China und Japan: Erlebnisse, Studien, Beobachtungen

Part 39

Chapter 393,361 wordsPublic domain

Von diesen „großen” Banken sind in den verschiedenen Hafenstädten die Haikwanbanken die wichtigsten, denn diese befassen sich mit den Einzahlungen der Zölle an die Zollämter und der Absendung der Zolleinnahmen nach Peking resp. Tientsin. Die Zölle dürfen nicht in gewöhnlichen Provinz-Taels, sondern nur in vollwertigen, gesetzlich bestimmten Taels einbezahlt werden, und daher auch der Name Haikwan tael, der in der letzten Zeit in den europäischen Zeitungen häufig zu lesen war. In den Europäern nicht geöffneten Städten nehmen diejenigen Banken die erste Stelle ein, welche die Steuern, Likin, Abgaben für Opium und Salz einkassieren, die Beamtenbesoldungen ausbezahlen und die Einnahmen der einzelnen Distrikte nach Peking remittieren. Diese Banken sind nicht etwa Staatsbanken. Gewisse, das Vertrauen des Gouverneurs oder Taotais genießende Bankhäuser werden eben mit den Regierungsgeschäften betraut. Möglicherweise haben sie sich diese Stellung durch Bestechung der Beamten erworben, oder die letzteren beteiligen sich an dem Gewinn. Da sie das größte Ansehen genießen, werden ihnen häufig auch die Gelder von kaufmännischen oder Wohlthätigkeitsgesellschaften, Waisenhäusern und Spitälern zur Verwaltung gegeben. Sie zahlen für Depositen weniger Zinsen und sind überhaupt konservativer als die gewöhnlichen Banken. Ihnen zunächst im Ansehen und Vertrauen kommen die sogenannten Schansibanken. Sie führen diesen Namen deshalb, weil ihre Leiter durchwegs aus der Provinz Schansi im Norden Chinas stammen; auch ihre Angestellten sind größtenteils aus der gleichen Provinz, womöglich sogar aus demselben Orte. Die Hauptsitze dieser Schansibanken befinden sich in den größten Städten Chinas, und von dort werden in kleineren Städten und Hafenplätzen Zweigbanken gegründet. Wie groß das Vertrauen ist, das man diesen Schansileuten entgegenbringt, geht aus der Thatsache hervor, daß die Zweighäuser häufig ohne irgend welches Kapital gegründet werden. Kaum hat die Bank ihre Thüren geöffnet, so erhält sie schon Depositen, mit denen sie ihr Geschäft betreibt.

Jede der genannten Banken besitzt einen Beamtenstand von sechs bis zwölf, ja bis zu zwanzig Leuten, welche feste Summen monatlich beziehen und außerdem noch an dem Gewinn der Bank beteiligt sind. Eine Ausnahme machen die Schansibanken. Wird ein Beamter in irgend einem Zweighause im Innern des Landes angestellt, so geschieht dies gewöhnlich auf die Dauer von drei Jahren, während welcher Zeit die Familie des Betreffenden als Pfand unter der Aufsicht des Haupthauses bleibt und von diesem allen Lebensbedarf erhält, der genau verrechnet wird. Auch der Beamte erhält während der drei Jahre keinen Gehalt, er entnimmt den Bankgeldern alles, was er für Nahrung, Wohnung, Kleidung, für Repräsentationskosten, Bankette und dergleichen bedarf, und bucht jeden Betrag unter den Bankausgaben. Unterbeamte erhalten ihren Bedarf an Kleidung, Nahrung und dergleichen von dem Bankchef. Während der ganzen Dienstzeit dürfen sie mit ihren Familien nur durch das Hauptbankhaus verkehren, d. h. ihre Briefe an die Familie werden zuerst von den Chefs gelesen, bevor sie in die Hände der Familie gelangen. Nach Ablauf der drei Jahre werden sie von anderen Beamten abgelöst und kehren mit ihren Büchern nach dem Hauptsitz der Bank zurück. Dort werden die letzteren geprüft, und hat sich neben ehrlicher Verwaltung der Gelder auch noch ein ansehnlicher Gewinn gezeigt, so erhalten die Beamten eine bedeutende Summe als Belohnung und dürfen zu ihren Familien zurückkehren. Werden Unterschleife entdeckt, so müssen sich die Betreffenden vor dem Gericht verantworten und werden gegebenenfalls eingesperrt.

