China und Japan: Erlebnisse, Studien, Beobachtungen

Part 45

Chapter 453,089 wordsPublic domain

Die Wirren der letzten Zeit sind vorübergehend, die Kugel ist einmal ins Rollen gekommen und, wie gesagt, nicht mehr aufzuhalten. Der Aufstand gegen die Fremden und ihre Kultur, welche sie dem alten China bringen wollen, scheint wie ein letztes Aufraffen der Reaktionäre, der alten Partei der Mandarine und Litteraten, der Geheimgesellschaften und des von ihnen abhängigen Gesindels, zusammen immer noch bedeutend genug, daß die schwache Regierung sich ihnen nicht wiedersetzen konnte. Ihnen gegenüber steht aber eine ganz bedeutende Partei von aufgeklärten Leuten, welche in den offenen Häfen oder in Singapore, Hongkong, Batavia moderne Bildung und Kultur kennen gelernt haben, dann der ganze großenteils vom Auslande abhängige Kaufmannstand in den Handelsstädten. Dazu kommen auch zahlreiche Mandarine und ein großer Teil des gebildeten Teils des Volkes. Wenn diese nicht offen für die Erschließung des Reiches eintreten, so ist es teils aus Furcht vor der Regierung einerseits, die ihre Absichten niemals klar und offen zum Ausdruck bringt, und vor den Geheimgesellschaften anderseits, welche fremdenfreundlichen Mandarinen gleich mit dem Mordstahl zu Leibe gehen. Ich habe in den verschiedenen Städten des Innern mit Hunderten von Mandarinen und anderen aufgeklärten gebildeten Leuten gesprochen und aus ihren Aeußerungen diesen Eindruck gewonnen. Dazu kommt noch bei ihnen die Furcht, daß durch die Eröffnung des Reiches die politische Selbständigkeit desselben verloren gehen könnte. So gern sie die europäischen Industrien verwerten möchten, sie haben doch eine ganz ausgesprochene Vaterlandsliebe, die in dem Grundsatz gipfelt: „China für die Chinesen”. Ich hatte Gelegenheit, Einblick zu bekommen in die Berichte, welche seitens der Zentralregierung von den Provinzgouverneuren über die projektierten Eisenbahnen eingeholt wurden. In diesen Berichten kommen Aeußerungen vor, wie: „Zum Bau der Bahnen können wir chinesisches Material benutzen, zur Ausführung von Arbeiten können Leute aus unserem Volke herangezogen werden. Die Gehälter der etwa in Dienst zu stellenden Europäer würden doch nur einen beschränkten Betrag ausmachen” .... „Das nötige Eisenbahnmaterial vom Auslande zu beziehen, wäre zu umständlich und kostspielig. Unser Eisen ist für Schienen ganz geeignet. Wenn sie auch vielleicht teurer zu stehen kämen, so wären sie doch unsere Landeserzeugnisse”.... „Nur für die erste Strecke würde ich empfehlen, Eisenmaterial aus dem Auslande zu beziehen, bis die Hochöfen und Hüttenwerke für die Fabrikation unserer Schienen fertig sind. Dann sollte lediglich einheimisches Eisen verwendet werden, damit die Entwicklung des Eisenbahnnetzes unserer eigenen Industrie zum Vorteil gereiche”.... „Wir sollten für den Eisenbahnbau keine ausländischen Gelder aufnehmen, sondern ebenso wie die chinesische Dampfergesellschaft dreißig Millionen Taels im Inlande aufgebracht hat, eine inländische Anleihe aufnehmen. Eurer Majestät möchte ich das allerunterthänigste Gesuch unterbreiten, alle Anträge, die fremde Anleihen bezwecken, kurzweg abzulehnen, um das Unwesen der ausländischen Banken und Geschäftsvermittler, dieses Ratten- und Heuschreckenungeziefers, das uns aufzehrt, zu vermeiden”... „Wollen wir Bahnen bauen, so müssen wir uns die Erbauer aus unserem eigenen Volke durch Schulen und ausländische Lehrer selbst heranziehen”.... „Wir wollen fremdes Kapital und fremde Arbeit von unseren Eisenbahnunternehmungen ausschließen”....

