China und Japan: Erlebnisse, Studien, Beobachtungen
Part 32
Der Eindruck, den das gewaltige Bauwerk beim ersten Anblick hervorruft, wird noch dadurch erhöht, daß der zu ihr emporführende Weg in einem von steilen Felsen eingefaßten finsteren Engpaß läuft, so schmal, daß der Weg neben dem Wildbache, der am Grunde der Schlucht braust, kaum Platz findet. Ist die etwa sechshundert Meter über dem Meere gelegene Paßhöhe erstiegen, so steht man vor dem berühmten Pa-ta-ling, dem Thore, das hier durch die Mauer führt und von einem mächtigen Wachturm überhöht wird. Eine Rampe führt zu der Mauer empor und, auf dieser stehend, konnte ich erst die ungeheure Mächtigkeit und Ausdehnung derselben erkennen. Wie die meisten Stadtmauern in China, besteht auch diese Grenzsperre gegen die Mongolei aus einem Erdwall, der zu beiden Seiten bis hinauf mit mächtigen Granitquadern belegt ist, so fest und genau aufeinander gefügt, daß sich auch heute noch, viele Jahrhunderte nach der Erbauung, nur wenige Lücken zeigen. Dieser Wall, in einer unteren Breite von etwa achtzehn Metern und einer Höhe von elf Metern, ist oben mit Steinen oder gebrannten Ziegeln gepflastert und hat zwischen den Parapetmauern oder Brustwehren, mit denen er auf beiden Seiten seiner ganzen ungeheuren Länge nach eingefaßt wird, eine Breite von fünf bis sieben Meter.
Die Brustwehren sind aus halbmeterlangen, fußbreiten Ziegeln aufgeführt und besitzen auf etwa anderthalb Fuß Höhe vom Boden Schießscharten für Handfeuerwaffen, während zwischen den gewaltigen, drei Meter voneinander entfernten Zinnen die Geschütze eingeführt wurden. Von den letzteren liegen noch Dutzende ohne Laffetten, verrostet, auf dem Wall umher, denn die Große Mauer wird ihrer ganzen Ausdehnung nach nicht mehr bewacht, und auch die von hundertfünfzig zu hundertfünfzig Meter sich über die Mauer erhebenden granitenen Wachthürme sind verlassen, Schlupfwinkel für Fledermäuse und allerhand Ungeziefer.
Von meinem hohen Standpunkte aus konnte ich die Mauer auf viele Meilen weit verfolgen; wie eine ungeheure, zu Stein gewordene Schlange führt sie unabsehbar nach Ost und West die steilen Berge hinauf auf schwindelnde Höhen, in tiefe Thäler hinab, ohne die mindeste Rücksicht auf die Bodenverhältnisse. Kein Berg ist zu hoch, kein Thal zu tief, kein Fluß zu breit. Alles wird von diesem Riesenwerke überwunden. Jeder Granitblock, jeder der zentnerschweren Ziegel mußte aus beträchtlichen Entfernungen durch unwirtliches, unbewohntes Gebiet herbeigeschleppt und dann erst noch auf steile, mitunter fast unzugängliche Höhen getragen werden. Und wie viele Granitblöcke, wie viele Ziegel waren für diese dreitausenddreihundert Kilometer lange Mauer erforderlich! Auf einer früheren Reise hatte ich den ersten Anfang der Großen Mauer bei Schanhaikwan im Gelben Meere gesehen, und wie hier, so setzte mich auch dort ihre Massenfestigkeit, die Höhe und Stärke ihrer Türme, die weit ins Meer vorgeschobene Endbastion in Erstaunen. Um für diese Endbastion das Fundament zu schaffen, wurden große Schiffe mit Eisenstücken und Granitblöcken gefüllt und versenkt. An manchen Stellen ist die Mauer höher und stärker, an manchen schwächer, streckenweise nur ein einfacher Erdwall, aber hier, bei Pa-ta-lin, an der Hauptroute zwischen der Mongolei und China, ist sie durchwegs in verhältnismäßig vorzüglichem Zustand und selbst auf den wolkenumzogenen Berggipfeln durch feste Wachtürme verstärkt.
