China und Japan: Erlebnisse, Studien, Beobachtungen
Part 41
Der Sold der Soldaten des grünen Banners ist äußerst gering und beträgt kaum mehr als zwanzig bis dreißig Pfennige für den Tag, wovon er sich beköstigen und uniformieren muß, vorausgesetzt, daß ihm der Sold überhaupt regelmäßig bezahlt wird. Gewöhnlich halten die Offiziere kleinere Beträge zurück und geben sie den Soldaten dafür an Festtagen oder zum neuen Jahre. Eine feste Dienstzeit giebt es in China nicht, ebensowenig eine allgemeine Wehrpflicht. Es giebt keine Pension, keine Alterszulagen, keine ärztliche Pflege, keine Armeeverpflegung, jeder muß sich selbst nach Belieben verpflegen, nähren und kleiden. Die Uniform der Provinzialtruppen besteht aus einer blauen Bluse mit rotem oder weißem Besatz, auf deren Brust- und Rückenteil in einem etwa zwanzig Centimeter großen, weißgeränderten Kreise die Provinz und das Lager, in welchem der Mann steht, in chinesischen Lettern verzeichnet sind. Die leinenen Beinkleider, gewöhnlich von blauer Farbe, stecken in den kurzen Schäften der aus Filz verfertigten Stiefeln, und auf dem Kopfe sitzt ein tellerartiger Tatarenhut aus Bambusgeflecht, bei manchen Truppen mit einem roten Roßschweif geschmückt. Im Polizeidienst besteht die Bewaffnung der Soldaten aus einer kurzen, ein-, zwei- oder dreispitzigen Lanze, zuweilen auch aus einem Doppelschwert mit zwei Klingen in einer Scheide. Auf dem Lande, außer Dienst, oder in den Lagern sind die Soldaten gar nicht bewaffnet.
Die Rekrutierung erfolgt am Werbetische, und trotz des erbärmlichen Soldes ist der Andrang doch immer stärker als der Bedarf. Ich sah eine derartige Rekrutierung in Nanking. Auf dem freien Platze vor dem Hause eines der höheren Offiziere war ein Zelt aufgeschlagen, in welchem sich einige Offiziere befanden. Ein paar Soldaten, mit Lanzen bewaffnet, hielten die sich herandrängenden Bewerber und das Volk in Ordnung. Vor dem Zelte lag ein etwa sechs Fuß langer Bambusstock auf dem Boden mit runden Steinen im Gewicht von zusammen hundert Catties (etwa 65 Kilogramm), an den Enden des Stabes gleichmäßig verteilt. Die Soldaten ließen die bis zur Hüfte entblößten Applikanten der Reihe nach vortreten. Die Offiziere warfen ein paar prüfende Blicke auf sie, dann wurde ihnen befohlen, den Bambusstock mit beiden Händen bis über den Kopf emporzuheben. Bestanden sie diese Kraftprobe, so wurde ihr Name in ein Register eingetragen und ihnen geheißen, im Lager vorzusprechen. Dort erhielten sie einiges Handgeld, kaum viel mehr als einer Mark entsprechend, und blauen Stoff, um ihre Uniform daraus nähen zu lassen. Damit waren sie kaiserliche Soldaten.
Für diejenigen, welche auf Offiziersstellen Anspruch machen, sind unter der gegenwärtigen Regierung ähnliche Prüfungen eingeführt worden wie für den Zivildienst, und den erfolgreichen Kandidaten werden je nach der Art, wie sie die Prüfung bestehen, auch dieselben Titel, Siu-tsai, Kü-jin und Tsin-sz, verliehen. Für den letzten (höchsten) Grad erfolgt die Prüfung in Peking. Man darf jedoch nicht glauben, daß die Offizierskandidaten wie jene für die Beamtenstellen auf ihre litterarischen Kenntnisse hin oder gar in Taktik und Strategie, Befestigungs- und Ingenieurkunst geprüft werden. Das wird von einem chinesischen Offizier nicht verlangt. Dafür müssen die Kandidaten gewandte Reiter, Fechter und Ringkämpfer sein; nicht die geistige, sondern die Muskelkraft giebt den Ausschlag, und die besten Noten erhalten jene, welche sich überdies als Bogenschützen bewähren. Dazu wird auf dem militärischen Uebungsplatze ein dreißig bis fünfzig Centimeter tiefer gradliniger Graben von etwa einem halben Kilometer Länge und hinreichender Breite gegraben, daß ein Pferd in demselben galoppieren kann. Auf etwa fünfzig bis sechzig Meter Entfernung von dem Graben sind Scheiben aufgestellt, mit Zwischenräumen von etwa fünf Meter voneinander. Der Kandidat, mit Bogen und Pfeilen bewaffnet, hat zu Pferd zu steigen und, während dieses den Graben entlang galoppiert, Pfeile nach den Scheiben abzuschießen. Treffen diese Pfeile das Schwarze, so wird von den Wächtern der Gong angeschlagen, um die Examinatoren davon in Kenntnis zu setzen. Noch 1898 hatte ich selbst in Yentschou-fu, im Innern von Schantung, Gelegenheit, eine derartige Prüfung zu sehen.
