China und Japan: Erlebnisse, Studien, Beobachtungen
Part 17
Hier und da wurden den Prozessionen bunt aufgeputzte Kinder vorangetragen, die auf drei bis vier Meter hohen Stangen saßen und auf die Papierrosen in ihren Haaren und ihre glänzende Goldflitterkleidung nicht wenig stolz schienen. In jeder Prozession wurden prachtvolle Sänften umhergetragen, mit Vergoldungen und Schnitzereien bedeckt, manche sogar aus getriebenem Silber. Durch die Glasfenster gewahrte ich im Inneren aus Holz geschnitzte, langbärtige Fratzen. Die zahlreichen Fahnen, Sonnenschirme und Inschriftentafeln, die wie ein wandelnder Wald jeder Prozession vorangetragen wurden, zeigten die Namen der einzelnen Zünfte und Gilden der Stadt. Zwischen den einzelnen Umzügen wogte zerlumptes halbnacktes Gesindel auf und nieder, von den berittenen Soldaten mühsam in Ordnung gehalten. Zahlreiche Bettler, die Stirnen seltsamerweise mit weißem Papier verklebt, warfen sich uns auf den Knien entgegen, so daß wir kaum vorwärts kommen konnten. Gleichzeitig kam von einer Seitenstraße ein phantastischer Karnevalszug des Wegs, lärmend, heulend und waffenschwingend, als wären sie alle eben dem Tollhaus entwichen. Zwischen ihnen befanden sich einzelne Reiter. Wir konnten weder vor- noch rückwärts. Der Zug, mehrere hundert Menschen umfassend, hatte uns bald umringt, ich wurde von meinem Gefährten getrennt, und als ich den Versuch machte, ihm nachzueilen, versperrten mir die Reiter durch die Pferdekruppen den Weg. Gleichzeitig begann ein wilder Geselle mit langem zerzausten Haar und Kettenstäben in den Händen auf mich loszuschreien und schien die übrigen auf mich zu hetzen, denn ich bemerkte, wie sich die Gesichter verfinsterten und drohend überall die bewaffneten Hände erhoben. Schließlich spie der wilde Geselle mich an und trachtete mich über den Haufen zu werfen. Da war guter Rat teuer. Ich war allein inmitten vieler Tausende fanatischer Chinesen, deren leichte Erregbarkeit durch die Aufstände und Abschlachtungen in früheren Jahren hinreichend bekannt war, und ein Nachgeben, einen Augenblick des Zögerns hätte ich möglicherweise mit meinem Leben bezahlen müssen. Rasch entschlossen griff ich nach meinem Revolver, den ich in der rechten Rocktasche trug. Auf dem Wege dahin streifte meine Hand das Etui mit meinem Fernglase; ich weiß nicht wie es kam, einer plötzlichen Eingebung gehorchend, zog ich statt des Revolvers mein Fernglas hervor und hielt es an mein Auge. Verwunderung malte sich auf den Gesichtern der Umstehenden, das Geschrei und Geheul verstummte, und derselbe wilde Hallunke, der mich eben zuvor hatte niederschlagen wollen, riß mir das Glas aus der Hand. Kaum hatte er es an sein Auge gesetzt, so begann er zu lachen und die ihn Umgebenden der Reihe nach zu betrachten. Sein Erstaunen mußte die Neugierde der anderen in hohem Grade erwecken, denn ein Reiter entriß nun ihm mein Glas, und kaum hatte er lachend durch dasselbe geblickt, so wanderte es zu seinem Nachbar. Seine Ausrufungen versetzten die Zopfträger in große Heiterkeit. Alle lachten, und ich glaubte am besten zu thun, indem ich mitlachte. Mein Glas war nun in den Händen eines Mannes, der an der Ecke eines seitwärts führenden engen Gäßchens stand. Ich zwängte mich zu ihm durch, nahm ihm lachend das Glas aus der Hand, und ohne mich umzublicken, verschwand ich in dem Gäßchen, das gerade weit genug war, um einen Menschen durchzulassen. Durch dasselbe hatte sich auch mein Begleiter geflüchtet, und zu meiner Freude erwartete er mich am anderen Ende dieses finsteren Durchgangs.
