China und Japan: Erlebnisse, Studien, Beobachtungen

Part 40

Chapter 403,321 wordsPublic domain

Auf Flüssen, die einen Dampferverkehr besitzen, werden die Postboten gewöhnlich nur stromabwärts in eigenen Segel- und Ruderbooten nach ihrem Bestimmungsort gesandt; der Verkehr stromaufwärts erfolgt zu Land mittels Läufern. Am besten wird der ganze Postdienst dieser Art aus der Schilderung des Verkehrs auf der wichtigsten Verkehrslinie Chinas, dem Jangtsekiang, erhellen. Der entfernteste dieser Flußhäfen ist Tschungking am oberen Jangtsekiang, in der Luftlinie nur vierhundertdreißig Kilometer von der tibetanischen Grenze entfernt, eintausendfünfhundert Kilometer von Peking und etwa ebensoweit von Shanghai. Die wirkliche Entfernung dürfte zweitausend Kilometer übersteigen.

Tschungking besitzt sechzehn Postämter, von welchen sich drei mit dem Brief-, Geld- und Paketverkehr mit den stromabwärts gelegenen Städten bis Shanghai befassen, während dreizehn den Postverkehr im ganzen westlichen und südwestlichen China besorgen. Neun von ihnen besorgen auch die Beförderung von Waren, Gepäck und Reisenden (mittels Sänften und Tragstühlen) nach der Mehrzahl der dortigen Städte. Alle dreizehn Postämter bilden eine Art Postverein, denn sie berechnen die gleichen Gebühren und senden ihre Läufer, gewöhnlich drei- bis neunmal im Monat, gemeinschaftlich aus. Von diesen Läufern werden nicht weniger als 48 der wichtigsten Städte und Märkte der Provinz Szetschuan regelmäßig bedient, ferner fünf Städte in der 1000 Kilometer entfernten Provinz Schensi, zwei Städte in Kansu, zwei in Kweitschau und drei in Yünnan, zusammen also 60 Städte, in welchen die Postämter von Tschungking eigene Agenturen unterhalten. Im Bedarfsfalle werden nach den verschiedenen Städten noch Extraposten abgesandt, deren Zahl monatlich im Durchschnitt sechs erreicht.

Die drei mit den Flußhäfen des Jangtsekiang verkehrenden Postämter benutzen zur Beförderung der Briefe und Pakete sogenannte Post-Wasserhände, d. h. kleine, von einem, höchstens zwei Mann gelenkte Segel- und Ruderboote, in welchen die Kuriere und Poststücke untergebracht werden. Die Briefpakete werden in Oelpapier gewickelt, dann in wasserdichte Säcke gepackt und mit Schnüren an die Ruder des Bootes gebunden, damit im Falle eines Schiffbruchs diese Ruder als eine Art Rettungsgürtel dienen und die Briefsäcke nicht verloren gehen. Ein Brief von Tschungking nach Hankau kostet 60 Cash, ein Paket etwa 300 Cash für je 500 Gramm Gewicht, ein Wechsel von 1000 Taels nach Hankau 1000 Cash (also 1/10 Prozent), worin die Versicherungsgebühr eingeschlossen ist. Die drei Postämter lassen gemeinschaftlich alle fünf Tage ein Postboot nach Hankau abgehen, und ebenso häufig wird die Post von Hankau nach Tschungking gesandt. Extraposten kommen jetzt, da Tschungking bereits eine Telegraphenverbindung mit dem chinesischen Netz besitzt, auf dieser Linie nur noch selten vor.

Die Postboote sind länger und leichter gebaut als die gewöhnlichen Flußboote; der Bootsmann sitzt am Hinterteile des Schiffes und rudert mit den nackten Füßen, wobei die große Zehe etwa wie der Daumen arbeitet; mit der Rechten handhabt er das Steuerruder. Gleichzeitig wird, wenn irgend möglich, auch das Segel benutzt; dennoch war die kürzeste Zeit, in welcher ein Postboot von Tschungking Hankau erreicht hat, bisher elf Tage, stromaufwärts würde es selbstverständlich noch viel länger dauern; deshalb werden die Postboote, sobald sie Itschang oder Hankau erreicht haben, für 3000 bis 4000 Cash verkauft und Bootsleute, wie Kuriere kehren zu Land nach Tschungking zurück, wobei sie gleichzeitig die Hankauer Post mitnehmen.

