China und Japan: Erlebnisse, Studien, Beobachtungen
Part 34
Schon die bestehenden Vorschriften über die Besetzung der Mandarinenposten zeigen, in welchen Ehren sie gehalten werden. So dürfen sich z. B. Chinesen, welche von den geächteten Ständen, also von Barbieren, Schauspielern, Schifferknechten und dergleichen abstammen, und selbst wenn ihre Ahnen in der dritten Generation eines dieser Gewerbe betrieben haben sollten, nicht Mandarine werden und auch nicht an den öffentlichen Prüfungen teilnehmen. Das führte in Hankau zu einem ergötzlichen Vorfall, der bezeichnend ist für die chinesischen Sitten. Unter den Bewerbern um die militärischen Prüfungen befand sich ein junger Mann, der durch seine außergewöhnlichen Kenntnisse und Fertigkeiten den Neid der Mitbewerber erweckte; um ihn zu beseitigen, wurde den Examinatoren die Anzeige gemacht, daß der Großvater des Betreffenden, wie es der Wahrheit entsprach, Barbier gewesen sei. Daraufhin wurde der unglückliche Kandidat aus den Listen gestrichen und ihm anbefohlen, die Stadt sofort zu verlassen. Aber die Barbiere von Hankau erhielten Kunde davon, und diese brachte sie so aus der Fassung, daß sie beschlossen zu streiken. In Hankau und dem benachbarten Hanyang legten dreitausend bezopfte Figaros ihre Waffen, die Rasiermesser, nieder; auf der halben Million Chinesenschädel der beiden Städte wuchsen die Haarstoppeln immer länger, die Scheitelzöpfe wurden immer zerzauster, kein Barbier rührte sich. Selbst der Befehl der Behörden an die Figaros, ihr Handwerk wieder aufzunehmen, blieb unbeachtet. So wurde denn das Militär beauftragt, die Ritter vom Rasiermesser abzufassen und in den Yamen zu bringen. Dort zwang man sie unter Androhung der Bastonnade, jeden um den gewohnten Preis zu rasieren, und der Vorhof des Yamens war eine Zeitlang eine ungeheure Barbierstube. Allein da die Mehrzahl der Barbiere ausgerissen war oder sich versteckt hatte, blieben immer noch Hunderttausende von Chinesenschädeln in trauriger Verfassung. Auch die Zerstörung der Wohnungen der entflohenen Barbiere durch das Militär konnte die letzteren nicht zur Reue bewegen, ja noch mehr, die Barbiere der benachbarten Provinzhauptstadt Wutschang schlossen sich dem Streik ihrer Brüder an. Allmählich kamen aber Barbiere aus den anderen Provinzstädten nach Hankau, und die Sache endete schließlich damit, das sich auch die Figaros der letzteren Stadt fügten und die Berechtigung der Ausschließung ihres Standeskollegen von den Prüfungen anerkannten.
Kein Chinese darf in seinem heimatlichen Distrikte Beamter werden; um Begünstigungen vorzubeugen, darf er auch keine Verwandten unter seine Untergebenen aufnehmen, und selbst in verschiedenen Distrikten derselben Provinz dürfen Vettern nicht gleichzeitig Beamtenposten einnehmen. Zur Aufrechterhaltung der Unparteilichkeit dürfen Beamte keine Frau heiraten, die unter ihrem amtlichen Wirkungskreise steht, ja sie dürfen in gerichtlichen Streitfragen zwischen zwei Parteien keine Entscheidung fällen, wenn sie durch ihre Frauen mit einer der Parteien im Verwandtschaftsverhältnis stehen sollten. Ehen mit Tänzerinnen, Schauspielerinnen und Sängerinnen sind nicht nur ihnen, sondern auch ihren Söhnen untersagt, und gehören sie dem erblichen Adel an, so darf selbst ein Enkel keine solchen Ehen eingehen, ohne dadurch in eine tiefere Adelsklasse versetzt zu werden.
Die höchste Reichsbehörde, etwa das, was im Deutschen Reiche das Reichskanzleramt, ist das Großsekretariat, aus vier Großsekretären bestehend, doch sind die Befugnisse desselben und sein Einfluß geringer als jene der Mitglieder des Tschun-Tschi-Tschu, zu deutsch Reichsrat. Dieser setzt sich aus fünf Mandarinen erster Klasse zusammen, gewöhnlich aus einem kaiserlichen Prinzen als Präsidenten an ihrer Spitze, durchwegs hochbetagten Herren, denen es gewiß recht schwer fallen muß, häufig um drei Uhr morgens in Gegenwart des Kaisers über die Regierungsangelegenheiten des Reiches zu beraten. Vom Reichsrate gelangen die letzteren an eines der sechs Ministerien oder, falls es sich um Angelegenheiten handelt, welche das Ausland betreffen, an das in den letzten Jahren so berühmt gewordene Tsung-li-Yamen, welchem viele Jahre lang das chinesische „Mädchen für alles”, Prinz Kung, als Präsident vorstand.