Wir hatten nun genug von den Festlichkeiten der Provinzheiligen und wanderten aus der Stadt hinaus, die sanfte Anhöhe empor, die von einem Fort mit merkwürdigen Pagodendächern gekrönt wird. Auf den Umfassungsmauern steckten Hunderte von kleinen dreieckigen Fahnen in Rot und Weiß. Der Weg führte durch eine ausgedehnte Nekropole mit Tausenden und Abertausenden von kleinen Grabhügeln, hier und dort unterbrochen von kleinen Rasenflächen und Baumgruppen. Unter einer der letzteren gewahrten wir auf einer Steinbank sitzend vier Chinesinnen, die in den Anblick des wunderbar schönen Jangtsekiangthales versunken schienen, das sich zu unseren Füßen auf viele Meilen stromauf- und -abwärts ausdehnte. Als wir ihnen näher kamen, bemerkten wir erst, daß diese vermeintlichen Chinesinnen hellblonde Haare und blaue Augen hatten, dabei so große Füße, wie sie eine Tochter des Reiches der Mitte noch niemals besessen haben mag. Die vier Damen waren Angestellte irgend einer schwedischen Mission, die hier oben unter dem Schutz des Forts ein Missionshaus besaß. Neben diesem, und auch auf dem jenseitigen Abhang der Anhöhe im Freien zerstreut, liegen noch einige andere Missionshäuser, hauptsächlich amerikanischen Sekten angehörend. Die Missionäre leben hier mit ihren Frauen recht lauschig und behaglich und geben den Chinesen die verschiedenen Arten und Wege an, auf welchen sie als Christen selig werden können. Da giebt es eine Amerikan-Baptist-Mission, Amerikan-Methodist-Episkopal-Mission, Amerikan-Southern-Presbyterian-Mission, China-Inland-Mission, aber sie alle zusammengenommen mit ihren Dutzenden von Missionären und deren Frauen und ihren reichen Mitteln haben nicht ein Viertel des Erfolges aufzuweisen, den die beiden katholischen Padres französischer Nation hier mit ihren bescheidenen Mitteln erzielt haben. Wenn diese vielen amerikanischen Missionäre wenigstens für die Europäer von irgend welchem Nutzen wären! Wie wünschenswert wäre es z. B., wenn in den Spitälern der Missionen kranke Europäer Aufnahme fänden. Leider ist dies nicht der Fall; Europäer werden abgewiesen und nur kranke Chinesen aufgenommen.
Das Fort auf der Anhöhe schien mir von den Hunden besser bewacht als von den Soldaten. Während die ersteren bei unserem Kommen Lärm schlugen, blieben die letzteren, große Damenstrohhüte auf den bezopften Köpfen, ruhig auf dem grünen Rasen liegen und schielten nur mit halboffenen Augen zu uns herüber. Als ich Miene machte, das Thor zu durchschreiten, sprang einer der Soldaten auf und verwehrte uns den Eintritt. Nur wenn wir einen Erlaubnisschein vom Mandarin besäßen, dürften wir in das Innere des Forts. Indessen wir wurden durch die wunderbare Aussicht auf den Jangtsekiang reichlich für diese Enttäuschung entschädigt. Von hier oben konnten wir deutlich die früheren Ufer des ewig wechselnden Stromes verfolgen. Bald reißt er von einem Ufer ganze Morgen, ja Quadratkilometer Landes ab, um sie am jenseitigen anzusetzen, bald bricht er sich eine neue Laufbahn durch die üppigen Gersten- und Roggenfelder, bald läßt er Inseln aus seinem Bett verschwinden, bald weiter abwärts neue entstehen. Mit dem Fernglas musterten wir das jenseitige Ufer des gewaltigen Gelben Stromes, wo sich noch zur Mitte des 19. Jahrhunderts die große Stadt Koatschen befunden hat, eines der wichtigsten Salzdepots von ganz China, und zeitweilig waren zu ihren Füßen im Fluß gegen zweitausend Salzboote und Dschunken verankert. Wir konnten davon nichts mehr wahrnehmen als einzelne elende Hütten, mitten im Morast steckend. Der Jangtsekiang hat die Stadt verschlungen. Auch das einst so berühmte Jangtschau hat seine frühere Bedeutung gänzlich eingebüßt. Jangtschau liegt nur einige zwanzig Kilometer von Tschinkiang an der Nordseite des Jangtsekiang und war in früheren Zeiten die Hauptstadt des Jangreiches. Vor sechshundert Jahren, lange bevor irgend ein Europäer den Fuß auf chinesischen Boden setzte, besaß Jangtschau einen europäischen Gouverneur, keinen anderen als Marco Polo, der drei Jahre hier residierte.
