China und Japan: Erlebnisse, Studien, Beobachtungen
Part 20
Als ich meine Reise von Shanghai den gewaltigen Strom aufwärts unternahm, waren meine Mitpassagiere durchwegs nach Hankau gebucht. Die Warenballen, die auf den Docks in Shanghai verladen wurden, gingen nach Hankau, alles sprach nur von Hankau. Was Shanghai für das ganze chinesische Reich ist, das ist Hankau für das Innere desselben; Shanghai liegt am Anfang, Hankau am Ende des Dampferverkehrs auf dem chinesischen Riesenstrom. Wohl gehen heute deutsche Dampfer noch einige hundert Kilometer weiter aufwärts nach Itschang, allein für die großen transozeanischen Dampfer, die Kriegsschiffe und die zahlreichen Passagierdampfer des Jangtsekiang ist Hankau die Endstation. Die Stadt liegt am linken Ufer des großen Hanflusses, der, aus dem Hochlande von Schansi kommend, sich hier in den Jangtsekiang ergießt. Jenseits Hankau, am rechten Hanufer, liegt die alte Chinesenstadt Hanyang, und beiden gegenüber, am Südufer des Jangtsekiang, liegt die befestigte Hauptstadt der Provinz Hupei, Wutschang. Sie erinnerten mich in Bezug auf ihre Lage lebhaft an die Metropole der neuen Welt, an Neuyork mit seinen Schwesterstädten Brooklyn und Jersey City. Aber während dort eine gewaltige Brücke und Dampffähren den Verkehr herstellen, während Tausende von Dampfern und Segelschiffen den breiten Strom durchfurchen und der Verkehr ein betäubender, alles überwältigender ist, bekümmert sich in dem Städtetrio des Jangtsekiang keine Stadt um die andere. Jenseits des ungeheuren, meilenbreiten Stromes zeigen sich von Wutschang nur die Festungsmauern, hinter denen die Stadt selbst liegt, und ähnlich scheint auch der Unternehmungsgeist der Chinesen mit einer hohen, unbezwingbaren Mauer umgeben zu sein. Hanyang, einst viel bedeutender als Hankau, ist ein elendes, schmutziges Nest, in dem einige hunderttausend Zopfträger ihr freudloses Dasein fristen und das nichts von Interesse für den Fremden bietet, es sei denn der pagodengekrönte Hügel, der sich hinter der Stadt mit ihren geraden, meilenlangen Straßen auf etwa hundert Meter über den Fluß erhebt. Von dort genießt man eine herrliche Aussicht auf die beiden Ströme und die drei Städte an ihrem Zusammenfluß. Das Häusermeer von Hankau mit seinen niedrigen, unendlich einförmigen Ziegeldächern zeigt ebenfalls nur geringe Abwechselungen. Gegen Norden schließt es eine hohe Mauer von den Reisfeldern der Umgegend ab, und in der Mitte erheben sich einige citronengelbe Porzellandächer, die der Residenz des Taotais oder Distriktsgouverneurs angehören. An den Ufern der mächtigen, gelben, trüben Wasserfläche des Jangtsekiang wird das trostlose Stadtbild Hankaus von einem langgestreckten Park mit hohen Bäumen begrenzt, zwischen deren Kronen ein paar größere Häuser hervorlugen. Dort ist die europäische Konzession, die Residenz der Handvoll Europäer, die Hankau zu dem gemacht haben, was es heute ist, zur Metropole des Theehandels.
