China und Japan: Erlebnisse, Studien, Beobachtungen
Part 37
Ein solches Buch ist nun auch jedes Exemplar der offiziellen Pekinger Zeitung, denn der Inhalt verteilt sich auf zehn bis zwanzig und noch mehr Blätter, je nach der Menge des Textes. Sind alle Blätter in der geschilderten Weise gedruckt worden, so werden sie gefaltet und zusammengeheftet dadurch, daß man sie etwa einen Centimeter vom Rückenrand durchlocht, Bindfäden aus gedrehtem Papier durchzieht und diese zusammenknüpft. Ueber die Bindfäden aus Papier darf man sich nicht wundern, denn das chinesische Papier ist aus viel zäheren Stoffen angefertigt als das unserige. In Korea fand ich sogar aus Papier gedrehte Seile und Schnüre allgemein im Gebrauch.
Jedes Exemplar der Pekinger Zeitung wird nun mit einem Umschlag von gelbem Papier versehen, denn gelb ist die Farbe des Kaisers; dann wird noch auf der hintersten Seite des Umschlags in roter Farbe der Name Tsing-pao, d. h. Hauptstadtzeitung aufgedruckt, und damit ist die Zeitung zur Ausgabe bereit. Eigene Kuriere der Postbehörde übernehmen die Pakete und laufen damit durch die Straßen Pekings, um sie den einzelnen Mandarinen, Gesandtschaften und sonstigen Abonnenten zu überbringen. Auf die Zeitung kann nämlich auch um den geringen Preis von beiläufig einer deutschen Reichsmark für den Monat abonniert werden.
Davon machen auch eigene halbamtliche Druckereien in jeder Provinzhauptstadt Gebrauch. Kaum ist der Kurier aus Peking mit den Regierungsdepeschen und den Zeitungsnummern im Yamen des Generalgouverneurs oder Vizekönigs eingetroffen, so kommt ein Zeitungsexemplar nach der Druckerei, um dort für die Abonnenten und Behörden der Provinz nochmals vervielfältigt zu werden.
Der ganze geschilderte Vorgang nimmt wie gesagt mehrere Tage in Anspruch. Nun liegt es aber im Interesse der Behörden und Gesandtschaften, so rasch als möglich in den Besitz der einzigen offiziellen Regierungsnachrichten zu kommen, und deshalb werden mit stillschweigendem Einverständnis der Postverwaltung in Peking noch zwei andere Ausgaben der Zeitung veranstaltet. Bei der einen, „T’schang peun”, d. h. lange Zeitung (weil das Format etwas länger ist), wird der Text der Dekrete auf Wachsplatten rasch eingeschnitten und von diesen der Druck veranstaltet; für die zweite „Sie’-peun”, d. h. geschriebene Zeitung, wird der Inhalt der Dokumente von Schreibern rasch in der erforderlichen Anzahl von Exemplaren abgeschrieben. Sie besteht aus einem einfachen Blatt Papier ohne Umschlag. Diese Ausgabe kommt gewöhnlich einige Tage früher als die gedruckte zur Verteilung und kostet, ihrer Herstellungsweise entsprechend, erheblich mehr, d. h. etwa 24 Reichsmark monatlich.
Nehmen wir einmal eines der gelben offiziellen Zeitungshefte zur Hand. Natürlich müssen wir, wie bei arabischen und jüdischen Büchern, von rückwärts beginnen. Jede Seite wird durch violette Linien in sieben vertikale, etwas über einen Centimeter breite Rubriken geteilt, und in jeder Rubrik stehen vierzehn Zeichen, die aber nicht am oberen Rande, sondern etwa fünf Centimeter weiter unten beginnen. Auf jeder Seite bleibt dieser obere Raum als Ausdruck der Achtung für die kaiserlichen Dekrete und Nachrichten frei, gerade so wie wir es in unseren Briefen an Hochgestellte zu thun pflegen.
