China und Japan: Erlebnisse, Studien, Beobachtungen
Part 18
Beim Lesen des offiziellen Berichts über die Einnahme von Nanking stehen einem vor Entsetzen die Haare zu Berge. Nicht weniger als hunderttausend Menschen wurden innerhalb dreier Tage niedergemetzelt, viele Tausende starben in der durch so viele verwesende Leichname verpesteten Stadt. Alles wurde zerstört und verwüstet, die ganze Stadt mit unbeschreiblicher Wut dem Erdboden gleichgemacht. Selbst der Leichnam des verstorbenen Hong-Siu-Tsien wurde nicht verschont. Die Kaiserlichen fanden sein Grab; sie rissen der verwesenden Leiche die Haut vom Körper, warfen seine Gliedmaßen den Hunden vor und ließen seinen Kopf auf einer Stange steckend durch die aufrührerischen Provinzen tragen. So endete die Rebellion der Tschang-Mao, vielleicht die schrecklichste und blutigste aller Zeiten. Nankings Ruinen sind nicht die einzigen. Im ganzen Jangtsekiangthale und in den südlich davon gelegenen Provinzen blieb wohl keine Stadt verschont. Jahrzehnte werden noch vergehen, ehe sich die Bevölkerung der verwüsteten Provinzen, über hundertfünfzig Millionen, von den furchtbaren Verheerungen der Taiping erholt haben wird, Nanking aber ist wohl auf Jahrhunderte hinaus gebrochen. Die Regierung ließ allerdings aus den umliegenden Provinzen Ansiedler kommen, sie unterstützte die Wiederaufnahme der einst so berühmten Industrien, der Seidenspinnerei, der Fabrikation des unter dem Namen Nanking bekannten Baumwollstoffes, der Porzellanmanufaktur; sie ließ außerhalb der Mauer ein Arsenal errichten, und die Stadt soll heute chinesischen Berichten zufolge wieder eine Viertelmillion Einwohner haben. Ich glaube es nicht. Nach meiner Schätzung können die wenigen Straßen, die hier und dort auf dem weiten Trümmerfelde wieder entstanden sind, kaum mehr als hunderttausend Menschen enthalten. Sie wohnen in ärmlichen Häusern, zum größten Teil aus den Trümmern der zerstörten Stadt erbaut, und Handel und Wandel sind nur ein Schatten dessen, was er früher, und wie er heute in benachbarten Städten, in Shanghai, Tschingkiang, Wuhu herrscht. Armut und Aberglaube überall. In den elenden Kaufläden hängen lange Schnüre von Shoes, d. h. Silberbarren, aber aus Silberpapier angefertigt, welche die Chinesen an den Gräbern ihrer Verstorbenen oder in den Tempeln ihren Götzen opfern. Vor den Thoren der wenigen besseren Häuser stehen kurze hohe Wände mit allerhand Fratzen bemalt, um die bösen Geister zu bannen. Als ich nach meinem ersten Spazierritt in die Marineschule zurückkehrte, fiel mir auf, daß das Hauptthor nicht in derselben Linie mit der Umfassungsmauer war, sondern schief stand. Als ich die Professoren, meine Gastfreunde, darüber befragte, erklärten sie mir, daß auch beim Bau dieses europäischen Hauses, wie bei jenem der chinesischen Häuser, Gelehrte und Wahrsager zu Rate gezogen wurden, um die günstigste Lage gegenüber den guten und bösen Geistern zu bestimmen. Sie erklärten, das Thor müsse genau nach Süden gerichtet sein, und deshalb die schiefe Lage desselben. Nun vergingen sich die europäischen Professoren beim Bau des Hauses insofern, als sie es ein Stockwerk hoch aufführen ließen. Darob großes Geschrei unter den Chinesen, die es nicht zugeben wollten, daß dieses Haus höher sein sollte als jenes des obersten Leiters der Schule, eines chinesischen Generals. Glücklicherweise stand dasselbe aber auf einem Hügel. Die Professoren erklärten nun ihrerseits, sie hätten alle Rücksichten für ihren Vorgesetzten beobachtet, denn das Dach ihres neuen Hauses wäre thatsächlich tiefer gelegen als jenes des chinesischen Generalshauses. Die Gelehrten überzeugten sich durch Augenschein von der Richtigkeit dieser Behauptung, und das Haus blieb stehen. Sonst hätte gewiß das erste Stockwerk wieder abgetragen werden müssen.