Und kommt man in diese kleine europäische Niederlassung, so sieht man von dem großen Geschäftsverkehr erst recht nichts. Die Häuser sind geräumige, einstöckige Villen mit breiten Veranden und Galerien im Stile der indischen Bungalows, etwa wie in den vornehmen Stadtteilen von Bombay und Singapore, umgeben von gutgepflegten Gärten. Parkanlagen trennen sie von dem steinernen Uferkai des Jangtsekiang, auf dessen Fluten nahebei ein paar Hulks liegen; sie sind die Anlegestellen für die gewaltigen schneeweißen Flußdampfer, die mich in Größe und Einrichtung ganz an die gleichen Hudson- und Mississippidampfer erinnerten. Weiter draußen im Strome liegen ein paar Ozeandampfer vor Anker. Zwischen den hübschen Privatresidenzen zeigen sich zwei Klubhäuser und zwei Kirchen, weiter gegen Osten ein Kloster, und daran schließt sich ein großer Rennplatz für die Wettrennen, welche die Handvoll Europäer sogar im Herzen von China veranstalten. Der Rennplatz ist eigentlich der Boden der französischen Konzession, während die Wohnungen der Europäer, hauptsächlich Russen, Engländer und Deutsche, auf der englischen Konzession stehen. Da sich bisher aber kein Franzose in Hankau angesiedelt hat, steht dort nur das französische Konsulat. Hinter dieser eigentümlichen Europäerstadt erheben sich ein paar Theefabriken, und an diese schließt sich das schmutzige, übelriechende Straßengewirr der Chinesenstadt. Das ist Hankau.
Nach diesem Fleckchen europäischer Erde im Innern Chinas werden die ungezählten Tonnen Thee aus dem Stromgebiet des Jangtsekiang zusammengeschleppt. Sie kommen auf den Rücken von chinesischen Kulis, auf Maultieren, auf grotesken Dschunken und Booten und auf großen europäischen Dampfern. Dorthin reisen im Frühjahr die Theehändler und Tscharsiehs (Theekoster) von Europa, von Singapore und Shanghai; täglich kommen Dampfer an, täglich lichten andere ihre Anker für ferne Ziele. Während weniger Wochen in jedem Frühjahr herrscht in Hankau fieberhafte Thätigkeit. Europäische Handelsherren und ihre Agenten, Koster und Spekulanten, chinesische Compradores (Geschäftsleiter), Schroffs (Geldzähler), Kommis und Kulis arbeiten dann von früher Morgendämmerung bis in die Nacht hinein. Das geht so, wie gesagt, während einiger Wochen im Jahre, etwa von Anfang Mai bis Anfang Juni. Dann wird es wieder still in Hankau.
Warum diese Eile? Warum diese angespannte Thätigkeit während so kurzer Zeit? Die wichtigste Theeernte des Jahres tritt eben dann ein, und die einzelnen europäischen Theehäuser trachten natürlicherweise, die besten Sorten zu den niedrigsten Preisen einzukaufen. Dazu muß aber jede Kiste, jeder Sack geprüft werden, und diese Prüfung ist die wichtigste Sache des ganzen Theehandels, denn von dem Urteil des Prüfers oder Tscharsieh hängen mitunter sehr hohe Summen ab. Tausende von Kisten werden der Reihe nach von flinken Kulis geöffnet, die Farbe und Qualität der Blätter geprüft. Dann wird jeder Kiste eine Probe entnommen, aus welcher in kleinen Schälchen Thee bereitet wird.
Während draußen die Kulis lärmen und schreien, sich stoßen und drängen, Kisten öffnen und vernageln, geht es in den dämmerigen Prüfungsräumen still und feierlich her. Mit derselben Genauigkeit, mit welcher die Apotheker bei der Mischung von giftigen Arzneien verfahren, werden die einzelnen Proben abgewogen, die Schälchen gereinigt, das Kochen des Wassers und die Dauer des Ziehens auf Sekunden nach Sanduhren beobachtet, dann schlürft der Tscharsieh einen Schluck durch die Zähne in den Mund, und nach diesem einzigen Schluck fällt die Entscheidung. Ein Zögern, Nachdenken, nochmaliges Prüfen ist nicht gestattet. Nun prüft ein Tscharsieh mitunter hundertundfünfzig bis zweihundert Theesorten an einem Morgen, und man kann sich denken, welche Verantwortlichkeit auf dem heiklen Gaumen dieser Theekoster ruht!