Mit dem erfolgreichen Bestehen der Prüfung wird jedoch der Kandidat noch lange nicht Offizier. Dazu muß er entweder viel Geld oder viele Freunde haben. In einem Aufsatz über das Offizierskorps, der in der ersten Zeitung Shanghais, der Daily News erschien, heißt es in dieser Hinsicht: „Irgendwelche wissenschaftliche Ansprüche werden an den Offizier nicht gestellt; die höheren Offiziersstellen werden verkauft, die niedrigeren an Freunde und Verwandte gegeben. Die wenigsten haben eine Ahnung vom praktischen Militärdienst, und es kommt vor, daß die höchsten Kommandostellen der Armee von gänzlich Unwissenden eingenommen werden.”
Deshalb ist der Soldatenstand in China auch keineswegs angesehen, ja man blickt auf ihn verächtlich herab. Die Offizierschargen stehen nicht im gleichen Rang mit den entsprechenden Chargen des Zivildienstes, sondern um einen Grad tiefer. Als in den neunziger Jahren zwei deutsche Instruktionsoffiziere mit dem Einexerzieren der Infanterie der Provinz Tschihli betraut wurden, nahmen auch die Offiziere an den einfachsten Exerzitien teil, gerade so wie die Soldaten. Bald hatten die deutschen Offiziere den Chinesen deutsche Strammheit beigebracht, und diese führten alle Evolutionen vortrefflich aus. Nun wurden von den so gedrillten Bataillonen Unteroffiziere als Drillmeister zu den anderen Truppenkörpern kommandiert, ja die Vicekönige anderer Provinzen erbaten sich solche, und der Einfluß der deutschen Offiziere ist heute in den meisten Provinzialarmeen wahrzunehmen. In einigen dieser letzteren giebt es vortreffliche Truppenkörper, die selbst europäischen Ansprüchen genügen dürften, vor allem in den Armeen von Kwangtung und Tschihli, welch letzterer Li-Hung-Tschang besondere Sorgfalt zuwendete. Die Infanterie ist dort mit dem deutschen Infanteriegewehr bewaffnet, gut geschult und schlagfertig. Noch besser soll, nach dem Urteil von Fachleuten, die Artillerie sein, aus dem begreiflichen Grunde, weil die alten chinesischen Armeen keine Artillerie besaßen, deshalb auch keine althergebrachten Gebräuche und Vorschriften umzustoßen waren. Das ganze Geschützwesen mußte von Grund auf neu gelernt werden, und die deutschen Instruktoren haben in dieser Hinsicht die größten Erfolge aufzuweisen; die Feldgeschütze wurden hauptsächlich von Krupp geliefert, und das Material befindet sich im Gegensatz zu dem Festungsmaterial in bester Ordnung.
Schlimmer ist es in den Provinzialarmeen um die Kavallerie bestellt. China wird niemals eine solche im europäischen Sinne besitzen können, denn vor allem hat es keine Pferde. Die mongolischen Ponies sind wohl kräftig und ausdauernd, besonders auf langen Märschen, aber viel zu klein und leicht. Alle zehn Jahre wird das Material erneuert, dadurch, daß der Vicekönig dem Kommandierenden gewisse Summen zum Ankauf neuer Pferde anweist, oder selbst Remontekommissionen nach der Mongolei entsendet. Den einzelnen Lagerkommandanten wird für den Unterhalt der Pferde das Geld monatlich angewiesen. In Tschihli beträgt dasselbe vierzehn Mark per Pferd und Monat. Die Reiter sind mit Winchester-Karabinern bewaffnet.
