China und Japan: Erlebnisse, Studien, Beobachtungen

Part 44

Chapter 442,995 wordsPublic domain

Wie groß ist dieser Handel? Im Jahre 1898 belief sich im Gesamtwert die Ein- und Ausfuhr, soweit die in den Vertragshäfen bestehenden Zollbehörden ihn kontrollieren, auf etwa elfhundert Millionen Mark. Diese Summe erscheint nicht groß, wenn man bedenkt, daß der Außenhandel des kleinen Belgien einen Wert von über zweiundzwanzighundert Millionen besitzt, also das Doppelte des Außenhandels von China. Selbst Argentinien hat trotz seiner Jugend als Staat bereits einen Außenhandel von nahezu tausend Millionen Mark. In einer Reihe anderer Staaten entwickeln sich die Handelsbeziehungen mit Europa ruhig, ohne besondere Schwierigkeiten, ohne jedwede Opfer und militärische Expeditionen. Warum, so hört man fragen, sollen also die Steuerzahler wegen des verhältnismäßig geringen Handels so tief in den Säckel greifen?

Und dennoch geschieht dies seitens fast aller Seemächte. Neben dem Deutschen Reiche sind bei den letzten Unruhen England, Frankreich, Oesterreich-Ungarn, Italien, Rußland, Holland, selbst das kleine Belgien an der Expedition gegen China beteiligt gewesen, dazu die Vereinigten Staaten und Japan. Freilich stand dabei zunächst die Aufgabe im Vordergrunde: Bestrafung des Bruchs des Völkerrechts durch die Mißhandlung der Gesandten seitens der chinesischen Machthaber, man könnte besser sagen, der chinesischen Ohnmachtshaber, Sühne für die vielen Menschenleben, die schweren Verluste an Hab und Gut der fremden Einwohner. Aber dabei wurden doch auch geschäftliche Interessen verfolgt, und man dachte auch an den Nutzen, welchen die Expedition nach dem Friedensschluß für die verschiedenen Mächte bringen soll.

Ebenso sicher, wie die endliche Niederwerfung Chinas durch die verbündeten Streitkräfte, ist es auch, daß eine Aufteilung Chinas in absehbarer Zeit nicht stattfinden wird. Im Gegenteile, statt als Kriegsbeute verschiedene Provinzen und Länderstriche einzuheimsen, haben die Mächte alles Interesse daran, das chinesische Reich intakt zu erhalten und ihm eine feste, starke Regierung zu geben, sogar unter der Leitung eines Kaisers aus der gegenwärtig herrschenden Dynastie. Ganz abgesehen von der Eifersucht unter den Mächten bei einer Aufteilung und der Unmöglichkeit einer Einigung über die von jeder Macht beanspruchten Gebiete, hat man sich gewiß schon in jedem Kabinette gefragt, auf welche Weise und zu welchem Zwecke die verschiedenen Provinzen des aufgeteilten Vierhundertmillionenreiches von den Mächten regiert und verwaltet werden sollten. Es ist ja hinlänglich bekannt, welchen Aufwand an Geld, Beamten, Militär, Schiffen und dergleichen schon ein Landgebiet von der Größe einiger hundert Quadratkilometer, etwa wie Deutsch-China, erfordert. Wie viele Hunderte Millionen, Zehntausende von Soldaten, Hunderte von Beamten würde erst die Verwaltung einer ganzen Provinz bedürfen! Es handelt sich bei den chinesischen Provinzen um Ländergebiete so groß wie Preußen oder ganz Süddeutschland, mit Einwohnerzahlen von zwanzig bis vierzig Millionen. Selbst wenn solche Gebiete an die erobernden Reiche angrenzen würden, wie etwa Nordchina an Sibirien, würden solche Bissen in Anbetracht der heterogenen feindlichen Bevölkerung nicht zu verdauen sein. Wie erst, wenn man die ungeheure Entfernung Chinas von den mitteleuropäischen Reichen in Betracht zieht! Der Krieg der Amerikaner gegen das im Vergleich mit den Chinesen verschwindend kleine Völkchen der Philippiner, der Frankreichs gegen Tonkin und Englands gegen die handvoll Boeren sprechen deutlicher, als es alle Argumente vermögen.