In diesen Gutachten sprechen die Provinzgouverneure auch die Ueberzeugung aus, daß die Eisenbahnen dem Handel und Wohlstand der Chinesen förderlich sein und überdies die Ausländer von diesem Handel verdrängen werden. Das zeigen unter anderen folgende Stellen in den Berichten: „Der Handel, der jetzt auf fremden Schiffen erfolgt, würde wieder den Landweg einschlagen und den Fremden den Gewinn wegnehmen zu gunsten unserer Bevölkerung. Wenn aber den Fremden kein Gewinn mehr bei uns in Aussicht steht, so werden sie die Sache bald aufgeben und nach Hause zurückkehren”... „Eure Majestät würden durch die Eisenbahnen und die durch sie wachsende Ausfuhr chinesischer Erzeugnisse den Staat und die Nation auf eine sichere Grundlage stellen und nicht den fremden Händlern ein Mittel zum Wettbewerb und zu größerem Gewinn verschaffen”... „Eisenbahnen fördern den Handel, die Maschinen, die Industrie; durch sie wird man die Erzeugnisse des Landes aus entfernten Gegenden zu versenden im stande sein. Die Eisenbahnen sollen uns helfen, durch Eröffnung der verschlossenen Quellen unserer Reichtümer die Verluste wieder gut zu machen, welche wir durch die Ausfuhr unseres Kapitals erlitten haben.”

Wie man sieht, wird in diesen Berichten der Fremdenhaß, welcher die Chinesen kennzeichnet, auch durch die höchsten Reichsbeamten in offizieller Weise zum Ausdruck gebracht. Fremdenhaß ist die bisherige Richtschnur der ganzen Beziehungen Chinas zum Auslande gewesen; nur in geringem Grade bei der Landbevölkerung vorhanden, steigt er mit den höheren Gesellschaftsklassen und wird zum Fanatismus bei den Litteraten, sowie bei der Mehrzahl der Machthaber. Er liegt auch den ganzen jüngsten Unruhen zu Grunde und ist, wenn man die Sache mit kaltem Blute betrachtet, begreiflich. Man denke sich doch in einem europäischen Reiche die wichtigsten Häfen in chinesischem Besitz und den dortigen Welthandel in chinesischen Händen; man denke sich chinesische Dampfer auf den europäischen Hauptströmen, Eisenbahnen, industrielle Anlagen mit chinesischem Kapital gebaut, durch Chinesen verwaltet, in den Hauptstädten chinesische Missionare, den unteren Volksklassen von Buddha und Confucius erzählend, und alles das unter dem Schutze chinesischer Gesandten in den Hauptstädten der europäischen Reiche, mit chinesischen Kanonen und Kriegsschiffen an den Grenzen, welche alle Begehren der Gesandten unterstützen. Gewiß würde sich der Haß gegen die chinesischen Eindringlinge ganz gewaltig regen, und man würde alles einsetzen, um sie wieder hinauszuwerfen. Nun dünken sich die Chinesen auf einer viel höheren Kulturstufe, als die der Europäer; sie sind stolz auf ihre uralte Zivilisation, die sich Jahrtausende lang bewährt und alle anderen überdauert habe. In ihrem Dünkel betrachten sie die Fremdlinge als ebenso „minderwertige” Wesen, wie wir die Chinesen betrachten, und hegen ihnen gegenüber denselben Haß, den wir gegen sie empfinden würden, wenn sie unsere Heimatländer kommerziell ausbeuten würden.

Indessen, diese Gefühle der Chinesen können nicht geschont werden, zumal sie selbst mit Europa und Amerika in den mannigfaltigsten Verkehr getreten sind. China muß entwickelt, erschlossen werden, und dazu ist es nötig, daß China die erdrückende Macht Europas und die große Ueberlegenheit seiner Kultur noch eingehender kennen und fühlen lernt. Es giebt China gegenüber kein Zurück mehr, sondern nur ein Vorwärts. China wird militärisch niedergezwungen werden, wie schon mehrmals zuvor. Ist das geschehen, dann soll wieder Friede herrschen. Damit aber die alten Fehler der Friedensabschlüsse mit China vermieden werden, ist es erforderlich, daß genügende Macht auch in Zukunft über die Erfüllung der Friedensbedingungen wache. Eine der vornehmsten der letzteren wird es sein müssen, daß Angehörige aller Nationen ungehindert in China verkehren dürfen; es soll keine „Vertragshäfen” mehr geben; jede Stadt soll offen sein; Flüsse und Kanäle müssen frei sein für die Schiffahrt der Flaggen aller Länder; es sollen keine „Interessensphären” für verschiedene Staaten mehr geschaffen werden; ganz China soll eine Interessensphäre sein für die ganze Welt und damit auch für sich selbst. Es darf nicht geduldet werden, daß beispielsweise ausschließliche Absichten Englands auf das ganze Jangtsekiangthal, das Rückgrat des chinesischen Reiches, zur Ausführung kommen. Hongkong, Macao, Tsingtau und andere bestehende feste Besitzungen fremder Mächte werden als solche bestehen bleiben, neue aber sollen nicht dazu kommen.