Die verhältnismäßige Neuheit der Häuser in den über die ungeheure Fläche zerstreuten Stadtteilen läßt diese auch reinlicher erscheinen als andere chinesische Städte; die Leute, großenteils im Dienste der Provinzialregierung stehend, die hier ihren Sitz hat, und überdies durch die vielen christlichen Missionen beeinflußt, sehen auch reinlicher und besser gekleidet aus; die Straßen sind breiter, und vor den zahlreichen ärmlichen Kaufläden befinden sich, durch Holzgitter eingefaßt, kleine Vorplätze mit Sitzbänken, welche den Inhabern und Käufern tagsüber als Aufenthalt dienen. Die großen Entfernungen erschweren natürlich den Verkehr; an Stelle der Schubkarren, welche in Shanghai, Tschinkiang, Tschifu und anderen Städten des Nordens zur Beförderung von Menschen und Lasten dienen und von kräftigen Kulis geschoben werden, verwenden die Bewohner Nankings größtenteils Esel, die im Vergleich zu den elenden, mageren Tieren, die man in Italien und der Levante sieht, viel kräftiger und besser genährt sind. Kein Wunder! Befinden sich doch innerhalb der Ringmauern dieser merkwürdigen Stadt ganze Quadratmeilen von Feldern und futterreichen Wiesen, die vielleicht vier Fünftel des ganzen Raumes einnehmen. Nur auf einem Fünftel erheben sich die Anfänge der neuen Stadt. Die christlichen Missionshäuser sind hier zahlreicher als die Götzentempel, deren es in dieser alten Kaiserstadt nur drei giebt. Auch sie wurden erst nach dem Taipingkriege neu erbaut. Der schönste ist wohl der aus mehreren Höfen und Hallen bestehende Confuciustempel, der friedlich zwischen jenen der Buddhisten und Taoisten in der Nähe der französischen katholischen Mission gelegen ist. Kein Priester oder fanatischer Anbeter des großen chinesischen Weltweisen verwehrt dem europäischen Besucher den Eingang, und mit Muße kann man die mit schöngeschwungenen Schiffsschnabeldächern gedeckten Hallen durchwandern. Während in dem Taoistentempel scheußliche langbärtige Götzenbilder aufgestellt sind, prangt hier nur eine große Tafel mit dem Namen des unsterblichen Confucius in goldenen Lettern, umgeben von ähnlichen Tafeln mit den Namen seiner Apostel.
Auf einem Hügel im Mittelpunkte Nankings erhebt sich eine hölzerne Pagode mit einer ungeheuren Bronzeglocke, die ähnlich wie die japanischen durch einen horizontal schwingenden Holzbalken, der sich außerhalb befindet, geläutet wird. Als ich zu diesem von allen Teilen der Stadt sichtbaren Glockenturm emporritt, warfen sich mir eine Menge Bettler entgegen. Schon in der Ferne sanken sie mitten in der Straße auf ihre Knie und schlugen mit ihrer Stirne auf den Boden, so daß ich Mühe hatte, mein Pferd zwischen ihnen hindurchzulenken. Nahe der Pagode gewahrte ich mehrere Missionsanstalten und auch die Mauern eines chinesischen Militärforts mit zahlreichen Schießscharten, aus denen die Mündungen gewaltiger Kanonen hervorlugten. Als ich diese näher betrachtete, sah ich erst, daß die Schießscharten sowohl wie die Kanonenrohre auf die Mauern gemalt waren! Im Innern des Forts exerzierten chinesische Truppen mit Bogen und Pfeilen, sowie langen dreieckigen Lanzen. Nur wenige Abteilungen waren mit Schießgewehren bewaffnet, und diese Soldaten wurden einige Monate später den japanischen Heeren mit ihren modernen Hinterladern entgegengestellt!