Und selbst wenn eine solche Verwaltung unter der Anspannung aller Kräfte doch eingerichtet würde, so würde die Frage entstehen: wozu? Was ist der Nutzen, den ein solch unsinniges Wagnis hätte? Die Erschließung der betreffenden Provinz? Die Hebung der Kaufkraft ihrer Bevölkerung? Die Schaffung eines neuen Absatzgebietes? Würde das letztere wirklich ausschließlich der Industrie der betreffenden Kolonialmacht zu gute kommen, dann wäre dies zum wenigsten etwas Greifbares, obschon viele Jahrzehnte der Aufwand unverhältnismäßig größer sein würde als der Ertrag. Das Spiel wäre die Kerzen nicht wert, die man dabei verbrennt. Aber das ausschließliche Recht der kommerziellen Ausbeutung einer Provinz würde von anderen Mächten niemals zugestanden werden. Mehrere haben mit Säbelgerassel erklärt, unter allen Umständen an der Politik der offenen Thür festzuhalten. Gleiches Recht, gleiche Handelsfreiheit für alle Mächte ist ihre Politik in Bezug auf den chinesischen Markt, und eine Macht, welcher es gelingen sollte, eine Provinz als Kriegsbeute zu ergattern, würde dann einfach nur anderen Mächten, zunächst den Japanern und Amerikanern, die Kastanien aus dem Feuer holen. Wohl ist heute und wohl auf Jahrzehnte hinaus England am chinesischen Handel am meisten beteiligt, aber der Handelsverkehr Japans und Amerikas mit China geht mit Riesenschritten vorwärts; sie haben heute schon alle anderen Mächte, England ausgenommen, überholt, und dank ihrer günstigen geographischen Lage, geringen Frachtsätzen und anderen Umständen wird in Zukunft unzweifelhaft ihnen der Hauptanteil am chinesischen Handel zufallen. Provinzen auf Kosten europäischer Steuerzahler zu erschließen, oder gar die Verwaltung selbst zu übernehmen, hieße also, den genannten großen Handelsrivalen in die Hände arbeiten.

Ueber diese Fragen ist man in den europäischen Kabinetten wohl schon längst im klaren. Es giebt in China keine Provinzen zu holen, keine Kolonien zu gründen, und doch besteht unter allen Industriemächten ein wahrer Wetteifer in Bezug auf China.

Der Grund und Endzweck dieser Bestrebungen ist der Handel, nicht wie er heute ist, denn schon eingangs wurde angeführt, daß er im ganzen nur die Summe von elfhundert Millionen erreicht, sondern der Handel Chinas, wie er sich in Zukunft gestalten wird. Er ist bisher deshalb nicht bedeutender gewesen, weil zunächst nur eine kleine Anzahl von Häfen dem Außenhandel geöffnet waren und es von den wenigsten derselben Verkehrswege nach dem Hinterlande giebt. Europäische Waren konnten demnach nur kleinen Gebieten zu entsprechenden Preisen zugängig gemacht werden. Die Chinesen machen sich diese, wenn sie von ihrem Nutzen überzeugt sind, zu eigen. Aber sie hegen für die europäischen Errungenschaften, Maschinen, Dampfschiffe, Eisenbahnen und dergleichen ebensowenig Bewunderung wie für deren Erfinder und Erzeuger. Es ist ihnen im Laufe der Jahrhunderte von den benachbarten kleineren Völkern viel zu viel Weihrauch gestreut worden, sie werden von ihrer Kindheit an viel zu sehr in dem Glauben ihrer eigenen Unübertrefflichkeit erhalten, als daß sie den Europäern höhere Achtung schenken sollten als etwa dem Zauberkünstler, über dessen Kunststückchen sie staunen. Gerade so wie wir unsere europäische Kultur für die beste halten, so halten die Chinesen die ihrige für die beste, und ebensowenig wie wir die unserige mit der chinesischen vertauschen würden, ebensowenig würden sie die ihrige für die europäische aufgeben. Ein kleines bewegliches Volk wie die Japaner, mit großem Verkehr und ausgebreiteter Schiffahrt, war leichter zu überzeugen, aber auch sie nahmen von den Europäern nur jene Dinge an, deren praktischer Nutzen ihnen sofort ins Auge sprang, alles andere ließen sie links liegen. Es kann keinen größeren Irrtum geben als zu glauben, die Japaner hätten die europäische Kultur angenommen. Dazu gehört unsern Begriffen nach die christliche Religion und Moral. Die Japaner sind aber in diesen ethischen Beziehungen ganz dieselben geblieben, die sie vor der großen Umwälzung waren. Für Christentum und christliche Moral sind sie unendlich viel weniger zugänglich als die Chinesen, was die beiderseitigen Erfolge der Missionen auch beweisen.