Die erste Rubrik der ersten Seite, nach unserer Lesart also die letzte, enthält das Datum: Tag, Monat und Regierungsjahr des Kaisers; die zweite die Inhaltsangabe (mu-lu). Dann folgen auf dem Rest der ersten und zuweilen auch der zweiten Seite Hof- und Palastnachrichten. Jeder Ausgang des Kaisers, jedes Gebet, jeder Besuch wird genau mit allen Einzelheiten des Zeremoniells, der Kleidung und des Gefolges verzeichnet. Die dritte Seite enthält den Garnisonsbefehl, d. h. den Stand und die Dienstleistungen der verschiedenen Tatarenbanner von Peking. Auf den folgenden Seiten befinden sich die Edikte des Kaisers, dann die Ernennungen und Verfügungen auf Grund von Meldungen der Zensoren und Provinzgouverneure, schließlich Meldungen aus den verschiedenen Provinzen und Vorkommnisse in Peking, kaiserliche, militärische oder polizeiliche Strafen und dergleichen. Eine eigentümliche Einrichtung der Pekinger Zeitung ist es, daß die Verfügungen des Kaisers gewöhnlich einige Tage früher veröffentlicht werden als die Berichte der Gouverneure, auf welche hin sie getroffen wurden, denn die chinesische Hofetikette schreibt vor, daß die kaiserlichen Worte stets allen andern vorgehen.
Im ganzen und großen ist also die Pekinger Zeitung etwa unseren offiziellen Regierungszeitungen ähnlich, allein man würde sich gewaltig irren, wollte man annehmen, ihr Inhalt wäre auch ähnlich langweilig. Im Gegenteil, die Lektüre derselben oder vielmehr die Uebersetzung ist für den Europäer, welcher Hof und Regierung, Leben und Sitten in China kennen lernen will, eine unerschöpfliche Quelle des Wissens, und ich gestehe offen, ich verdanke dieser Lektüre mehr Nachrichten, Fingerzeige, Aufschlüsse als allen dickbändigen Reisewerken über China. Ich bin zuerst in Siam auf diese offiziellen Veröffentlichungen aufmerksam gemacht worden, und während meiner folgenden Reisen in China, Korea und Japan war es stets meine erste Sorge, möglichst viele Nummern der Regierungszeitungen durchzustudieren. Sie sind die einzigen Bädeker jener Länder. Das ganze China, von Peking bis in die fernsten Grenzländer, vom kaiserlichen Hofleben bis herab zu dem Treiben der Wegelagerer und Seeräuber entrollte sich in diesen kleinen, mit Hieroglyphen gefüllten Blättchen vor meinen Augen: Militär und Marine, Gerichtspflege, Tempelopfer und Ahnenverehrung, Beamtenwesen, Agrikultur, Industrie, Aberglauben und Volksgebräuche, und fürwahr, es könnte kein besseres Buch über China geschrieben werden, als wenn man einen Jahrgang der Pekinger Zeitung übersetzen und durch Erklärungen ergänzen würde.
Das, was man in anderen Ländern gewöhnlich als offizielles Vertuschungssystem bezeichnet, kennen die Chinesen nicht. Ich war auf das höchste erstaunt, als ich in der Pekinger Zeitung alle Missethaten der höchsten Mandarine, Ministerialbeamten, Tatarengenerale ganz offen geschildert fand. Ja sogar Anklagen gegen die Kaiserin-Exregentin, gegen die Kaiserinnen und Prinzen von seiten der Zensoren finden in der Tsing-pao Aufnahme, dazu die Strafen, welche der Kaiser auf Grundlage von Berichten zu erteilen für gut fand. Wo wäre ein ähnliches Vorgehen in europäischen Staaten denkbar?
Die Erklärung dieses merkwürdigen sozialen Phänomens liegt darin, daß es in China keine innere Politik, keine politischen Parteien, keinen Sozialismus und Anarchismus giebt; daß man in China keine absolute, keine despotische Regierung, sondern im wahren Sinne des Wortes nur ein Patriarchat kennt. Die Chinesen werden wie eine Familie betrachtet, deren Patriarch der Kaiser ist, und vor diesem giebt es kein hoch und niedrig, alle werden nach demselben Recht und Gesetz behandelt.