Die größte Sehenswürdigkeit Nankings befindet sich im Osten der Stadt, außerhalb der Ringmauer: das Mausoleum der berühmten Kaiser der Mingdynastie. Eines Morgens ritt ich, begleitet von Professor Hearson der Marineschule, dort hinaus. Da der Weg uns durch Sümpfe und Reisfelder geführt hätte, galoppierten wir auf der oberen Fläche der ungeheuren Stadtmauer bis zum Taipingthor, etwa zehn Kilometer weit von unserer Wohnung gelegen, und gelangten durch dieses ins Freie. In dem kühlen, dunkeln Thortunnel kauerten Hunderte von Chinesen an den Wänden und rauchten oder spielten Domino, geschützt gegen die brennende Sonnenhitze. Draußen vor dem Thore breitete sich ein großer, sumpfiger See aus, und jenseits desselben auf einer kahlen, hügeligen Fläche gewahrte ich die ungeheuren Steinfiguren, welche gerade so wie bei den Kaisergräbern von Peking zu den Minggräbern führen. Die Anlage dieser Gräber ist sehr merkwürdig. Angelehnt an die Bergketten im Norden, erhebt sich ein etwa sechzig Meter hoher, dicht bewaldeter Hügel, und vor diesem liegt ein Tempel, von einer hohen Mauer aus rotgebrannten Ziegeln eingeschlossen. Die Tempeldecke wird durch eine Säule getragen, die auf einer ungeheuren steinernen Schildkröte, etwa vier Meter lang und drei Meter breit, steht. Von diesem Grabtempel führt in südlicher Richtung eine etwa fünfhundert Meter breite Avenue bis zu zwei hohen Steinsäulen, wo sie sich im rechten Winkel nach Osten wendet und bei einer auf einem Hügel stehenden offenen Tempelhalle, etwa ein Kilometer von den Steinsäulen entfernt, endet. Der erste, nach Süden gerichtete Teil der Avenue ist zu beiden Seiten mit ungeheuren Steinfiguren alter Kaiser besetzt, der nach Osten gerichtete Teil dagegen enthält ebenso ungeheure Tierfiguren, durchwegs aus Steinmonolithen gemeißelt, deren Größe mich an jene von Oberägypten und Nubien erinnerte. Diese Tierfiguren stehen mit den Köpfen einander zugewendet an den Seiten der etwa zehn Meter breiten Straße in Abständen von etwa dreißig Meter voneinander. Das erste, den Steinsäulen zunächst stehende Tierpaar sind, wenigstens dem Aussehen nach, zwei ungeheure aufrechtstehende Tapire, das nächste Paar sind ebenfalls Tapire, jedoch in liegender Stellung; ihnen folgen zwei aufrechtstehende, dann zwei liegende Löwen; dann aufrechte und liegende Elefanten; an sie schließen sich ebensolche Doppelpaare von Kamelen, Pferden und dergleichen bis an die Tempelhalle. Die Figuren sind ziemlich gut ausgeführt, etwa vier Meter hoch und von entsprechender Länge, nur haben die chinesischen Bildhauer es mit der Anatomie der Tiere nicht besonders genau genommen. So z. B. sind die Vorderfüße der liegenden Elefanten mit den Knieen nicht nach vorwärts, wie bei den Pferden, angefertigt, sondern mit den Knieen nach rückwärts, so daß die Füße dieselbe Stellung zeigen wie bei liegenden Löwen. Auf den Rücken der aufrechten Elefanten bemerkte ich eine Menge kleiner Steinchen, was wieder mit einem abergläubischen Gebrauch der Chinesen zusammenhängt. Professor Hearson erklärte mir, Zopfträger, welche im Begriff stehen, zu heiraten, pilgern zuvor zu einem dieser Elefanten und werfen ein Steinchen auf seinen Rücken. Bleibt dasselbe oben liegen, so wird die Ehe innerhalb eines Jahres durch einen Sohn gesegnet werden. Fällt aber das Steinchen herab, so wird der Zopfträger Vater einer Tochter. Um dieses Unglück in den Augen der Chinesen zu verhindern, wird die Ehe mitunter auf ein Jahr hinausgeschoben, oder findet sie doch statt, so macht der Ehemann von seinen Rechten bis zum folgenden Jahre keinen Gebrauch und wiederholt dann seine Anfrage bei dem Elefantenorakel. Vielleicht wird dann durch einen Zauberer oder Wahrsager künstlich nachgeholfen, um das gewünschte Ziel zu erreichen.
Wie die Chinesen Theater spielen.