Aus jener Zeit ist wohl weder dort, noch in Tschinkiang etwas übrig, nicht einmal die alten Pagoden der Goldenen Insel dürften dieses Alter besitzen. Als wir von unserem Ausflug zurückgekehrt waren, ließen wir uns nach diesem Heiligtum der Buddhistenwelt rudern, wo kolossale Buddhastatuen, umgeben von solchen seiner Apostel und Gelehrten, der Anbetung durch die andächtigen Zopfträger harren, aber das Leben und Treiben auf dem Bund, der Hauptstraße der Fremdenansiedelung. interessierte uns mehr, und stundenlang hätte ich dem Treiben in den offenen Eßbuden, rings um die ambulanten Küchen, bei den Spieltischen, Frucht- und Eierhändlern zusehen können, wenn nicht der furchtbare, ohrenbetäubende Lärm gewesen wäre. Die Chinesen scheinen nichts thun zu können, ohne dabei aus vollem Halse zu schreien; selbst die Lastenträger schreien bei jedem Schritt ihr ha-ho desto kräftiger, je größer die Last, die sie zu tragen haben, als ob sie die Arbeit mit Geschrei allein verrichten könnten. Vom frühen Morgen bis zum Einbruch der Nacht aus Tausenden von Kehlen ohne Unterbrechung ha-ho schreien zu hören ist begreiflicherweise kein Vergnügen für die europäischen Bewohner der Konzession. Vor einigen Jahren wandten sie sich deshalb an den Taotai von Tschinkiang mit dem Ersuchen, das Schreien zu verbieten. Das geschah auch, aber am folgenden Tage schrieen die Kulis ihr ha-ho vielleicht nur noch kräftiger, und dabei ist es bis heute geblieben.
Nanking.
Eine Stunde nach Mitternacht hielt der große, nach Hankau bestimmte Jangtsekiangdampfer mitten auf dem breiten Strom, und der langbezopfte chinesische Steward bedeutete mir, ich wäre in Nanking angekommen. Vom Verdeck aus sah ich von dieser Weltstadt, deren Bevölkerung Millionen zählte, dieser einstigen Hauptstadt des größten Reiches der Erde, nichts weiter als eine gewaltige Ringmauer. Der Vollmond beschien die einsamen Ufer des Stromes. Kein Schiff, nicht einmal eines der vielen chinesischen Kanonenboote, welche auf dem Jangtsekiang den Polizeidienst versehen, deutete die Einfahrt in den Hafen an; nur zwei niedrige ärmliche Gebäude standen dort dicht am Stromufer, und von diesem stieß eben ein kleiner, von ein paar Kulis gelenkter Sampan ab, um mich abzuholen. Ein paar Minuten später saß ich darin, und während meine chinesischen Bootsleute mit kräftiger Hand durch die Fluten des hier reißenden Stromes dem Lande zuruderten, verschwand der große Dampfer in der Richtung gegen Hankau.
