China und Japan: Erlebnisse, Studien, Beobachtungen

Part 36

Chapter 363,345 wordsPublic domain

Die Logenleiter beuten in vielen Fällen ihre Macht zu ihren eigenen Zwecken aus und gelangen so zu großem Reichtum. Tschang-Ah-Kwi, einer der Vorsteher der Loge zu Penang, wurde vor einigen Jahren wegen Mordes angeklagt, und man fand, daß er ein Vermögen von 40 Millionen Mark besaß. Sein Spießgeselle Tschin-Ah-Yam erfreute sich eines nahezu ebensogroßen Vermögens. Das Obergericht in Singapore verurteilte den Distrikt-Großmeister der Hungs, Namens Khu-Tan-Tek, vor kurzem zum Tode, und er erklärte, man würde nicht den Mut haben, ihn hinzurichten. Thatsächlich wurde ihm das Leben geschenkt, wie man sagt, weil man sich vor der Rache der Hung-Mitglieder fürchtete. In China selbst wäre es bisher natürlich vergebliche Mühe gewesen, gegen die Hungs vorzugehen. Der beste Beweis ist ja der große Taipingkrieg, der auf Veranlassung der Hung-Gesellschaft entfacht wurde und den China erst durch die Hilfe der Europäer zu Ende führen konnte, nachdem die volkreichsten Provinzen in Wüsten, die blühendsten Städte in rauchende Trümmerhaufen verwandelt worden waren. In früheren Zeiten schritt die chinesische Regierung wohl energisch gegen die Hungs ein. So wurden in Canton an einem Tage allein dreitausend von ihnen enthauptet, und gelegentlich der Unruhen in Peking im Jahre 1817 wurden zehntausend in die dortigen Gefängnisse geworfen, wo sie verschmachteten. Allein die Hungs sind eine lernäische Schlange und der Kaiser von China leider kein Herakles.

Dagegen wurde in den europäischen Kolonien in Ostasien die Unterdrückung der Hung-Gesellschaft mit mehr oder minder Erfolg durchgeführt. Die Hungs sind die Ursache, daß sich der Sultan des unabhängigen Malayenstaates Perak unter den Schutz Englands stellen mußte, denn er konnte mit seiner Macht gegen die fünfzigtausend Hungs in seinem Staate nicht ankämpfen. In Niederländisch-Indien und in den Philippinnen machte man zuerst in furchtbarer Weise Bekanntschaft mit den Hungs, und dem Morden, Plündern und Rauben wurde dadurch wenigstens teilweise Einhalt gethan, daß man auf die Verleitung zum Eintritt in den Geheimbund die Todesstrafe setzte. Ebenso wurden über jene Chinesen, in deren Besitz man Flaggen, Bücher oder Abzeichen der Hung-Gesellschaft fand, die schwersten Strafen verhängt. Die ganze mongolische Bevölkerung wurde strenger Kontrolle unterworfen, indem man ihnen eigene Quartiere anwies, außerhalb welcher sie nicht wohnen durften. Die Quartiere wurden in Bezirke abgeteilt und eigenen Beamten und Polizisten unterstellt, die für die Bevölkerung verantwortlich waren. In jeder Straße oder Abteilung einer solchen waren eigene Wachleute, die jeden Einwohner persönlich kannten und dafür zu sorgen hatten, daß niemand nach einer bestimmten Sperrstunde ohne triftigen Grund seine Wohnung verließ. Allein auch diese strenge Maßregeln konnten die geheimen Gesellschaften nicht unterdrücken, wie die äußerst bewegte Geschichte der spanischen und niederländischen Kolonien hinlänglich beweist. Wie oft wurde Manila von den Hungs und anderen Geheimbündlern geplündert und besetzt! Wie oft war es notwendig, mit der ganzen Garnison gegen sie vorzugehen! Ebenso war Bandjermassin auf Borneo die Stätte blutiger Kämpfe, so daß die niederländisch-indische Regierung sich entschloß, alle Mitglieder der Hungs und alle verdächtigen Chinesen aus ihrem Gebiet zu verweisen. Zehn Jahre später schrieb aber Schlegel: „Es ist unmöglich gewesen, die Hungs aus ihren Wohnsitzen gänzlich zu vertreiben. Sie bestehen heute noch an allen Orten”. Die vielen Tausende, welche Niederländisch-Indien wirklich verließen, wandten sich nach dem Sultanat von Sarawak im Nordwesten Borneos, und Rajah Brook konnte sich gegen dieses Raubgesindel nicht anders helfen, als indem er zehntausend der eingeborenen Dayaks anwarb und gegen die Chinesen zu Felde zog. So wurden sie vernichtet.