Die Chinesen lieben das Theater gerade so sehr, wenn nicht sogar mehr, als Europäer. Auf meinen Reisen im Reiche der Mitte habe ich in allen Städten, ja in vielen Dörfern Theater angetroffen, und der Besuch derselben würde den Neid jedes europäischen Theaterdirektors erweckt haben. Alle waren stets zum Erdrücken gefüllt, und geschlossene Theater, oder solche mit schlechtem Besuch sind in China unbekannt. Die dortigen Theater sind eben etwas anders eingerichtet als die unsrigen, und nur ihr Ursprung dürfte derselbe sein. Seltsamerweise hatten die Chinesen in den ersten Jahrhunderten unserer Zeitrechnung noch keine Theater. Seltsamerweise deshalb, weil ja sonst die meisten Einrichtungen der Zopfträger in die Zeit vor Christi Geburt, einzelne sogar in die Zeit vor der Erbauung der Pyramiden zurückgreifen. Musik war ihnen wohlbekannt, das Theater aber wurde ihnen erst durch die von Westen in China einfallenden Völkerschaften von unseren gemeinschaftlichen Lehrmeistern des Theaterspiels, den Griechen, überbracht. Die erste glaubwürdige Nachricht über das Theater in China stammt aus dem Ende des siebenten Jahrhunderts. Damals regierte über das große Reich ein sehr vergnügungslustiger Herr, der Kaiser Tang Ming Huang. Er fand Gefallen an der Musik und an der von den westlichen Völkern ausgeübten Schauspielerei und suchte sie in seinem Lande dadurch zu verbreiten, daß er an seinem Hofe eine eigene Musik- und Theaterschule errichtete. Die Hunderte junger Mädchen, die er in dieser Schule ausbilden ließ, erregten begreiflicherweise sein Wohlgefallen; er schuf für sie ein eigenes ~Pensionat des demoiselles~, das in einem großen Obstgarten mit Birnbäumen stand, und die jungen, chinesischen Misses führten deshalb unter den dem Gebrauch von Beinamen sehr ergebenen Chinesen die Bezeichnung „Die Birnbaumschülerinnen Seiner Majestät”. Noch heute heißen die chinesischen Schauspieler die Brüder aus dem Birnbaumgarten. Schwestern giebt es leider keine mehr, und damit haben die chinesischen Theater, wenigstens nach unserm Geschmack, ihren größten Reiz verloren. Eine Bühne ohne Schauspielerinnen, Sängerinnen, Tänzerinnen wäre bei uns wohl undenkbar. Die Chinesen würden diese angenehmen Persönlichkeiten gewiß auch sehr gerne wieder auf den Brettern, welche die chinesische Welt bedeuten, sehen und bewundern, aber sie dürfen nicht. Ein kaiserliches Edikt hat es ihnen verboten. Die Theaterdamen waren in China wahrscheinlich ebenso verführerisch wie anderswo. Eine derselben hatte dem Kaiser Yung Tsching, der zu Anfang des vorigen Jahrhunderts das Szepter führte, den Kopf so verdreht, daß er ihr sogar Herz und Hand anbot und sie unter jene nach Tausenden zählende Damengesellschaft aufnahm, welche mit ihm auf dem vielsitzigen chinesischen Herrscherthron saßen. Die Frucht war ein Sohn, der im Jahre 1736 unter dem Namen Kien Lung seinem Vater als Kaiser des Reiches der Mitte folgte, einer der weisesten und gerechtesten, welche die chinesische Geschichte kennt. Im ersten Jahre seiner sechzigjährigen Regierung veranlaßte ihn seine Mutter, um an ihren einstigen Beruf nicht mehr erinnert zu werden, das Auftreten von Frauen auf der Bühne zu verbieten. Er willfahrte nicht nur ihrem Wunsche, sondern ging sogar noch weiter. Die Gefahren kennend, welche auch mitunter von seiten männlicher Bühnenmitglieder zarten Frauenherzen drohen, verbot er auch Männern die Mitwirkung auf der Bühne, und seither befindet sich der Schauspielerstand ausschließlich in den Händen der Eunuchen. Aber glücklicherweise nur bei Hof. Die Schauspieler, aus welchen sich die wandernden Truppen von China zusammensetzen, erfreuen sich, wenigstens der Form nach, der vollen Mannbarkeit, selbst wenn sie in Frauenkleidern stecken und weibliche Rollen spielen.