Und diese Mauer, die ich über den Gebirgskamm in unabsehbare Fernen hinziehen sah, die Steppen der Mongolei und die kahlen Berghänge Chinas zu ihren Füßen, ist, wie gesagt, nur die zweite, innere Mauer, im siebenten Jahrhundert aufgeführt und unter der Mingdynastie vor vierhundert Jahren erneuert. Bei ihrer Erbauung wurden über eine Million Menschen an die chinesische Grenze befohlen, um an dem Riesenwerk zu arbeiten. Die innere Mauer zweigt sich von der äußeren nordöstlich von Peking ab und vereinigt sich mit ihr wieder im Westen der Provinz Schansi, nahe dem mächtigen Hoanghostrom.
Die eigentliche Große Mauer, oder wie sie von den Chinesen genannt wird, Wan-li-tschang-tscheng, das heißt das zehntausend Li lange Bollwerk, liegt auf dem Wege von Nankou nach Sibirien um zwei kleine Tagereisen weiter, unmittelbar an der großen Handelsstadt Tschan-kia-kao, dem Kalgan der Russen, in der Mongolei und zieht vom Gelben Meere bis in die Wüste Gobi im Westen des Reiches. Sie wurde unter dem Kaiser Tschi-Hwangti im Jahre 214 vor Christi Geburt als Schutz gegen die wiederholten Einfälle der Mongolen begonnen und im Laufe der Zeiten wiederholt erneuert, ausgebessert und verstärkt.
Ihre Gesamtlänge beträgt dreitausenddreihundert Kilometer, also wie etwa die Entfernung vom Ural nach Spanien. Wie der Jesuitenpater de Mendoza erzählt, sandte der Kaiser, „um sothanes wunderbahres Werck zu verfertigen, das dritte Theil seiner Unterthanen, und bißweilen von fünff Mann zween dahin; und obgleich die Einwohner einer jeden Landschafft an denen Oertern, so ihren Häusern am nächsten, blieben und arbeiteten, sturben doch nichtsdestoweniger fast alle Diejenigen, welche dahingingen, entweder vor Langwierigkeit der Reyse, oder vom Unterschiede der Lufft, so in diesen Ländern ist.”
Peter de Gojern, der 1655 bis 1657 die Gesandtschaft der Ostindischen Gesellschaft zum großen Tatarenchan, d. h. dem Stammvater der jetzt regierenden chinesischen Kaiserdynastie, nach Peking begleitete, sagt in seiner 1666 in Amsterdam erschienenen Reisebeschreibung:
„Den Baw dieses wundergrossen Wercks ließ der Kayser aufführen nicht so sehr zur Scheide Wandt zwischen dem Sinischen und Tartarischen Reiche, als zum hochnöthigen Mittel hinfüro dem Einfall der Tarter zu wahren und solche mächtige Feinde allerdings aus dem Reiche zu halten. Er ließ eine solche Zahl Menschen daran arbeiten, daß das gantze Werck innerhalb fünff Jahren fertig und vollzogen ward.”
„Denn da nam dieser Kayser auß jedweden zehen Männern durchs gantze China drey, und zuletzt auß jeden fünffen zween heraus, welche täglich an der Mawr arbeiten und ein gewisses Stücke davon fertig schaffen musten. Das gantze Werck ward von Kiesel- und andern Steinen auffgeführt, und dermassen dicht und fest gemawret, daß man nicht die geringste Spalte oder Ritze daran finden konnte. Ja es hatte der Kayser ein gar strenges Gebot publiciret, daß, wo in einigem Winckel oder Fugen des Wercks sich ein Nagel hineinschlagen liesse, derjenige, so am selbigen Stücke gearbeitet, ein Fenster im Galgen geben solte.”