Merkwürdigerweise wurden die Geheimgesellschaften trotz all dieser traurigen Erfahrungen, trotz der großen Unsicherheit in Singapore und Penang, trotz der vielen Raubanfälle, Kämpfe und Morde in diesen englischen Kolonien am längsten geduldet, bis endlich der Aufstand von 40000 bewaffneten Chinesen im Jahre 1876 auch hier energische Maßregeln nach sich zog. Statt aber ihre Unterdrückung anzuordnen, beschränkte sich das englische Kolonialamt auf ihre Registrierung und Beaufsichtigung. Erst 1888, nachdem die Zustände unerträglich geworden waren und die englischen Beamten in ihrem Leben bedroht wurden, beschloß man die gänzliche Ausrottung der Geheimbünde, die auch thatsächlich gelungen sein soll. Auf wie lange, ist eine andere Frage.

Nächst der Tien-ti-Gesellschaft ist der gefürchtetste, mächtigste und verbreitetste Geheimbund Chinas die Wu-wei-kian, zu deutsch „Thue nichts”, jener Bund, welchem das jüngste Hinmorden der christlichen Missionare 1895 zugeschrieben wird und dessen Mitglieder von den Europäern Vegetarianer genannt werden. In früheren Zeiten führte der Bund den Namen „weißer Lotos”, und 1724 erließ der Kaiser Yung-Tsching gegen ihn ein Edikt, demzufolge alle Mitglieder vogelfrei erklärt wurden. H. F. Balfour hat sich während seines langjährigen Aufenthaltes in Shanghai eingehend mit den Vegetarianern beschäftigt, die diesen Namen deshalb führen, weil ihnen der Genuß von Fleischspeisen verboten ist. Ursprünglich durften sie keine farbigen Kleider tragen, keine spitzigen Waffen oder Werkzeuge benutzen (thatsächlich waren die Wunden der jüngst ermordeten Missionare durchweg Hiebwunden) und kein Vermögen besitzen. Beim Eintritt in den Bund müssen sie jetzt noch ihre ganze Habe dem Bund abtreten und behalten nur die Nutznießung, solange sie leben. Die Mehrzahl der Bündler gehören den wohlhabenderen Ständen an, und der Bund, der im Gegensatz zu dem Tien-ti einem einzigen Oberhaupt oder Großmeister untersteht, soll demnach auch ungeheure Reichtümer besitzen. Zu Beginn des Jahrhunderts beschlossen die Vegetarianer die Vernichtung der Kaiserdynastie in Peking. Der Plan wurde entdeckt, und der Kaiser Kia-King dekretierte die Ausrottung der Vegetarianer im ganzen Reiche. Sie zogen sich unter ihrem Großmeister Fang-Yung-Tschen nach ihrem Hauptquartier Nanking zurück und hielten monatelang der Belagerung durch die Kaiserlichen stand. Endlich fiel Nanking, der Vicekönig ließ Tausende köpfen und gewährte nur jenen Gnade, die sich entschließen würden, Fleisch zu essen, um dadurch ihre Unterwerfung und Lossagung von dem Geheimbunde auszudrücken. Thatsächlich unterwarfen sich sehr viele, allein keiner davon blieb lange am Leben. Sie wurden als Renegaten von den übriggebliebenen Geheimbündlern ermordet.