Der größte Teil der Theemengen, welche in Hankau von den chinesischen Kaufleuten erworben werden, geht mittels Dampfer direkt oder über Shanghai nach Europa, teilweise auch über den Stillen Ozean und die Kanadische Pacificbahn, um in Montreal oder Neuyork auf transatlantische Dampfer übergeladen zu werden. Die großen Theekaufleute Englands ziehen es vor, ihren Thee über den Stillen Ozean und Kanada nach Europa zu verschiffen, weil der Transport durch die Singaporestraße und den Indischen Ozean den Thee der Gefahr des Schwitzens, also einer Art Gärung aussetzt, die dem Geschmack der wertvollen Theeladung natürlich nicht förderlich wäre.
Die Prüfung der zweiten und dritten Theeernte, welche weniger kostbare Theesorten liefert, erfolgt gewöhnlich durch lokale Tscharsiehs in Hankau oder Shanghai.
Während des Rollens und Brennens des Thees sowie während des Transportes auf den elenden Straßen wird eine große Menge von Blättern zerbröckelt oder zu Staub zerrieben. Diese Abfälle werden sorgfältig gesammelt und in den vorerwähnten Hankauer Fabriken zur Bereitung des Ziegelthees verwendet. Bei uns ist Ziegelthee nahezu unbekannt, in Rußland und Sibirien aber gehört er neben dem Karawanenthee zu den beliebtesten Sorten. Die steinharten Täfelchen des Ziegelthees werden in Sibirien, wo es zuweilen im Geldverkehr an kleinen Münzen fehlt, sogar an deren Stelle ausgegeben und ziemlich allgemein als Zahlung angenommen.
In den großen, dunklen, staub- und dampferfüllten Räumen der Fabriken stehen zahllose Fässer mit feinem Theestaub oder Blätterabfällen, welche sorgfältig zerkleinert und durch Siebe geschüttelt werden. Hunderte von halbnackten, schweißtriefenden Kulis, den langen Scheitelzopf um ihre kahl rasierten Schädel gewunden, wiegen dieses gelbliche Theemehl in Partien von je einem Kilogramm und füllen damit kleine Säckchen aus Baumwollstoff, andere werfen diese Säckchen in große durchlöcherte Metallcylinder, wo sie mit heißem Dampf durchtränkt werden. Von Zeit zu Zeit beugt ein Chinese seinen Oberkörper über den dampferfüllten Cylinder, holt die Theesäckchen wieder heraus und trägt sie zu der Preßmaschine, wo sie in ziegelartige Formen gepreßt werden. Unter diesen Preßmaschinen darf man sich aber nicht etwa solche aus Eisen und Stahl vorstellen, wie sie bei uns in Verwendung stehen. Ein langer Bambusstamm ist mit einem Ende in einem Scharnier befestigt; nahe diesem trägt er an der unteren Seite einen in die Ziegelform genau passenden Stempel. Ist die Form mit einem Theesäckchen gefüllt, so springt ein Chinese mit seinem vollen Körpergewicht auf das andere Ende des Bambusstammes, und während dieses sich senkt, legen sich noch ein paar andere Kulis darüber. Dann wird der Bambusstamm wieder gehoben, der steinhart gepreßte Theeziegel herausgenommen und ein anderes Theesäckchen in die Form geworfen. Die fertigen Ziegel, etwa von der Form und Größe unserer gewöhnlichen Dachziegel, nur von nahezu schwarzer Farbe, werden noch getrocknet, in Papier geschlagen und sind nun zum Transport durch die Karawane fertig.