Auf der Reise von Tschungking den Jangtsekiang abwärts ist der nächste offene Flußhafen Itschang, gleichzeitig der Endpunkt der Dampferfahrt. Dort befinden sich nur drei Agenturen von Hankauer Postämtern, die aber Briefe und Wertsendungen nach allen größeren Orten Chinas annehmen. Der wichtigste Verkehrsmittelpunkt des Jangtsekiangthales ist die etwa sieben Tagereisen weiter stromabwärts gelegene Stadt Hankau, die Metropole des chinesischen Theehandels, mit etwa einer Million Einwohner. Hier befinden sich nicht weniger als siebenundzwanzig verschiedene Postunternehmungen, von denen fünfzehn ihre Poststücke mit Dampfern, zwölf mit Landboten versenden. Briefe von hier nach Shanghai oder Ningpo kosten 80 Cash, nach Canton 100 Cash, nach Peking oder Tientsin 200 Cash, und die Postanstalten arbeiten so vorzüglich, daß selbst bei der Beförderung auf Fluß- und Kanalbooten Verluste selten vorkommen. So sandte beispielsweise, wie der Zolldirektor von Hankau berichtet, die Postanstalt Hotschang in den letzten fünfzehn Jahren 4200 Postboote aus, von denen nur drei ihre Postsäcke verloren haben.

Die Post des nächsten Posthafens Kiukiang wird durch vierzehn Agenturen von Hankauer oder Shanghaier Postanstalten besorgt, und mehrere Agenturen ruhen in den Händen einer einzigen Chinesenfirma. Auch hier arbeiten die verschiedenen Postämter zusammen und senden gemeinschaftlich einzelne Kuriere mit den Postsäcken nach verschiedenen Städten. So wird beispielsweise an allen Tagen des Monats, welche die Ziffern 1, 4 und 7 enthalten (also am 1., 4., 7., 11., 14., 17., 21., 24. und 27.), die Post nach den Städten des Südens, an allen Tagen, welche die Ziffern 2, 5 und 8 enthalten, nach den Städten des Nordens befördert. Der weiter stromabwärts gelegene offene Hafen Wuhu ebenso wie das nur zwei Tagereisen von Shanghai entfernte Tschinkiang liegen bereits gänzlich innerhalb der Interessensphäre der großen Postanstalten Shanghais, der Hauptstadt des Jangtsekianggebietes.

Neben den privaten Posten und dem oben bezeichneten Kurierdienst für Regierungsdepeschen besteht in China seit einer Reihe von Jahren noch eine Art halboffizielle Post, die von dem ausgezeichneten Leiter der chinesischen Zollämter, Sir Robert Hart, ins Leben gerufen wurde und wohl den bescheidenen Anfang für die nunmehr zur Einführung gelangende chinesische Reichspost bilden dürfte. Ursprünglich war dieser Postdienst nur für den Verkehr der Zollämter bestimmt, allein er hat sich so sehr bewährt, daß die in den Vertragshäfen residierenden Europäer ihre für das Innere Chinas, für Peking und Korea bestimmten Briefschaften hauptsächlich nur der Zollpost anvertrauen. Dieselbe ist ganz nach europäischem Muster organisiert, und die Beförderung geschieht im Sommer durch Dampfer, da ja die Vertragshäfen mit wenigen Ausnahmen Dampferverbindung mit Shanghai und demzufolge auch mit Korea und Tientsin, dem Hafen von Peking, besitzen. Da im Winter die Häfen des Gelben Meeres während mehrerer Monate durch Eis geschlossen sind, erfolgt der Postdienst dann durch Kuriere, und zwar zwischen Peking und Tientsin täglich, zwischen Tientsin und Nintschwang in der Mandschurei einmal wöchentlich, und zwischen Tientsin und den südlicheren Häfen Tschinkiang, Tschifu (d. h. also auch Shanghai) dreimal wöchentlich.