Es war ein Glück, daß die englischen Professoren der Marineschule in Nanking von meinem Kommen unterrichtet waren und mir eine Sänfte mit vier Trägern entgegengesandt hatten, sonst hätte ich wohl im Freien außerhalb der Stadtmauern übernachten müssen. Raschen Schrittes trugen mich die Kulis durch die elende Hüttenstadt, welche den Hafen von Nanking bildet. An dem Kanal angelangt, welcher dieses verkommene Nest mitten durchschneidet, mußten die Bootsleute der Fähre durch kräftige Hiebe aus dem Schlaf geweckt werden. Was sind die Chinesen doch für ausgezeichnete Schläfer! Der Kanal war über und über mit Pantoffelbooten bedeckt, deren jedes einer Familie als Wohnung dient. Obschon nun Hunderte von Hunden bei unserem Kommen wütenden Lärm schlugen, ließ sich doch niemand aus dem Schlafe wecken. Nur aus einem der Boote drangen leise Gongschläge zu mir herüber. Einer der Insassen mochte wohl im Sterben liegen, und die aufmerksamen Verwandten trachteten durch diese Gongmusik die bösen Geister zu vertreiben.
Jenseits des Kanals trugen mich die schweißtriefenden, stinkenden Kulis abermals eine Viertelstunde lang durch eine öde, verlassene Gegend, ehe wir an die ungeheuren Stadtmauern von Nanking gelangten. In dem bleichen Mondlichte zeigten sich diese noch viel gewaltiger, als sie wirklich sind. Auf viele Meilen zogen sie sich zu beiden Seiten unseres Weges in die Ferne, aus großen Quadern bestehend und vortrefflich erhalten, noch immer eines der größten Werke, welche Menschenhände geschaffen haben. Sie umgeben die alte Kaiserstadt in einem Umkreise von vierunddreißig Kilometern und erreichen bei einer Stärke von acht bis vierzehn Metern eine Höhe von fünfzehn bis dreißig Metern. Im ganzen genommen, enthalten sie nicht weniger als sieben Millionen Kubikmeter Mauerwerk und dreißig Millionen Kubikmeter Erde, also das Sechzehnfache der größten Pyramide Aegyptens. Hunderttausende von Menschen müssen jahrelang an diesem ungeheuren Werke gearbeitet haben, und die Mauer hat auch den Jahrhunderten, die seit ihrer Erbauung verflossen sind, ebenso wie den vielen Kriegen und Belagerungen getrotzt, deren letzte zur Zeit der Taipingrevolution die furchtbarste war. Nur nach langer Mühe gelang es den kaiserlichen Truppen im Jahre 1864, eine Bresche in dieses gewaltige Werk zu schießen. Sie wurde seither wieder ausgebessert. Der Vizekönig der Provinz verwendete dafür, sowie für die Erneuerung der Thortürme mit den schön geschwungenen Dächern eine Million Mark, eine Geldsumme, welche mit größerem Nutzen in der Stadt selbst hätte verausgabt werden können. Das ungeheure Thor, durch welches unser Weg in die Stadt führte, war fest verschlossen. Lange mußten meine Kulis mit den Tragstangen der Sänfte pochen, ehe die inneren Querbalken losgelöst wurden und der eine Thorflügel sich so weit öffnete, um uns durchzulassen. Ein Soldat in Pantoffeln und ohne irgend welche Bewaffnung sah mich mit schlaftrunkenen Augen an, richtete aber weder eine Frage an meine Begleiter, noch verlangte er mir meinen Reisepaß ab. Und das zu einer Zeit, als die Japaner sich mit allen Kräften zu dem großen Kriege rüsteten, der einige Monate später wirklich ausbrechen sollte.