In Europa wird ziemlich allgemein angenommen, daß der Karawanenthee wirklich auf Kamelrücken den viele tausend Kilometer weiten Weg nach Rußland zurücklegt. Das ist aber ein Irrtum. Von der ganzen ungeheuren Strecke wird nur ein verhältnismäßig kleiner Teil wirklich auf Kamelrücken zurückgelegt. Der gesamte produzierte Ziegelthee wird zunächst den Jangtsekiang abwärts nach Shanghai verschifft. Von dort geht ein kleiner Teil zu Schiff nach Tientsin und Peking, wird dort auf Kamele verladen und von diesen karawanenweise quer durch die Mongolei nach Kiachta in Sibirien gebracht. Von dort gehen die Ladungen zu Wasser nach Irkutsk am Baikalsee. Die größte Menge des Karawanenthees wird von Shanghai nach Nikolajewsk an der Mündung des Amur in das Ochotskische Meer verschifft und dort auf die Amurdampfer verladen, unter denen sich auch einige deutsche Dampfer befinden. Diese bringen den Thee den Amur und Schilka aufwärts nach Strjetensk. Von hier aus übernehmen Karawanen den weiteren Transport landeinwärts über Tschita nach Werchne-Udinsk am Selengafluß, von wo wieder Dampferverbindung mit Irkutsk jenseits des Baikalsees besteht. Erst hier beginnt der eigentliche Karawanentransport quer durch Sibirien nach Tomsk. Dort wird der Thee wieder auf Dampfer verladen, die ihn über Tobolsk nach Tjumen führen, von wo die Eisenbahnlinie über Jekaterinenburg nach Perm benützt wird. Dann geht er in Dampfern die Kama abwärts, die Wolga aufwärts nach Nischni-Nowgorod und von da mittels Eisenbahn endlich nach Moskau.
Wie kann sich denn der verwickelte Transport von so wohlfeilen Theesorten über so ungeheure Strecken überhaupt lohnen? Warum werden gerade die besseren Theesorten durch Dampfer von Hankau direkt nach Odessa gesandt und nicht die wohlfeileren? Der Seetransport von Hankau nach Odessa ist ja unverhältnismäßig billiger als der Landweg nach Sibirien. Der Grund liegt in den russischen Einfuhrzöllen. In Odessa beträgt er gerade das Doppelte von jenem an der Amurmündung, und so kommt es, daß der Thee trotz der größeren Transportkosten auf dem Landweg in Moskau selbst immer noch billiger ist, als würde er über Odessa kommen. Auf dem letzteren Wege kommt das Kilogramm Thee einschließlich Transport und Zoll auf etwa drei Mark, auf dem Land- oder Karawanenwege nur auf zweieinhalb Mark zu stehen. Darin liegt der eigentliche Grund des Karawanentransportes, und die herrschenden Ansichten über die Güte des Karawanenthees, eben weil er zu Land befördert wurde, gehören in das Reich der Fabel. Nur ein kleiner Teil der besten Theesorten wird durch Karawanen nach Rußland befördert. Die Hauptmenge kommt zu Wasser nach Europa.
Hankau als Handelsstadt.
