China und Japan: Erlebnisse, Studien, Beobachtungen

Part 31

Chapter 313,313 wordsPublic domain

Manche religiöse Zeremonien am chinesischen Kaiserhofe stammen aus undenklichen Zeiten. Die Anbetung der Sonne und des Mondes in den ihnen geweihten Tempeln ist noch ein bis auf den heutigen Tag erhaltenes Ueberbleibsel der ältesten Religionen; manche andere Zeremonie, wie z. B. das Ackerbaufest, reicht in dieselbe Zeitperiode zurück, in welcher die ägyptischen Pyramiden erbaut wurden. Vor viertausend Jahren regierte beispielsweise in China der Kaiser Shun. Er wendete dem Ackerbau besondere Aufmerksamkeit zu und eröffnete in jedem Frühjahr selbst die Feldarbeit, indem er mit einem Pfluge Furchen zog. Ganz wie vor viertausend Jahren geschieht dies noch heute in dem großen Tempelhain für Agrikultur, der sich neben jenem des Himmels längs der Südmauer Pekings hinzieht. An einem bestimmten Tage im Frühjahr erscheint der Kaiser mit den kaiserlichen Prinzen und dem gesamten Hofstaate, um zunächst den Göttern zu opfern, oder vielmehr in symbolischer Weise mit ihnen ein Festmahl zu begehen. Nach den nötigen Kautaus vertauschen der Kaiser und die Prinzen ihre prächtigen Gewänder mit der Tracht der Landleute und begeben sich auf ein nahes Feld, wo sie mit gelb lackierten Pflügen, an welche Büffel gespannt sind, neun Furchen ziehen. Hinter den Pflügen schreiten Mandarinen einher, welche den Samen ausstreuen. Während der ganzen Zeit tragen Chorsänger und Musikkorps Hymnen zum Lobe des Ackerbaues vor.

Wie um reichen Erntesegen, muß der Kaiser auch, wie eingangs erwähnt, um den erforderlichen Regen, oder wenn es zu viel regnet, um Trockenheit zum Himmel flehen. Zunächst werden Präfekten oder Gouverneure nach den verschiedenen Tempeln entsendet; werden ihre Gebete nicht erhört, so beordert der Kaiser Prinzen seiner Familie dahin, schließlich geht er selbst opfern und beten, unter der Voraussetzung, daß ein Kaiser nicht nur auf Erden, sondern auch im chinesischen Olymp mehr Einfluß hat als ein gewöhnlicher Sterblicher. So verkündete der Kaiser beispielsweise in der Pekinger Zeitung vom 8. Juli 1894 folgendes:

„Da seit dem ersten Drittel des vorigen Monats in der Hauptstadt und Umgebung reichlich Regen gefallen war und das Wetter sich nicht aufklärte, so begaben Wir Uns zum Opfern und Beten nach Ta-Kao-Tien. Danach blieb der Himmel immer bewölkt und der Regen hört nicht auf. Mit ängstlicher Erwartung sehnen Wir einen Umschwung der Witterung herbei und finden es deshalb angemessen, von neuem darum zu flehen. Wir haben den 10. Juli dazu erwählt, um Uns in Eigener Person nach Ta-Kao-Tien zu begeben. Nach dem Tempel Shih-Ying-Kung beordern Wir den Prinzen dritter Klasse Tsai-Ying, nach Chao-Hsien den Prinzen vierter Klasse Po-lun und nach Niang-ho mian den Herzog Tsitse, um insgesamt an dem genannten Tage zu opfern und um gutes Wetter zu bitten.”

Da sich so einflußreiche Persönlichkeiten bei dem chinesischen Jupiter Pluvius verwendeten und ihm so großartige Opfermahlzeiten gaben, konnte er nicht anders, als sich erweichen lassen. Schon tags darauf trat schönes, trockenes Wetter ein.

Die Umgebung von Peking.