Ebenso wie die Wohnungen der Prinzen und Mandarine (von Palästen kann man bei ebenerdigen, einfachen Gebäuden nicht sprechen), ebenso wie die Ministerien und anderen Regierungsgebäude, so ist auch das Tsung-li-Yamen von einer jener hohen, kahlen Mauern umgeben, welche der Tatarenstadt von Peking ein so einförmiges, düsteres Aussehen verleihen. Ueber dem mit verschiedenen Ziegeldächern eingedeckten Haupteingang stehen auf einer Tafel vier große vergoldete Schriftzeichen, welche, in unsere Sprache übertragen, lauten: „Reich der Mitte, Ausland, Friede, Glück”, was etwa bedeuten soll: „Chinesisches Amt zur Herstellung friedlicher und glücklicher Beziehungen mit dem Ausland”. Von diesen friedlichen und glücklichen Beziehungen haben die Chinesen bisher freilich nicht viel zu verspüren bekommen. Ihre Schuld ist es keineswegs. Das Um und Auf der chinesischen Wünsche in Bezug auf das Ausland ist, in Ruhe gelassen zu werden, und wollte man die vier Worte: „Reich der Mitte, Ausland, Friede, Glück” in chinesischen Sinne auslegen, so müßte man über die Thüren des Tsung-li-Yamens schreiben: „Ausland, lasse das Reich der Mitte in Frieden, dann ist es glücklich”. Seitdem die Europäer nach China gekommen sind, ist die Regierung aus Kriegen, Verlegenheiten, Zahlungen, Verlusten an Macht, Ansehen, Land und Volk nicht herausgekommen, und man kann es den Chinesen wahrhaftig nicht übelnehmen, wenn sie den Europäer mit nicht gerade freundlichen Blicken betrachten, und wenn die Herren des Tsung-li-Yamens bestrebt sind, die Europäer hinzuhalten. Denn es ist ja eine ausgemachte Sache für sie, daß niemals ein Europäer kommt, um zu geben, sondern immer nur, um zu nehmen. Die Gesandten der Mächte wollen Entschädigungen, Gebietsabtretungen, die Kaufleute Konzessionen, Kaufabschlüsse, die Missionare gar werfen durch die christliche Lehre, die mit dem ganzen Gesellschaftsleben, dem Ahnenkultus und der Religion der Chinesen in schroffstem Widerspruch steht, das ganze Gefüge über den Haufen und wirken mit ihren Lehren, wie ein Chinese sich drastisch ausdrückte, wie Sauerteig. Die zehn Mitglieder des Tsung-li-Yamens haben für ihre Unterhandlungen mit den Ausländern diese Halle eingerichtet, bei deren Betreten die letzteren mit zweierlei Gepäck ausgerüstet sein müssen, entweder mit Geduld oder mit Kanonen. Wer Kanonen zu seiner Verfügung hat, kommt besser fort.
Hinter dem Eingange öffnen sich dem Besucher des Yamens eine Reihe von einfachen, aber reinlichen und geschmackvoll ausgestatteten Hallen, deren letzte in einem hübschen wohlgepflegten Garten endigt. Ein kleiner Raum mit einem rundem Tisch und verzwickten chinesischen Stühlen aus schwarzem Holz dient als gewöhnliches Empfangszimmer für fremdländische Gesandte, wobei stets drei Mitglieder des Tsung-li-Yamens mit einer Schar von Sekretären und Dienern gegenwärtig sind. An den Wänden hängen an Stelle von Bildern oder Landkarten die in China allgemein gebräuchlichen langen Papierstreifen mit allerlei Weisheitssprüchen. Der erste derselben lautet: „Zu lernen ist sehr verdienstvoll”, der zweite: „Wenn der Thee halb angebrüht ist, entsteigt ihm das Aroma”, der dritte: „~Wei schan tsui luh~”, was etwa bedeutet: „Gut zu thun ist das höchste Glück”. Den ersten Spruch mögen die Herren des Tsung-li-Yamens wohl beherzigen, denn solange sie nicht wissen, das es neben Frankreich, England und Rußland auch noch andere Reiche in Europa giebt, taugen sie für ihren Beruf nicht viel. Bis vor kurzem unterstanden dem Yamen folgende Aemter: eine englische Abteilung mit sechs Beamten, eine französische mit sieben, eine russische mit sechs, eine amerikanische Abteilung mit sechs Beamten, schließlich eine Abteilung für Seeverteidigung. Es wird wohl nicht lange dauern, bis noch eine deutsche Abteilung hinzukommt.