Statt unterdrückt und vernichtet zu sein, wechselten die Mitglieder der Gesellschaft den Namen derselben vom „weißen Lotos” in „Thue nichts” und sind heute zahlreicher und gefürchteter als je zuvor. Der Grund davon liegt darin, daß die Wu-wei-kian auf den Aberglauben des Volkes wirken. Die Chinesen halten sie für Magiker, im Bund mit diabolischen Mächten. Balfour sagt darüber: „Gebildete Chinesen haben mir allen Ernstes versichert, daß die Wu-wei-kian aus Papier Vögel ausschneiden und diesen mittels eines Zaubermittels Leben einflößen. Sie können auch ihren Atem unglaublich lange Zeit anhalten, bis sie im Gesichte schwarz werden und alles Leben in ihnen erloschen zu sein scheint. Während dieser Zeit verläßt die Seele ihren Leib, um allerhand Auskünfte einzuholen; sobald sie zurückkehrt, gelangen die Wu-wei-kian wieder zum Leben”.

Das Hauptstreben der Gesellschaft ist wie bei den Hungs ebenfalls gegen die Fremdherrschaft, also gegen die Mandschuren gerichtet. Allein sie gehen in ihrem Grundsatz „China für die Chinesen” noch weiter und stehen allen Europäern und allen europäischen Religionen, demnach zunächst den Missionaren, feindlich gegenüber. Eine ganze Menge der Morde und Angriffe auf Missionshäuser in den letzten Jahrzehnten werden ihnen in die Schuhe geschoben, ebenso wie sie auch direkt der jüngsten Greuelthaten beschuldigt werden.

Die drittgrößte Geheimgesellschaft ist die Ko-Lao-Wai oder „Gesellschaft des älteren Bruders”. Als der letztere wird die frühere Kaiserdynastie Tang angesehen, und das Streben der Gesellschaft ist es, an die Stelle der Mandschuren die Nachkommen der Tang zu setzen. Das Hauptquartier der Ko-Lao sind die mittleren Provinzen Chinas, Hunan und Honan, und die Mitglieder des Bundes bestehen hauptsächlich aus Soldaten. Boyle sagt über sie: „Nach allen Berichten sind sie eine tollkühne und gewissenlose Bande, die in den mittleren Provinzen des Reiches einen großen Teil der Missethäter und Vagabunden zu ihren Mitgliedern zählt”, und Balfour sagt: „Es ist gar nicht zu bezweifeln, daß, wenn einer ihrer alten Generale die Fahne des Aufruhrs entrollen würde, binnen kürzester Zeit hunderttausend Mann um ihn geschart wären”. Nach Briefen, die ich während meines Aufenthalts in China erhielt, wird dem Einfluß dieser Ko-Lao großenteils der Mißerfolg der chinesischen Waffen im Feldzuge gegen Japan zugeschrieben. Die Regimenter, welche zahlreiche Ko-Lao in ihren Reihen hatten oder ganz aus solchen bestanden, weigerten sich zu kämpfen oder liefen ganz davon in der Hoffnung, daß durch die Niederlagen die Mandschudynastie gestürzt würde und damit ihre Hoffnungen auf die Tangdynastie größere Aussicht auf Erfüllung hätten.