In den dem europäischen Handel geöffneten Vertragshäfen entstanden in den letzten Jahren auch einige chinesische Tageszeitungen, aber sie wurden ursprünglich nicht durch Chinesen, sondern durch Engländer gegründet. In diesen Vertragshäfen spielt das Zeitungswesen eine bedeutende Rolle. Obschon beispielsweise Shanghai nur etwa 6000 europäische Einwohner zählt, hat es fünf Tageszeitungen, davon vier in englischer und eine in französischer Sprache erscheinend, ferner mehrere Wochenblätter, darunter ein deutsches: Der ostasiatische Lloyd, das einzige deutsche Blatt in ganz Asien. Hongkong mit seinen 10000 Europäern besitzt drei englische Tages- und zwei Wochenblätter, Tientsin, Amoy und Futschau je eine Tageszeitung, obschon die europäischen Kolonien dieser Städte kaum einige hundert Einwohner zählen. In der portugiesischen Kolonie Macao giebt es noch einige portugiesische Blätter. Als nun die Herausgeber einiger dieser europäischer Zeitungen das rege Interesse sahen, welches ihre Veröffentlichungen auch unter den englisch sprechenden Chinesen fanden, versuchten sie die Herausgabe chinesischer Tagesblätter, welche gleichzeitig mit den englischen erschienen, und der Erfolg war derartig, daß in den letzten Jahren eine ganze Reihe chinesischer Blätter entstanden. So erscheint in der Redaktion der China Mail in Hongkong die chinesische Wa T’ziat Pao, in jener der Daily Preß die chinesische Tschung Ngoi San Pao. Die größte chinesische Tageszeitung aber wird von der Redaktion der North China Daily News in Shanghai hergestellt und heißt Tschen-Pao (Shanghai-Neuigkeiten); ja die unternehmenden Herausgeber dieser Blätter veröffentlichen seit einiger Zeit sogar ein illustriertes Wochenblatt in chinesischer Sprache, Hu-Pao (litterarische Neuigkeiten), und machen damit vortreffliche Geschäfte. In Tientsin kommt gleichzeitig mit der dortigen Times der Tsche-Pao (etwa die chinesischen Worte für Times) heraus, und in der größten Stadt Chinas, in Canton, gab vor zwölf Jahren der damalige Vizekönig Tschang-Tschi-Tong selbst die Veranlassung zur Gründung einer chinesischen Tageszeitung, zu deren Redakteur er einen seiner Sekretäre ernannte. Diese Zeitung, Kwang-Pao (Neuigkeiten der Provinz Kwangtung), wurde von dem Nachfolger des Vizekönigs eine Zeitlang unterdrückt, erscheint aber jetzt wieder unter dem Namen Tschung si dsche Pao (Tagesneuigkeiten aus China und dem Westen). Ist es nicht bezeichnend für die Zustände in dem Jahrtausende alten Reiche der Mitte, daß der Vizekönig einer der größten Provinzen desselben zum Zeitungsgründer wird? Friedlich und freundschaftlich verträgt sich dieses vizekönigliche Blatt mit seinem einzigen Cantoner Rivalen, dem Ling nam dsche Pao, zu deutsch Tägliche Nachrichten von Ling nam. Canton hieß nämlich in früheren Zeiten Ling nam. Auch in dem durch den Frieden von Shimonoseki eröffneten Hafen Sutschau wurde 1897 eine neue, dreimal monatlich erscheinende Zeitung gegründet, welche den Namen Schiwu Pao, d. h. etwa „die Zeiten”, führt. Ihre Druckerei beschäftigt sich auch mit der Uebersetzung und Herausgabe von nützlichen europäischen Büchern.