Gegen Süden, Westen und Osten breiten sich um die berühmte Kaiserstadt weite Tiefebenen aus, mit Schnee bedeckt im Winter, staubgefüllt und reizlos im Frühjahr und Herbst, gewöhnlich auf weite Strecken überschwemmt im Sommer. Der Peiho und seine zahlreichen Nebenflüsse nehmen durch diese langweilige Ebene ihren vielgewundenen Lauf; nichts zeigt hier die Nähe einer Großstadt, der Hauptstadt des volkreichsten Reiches der Erde an. Anders ist es aber, wenn man Peking durch das Nordthor verläßt. In weitem Halbkreis wird das Weichbild der Stadt hier von einem Kranz kühner, ungemein malerischer Gebirge umzogen, die sich bis weit in die Mongolei hinein ausdehnen, das beliebteste Jagdrevier des chinesischen Kaiserhofes; der reizendste Sommeraufenthalt für die chinesischen Großen, die fremden Gesandten und europäischen Einwohner Pekings, welche der heißen Jahreszeit entfliehen wollen. Schon unmittelbar nachdem man die schmutzige, volkreiche Nordvorstadt durchritten hat (Spaziergänge bieten in Anbetracht der elenden Wege keinen Genuß), stößt man auf Spuren der tausendjährigen fremdartigen Kultur, welche sich dieses herrliche Stück Land unterworfen hat. Ueberall liegen inmitten ausgedehnter Parks Sommerhäuser und Villen in chinesischem Stil, dazu zahlreiche malerische Tempel, Klöster und vor allem Schlösser des Kaiserhofes und der Prinzen. Auf den Bergspitzen erheben sich hohe vielstöckige Pagoden, und wo immer ein schöner Aussichtspunkt, ein schattiger Wald vorhanden ist, trägt er gewiß einen Tempel oder ein Kloster. Die Mönche sind gerne bereit, ihre Wohnungen mietweise den fremden Teufeln zu überlassen, und sicher werden alle fremden Diplomaten, alle Europäer, welche längere Zeit in Peking verweilt haben, den Sommeraufenthalt in den Bergen als die schönste Erinnerung ihrer ganzen Chinareise bewahren. Kommt die heiße Jahreszeit, dann flüchtet alles in diese prächtige Umgebung, vor allem der kaiserliche Hof, der in den Vorbergen eine der herrlichsten Residenzen besitzt, die ich in Asien gesehen habe, den berühmten Wan-schu-schan, d. h. den Berg der zehntausend Zeitalter.

Der Ausflug von Peking nach Wan-schu-schan ist einer der wenigen in dem ganzen elf Millionen Quadratkilometer großen Reiche, auf welchem man nicht in Gefahr kommt, den Hals zu brechen. Der Weg, der nach Wan-schu-schan führt, wird ja vom Kaiser benutzt und ist demnach in vorzüglichem Zustande. Die Straße führt einem breiten, mit hohen Schattenbäumen bepflanzten Kanal entlang, welcher das Ueberschußwasser des Sees von Wan-schu-schan nach Peking führt, um damit die Bassins, Kanäle und Seen der dortigen Kaiserstadt zu speisen. Einen so angenehmen Ritt wie diesen habe ich auf allen meinen Reisen durch China noch nicht unternommen. Von hundert zu hundert Metern stehen zu den Seiten des Weges gemauerte Wachthäuser für die Mandschurenwachen, welche darauf zu sehen haben, daß zur Zeit der kaiserlichen Reisen kein Fremder den Weg benutzt. Vor dem Eingang zu jedem Wachthause stehen auf Gestellen sechs Lanzen mit roten Pferdehaarbüscheln, und zu den Seiten erheben sich Galgen mit darübergelegten Schnüren, die aber nicht etwa zum Aufhängen der eingefangenen Menschen, sondern nach eingebrochener Dunkelheit zum Aufhängen von Papierlaternen dienen.