Diese großen Banken haben es hauptsächlich mit der Regierung, mit reichen Kaufleuten, Zöllen, Salz- und Opiumsteuern, Likin (Wegezöllen) und anderem zu thun. In den Hafenstädten sind das Hauptzahlungsmittel mexikanische, japanische, spanische, Hongkong- und Canton-Dollars, selbst den Jangtsekiang aufwärts bis nach Tschunking werden sie überall als Zahlung angenommen. So z. B. ist in Wuhu der Carolus oder spanische Dollar allgemein eingeführt, und es sind davon auch in der ganzen Provinz über eine Million verbreitet. Im Innern des Landes aber sind es nicht Münzen, sondern Silberbarren, mit denen Zahlungen geleistet werden. Ihrer dem chinesischen Schuh nicht unähnlichen Form nach werden diese Barren allgemein mit dem englischen Namen Shoe bezeichnet. Der gewöhnliche Shoe hat einen Wert von 50 Taels, es giebt aber auch solche von 20, 10 und 5 Taels, welche wohl die kleinsten sind. Im Chinesischen heißt dieses ungeprägte Silber Sycee (Seisieh). Um Fälschungen der Barren zu vermeiden, bestehen in den größeren Städten eigene Probierämter oder Kung-ku, die aber keineswegs Staatsämter sind, sondern von den Bankhäusern und großen Geschäftsfirmen unterhalten werden. Für die Prüfung und Bestimmung eines Shoes von 50 Taels wird eine Gebühr von 50 Cash bezahlt. Da sich Silber auf dem Probierstein je nach dem Silbergehalt mehr oder weniger entfärbt, so werden die Shoes nach der Farbe (im Chinesischen Se) geprüft, und man sagt „der Shoe hat 97 oder 98 Farbe”. Sobald der gewöhnlich sehr hohe Silbergehalt bestimmt ist, wird der Shoe gewogen, und das Probieramt schreibt mit roter Farbe den Inhalt und den Wert des Barrens in Taels auf denselben. Diese Bestimmung wird von den Handelsleuten selten in Zweifel gezogen und gewöhnlich in gutem Glauben angenommen.

Die Banken beschäftigen sich nicht nur mit der Verwaltung, Verzinsung und Versendung von Geldern, sie gewähren auch Darlehen, bezahlen für Kaufleute die Steuern und Abgaben, und ein höchst seltsames Geschäft ist das Spekulieren in Beamtenstellen. Hat einer oder der andere gelehrte Chinese seine Prüfungen gut bestanden, so hat er Anwartschaft auf irgend einen Beamtenposten, den er nach Monaten oder nach Jahren in Peking wirklich erhält. Während dieser Wartezeit werden ihm von Banken, selbst von den Schansibanken, Vorschüsse geleistet, ja bei der elenden Mandarinwirtschaft und der Käuflichkeit der Stellen schießen die Banken die Gelder zum Ankauf einer Stellung vor, senden sie nach Peking, und das Diplom, die Amtsinsignien und dergleichen werden auch nicht dem Beamten, sondern der Bank zugesandt, welche sie dem neuen Regierungsangestellten aushändigt. Die Bank zieht dann die Vorschüsse von dem Gehalt der Beamten ratenweise ab. Der Geldverkehr zwischen den einzelnen Städten wird gewöhnlich durch Wechsel besorgt, und die Banken haben eigene, ich möchte sagen lokale Handlungsreisende, die von Zeit zu Zeit oder auch täglich in den großen Geschäftshäusern vorsprechen, um sich auf dem Laufenden zu erhalten. Sind beispielsweise von vier verschiedenen Häusern in Futschau Gelder an ebensoviele Häuser in Ningpo zu senden, so werden die Banken die Gesamtsumme an ein europäisches Bankhaus in Futschau einzahlen, welches dafür einen Wechsel an ein europäisches Haus in Ningpo sendet. Gleichzeitig benachrichtigt die chinesische Bank in Futschau ihren Korrespondenten in Ningpo, daß der an sie gelangende Wechsel in vier einzelnen Beträgen an die vier bestimmten Handelshäuser zu zahlen sei. Kommt es vor, daß Kaufleute in Ningpo bestimmte Summen an chinesische Kaufleute in Futschau zu zahlen haben, so verständigen sich die Banken, und es wird nur die Differenz übermittelt, also etwa das Prinzip unserer „~Clearing Houses~”, aber ~par distance~.