Damit sind wohl alle Zeitungen des Vierhundertmillionen-Reiches erschöpft, ein halbes Dutzend von je drei- bis sechstausend Auflage, das Shanghaier Tschen-Pao ausgenommen, das täglich in einer Auflage von zwölftausend Exemplaren gedruckt wird. Aber neben diesen Blättern wirkt schon seit Jahren noch ein anderes, halbwöchentliches Blatt, das an Auflage alle zusammen übertreffen dürfte und bis in die entferntesten Provinzen des Reiches, ja nach Tibet und der Mongolei geht, überall gelesen, überall beachtet wird und ganz im stillen den größten Einfluß unter allen periodischen Veröffentlichungen Chinas ausüben dürfte, ein Blatt, besser gedruckt und von vornehmerem Aussehen als alle anderen, die Pekinger Zeitung nicht ausgenommen. Es führt den Titel Y-wen-lu und wird von den Priestern der katholischen Mission in Zikawei bei Shanghai herausgegeben. In meisterhafter Weise verstehen es die chinesischen Redakteure, katholische Priester, das Volk zu belehren, Auszüge aus der Pekinger Zeitung wie aus den europäischen Blättern zu bringen, dazu gediegene Artikel über Europa und seine Errungenschaften, aber gleichzeitig wird auch für die katholische Religion Propaganda gemacht, und es ist nicht zum geringsten diesem Blatte zuzuschreiben, wenn die katholische Kirche heute in China weit über eine Million Anhänger besitzt.
Die chinesischen Tagesblätter sind in Aussehen und Einteilung nicht etwa das, was wir in Europa als chinesisch zu bezeichnen pflegen, exotisch, eigentümlich, verzwickt, verschnörkelt, denn sie sind ja nicht der chinesischen Kultur entsprungen, sondern der europäischen und wurden nur der chinesischen angepaßt. Der Mehrzahl nach besitzen sie etwa das Format der deutschen Gartenlaube und haben vier Blätter, bei denen auch die Innenseiten bedruckt sind, gerade so wie bei unseren Zeitungen. Auch die Einteilung ist ganz dieselbe, nur umgedreht; dort, wo bei uns die Anzeigen stehen, also auf der letzten Seite, befinden sich Titel und Leitartikel, und das was bei uns die erste Seite ist, ist bei den chinesischen Blättern die letzte, ganz gefüllt mit Reklamen. Da sage man noch, die chinesische Kultur sei seit Jahrtausenden stehengeblieben! Reklamen von Geheimmittelchen, Pillen und Pülverchen, von Schneidern und Schustern, von Theatern und Vergnügungen, Verlustanzeigen, Land-, Häuserverkäufe und dergleichen. Manche dieser Anzeigen sind sogar schon mit kleinen Bilderchen illustriert, um die Aufmerksamkeit besser anzuziehen. Und all diese Dinge findet man nicht nur auf einer Seite. Nein, bei den meisten Blättern sind vier ganze Seiten, also die Hälfte der Ausgabe, mit Anzeigen gefüllt, deren Lektüre einen tiefen Einblick in das wirkliche Volksleben und den Volkscharakter der Chinesen gewährt. Zeigt die Pekinger Zeitung den Hof, das offizielle China und jene Ereignisse, welche zur Kenntnis und Behandlung von seiten der Regierung kommen, so führen die Reklameseiten der lokalen Blätter den Fremden in den chinesischen Kleinverkehr, in die Details des städtischen Lebens ein und zeigen, daß dieses Volk in den Fremdenstädten im großen und ganzen gerade so lebt wie wir Europäer, nur ins Chinesische übertragen.