Die Chinesen werden ähnlich wie die Japaner zu Werke gehen, nur unendlich viel langsamer; auch sie werden alle europäischen Erzeugnisse und Einrichtungen annehmen, sobald sie ihre Nützlichkeit einsehen lernen. Das beweist die ganze Entwickelung des chinesischen Handels mit Europa. Aber die große Masse der Chinesen kennt mit Ausnahme leicht zu transportierender kleiner Massenartikel die europäischen Produkte überhaupt noch nicht. Würden sie den Chinesen vor Augen geführt werden, so würden sie auch bald ausgedehnte Märkte dort finden, denn die Chinesen sind zu praktische Menschen, zu vorzügliche Geschäftsleute, um den Wert eines Artikels nicht sofort zu erkennen. Was bisher an europäischen und amerikanischen Waren eingeführt wurde, kommt also nicht ganz China zu gute, sondern nur kleineren Gebieten in der Umgebung von offenen Häfen und längs der Wasserstraßen.

Um nur einige Beispiele hervorzuheben: Ich habe noch am Hoangho Leute gefunden, die ihre Kleider mit selbstgeschmiedeten und gefeilten Nähnadeln nähten; mit Staunen betrachteten sie die glänzenden Näh- und Stecknadeln, die ich ihnen zeigte. Den Mandarinen im Binnenlande konnte ich kein willkommeneres Geschenk machen als ein Notizbuch mit Bleistift. Gewöhnt, ausschließlich mit Pinsel und Tusche zu schreiben, kennen sie auch die Stahlfeder noch nicht, die sich für die Niederschrift chinesischer Schriftzeichen auch gar nicht eignet, und wenn ich des Abends in einer Dorfherberge meine Reisenotizen machte, umdrängten mich gewöhnlich Dutzende staunender Chinesen, um dem raschen Lauf meiner Feder auf dem Papier zu folgen. Bleistifte aber eignen sich für die chinesische Schrift, und die Mandarine konnten sich nicht genug wundern, daß ein Stift auch ohne Tusche chinesische Schriftzeichen auf dem Papier hervorbringen kann. Die Verwunderung stieg jedoch aufs höchste, wenn ich den Bleistift umdrehte und mit dem am anderen Ende befindlichen Radiergummi die Schriftzeichen wieder wegputzte. In Städten und Dörfern war ich ein wanderndes Museum. Die Leute hatten wohl schon zuweilen Weiße gesehen, denn die Missionare sind bereits in die meisten Gegenden des Innern vorgedrungen, tragen aber fast ausschließlich chinesische Tracht. Weiße in Europäertracht, wie ich sie trug, waren ihnen noch fremd. Sie befühlten neugierig meine Kleider und Stiefel, besahen Hut und Regenschirm, verwunderten sich in Orten, wo Feuer noch immer mit Feuerstein und Stahl gemacht wird, über meine Zündhölzchen und noch mehr über den in Papier gewickelten Tabak, d. h. Cigaretten, die sogar viele Mandarine noch nicht kannten. Auf den großen inneren Märkten fand ich gerade so wenig europäische Artikel wie auf unseren Märkten chinesische, und wo sie sich dort oder hier vorfinden, werden sie als Kuriosa, nicht als praktische Waren für den allgemeinen Nutzgebrauch betrachtet. Eisenwerkzeuge, Lampen, Gerätschaften werden immer noch zum weitaus größten Teil von den Chinesen selbst gemacht, ebenso Kleiderstoffe und alle möglichen Gebrauchsartikel. Sie kennen eben die praktischen Erzeugnisse des Abendlandes, wie gesagt, nur in beschränkten Bezirken ihres ungeheuren Landes. Wird dieses aber durch Eisenbahnen und freien Verkehr, ungehinderte Ansiedelung seitens europäischer Kaufleute, dann Abschaffung der Inlandszölle den Europäern wirklich erschlossen, wie es früher oder später doch geschehen wird und muß, dann wird der Absatz all dieser Artikel nach vielen Millionen berechnet werden müssen.