Hankau ist unzweifelhaft der wichtigste Handelsmittelpunkt im Innern von China, eine der größten Städte des Reiches der Mitte, an der größten Verkehrsstraße des letzteren, an dem Jangtsekiang gelegen. Etwa tausend Kilometer von der Mündung dieses mächtigen Stromes aufwärts mündet der von Norden herkommende Hanfluß in den Jangtsekiang, und rings um diese Mündung liegen die schon im vorigen Kapitel erwähnten drei Städte, welche irrtümlicherweise zu dem Begriff Hankau zusammengefaßt werden. Stellt man sich den Zusammenlauf der Flüsse etwa wie ein umgekehrtes ~T~ (⟂) vor, so bildet der Horizontalstrich den Jangtsekiang, der Vertikalstrich den Hanfluß. In der linken Ecke liegt die Stadt Hanyang, in der rechten Hankau, und beiden gegenüber auf dem südlichen Ufer des Jangtsekiang, also auf der unteren Seite des Horizontalstriches, die große Stadt Wutschang, die Hauptstadt der Provinz Hupei und bis vor kurzem Residenz des aufgeklärten und europäerfreundlichen Vicekönigs Tschang-tschi-Tung. An Einwohnerzahl ist Wutschang die größte des Städtetrios, aber der Handelsverkehr steht nicht im Einklang mit dieser Größe, was teilweise auf die steilen, für Hafenanlagen und dergleichen ungünstigen Ufer und die festen hohen Mauern zurückzuführen ist, welche Wutschang umgeben und direkt von den Ufern emporsteigen, ähnlich wie es auch in Nanking der Fall ist. Diese Mauern verbergen auch die Stadt fast vollständig, und man sieht von ihr vom Flusse aus nur einige Pagoden, darunter die berühmte Hoang holin, d. h. die Pagode vom gelben Kranich, eine der bemerkenswertesten und seltsamsten von ganz China, weshalb ihre Abbildung in geographischen Werken auch häufig zu sehen ist und auch auf den Briefmarken des europäischen Postamtes in Hankau vorkommt. Wutschang ist hauptsächlich Militärstadt und Festung. Von Europäern wohnen innerhalb ihrer Mauern nur einige Missionare; der Handel mit europäischen Waren für Wutschang sowohl wie für das angrenzende Gebiet gegen Süden zu liegt in den Händen von chinesischen Kaufleuten, und der lokale Flußverkehr zwischen Wutschang und den am gegenüberliegenden Ufer des Jangtsekiang gelegenen Städten Hankau und Hanyang ist sehr gering. Ebenso gering ist auch jener über den Hanfluß zwischen den beiden letztgenannten Städten, obschon alle drei zusammen eine Einwohnerzahl von etwa anderthalb Millionen Seelen besitzen dürften. Anderswo wären bei einer so großen Menschenansammlung gewiß längst Dampffähren für den Lokalverkehr eingerichtet worden, und es ist zu verwundern, daß Tschang-tschi-Tung diese nicht auf eigene Rechnung laufen läßt. Nächst dem Vicekönig von Tschili, Li-Hung-Tschang, ist der frühere Vicekönig von Hupei der unternehmendste aller Provinzgouverneure. Er hat in Wutschang selbst große Baumwollspinnereien und Eisenwerke anlegen und zu den etwas weiter flußabwärts befindlichen Eisengruben eine Eisenbahn bauen lassen. Bis zum Jahre 1894 lag die Leitung dieser Unternehmungen in den Händen eines deutschen Ingenieurs.
Gerade so wie Wutschang ist auch Hankau mit einer Umfassungsmauer umgeben, eine der Dutzendstädte des chinesischen Inlandes ohne besondere Sehenswürdigkeiten, ja man könnte sagen, ohne besondere Bedeutung, denn die letztere beschränkt sich auf die wenigen Schollen Landes außerhalb der Chinesenstadt an den Ufern des Jangtsekiang, wo die Europäer ihre Wohnsitze aufgeschlagen haben. Die Engländer und Franzosen starteten im Wettlauf um den Handel des Jangtsekiangthales ziemlich gleichzeitig, aber während sich auf der englischen Konzession schöne Bungalows (Wohnhäuser indischen Stils), Godowns (Warenlager), Klubs, Kirchen und dergleichen erheben und dem Bund, d. h. der längs dem Jangtsekiang angelegten Uferstraße, ein so großstädtisches Aussehen geben, wie es in Ostasien nur der Bund in Shanghai besitzt, ist die französische Konzession öde und verlassen. Nur der französische Konsul hat dort, wie bereits bemerkt, seinen Wohnsitz und mag aus lauter Langeweile seine Fingernägel benagen, denn französische Geschäftsleute giebt es in Hankau keine. Wären sie vorhanden, so würden sie wahrscheinlich ebenso wie jene in Shanghai und Canton fürsorglich die französische Konzession meiden und in der englischen ihre Wohnsitze aufschlagen.