Außerdem geht von Shanghai bei jedesmaliger Ankunft der europäischen und amerikanischen Postdampfer noch eine Extrapost mit den für die Regierung und die ausländischen Gesandtschaften bestimmten Briefschaften über Land nach Peking ab. Diese Extraposten legen die Strecke Shanghai-Peking in zwölf Tagen zurück. Die Zollpostämter besitzen für die Freimachung der Briefe eigene Postwertzeichen, welche in der Mitte den chinesischen Drachen zeigen und am Rande die Wertangabe in englischer Sprache, ein, zwei oder drei Candarins, tragen. Die chinesischen Briefmarken haben jedoch nur für den chinesischen und koreanischen Verkehr Gültigkeit. Sollen Briefe z. B. von Peking oder Söul mittels der Zollpost nach Europa gesandt werden, so wird auf dieselben der Wert der Briefmarken für die Sendung nach Shanghai, also drei Candarins, aufgeklebt und außerdem noch der Wert in so vielen englischen Briefmarken, als für die Sendung nach Europa oder Amerika erforderlich ist. In Shanghai wird von seiten der Zollpost die entsprechende deutsche, englische oder französische Briefmarke dazugeklebt, je nachdem die Briefe mit deutschen, englischen oder französischen Postschiffen nach Europa abgehen.

Für den lokalen Briefverkehr in Shanghai, Hankau, Ningpo, Tschifu und Tschinkiang haben die europäischen Verwaltungen dieser Vertragshäfen eigene Briefmarken zur Einführung gebracht, und dieselben werden auch zur Freimachung der Briefe für andere Vertragshäfen benutzt. Die Behörden machen mit diesen Briefmarken vortreffliche Geschäfte, weniger durch die Lebhaftigkeit des Briefverkehrs als durch den Absatz, den sie bei europäischen Briefmarkensammlern finden.

Wie man aus den vorstehenden Ausführungen sieht, ist China ganz im Gegensatz zu den herrschenden Anschauungen viel mehr mit postalen Einrichtungen versehen, als es wünschenswert ist, ja in keinem Lande der Welt giebt es so vielerlei Postanstalten als gerade in China. Shanghai allein besitzt beispielsweise außer den sechs früher schon erwähnten staatlichen Postämtern noch gegen dreißig Privatposten für den Inlandverkehr.

Im Lauf der letzten Jahre hat es der Leiter des chinesischen Zollwesens, Sir Robert Hart, zu Wege gebracht, an vielen Hauptverkehrsrouten eine kaiserliche Post einzuführen. Er bediente sich dazu der Zollbeamten sowie einzelner Privatpostanstalten, und der ganze Apparat arbeitet so vortrefflich, daß bald das ganze Chinesische Reich kaiserliche Postämter besitzen dürfte.

Chinesisches Militär.

China hat wohl europäisches Kriegsmaterial erworben, aber der militärische Geist ist derselbe geblieben, wie er vor drei Jahrhunderten zur Zeit der Eroberung Chinas durch die Mandschus war. Die europäischen Instruktionsoffiziere fanden in China nicht etwa als Lehrmeister von Strategie und Taktik, sondern einfach als Drillsergeanten Verwendung. Vor drei Jahrhunderten hatte sich die Kriegskunst der Mandschus in so ausgezeichneter Weise bewährt, daß sie das größte Kaiserreich Asiens unterjochten und auf den Thron der gestürzten Kaiserdynastie einen Mandschurengeneral setzen konnten; warum und wozu sollte diese bewährte Kriegskunst geändert werden? Sie ebenso wie die ganze Heeresorganisation wurden also bisher mit fast abergläubischer Konsequenz beibehalten; da aber die Chinesen einsahen, daß ihre Soldaten mit Bogen und Pfeil gegen die modernen Schießwaffen der Europäer nicht aufkommen konnten, drückten sie einem Teil ihrer Streiter an Stelle des Bogens Hinterladergewehre in die Hände und schafften Kruppsche Kanonen an. Daß die Verschiedenheit der Waffen auch eine Aenderung der Taktik mit sich bringt, daran haben sie bisher nicht gedacht, obschon sie während ihrer Kriege gegen die Engländer, Franzosen und Japaner gewiß hinlänglich Gelegenheit bekamen, dies zu beobachten.