Auch die Mohammedaner, deren Zahl in China zwanzig bis fünfundzwanzig Millionen erreicht, haben ihren eigenen großen Geheimbund, Hwuy-Hwuy-Jin genannt. Novizen werden dadurch gereinigt, daß man sie zunächst tüchtig durchbläut und ihnen dann Seifenwasser zu trinken giebt, was die Nachwirkung des bei den Taoisten so beliebten und bei den Mohammedanern verpönten Schweinefleisches paralysieren soll. Die unzähligen anderen Geheimgesellschaften Chinas sind viel kleiner und mehr auf gewisse Provinzen oder Städte beschränkt, gerade wie bei unserer eigenen Vereinsmeierei. Auf die sozialen und politischen Zustände des Reiches üben sie keinen nennenswerten Einfluß aus. Ob der große Mohammedaneraufstand des Jahres 1895 in den Provinzen Schensi und Kansu auf den Einfluß der Geheimbünde zurückzuführen ist, kann nicht gesagt werden. Die Aufständischen waren hauptsächlich von religiösem Fanatismus und blindem Chinesenhaß erfüllte Banden, die hier schon seit Jahrhunderten einen Rassenkrieg gegen die Ungläubigen führen; mit diesem Namen nämlich werden die Chinesen von den Mohammedanern bezeichnet. Die letzteren, obschon ähnlich gekleidet wie die Chinesen und allen Gebräuchen derselben, selbst dem Zopftragen und dem Verkrüppeln der Füße bei den Frauen unterworfen, sind doch anderer Rasse, denn sie stammen aus dem fernen Turkestan und wurden vor einem Jahrtausend von den Kaisern der Tangdynastie nach Kansu gerufen, um dieses gegen die Einfälle der Tibetaner zu schützen. Sie erhielten dafür die Bewilligung, sich in Kansu und Schensi anzusiedeln, verbreiteten sich aber auch auf die Nachbarprovinzen, vornehmlich nach Schantung, und zählen heute zusammen etwa zwanzig Millionen. Sie leben mitten unter den Chinesen, vermengen sich aber niemals mit diesen und sind ihnen auch seit jeher feindlichgesinnt geblieben. Auch die Mohammedaner haben ihre Geheimgesellschaft, deren Streben es ist, die beiden Provinzen ganz von Chinesen zu befreien und ein unabhängiges mohammedanisches Reich zu gründen. Teilweise ist auch religiöser Fanatismus ein Grund des Hasses gegen die Chinesen, denn diese haben ihnen wohl die Ausübung ihrer Religion gestattet, aber die Moscheen im Reiche der Mitte dürfen über den Pforten keinen Halbmond und keine Bezeichnung als Moscheen tragen; im Innern der Moscheen sind überdies auf Anordnung der chinesischen Behörden Statuen des Confucius und die Ahnentafeln der chinesischen Kaiser aufgestellt, die von den Mohammedanern verehrt werden müssen. Das, zusammen mit dem Rassenhaß und den Bedrückungen durch die Mandarine, läßt die Gärung unter den Mohammedanern nicht zur Ruhe kommen.

Bald nach dem chinesisch-japanischen Kriege und vielleicht als Folge desselben und der dabei zu Tage getretenen Ohnmacht der Mandschuregierung entstand auch in Schantung ein Geheimbund, Tjiu-dschung-tsau, allem Anschein nach dasselbe wie die weiße Lotosgesellschaft, nur unter anderem Namen. Die Geheimbündler verbreiteten unter den Chinesen den Glauben, daß sie unverwundbar seien; dadurch gewannen sie so großen Einfluß, daß sogar die Mandarinen sich ihrer bedienten, um dem Räuberunwesen zu steuern, wenn ihre Militärmacht nicht ausreichte. Allmählich wurden aber die Geheimbündler selbst zu Räubern, ein Schrecken für Südschantung, so daß die Provinzregierung endlich reguläre Truppen gegen sie aussandte. Schon im ersten Kampfe mit den Provinztruppen fiel eine ganze Menge der Unverwundbaren unter den Schwertstreichen; die Gefangenen wurden von den Ortsmandarinen in die Holzkäfige gesteckt, wie sie in den Höfen jedes Yamens in Schantung stehen, und in diesen Käfigen am Halse aufgehängt. Nach zwei bis drei Tagen fanden die Unverwundbaren so ihren jämmerlichen Tod. Die Seifenblase war geplatzt, mit den Tji-dschung-tsau war es schon in den Sommermonaten 1895 vorbei.

Aber die Chinesen sind leichtgläubige Leute, und dazu ist die Unzufriedenheit mit der Regierung wie mit dem stetigen Fortschreiten der Europäer so groß, daß es bald zu einem neuen Geheimbunde kam, der wohl ganz wie der letzte auch nur ein Auswuchs der Sekte der Weißen Lotos sein dürfte, nur unter einem anderen Namen. Dieser Name ist eben Ta-tau-hui oder Gesellschaft der Großen Messer. Warum Große Messer, weiß ich nicht, denn ihre Waffe ist ebenfalls nur eine lange, schmale zweischneidige Lanze, im Chinesischen Piau-djiang genannt. Ich sah eine derartige erbeutete Waffe bei einem der Mandarine von Tsinan-fu.