Wieviel von diesen Wünschen zur Durchführung kommen kann, steht dahin. Es wird dies mehr von den Mächten, als von China abhängen, am meisten von England, das schon jetzt bestrebt ist, eine Sonderstellung einzunehmen und seine eigenen Ziele zu verfolgen. Die größten Gewinner aber werden jene Mächte sein, welche als jüngste auf der chinesischen Bildfläche erschienen sind, Amerika und Japan. Alle Konzessionen Chinas kommen zunächst diesen beiden Mächten zu gute; ihr Einfluß und ihr Handel sind, wie bemerkt, in den letzten Jahren rascher gestiegen als die irgend welcher anderer Staaten. Das bringt ihre geographische Lage und ihre Entwickelung mit sich und kann nicht geändert werden. Von den europäischen Mächten ist am chinesischen Handel nächst England das Deutsche Reich am meisten beteiligt. Hoffentlich wird der Friede diese Beziehungen zwischen Deutschland und China zu noch einträglicheren machen!

Zweiter Teil:

Japan.

Nagasaki, die Heimat von Fräulein Chrysanthemum.

Fräulein Chrysanthemum, diese eigenartige, possierliche Schönheit aus dem fernsten Osten, hat vor etwa dreißig Jahren in Europa ihren Einzug gehalten, einen Einzug, der einem Triumphzuge glich durch den ganzen Kontinent. Europa fand Gefallen an ihrem bepuderten und bemalten Rokokogesichtchen, an ihren feinen, geschlitzten schwarzen Augen mit den hochgezogenen Brauen, an ihrem kirschrot geschminkten, stets lächelnden Munde, an ihren drolligen Stellungen und Bewegungen. Sie trug faltenreiche, bunte, blumengestickte Kleider, und ihr reiches, glänzendschwarzes Haar schmückten papierene Schmetterlinge. Ihrem Köpfchen diente gewöhnlich ein großer, bunter japanischer Papierschirm als Folie, wie ein Heiligenschein, aber ein solcher für die Heiligen der fremden Götterwelt.

Eine so frische, anmutige, naiv-natürliche Erscheinung hatte das alte Europa schon lange nicht mehr gesehen. Sie war neu und kam sozusagen über Nacht in die Mode. Man brachte sie auf die Operettenbühne und das Puppentheater, man malte sie auf Fächer, Vasen und Wandschirme, man modellierte sie in Porzellan und Bronze, man schnitt sie aus Holz, und heute ist sie in Millionen von Exemplaren in ganz Europa zu finden, von Spanien bis Rußland, von Norwegen bis Griechenland, in Herrscherpalästen wie in bescheidenen Wohnungen. Keine Primadonna hat sich jemals solchen Ruhmes erfreut wie dieses kleine, putzige, drollige Fräulein Chrysanthemum.

Sie stammt aus Japan und mußte von dort wohl auswandern und sich eine neue Heimat suchen, denn in ihrem Vaterlande ist sie in den letzten Jahrzehnten allmählich aus der Mode gekommen. Sie hat dort lange genug regiert, Jahrtausende lang. Und während sie Japan verlassen mußte, um so vielen Menschen bei uns in Europa die Köpfe zu verdrehen, hat in ihrer alten Heimat eine andere Dame ihren Platz eingenommen und verdreht den Japanern die Köpfe: Prinzessin Mode aus Paris oder Wien oder sonst welchem Geburtsort, in seidenen, tief ausgeschnittenen Schleppkleidern, mit Puffenärmeln und Handschuhen, mit gewaltigen Hüten und seidenen Strümpfen. Der Hof und die elegante Welt im Lande des Sonnenaufgangs frönen nunmehr dieser abendländischen Prinzessin Mode. Fräulein Chrysanthemum aber ist dort leider verschwunden; nur in der Provinz hält sie noch Hof, und unter jenen Städten, die ihr bis auf den heutigen Tag die Treue am meisten bewahrt haben, ist Nagasaki.

