China und Japan: Erlebnisse, Studien, Beobachtungen

Part 16

Chapter 163,113 wordsPublic domain

Die armen Frauen der höheren Stände haben es kaum viel besser als jene der indischen Zenanas oder der arabischen Harems, und beinahe könnte man sagen, daß die Frauen der untersten Stände Chinas ein günstigeres Los haben, als ihre reichgekleideten, geputzten und geschmückten Schwestern. Sie sind wenigstens nicht an das Haus gefesselt, sie genießen einigermaßen Freiheit. Besonders in Canton und den südlichen Provinzen sah ich sie allen möglichen Berufen nachgehen. Schneiderinnen kauern an den Straßenecken, um Kleider zu flicken; Dienerinnen durchwandern die Gäßchen, um Einkäufe oder Besorgungen für ihre Herrin zu machen; auf dem Flusse und im Hafen verkehren die Frauen ungezwungen, durch keine gesellschaftlichen Formen eingeengt, mit den chinesischen oder fremden Männern. Die ärmsten der Frauen ziehen durch das Gewirre von Gäßchen der Städte, um allerhand Abfälle und Unrat für ihre Schweine zu sammeln. Draußen auf dem Lande sind sie in den Seidenzüchtereien oder auf den Reisfeldern thätig; sie schneiden Gras oder suchen auf den Bergabfällen nach Wurzeln, Zweigen und sonstigem Brennmaterial; Hunderte pflücken Theeblätter an den sich meilenweit hinziehenden kleinen Stauden; überall sind es kräftige, gut gebaute Gestalten, weit größer und stärker als ihre Schwestern in Japan oder Hinterindien. Weiter gegen Norden, in der Umgegend von Swatau oder Amoy, sind sie schon viel seltener; auch am Jangtsekiang und Kaiserkanal genießen sie lange nicht die gleichen Freiheiten wie in Canton.

Der Haarzopf der Chinesen.

Das auffälligste Merkmal eines Chinesen ist wohl sein Haarzopf. Ohne Zopf kein Chinese; er ist ihr größter Stolz und der hervorragendste Gegenstand ihrer Eitelkeit, sowie das Streben jedes Chinesenjungen, dem der Zopf erst in seinem zwölften bis vierzehnten Jahre zu tragen gestattet ist. Der Kaiser trägt ihn ebensogut wie der letzte Lastenträger, der tapfere Reitergeneral ebensogut wie der Apotheker, und nur eine Berufsklasse ist davon ausgenommen: die Priester, deren Schädel spiegelglatt rasiert sind. Diese Rattenschwänze entlocken den Europäern unwillkürlich ein Lächeln, aber sie bedenken nicht, daß unsere eigenen europäischen Feldtruppen bis zu Anfang des vorigen Jahrhunderts, die englischen Seeleute sogar noch bis zur letzten Generation, ebenfalls Haarzöpfe getragen haben. Allerdings waren die letzteren nicht so lang wie bei den Chinesen, dafür aber waren sie weiß gepudert und erhielten sich gerade beim Militär am längsten, während in China nahezu die ganze männliche Bevölkerung diese bis unter das Knie herabfallenden Haarzöpfe trägt. Die Mädchen haben in China nur bis zu ihrer Verlobung einen über den Rücken fallenden Haarzopf. Bis gegen die Mitte des siebzehnten Jahrhunderts trugen die Chinesen ihr Haar ähnlich wie wir, und erst von der Vertreibung der angestammten Mingdynastie durch die Mandschuren stammt die Sitte, das Scheitelhaar zu einem Zopf zu flechten. Die Mandschuren waren Zopfträger, und kaum hatten sie die Herrschaft über das gewaltige Chinesenreich an sich gerissen, so machten sie den Zopf zum Zeichen der Unterwerfung. Jeder Chinese mußte sich seinen Schädel mit Ausnahme des Scheitelhaares kahl rasieren und das letztere in einen Zopf flechten lassen. Die Barbiere im ganzen weiten Reiche wurden mit der Ausführung dieser kaiserlichen Verordnung betraut. Mit dem Rasiermesser in der einen und dem Schwert in der andern Hand durchzogen sie ihre Distrikte, und den Chinesen blieb die Wahl, ihr Kopfhaar oder ihren ganzen Kopf zu opfern. Die große Mehrzahl entschloß sich natürlich zu der weniger schmerzlichen Operation. Immerhin kam es zu vielen Aufständen gegen diese drakonische Maßregel, zumal die Barbiere damals wie bis auf die jüngste Zeit den geächteten Ständen angehörten und nicht gut kaiserliche Beamte sein konnten. Deshalb kam der erste Mandschukaiser, einer der größten Herrscher, die China jemals gehabt hat, auf einen anderen, friedlicheren Ausweg: er verordnete, daß Verbrecher, Sträflinge und die Angehörigen der geächteten Volksklassen keinen Haarzopf tragen dürfen. Dadurch machte er den Zopf zum Wahrzeichen der Ehrbarkeit und des guten Bürgertums, der Widerstand hörte auf, und bald konnte man sich keinen Chinesen mehr ohne Zopf denken.

