit, um diesen ostasiatischen Lago Maggiore zu besuchen und einige Wochen ungetrübten Glückes inmitten der entzückendsten Inselwelt des Erdballes zu verleben!

Obschon Kobe, nächst Yokohama der größte und besuchteste Seehafen des Mikadoreiches, ebenfalls zu den angenehmsten Orten des letzteren gehört, wirkte die Landung hier doch ernüchternd auf uns, als wären wir aus dem Olymp herabgestiegen mitten unter das prosaische, geschäftige europäische Erdenwallen. Kobe ist nämlich in der That nichts weiter als ein Stückchen Europa, an den Strand der größten Japaninsel Hondo versetzt. Freilich ein schönes Stück Europa, etwa ein Stück der Riviera, Mentone oder Bordighera. Eine schöne breite Straße mit Baumalleen und grünen Rasenflächen legt sich um die stets mit Hunderten von Dampfern und Segelfahrzeugen belebte Bucht, an der Landseite mit blendend weißen stattlichen Gebäuden besetzt, in deren Mitte stets die schwarz-weiß-rote Flagge auf dem deutschen Konsulate flattert. Am südlichen Ende dieser Häuserreihe ragt eine von einem Leuchtturm überhöhte Landzunge weit in die Bucht; sie wurde durch die Schlamm- und Steinmassen des zuweilen sehr wasserreichen Minatogawaflusses aufgeworfen, der hier an seiner Mündung die Grenze zwischen Kobe und der japanischen Zwillingsstadt Hiogo bildet. Indessen von einer Grenze zwischen beiden kann hier eigentlich nicht gesprochen werden, denn beide Städte sind durch ihre Interessen, durch ihren geschäftlichen Verkehr längst miteinander vereinigt, und die Ufer zu beiden Seiten des Minatogawaflusses, welche einst die Städte voneinander trennten, sind heute in reizende Parkanlagen verwandelt, ein beliebter Spaziergang der Europäer sowohl wie der Japaner.