Mit rührender Treue halten die Söhne des Himmels an ihren alten Ueberlieferungen fest und stehen den Erfindungen der Yan-kwei-tse, ausländischen Teufel (das ist die gebräuchliche Bezeichnung der Chinesen für die Europäer) fast mit Verachtung gegenüber. Ich sah dies schon in der ersten Woche meines Aufenthalts in China, als ich von Hongkong den Perlfluß aufwärts nach Canton fuhr. Canton, die größte Stadt des himmlischen Reiches, gleichzeitig eines der wichtigsten und reichsten Handelsemporien Chinas, ist mit hohen, gewaltigen Mauern umgeben, und auch die Inseln, sowie die Höhen längs der Flußufer sind von steinernen Festungswerken gekrönt. Doch bestehen diese aus nichts weiter als festen Mauern, die einen weiten Platz umschließen, in deren Mitte sich die ebenfalls aus Stein erbauten Kasernen erheben. Natürlich war es bei der Expedition gegen Canton den Franzosen ein leichtes, diese Mauern zusammenzuschießen, Canton einzunehmen und dasselbe zwei Jahre lang besetzt zu halten. Dies hätte den Chinesen doch zeigen müssen, daß derlei Forts nicht nur kein Verteidigungsmittel sind, sondern daß die Steinmauern beim Aufschlagen der feindlichen Geschosse durch die umhergestreuten Trümmer den Verteidigern noch gefährlicher werden. Man hätte erwarten sollen, daß die Chinesen nach dem Abzuge der Franzosen moderne Forts anlegen würden. Statt dessen hatten sie nichts Eiligeres zu thun, als die noch unbesetzten Höhen längs des Perlflusses mit ganz denselben Steinmauern zu umgeben, wie sie die bisherigen Forts zeigten. Diese Mauern krönen nicht etwa den Gipfel oder das oberste Plateau der Höhen, sondern umschließen deren Fuß, ziehen sich allenfalls auch in den Thälern oder auf den Bergkämmen aufwärts, aber stets so, als wollten die Erbauer geflissentlich das ganze Innere des Forts den feindlichen Kugeln bloßstellen. In den Schießscharten dieser Forts stecken wohl mitunter moderne Geschütze, von Krupp oder Armstrong geliefert, in Canton selbst jedoch fand ich auf den Ringmauern nicht ein einziges modernes Geschütz, sondern nichts als verrostete, vollständig unbrauchbare Kanonen aus früheren Jahrhunderten, auf zerfallenen Holzlafetten ruhend oder einfach im hohen Grase schlummernd.

Die Garnison Cantons besteht aus den Soldaten der alten Mandschu- und Tatarenfamilien, die mit Weib und Kind in der mit einer besonderen Mauer umgebenen Tatarenstadt wohnen. Auf den freien Plätzen dort, sowie außerhalb der Stadtmauer sah ich diese Soldaten exerzieren. Die einen hatten moderne Mauser- oder Winchestergewehre, die anderen Bogen und Pfeil, wieder andere lange dreispitzige Lanzen, Schilde und Schwerter.