Die einzelnen Farmhäuser und Dörfchen, die Tempel, Brücken, Gartenmauern, Landsitze und dergleichen, die sich in der Nähe des Weges befinden, sind in so vorzüglichem Zustande der Erhaltung und von solcher Sauberkeit, daß man sich irgendwo in der Welt, nur nicht in China, diesem Lande der Ruinen und Verwahrlosung, glauben könnte. Es sind Potemkinsche Dörfer, wohl bestimmt, den Kaiser über den wahren Zustand seines ungeheuren Reiches hinwegzutäuschen, denn gerade die Umgebung Pekings ist ein Ruinenfeld, wie es in solcher Ausdehnung und Großartigkeit nur wenige seines Gleichen hat. Ich sah das wieder, als ich von dem Wege ablenkte, um noch dem großen Tempel von Wu-ta-sse einen kurzen Besuch zu machen. Dieses herrliche Denkmal, welches Kaiser Yung-lo vor nahe fünf Jahrhunderten zu Ehren Buddhas mit ungeheuren Kosten errichten ließ, ist dem Verfall nahe, die großen kaiserlichen Gedenktafeln vor dem Tempel sind umgefallen, die riesigen, zwei Meter langen Steinschildkröten, auf denen sie standen, sind mit Erde und Schutt bedeckt, die Dächer der Tempelgebäude sind eingestürzt, und in den Ruinen wohnen in Lumpen gehüllte, verlotterte Priester, die mir für wenige Cents die letzten buddhistischen Gebettafeln verkauften. Das Denkmal selbst, ein monumentaler Steinbau, mit Hunderten von Buddhafiguren bedeckt, trägt auf seiner oberen Terrasse noch immer die wunderlichen fünf Pagoden, doch ist die Treppe, die zu denselben hinaufführt, eingestürzt und nicht mehr benutzbar. Weiterhin, auf Meilen rechts und links vom Wege, nichts als Ruinen. Die herrlichsten und kostbarsten Tempel, einst Zierden des chinesischen Reiches und Schatzkästlein chinesischer Kunst, sind verfallen, überwuchert, verlassen, wie die Ruinen von Uxmal und Palenke, die ich vor Jahren besuchte. Schöne Bronzegefäße, Opferschalen, Glocken liegen halb im Erdreich vergraben auf den Feldern, und niemand kümmert sich um sie. Welch herrliches Bild des Friedens, der Kultur und des Wohlstandes muß dieses Land einstens dargeboten haben! Aber die Chinesen haben es nicht verstanden, es gegen die Einfälle der Feinde zu verteidigen. Die letzten waren die schrecklichen Horden der aufständischen Taiping, und was diese noch in einer Anwandlung von Ehrfurcht verschont hatten, wurde von noch schlimmeren Vandalen, von den Soldaten Frankreichs und Englands zerstört, verbrannt, geplündert. Dieser chinesische Krieg wird immer ein Schandfleck in der Geschichte dieser beiden Völker bleiben. Es wäre genug gewesen, die Chinesen zu bezwingen und den Kaiser zu Paaren zu treiben, es war aber ein Verbrechen, diese entzückenden Paläste und Tempel, diese Sommersitze, Brücken, Denkmäler, Gräber aus mutwilliger Zerstörungswut zu vernichten.

Auf den Kaiserweg zurückgekehrt, kam ich etwa auf der halben Entfernung zwischen Peking und Wan-schu-schan auf einen kaiserlichen Tempel, in welchem der Kaiser, der abwechselnd zu Pferde oder in der Sänfte reist, abzusteigen pflegt, um dort Thee zu nehmen. Jenseits des Kanals gewahrte ich eine große Zahl niedriger Gebäude, von einer Lehmmauer umgeben, die sich wohl einen Kilometer weit den Kanal entlang hinzieht: das Lager mehrerer tausend mandschurischer Bannertruppen, die gerade in ihren bunten malerischen Trachten am Exerzieren waren. Bald darauf stieß ich auf das von einem hölzernen Paifong (Ehrenpforte) überhöhte Eingangsthor des Parkes von Wan-schu-schan, der selbstverständlich jedem Fremden, ob Europäer oder Chinese, verschlossen ist. Eine hohe, viele Kilometer lange Ziegelmauer umgiebt den ganzen großen Sommersitz; die Wachthäuser für die mandschurischen Soldaten mehren sich, und neben den daran stehenden langen Lanzen sah ich noch bei jedem Wachthause ebensoviele Stangen stehen, die an ihrer Spitze scharfe Haken trugen. Diese Instrumente sind dazu bestimmt, Neugierige, welche vielleicht die Mauer erklimmen sollten, bei den Hosen zu fassen und wieder herunterzuzerren.