Gerade in diesen Massenartikeln ist aber die deutsche Industrie groß. Jetzt schon werden davon nach den wenigen geöffneten Häfen, von denen vielleicht nur ein Zehntel bis ein Zwanzigstel der chinesischen Bevölkerung erreicht wird, große Massen ausgeführt. Wie erst, wenn es sich um ein Absatzgebiet handelt, das auf seinen elf Millionen Quadratkilometer Fläche vierhundert Millionen Einwohner zählt! Die Chinesen brennen heute noch größtenteils Oel in irdenen Lampen; und doch sind Petroleum und Petroleumlampen bereits wichtige Einfuhrartikel. Eine einzelne Lampe hat freilich wenig Wert, handelt es sich aber darum, achtzig Millionen Haushaltungen, so viel wie ganz Europa zählt, mit Lampen zu versehen, dann gewinnt dieser Artikel eine ganz andere Bedeutung. Ebenso geht es mit den meisten anderen Artikeln.

Um dafür einen Markt zu gewinnen, müssen die Leute auch die Mittel haben, alle diese Dinge wirklich zu kaufen. China ist nun thatsächlich ein Land, das viel größere Mittel und damit Kaufkraft besitzt, als man gewöhnlich annimmt. Statt daß die Kaufkraft Chinas erschöpft wäre, könnte man das gerade Gegenteil behaupten. Niemand würde es beispielsweise einfallen, China mit Ländern wie Siam oder Marokko zu vergleichen, und doch ist der auswärtige Handel dieser letzteren im Verhältnis bedeutend größer als jener Chinas. In Siam entfallen etwa 23 Mark jährlich auf den Kopf, in Marokko ungefähr 9 Mark 50 Pfennige, in China nur 3 Mark. Im Jahre 1874 entfielen vom auswärtigen Handel nur 1 Mark 50 Pfennige auf den Kopf. Es ist also eine Steigerung auf das Doppelte innerhalb eines Vierteljahrhunderts zu verzeichnen. Ist es anzunehmen, daß China als einziges Reich der Erde dabei stehen bleiben und nicht weiter fortschreiten wird?

Freilich sind die großen Massen der Chinesen arm, und in Zeiten von Ueberschwemmungen oder Dürre leben Millionen Menschen im größten Elend. In viel größerem Maße ist dies in Indien der Fall. Land und Bevölkerung sind dort viel ärmer als in China, dabei auch nur halb so groß, und doch ist der auswärtige Handel von Jahr zu Jahr gestiegen, bis er heute an dreieinhalb Milliarden Mark erreicht hat, mehr als das Dreifache von China. Man hat eben die Hilfsquellen Indiens entwickelt und dem Lande Eisenbahnen, moderne Verkehrsmittel gegeben. In China sind alle Bedingungen für den blühendsten Handel, für den reichsten Absatz an Waren aller Art vorhanden, das Land verfügt selbst über ganz bedeutendes Großkapital, und Geld ist nach Hunderten von Millionen Mark im Verkehr. Der einheimische, chinesische Binnenhandel besitzt ungeachtet der primitiven Verkehrsmittel, der Dschunken auf dem Wasser, Kamele, Maultiere und Schubkarren auf dem Lande einen Umfang, von dem man sich kaum eine Vorstellung machen kann. In Schantung allein sind mehrere hunderttausend Kulis als Schubkarrenführer beschäftigt und Jahr aus Jahr ein mit Frachten unterwegs. Flüsse und Kanäle wimmeln von Fahrzeugen, Frachtbooten aller Art. In den Großstädten, darunter viele mit Hunderttausenden von Einwohnern, Orte, die man in Europa kaum dem Namen nach kennt, herrscht Wohlstand und Reichtum, giebt es ausgebreitete Industrien, Bankhäuser, Großkaufleute, Postämter, Verkehrsanstalten, alles natürlich nach chinesischem Schnitt. Ich habe all dies in meinem Buche „Schantung und Deutsch-China” (Verlag von J. J. Weber, Leipzig) mit allen wissenswerten Einzelheiten geschildert.