In den anderen Provinzen ist es um die Kavallerie ebenso schlecht bestellt wie um die Infanterie, doch soll es in der Mandschurei eine zwischen 40000 und 50000 Mann zählende Armee von Reitern geben. In den Garnisonen der Küstenprovinzen ist davon nichts zu sehen. Wären die 650000 Mann der Armee des grünen Banners wirklich gut geschult und vor allem wirklich vorhanden, so würde dies eine höchst respektable Macht vorstellen. Allein allgemein erzählt man sich, daß die Kommandanten vieler Lager im Inland die vorgeschriebene Truppenzahl nur auf dem Papier besäßen. Das Geld für den Sold und Unterhalt wird eingesteckt. Steht eine Inspektion bevor, so werden schnell Rekruten in der erforderlichen Zahl angeworben, in Uniformen gesteckt und gedrillt. Ist diese Inspektion vorüber, so werden sie wieder entlassen.
Neben dem grünen Banner besteht in China noch die alte Mandschuarmee in ganz derselben Organisation wie vor dreihundert Jahren, zur Zeit der Eroberung Chinas durch die Mandschus. Damals teilte ihr Führer, der nachherige Kaiser Tien-ming, seine Horden in vier Banner, das rote, gelbe, blaue und weiße. Als im Laufe des Krieges zahlreiche Mongolen und abtrünnige Chinesen seinem Heere zuströmten, organisierte er diese in vier weitere Banner mit denselben Farben, nur mit verschiedenfarbigen Rändern. Nach der Gründung des großchinesischen Reiches genügten diese acht Banner für den Dienst nicht mehr, und es wurden neben denselben noch acht weitere Mongolenbanner und acht Chinesenbanner organisiert, die noch bis auf den heutigen Tag bestehen, nominell in einer Gesamtstärke von 105000 Mann. Die stärksten Banner sind jene der Mandschus mit je 85 Kompagnien von je 80 bis 90 Mann; die Mongolenbanner sind durchschnittlich nur 28 Kompagnien, die Chinesenbanner 33 Kompagnien stark. Zusammen besitzen die mandschurischen Banner 678, die mongolischen 221, die chinesischen 266 Kompagnien, im ganzen also sind 1165 Kompagnien Bannertruppen verfügbar, welche von der kaiserlichen Zentralregierung in Peking unterhalten werden und jährlich 16 Millionen Taels, d. h. etwa 64 Millionen Mark erfordern. Mit den Truppen des grünen Banners zusammen beträgt das militärische Budget Chinas demnach 30½ Millionen Taels, und die Bevölkerung Chinas auf 400 Millionen angenommen, entfällt auf den Kopf eine jährliche Militärsteuer von etwa 35 Pfennigen.
Die vierundzwanzig Banner bilden zum Unterschiede von den Provinzialarmeen die eigentliche kaiserliche Armee. In Wirklichkeit aus Leibeigenen bestehend, vom Throne bezahlt und seit Generationen von Vater auf Sohn militärpflichtig, bilden sie die wahren Stützen des Kaiserthrones und der Dynastie in dem von dieser unterworfenen chinesischen Reiche. Die Bannersoldaten sind es, welche den Garnisons- und Polizeidienst in den Großstädten versehen. Doch sind sie dort nicht wie europäische Truppen in Kasernen untergebracht, sondern sie bewohnen in jeder Stadt eigene, mit Mauern umgebene und abgeschlossene Stadtviertel, die sogenannte Tatarenstadt. Dort hausen sie mit Weib und Kind in eigenen Häuschen, jeder Soldat für sich; in der Mitte der Tatarenstadt erhebt sich gewöhnlich der Yamen des Tatarengenerals, unter welchem diese Bannertruppen sowohl wie die Provinzialtruppen stehen. Die Bannertruppen sind über das ganze Reich, je nach der Größe und Zahl der Städte, verteilt, manche Provinzen, wie z. B. Kiangsi, Hunan, Yünnan und Kueitschau, besitzen deren gar keine, andere Provinzen, wie z. B. die Mandschurei, besitzen nur Bannertruppen. Am zahlreichsten sind sie in der Hauptstadt Peking selbst. Dort stehen außer den 4000 Mann der kaiserlichen Leibgarde etwa 15000 Mann der verschiedenen Banner. Je nach ihrer Farbe garnisonieren sie in verschiedenen Stadtteilen: das rote Banner im Süden, das weiße im Westen, das blaue im Norden und die Truppen des grünen Banners (Chinesen) im Osten. Die eigentliche Kaiserstadt wird von den Truppen des gelben Banners bewacht.