Nach langem Ritt gelangte ich in das Mandschurendorf Wan-schu-schan, zu Füßen des gleichnamigen Berges, eine Art mandschurisches Paradedorf. Wäre doch ganz China so rein, so wohlhabend, so nett wie dieses Dorf! Und wie leicht wäre dies bei einer halbwegs guten Regierung möglich! War es doch vor Zeiten so, als gute Kaiser mit ehrlichen Beamten über das Reich der Mitte herrschten. In der Mitte des Dorfes befindet sich ein großer, von Wachthäusern und davor stehenden spanischen Reitern eingefaßter Platz, und dieser führt direkt zur monumentalen Haupteingangspforte des kaiserlichen Sommersitzes, von zwei ungeheuren Bronzelöwen bewacht. Hunderte von neugierigen Mandschuren und Chinesen umdrängten mich, als ich, in der Mitte des Platzes stehen bleibend, erstaunt mein Fernglas auf die großartigen Paläste richtete, die sich hinter der Umfassungsmauer auf den Bergabhängen erheben, allein niemand wagte ein Schimpfwort oder einen Steinwurf.

War es mir auch nicht vergönnt, das Innere des herrlichen Sommersitzes zu betreten, weil die kaiserliche Familie eben hier weilte, so sah ich ihn doch in allen seinen Einzelheiten von meinem Standorte hier und dann von einem im Norden sich erhebenden bewaldeten Hügel. Ich habe in China und Japan, in Siam und Indien und anderen Ländern des asiatischen Kontinents keine so eigenartige Palastgruppe gesehen wie jene, welche sich meinem Auge auf dem Berge der zehntausend Zeitalter entrollte. Die Sage, die chinesische Kunst sei im Verfall, wird hier zu Schanden. Als letzter Ausläufer des Hsi-schan (Westgebirges) erhebt sich hier ein steiler Berg, auf der Südseite von einem großen See bespülte steinerne Balustraden mit Statuen, Obelisken und bronzenen Tiergestalten umfassen die spiegelklare Wasserfläche, aus der stellenweise die großen Blätter der Lotospflanze hervorragen. Die reizendsten Pavillons mit zierlichen, kurios geschwungenen Porzellandächern erheben sich an den Ufern, auf der Landseite von Gartenanlagen eingefaßt, hinter denen sich die mächtigen Cypressen und Kiefern eines großen schattigen Parks erheben. Zwei Inselchen unterbrechen den Seespiegel, durch herrliche weiße Marmorbrücken miteinander verbunden; auf einem dieser Inselchen erhebt sich ein großer Tempel mit einer hohen Pagode von mehreren Stockwerken. Zu ihren Füßen ruht auf dem Wasser eine mächtige weiße Dschunke mit einem zweistöckigen Gebäude darauf. Bei näherer Besichtigung ergiebt sich, daß dieses seltsame Fahrzeug vom Seegrunde aus ganz aus weißem Marmor gebaut ist, ein Lieblingsaufenthalt der Kaiserin-Mutter, welche diesen Sommersitz mit dem Kaiser zu teilen pflegt, um ihn so besser unter den Augen und sicherer unter dem Daumen zu haben, denn nicht der Kaiser, sondern diese merkwürdige Frau ist die eigentliche Lenkerin der Geschicke von China.