Zu der englischen und französischen Konzession ist im Jahre 1895 nun auch eine deutsche gekommen, allerdings etwas spät, aber sie ist nun vorhanden, was in Anbetracht der großen Wichtigkeit Hankaus für den deutschen Handel die Hauptsache ist. Sie hätte schon vor mehr als drei Jahrzehnten erfolgen sollen, denn es war Preußen, welches sich in seinem 1861 mit China abgeschlossenen und 1863 ratifizierten Vertrage die Eröffnung Hankaus für den fremden Handel ausbedungen hat. Leider ist dieser handelspolitische Erfolg damals nicht weiter ausgebeutet worden. Die Engländer und nächst ihnen die Franzosen ließen sich bald nach der Oeffnung des Hafens von der chinesischen Regierung kleine Landstrecken längs der Ufer des Jangtsekiang in Hankau abtreten, und die sieben dort ansässigen deutschen Firmen sind seither bei den Engländern zu Gast. Nun hat Deutschland das Versäumte nachgeholt, und die deutsche Konzession im Herzen Chinas kann nur auf das freudigste begrüßt werden. Sie erstreckt sich auf etwas über einen Kilometer längs der Uferfront und hat den allerdings nicht sehr großen Umfang von etwa sechsundvierzig Hektar.
Was Shanghai für das ganze Jangtsekiangthal ist, das ist Hankau für den oberen Teil desselben und für die angrenzenden mittleren Provinzen, ja, eine beträchtliche Zahl von Seeschiffen berührt den Hafen von Shanghai, Wusung, kaum, sondern fährt direkt nach Hankau, klariert, nimmt Ladung und fährt wieder direkt nach Europa, hauptsächlich nach England und Odessa zurück. Große Kriegsschiffe erscheinen häufig vor Hankau. Der Jangtsekiang ist aber für größere Dampfer noch um sechshundertvierzig Kilometer weiter stromaufwärts bis nach Itschang schiffbar, und kleinere Dampfer können sogar bis nach Tschungking, das noch einmal soweit stromaufwärts liegt, vordringen.
1887 liefen in Itschang 24 englische und 31 chinesische Dampfer, von Hankau kommend, ein. 1896 war diese Zahl auf 46 englische und 43 chinesische gestiegen, und der Tonnengehalt erreichte 63000 Tonnen. Der Wert der Waren betrug, soweit er überhaupt bekannt wurde, etwa 50 Millionen Mark, dürfte aber in Wirklichkeit viel höher gewesen sein. Davon waren mehr als die Hälfte für Tschungking bestimmt. Indessen sind Tschungking sowohl wie Itschang ausschließlich nur Dependenzen von Hankau. Welchen Handelsverkehr die etwa hundert dort angesiedelten Europäer zu bewältigen haben, geht aus den großen, stets steigenden Ein- und Ausfuhrwerten hervor. 1887 beliefen sich die Einfuhrwerte zusammen auf 120 Millionen Mark, die Ausfuhrwerte auf 92 Millionen; im Jahre 1896 hatten die Einfuhrwerte den englischen Konsularberichten zufolge etwa 140 Millionen Mark, die Ausfuhrwerte über 70 Millionen Mark erreicht, zusammen also 210 Millionen Mark, während der Gesamtwert des Handels nach mir vorliegenden Privatnachrichten 300 Millionen Mark überstiegen haben dürfte. Diese Zahlen beweisen die Wichtigkeit Hankaus für den deutschen Handel und die Notwendigkeit, diesem Emporium des Jangtsekiang noch größere Aufmerksamkeit zuzuwenden als bisher. Die Einrichtung eines deutschen Settlements wird dazu wohl das Ihrige beitragen. An den deutschen Industriellen und Exporteuren liegt es, auch ihrerseits mehr Unternehmungsgeist zu zeigen und womöglich eigene erfahrene Leute zum Studium des chinesischen Inlandmarktes nach Hankau zu senden, wie es mehrere französische Handelskammern gethan haben. Die Regierung hat die Bresche geschaffen, den Weg geebnet; jetzt liegt es an den Interessenten selbst, das Weitere zu thun. Der Norddeutsche Lloyd unterhält einen zweiwöchentlichen Dampferverkehr mit Shanghai, und im Anschluss an diese Prachtdampfer laufen nunmehr auch deutsche Dampfer auf dem Jangtse.