Besehen wir uns die letzten, d. h. also die ersten Seiten der chinesischen Zeitungen. Der Kopf ist ganz wie bei unseren Blättern; der Titel recht groß, daneben in kleineren Zeichen die Stellen, wo man in der Hauptstadt wie in den Provinzen abonnieren kann, darunter das chinesische Datum. Der Preis einer Nummer ist durchschnittlich etwa fünf bis sechs Sapeken, beiläufig anderthalb Pfennig. Dann folgen vortrefflich geschriebene Leitartikel über in- und ausländische Dinge, und die chinesischen Redakteure nehmen gar keinen Anstand, der Regierung allerhand gutgemeinte Ratschläge zu geben. Die zweite Seite enthält Auszüge aus der Pekinger Zeitung, Ernennungen, kaiserliche Edikte, welche sich die Zeitungen von ihren hauptstädtischen Korrespondenten, die es auch in China schon giebt, telegraphieren lassen. Daran schließen sich Uebersetzungen der Reuterschen Depeschen über die wichtigsten Ereignisse der westlichen Welt, denn Reuter hat auch in Ostasien seine Abonnenten. Den interessantesten Teil der chinesischen Zeitungen bilden indessen die letzten Textseiten: Lokalnachrichten, Feuilleton, kleine Korrespondenzen aus der Provinz, Personalsachen, Gerichtspflege. Wie man sieht, haben sich die chinesischen Ritter der Feder oder vielmehr des Pinsels, denn man schreibt in China mit einem Pinsel, die europäischen Zeitungsredaktionen ganz zum Vorbilde genommen. Nun kommen in den englischen Blättern, aus welchen sie einen großen Teil ihrer Weisheit schöpfen, eine ganze Menge von Begriffen und Dingen vor, für welche es begreiflicherweise keine chinesischen Wörter giebt, wie z. B. Telephon, Telegraph. Statt lange Umschreibungen zu gebrauchen, nehmen sie ähnlich klingende chinesische Wörter zu Hilfe, die an und für sich ganz andere Dinge bedeuten, was anfänglich dem chinesischen Leser recht chinesisch vorkommen mag. In ihrer Art sind sie wie unsere Bilderrätsel. So z. B. wird das Wort Ultimatum von den chinesischen Redakteuren durch die Zeichen U-li-ma-tung gebildet, Telephon aus den drei Zeichen to-li-fung, und status quo aus ße-ta-tu-ko. Ebenso schwierig ist es für sie, in den Anzeigen europäischer Kaufleute deren Namen zu schreiben. Deshalb besitzt jedes europäische Haus einen eigenen chinesischen Namen, so z. B. heißt Ehlers E-li-si, Golding Go-ting, Morrison Ma-li-sun, Wolf Wa-fu, Wilkinson Way-king-sun. Nur Meier oder Mayer giebt es wie allüberall auf unserm Erdball, auch sogar in China, Meyer bleibt Meyer, wohin er kommt, nur wird der Name im Chinesischen Mei-ier geschrieben.
Trotz all dieser Anpassungen der chinesischen Redakteure an ihre englischen Vorbilder in Ostasien zeigt sich in ihren Berichten doch ein naiver Geist, Aberglauben und Leichtgläubigkeit, die dem Leser unwillkürlich ein Lächeln entlocken. Beim Lesen der einfältigen Lokalberichte und Korrespondenzen aus der Provinz fiel mir die merkwürdige Uebereinstimmung mit ähnlichen Berichten auf, wie sie bei uns noch im letzten Jahrhundert häufig zu lesen waren und allgemein Glauben fanden. Die Geschichte wiederholt sich eben, und man kann die einzelnen Phasen unserer eigenen Kulturentwickelung heute noch in fernen Ländern bei anderen Völkern wiederfinden, unser Altertum, unser Mittelalter, unsere neuere Zeit. Das habe ich auf meinen Reisen in allen Weltteilen in tausenderlei Einzelheiten gesehen, das fand ich, wie gesagt, auch in der chinesischen Presse. Ich erwähne hier nur einige den Cantoner Blättern entnommene Nachrichten, z. B. vom 8. Mai 1894:
„Eine Jungfrau hatte in einem Rocke unvorsichtigerweise eine Nadel stecken lassen, die ihr beim Ankleiden in die Haut drang. Ratlos standen die herbeigerufenen chinesischen Aerzte, ohne Mittel, zu helfen und den Schmerz zu lindern. Da rief ihr Bruder einen Freund herbei, der sich auf dergleichen verstand. Er legte dem Mädchen ein mit geheimen Zeichen beschriebenes Papier auf die Brust, und am folgenden Tage kam die Nadel richtig zum Vorschein, so daß sie entfernt werden konnte.”