Daß die kaiserliche Regierung es mit dieser Bewachung wie überhaupt mit der Disziplin der Pekinger Bannertruppen recht ernst nimmt, geht aus der Regierungszeitung vom 1. April 1894 hervor, deren Bericht ich hier folgen lasse, weil er auch auf die Bestrafungsarten in der Armee einiges Licht wirft. In der Nähe der Stadtthore hatte sich verdächtiges Gesindel herumgetrieben und war zum Teil sogar in die Stadt gedrungen. Dies gelangte zur Kenntnis der Regierung, und diese verordnete Folgendes: „Der Kommandeur der Gardeabteilung des geränderten weißen Banners, Kochin, welcher an dem betreffenden Tage die Wache hatte, wird seiner sämtlichen Aemter entsetzt; aus besonderer Gnade wird ihm aber sein Rangknopf (auf dem Hut) und der Posten eines dienstthuenden Gardeoffiziers zweiter Klasse geschenkt. Der Oberst desselben Banners, ferner vier Gardeoffiziere (namentlich angeführt) sind auf der Stelle zu entlassen. Dem Brigadegeneral des linken Flügels, Shan-yin, und jenem des rechten Flügels, Chang-liu, werden ihre amtlichen Einkünfte während eines Jahres, ferner dem Prinzen Tsai-yina und dem General des mongolischen rotgeränderten Banners ihre amtlichen Einkünfte während drei Monaten entzogen. Die Mannschaften, welche an dem betreffenden Tage die Wache hatten, sind zu prügeln und zu entlassen. Beachtet dies mit Zittern.”
Die Uniform der Bannertruppen weicht von jener der Provinztruppen einigermaßen ab. Sie besteht aus einer bis über die Knie reichenden, nachthemdartigen weißen Tunika, über welcher eine ärmellose Jacke von der Farbe der betreffenden Banner getragen wird. Von derselben Farbe sind die Beinkleider, von denen jedoch nicht viel zu sehen ist, da sie in den kurzen Schäften der Filzstiefeln stecken. Der Hut ist mit zwei Eichhörnchenschwänzen geschmückt. Auf ihren kleinen, kräftigen Ponies sitzend und zu Kompagnien vereinigt, sehen diese Tatarentruppen ungemein malerisch aus. Ueber die farbenreichen Uniformen erhebt sich in jeder Kompagnie ein großes Banner, umgeben von zahlreichen kleineren Fähnchen, welche die Soldaten in eigenen Schäften auf dem Rücken tragen. Die Pfeilköcher sind über die Schultern gehängt, die Säbel aber hängen nicht am Gürtel der Reiter, sondern stecken horizontal auf der linken Seite des Pferdes unter dem Sattel, der Griff voraus. In der Rechten halten die Reiter die Zügel, in der Linken den Bogen. Zur vollkommenen Ausrüstung gehören überdies Tabakspfeife, Fächer und der mit scheußlichen Fratzen bemalte runde Schild.