Der Mittelpunkt dieses clearing für ganz China ist jedoch unzweifelhaft nicht Canton oder Hongkong, sondern Shanghai. Die Bankhäuser in Shanghai haben allerorts ihre Korrespondenten, und der größte Teil des Geld- und Wechselverkehrs spielt sich dort ab. All dies zeigt entschieden ein großes gegenseitiges Vertrauen, eine Ehrlichkeit und Anständigkeit des Geschäftsverkehrs, von welcher man in Europa bisher viel zu wenig Kenntnis hatte, und beweist, daß man die Chinesen in dieser Hinsicht auch viel zu sehr unterschätzt, wie man bisher gewohnt war, die Japaner zu überschätzen. Die geschilderten Verhältnisse zerstören auch gründlich die immer noch in vielen Kreisen bestehende Annahme, China besitze kein Geld, keinen Geschäftsverkehr, das Land wäre seit Jahrtausenden erstarrt und verlottert.

Wie die Chinesen ihre Briefe befördern.

Der Umstand, daß in den Briefmarkenalbums nur chinesische Zollbriefmarken, aber keine eigentlichen Reichspostmarken vorkommen, hat in Europa die Meinung aufkommen lassen, China besitze überhaupt kein Postwesen. Das mag richtig sein, wenn man sich darunter das moderne Postwesen nach Stephanschem Muster vorstellt, mit seinen regelmäßigen Versendungs- und Lieferzeiten, mit Briefmarken, Postkarten und internationalen Einrichtungen. Man würde aber gewaltig fehlgehen, wollte man annehmen, daß es in dem großen Reiche der Mitte überhaupt keine Post gäbe. Im Gegenteil. Briefe, Pakete und Gelder können in China heute von einem Ende des viele Millionen Quadratkilometer großen Landes zum andern befördert werden, und diese Sendungen gelangen mit erstaunlicher Sicherheit in die Hände der Adressaten. Städte und Dörfer aller achtzehn Provinzen sind durch die chinesische Post erreichbar, und unsere europäischen Kaufleute können mit dem Dalai Lama von Tibet oder dem Vizekönig der Mandschurei beinahe ebenso einfach korrespondieren, als wäre China ein Glied des Weltpostvereins.

Dabei sind die postalischen Einrichtungen Chinas nicht etwa Errungenschaften der Neuzeit, den Europäern abgelauscht, wie es beispielsweise in Japan der Fall ist. Das chinesische Postwesen ist das älteste des Erdballs, älter als jenes der Aegypter und Chaldäer, ebenso wie ja auch die chinesische Schriftsprache die älteste ist. Schon vor fünftausend Jahren haben die Chinesen Briefe geschrieben und durch ihre Post befördern lassen. Vor einem Jahrtausend besaßen sie schon ihre Regierungszeitung, die durch Postboten an ihre Abonnenten bestellt wurde, und da sage man, die Chinesen hätten keine Post! Marco Polo hat in seinen Werken die erste Schilderung dieser Post entworfen, und hätten die Europäer damals (etwa im dreizehnten Jahrhundert) mehr Unternehmungsgeist besessen, es wäre, gestützt auf die Ausführungen Marco Polos, vielleicht schon zu jener Zeit unserm Kontinent ein Thurn und Taxis erstanden.