Ständige Theatergesellschaften giebt es in China nur bei Hofe; alle anderen sind umherziehende Banden, die bald hier bald dort ihre Vorstellungen geben, je nachdem in den Ortschaften Märkte, religiöse oder weltliche Feste abgehalten werden. Ebensowenig giebt es in China Theatergebäude nach europäischem Muster. Allerdings bestehen solche in Hongkong und Shanghai; auch in Canton und einigen anderen Städten hat man die Zweckmäßigkeit derselben eingesehen, und Kapitalisten haben Theater erbaut, die sie an wandernde Truppen vermieten. Allein im Innern des ungeheuren Landes fehlen sie vollständig. Kommt eine Gesellschaft mit ihren Kisten und Kasten in eine Ortschaft, so wird von einer eigenen Klasse von Handwerkern in aller Eile ein Theater gebaut. Binnen ein, zwei Tagen ist es fertig. Hohe starke Bambusstangen bilden das Gerippe; Bühne, Dach und Ankleidezimmer werden durch Bretter hergestellt, die mit Rattanseilen (einer Art spanischem Rohr) an die Bambusstangen festgebunden werden. Nägel kommen selten zur Verwendung. Dann wird ein ähnliches Flugdach vor der Bühne errichtet, unter dem sich die Stühle für die besser zahlenden Zuschauer befinden, der Rest der Zuschauer steht rings um die Bühne unter freiem Himmel. Zieht die Truppe nach einigen Tagen oder Wochen wieder ab, so wird das Theater wieder auseinandergebunden und für die nächste Gesellschaft aufbewahrt.
Ich habe derlei Theater auch in großen Städten gesehen, selbst in der größten, in Canton. Dort wollten gerade die Priester ein religiöses Fest begehen, und um die Götter zu ehren und sie versöhnlich zu stimmen, wurden auch Theatervorstellungen auf das Programm genommen. Die Priester sammelten unter den wohlhabenden Einwohnern freiwillige Beiträge, die sie dadurch öffentlich quittierten, daß sie die Beträge der Spenden und die Namen der Geber auf rote Zettel schrieben und diese dann an die Tempelwände klebten. Sobald die erforderliche Summe beisammen war, ließen sie eine Truppe anwerben und im inneren Tempelhofe ein Theater bauen, mit der Bühne dem Tempel zugewendet, damit die bemalten und vergoldeten Götterfiguren, die grimassenschneidend auf ihren Altären hockten, doch auch die Vorgänge auf der Bühne wirklich sehen konnten, und während mehrerer Tage wurde unter kolossalem Andrang des Publikums Theater gespielt. Um ihre Einnahmen noch zu vermehren, vermieteten die Priester den übrigen freien Raum der Tempelhöfe für Garküchen, Spielhöllen und noch viel schlimmere Zwecke, ~ad maiorem dei gloriam~. Der Zweck heiligt die Mittel.
Die Gesellschaften werden aber auch von reichen Privatleuten häufig angeworben, um in ihren Häusern vor der weiblichen Welt, deren Erscheinen in öffentlichen Theatern gegen die gute Sitte verstoßen würde, Vorstellungen zu geben. Auch Hochzeiten, Geburtstage und dergleichen werden mit Theatervorstellungen gefeiert, wobei aber die Gastgeber Sorge tragen, daß kein zu vertraulicher Verkehr mit den Schauspielern stattfindet, denn diese gehören in China zu den geächteten Ständen und sind mit ihren Nachkommen bis ins dritte Glied von allen Beamtenposten ausgeschlossen.
Die Theatervorstellungen beginnen gewöhnlich am Morgen und dauern bis zur einbrechenden Dunkelheit. Nachtleben giebt es in chinesischen Städten keines, die Thore, ja selbst einzelne Stadtviertel und Straßen werden für jeden Verkehr abgesperrt, und die chinesischen Theaterbesucher könnten gar nicht nach Hause gelangen. Eine Ausnahme machen freilich die Theater in den großen, den Fremden geöffneten Hafenstädten. Dort sind die Sing Song, d. h. in chinesischem Patois Theater, ebenso abends geöffnet wie die englischen Sing Song. Ebenso habe ich sie auch in San Francisco, Singapore abends geöffnet gefunden. Es ist aber ein gewaltiger Irrtum, zu glauben, daß die chinesischen Theaterstücke, wie es vielfach von flüchtigen Globe trotters dargestellt wurde, tage- und wochenlang ohne Unterbrechung dauern. Die Chinesen haben ebenso ihre ein- und mehraktigen Stücke wie wir, nur ist bei ihnen der Vorhang und demnach das Fallen des Vorhangs unbekannt, ein Stück folgt fast ohne Unterbrechung auf das andere, und will sich irgend ein reicher Herr unter den Zusehern ein bestimmtes Theaterstück vorspielen lassen, so braucht er es nur zu verlangen und dafür einige Taels zu bezahlen.