Ebenso wie die Ministerien sind auch die Mehrzahl der fremdländischen Gesandtschaften in chinesischen Häusern, ursprünglich Wohnungen von Prinzen oder hohen Mandarinen, untergebracht, und sie unterscheiden sich von den übrigen einförmigen Gebäuden nur durch die Flaggenmasten, die über die Thore ragen. Der Verkehr zwischen den Gesandten und den chinesischen Mandarinen beschränkt sich auf das Allernotwendigste. Selten erfolgen gegenseitige Besuche, noch seltener erscheint irgend ein Mitglied des Tsung-li-Yamens zu einer Soiree oder einem Diner, aus Furcht, von den anderen als fremdenfreundlich angesehen zu werden. Ueber das ganze Thun und Lassen selbst der höchsten Mandarine wacht das Zensorenamt mit zahllosen Beamten, und jeder Mandarin hat in den Archiven dieses Amtes seine Konduitenliste. Selbst der Kaiser untersteht den Zensoren. Als Kuang-Su zum erstenmal nach seiner Thronbesteigung seine Ahnenopfer darbrachte, übergab ihm ein Zensor eine Schrift, in welcher er dem Kaiser das Recht absprach, diese Ahnenopfer vorzunehmen, da er nicht direkter Sprosse der letzten Kaiser, sondern nur ein Neffe des vorletzten Kaisers sei. Dann nahm er sich vor den Augen des Kaisers das Leben, weil er es gewagt, die Handlungen des Kaisers zu bemängeln. So ist das ganze Leben an dem merkwürdigen Hofe, so ist die Regierung des chinesischen Reiches ein seltsames Gemisch von gut und schlecht, ein Zwiespalt von Vorwärtsschreiten und Beharren bei dem Althergebrachten, ein Gegensatz von Patriotismus und kleinlichem Intriguenspiel, von Uneigennützigkeit und schlimmster Habgier. Die Wasser sind getrübt, und die Europäer fischen nach Herzenslust darin. An jeder Angel zappelt eine Eisenbahn, ein Hafen, eine Provinz.
Die chinesischen Mandarine sind in neun Rangklassen eingeteilt, die sich durch bestimmte Vorrechte, Gehaltsbezüge und äußerlich durch bestimmte Abzeichen, hauptsächlich durch die eigroßen Rangknöpfe auf den Hüten und die gestickten Tierwappen auf Brust und Rücken ihrer Gewänder unterscheiden. Das ganze Beamtentum als Stand führt in China den Namen Pe-kuan, d. h. die hundert Obliegenheiten, die Mandarine der höchsten Klassen heißen Tai-fu, jene der niederen Kuang-fu. Der Name Mandarin ist portugiesischen Ursprungs und unter den Chinesen unbekannt. Die nominellen staatlichen Bezüge der Ministerbeamten sind anscheinend gar nicht so gering, ja viel bedeutender als jene der europäischen Staaten. So bezieht z. B. der Vizekönig einer Provinz 20000 Taels (nach dem gegenwärtigen Kurse entspricht ein Tael im Werte etwa 3 Mark); der Gouverneur 16000, der Provinzschatzmeister 9000, der Provinzrichter 6000, ein Präfekt 3000, ein Distriktmagistrat zwischen 2000 und 800 Taels; ein Provinzkommandant 4000, ein General 2400, ein Oberst 1300 Taels und so abwärts bis zu dem niedrigsten Beamten, der etwa 130 Taels im Jahre erhält. Wenn diese Bezüge wirklich nur für die Person des Betreffenden bestimmt wären, dann könnten die Mandarine vortrefflich auskommen und hätten es kaum nötig, zu Nebenverdiensten Zuflucht zu nehmen. Allein gewöhnlich kommen sie erst nach einer mehrere Jahre langen Wartezeit auf ihren Posten, und da es für Personen mit litterarischen Graden nicht standesgemäß ist, sich irgend welchem Handels- oder Arbeitsberuf hinzugeben, müssen sie auf ihre zukünftigen Bezüge hin Schulden machen. Haben sie endlich den Posten, so können sie ihn den bestehenden Vorschriften nach nur drei Jahre lang behalten. Um die Beamten nämlich so unabhängig als möglich von