Noch merkwürdiger, großartiger als der See und die unzähligen in dem weiten ihn umgebenden Park verstreuten Gloriettes, Wohnhäuser, Ehrenpforten, Tempelchen und dergleichen sind die Paläste, welche sich auf dem steilen Berge selbst erheben. Vom Seeufer steigt zunächst eine ungeheure Steinterrasse empor mit vertikalen vielleicht dreißig bis vierzig Meter hohen Wänden, und auf der weiten oberen Plattform steht eine großartige Pagode mit vier schön geschwungenen Dächern aus orangegelbem Porzellan übereinander, gekrönt von einem goldenen Knauf. Die Pagodenwände selbst sind mit grünen Porzellanziegeln bekleidet und auf das reichste ornamentiert. Zu beiden Seiten dieses merkwürdigen Bauwerks bedecken die Anhöhe Tempelchen, Wohnhäuser, Kioske ohne Zahl, durch breite Treppenfluchten miteinander verbunden; zwischen ihnen erheben sich im Schatten mächtiger, knorriger Kiefern Bronzepagoden, Urnen, Vasen von hohem Wert.

Ein Weg führt zu einem breiten Felsenvorsprung an der Südseite des Berges. Auf diesem zeigte sich mir ein geräumiges, luftiges Wohnhaus, mit dreiteiligem grauen Ziegeldach, das auf dicken rotlackierten Pfeilern ruht und weit über die Wohnräume hinwegreicht, so eine breite Veranda bildend. Auf der Terrasse davor erheben sich große Fichten, und unter einer derselben gewahrte ich einen roten Armstuhl mit einem kleinen Tischchen daneben. Dieses Haus wurde mir als das gewöhnliche Wohnhaus des Kaisers bezeichnet, und auf der Terrasse davor soll er den größten Teil seiner Zeit zubringen. Auf meine Frage nach dem Wohnhause der Kaiserin-Mutter wurde mir die Antwort zu teil, daß diese ihren Aufenthaltsort häufig wechsle, bald in diesem, bald in jenem der vielen innerhalb der Umfassungsmauer zerstreuten Gebäude wohne.

Von der kaiserlichen Villa führt ein breiter sonniger, anscheinend zementierter Weg auf den Gipfel des Berges, und dieser wird von der eigentlichen offiziellen Kaiserresidenz gekrönt, ein Palast mit Rundbogenfenstern und ebensolchen Pforten, ganz mit orangegelben glänzenden Porzellanziegeln bekleidet, die in dem Sonnenlichte wie Edelsteine glitzerten. Eben als ich mein Fernglas darauf richtete, erschien auf dem kahlen Wege davor ein farbenreicher Zug von Menschen, dessen Mittelpunkt eine in Gelb gekleidete sitzende Gestalt bildete, über die ein großer roter Sonnenschirm einhergetragen wurde. Von unten herauf näherte sich diesem Zuge ein zweiter, ebenso zahlreicher, aus welchem eine rotgekleidete Gestalt hervortrat, als beide Menschengruppen voreinander Halt machten. Das Volk rings um mich bezeichnete mir die letztere als den Kaiser, die gelbe Gestalt als jene der Kaiserin-Mutter.

Wie alle anderen Kaiserpaläste und Prinzensitze in der Umgebung von Peking, vor allem wie der feenhafte nur einen Kilometer von Wan-schu-schan entfernte Sommerpalast mit seinem ausgedehnten herrlichen Park, so war auch Wan-schu-schan im Jahre 1860 von den französisch-englischen Truppen verbrannt und zerstört worden. Die Kaiserin-Mutter ließ diesen Sommersitz jedoch in den letzten Jahren neu erbauen, und hier war es, wo Prinz Heinrich als erster Prinz eines souveränen Hauses von dem Sohne des Himmels empfangen wurde.

Die Große chinesische Mauer.