Indessen, diese schon vorhandene Kaufkraft kann noch verdoppelt, verdreifacht werden, wenn es einmal dazu kommt, die geradezu unerschöpflichen Hilfsquellen, welche noch im Schoße der Erde schlummern, zu öffnen. Welche Massen von Gold bergen die Höhen der Mandschurei und die „goldenen Hügel” nördlich von Peking, die aus verschiedenen Gründen nur zum Teil und das auch nur auf die primitivste Art von den Chinesen ausgebeutet werden! Welche Silbermengen bergen Schantung, Schansi, Tschili, Honan, und doch sind die Mehrzahl der Silberlager noch gar nicht eröffnet! Aber wichtiger als Gold und Silber sind die schwarzen Diamanten, die Kohlen. Schansi, diese ungemein wichtige, an die deutsche Interessensphäre Schantung grenzende Provinz hat in seinem südlichen, an den Hoangho grenzenden Teil Kohlenlager, wo über sechshundert Millionen Tonnen der besten Anthrazitkohle der Ausbeute harren. Dort, ebenso wie in ungeheuren Kohlenlagern des benachbarten Honan liegen zwischen den Kohlenschichten solche von vortrefflichem Eisenerz. Dasselbe gilt, wenn auch in geringerem Umfange, von Schantung, und in allen diesen Gebieten wird wohl Kohle schon gewonnen, hat sich auch eine sehr beträchtliche Eisenindustrie schon entwickelt, aber alles mit den primitivsten Mitteln und bedrückt durch die beutesüchtigen Mandarine.

Welcher Ausdehnung sind ferner die Thee- und Seidenkultur in China noch fähig! Und vor allem unter europäischer Anweisung die Industrie, wenn man in Rechnung zieht, welche Millionen fleißiger, flinker, genügsamer Arbeiter den Chinesen zur Verfügung stehen! Werden diese in dem ungeheuren Reiche schlummernden Schätze und Kräfte geweckt, dann wird es kein größeres und dankbareres Absatzgebiet auf Erden geben als China. Dieses wird den Industrieländern der Alten und Neuen Welt stets erhalten bleiben. Vielfach kommt zwar die Befürchtung zum Ausdruck, China könnte das alte Europa einmal, wenn es zu modernem Leben und Schaffen erwacht ist, erdrücken. Diese Befürchtung ist unbegründet. Zunächst wird es noch vieler Jahrzehnte bedürfen, ehe an einen wirksamen Wettbewerb Chinas ernstlich gedacht werden kann; während Europa diese ganze Zwischenzeit vor sich hat, entwickeln sich auch hier die Industrien immer mehr, es entstehen immer neue Industriezweige, neue Artikel, in welchen die europäischen Industrieländer den Chinesen voraus bleiben werden. Der zeitliche Abstand, um welchen China in seiner Entwicklung hinter Europa zurückgeblieben ist, kann nicht leicht ausgeglichen werden. Weder China noch Japan wird Europa bei den hier fortwährend auftauchenden neuen Erfindungen einholen können, sie werden in dieser Hinsicht für absehbare Zeit von Europa abhängig bleiben.

