China und Japan: Erlebnisse, Studien, Beobachtungen

Part 35

Chapter 353,126 wordsPublic domain

Den Besuchern der chinesischen Provinzhauptstädte, vor allem der Städte Canton, Hangtschau und Nanking, werden gewöhnlich die großen Prüfungshallen gezeigt, in welchen diese Wettprüfungen stattfinden. Woher der Name Prüfungshalle stammt, kann ich mir nicht recht erklären, denn als ich, geführt von meinem Dragoman, jene von Canton betrat, glaubte ich mich eher in einem Viehpark zu befinden, wie ich sie rings um die großen Schlachthäuser von Chicago gesehen habe, als in dem Versammlungsort der Gelehrtenwelt der Provinz Kwantung: eine ebene, mit Gras und Unkraut überwucherte Fläche von etwa sechzehn Morgen Ausdehnung, eingeschlossen von einer hohen alten Mauer. Ein breiter, schlecht gepflasterter Weg führt von einem Thore quer über diesen Platz zu dem gegenüberliegenden Thore und teilt ihn in zwei gleiche Hälften. Von diesem Mittelweg zweigen sich auf beiden Seiten in Abständen von etwa fünf zu fünf Schritten niedrige, stallartige Gebäude ab, welche bis an die Umfassungsmauer reichen. Die Breite dieser sonderbaren langen Gebäude beträgt kaum drei Schritte, die restlichen zwei Schritte entfallen auf die engen Gänge oder Gäßchen zwischen ihnen. Auf der einen Seite zeigt jedes Gebäude etwa hundert kleine Thüröffnungen, die andere wird durch eine kahle Mauer gebildet, die weder Fenster noch Thüren hat. Von einer Halle ist nichts zu sehen. Verwundert erkundigte ich mich nach dem Zweck dieser anscheinenden Stallungen. Mein Dragoman ließ mich durch eine der vielen kleinen Thüröffnungen treten. Ich befand mich in einem kahlen, gemauerten Raume, der das Aussehen und die Größe zwischen einem Schilderhaus und einem Schweinestall haben mochte. Thüre, Fenster, Einrichtung waren nicht vorhanden. Nahe beim Thüreingang und an der gegenüberliegenden Mauer bemerkte ich horizontale Einschnitte. Der Boden starrte vor Schmutz, und bei meinem Eintritt raschelten Eidechsen davon. Kellerasseln und anderes Ungeziefer verschwanden in den Rissen und Sprüngen der Mauer. Genau so sahen auch alle anderen dieser kerkerartigen Räume aus. Jeder zeigte über der Thüröffnung eine Nummer, und ebenso trug auch jedes Gäßchen eine Bezeichnung.

Als wir dieses Labyrinth von Tausenden von Kammern durchschritten hatten, gelangten wir durch das jenseitige Thor in einen kleineren Hof, in welchem sich einige andere niedrige Gebäude, aber mit größeren Räumlichkeiten, befanden. Das war alles. Nirgends war eine Spur von Leben. All diese Räume waren öde und verlassen. Nur an der großen Eingangspforte lungerten einige Wächter und Soldaten umher.

Aber wie anders ist das Bild dieser Prüfungshalle alle drei Jahre während der Septemberprüfungen! Fünfzehn- bis zwanzigtausend Menschen, vielleicht noch mehr, drängen sich dann innerhalb der Umfassungsmauern zusammen, und die Aufmerksamkeit der ganzen Provinz mit ihren dreißig Millionen Einwohnern konzentriert sich hier, wie es etwa in England zur Zeit der großen Rennen auf der berühmten Epsomdown bei Derby oder zur Zeit der Stiergefechte auf der Plaza de Toros in Sevilla der Fall ist. Schon eine Woche vorher treffen aus allen Teilen der Provinz die Prüfungskandidaten mit ihren Familien und Freunden in Canton ein, und nachdem sie in den chinesischen Hotels oder bei Privaten Unterkunft gefunden haben, melden sie sich mit ihren Legitimationen bei der Prüfungskommission, welche in den Gebäuden des vorerwähnten kleineren Hofes ihr Hauptquartier aufgeschlagen hat und dort während des ganzen Prüfungsmonats wohnen bleibt. Die kaiserlichen Kommissare, hohe Mandarine, Hunderte von Beamten, Schreibern, Sekretären, Soldaten und Wächtern beleben die öden Räume und bereiten alles für die Prüfungen vor, zu denen sich gewöhnlich acht- bis zwölftausend Kandidaten zu melden pflegen, mitunter viel mehr, als die Prüfungshalle Platz besitzt. Der weite Raum wird gereinigt, und auch die kleinen vorgeschilderten Zellen, deren es in der Cantoner Prüfungshalle 8653 giebt, werden gekehrt und für die Aufnahme der Kandidaten einfach dadurch vorbereitet, daß man in die Mauereinschnitte zwei fußbreite Bretter einschiebt; das eine derselben dient als Tisch, das andere als Sitz.