Nagasaki ist die südlichste große Hafenstadt des japanischen Inselreiches und dabei wohl auch die entzückendste. Nirgends paßt Fräulein Chrysanthemum besser hinein; die eine erscheint für die andere wie geschaffen, sie ergänzen sich gegenseitig, und deshalb sind sie einander wohl auch so lange treu geblieben.

Wer von dem ungeheuren, düsteren chinesischen Reiche nach Japan fährt, der kommt in Nagasaki mitten in eine neue Welt hinein, in die Welt der Feen. Die Landschaften, die sich dem Reisenden bei der Einfahrt in den tief eingeschnittenen Fjord von Nagasaki zeigen, sind von klassischer Schönheit, ideale olympische Landschaften, die man sich nur von den griechischen Göttern oder von den Schwestern von Fräulein Chrysanthemum bevölkert denken kann. Der Name Fjord erinnert an die kalten, nackten Meereseinschnitte des nebeligen Norwegens mit ihren Schneeflocken und Gletschern und ihren düsteren menschlichen Ansiedelungen in den Thälern; der Fjord von Nagasaki ist das gerade Gegenteil davon. Während dort die Natur majestätisch, allgewaltig, drohend und erdrückend auftritt, schmiegt sie sich hier lieblich und zärtlich an den tiefblauen, klaren, stillen Wasserspiegel, der sich meilenweit ins Herz der Insel Kiuschiu, einem wahren Phäakenlande, hineinzieht. Prächtige Felspartien, sanft ansteigende Berge mit üppigstem Baumwuchs, zierliche, reinliche Dörfchen an den Ufern; Gärten ringsum, daran anschließend wohlgepflegte Reisfelder, so zierlich und schön gehalten, als dienten sie den japanischen Phäaken, ihren Bewohnern, nur als Spielerei; hier und dort ragen Felseninseln aus der blauen Wasserfläche hoch empor, malerisch in der Form, mit kühnen Nadeln und Spitzen, und jede derselben gekrönt von ebenso malerischen Fichten oder hochaufstrebenden Kryptomerien; blühende Schlinggewächse klettern an den gelben Felsmauern empor und spiegeln sich in der glatten Wasserfläche ebenso treu und natürlich wieder; aus dem Grün blickt hier und dort ein Tempelchen hervor, und auf den Felsen erheben sich brennrote Pagoden. Dutzende dieser Inselchen sind in den Fjord hineingestreut, und zwischen ihnen ziehen still und traumhaft die malerisch geschwungenen Boote mit blendend weißen Segeln wie Schwäne einher. Nirgends in der weiten Welt habe ich so ideal schöne Landschaften gesehen wie hier rings um das japanische Inselreich. Fast erscheint es wie eine Profanation, daß die schnaubenden, schwarzen, Kohlenrauch pustenden Dampferkolosse mitten durch diese Feenwelt fahren, daß prosaische stählerne Schiffsschrauben die blauen Wasserfluten aufwühlen, daß noch viel prosaischere Matter-of-fact-Menschen in die Heimat von Fräulein Chrysanthemum hineingedampft kommen.

Dort, ganz im Hintergrunde des Fjords, eingesattelt zwischen den hohen, bewaldeten, tempelgekrönten Bergen liegt diese Heimat, Nagasaki.

Die Dämmerung ist angebrochen, die grauen, einförmigen Dächer der niedrigen, zierlichen Holzhäuschen der Stadt sind kaum von dem Grün der Bäume zu unterscheiden. Bald erscheinen rings um den Hafen Lichter, rot, blau, weiß, in allen möglichen Farben der Papierlampions; sie werden immer zahlreicher und flimmern endlich in vielen Tausenden in den Straßen vor den Häusern, an den offenen Veranden auf; sie ziehen sich die umliegenden Anhöhen hoch hinauf bis zu den Tempeln; aus der Ferne dringen die Klänge der Samisen schwach zu uns herüber, dazwischen Gelächter und Gesang, wie von dem fröhlichen Treiben eines sommernächtlichen Gartenfestes.