Erst im siebzehnten Jahrhundert gelangte das Postwesen in Europa auf dieselbe Stufe, auf der es in China schon zu Anfang der christlichen Zeitrechnung war. Seither ist es den Chinesen freilich in ungeahnter Weise vorausgeeilt, während es bei den letztern beinahe auf derselben Stufe wie zur Zeit Christi stehen geblieben ist. Bis vor wenigen Jahren verschloß sich ja China sogar dem Telegraphen.

Ohne ein eigenes Postwesen wäre es den Chinesen gar nicht möglich gewesen, ihr ungeheures Reich von einer Hauptstadt aus zu regieren. Deshalb stand schon vor Jahrtausenden und besteht heute noch ein eigener Kurierdienst, der in Peking seinen Mittelpunkt hat und dort dem Kriegsministerium untersteht. In einem der Yamen des letztern stehen beständig Kuriere und Pferde bereit, um die kaiserlichen Dekrete und die Pekinger Zeitung an die Vizekönige der einzelnen Provinzen zu bringen, und es werden davon in jeder Woche eine bestimmte Zahl nach verschiedenen Richtungen versendet. Die Kuriere nach der Mandschurei und nach dem nördlichen Tibet sind gewöhnlich beritten, während jene nach dem Süden die mitunter über zweitausend Kilometer weiten Strecken zu Fuß zurücklegen. Wie rasch diese Kurierpost funktioniert, geht beispielsweise aus der Thatsache hervor, daß den kaiserlichen Beamten für die Reise von Peking nach Canton, eine Strecke von etwa zweitausend Kilometern, drei Monate eingeräumt werden, während die Postläufer gehalten sind, diese Strecke in zwölf Tagen zurückzulegen. Es entfallen also auf jeden Tag gegen hundertsiebzig Kilometer. Gewöhnliche offizielle Dokumente werden mit einer Schnelligkeit von zweihundert Li (etwa hundertzehn Kilometer) pro Tag befördert; Dokumente, welche mit der Bezeichnung „Eilig” versehen sind, müssen mit der Schnelligkeit von zweihundertzwanzig Kilometern, und solche, welche den Vermerk „Sehr Eilig” tragen, mit der Schnelligkeit von vierhundert Kilometern im Tag befördert werden. Während der Taipingrevolution versahen die Reichspostboten zeitweise den Dienst mit einer durchschnittlichen Schnelligkeit von zwanzig Kilometern in der Stunde.