Am frühen Morgen des festgesetzten Tages drängen sich die Prüfungskandidaten, begleitet von ihren Verwandten, Freunden und Dienern vor dem Hauptthore der Halle zusammen, alle sind mit Kleidungsstücken, Decken, Lebensmitteln, Kochgeschirren, Theetöpfen und sonstigem Hausrat schwer beladen, denn die Kandidaten bleiben während der nächsten neun Tage in den winzigen Prüfungszellen wohnen und dürfen nur die dritte und die sechste Nacht außerhalb der streng bewachten Prüfungshalle zubringen. Niemand darf sie in das Innere derselben begleiten. Am Thore nehmen sie von ihren Begleitern Abschied und treten, bepackt mit ihrem Hausrat, einzeln durch das Thor. Hier werden sie von Beamten der Prüfungskommission genau untersucht, ob sie nicht etwa kleine Taschenausgaben der Klassiker oder sonst irgendwelche verbotene Gegenstände mit sich führen, und haben sie diese Untersuchung bestanden, so melden sie sich bei den Mandarinen. Von diesen erhält jeder Kandidat einige gestempelte Papierbogen, auf welchen sein Name und seine Nummer der ihm zugewiesenen Zelle verzeichnet stehen. Mit Spannung erwarten sie die kleinen roten Zettelchen, welche in der Prüfungshalle selbst gedruckt werden und die Themata enthalten, über welche sie binnen zwei Tagen drei Arbeiten und ein Gedicht verfassen müssen. Keine Arbeit darf mehr als vierhundert und weniger als dreihundert Schriftzeichen enthalten, und etwaige Aenderungen oder Randnoten dürfen zusammengenommen weitere hundert Schriftzeichen nicht übersteigen.

Sind diese Arbeiten abgeliefert, so können die Kandidaten unbehelligt die Halle für eine Nacht verlassen. Bei ihrer Rückkehr werden sie abermals untersucht, und man weist ihnen neue Zellen an, wo sie die zweite Serie von fünf Arbeiten über klassische Gegenstände zu schreiben haben. Die dritte Serie, für welche abermals drei Tage Zeit gelassen werden, besteht aus fünf Arbeiten über Gegenstände, deren Auswahl dem kaiserlichen Examinator überlassen bleibt und die in den letzten Jahrzehnten zuweilen auch moderne Fragen, etwa über Staatswissenschaften, die Geographie der Provinz oder des Reiches, oder Mathematik, umfassen. Sind auch diese Arbeiten abgeliefert, so ist die Prüfung vorüber, die Kandidaten können ihre Zellengefängnisse verlassen. Aber es vergehen mehrere Wochen, ehe sie das Ergebnis der Prüfung erfahren. Jedes der bei der Prüfungskommission eingelaufenen Schriftstücke, mitunter bis zu dreißigtausend an der Zahl, muß ja vorher sorgfältig geprüft werden, und diese Prüfung geht, zur Vermeidung von Unterschleifen oder Bevorzugung, mit der größten Strenge vor sich. Zunächst werden über die Namen der Kandidaten auf den einzelnen Arbeiten Papierstreifen geklebt und diese mit Nummern bezeichnet, so daß den Examinatoren die Verfasser der Arbeiten unbekannt bleiben. Dann werden alle die vielen Tausende von Schriftstücken mit roter Tinte abgeschrieben, eine dritte Klasse von Beamten unterzieht sie der ersten Prüfung und wählt die besten aller Arbeiten aus. Nur diese werden den kaiserlichen Examinatoren selbst vorgelegt. Immerhin sind dies noch zehn Prozent, also zwei- bis dreitausend Schriftstücke, von etwa achthundert bis tausend Kandidaten. Nun sind jeder Provinz nur eine bestimmte Anzahl von litterarischen Graden, in Kwantung z. B. nur siebzig bis achtzig, zugewiesen, und den kaiserlichen Examinatoren liegt es ob, unter den nahezu tausend besseren Kandidaten siebzig bis achtzig auszuwählen, deren Arbeiten die vorzüglichsten waren. Auch damit sind die Vorsichtsmaßregeln gegen Unterschleife nicht zu Ende, denn ein kaiserlicher Zensor hat die Arbeiten der von den Examinatoren zur Erteilung von Graden vorgeschlagenen Kandidaten durchzusehen und ihnen die Bestätigung zu erteilen.