Aus dem Gesagten kann man ersehen, daß der Handel Chinas noch tief in den Kinderschuhen steckt, aber er schreitet doch rasch voran, und wenn alle Mächte sich so sehr um China bemühen, so geschieht es, um sich bei Zeiten einen Platz dort zu sichern. Im Jahre 1766 haben 23 fremde Schiffe hingereicht, den auswärtigen Handel Chinas zu bewältigen; im Jahre 1830 waren schon 150 Schiffe dazu erforderlich; im Jahre 1898 erreichte der Schiffsverkehr in den chinesischen Häfen die Riesenzahl von 43000 Dampfern und 9000 Segelschiffen mit zusammen 34 Millionen Tonnen Gehalt. Vor einem halben Jahrhundert war der Wert des Außenhandels weniger als hundert Millionen Mark. Heute hat er elfhundert Millionen erreicht, d. h. soweit er auf europäischen Schiffen und in den dreißig offenen Vertragshäfen sich abwickelt. Welche Unmassen ausländischer Waren in den anderen Häfen des Reiches und in den 21000 chinesischen Schiffen mit acht Millionen Tonnen Gehalt dazu kommen, entzieht sich der Beurteilung; der Gesamtwert des Außenhandels kann aber jährlich nicht geringer sein als anderthalb Milliarden Mark.

Wohl kann dieser Außenhandel in dem einen oder anderen Jahre durch außergewöhnliche Ursachen, wie Kriege oder geschäftliche Krisen in Europa, durch Währungsschwankungen oder vor allem durch Kriege, Revolutionen und dergleichen in China selbst zeitweilig eine Verminderung erfahren; er wird aber im ganzen und großen stetig zunehmen, und diese Weiterentwicklung zu hemmen, haben weder die reaktionären Mandarine, noch die Regierung die Macht. Ein Blick in die Vergangenheit eröffnet dem Auge auch die Zukunft. Wie lagen die Verhältnisse in China noch vor sechs Jahrzehnten, zur Zeit des berühmten Opiumkrieges? Das Innere Chinas war jedem Europäer verschlossen, und in den wenigen Häfen, in denen sie sich aufhalten durften, waren sie den strengsten, mitunter schmachvollen Beschränkungen unterworfen.

Wäre es damals jemandem eingefallen, zu prophezeien, daß fünfzig Jahre später europäische Großstädte auf chinesischem Boden stehen würden, daß die Flüsse von europäischen Dampfern befahren, Eisenbahnen, Telegraphen das Land durchziehen würden, man hätte ihn für verrückt gehalten. Die Wirklichkeit von heute übertrifft sogar solche Prophezeiungen; dreißig seiner größten und wichtigsten Häfen sind europäischen Kaufleuten und Ansiedlern erschlossen, aus Shanghai und Hongkong sind europäische Großstädte geworden, in denen man mit derselben Sicherheit und Bequemlichkeit wohnt, als lägen sie in Europa. Telegraphenlinien verbinden die Hauptstadt mit den Provinzen, Kabel die Inseln mit dem Festlande; zwischen Tientsin und Shanghaikwan, Tientsin und Peking, Shanghai und Woosung u. s. w. verkehren Eisenbahnzüge. Die einzelnen Küstenpunkte von Tongkin bis hinauf in die Mandschurei sind durch regelmäßige Dampferlinien unter fremden Flaggen miteinander verbunden; auf den Hauptflüssen verkehren europäische Dampfer, und die Hauptwasserstraße des chinesischen Reiches, der Jangtsekiang, ist eine Hanptverkehrsstraße des europäischen Handels geworden bis hinauf gegen die tibetanischen Grenzdistrikte für Handelsschiffe aller Flaggen, vornehmlich auch der deutschen Flagge. Das so lange verschlossene sagenhafte Peking ist heute der Sitz der europäischen Gesandten, die mit den höchsten Beamten des Riesenreiches verkehren und von dem Kaiser in seinem eigenen Palaste empfangen werden. In Peking befinden sich Kirchen, Klöster, Schulen und Universitäten, die letztern chinesische Unternehmungen, aber mit europäischen Lehrkräften. Die Armee hat europäische Instruktoren, moderne Arsenale stehen unter europäischer Leitung, ebenso der ganze Telegraphen-, Post- und Zolldienst mit Beamten, welchen die höchsten chinesischen Auszeichnungen verliehen worden sind. Wer hätte das vor dreißig oder vierzig Jahren zu hoffen gewagt?