Ein Wort des Kaisers hatte genügt, Millionen von Menschen in Bewegung zu setzen; Millionen verließen ihre Heimat, ihre Familien, um nach der Nordgrenze des ungeheuren Reiches zu ziehen und dort unter den größten Entbehrungen jahrelang zu arbeiten. Hunderttausende büßten ihr Leben ein, von irgend welchem Lohn, irgend welcher Entschädigung für diese Opfer war nicht die Rede, und doch opferten sie sich, weil es der Kaiser befohlen. Aehnliches, wenn auch in unvergleichlich kleinerem Maßstabe, ist bei der Herstellung des Suezkanals erfolgt, aber es ist sehr fraglich, ob sich ein gleiches Zusammentreiben von Menschen noch einmal ausführen ließe. In China indessen gilt das Kaiserwort im Ernstfalle noch immer für allmächtig. Noch heute richten sich trotz aller Mißwirtschaft, trotz Elend, Zerfall und Aufständen doch noch alle Blicke nach Peking. Ich habe das im chinesischen Reiche überall wahrgenommen, und wenn auch das Vertrauen in den Bestand und in die Widerstandskraft des chinesischen Volkes durch den letzten Krieg mit Japan erheblich erschüttert worden ist, so scheint es mir doch sehr gefehlt, diese Widerstandskraft zu unterschätzen. Droht wirklich ernste Gefahr für den Bestand des Reiches und dringt davon die Ueberzeugung in die Massen des Volkes, dann dürfte China nicht so leicht zu besiegen sein, wie es durch die Japaner geschehen ist.
Dafür wird aber die friedliche Eroberung desto sicherer stattfinden, soweit es den Handel, den Verkehr, die Erschließung des Landes betrifft, und gegen diese wird auch die chinesische Mauer nicht standhalten. Die einstigen tapferen Mongolen, welche unter Dschingis-Chan das Reich überfluteten, ziehen heute als friedliche Kameltreiber durch die Mauer nach China; ihre Fürsten sind Vasallen des Kaisers und kommen zeitweilig nach Peking, um dort ihren Tribut zu entrichten.
Nicht die Mongolen drohen dem chinesischen Reiche, sondern das Volk, das nördlich an sie grenzt: die Russen. Gegen sie giebt es keine chinesische Mauer, und durch denselben Engpaß von Nankou, durch welchen heute der ganze Verkehr zwischen China und Sibirien auf Kamel- und Maultierrücken stattfindet, wird binnen einem Jahrzehnt die Lokomotive dampfen.
Hofetikette und Umgangsformen bei den Chinesen.
Die Umgangsformen sind bei den Chinesen vielleicht strengeren Regeln unterworfen als bei irgend einem anderen Volke, nur kommen sie in einer der unsrigen ganz entgegengesetzten Weise zum Ausdruck. Empfängt beispielsweise ein Chinese Besucher in seinem Hause, so nimmt er dazu seinen Hut nicht ab, sondern setzt ihn auf; er schüttelt bei der Begrüßung nicht die Hände des Besuchers, sondern seine eigenen Hände, und er weist dem Gaste nicht die rechte, sondern die linke Seite als Ehrenplatz zu. Es wäre ein schlimmer Verstoß gegen die Etikette, wollte der Gast sich nach dem Befinden der Damen erkundigen oder den Wunsch ausdrücken, ihnen vorgestellt zu werden. Die Damen bleiben unsichtbar, selbst bei Mahlzeiten, und statt ihrer werden Frauen von zweifelhaftem Ruf zugezogen. Die Tafel wird nicht mit einem weißen Tischtuch bedeckt, wie bei uns, denn weiß ist bei den Chinesen die Farbe der Trauer. Während der Mahlzeit werden nicht kalte, sondern warme Getränke aufgetragen; die Reihenfolge der Speisen ist die umgekehrte der unsrigen. Der Chinese hat nicht den Wunsch, möglichst jung, sondern möglichst alt auszusehen, und es ist die größte Schmeichelei, einen jungen Mann zu seinem ehrwürdigen Aeußeren zu beglückwünschen. Wir schneiden unsere Kopfhaare kurz, der Chinese verlängert sie noch künstlich durch Seidenschnüre; wir sind