Familien- und Freundschaftseinflüssen zu erhalten, werden sie alle drei Jahre auf andere Posten versetzt, und selbst solange sie in einer Stadt bleiben, können sie ihren Gehalt nicht ausschließlich für ihre Bedürfnisse verwenden, sondern müssen davon auch noch ein Heer von Sekretären, Schreibern und Dienern füttern, welche vom Staate nicht bezahlt werden und von den Chinesen nicht mit Unrecht die Bezeichnung Klauen ihrer Vorgesetzten erhalten haben. Der Mandarin ist in seinem Distrikte nicht nur der Vertreter der Regierung, er ist gleichzeitig Polizeibeamter, Richter, Steuereinnehmer, Standesbeamter und Notar, und in seiner Hand vereinigen sich alle Verwaltungszweige. Seine Hauptpflichten sind es, Ruhe und Ordnung zu erhalten, die Steuern einzutreiben und darauf acht zu haben, daß er von den Spionen der Regierung, den Zensoren oder vom Volke selbst seinen Vorgesetzten nicht wegen Mißbrauchs seines Amtes angezeigt wird. Gelingt ihm dies, so kann er nach Ablauf der dreijährigen Amtszeit Beförderung gewärtigen. Er kann auch dem Volk mehr Steuern abnehmen, als dieses zu zahlen verpflichtet ist, und die Chinesen lassen sich das auch ganz gerne gefallen. Sie wissen ja, daß Widerstand gegen die Regierungsvertreter immer Geld kostet und zu zeitraubenden Untersuchungen, zu weiteren Bedrückungen, möglicherweise zu Aufständen führt, wodurch sie viel größere Verluste erleiden würden, als es die rechtswidrige Steuereintreibung verursacht. Der Mandarin seinerseits wird dieses Spiel auch nicht zu weit führen, denn wird er bei seinem Vorgesetzten angeklagt, so muß er diesem vielleicht eine viel größere Geldstrafe zahlen, als sein ganzer dem Volke abgenommener Gewinn ausmacht. Sollte er dann immer noch seine Erpressungen fortsetzen, so kann es vorkommen, daß die Bevölkerung seines Wirkungskreises ihn eines Tages in feierlichem Aufzuge mit einer Sänfte aus dem Yamen abholt und vor die Stadtthore trägt. In solchen Fällen giebt die Regierung, der es vor allem um den lieben Frieden zu thun ist, gewöhnlich dem Volke recht und ernennt einen anderen Mandarin an die Stelle des verjagten. Ebenso wie das Volk eine maßvolle Uebervorteilung durch die Mandarine duldet, ebenso geschieht dies auch von seiten der Regierung, die sehr wohl weiß, daß der Mandarin mit seinem Gehalte nicht auskommen kann, und die direkt und indirekt aus den Erpressungen ihrer Beamten Nutzen zieht. Direkt dadurch, daß sie die Einzahlung eines größeren Steuerbetrages von den Beamten erwarten kann, indirekt dadurch, daß auch die Hände der höheren Mandarine von den unteren geschmiert werden. W. Holcombe erzählt, ein chinesischer hoher Diplomat habe ihm selbst mitgeteilt, er könne in Peking nur dann eine Audienz erlangen, wenn er dieselbe mit gewichtigen Geschenken bezahle. Bei seiner ersten Audienz bei einem Prinzen des kaiserlichen Hauses brachte sein Sekretär hundert Unzen Silber mit, welche er an der Pforte dem Hausoffizier des Prinzen übergab. Derselbe Gewährsmann sah einmal bei einem hervorragenden Pekinger Juwelier hundert lackierte, mit Seide überzogene Servierbretter, von denen jedes zehn kleinere Abteilungen enthielt, bestimmt zur Aufnahme von Silberbarren von je zehn Unzen Gewicht. Die Servierbretter waren von einem hohen Mandarin bestellt worden, der dieselben mit zehntausend Unzen Silber füllen und einem kaiserlichen Prinzen zum Geschenk machen wollte. Kleine Geschenke erhalten die Freundschaft, und mit Geld läßt sich eben auch in China viel erreichen, selbst Mandarinstellen.