Freilich werden zu kaiserlichen Postläufern nur die größten und stärksten Männer ausgesucht, und sie heißen im Chinesischen auch Tschien-fu, d. h. starke Männer, oder Tsien-li-ma, d. h. Tausendpferd. In ihrer Kleidung unterscheiden sie sich nur wenig von dem chinesischen Landvolk: lose blaue Jacken mit langen, weiten Aermeln, kurze, bis über die Knie reichende Beinkleider und einen schwarzen Hut, der in Form und Größe einer umgestürzten Schüssel ähnelt. Die Waden sind nackt, und die Füße sind mit leichten Strohsandalen bekleidet. In der Rechten halten die Läufer einen papiernen Sonnenschirm, in der Linken eine Papierlaterne, deren Licht nach Eintritt der Dunkelheit angezündet wird. Die Depeschen, Zeitungen und Pakete sind in Oelpapier eingeschlagen und gewöhnlich in einem Rückenkorb aus Bambusgeflecht untergebracht, der durch ein um die Brust geschlungenes Tuch festgehalten wird. An diesem letztern baumelt eine kleine Glocke oder Schelle, das Abzeichen der Postläufer. Obschon die zu tragende Last zuweilen vierzig bis fünfzig Kilogramm beträgt, ist die gewöhnliche Gangart der Postläufer der Laufschritt. Tag und Nacht, bei glühender Hitze oder grimmiger Kälte traben sie auf den elenden Wegen leicht einher, oft mehrere Stunden ohne Unterbrechung. Unterkunft und Nahrung erhalten sie in den einzelnen Ortschaften, die sie berühren, von den Behörden, doch gilt es den Läufern als Regel, sich niemals zu sättigen, sondern lieber öfter, dafür aber nur eine geringe Menge Speisen zu sich zu nehmen. Charakteristisch für die Sicherheitszustände in China ist es, daß die Postläufer keine Waffen tragen. Nur in unruhigen Zeiten werden ihnen ein oder mehrere Geleitsmänner mitgegeben, ebenso kräftig und ausdauernd, wie sie selbst sind. Diese Tschien-fu haben eine eigentümliche Art, sich auf Kämpfe mit etwaigen Straßenräubern einzuüben. In einem hohen Raume werden an langen, von der Decke hängenden Seilen schwere Sandsäcke befestigt. Der Uebende stellt sich in der Mitte zwischen denselben auf und versetzt der Reihe nach jedem Sacke einen kräftigen Stoß, bis sie sich alle in schwingender Bewegung befinden. Die Aufgabe des Uebenden besteht nun darin, die schweren Säcke fortwährend in Schwingung zu erhalten und darauf zu sehen, daß kein Sack ihn von hinten trifft oder gar umwirft. Sollte das geschehen, so wird der Betreffende zum Geleitsdienst nicht mehr zugelassen. Man glaubt gar nicht, welche Behendigkeit und Kraft es von dem Uebenden erfordert, sich diese von allen Seiten auf ihn eindringenden Sandsäcke vom Leibe zu halten, und die chinesischen Straßenräuber haben auch gewöhnlich vor den Geleitsmännern der Post einen heiligen Respekt.

Für die reitenden Boten sind auf bestimmte Entfernungen Pferdewechsel vorhanden, und die Beförderung der Postsäcke erfolgt in ähnlicher Weise, wie sie beispielsweise in den Vereinigten Staaten noch in den sechziger Jahren, vor der Eröffnung der Pacific-Eisenbahnen, stattfand. Dort waren es Privatunternehmer, die bekannte, noch heute blühende Firma Wells Fargo Expreß, welche die Briefbeförderung zwischen dem Mississippithal und Kalifornien besorgten, und noch in den siebziger Jahren bin ich in Arizona diesen Postreitern mitunter selbst begegnet.

Obschon die Läufer der chinesischen Regierungspost nur mit offiziellen Depeschen Peking verlassen, werden ihnen auf ihrem Wege nach den entfernten Provinzhauptstädten doch auch viele Privatbriefe zur Besorgung übergeben, ein recht einträglicher Nebenverdienst, wenn man bedenkt, daß die Beförderung eines Briefes, je nach der Strecke, zwei- bis vierhundert oder selbst noch mehr Cash, d. h. vierzig bis achtzig Pfennig kostet.

Aber der eigentliche nichtamtliche Postverkehr Chinas wird durch private Postunternehmungen besorgt, deren es in jeder größeren Stadt eine beträchtliche Anzahl giebt. Es spricht nicht wenig für die Ehrlichkeit und Gewissenhaftigkeit der Geschäftsleute, daß diese privaten Postanstalten unter keinerlei Regierungsaufsicht stehen, keine Bürgschaften zu hinterlegen haben und mitunter nur unbedeutendes Betriebskapital besitzen; dennoch werden ihnen häufig von Kaufleuten beträchtliche Geldwerte zur Beförderung übergeben. Obschon nun diese Beförderung gewöhnlich durch einfache, arme Postläufer erfolgt und die Briefe mitunter mehrmals die Hände wechseln, kommen Verluste doch nur selten vor. Tragen die Angestellten der betreffenden Firmen die Schuld an dem Verlust, so wird derselbe von den Firmen voll ersetzt.