Jenseits des vielleicht hundert Meter langen gewölbten Thorweges, der unter den Mauern und Wällen der Stadt in das Innere derselben führte, mußten meine Kulis noch eine geraume Zeit wandern, ehe wir das Thor der Marineschule, meiner Behausung, erreichen. Die Straßen waren wohl mit gutem Pflaster versehen, allein die Häuser zu beiden Seiten waren nur erbärmliche Lehmhütten, ähnlich wie ich sie in den ärmsten chinesischen Dörfern gesehen habe. Die einzigen Menschen, denen wir auf unserem nächtlichen Marsche begegneten, waren Nachtwächter, die schläfrig durch die einsamen Straßen wanderten und bei jedem Schritt mit ihrem eisernen Speer auf den Boden schlugen, oder mit Zinken und Trommeln etwaigen Dieben und Einbrechern ihr Nahen verkündeten. In der Wachtstube gegenüber der Marineschule lagen zehn Soldaten schlafend auf ihrem harten Holzlager ausgestreckt. Bei unserem Kommen wurde von einem dieser Vaterlandsverteidiger kräftig eine Trommel gerührt, in der ganzen Stadt, nah und fern, antworteten Dutzende von Trommeln. Trotz dieses laut durch die Nacht hallenden Wachtrufes rührten sich die schlafenden Soldaten nicht. Wozu auch? Sie sind ja längst an diesen nächtlichen Lärm gewöhnt. Als ich eine Stunde später selbst in dem ganz modernen europäischen Hause der Marineschule zur Ruhe gegangen war, dauerte das Trommeln noch fort. Alle Augenblicke wurde ich durch Trommeln aus dem Schlafe geweckt; aber mit der Zeit gewöhnte auch ich mich daran. In allen chinesischen Städten wird zur Nachtzeit fortwährend getrommelt, Gong geschlagen, Tuba geblasen, und ohne diesen Lärm müßte es den Hunderten von Millionen schlafender Chinesen ganz unheimlich vorkommen.
Als ich am nächsten Morgen meinen ersten Spazierritt durch Nanking unternahm, wunderte ich mich, warum der Vicekönig, der in einem bescheidenen Yamen seine Residenz aufgeschlagen hat, für die Ausbesserung der Stadtmauern so viel Geld ausgegeben haben konnte. Wo war denn eigentlich das vielgerühmte Nanking? Ich war innerhalb der Stadtmauern, aber die Stadt selbst suchte ich stundenlang auf- und niederreitend vergeblich. Reis-, Gerste- und Roggenfelder bedeckten weite Flächen, andere waren von wüstem Sumpfland eingenommen, wieder andere bedeckte dicht wucherndes Gestrüpp und Wald. Hie und da zwischen den Feldern erhoben sich elende Strohhütten, in welchen armselige Weiber ihren Hausrat besorgten, während die Männer die Wasserbüffel bewachten, die in den Feldern den Pflug zogen. Weiterhin führte mich mein Weg durch Trümmerfelder von Quadratkilometern Ausdehnung, bedeckt mit Steintrümmern und Schutthaufen, zwischen denen das Unkraut üppig emporschoß. Wohl hatte ich von den furchtbaren Verwüstungen gehört, die der große Taipingkrieg in den sechziger Jahren in seinem Gefolge hatte, allein so entsetzlich, wie ich sie nun in Wirklichkeit fand, hätte ich dieselben nicht für möglich gehalten. Sollte denn von all den Tausenden von Palästen, Tempeln, öffentlichen Gebäuden, Pagoden, welche die Millionenstadt in früherer Zeit besessen hat, wirklich nichts mehr übrig geblieben sein? Wo war die Purpurstadt, wo der Kaiserpalast, in dem die Kaiser der Mingdynastie residiert haben, wo der Palast des letzten Taipingkaisers? Ich ließ mir die Tatarenstadt zeigen, die, von einer eigenen Ringmauer umschlossen, im östlichen Teil von Nanking gelegen ist. Auch dort nichts als Steintrümmer, ähnlich jenen des Dschebel Mokattam in Kairo oder denen von Karthago, wo ich vor Jahren umhergewandert, nur noch trostloser, weil sie frischer waren, aus der neuesten Zeit stammten. Ich hatte wenigstens Ruinen erwartet, wie sie Paris in seinen Tuilerien, seinem Staatsratsgebäude, seinem Hôtel de