Dieselben Festungswerke, dieselben Soldaten fand ich später am Jangtsekiang, ja selbst in den Hafenstädten am Golf von Tschihli, welche doch die Hauptstadt des Reiches, Peking, vor feindlichen Angriffen beschützen sollen. Der wichtigste dieser Häfen ist nächst Tientsin das auf der Halbinsel Schantung gelegene Tschifu. Diese Wichtigkeit wurde in den letzten Jahren sogar von den Chinesen anerkannt, und sie beschlossen, dort neue Forts zu erbauen. Dem Hafen sind zwei Inseln vorgelagert, welche den Zugang vollständig beherrschen. Statt dort wurden die Forts, natürlich wieder nach der alten Schablone, auf dem Festlande weiter einwärts errichtet. Sachverständige schlugen die Hände über den Köpfen zusammen. Endlich wurde der Tatarengeneral der Provinz über die Gründe dieser sonderbaren Art der Küstenbefestigung befragt. „Ja”, antwortete dieser, „wohin soll sich denn im Fall der Einnahme der Forts die Besatzung zurückziehen, wenn diese Forts auf den Inseln angelegt würden?”

In Nanking, der alten Hauptstadt des himmlischen Reiches, wollte ich das dort befindliche Arsenal besuchen. Allein es wurde nicht gestattet. Doch erfuhr ich, daß alle früher dort bediensteten Europäer vor einigen Jahren entlassen wurden. Die ganze Erzeugung von Gewehren, Kanonen, Hieb- und Stichwaffen wird von den Chinesen geleitet. Die Garnison von Nanking hat dieselben Stadtteile inne wie vor dreihundert Jahren, und die Waffen sind, wie ich es bei dem Exerzieren der Truppen selbst sah, auch dieselben geblieben: Lanzen und Schwerter, Bogen und Pfeil. Nur ein kleiner Teil der Truppen ist mit Schießgewehren bewaffnet.

Der Vicekönig von Wutschang am Jangtsekiang hat einen der am Strome gelegenen befestigten Lager vor einigen Jahren hundert Hinterladergewehre mit je hundert Patronen gesandt mit dem Auftrage, Schießübungen anzustellen. Bei der Inspektion durch den Mandschugeneral im darauffolgenden Jahre rückten die Truppen wieder mit Bogen und Pfeil aus. Als nach dem Verbleib der Gewehre gefragt wurde, antwortete der Lagerkommandant, daß er sie weggegeben hätte, als die Munition verschossen war.

Pekinger Diplomaten erzählten mir, die Hälfte der dortigen Garnison hätte ihre Gewehre in den Pfandhäusern, und in den Provinzen käme es häufig vor, daß die Soldaten ihre modernen Hinterladergewehre gegen alte Feuersteinflinten sehr gern umtauschen, da sie mit diesen besser umzugehen wüßten.

Daß übrigens auch die kaiserliche Regierung in Peking keinen allzugroßen Wert auf die moderne Bewaffnung legt, geht aus einem Bericht der kaiserlichen Regierungszeitung hervor, der in der Ausgabe vom 24. Juni 1894 enthalten ist, also schon zur Zeit, als der Krieg mit Japan nahezu Gewißheit geworden war. Er lautet:

„Der Vize-Generalleutnant Ya er chien hatte in einem früheren Berichte eine Vermehrung der Ausrüstung seiner in Tscheng-tu stationierten Bannertruppen mit ausländischen Gewehren beantragt. Die hierfür erforderlichen Geldmittel sollten den Ueberschüssen der Opiumsteuer entnommen werden. Der Bannergeneral Kung schon, sowie der Generalgouverneur der Provinz Szechuan (dessen Hauptstadt Tscheng-tu ist) wurden seinerzeit zur Begutachtung dieses Antrages aufgefordert.

Nach den nunmehr eingereichten Berichten derselben sind die Steuerüberschüsse nicht groß genug für die verlangte militärische Ausrüstung; dieselben müssen auch für Notstandsjahre reserviert bleiben.

Deshalb wird dem Vize-Generalleutnant seine Bitte abgeschlagen. Wenn die zum Schutze des Landes bestimmten Bannertruppen in der vorgeschriebenen militärischen Uebung verharren, so braucht an ihrer Bewaffnung (aus Lanzen, Bogen und Pfeilen) nichts geändert zu werden und bleibt die Tüchtigkeit der Soldaten gesichert. Der Bannergeneral und seine untergebenen Offiziere sollen deshalb mit erhöhtem Eifer die militärische Ausbildung der Truppen betreiben, von welcher die Leistungsfähigkeit im Felde abhängt.”