Die wichtigsten Ausfuhren Hankaus sind in erster Linie Thee im Werte von nahezu 100 Millionen Mark. Ein deutscher Theehändler, Herr Theodor aus London, hat im Jahre 1894 allein für etwa 4 Millionen Mark Thee aufgekauft und nach Europa verschifft. Nächst Thee kommen Tabak, Seide, Medizinalwaren, Baumöl, Hanf, Häute, Wachs, Galläpfel und Reis. Die wichtigsten Einfuhren Hankaus sind:
Baumwollwaren (Schirtings und Baumwollgarne) im Werte von etwa 30 Mill. Mark Wollwaren im Werte von 4 „ „ Metallwaren „ „ „ 3 „ „ Opium „ „ „ 7 „ „ Zucker „ „ „ 7 „ „ Petroleum „ „ „ 5 „ „ Farbwaren „ „ „ 1½ „ „ ferner Fensterglas, Nadeln, Schirme und dergleichen.
Dieser große Warenverkehr bewegte sich bisher hauptsächlich auf englischen Schiffen; denn von der gesamten Schiffahrtsbewegung Hankaus im Jahre 1896, etwa 1400 Schiffe mit 1½ Millionen Tonnen, waren über 1000 englische, 400 chinesische, etwa 38 norwegische und nur 10 deutsche. Frankreich ist an dem Handel von Hankau, wo es, wie gesagt, ein eigenes Settlement besitzt, gar nicht beteiligt.
Diese Verhältnisse werden sich nunmehr gewiß bald zu Gunsten Deutschlands ändern, und man möge ja rechtzeitig die erforderlichen Schritte thun, damit ein noch größerer Anteil an dem Handel gesichert werden kann; denn Hankau ist dazu ausersehen, der Mittelpunkt des chinesischen Eisenbahnnetzes zu werden. Die einleitenden Schritte zur Erbauung der chinesischen Zentralbahn Peking-Hankau sind bereits geschehen, und die Weiterführung derselben von Hankau nach Canton steht nicht mehr in weiter Ferne.
Für deutsche Kaufleute bietet Hankau günstigeren Boden zur Ansiedelung und Errichtung von Agenturen als irgend eine andere offene Stadt Chinas, Shanghai und vielleicht Tientsin ausgenommen. Die Fahrt von Shanghai nach Hankau auf prächtigen Flußdampfern erfordert vier Tage, und fast täglich kommen und gehen Dampfer, so daß die Verbindung mit der Außenwelt und mit Europa sehr günstig ist. Das Leben in Hankau ist ganz ansprechend, das Klima ähnlich dem unserigen, nur ist es im Sommer während einiger Wochen heißer und feuchter. An Vergnügungen ist dort eher zu viel als zu wenig vorhanden; es bestehen zwei Klubs mit vielen Zeitungen, Billards und Spielsälen, Cricket, Lawntennis, Jagden, Ruder-, Yacht- und sonstige Sportvereine. Im Winter werden Bälle, im Frühjahr Pferderennen und Football matches veranstaltet. Es fehlt nicht an Aerzten, an Kaufläden für den nötigen Hausbedarf, und die beiden katholischen Missionen haben eigene Hospitäler, von denen eins eine Abteilung für Europäer besitzt.