Fast alle Theaterstücke der Chinesen werden durch Musik begleitet, fast in allen kommen Gesänge vor. So sehr ich mir während vieler Besuche in den verschiedensten Theatern Mühe gab, in dem furchtbaren Lärm, den die auf der Bühne selbst kauernden Gongschläger, Lautenbläser und Violinenkratzer unausgesetzt machten, irgend eine Methode, Rhythmus, Melodie zu finden, ist es mir doch niemals gelungen, und als ich einmal in Shanghai einen der englischen Sprache mächtigen Chinesen darüber befragte, so antwortete er mir lächelnd, es sei ihm mit der europäischen Musik, die er gehört, gerade so gegangen. Wir können uns Gesang nicht ohne Melodie denken, und wenn wir sprechen, geschieht es in der gleichen Tonart. Die Chinesen sprechen, indem sie jedem Worte einen anderen Ton geben, also nach unseren Begriffen in singender Weise, dafür sind aber ihre Gesänge monoton. Wir können die letzteren mit unseren Musikzeichen nur annähernd wiedergeben, denn statt acht Töne enthält die chinesische Musik nur sieben. Dabei kennen sie kein Piano, keine der Modulationen, welche unserer Musik den großen Reiz verleihen; sie singen mit näselnder Stimme, gewöhnlich so laut, wie sie nur können, und doch sagt Confucius von der Musik, sie sei die „Essence der Harmonie, welche zwischen Himmel, Erde und den Menschen herrscht”. Die Chinesen lieben die Musik über alle Maßen; sie haben ihre Musikgesellschaften, ihre Musikkorps, und keine Festlichkeit, keine Prozession, kein Gottesdienst, kein Hochzeitszug oder Begräbnis ist ohne Musik. Sie sind darin die Deutschen des Orients. Ein großer Prozentsatz der Chinesen beiderlei Geschlechts kann irgend ein Instrument spielen; sie haben die Musik schon vor nahezu fünftausend Jahren, zur Zeit des Kaisers Fu-hsi gekannt und sind auch die eigentlichen Erfinder der Orgel, auf chinesisch Scheng; sie besitzen eine große Zahl der verschiedensten Instrumente, darunter sogar solche aus Stein. Bei einer solchen Leidenschaft für die Musik ist es begreiflich, daß dieselbe auch im Theater nicht fehlen darf, ja ein großer Teil der Besucher kommt nur ihretwegen, denn vom gesprochenen Text ist bei den mit voller Kraft geschrieenen Fisteltönen, deren sich die chinesischen Schauspieler befleißigen, doch nur wenig zu verstehen. Die Mehrzahl der chinesischen Dramen sind übrigens den Zuhörern bekannt; sie stammen aus verschiedenen Jahrhunderten, behandeln die militärischen Großthaten, die Feldzüge, Schlachten, Hofereignisse, aber nur bis zur Erhebung der jetzt herrschenden Kaiserdynastie auf den Thron; seitherige Ereignisse dürfen nicht auf der Bühne behandelt werden, und da die Schauspieler ihre Rollen nicht aus Büchern, sondern der Tradition nach von Generation zu Generation lernen, gewähren ihre Darbietungen einen tiefen, höchst interessanten Einblick in Leben und Sitten der Chinesen in früheren Jahrhunderten. Von der Gegenwart darf nur das bürgerliche und Familienleben behandelt werden, nach Art unserer Volksstücke, und ich habe gerade aus diesen durch aufmerksames Beobachten und durch die Erklärungen des Dolmetschers sehr viele Züge aus dem Leben dieses merkwürdigen Volkes gelernt, die mir sonst gewiß entgangen wären.