In demselben Edikt befindet sich auch noch folgender Paragraph:

„Der obenerwähnte Generalleutnant ist mit einem übermäßigen Gefolge von siebzehn Offizieren und Soldaten nach Peking gekommen und soll die Reisekosten eigenmächtig den für den Unterhalt der Truppen bestimmten Fonds entnommen haben. Diese Verwendung öffentlicher Gelder zu Privatzwecken läßt sich aus den von sämtlichen Hauptleuten unter Siegel eingelieferten Dokumenten erweisen. Der Generalleutnant soll über diesen Punkt genauen Bericht erstatten.”

Am folgenden Tage, den 25. Juni 1894, enthält die Pekinger Staatszeitung folgendes Edikt:

„Im Januar hatte das Kriegsministerium Uns gebeten, an alle Provinzen den Befehl zur schleunigen Aufstellung einer Truppenliste zu erteilen, um eine genaue Zusammenstellung der verfügbaren Armeen machen zu können. Dieser Befehl wurde allen Generalgouverneuren und Gouverneuren erteilt und ihnen eine Frist von drei Monaten gestellt.

Da diese Frist abgelaufen ist, so möge das Kriegsministerium die Aufstellung besorgen, gegen die säumigen Beamten jedoch Strafe beantragen.”

Der Zufall spielte mir Auszüge aus den offiziellen Truppenlisten in die Hände, und gestützt darauf, sowie auf die Erkundigungen, die ich in verschiedenen Garnisonen einzog, fand ich das Heerwesen Chinas heute im großen und ganzen ebenso, wie es vor dreihundert Jahren geschildert wurde. Die ganze Organisation des Heeres ist zu interessant, zu originell, um nicht näher besprochen zu werden.

Vor allem ist es auffällig, daß die Hauptmasse des chinesischen Heeres nicht dem Kaiser untersteht und in seinem Namen angeworben und unterhalten wird, sondern daß jeder Vizekönig der achtzehn Provinzen Chinas seine eigenen, von den benachbarten Heeren völlig unabhängigen Truppen besitzt. In dieser Hinsicht haben die chinesischen Vizekönige fast ebenso souveräne Rechte wie früher die einzelnen deutschen Fürsten. Der eine Vizekönig verwendet mehr Sorgfalt auf die Uniformierung und Bewaffnung seines Heeres, der andere weniger; die Vizekönige der mit Fremden mehr in Berührung kommenden Küstenprovinzen haben schlagfertigere und besser gedrillte Truppen als jene des Inlandes, wo die Heere mitunter sehr vernachlässigt werden. Doch ist jedem Vizekönig die Truppenzahl, die er unterhalten muß, vorgeschrieben, und die Zentralregierung kann von ihm die Beistellung irgend eines beliebigen Teiles derselben oder des ganzen Heeres verlangen. So wurden beispielsweise bei Ausbruch des letzten Krieges die ersten 15000 Mann von den Vizekönigen der drei nördlichen Küstenprovinzen auf Befehl des Kaisers beigestellt. Das kleinste Heer besitzt die Provinz Anhuei im Inlande mit 8700 Mann, das größte die Küstenprovinz Kwangtung mit 70000 Mann. Die anderen Provinzen besitzen Heere von 20000 bis 60000, Tschihli, die früher von Li-Hung-Tschang regierte wichtigste Provinz des Reiches, 42000 Mann. Die Gesamtsumme dieser Provinzialtruppen oder, wie sie in China heißen, der Truppen des grünen Banners, beläuft sich auf 650000 Mann. Ihr Sold ist ebenso verschieden wie ihre Bewaffnung und ihre Einteilung. Während beispielsweise die Ausgaben für die Armee Li-Hung-Tschangs im Jahre über 1½ Millionen Taels betragen, erreichen jene der um 8000 Mann stärkeren Armee Kiangfus kaum 1 Million Taels. Die Gesamtausgaben der Provinzen für die 650000 Mann betragen 14½ Millionen Taels oder etwa 60 Millionen Mark. Diese Ausgaben müssen jedoch bei der Zentralregierung verrechnet werden, ebenso ist es diese letztere, welche auf Grundlage der eingereichten Vorschläge sämtliche Offiziere ernennt. Die Truppen des grünen Banners besaßen nach den erwähnten Tabellen des Kriegsministeriums in Peking folgende Offiziere: 16 Generale, 64 Generalleutnants, 280 Oberste, 373 Oberstleutnants, 425 Majore, 825 Hauptleute, 1650 Leutnants und 3500 Fähnriche, im ganzen also etwa 7100 Offiziere. Dies dürfte wohl die geringste Offizierszahl in irgend einem Heere sein, denn beispielsweise besitzt Frankreich bei einer der chinesischen Truppenzahl nahezu gleichen Friedensstärke mehr als die vierfache Zahl von Offizieren, nämlich 28555. Italien besitzt bei einem Drittel der obigen Friedensstärke die doppelte Zahl von Offizieren.