9. Mai: „In Schuntak kamen bei einem starken Regenguß zwei Fischlein vom Himmel nieder. Sie sahen so lieblich aus, daß die Bevölkerung sie nicht zu speisen wagte. Sie wurden deshalb sorgfältig in den Fluß gesetzt, wo sie lustig davonschwammen.”
10. Mai: „In der Pu-Tschi-Tschiaostraße mietete jemand ein Haus und machte bekannt, daß er von den Heiligen zum Erlöser der leidenden Menschheit bestimmt sei. Er fand starken Zuspruch, besonders von Frauen. Da thaten sich die Nachbarn zusammen und jagten ihn davon.”
11. Mai: „In einem Gebäude des Panyü-Ritters wuchs vor einigen Tagen ein Bambus hervor, der in einem Vormittag die Höhe von sieben Fuß erreichte, das Dach durchbrach und in drei Tagen siebzig Fuß hoch war. Es giebt Leute, die das wunder finden, obschon eigentlich nichts natürlicher ist. Der Boden ist dort schwefelhaltig, und Schwefel ist bekannt wegen seiner Expansivkraft.”
Derartige Mitteilungen fand ich in jeder Zeitungsnummer, zuweilen auf derselben Seite mit Reuterdepeschen. Das alte und das moderne China begegnen sich in diesen Blättern, aber es wird gar nicht mehr so lange dauern, bis die Bewohner der Hauptstädte derlei naive Nachrichten gar nicht mehr lesen werden. Dafür werden sie größere Aufmerksamkeit den Bank- und Verkehrsnachrichten, den Wechsel- und Aktienkursen zuwenden, die von Jahr zu Jahr in den wenigen bestehenden Blättern immer mehr Platz einnehmen. Der Keim für den neuen Kurs ist auch in China gelegt, und in zwei Jahrzehnten dürfte jede größere Stadt des Reiches der Mitte ihre Zeitung besitzen.
Geld- und Bankwesen.
So sehr der Außenhandel Chinas in den letzten Jahrzehnten auch gestiegen ist, so bildet er noch heute nur einen kleinen Prozentsatz des Binnenhandels dieses ungeheuren, an Größe den ganzen europäischen Kontinent weit übertreffenden Reiches. China ist so überaus reich an Naturprodukten aller Art, daß es bis auf die jüngste Zeit ausländische Produkte kaum gebraucht hat; die Produkte des Südens gehen nach dem Norden, jene des Nordens nach dem Süden. Im ganzen Reiche findet der regste Austausch der eigenen Erzeugnisse statt. Die Flüsse, Kanäle, Straßen, Pfade sind jahraus jahrein mit Frachtladungen bevölkert, und wohl kein einziges Reich der Erde dürfte einen so großen Binnenhandel besitzen wie China.
Dabei hat China noch immer keine von jenen Erleichterungen des Verkehrs, die wir heute bei uns als unerläßlich für den letzteren ansehen: wenige Eisenbahnen, nur teilweise geregeltes Postwesen und kein Münzwesen. Während in allen zivilisierten Staaten der Erde Banknoten, Gold- oder Silbermünzen den Handel vermitteln, giebt es in dem chinesischen Reiche keine solchen; nicht Gold und Silber, sondern Kupfer ist der Standard, und was die Banknoten betrifft, die von den Chinesen erfunden wurden und deren Einführung in den Handelsverkehr schon der alte Marco Polo auf seinen Reisen in China vor sechshundert Jahren gepriesen hat, so sind sogar diese in dem Reiche der Mitte außer Kurs gekommen und nur noch in größeren Städten in lokalem Gebrauch. Statt Pfund Sterling, Dollars, Napoleons, Mark und Gulden giebt es in China nur kleine durchlochte Kupferscheiben als gesetzliche Münze; sie sind es, die dem Tausende von Millionen Mark erreichenden Geschäftsverkehr als Grundlage dienen.