Wie mir indessen von chinesischen Litteraten selbst eingestanden wurde, kommen bei diesen Prüfungen trotz aller Strenge dennoch Unterschleife vor; Bücher werden eingeschmuggelt, Thorhüter bestochen, andere Kandidaten verfassen die Arbeiten ihrer Kollegen. Dagegen lassen sich die Examinatoren nicht so leicht zu Unregelmäßigkeiten herbei, denn solche werden mit der größten Schärfe bestraft. In der Mitte der sechziger Jahre wurde beispielsweise ein kaiserlicher Examinator, Mandarin ersten Ranges und Großsekretär des Reiches, weil er seinen Neffen begünstigt hatte, enthauptet. Im Herbst 1894 versuchte es ein reicher Chinese aus der Provinz Tschekiang, den Examinator durch Zuwendung einer Summe von zehntausend Taels zu bestechen. Der letztere erstattete Anzeige, und der Chinese wurde zum Tode verurteilt.

In anderen Provinzstädten ist der Zudrang zu den Wettprüfungen zuweilen noch stärker als in Canton. So z. B. mußten vor einigen Jahren in Hangtschau, dessen Prüfungshalle zehntausend Zellen enthält, in den engen Gäßchen dazwischen noch über tausend Sänften aufgestellt werden, um alle Kandidaten unterzubringen. Man sollte meinen, den siebzig bis achtzig Glücklichen, welchen es von all den Tausenden allein beschieden ist, mit litterarischen Graden aus den Prüfungen hervorzugehen, stände zum mindesten das große Los bevor. Welch große Kosten, welch mühsame Reisen, welche Arbeiten und Entbehrungen sind mit derlei Prüfungen verbunden! Der Aufenthalt in den kleinen Zellen ist bei heißem Wetter geradezu unerträglich, und so mancher alte oder schwache Mann, der als Kandidat die Prüfungshalle betritt, verläßt sie nicht mehr lebend. Gar nicht selten sind die Fälle, daß besonders Greise an Erschöpfung sterben, und da es gegen die Vorschriften wäre, die Thore der Halle während der Prüfungen zu öffnen, so werden Oeffnungen in die Umfassungsmauer gebrochen und die Leichname der Unglücklichen herausgeschafft. Ein großer Prozentsatz der Kandidaten giebt sich auch mit der einmaligen Prüfung nicht zufrieden. Beharrlich melden sie sich ein zweites, drittes Mal, ja noch öfter, und vielleicht ist es ihnen endlich vergönnt, als Greise die Prüfung zu bestehen, d. h. damit den Titel Chü-dschin, d. h. beförderter Mann zu erringen. Und ist dies wirklich geschehen, so werden Eilboten zu Land oder Wasser nach dem Heimatsort gesandt, um das Glück zu verkünden, welches diesem letzteren zu teil geworden ist. Die Familie des neugebackenen Chü-dschin veranstaltet große Freudenfeste, sie läßt an den Straßenecken große rote Plakate anschlagen und alle Freunde und Bekannten durch eigene gedruckte Anzeigen von der erfolgten Ernennung in Kenntnis setzen. Ueber die eigene Hausthür aber wird eine große Tafel mit den Worten Beförderter Mann aufgehängt. Wohlhabende errichten häufig sogar steinerne Triumphbögen zu Ehren eines glücklichen Prüfungskandidaten.

Und was hat der Kandidat dadurch in Wirklichkeit erreicht? Nicht etwa einen einträglichen fetten Mandarinsposten, irgend welche besondere Würden oder Auszeichnungen, sondern einfach die Möglichkeit, mit der Zeit, vielleicht nach vielen Jahren, irgend eine bescheidene Staatsstellung zu erreichen.