stolz auf unsere Bärte, der Chinese vertilgt bis zu seinem fünfundvierzigsten Jahre sorgfältig alle Bartspuren. Die Chinesin schnürt sich nicht den Leib, sondern die Füße; geht sie aus, so setzt sie nicht einen Hut auf, sondern entfernt jede Kopfbedeckung und zeigt das Gesicht unverschleiert. Der Chinese trägt keinen Spazierstock, sondern einen Fächer, statt sich auf seinen Spaziergängen von einem Hund begleiten zu lassen, trägt er einen Käfig mit einem Vogel; und reitet er, so hält er die Zügel nicht in der linken, sondern in der rechten Hand. Er schreibt nicht mit der Feder, sondern mit einem Pinsel, und zwar von oben nach unten, von rechts nach links, von hinten nach vorn; Randbemerkungen macht er nicht unten, sondern oben, Nachschriften stehen dort, wo bei uns der Anfang ist, und datiert er einen Brief, so schreibt er zuerst das Jahr, dann den Monat, dann den Tag. Spricht er jemanden an, so nennt er den Namen zuerst, den Titel nachher, und sagt nicht: „Guten Morgen, Herr Fischer”, sondern „Fischer Herr, Tschin-Tschin”. Der Chinese kann die schlimmsten Schimpfwörter an den Kopf geworfen bekommen, er wird darüber vielleicht lachen; tritt ihm aber zufällig jemand auf die kleine Zehe, was wir unter gegenseitigen Höflichkeitsformen weiter unbeachtet lassen, so vergeht er vor Zorn und prügelt sich vielleicht sogar. Stirbt sein Sohn, ein Ereignis, worüber wir jammern und wehklagen, so lacht der Chinese, solange er unter Leuten ist, darüber. Alle diese und tausenderlei andere Einzelheiten in den Umgangsformen sind in China durch uralte Ueberlieferungen geheiligt, ja sie werden durch ein eigenes Staatsministerium bis ins kleinste festgestellt. Dieses Ministerium, eine der sechs großen Zentralbehörden in Peking, führt den Titel Li-Pu, etwa Amt der Gebräuche und Zeremonien. Der Hof, die Festtage, der administrative und militärische Organismus, die Geburten, Hochzeiten, Leichenbegängnisse, Trauer, Götter- und Ahnenverehrung, die Ehren und Würden, Uniformen, Trachten, Sommer- und Winterkleidung, die Art der Begrüßung, Gehen, Fahren, Reiten, mit einem Worte das ganze Leben des Chinesen von seiner Geburt bis zu seinem Tode, ja sogar darüber hinaus, ist dem Li-Pu untergeordnet, und seine Vorschriften werden von jedem Bewohner des Reichs der Mitte genau beobachtet.
Das Li-Pu ist in eine Anzahl von Aemtern eingeteilt, deren jedes seine besondere Bestimmung hat und seine Weisheit aus einem uralten Werke, dem Buch der Gebräuche schöpft, das nicht weniger als zweihundert Bände umfaßt. Einem dieser Aemter ist auch der Ahnenkultus untergeordnet mit den Vorschriften für die Verehrung der verstorbenen Kaiser, Generale, Staatsmänner und Gelehrten, der Geistermahlzeiten, Ahnenopfer und dergleichen. Ein anderes Amt, das Amt des Gastes und des Wirtes genannt, regelt den Verkehr mit den fremden Gesandtschaften und tributpflichtigen Fürsten; ihm sind die Dolmetscher und die chinesischen Gesandtschaften im Auslande in Bezug auf die Einzelheiten der Ausrüstung und Reise untergeordnet. Sogar die Musik hat ein eigenes Kaiserliches Musikamt mit einer großen Anzahl von Beamten, welche die Aufgabe haben, „die Grundsätze der Harmonie und Melodie zu erforschen, Musikstücke zu komponieren und Instrumente anzufertigen, um diese Musikstücke aufzuführen”. Die Chinesen sind wohl das einzige Volk des Erdballs, das ein eigenes Musikamt besitzt und so viel offizielle Musik macht. Selbst die Regeln des Tanzes sind von dem Ministerium der Gebräuche vorgeschrieben, denn, so sagt Confucius, „in Wirklichkeit ist nichts ohne seine bestimmten Zeremonien”.