Auch die Ta-tau-hui geben sich als unverwundbar aus, und ihr Schutzmittel sind ebenfalls Papierzettel mit allerhand Zauberformeln. Sie haben auch früher, als sie von der Regierung noch nicht so verfolgt wurden, in ähnlicher Weise Waffenübungen veranstaltet wie die Tji-dschun-tsau. Ihr Streben ist dasselbe: Vertreibung der Mandschuregierung, Vertreibung der Europäer. Hauptsächlich zu dem Zweck, um der Regierung Knüppel zwischen die Beine zu werfen, haben sie im Jahre 1895 über zwanzig Bethäuser der katholischen Mission von Südschantung niedergebrannt. China mußte schon damals der Mission einen Schadenersatz von 10000 Tiau (1 Tiau etwa 1 Mark 60 Pfennig) leisten. Die Provinzregierung wurde angewiesen, die Ta-tau-hui zu vertreiben, und in der That zog der jetzige Nien-Tai (Provinzialrichter) von Schantung, welcher damals Yü-ta-dschen (Mandarin) von Tsau-tschau-fu war, an der Spitze von Regierungstruppen persönlich gegen die Großen Messer ins Feld. Die letzteren wurden versprengt, dreißig von ihnen gefangen und in der Stadt Schain-hsien hingerichtet. Unter den Hingerichteten befand sich auch ein Anführer der Großen Messer, Namens Liu-schö-dsau. Aber das eigentliche Haupt, der schon genannte Tschan-tsia-dschi, flüchtete über die Grenze nach Honan und konnte bis heute nicht festgenommen werden. Ich habe selbst die Proklamation angeschlagen gesehen, in welcher die Regierung den Betrag von 1000 Taels auf seinen Kopf setzt.

Dieses strenge Vorgehen für die an den Missionen verübten Unthaten erbitterte die Großen Messer natürlich noch mehr. Bald darauf wurden in Kü-ye die beiden unglücklichen Missionare Nieß und Henle ermordet und so viele andere Schandthaten verübt, daß auch von Peking auf die Beschwerden des Missionsleiters die strengsten Befehle zur Unterdrückung der Großen Messer kamen. Die Provinztruppen schlugen die Horden auch in mehreren blutigen Gefechten, und der Gouverneur berichtete nach Peking, der Geheimbund bestände nicht mehr. Das war in der That der Fall, denn um der Verfolgung durch die Regierung zu entgehen, organisierten sich die Mitglieder wieder zu einem neuen Bunde unter anderem Namen, jenem der Boxer. Aber der Zweck all dieser Gesellschaften ist, wie die Ereignisse gezeigt haben, stets der gleiche: Vertreibung der Fremden, China für die Chinesen.

Chinesisches Zeitungswesen.

Wie in so vielen andern Dingen, so zeigt die chinesische Kultur auch in Bezug auf das Zeitungswesen die größten Widersprüche. Während Europa nur noch wenige Kleinstädte besitzt, die nicht ihre eigene Tageszeitung aufzuweisen hätten, wohnen zwischen dem Himalaya und der sibirischen Grenze gegen vierhundert Millionen Menschen, denen der Begriff Zeitung in unserm Sinne noch vollständig unbekannt ist. Und doch wären alle Grundbedingungen dafür in China massenhaft vorhanden. Die Chinesen sind ja die Erfinder des Papiers, der Druckerschwärze, des Buchdrucks, ja der Zeitungen selbst. Schon vor dreizehnhundert Jahren schnitten sie ihre Schriftzeichen in Holzplatten und druckten ganze Werke. Vor achthundert Jahren, im Jahre 1040, erfanden sie die beweglichen Drucktypen, und während wir in Europa die Zeitung als eine Errungenschaft der neuesten Zeit ansehen, besaßen die Chinesen deren eine schon vor elfhundert Jahren, denn chinesische Werke aus der Zeit der Dynastie Tang, zwischen den Jahren 713 und 741, erwähnen bereits die Pekinger Staatszeitung. Sie ist also um viele Jahrhunderte die älteste Zeitung der Welt, mit seltener Pünktlichkeit durch Generationen hindurch Tag für Tag erscheinend.