Früh morgens werde ich durch ähnlichen Gesang, ähnliches Gelächter aus meinen Träumen geweckt, in denen zierliche Musmis und Tänzerinnen im Gewande Chrysanthemums die wichtigste Rolle gespielt haben. Durch das kleine runde Fensterchen meiner Schiffskabine blickte lächelnd Chrysanthemum selbst herein. Ja, das ist sie! Dieselben schalkhaften Schlitzaugen, derselbe rosige Mund. Aber welcher Anzug, welche Gestalt! Und wie kam sie nur an meine Kabinenluke, die doch gewiß mehr als sechs Meter über dem Wasserspiegel erhaben ist? Nun sehe ich es; ein großes, plumpes Kohlenboot, mit Kohlen schwer beladen, liegt an der Seite unseres Schiffes, und einige hohe, bis aufs untere Verdeck reichende Leitern sind an das Schiff angelehnt worden. Auf den Sprossen dieser Leitern sitzen von oben bis unten lauter Chrysanthemen und gucken neugierig durch die Kabinenluken. Sie sind alle gleich gekleidet: nicht in die schönen, vielfarbigen, faltenreichen Kimonos, sondern sie tragen enganliegende, bis etwas über die Knie reichende Hosen und lose, vorne nur notdürftig schließende Jacken aus dunkelblauem Stoff, ohne irgendwelche Unterkleider. Die Füße sind nackt, dafür umhüllen buntgestreifte Kopftücher den Kopf und lassen nur die hübschen, frischen, freundlichen Gesichtchen frei. Ein Kohlenschiff nach dem andern legt sich an unsere Seite, ganze Reihen von Leitern stehen nun nebeneinander, viele Dutzende von kleinen putzigen, prallen japanischen Mädchen sitzen auf den Sprossen, alle lächeln, schäkern und schwatzen miteinander. Die älteste mag kaum siebzehn, achtzehn Jahre zählen. Unten in den Kohlenschiffen werden endlich große Körbe mit Steinkohlen gefüllt und den Mädchen, die zu unterst auf der Leiter stehen, gereicht. Diese heben sie über ihre Köpfchen zu den nächsten Sprossen empor, und so passieren sie von Hand zu Hand, bis sie auf das Verdeck kommen. Dort nehmen andere Mädchen die Körbe in Empfang, schütten den Inhalt in den Kohlenschacht und schleudern die leeren Körbe mit kräftigem Schwung auf die Kohlenschiffe zurück. Der Kohlenstaub bedeckt sie bald vom Kopf bis zum Fuß, schwärzt die Gesichter, die winzigen Händchen und die Brüste, denn sie haben der Hitze wegen die Jäckchen geöffnet. Darunter erkennt man nicht einmal mehr das stereotype Lächeln, und gar bald sehen sie aus wie kleine, kohlschwarze Teufelchen. Man sollte es kaum für möglich halten! Diese zarten, blutjungen Geschöpfchen, die höchstens zum Guitarrezupfen, zu Spiel und Tanz geboren scheinen, sind in diesem Lande der Phäaken Lastenträger, Kohlenarbeiter!