Von den vielen Reisenden, die China besuchen, gehen nur wenige über Shanghai hinaus, nach Peking, und von den wenigen, die Peking besuchen, unternimmt höchstens ein Zehntel den Ausflug zur Großen Mauer, weil sie von dieser das eigentlich Imposante, die dreitausenddreihundert Kilometer Länge, doch nicht sehen können, sondern nur ein Stückchen, und dann, weil die Reise keineswegs eine Vergnügungstour genannt werden kann. Es ist nicht jedermanns Sache, eine Woche auf hartem Maultierrücken durch Steinwüsten und über kahle Gebirge zu reiten, in elenden schmutzigen Chinesenspelunken zu übernachten und sonnenverbrannt, ermüdet, wenn überhaupt mit gesunden Gliedern, nach Peking zurückzukehren, nur um eine Mauer gesehen zu haben. Wer sich aber diesen Strapazen wirklich unterzieht, der wird reichlich dafür entschädigt, nicht der chinesischen Mauer wegen, sondern weil er auf dieser Reise das Leben und Treiben der Chinesen im Inlande kennen lernt, ein ungemein malerisches und landschaftlich großartiges Stück China sieht und an der Großen Mauer selbst noch einen Blick in die Mongolei werfen kann, unter die Nachkommen der Horden des Dschingis-Chan und Kublai-Chan.

Schon das Leben auf der großen Heerstraße zwischen Peking und der Großen Mauer gewährt das größte Interesse, denn auf dieser Straße findet der Warenaustausch statt zwischen dem chinesischen Reiche, der Mongolei und Sibirien. Als ich, begleitet von meinem chinesischen Dolmetscher, auf einem Eselchen Peking verließ, um mich nordwärts gegen die Mongolei zu wenden, hatte ich schon im Stadtthore Mühe, überhaupt durchzukommen, denn nach Tausenden zählen die Kamele, die, schwerbepackt mit allerhand Waren, täglich hier ankommen oder ihren Rückweg nach dem fernen Sibirien antreten. Auf dem viertägigen Ritt nach Nankou, am Südabhange der mongolischen Berge, begegnete ich zahlreichen Karawanen, gewöhnlich mit sechs bis acht, aber auch zwanzig und dreißig Kamelen im Gänsemarsch hintereinander, geführt von breitgesichtigen schlitzäugigen Mongolen. Die Kamele bilden heute noch das wichtigste Transportmittel auf dieser Weltverkehrsroute; sie bringen Thee im Werte von vielen Millionen, chinesische Seidenstoffe, Kleidungsstücke, Stickereien, Industrieprodukte aller Art nach Norden und kehren mit Kohle, Kamelhaar, Häuten, Kalk, Soda, Papier und dergleichen von dort wieder nach Peking zurück. Neben den Kamelkarawanen begegnete ich auch solchen von Maultieren, aber verhältnismäßig nur wenigen Fuhrwerken, vornehmlich plumpen, schweren Ochsenkarren. In verschiedenen Werken über China habe ich gelesen, der elende Zustand dieser Weltverkehrsroute ließe einen Wagenverkehr überhaupt nicht zu, und die Strecke von Nankou über das Gebirge nach Kalgan an der Großen Mauer wäre selbst für Reiter auf Maultieren nur mit Lebensgefahr zu passieren. Das war bis vor einem Jahrzehnt wirklich der Fall. Seither sind aber, ein in China unerhörtes Ereignis, die Wege ausgebessert worden, und man kann heute von Peking bis in die Mongolei fahren. Freilich nicht in Equipagen, sondern nur in zweirädrigen federlosen Karren, die dem Reisenden beim Fahren die Knochen aus dem Leibe rütteln, und kommt man zu einer besonders steilen oder der massenhaft umherliegenden Felstrümmer wegen unpassierbaren Strecke, so werden die Räder abgezogen und der Karrenkasten mittels Stangen zwischen zwei hintereinandermarschierenden Maultieren aufgehängt. Wird der Weg wieder besser, dann wird diese sonderbare Sänfte, im Chinesischen Schen-tse genannt, durch das Anstecken der Räder wieder in ein Fuhrwerk verwandelt.