Jede dieser Privatposten besitzt in den verschiedenen Städten eigene Agenten, und wo sich eine Agentur für jeden einzelnen Unternehmer nicht lohnen würde, bestellen mehrere einen gemeinschaftlichen Agenten, welcher dafür an ihre Gesamtheit jährlich eine Art Miete zu entrichten hat. Was er während des Jahres über diese Summe an Beförderungsgebühren einnimmt, ist sein Verdienst. Wird die Summe aber nicht erreicht, so wird ihm der Unterschied von den Postanstalten ersetzt.

Die Chinesen schreiben viel mehr Briefe, als man anzunehmen geneigt wäre, und der ungeheure Geschäftsverkehr im Inland macht die große Zahl von Briefen und dementsprechend auch die große Zahl von privaten Postämtern begreiflich. Dennoch ist der Verdienst der letzteren wegen der Zersplitterung des Postdienstes und der doppelten oder dreifachen Besetzung desselben Postens nur gering. Würde die Regierung das ganze Postwesen in eigene Verwaltung nehmen und in ähnlicher Weise einrichten, wie es heute wohl in allen Staaten des Erdballs geschieht, so könnten sehr beträchtliche Einnahmen erzielt werden.

Die Chinesen schreiben ihre Briefe gewöhnlich auf kleine, weiche, gelbliche Papierbogen, die durch rote Striche in vertikale, fingerbreite Spalten geteilt sind. Jede Spalte enthält eine Zeile der eigentümlichen, von oben nach unten und von rechts nach links geschriebenen Schriftzeichen.

Der Brief wird in einen geklebten Umschlag von länglicher Form gesteckt, der der Länge nach mit einem zweifingerbreiten Streifen von roter Farbe, der Glücksfarbe, bedruckt ist. Auf diesen wird die Adresse geschrieben und der nun fertige Brief auf eines der Postämter getragen. Briefmarken sind in den chinesischen Privatpostämtern unbekannt. Der Beamte erkundigt sich, ob der Briefschreiber die Beförderung ganz oder teilweise bezahlen oder die Bezahlung dem Adressaten überlassen will, und pinselt dementsprechend einen Vermerk auf den Briefumschlag: „Weingeld (d. h. Postgebühr) bezahlt”, oder „Weingeld nach dem Tarif”, oder „so und so viel Cash bezahlt, Rest einzufordern”. Nur wenn der Brief Banknoten, Wechsel und dergleichen enthalten sollte, wird die Beförderungsgebühr von dem Absender bezahlt, und er erhält dafür einen Empfangsschein, auf Grund dessen er im Fall des Briefverlustes die volle Wertsumme vom Postamte einfordern kann. Bei solchen Wertsendungen sind je nach der Entfernung des Bestimmungsortes für je hundert Taels ein halber bis anderthalb Tael Versicherungsgebühr zu bezahlen.

Wohl giebt es bei den meisten Privatpostämtern Chinas, und es sind deren Tausende, feste Tarife; je größer die Entfernung, desto höher die Bestellungsgebühr; das Briefgewicht ist dabei Nebensache. Deshalb kommt es auch in den verschiedenen Großstädten täglich vor, daß eine Anzahl Briefschreiber ihre für dieselbe Stadt bestimmten Briefe in einen einzigen Umschlag zusammenthun, wodurch je nach der Zahl der Briefe ein oder mehrere Taels an Postgebühr erspart werden. Am Bestimmungsorte übernimmt es dann der Adressat, die anderen beigeschlossenen Briefe an ihre Adressen abzuliefern oder nochmals der Post zur Beförderung zu geben. So beträgt beispielsweise die Gebühr für einen Brief von Tschunking am oberen Jangtsekiang nach Hankau, eine Entfernung von 3000 Li, 60 Cash, im Hankauer Lokalverkehr jedoch nur 5 Cash; werden zwanzig Briefe nach Hankau befördert, so würden sie einzeln 60 Cash, zusammen 1200 Cash, d. h. nahezu einen Tael kosten. In einem Umschlag vereinigt, kosten sie nur 60 Cash, und dazu in Hankau selbst je 5 Cash, d. i. 100 Cash Bestellungsgebühr. Statt 1200 Cash haben also die Empfänger zusammen nur 160 Cash zu bezahlen.