Zu einer Tageszeitung im Inlande haben es aber die Hunderte von Millionen Zopfträgern bis auf die jüngste Zeit nicht gebracht, obschon es weder an schriftstellerischen Talenten, noch an Lesern, noch an Stoff mangelt. Und an Neugierde fehlt es wahrscheinlich ebensowenig, wenn man den großartigen Stadtklatsch in Betracht zieht, der durch Hausierer, Barbiere, Dienerschaft von Straße zu Straße verbreitet wird und stets willfährige Zuhörer findet. Oder ist vielleicht die Regierung daran schuld, die mit eiserner Faust alle Zeitungsunternehmungen niederhält, Redakteure verfolgt und einsperrt, wie es bei uns, sagen wir vor dem Jahre 1848, der Fall war? Nicht im mindesten. Das mittelalterliche China ist im Gegensatz zu manchem unserer modernen Kulturstaaten das Paradies der Preßfreiheit. Jeder kann drucken und veröffentlichen, was er will. Es giebt kein Preßgesetz, keine Bürgschaft, keinen Zeitungsstempel, keine Zensur, keine Beschlagnahme. Litteratur, besonders die klassische, wird in China hochgeschätzt. Die Litteraten gehören zu den angesehensten Ständen, und von der Bevölkerung ist vielleicht ein gleicher Prozentsatz des Lesens kundig wie unter den Völkern von Südeuropa. Dennoch hat sich China bis auf die jüngste Zeit mit der einzigen Pekinger Zeitung begnügt.

Diese Pekinger Zeitung, im Chinesischen „Tzing pao”, ist in Bezug auf ihre Redaktion, ihr Aussehen und ihre Verbreitung ein Unikum. Der Text beschränkt sich auf Hofnachrichten und die Veröffentlichung von kaiserlichen Erlassen, Ernennungen, Gesetzen und Strafen. Alle Dokumente der ganzen Regierungsmaschine dieses größten Reiches der Welt gelangen in den großen Staatsrat, und dieser verfügt, welche Dokumente veröffentlicht werden sollen. Abschriften derselben werden dann dem Geheimen Rat übergeben, von welchem täglich ein Mandarin den Dienst im kaiserlichen Palast versieht. Dem Geheimen Rat liegt es ob, die Dekrete, Diplome, Urteile und dergleichen an ihre Bestimmung gelangen zu lassen, und dazu werden sie der Generalpostdirektion, einer Abteilung des Kriegsministeriums, übergeben, die sie durch eigene Kuriere nach den verschiedenen Provinzen entsendet, denn ein geregeltes Postwesen nach europäischem Muster ist ja in China unbekannt. Gleichzeitig mit den Beamten der Postdirektion finden sich im Geheimen Rate täglich auch Beamte der Ministerien und die Redakteure der Pekinger Zeitung ein, um von den verschiedenen Dokumenten Abschriften anzufertigen. Die Druckerei der Pekinger Zeitung, ein halbamtliches Unternehmen, untersteht der Oberaufsicht der Postdirektion; sie hat darauf zu achten, daß der Wortlaut der amtlichen Bekanntmachungen nicht geändert oder gekürzt werde; sie erhält auch täglich eine für die verschiedenen Behörden der Hauptstadt wie der Provinzen bestimmte Anzahl Abdrücke, die sie gleichzeitig mit den anderen Dokumenten durch die Kuriere versendet.