Der Chinese kann sich nicht einmal nach Belieben sein Haus bauen. Er hat in der Anlage des Hauses, in der Richtung der Front, ja sogar in Bezug auf die Höhe bestimmte Vorschriften zu beobachten. Er darf es nicht höher bauen als das nächste Haus eines ihm im Range Höherstehenden, und neben den Gesetzen, welche die Lebenden ihm zur Befolgung auferlegen, darf er auch das Recht der Toten nicht verletzen. Den bösen Geistern, die Himmel und Erde bevölkern, muß er aus dem Wege gehen, oder wie es in China heißt, das Feng-Schui beobachten. Auf Schritt und Tritt, in seinem ganzen Thun und Lassen ist er durch Vorschriften und alte Traditionen eingeengt, besonders dann, wenn er in den kaiserlichen Dienst getreten ist. Auch der gewöhnliche Bürger muß sich dem Li-Pu willenlos unterwerfen. Die Farbe, Stoffgattung und der Zuschnitt der Kleider, die Anzahl der Knöpfe, die Hüte, die Farbe der Sänften, Sänftenstangen, ja sogar die Regen- und Sonnenschirme haben ihre bestimmte Bedeutung. Der chinesische Beamte darf nicht nach Belieben ein wärmeres Kleidungsstück anlegen oder es mit irgend einem beliebigen Pelz verbrämen lassen. Er mag in den kalten Provinzen des Nordens frieren, er mag bei der Annäherung des Sommers in dem tropischen Süden schwitzen, Sommerkleidung oder Pelz muß er anbehalten, solange nicht von Peking der Tag bezeichnet wird, an welchem Seine Majestät der Kaiser seinen Sommer- oder Winterhut aufgesetzt hat. An diesem Tage wechseln auch sämtliche Mandarine ihre Kleidung. Ist es Sommer geworden, so werden die Pelze, die aufgestülpten schwarzen Seidenhüte und die kleinen niedlichen Handöfchen, die jeder Beamte bis dahin zu tragen hat, eingepackt und mit seidenen Gewändern, leichten Bambushüten und Fächern vertauscht. Generalgouverneur, Tatarengeneral oder Minister können sich wohl in den Provinzen den Luxus von sechs oder mehr Sänftenträgern erlauben, in Peking aber dürfen ihre Sänften nur von vier Trägern getragen werden. Würdenträger geringeren Grades haben in Peking Anspruch auf zwei, außerhalb der Hauptstadt auf vier Sänftenträger; noch geringere dürfen sich in Peking der Sänfte nicht bedienen, können aber reiten. Zieht ein hoher Würdenträger diese Art der Fortbewegung vor, so muß er von zehn Stalldienern begleitet werden, von denen zwei vor ihm, acht hinter ihm einherschreiten. Je nach dem Range sinkt diese Anzahl der Begleiter auf sechs, vier und zwei herab, und Beamte des geringsten Grades haben nur einen Begleiter, wobei aber auch noch eine strenge Unterscheidung darin liegt, ob der Begleiter vor dem Reiter oder hinter ihm einherschreitet.