Je weiter ich mich auf meinem Ritt von Peking entfernte, desto kahler und trostloser wurde die weite Ebene. Rings um Peking ist sie wohl bebaut und mit zahlreichen Dörfern, Gärten, Lustschlössern der Prinzen und Großen, Tempeln, Pagoden und Parkanlagen besetzt. Nachdem ich aber um Mittagszeit auf einer schönen Marmorbrücke den wilden Bergstrom Schaho übersetzt hatte, wurde die Gegend einsamer, unfruchtbarer, denn die vielen Wildbäche, welche zur Regenzeit ihre Fluten und Geröllmassen aus den nahen mongolischen Bergen herabwälzen, verheeren dieses Gebiet in jedem Jahre. Das ungemein malerische, vielgezackte Gebirge umschließt die Ebene in einem weiten Halbkreis; nirgends zeigt sich eine Bresche, ein Paß, um hinüberzugelangen auf die mongolische Seite. Erst kurz vor Nankou entdeckte ich den Weg, der dem Pei-Scha-ho, einem kleinen, zeitweilig aber sehr wasserreichen Bergstrom entlang in das Gebirge emporführt. Am Austritt dieses Flusses in die Ebene liegt Nankou, das mein erstes Reiseziel war.

Nankou ist ein kleines Chinesennest, eigentlich nur aus einer einzigen breiten Straße bestehend, in welcher jedes zweite Haus eine Karawanserei für die Kamel-, Maultier- und Pferdekarawanen ist. Hier drängt sich des Abends der ganze Verkehr der sibirischen Route zusammen, um am folgenden Morgen den letzten Tagesmarsch nach Peking zurückzulegen oder auf dem Wege nach Norden den schwierigen Aufstieg durch den Nankoupaß nach der Großen Mauer zu unternehmen. Eine andere Verkehrsroute zwischen der Mongolei und China giebt es auf Hunderte von Kilometern nicht, denn wäre auch die Große Mauer nicht da, so würden doch die weg- und steglosen steilen Gebirge jeden Verkehr unmöglich machen. Binnen wenigen Jahren dürfte es wohl anders werden, denn eine Eisenbahn zwischen Peking und Sibirien durch die Mongolei ist geradezu unvermeidlich, und die langsam, aber stetig und sicher vordringenden Russen haben die Konzession zur Erbauung dieser Bahn bereits erhalten. Vorläufig aber laufen alle Verkehrsrouten nach Norden hier zusammen, ebenso wie all die Verkehrsrouten von Sibirien und der Mongolei aus den verschiedensten Weltgegenden an dem Nordende des Passes oder vielmehr an jenem Thore der Großen Mauer zusammenlaufen, welches bei Kalgan in der Mongolei liegt.

Diese ungemein wichtige Lage von Nankou haben die Chinesen schon vor vielen Jahrhunderten erkannt; sie haben nicht nur Nankou mit einer hohen und starken, von Türmen flankierten Ringmauer umgeben, sondern auch ähnliche Mauern als Thalsperren links und rechts der Berge emporgeführt. Unseren modernen Geschützen würden diese Riesenmauern, welche bereits einen Teil der gegen die Mongoleninvasion errichteten großen Mauer bilden, freilich nicht lange stand halten, aber in früheren Zeiten leisteten sie gegen die nur mit Bogen und Pfeil, Lanze und Schwert bewaffneten Reiterscharen vorzügliche Dienste.

Als ich nach einer elenden, in einer lärmenden Chinesenspelunke verbrachten Nacht bei Sonnenaufgang wieder weiter ritt, passierte ich noch zwei andere derartige Paßsperren, ehe ich die Höhe des Gebirges und damit auch die Große Mauer selbst erreichte. Oder doch wenigstens das, was man als diese eigentlich bezeichnen sollte, denn obschon nur sozusagen ein Vorwerk derselben, ist sie doch viel höher, mächtiger und besser erhalten als die noch zwei Tagereisen weiter nordwestlich vorbeiführende Große Mauer.