Allerdings dürfen diese Truppen einem europäisch geschulten und bewaffneten Feinde gegenüber weitaus im Nachteil sein. Indessen müssen die ungeheuren Fortschritte in Betracht gezogen werden, die in den letzten zwei Jahrzehnten in Bezug auf die Ausbildung mancher Truppenkörper gemacht wurden. Neben Abteilungen, die heute noch ebenso sind wie vor hundert Jahren, giebt es andere, die vollständig nach modernen Mustern ausgerüstet und einexerziert sind und die auch, wie die letzten Kriege gezeigt haben, an Tapferkeit manchen europäischen Truppen nicht nachstehen. Von der ganzen verfügbaren Armee, mit den mongolischen und tibetanischen Truppen etwa eine Million, dürften vielleicht nur 50000 Mann den Anforderungen der modernen Kriegskunst entsprechen. Die Armee Li-Hung-Tschangs allein besteht, mit den Bannerleuten zusammen, aus etwa 50000 Mann gut geschulter Truppen mit über 500 Geschützen, von denen etwa die Hälfte moderne Hinterlader sind. Dank dem Einfluß des genannten Vicekönigs von Tschihli sind seit dem letzten Franzosenkrieg in Tientsin, Nanking und anderen Städten von europäischen Fachleuten geleitete Militärschulen und Arsenale angelegt worden, von denen jene von Shanghai und Futschau wohl die bedeutendsten sind. In Bezug auf Ingenieurwesen, Verpflegung, Sanitätswesen ist es bisher noch beim alten geblieben, doch tritt dafür wieder ein anderer wichtiger Umstand in den Vordergrund: die Ausdauer, Furchtlosigkeit und überraschende Mäßigkeit der chinesischen Soldaten. Hätten sie auch noch Disziplin, China würde es mit irgend einem Feinde aufnehmen können. Aber gerade diese fehlt dem chinesischen Soldaten vollständig, und sie kann ihm auch nicht so rasch beigebracht werden.
Die christlichen Missionsanstalten in China.
Die ziemlich verbreitete Ansicht, die Missionen in China stammten erst aus neuerer Zeit und fielen beiläufig mit der Eröffnung chinesischer Häfen für den europäischen Handel zusammen, ist irrig. In China wurde das Christentum schon viel früher gepredigt als in so manchem europäischen Lande. Der Tradition nach soll sogar der Apostel Thomas nach China gekommen sein. Sicher ist es, daß die Nestorianer dieses große Reich zum Felde ihrer Missionsthätigkeit ausersehen haben und schon in den ersten Jahren des sechsten Jahrhunderts, etwa um das Jahr 505, dorthin gelangten. Williams sagt in seinem großen Werke über China u. a.: „Eines der interessantesten alten Denkmäler in China, und gleichzeitig die älteste christliche Inschrift in Asien, rührt von den Nestorianern her und stammt aus dem Jahre 781”. Diese Inschrift wurde 1625 in Schang-an, einer Stadt der Provinz Schensi, entdeckt und beschreibt die Ankunft der christlichen Missionare, sowie den Schutz, den die chinesischen Kaiser der neuen Lehre während anderthalb Jahrhunderten angedeihen ließen. Ein Priester, Olopun, wurde im Jahre 635 vom Kaiser in seinem Palaste empfangen, und in dem gleichen Jahre wurde ein kaiserliches Edikt erlassen, das mit dem Satze schließt: „Laßt den neuen Glauben freien Lauf nehmen durch das ganze Reich”. Nachfolgende Herrscher schützten die christliche Religion, und Klöster erhoben sich bald in hundert Städten. Zu Ende des achten und in der ersten Hälfte des neunten Jahrhunderts wetteiferten die buddhistischen Missionare mit den Christen. Im Jahre 841 gelang es der Sekte der Taoisten, den Kaiser zu bewegen, ein Edikt gegen den Buddhismus zu erlassen, und mit diesem litt auch das Christentum. Kirchen und Klöster wurden zerstört, und die Nestorianer konnten sich von diesem Schlage nicht mehr ganz erholen. Wohl erwähnt Marco Polo noch christliche Kirchen in China, allein es wird bezweifelt, daß sie aus der Zeit der Nestorianer stammten. Doch gelang es im Jahre 1307 dem Pater Johannes von Monte Corvino in Peking, oder wie es damals hieß, Khanbalik, festen Fuß zu fassen. Papst Clement V. ernannte ihn zum Erzbischof von Peking, und als solcher wirkte er beinahe zwei Jahrzehnte lang. Sein einziger europäischer Gefährte war ein Deutscher, Bruder Arnold von Köln. Als bald darauf die mongolische Dynastie gestürzt wurde, fand auch die neubegründete Mission ein Ende.