Daß Titel, Würden, Pfauenfedern und derlei Auszeichnungen im himmlischen Reiche ebenso käuflich sind wie anderswo, wird niemand wundernehmen. Auch die Chinesen sind eitel, und es giebt eine ganze Menge reicher Leute, welchen der Kaiser den Mandarinsrang als Belohnung dafür verliehen hat, daß sie in Zeiten der Bedrängnis große Summen für Brücken, Dammbauten oder gemeinnützige Zwecke opferten. Solche Ehren geben dem Träger gewisse Vorrechte und als äußeres Abzeichen den vielbegehrten Mandarinknopf auf dem Hut (also das Knopflochbändchen ins Chinesische übersetzt); doch ist damit nicht etwa das Recht, wirkliche Aemter zu bekleiden, verknüpft.
Indessen kann man in China auch Aemter für Geld kaufen. Von mancher Seite ist dies bestritten worden, und der vorgenannte amerikanische Diplomat behauptet, er hätte während seines mehrjährigen Aufenthaltes in China niemals einen Mandarin in offiziöser Stellung getroffen, der diese durch Kauf erlangt hätte, niemals auch nur von einem solchen gehört, ausgenommen Leute vom Range eines Dorfpolizisten.
Demgegenüber ist es mir wohl erlaubt, ein Edikt des Kaisers von China anzuführen, das in der offiziellen Pekinger Staatszeitung vom 6. Juli 1894 veröffentlicht wurde. Dasselbe lautet: „Der Lektor im Hanlin yuan, Wen-ting schi, bemerkt in einer Eingabe, daß der Verkauf von Aemtern keine althergebrachte Einrichtung sei, und bittet, denselben zu Gunsten einer geordneten Staatsverwaltung ganz einzustellen. Wenn die Staatsverwaltung den Aemterverkauf zuließ, so war dies ursprünglich eine der äußersten Geldnot entspringende Maßregel. In der letzten Zeit nimmt jedoch der Aemterverkauf dermaßen überhand, daß Verwirrungen im Beamtenkorps entstehen und allerlei Mißstände eintreten müssen. Der Taotai und der Präfekt sollen für das Wohl der Bevölkerung Sorge tragen. Wie können aber Leute, die nichts von Amtsgeschäften verstehen und sich mit Geld ein Amt erkauft haben, ihren Posten genügend ausfüllen? Das Finanzministerium soll deswegen zunächst den Verkauf von Taotai- und Präfektenposten gänzlich einstellen. Wegen der anderen kleineren Aemter möge die genannte Behörde gleichfalls in Erwägung ziehen, wie dem Verkauf derselben passend Einhalt gethan werden kann, und darüber ausführlich berichten.”
Obschon es in China, wie schon aus diesem kaiserlichen Edikt hervorgeht, eine ganze Menge derartiger durch Stellenkauf auf ihre Posten gelangten Mandarine giebt, so machen auch diese vielen Schwalben immer noch keinen Sommer aus. Ein ostasiatisches Blatt bemerkt darüber ganz richtig: „Das hohe Ideal, das einst in Bezug auf die Staatsverwaltung bestand, ist gesunken und verdunkelt durch zahlreiche Fehler und Flecken; dessenungeachtet besteht zweifellos ein Ideal. Sobald man beispielsweise einen Bezirksrichter findet, der seiner Pflicht getreu nachkommt, wird er durch das Volk geehrt, und der Kaiser drückt ihm seine Anerkennung aus. Die Strafen, welche die Pekinger Staatszeitung beständig verkündet, legen auch einen Beweis für die Bemühungen der Regierung ab, das System rein und wirksam zu erhalten. Wie es in der Natur der Religionssysteme liegt, daß sich mit der Zeit in dieselben Mißbräuche und unnötiges Zeremoniell einschleichen, so nimmt auch ein verwickeltes System des Beamtentums allmählich ein gekünsteltes Gewand an und verliert den Lebensatem, der es bei seiner Entstehung beseelt hat.”
„Man darf also die zweifellos bestehenden Mißstände keineswegs verallgemeinern. Unter den Beamten findet man zahlreiche Personen von großer Lauterkeit des Charakters, Talent und Energie; tüchtige, ehrliche, auf das Volk bedachte Männer füllen die Mehrzahl der Posten aus, obgleich sie in Gegenständen Prüfungen bestehen müssen, welche die moderne Wissenschaft verlacht. Die Massen des Volkes erfreuen sich eines guten Teils persönlicher Freiheit; der bescheidene Chinese, obgleich übersteuert, wird nicht so bedrückt, wie wir dies in manchen Ländern des Westens sehen. Es giebt unter den letzteren solche, die für zivilisiert gehalten werden, in denen aber die Mißwirtschaft viel größer ist als im Reiche der Mitte.”