Man wird sich möglicherweise über den Ausdruck Zeitungsdruckerei wundern, denn bisher wurde ziemlich allgemein angenommen, daß die Pekinger Zeitung täglich in der erforderlichen Anzahl von Exemplaren geschrieben wird. Dies ist ein Irrtum. Die wirklich offizielle Pekinger Zeitung wird gedruckt, gerade so wie unsere Regierungszeitungen, und es besteht in Peking hierfür eine eigene Druckerei mit Setzern und Pressen, nur erfolgt der Zeitungsdruck dort nicht so einfach und rasch wie bei uns. Es vergehen immer einige Tage, bis eine Ausgabe der Zeitung hergestellt ist. Man muß sich eben vor Augen halten, daß unsere Setzer im ganzen mit ein paar Dutzend Buchstaben zu arbeiten haben, die in Kästen vor ihnen liegen, ja bei den neuen amerikanischen und deutschen Setz- oder Zeilengießmaschinen fallen sogar diese Setzkästen fort, und die Setzer arbeiten wie an einer Schreibmaschine. In der chinesischen Sprache giebt es statt einzelner Buchstaben ebensoviele Tausende verschiedener Zeichen; jedes Wort oder doch jede Silbe hat ihr eigenes Zeichen, und dementsprechend giebt es in chinesischen Druckereien auch ganze Katakomben gefüllt mit Tausenden von Kästchen, jedes mit anderen Typen. Die größte Druckerei, die ich in China zu besuchen Gelegenheit hatte, war jene der katholischen Mission in Zikaway, am Sutschaukanal gelegen. Ich wanderte dort lange Gänge, zu beiden Seiten mit derartigen Kästen besetzt, auf und ab. In jedem lagen verschiedene Typen, nicht etwa die winzigen Metallstäbchen, die so leicht zu handhaben sind, sondern Holzstücke von etwa einem Quadratcentimeter Durchschnitt für die gewöhnlichen Typen. Unsere Buchstaben sind einfach in der Form und leicht zu erkennen. Die chinesischen Zeichen aber bestehen der Mehrzahl nach aus zwanzig bis dreißig verschiedenen Strichlein, kunterbunt durcheinander gezogen, mit Auswüchsen, Quadrätchen, Punkten und Kreislinien, daß einem europäischen Setzer die Haare zu Berge stehen würden, hätte er es auch nur mit sechsundzwanzig derlei Zeichen zu thun. Und die Chinesen haben deren mindestens ebensoviele Tausende. Dabei sind mitunter Dutzende dieser schwer zu unterscheidenden Hieroglyphen nur durch ganz kleine Strichlein oder Punkte voneinander unterschieden. Welche Freude für den Setzer und erst recht für den Korrektor! Ein chinesischer Setzer müßte, wollte er sich aus den langen Galerien die Typen selbst zusammenholen, so viel umherlaufen wie ein Briefträger; er hat deshalb gewöhnlich einige Laufburschen zu seiner Verfügung, welche ihm die verschiedenen Typen, deren er bedarf, aussuchen.

Unter solchen Umständen darf es nicht wundernehmen, daß der Satz chinesischer Handschriften so viele Zeit beansprucht. Aber auch der Druck geht ähnlich langsam vor sich. Die Papierblätter der Pekinger Zeitung, neunzehn Centimeter hoch und zwanzig Centimeter breit, liegen neben dem Drucker, der den Satz in einem Holzrahmen vor sich stehen hat. Zunächst nimmt er mittels einer breiten Bürste, einem umgekehrten Blumenstrauß nicht unähnlich, etwas Druckerschwärze aus einem muldenartigen Gefäß und schwärzt die Typen. Dann legt er sorgfältig ein Blättchen darauf und fährt mit einem kleinen harten Handkissen darüber. Damit ist ein Blatt einer Zeitung fertiggedruckt, denn weder bei chinesischen noch bei japanischen Büchern wird die Rückseite bedruckt. Die Blätter werden mit dem Druck nach außen einmal gefaltet und an den offenen Seiten zusammengeheftet. Würde man ein chinesisches Buch aufschneiden, so ergäben sich nach je zwei bedruckten Seiten immer zwei leere.