Die Truppen der einzelnen Provinzen sind nicht in Regimenter und Bataillone eingeteilt, sondern liegen in Abteilungen verschiedenster Stärke in Städten, Forts oder in einzelnen Lagern. Jede Provinz ist in eine gewisse Zahl militärischer Distrikte unter dem Befehl eines Obersten eingeteilt, und in jedem Distrikt befinden sich mehrere Lager. In den Städten versehen die Garnisonen gleichzeitig den Polizeidienst, denn Polizei im europäischen Sinne giebt es in China nicht. In den Lagern, besonders wenn diese auf dem Lande gelegen sind, hat der Soldat nicht viel zu thun. Ausgenommen zur Zeit der Manöver oder bei Inspektionen durch die Kommandierenden, beschäftigt er sich mit Ackerbau, Gartenzucht oder allerhand Gewerben. Gewöhnlich ist er auch noch verheiratet und hat Weib und Kind bei sich.

In jeder Provinz giebt es einen Mandschu- oder Tatarengeneral, der unabhängig von dem Provinzgouverneur seine (kaiserlichen) Mandschutruppen befehligt und direkt der Zentralregierung untersteht, außerdem noch einen General der Provinztruppen. Der kommandierende General von Schantung hat sein Hauptquartier nicht in der Kaiserstadt, sondern in Yentschou-fu, wo ich Gelegenheit bekam, Tieng-min-leh, dies sein Name, kennen zu lernen. Er erwies mir nämlich die Ehre seines Besuches. Ihm voraus trabte seine berittene Leibgarde, mit kurzen Schwertern bewaffnet, dann kamen die Träger der Zeremonienschirme und fantastisch geformten, auf langen Stangen sitzenden Zeremonienwaffen, endlich der Karren des Generals, umgeben von zwölf Schwertträgern. Militärmandarine bedienen sich bei Ausgängen oder Besuchen gewöhnlich eines zweiräderigen Maultierkarrens, Zivilmandarine der Sänfte. Der alte Herr war von einer Liebenswürdigkeit, wie ich sie noch bei keinem Mandarin angetroffen hatte. Er blieb eine halbe Stunde bei mir sitzen, sprach unter anderm von Napoleon III. und Moltke, dessen Schriften, ins Chinesische übersetzt, sich in seiner Bibliothek befänden. Er erwähnte auch, er hätte in den chinesischen Zeitungen Shanghais und Pekings von meiner Reise gelesen, sowie von meiner publizistischen Thätigkeit zu Gunsten Chinas während des japanischen Krieges, und ich könne in China überall des freundlichsten Empfanges sicher sein. Er sei ein großer Freund der Deutschen, hätte von diesen viel gelernt und ließe auch seine Truppen nach deutschem Muster drillen. Wie diese aussehen, ist aus den Abbildungen dieses Kapitels zu entnehmen. Im ganzen mochte er in seinem Lager einige hundert Mann haben.