Wer schneller und sicherer zu einer solchen gelangen will, muß sich noch zu einer dritten Art von Prüfungen melden, welche alle drei Jahre einmal, gewöhnlich in dem auf die Provinzprüfungen folgenden Frühjahr in der Reichshauptstadt selbst stattfinden. Auch in Peking ist die Prüfungshalle nicht viel besser als in den Provinzhauptstädten, doch sind die Kandidaten die Gäste des Kaisers, und während sie dreimal drei Tage mit je einer mittägigen Unterbrechung in den Prüfungszellen schmachten, erhalten sie aus den Küchen, welche bei jedem Zellengäßchen eingerichtet werden, reichliche Lebensmittel. Aber die Kosten der weiten, mitunter monatelangen und beschwerlichen Reise müssen sie selbst bestreiten. Haben sie keine Mittel dazu, so wird ihnen möglicherweise ein reiches Bankhaus dieselben vorstrecken, und sind sie einmal Mandarin geworden, so müssen sie diese Darlehen mit reichen Zinsen zurückerstatten. Auch in Peking vollziehen sich die Prüfungen in ähnlicher Weise wie in den Provinzhauptstädten, nur sind sie entsprechend schwieriger, die Aufgaben über klassische und philosophische Themata müssen glänzend gelöst werden, die Gedichte fehlerfrei sein. Durchschnittlich melden sich zu jeder Prüfung vierzehntausend Kandidaten aus allen Provinzen, und nur ein Zehntel davon können den vielumworbenen Grad eines Tsen-tse, d. h. fertiger Gelehrter, etwa unserem Doktorgrad entsprechend, erreichen. Jede Provinz hat je nach ihrer Einwohnerzahl Anspruch auf eine bestimmte Zahl von Tsen-tse-Stellen, und diejenigen Kandidaten, welche diesen Grad erlangt haben, werden gewöhnlich nach kurzer Zeit zu Mandarinen befördert und erhalten eine Regierungsanstellung. Wer von den Tsen-tse anstrebt, noch höhere litterarische Ehren zu erreichen, muß sich einer vierten Prüfung unterziehen. Diese wird in der verbotenen Stadt sogar unter den Augen des Kaisers selbst abgehalten, und die Glücklichen, welche diese schwierigste aller Prüfungen bestehen, werden Mitglieder der Hanlinakademie und führen den stolzen Titel Poeten und Historiker des kaiserlichen Hofes. Die besten von diesen werden nach einer formellen Prüfung vor dem Kaiser zu Tschuang-yuen, d. h. etwa poeta laureatus, ernannt und haben damit Anspruch auf den Posten eines kaiserlichen Examinators oder auf andere hohe Würden.

Die geheimen Gesellschaften Chinas.

Von allen jenen, die China und die Chinesen durch vieljährige Beziehungen kennen, von Missionaren, Kaufleuten, Diplomaten, werden die geheimen Gesellschaften des Reiches der Mitte als die Hauptursachen der Christenmetzeleien und überhaupt als die Urheber der traurigen Zustände in den chinesischen Städten bezeichnet. Sie sind durchwegs politischen Charakters, und bei allen ist der Grundzug Fremdenhaß. Gelänge es der Pekinger Regierung, diese Geheimbünde zu brechen und zu vernichten, dann könnte an eine Wiedererwachung des Reiches gedacht werden; dann wäre es möglich, eine kaiserliche Armee zu schaffen und den Missionsanstalten sicheren Schutz angedeihen zu lassen; solange diese Geheimbünde aber fortbestehen, niemals. Den besten Beweis dafür bilden die englischen Kolonien in Malakka und die holländischen Kolonien in der Sundasee. Solange man dort der chinesischen Geheimbünde nicht habhaft werden konnte, waren Aufstände, blutige Kämpfe, Verbrechen an der Tagesordnung; erst seit den strengen Maßregeln gegen die Geheimbünde sind Ruhe und Ordnung eingetreten. Dasselbe gilt auch von Hongkong.