Die gelbe Farbe darf nur von Mitgliedern des kaiserlichen Hofes oder von solchen Würdenträgern getragen werden, denen diese Auszeichnung besonders verliehen wird. Die eigentlichen Rangabzeichen sind die roten, weißen, blauen oder metallfarbenen Knöpfe auf den Hüten und die viereckigen, reich gestickten Schilder auf Brust und Rücken. Zeigen diese Schilder einen in Gold gestickten Storch, so sind die Träger Beamte des höchsten Ranges, zeigen sie einen Drachen mit vier Klauen an den Füßen, so sind die Träger Edelleute. Als besondere Auszeichnung dürfen manche von diesen einen Drachen mit fünf Klauen tragen. Näht sich jemand die fünfte Klaue auf, ohne die Berechtigung dazu zu haben, so wird er durch hundert Stockschläge bestraft und muß einen Monat den schrecklichen Holzkragen, Kang genannt, tragen. Nur gewisse privilegierte Klassen dürfen sich in Seide kleiden; wenn ein Bürger in die Stickereien seiner Kleider Goldfäden einflechten oder es wagen sollte, statt schwarzer Tuchschuhe solche aus Seide zu tragen, so wird er ebenfalls streng bestraft. Das gilt nicht allein von den Männern. Auch die Frauen sind diesen strengen Kleidungsvorschriften unterworfen, so daß man die Gattin eines Mandarins dritter Klasse beispielsweise von einer solchen vierter Klasse, die Beamtenfrau von der Offiziersfrau und von einer gewöhnlichen Bürgersfrau sofort unterscheiden kann.
Die Chinesin kann sich nicht nach Belieben in Samt und Seide hüllen, Sonnenschirme, Spitzen, Federn von Qualität und Farbe tragen, wie ihre Mittel es erlauben oder wie ihr es am besten steht. Es wäre gewiß den gesellschaftlichen und Vermögensverhältnissen in anderen Ländern sehr zuträglich, wenn man dort ebenfalls einige Vorschriften ähnlicher Art machte. Außerhalb Chinas ist die Dame Mode souverän, in China nur der Kaiser.
Wie die Kleidung, so ist auch die Begrüßung bei den Chinesen strengen Regeln unterworfen. Europäische Reisende in China haben die gegenseitige Begrüßung der Chinesen unter dem Sammelnamen Kautau zusammengefaßt. Der Kautau besteht darin, daß man mit geschlossenen Beinen in die Knie fällt und mit der Stirn den Boden einmal berührt. Aber diese Begrüßung gebührt nicht jedermann. Der Li-Pu unterscheidet acht verschiedene Arten der Begrüßung. Die gewöhnlichste besteht darin, daß man die beiden zu Fäusten geballten Hände vor der Brust aneinanderhält. Das ist der Kung-schau. Die nächst höhere Begrüßung, Tso-yih genannt, besteht neben der eben beschriebenen noch in einer Verbeugung. Bei der dritten, Ta-tsien, hockt der Grüßende nieder, als ob er in die Knie fallen wollte; bei der vierten, Kwei genannt, fällt er wirklich auf die Knie. Erst die fünfte Begrüßung ist der einfache Kautau. Die sechste Art der Begrüßung besteht aus diesem Kautau, aber mit dreimaligem Aufschlagen der Stirne auf den Boden. Deshalb auch ihr Name San-kau, d. h. dreimal aufschlagen. Die siebente Begrüßung Lu-kau besteht aus zwei San-kaus und die achte und ehrfurchtsvollste Begrüßung aus drei San-kaus. Bei dieser, San-kwei-kin-kau genannt, muß also der Grüßende dreimal niederknien und jedesmal die Stirne dreimal auf den Boden schlagen. Dieser Gruß gebührt jedoch nur den höchsten Göttern und dem Kaiser, dem Vertreter dieser Götter auf Erden. Manchen Göttern wird nur die siebente oder sechste Begrüßung zu teil.
Die Kaiser der gegenwärtigen Dynastie haben bisher auf diese Begrüßungsart ungemein streng gehalten, und sie bildete auch den Gegenstand eines ernsten diplomatischen Zwischenfalles, als im Jahre 1873 der Empfang der Gesandten durch den Kaiser erörtert wurde. Das Li-Pu bestand darauf, daß auch die Gesandten der Großmächte vor dem Beherrscher des Reiches der Mitte sich dreimal niederwerfen und mit der Stirn den Boden neunmal berühren sollten. Die Gesandten weigerten sich natürlich, diese erniedrigende und keineswegs graziöse Begrüßung auszuführen, und erklärten sich nur bereit, dem Kaiser dieselben Ehren zu erweisen wie ihren eigenen, dem Kaiser im Range gleichstehenden Souveränen. Die Verhandlungen wurden während sechs Monaten fast täglich geführt, bis endlich den Diplomaten die Geduld riß und der amerikanische Gesandte erklärte, die diplomatischen Beziehungen abzubrechen und von seiner Regierung Instruktionen abzuwarten, welche dem Ernst der Situation entsprechen würden. Daraufhin gab der Kaiser gnädigst nach und begnügte sich mit drei tiefen Verbeugungen der Gesandten. Eine andere Schwierigkeit bildeten die harmlosen schwachen Degen, die zur diplomatischen Uniform gehören. In Gegenwart des Kaisers dürfen keinerlei Waffen getragen werden, und es dauerte lange, ehe die bezopften Zeremonienmeister der verbotenen Mode nachgaben.