Wer die Verhältnisse in China aus eigener Anschauung kennen gelernt hat, wird derselben Meinung sein. Anders steht es mit der Ausführbarkeit der europäischen Finanzverwaltung im Reiche der Mitte. In den offenen Hafenstädten und in den Distrikten längs des Jangtsekiang wäre sie heute schon wohl möglich, aber im Innern des Landes ist die Zeit dafür noch nicht gekommen. Die Massen des Volkes müssen die Ueberzeugung gewinnen, daß sie in Bezug auf ihre Taschen unter europäischer Steuerverwaltung besser fahren, und das dürfte doch noch viele Jahre Zeit erfordern.
Litterarische Wettprüfungen.
Ein höheres Ziel, als litterarische Ehren und Würden zu erlangen, giebt es in China nicht, und gerade so wie vor anderthalbtausend Jahren führt auch heute noch nur ein Weg zu diesem Ziele: die Wettprüfung. Niemand, der eine solche Prüfung nicht bestanden hat, kann, wenigstens dem Wortlaut des Gesetzes nach, Mandarin, Beamter, Minister, Gesandter werden. Und selbst falls er einen solchen Posten nicht erreichen sollte, bleibt er doch der angesehenste Mann in seinem Orte, er ist vor dem Gerichte von Körperstrafen befreit, er braucht vor dem Richter nicht zu knien und mit der Stirne die Erde zu berühren wie das gewöhnliche Volk, und gerade so wie der Edelmann in Europa über der Thür seines Palastes das Wappen seiner Väter anbringt, so hängt derjenige, der in China die Prüfungen überstanden hat, eine große Tafel mit seinem von ihm selbst erworbenen litterarischen Titel über seine Hausthür.
Gymnasien, Universitäten, Kollegs, überhaupt Unterrichtsanstalten wie in Europa, sind in China nur in wenigen Hauptstädten in sehr beschränkter Zahl vorhanden und überdies Schöpfungen der neuesten Zeit. Im Inlande treten an ihre Stelle Privatschulen. In diesen werden die Kinder vom zarten Alter an in die Lehren des Confucius und Mencius eingeweiht, dort lernen sie ein paar tausend chinesischer Schriftzeichen lesen und auf Papier malen, dort führt sie der Privatlehrer in die Feinheiten des chinesischen Stils und die chinesische Kalligraphie ein. Geographie, Geschichte, Religion, praktische Wissenschaften sind unbekannte Unterrichtsgegenstände. Eine höhere chinesische Schule ist etwa mit einem europäischen Gymnasium vergleichbar, in welchem vom ersten bis zum letzten Jahre nichts anderes gelehrt würde als die griechischen Klassiker in der Ursprache. Derjenige, der sie am besten auswendig herzusagen und zu erklären weiß, wird in den Staatsdienst aufgenommen.
Glaubt ein Chinese, daß er die vor Tausenden von Jahren geschriebenen Sieben heiligen Bücher hinreichend meistert, so kann er sich zu den öffentlichen Prüfungen melden, welche zweimal in je drei Jahren in der Hauptstadt seines Distriktes abgehalten werden. Alt und jung wird zugelassen, und es kommt häufig vor, daß Großvater, Vater und Sohn gleichzeitig als Prüfungskandidaten in den Wettkampf treten. Die von der Provinzregierung ernannten Examinatoren prüfen die schriftlichen Arbeiten. Diejenigen Kandidaten, welche die besten Arbeiten geliefert haben, gewöhnlich ein Zehntel der ganzen Zahl, erhalten den vielbegehrten Knopf auf ihren Hut und den offiziellen Titel Siu-tz-ai, d. h. Knospendes Genie.
Aber das ist nur die erste und niedrigste Stufe zum chinesischen Parnaß, eine notwendige Vorbedingung, um als Kandidat zu den Prüfungen in der Provinzhauptstadt zugelassen zu werden, welche alle drei Jahre einmal, gewöhnlich im September, abgehalten werden. Die Examinatoren sind Mitglieder der Hanlinakademie in Peking, dieser chinesischen Akademie der Wissenschaften, und werden vom Kaiser ernannt. Außerdem wohnen der Vicegouverneur der Provinz und die hervorragendsten Mandarine denselben bei.