Gerade in diesen Kolonien, wo die oberste Gewalt in den Händen der Europäer liegt, war es möglich, einen Einblick in das Wesen dieser chinesischen geheimen Gesellschaften zu erhalten und daraus auf ihre Macht und Ausbreitung in China selbst zu schließen. Im Reiche der Mitte gehört die Ausforschung dieser nach Hunderten zählenden Gesellschaften beinahe zu den Unmöglichkeiten; wird doch Verrat an den Chinesen selbst durch den Tod bestraft; wie erst würde es den Europäern ergehen, welche gegen die Geheimbünde vorgehen wollten! Die erste Nachricht von ihrem Bestehen war in einem Buch des bekannten Sinologen Doktor Milne enthalten, das im Jahre 1825 unter dem Titel ~Some accounts of a Secret Society in China~ erschien und die größte dieser Gesellschaften, die Tien-ti-hwey, behandelte. Das Buch erregte die Aufmerksamkeit eines Dolmetschers im Dienste der niederländischen Kolonialregierung, Namens Gustav Schlegel. Gelegentlich einer Haussuchung bei einem des Diebstahls beschuldigten Chinesen in Padang (Sumatra) wurden eine Anzahl Bücher und Dokumente vorgefunden, die Schlegel zur Uebersetzung zugewiesen wurden, und in ihnen fand er die Bestätigung der Angaben Milnes, sowie die Thatsache, daß sich in Padang eine Loge der großen Tien-ti-Gesellschaft befand. Gestützt auf das reiche in seinen Händen befindliche Material, veröffentlichte er 1867 sein berühmtes Buch ~The Thian-Ti Hwei or Hung League~. Einige Jahre nachher gewann der Protektor der Chinesen in Singapore, Mr. W. A. Pickering, so viel Einfluß auf die Hung-Gesellschaft, daß sie ihn zu ihren geheimen Sitzungen zuließ. Er vervollständigte die Kenntnisse, die bis dahin über das Wesen und den Umfang der Gesellschaft in die Oeffentlichkeit gedrungen waren.

In ihrem Katechismus heißt es: „Seit der Erschaffung der Welt besitzen wir den Namen Hung”.... „Ying und Yang, Himmel und Erde zusammen, erzeugten die Söhne von Hung, in Myriaden vereinigt.” Wirkliche Beweise ihres Bestehens stammen jedoch erst aus dem siebzehnten Jahrhundert, d. h. seit der Vertreibung der angestammten Kaiserdynastie durch die Tataren. Damals war ihr Wahlspruch: „Gehorche dem Himmel und thue recht”; und dieser Wahlspruch steht auch heute noch auf jeder Seite ihrer Bücher und Veröffentlichungen; thatsächlich aber ist ihr Wahlspruch: „Hoan Tscheng, Hok Beng”, d. h. „Vertreibe die Tataren und setze die Mings wieder ein”. Im Dialekt, wie er in der Provinz Fokien gesprochen wird, heißt Tscheng die Mandschudynastie und Beng die Mingdynastie. Neben dem Namen Tien-ti-Hwey wird von den Chinesen auch Sam-hap, d. h. Triad (oder Dreiheit, Dreieinigkeit) als offizieller Name des Geheimbundes anerkannt wegen der Vereinigung der drei Begriffe Himmel, Erde, Mensch. Gestützt darauf strebt der Geheimbund die Beteiligung aller Chinesen an, und um dieses Ziel zu erreichen, sind alle Mittel erlaubt. Jede Loge (und es giebt deren wohl in jeder Stadt Chinas) besitzt eine Anzahl von Tai-ma, d. h. Werbern. Sobald sie aus irgend einem Grunde die Mitgliedschaft eines bestimmten Chinesen für wünschenswert erachten, erhält er auf geheimnisvolle Weise einen geschriebenen Befehl, sich zu der angegebenen Zeit an einem genau bezeichneten Orte einzufinden. Hat der Betreffende nicht den Wunsch, der Triad oder, wie sie auch heißt, der Hung-Gesellschaft beizutreten, so wird er seinen Wohnsitz aufgeben und sich unter anderem Namen in einem entfernten Orte verbergen, denn Widerstand wäre vergeblich. Frederick Boyle, der sich mit dem Wesen der Hung-Gesellschaft eingehend befaßt hat, sagt darüber: „Irgend einen Racheakt, sei es körperliche Züchtigung oder eine falsche Anklage bei den Gerichten, zu welcher sich auch falsche Zeugen finden, hat der Betreffende dann gewiß zu erwarten, wenn ihm nicht noch Schlimmeres passiert. Zuweilen wird der Betreffende bei passender Gelegenheit von den Tai-ma überfallen und gefesselt nach der Loge geschleppt oder durch List in eine Falle gelockt.”