Ebensowenig dürfen in Gegenwart des Kaisers Augengläser und Zwicker getragen werden. Nun war einer der Vertreter so kurzsichtig, daß er ohne Gläser vollständig hilflos war. Die Chinesen beschlossen, daraus keine diplomatische Frage zu machen, sondern an die Gutherzigkeit des betreffenden Gesandten zu appellieren. Er gab wirklich nach und wurde von zwei Kollegen in die Audienzhalle des Kaisers geführt.
Augengläser dürfen in China auch im gewöhnlichen Leben vor im Range höherstehenden Personen nicht getragen werden. Selbst der Kurzsichtige muß sie abnehmen, wenn er vor einen Mandarin tritt, und sollte beispielsweise bei Gerichtsverhandlungen ein Kurzsichtiger in die Lage kommen, etwas lesen zu müssen, so muß erst die Erlaubnis des Richters zum Aufsetzen der Augengläser eingeholt werden. Augengläser bilden überhaupt in China das Zeichen von höherem Ansehen und Würde. Sobald ein Litterat irgend eine Mandarinstelle erhält, wird es gewiß sein erstes sein, sich ein paar Augengläser anzuschaffen, selbst wenn er sich des besten Sehvermögens erfreuen sollte.
Jedem Mandarin des Zivil- oder Militärstandes gebührt je nach seinem Range eine der vorstehenden Begrüßungsarten. Begegnet ein niedriger Mandarin auf der Straße einem höheren, so muß er vom Pferde oder aus der Sänfte steigen, um diese Begrüßung vorschriftsmäßig auszuführen. Mandarine desselben Ranges thun dasselbe, ja sie überbieten sich sogar, um einander zuvorzukommen. Man kann sich leicht vorstellen, welcher Zeitverlust und welche Umstände mit so zeremoniösen Begrüßungen auf offener Straße verbunden sind, und deshalb trachten Mandarine, wenn sie einander aus der Ferne ansichtig werden, auszuweichen, oder sie ziehen die Vorhänge ihrer Sänften zu und thun, als bemerkten sie einander gar nicht. Das Volk hat sich vor den Mandarinen, wenn sie im Dienste sind oder zu Gericht sitzen, auf die Knie zu werfen. Nur die Greise machen darin eine Ausnahme. Selbst grauhaarige Sträflinge werden gewöhnlich von den Richtern aufgefordert, sich zu erheben. Diese im Auslande leider so wenig gekannte Achtung vor dem Alter hat in China für viele Ausländer schon sehr schlimme Folgen gehabt. Vor einer Reihe von Jahren begegneten sechs junge Engländer in der Nähe eines Vertragshafens einem alten Manne, der eine schwere Last auf dem Rücken trug. Nach chinesischer Etikette würde jedermann, ob aus den niedrigsten oder höchsten Ständen, einem Greise ausweichen, selbst wenn er keine Bürde trüge. Der Weg war schmal und die Engländer bestanden darauf, daß der Alte ihnen Platz mache. Als er sich weigerte, schlugen sie ihn und stießen ihn endlich in den Sumpf zur Seite des Weges. Diese That sollte ihnen übel bekommen. Die erzürnten Bewohner des Dorfes, zu welchem der Alte gehörte, machten sich zur Verfolgung der Engländer auf und töteten sie insgesamt.