Drei Jahrhunderte nach Marco Polo, in den Jahren 1579 und 1581, erreichten die ersten römisch-katholischen Missionare, die Jesuiten Michael Ruggiero und Matteo Ricci, das chinesische Reich. Von Canton wanderte Ricci nordwärts bis nach Nanking, wo er 1610 starb. Der Kaiser empfing ihn freundlich, und unter seinem Schutz bekehrte Ricci eine beträchtliche Anzahl vornehmer Chinesen zum Christentum; die Tochter eines von ihnen, in der Geschichte unter dem Namen Candida bekannt, erbaute 39 Kirchen, ließ auf ihre Kosten 130 Bücher drucken und sandte zahlreiche eingeborene Missionare in die Provinzen, um den neuen Glauben zu predigen. Bald folgten den ersten Jesuitenvätern eine Anzahl anderer, darunter die berühmten Adam Schaal, Verbiest, Regis, die unter dem Schutz des letzten Kaisers der Mingdynastie, sowie unter den beiden ersten Kaisern der neuen Mandschudynastie Hervorragendes leisteten. Das astronomische Observatorium in Peking, eine Kanonengießerei und eine Anzahl großer geographischer Werke über China legen davon noch heute Zeugnis ab. Unter dem mächtigen Schutz des Hofes und der Regierung machte der Katholizismus in China überaus rasche Fortschritte, bis es aus Anlaß religiöser Fragen zum Zwiespalt zwischen dem Kaiser und den dem Papst gehorchenden Missionaren kam. Den Chinesen leuchtete es nicht ein, daß sie einer außerhalb Chinas residierenden höheren Autorität als jener ihres eigenen Kaisers gehorchen sollten, und 1724 wurde ein Edikt erlassen, wodurch die Verbreitung des katholischen Glaubens in China verboten wurde. Alle Missionare, ausgenommen einige in Peking thätige Gelehrte, wurden des Landes verwiesen. Viele folgten dem Befehl, andere blieben im geheimen und befestigten die Uebergetretenen in ihrem neuen Glauben. Bis zum Jahre 1842 machte der Katholizismus nur geringe Fortschritte. In diesem Jahre jedoch wurde das Christentum in China durch die Verträge mit den europäischen Mächten gestattet; zahlreiche Missionare trafen bald darauf wieder in China ein, und heute giebt es unter den Chinesen weit über eine Million Katholiken. Die in Hongkong erscheinende katholische Zeitschrift „The Roman Catholic Register” gab vor kurzem folgende Statistik der katholischen Missionen in China: 41 Bischöfe, 664 europäische und 559 chinesische Priester; gegen 2000 niedere und 34 höhere Schulen; 34 Klöster, 3000 Kirchen und Kapellen und 1092818 Bekehrte. Es kommt also auf je 400 Chinesen ein Katholik. Neben den Schulen sind in vielen der über alle Provinzen Chinas verbreiteten Missionen auch Hospitäler und Waisenhäuser errichtet worden, die nicht wenig zur Bekehrung der Chinesen beitragen. Am wirksamsten ist jedoch immer noch die Propaganda vermittelst Zeitschriften, Büchern und Flugblättern in chinesischer Sprache geblieben; diese stammen hauptsächlich aus der großen Druckerei der Jesuitenmission in Zikawei, wohl die bedeutendste Druckerei in ganz China.
Von den acht in dem Reiche der Mitte thätigen katholischen Missionen sind jene des Pariser Seminars die zahlreichsten, mit zehn Vikariaten, gegen 250 christlichen Missionaren und gegen 175000 Christen. Erst dann kommt der seit 1660 in China thätige Jesuitenorden mit zwei Vikariaten, 130 Missionaren und etwa 140000 Christen. Dann schließen sich an die Lazaristen, Franziskaner und Dominikaner, deren Mission aus dem Ende des siebzehnten Jahrhunderts stammen; ferner das belgische Seminar, das Mailänder Seminar seit der Mitte dieses Jahrhunderts und endlich der Augustinerorden, der 1879 eine Mission errichtete. Als letzte kam im Jahre 1887 die deutsche katholische Mission von Südschantung, die binnen kurzer Zeit sehr große Erfolge erzielt hat. Bemerkenswert ist es, daß die beiden Kathedralen von Canton und Peking zu den größten Bauten dieser Städte gehören und daß die katholischen Missionare vielfach die Kleidung der Chinesen und sogar den langen chinesischen Haarzopf annehmen.