Um den Bug unseres Riesenschiffes tummeln sich dicht neben und zwischen den rußigen, schmutzigen Kohlenbarken hindurch blendend weiße, so rein gescheuerte Sampans (Ruderboote) herum, daß man glauben könnte, sie wären alle erst vor einer Stunde aus den Werkstätten gekommen. Halbnackte Japaner mit bronzefarbigen, sehnigen Gliedern handhaben sie geschickt und führen die Passagiere des Dampfers ans Land. Ein langes Ruder ist am Steuer befestigt, und mit diesem machen sie ähnliche Bewegungen wie der Fisch mit seinen Schwanzflossen. Die Japaner haben bei ihren kleinen Fahrzeugen die Kunst der Fortbewegung den Fischen abgelauscht. Vor mir dehnt sich auf der Ostseite der weiten paradiesischen Bucht eine lange Reihe einstöckiger Häuser in europäischem Stil aus, die das europäische Settlement von Nagasaki bilden. Dieser reizende Hafen gehört nämlich mit vier anderen zu den für Europäer offenen Häfen des japanischen Reiches, und auf dem wenige Hektare großen Flächenraum, den die Japaner den Weißen zur Verfügung gestellt haben, dürfen sie ihre Häuser bauen, ihren Geschäften nachgehen. Nagasaki ist der älteste dieser Häfen, denn schon vor beinahe dreihundert Jahren hatten die damaligen Herren der Ozeane, die Holländer, die Bewilligung erhalten, hier ein Settlement zu gründen. Davon ist freilich nichts mehr vorhanden. Die den Hafen entlang laufende Bundstraße hat nur moderne, bescheidene Häuser aufzuweisen, ebenso ihre Parallelstraße landeinwärts und die Verbindungsgassen, in denen die Chinesen ihre Wohnungen aufgeschlagen haben. Kaum hundert Europäer, die Konsuln der fremden Mächte mit eingerechnet, wohnen hier, aber doch haben sie ihren eigenen Klub mit Billard-, Spiel- und Lesesälen, wo man sich irgendwo im Herzen von Europa, nur nicht in Japan fühlen könnte. Weiter südlich gegen das Meer zu liegt, versteckt zwischen üppigen Gartenanlagen, ein bescheidenes Hotel, dessen Name Bellevue durch die wunderbare Aussicht auf das japanische Nagasaki sehr wohl begründet ist.

An der Landungsstelle erwarten ganze Batterien von Rickshaws die ankommenden Reisenden. Weiß der Leser, was eine Rickshaw ist? Wahrscheinlich nicht, sonst hätte er sie schon längst in Europa zur Einführung gebracht. Die Rickshaw ist das bequemste, angenehmste, schnellste und billigste Fuhrwerk, das je zur Beförderung der Menschen erschaffen wurde. Helios hätte in keinem bequemeren zur Sonne, der Teufel in keinem luftigeren zur Hölle fahren können. Die Rickshaw ist eine offene, niedrige Viktoria ohne Kutschersitz, auf zwei Rädern und für einen Menschen Raum gewährend, der sie mit derselben Leichtigkeit besteigt, als wolle er sich in einen Armstuhl setzen. Vorn ist eine Gabeldeichsel angebracht. Ein japanischer Kuli stellt sich dazwischen, hebt die Deichsel mit den Händen auf und galoppiert mit der Rickshaw und ihrem Insassen davon. Der gewöhnliche Fahrpreis für eine Fahrt ist zehn bis zwanzig Pfennige, und die Miete für einen halben Tag von sechs Stunden beläuft sich auf fünfzig Pfennige (fünfundzwanzig Sen). Deshalb fällt es in Japan auch keinem Europäer ein zu gehen. Die Rickshaw ist ihr allgemeines Beförderungsmittel. Jede Rickshaw und jeder dazugehörige Kuli hat seine Nummer, gerade so wie unsere Droschken, und alle stehen unter polizeilicher Kontrolle.

Nummer 415 ist leider nicht zu sehen. Ich hätte gar zu gerne Nummer 415 gewählt, denn wer Pierre Lotis Madame Chrysanthème gelesen hat, der weiß, daß 415 Pierre Lotis Schwager war. Indessen Nummer vier hat eben so kräftige Lungen und eben so kräftige Beine. Kaum sitze ich in seiner Rickshaw, so läuft er auch schon im Galopp von dannen. Die Frühlingshitze ist groß, und auf die Gefahr hin, von einem schlitzäugigen Polizisten eingesteckt zu werden, hat sich Nummer vier seiner zwei Kleidungsstücke, ähnlich wie sie die vorgeschilderten Kohlenjungfrauen tragen, entledigt. Um den Anstand einigermaßen zu wahren, thut er es seinen Rickshawkollegen gleich und legt um den Leib einen weißen Leinwandstreifen, so groß wie eine weiße Ballkravatte. Sein muskelreicher Rücken glänzt von Schweiß wie polierte Bronze; das Wasser läuft ihm von den Schultern und Beinen herunter, er keucht und pustet, aber die Beine tragen ihn und seinen Wagen und mich federleicht den Bund entlang nach dem alten japanischen Stadtteil, dem eigentlichen Nagasaki.