ville besessen hat, und als ich auf dem weißen Steingeröll umherreitend endlich meinen Begleiter nach dem Kaiserpalast fragte, antwortete er mir, ich befände mich eben auf der Stelle, wo er sich vor der Taipingrevolution befunden hätte. Und die Ruinen? Das Steingeröll, über das mein Pferd einherstolperte! Nicht ein Stein liegt dort auf dem anderen. Nanking ist nicht mehr. Es wurde während der Revolution einfach zu Staub zermalmt, vom Erdboden weggewischt, wie man Staub vom Spiegel wischt. Kein Erdbeben, kein Brand, keine Ueberschwemmung hätte hier schlimmere Verwüstungen anrichten können als die Hand von Menschen während der Revolution. Ich befand mich in Tokio, als ein Erdbeben viertausend Häuser zerstörte oder beschädigte. Ich habe Chicago bald nach dem großen Brande gesehen, der es großenteils vernichtete, und St. Cloud in Minnesota nach dem furchtbaren Tornado, der es in Trümmer geblasen hat. Nirgends war die Vernichtung auch nur annähernd so vollständig wie hier, wo nichts als weiße Trümmerfelder die Stelle anzeigen, wo noch Mitte dieses Jahrhunderts eine der größten, ältesten und volkreichsten Städte unseres Erdballes gestanden hat. Innerhalb der Mauern von Nanking hat sich in der That eines der merkwürdigsten, leider nur zu wenig bekannten Ereignisse der Weltgeschichte abgespielt. Hier war es, wo der berüchtigte Hong-Sin-Tsien, ursprünglich ein armer Schullehrer, durch seine Ueberzeugung und Thatkraft sich zu einem gewaltigen Heerführer emporgeschwungen und schließlich während elf Jahren als Kaiser über die Hälfte des chinesischen Reiches herrschend, der Dynastie in Peking so starren Widerstand entgegengesetzt hat. Seine Armeen waren überall erfolgreich, überall wurden die kaiserlichen Heere durch die Taiping geschlagen, und eine Zeit lang glaubten die Chinesen selbst an die Intervention des Himmels zu Gunsten des Friedenskaisers in Nanking. Aber als die Kaiserlichen endlich die Europäer um Hilfe anriefen, war es mit der sagenhaften Unüberwindlichkeit vorbei. Unter ihren Heerführern waren überdies Zwistigkeiten ausgebrochen; viele kämpften auf eigene Faust, etliche fielen in den Schlachten, andere gingen mit ihren Mannschaften zu den Kaiserlichen über. Müde von den Bedrückungen, dem Sengen, Rauben und Morden der umherziehenden Taipingbanden fielen ganze Provinzen von dem Rebellenkaiser ab, und diesem blieb schließlich von seinem großen Reiche nichts weiter als seine Residenzstadt Nanking. Lange Zeit hielt er sich dort, hauptsächlich geschützt durch die gewaltigen Ringmauern. Am 30. Juni 1864 gelang es endlich der Artillerie des kaiserlichen Belagerungsheeres, in diese Mauern eine Bresche zu schießen, und damit war der weitere Widerstand der Rebellen ein erfolgloses Bemühen. Aber die letzteren ahnten wohl, welch schreckliches Schicksal ihnen schließlich bevorstand, und deshalb entschlossen sie sich, lieber auszuharren, als sich zu ergeben. Nur der Rebellenkaiser selbst verlor den Mut. Schon lange war sein Geist durch die rasch aufeinanderfolgenden Schläge getrübt worden, und als er noch die Nachricht von dem Fall der großen Ringmauer erhielt, nahm er sich durch Gift das Leben. Seine Generale riefen nun seinen Sohn zum Kaiser aus, und der sechzehnjährige Jüngling übernahm den Befehl über die Verteidigungstruppen. Achtzehn Tage hielten sich die Rebellen noch gegen die Kaiserlichen. Am 19. Juli 1864 aber drangen die letzteren durch die Bresche in die Stadt. Ein treuer Diener von Hong-Siu-Tsien rettete den jungen Rebellenkaiser dadurch, daß er ihm sein eigenes Pferd gab, allein ebenso wie sein Retter, fiel schließlich auch der Kaiser in die Hände der siegreichen Belagerer und wurde enthauptet.