Als Versammlungsorte der Hung-Mitglieder werden überall die geheimsten und entlegensten Schlupfwinkel ausgesucht; in Canton und Singapore liegen sie zwischen Sümpfen und Dschungeln, und die Zugänge werden durch Bewaffnete bewacht. Pickering erzählt, daß mehr als einmal Fremde, die den Geheimspruch als Erkennungszeichen nicht zitieren konnten, auf der Stelle getötet wurden. Nach diesen Logenplätzen werden nun die Novizen geführt und dort einem ebenso umfangreichen wie haarsträubenden Zeremoniell unterworfen, ehe sie als Mitglieder aufgenommen werden. Es würde wohl einen stattlichen Band füllen, sollte der ganze Hokuspokus mit seinen Einzelheiten geschildert werden. Nachdem der Novize nahezu die ganze Nacht in Angst und Pein allen möglichen Prozeduren unterworfen wurde, gelangt er endlich vor den Thron des Meisters und liegt dort in weiße Gewänder gekleidet, mit aufgelöstem Haar und offener Brust auf dem Rücken, während acht Räte spitze Schwerter nach seiner Brust richten. Dort hat er zu schwören, daß er seine ganze Familie als tot betrachte und keine irdischen Beziehungen und Verpflichtungen mehr anerkenne. Dann muß er einige Tropfen seines Blutes in einen mit Wein gefüllten Becher fallen lassen, und nachdem er diesen geleert, wird er als Novize in den Bund aufgenommen, um bei späteren Versammlungen noch weiteren Prüfungen unterworfen zu werden.

Die Hung-Gesellschaft besitzt keinen obersten Meister, sondern sie wird von den fünf Großlogen der Provinzen Fokien, Kwangtung, Yüman, Hunan und Tschekiang geleitet. Alle anderen Logen, auch jene in den Kolonien, dann in Amerika und Australien sind irgend einer der fünf Großlogen unterthan, und ihre Mitgliederzahl muß mehrere Millionen erreichen. In Singapore beispielsweise war sie im Jahre 1887 nahezu so zahlreich wie die ganze chinesische Bevölkerung. Alle Mitglieder sind durch die strengsten Gesetze und Androhung furchtbarer Strafen zu Gehorsam und Einhaltung der Vorschriften des Tien-ti verpflichtet. Der vierunddreißigste der sechsunddreißig Grundartikel verbietet ihnen, um nur das Wichtigste hervorzuheben, bei grausamer Todesstrafe, unter keiner Bedingung sich an die bestehenden Gerichte, Behörden oder Polizei zu wenden. Der fünfunddreißigste Artikel setzt ebenfalls die Todesstrafe darauf, wenn ein Mitglied irgendwie vor Gericht Zeugenschaft ablegt, außer es ist falsche Zeugenschaft auf Befehl der Logenleiter. Die ganze Gerichtsbarkeit aller Mitglieder der Loge liegt dem Meister ob. Man kann sich unter diesen Umständen den ungeheuren Einfluß und die Bedeutung der Hung-Gesellschaft in China leicht vorstellen. Sie bildet gewissermaßen einen Staat im Staate, viel stärker, besser organisiert und einflußreicher als dieser selbst, und wie Boyle sagt: „die verkommenste, blutdürstigste und bedrückendste Gesellschaft, welche die Weltgeschichte kennt”. Schlegel sagt: „Die Hung-Gesellschaft hat überall, wohin sie kam, Bürgerkrieg und Mord im Gefolge gehabt”, und Milne sagt: „Die Mitglieder schützen einander gegen das Gesetz, verbergen ihre Verbrechen und helfen ihren Brüdern, sich der Hand der Gerechtigkeit zu entziehen”. Pickering äußert sich folgendermaßen: „Die Tien-ti ist eine Vereinigung, um die Interessen ihrer Mitglieder gegen die Gesetze aufrechtzuerhalten und Reichtümer zu sammeln, indem sie den Freudenhäusern, Spielhöllen und dergleichen unrechtmäßig Tribut auferlegen”. Der Polizeiinspektor von Singapore berichtet: „Sie sind eine ständige Gefahr für den Frieden der Kolonie”. Sie üben überall eine Schreckensherrschaft aus, und die Mandarinen sind dagegen machtlos, denn irgendwelche Unternehmungen gegen sie werden durch Tortur, Mord, Brand oder durch falsche Anklagen gerächt, für welch letztere sich immer, wenn nötig, tausend falsche Zeugen finden.