Auf welche Weise geschieht dies nun? Wie können die Kaufleute in Canton und Formosa mit jenen in der Mandschurei oder in Tibet auf Tausende von Kilometern Entfernung den Geschäftsverkehr unterhalten? Wie können sie selbst in den einzelnen Provinzen oder Städten ihre Waren bezahlen, wollen sie es nicht mit ganzen Maultierladungen von Kupfer thun?
Und doch sind diese Kupfermünzen, wie gesagt, die einzigen Münzen des Reiches und waren es schon vor Jahrtausenden. In Mittel-Schantung fand ich Münzen, die zweitausend Jahre alt waren, und im chinesischen Museum zu Hongkong habe ich Kupfermünzen gesehen, die viereinhalb Jahrtausende alt waren. Münzen, nicht von runder Form, sondern viereckige Scheiben mit einem Loch am obern und zwei fingerartigen Ansätzen am untern Rande; die aufgeprägten Schriftzeichen besagten, daß sie im Jahre 2800 vor Christi Geburt unter der Dynastie Wuti zirkulierten; andere Münzen von ähnlicher Form stammen aus der Zeit der Hia-Dynastie, also zweitausend Jahre vor Christi Geburt. Ich selbst besitze chinesische Münzen in der Form und Größe unserer Rasiermesserklingen, die über zweitausend Jahre alt sind, andere runde von etwa sechs Centimeter Durchmesser stammen aus den ersten Jahrhunderten unserer Zeitrechnung und besitzen schon die viereckige Durchlochung in der Mitte, welche alle chinesischen Kupfermünzen ohne Ausnahme noch heute zeigen. Ohne Loch keine Münze. Wie ist es nun möglich, daß diese Münzen bei so ungeheuren Summen, um die es sich zuweilen handelt, als Zahlungsmittel dienen?
Nun war freilich in der letzten Zeit in europäischen Blättern viel von den chinesischen Taels zu lesen, in denen Zahlungen geleistet werden und welche nach ihrem Kurse beiläufig drei Reichsmark entsprechen; auch der Briefmarkensammler findet auf den von der chinesischen Zollbehörde herausgegebenen Briefmarken als Wertangabe einen, zwei oder drei Candarins, und fragt er, was der Candarin für einen Wert besitzt, so wird ihm zur Antwort, daß zehn Sapeken oder, wie sie im Chinesischen heißen, Li, einen Candarin ausmachen; allein Taels, Candarins und Li sind nur fiktive Werte, als Münzen bestehen sie nicht, ebensowenig wie heute die englischen Guineen. Der Tael ist einfach eine chinesische Unze reines Silber, und soll eine bestimmte Summe in Silber bezahlt werden, so wird die beiläufige Menge von einem Silberbarren abgeschlagen, das Zuviel abgeschnitten oder das Fehlende durch kleine Stückchen ergänzt. Auch wird das Silber in sogenannte Shoes von der Form einer Badewanne im Gewichte von 5, 10, 20 oder mehr Taels gegossen. Die wirkliche Münze des Kleinverkehrs in ganz China ist der Cash, und etwa 1350 bis 1450 dieser Cash bilden einen Tael. Es befinden sich nämlich unter den Cash so viele falsche oder schlecht geprägte, abgegriffene Münzen, daß nicht einmal die gesetzliche Zahl von 1350 eingehalten wird, sondern je nach der Güte der Münzen 1350 bis 1450 Cash dazu gehören, um einen Tael zu machen. Wie die Kupfermünzen, so haben auch die Taels selbst nicht im ganzen Lande den gleichen Wert. Am wertvollsten ist wohl der Haikwan-Tael, in welchem die Zollabgaben geleistet werden. Daneben hat jede Provinz ihren eigenen Tael, und will ein Kaufmann in Shanghai etwa 100 Taels nach Hankau oder Tientsin oder Nütschwang remittieren, so gelten diese 100 Taels in Hankau vielleicht 101, in Tientsin 98, in Nütschwang 103 Taels, bei beständig wechselndem Kurs.