Uebrigens gelten die Tarifsätze der Postämter nur für Fremde und Privatleute, die nur selten Briefe absenden. Die Inhaber der Postämter lassen mit sich reden. Je geringer ihr Ansehen und ihre Stellung, desto wohlfeiler ist die Beförderung; haben die Postämter es mit großen Hongs, d. h. Geschäftshäusern zu thun, die viele Briefe absenden, so gehen sie mit ihrem Tarif auf zwei Drittel oder die Hälfte herunter; ja sie befördern die Briefe der Angestellten dieser Häuser ganz frei, d. h. stempeln diese Briefe „Weingeld bezahlt” und lassen an den Abgangstagen ihrer Postläufer die Briefe von den einzelnen Hongs durch ihre Angestellten selbst abholen.

Beim Eintreffen der Kuriere senden die Postanstalten die Briefe den verschiedenen Adressaten ins Haus und ziehen dabei die Gebühren ein. Die großen Geschäftshäuser haben aber gewöhnlich bei ihren Postämtern eine laufende Rechnung und zahlen die Briefgebühren ein- oder zweimal jährlich.

In den Großstädten haben sich die meisten größeren Postunternehmungen untereinander bezüglich der Absendung ihrer Läufer nach anderen wichtigen Städten geeinigt, d. h. einen sogenannten Pool abgeschlossen, demzufolge jeden Tag oder jeden zweiten, dritten, vierten Tag, je nach Erfordernis, der Läufer einer anderen Postanstalt abgeht und die Briefe sämtlicher Postanstalten mitnimmt. Da jeder Brief die zu bezahlende Summe und den Namen der Postanstalt zeigt, so ist die Abrechnung ziemlich leicht. Dank dieser Vereinigung der Postämter lohnt es sich nunmehr auch, zeitweilig Kuriere nach entfernteren, unbedeutenden Städten abzusenden, so daß heute thatsächlich in ganz China von diesen Postanstalten Briefe bestellt werden. Der Kurier erhält von seinem Absender den Auftrag, den betreffenden Brief auf seinem Wege in dem dem Bestimmungsort nächstgelegenen Wirtshause abzugeben. Der Wirt verwahrt den Brief, bis ein nach demselben Dorfe ziehender Maultiertreiber oder Lastträger bei ihm vorkommt, und übergiebt ihn diesem zur Weiterbeförderung. Gewöhnlich sind diese Leute froh, sich durch solche Gelegenheiten ein paar Cash zu verdienen, und geben die Briefe gewissenhaft ab.

Dort, wo zwischen verschiedenen Städten Dampferverkehr herrscht, werden die Briefsäcke den Compradores, d. h. Zahlmeister, der Dampfer zur Beförderung anvertraut, und diese beziehen dafür von den Postämtern gewisse Summen, die entweder für jeden Postsack oder jährlich bezahlt werden. An den verschiedenen Bestimmungsorten der Postsäcke erwarten die Agenten der Postämter die Ankunft des Dampfers und nehmen die Säcke zur Verteilung oder Weitersendung der Briefe in Empfang. In ähnlicher Weise wird sogar auch der Briefverkehr zwischen China und den zahlreichen chinesischen Kolonien in Ostasien, in Singapore, Siam, Tonking, Saigon, den Philippinen besorgt. Die Chinesen gehen so viel wie möglich den europäischen Postämtern aus dem Wege, besonders wenn es sich um Beförderung von Geldsummen handelt. Gerade die Chinesen in den Kolonien senden sehr viel Geld nach ihrem Heimatsland, wohin sie ja gewöhnlich bei zunehmendem Alter selbst zurückkehren.