Uebrigens stammt aus jener Zeit ein charakteristisches Barbierzeichen, das seinen Weg auch durch ganz Nordamerika, zum Teil auch nach Europa gefunden hat. Den Besuchern der Neuen Welt wird es aufgefallen sein, daß die dortigen Barbiere vor ihren Läden kurze, dicke, bemalte Stangen als Abzeichen ihres Berufes errichten, und bis auf den heutigen Tag hat man vergeblich nach dem Ursprung dieser Sitte geforscht. Für den Kenner chinesischer Verhältnisse dürfte es indes zweifellos sein, daß dieser Ursprung in China zu suchen ist. Wie heute, so war auch schon vor Jahrhunderten das Abzeichen kaiserlicher Beamter eine oder eine Anzahl hoher Stangen vor ihren Wohnungen. Der Distriktsgouverneur hat deren z. B. zwei, der Provinzgouverneur vier vor seinem Amte stehen. Nun waren die Barbiere, als sie mit dem Abrasieren der Chinesenschädel von seiten der ersten Mandschuregierung betraut wurden, gewissermaßen kaiserliche Beamte und errichteten vor ihren Häusern den Beamtenpfahl. Diejenigen, die mit ihren Werkzeugwägelchen oder Schubkarren im Lande umherzogen, brachten diesen Pfahl, allerdings von geringerer Länge, an den Fuhrwerken an, und wie ich auf meinen Reisen selbst wahrgenommen habe, ist dies noch heute in China allgemein Sitte. Als die Chinesen ihre Wanderung übers Meer nach Amerika antraten und sich dort ansiedelten, war das Barbierhandwerk dasjenige, dem sich die Einwanderer am liebsten zuwandten; sie errichteten auch in Amerika ihre Barbierpfähle, und von ihnen nahmen die meisten Barbiere dieses Abzeichen an, das bald allgemein wurde. Den Chinesen ist die schönste Zierde des Mannes, der Bart, vorenthalten; erst im späteren Alter erscheinen um den Mund und an den Backen vereinzelte struppige Haare, die dann ihr größter Stolz sind und sorgfältig gepflegt werden. Sonst zeigen sich Haare nur auf etwaigen Gesichtswarzen, und auch diesen wenden die Chinesen besondere Pflege zu. Was ihnen die Natur im Gesicht versagt hat, ersetzte sie durch überreichen Haarwuchs am Hinterkopf, ein Haarwuchs, der stets tiefschwarz ist. Der kleinen Chinesenbrut wird der Schädel bis zum Alter von zwölf oder vierzehn Jahren in eigentümlicher Weise rasiert. Hier und dort, über den Ohren, am Scheitel, am Nacken werden einzelne kleine Haarbüschel stehen gelassen, so daß diese possierlichen Jungen aussehen, als würde die Natur ihnen gleich an sechs oder mehr Stellen Zöpfe wachsen lassen. Erst nachdem die Knaben das genannte Alter erreicht haben, wird der Schädel ganz glattrasiert und nur das Scheitelhaar stehen gelassen. Natürlicherweise wird dies erst nach Jahren lang genug, um daraus einen Zopf zu flechten. Im Mannesalter reicht das natürliche Scheitelhaar der Chinesen bis auf etwa den halben Rücken, bei manchen erreicht es sogar eine Länge von einem Meter und noch mehr, stets aber muß durch künstliche Mittel nachgeholfen werden, um dem Zopf die erforderliche Länge bis zu den Fußknöcheln zu geben. In das natürliche Haar wird gewöhnlich noch ein Strang Menschen- oder Pferdehaar eingeflochten, der am Nacken dicke, fest- und glattgeflochtene Zopf wird nach abwärts immer dünner, und etwa in der Nähe des Sitzteils besteht er nur noch aus einem Geflecht von Seidenschnüren von schwarzer oder roter Farbe mit einer Seidenquaste am Ende.

Sind die Chinesen in Trauer um ihre Eltern oder nahe Verwandte, so dürfen sie ihr Kopfhaar während der Dauer von sieben Wochen weder in Zöpfe flechten noch schneiden lassen, noch dürfen sie es kämmen. Stirbt der Kaiser, so gilt diese Vorschrift für alle Chinesen während der Dauer von hundert Tagen, und man kann sich unter solchen Umständen das wüste Aussehen dieser Millionen von Menschen leicht ausmalen, eine Nation von Struwelpetern. Die armen Barbiere haben während dieser Zeit gegen ihren Willen Ferien, und viele nagen am Hungertuche. Gewiß wird in dem ungeheuern Reiche niemand für Gesundheit und Langlebigkeit des Landesvaters eifriger beten, als es diese Ritter des Rasiermessers thun.

Ist die erste Zeit der tiefen Trauer verstrichen, so flechten die Chinesen in ihr hinteres Anhängsel statt der schwarzen Seidenschnüre weiße, weil Weiß die Farbe ihrer Trauer ist. Leute, die viel zu reisen oder in den Straßen der Städte zu thun haben, verwenden statt weißer auch blaue Schnüre, die den Schmutz weniger zeigen. Um das Beschmutzen möglichst zu verhindern, wird der Haarzopf auch auf Reisen oder bei schmutzigen Arbeiten, wie auf Flußbooten, beim Lastentragen, mehrmals um das Hinterhaupt gewickelt und festgesteckt. Bei der Annäherung von Höhergestellten oder im Verkehr mit diesen muß der Zopf losgebunden werden, denn ihn auf dem Kopfe zu behalten, wäre ein ebensogroßes Vergehen gegen die gute Sitte, als würde bei uns jemand den Hut aufbehalten oder Besucher in Hemdärmeln empfangen. Auf nichts verwenden die Chinesen bei ihrer Toilette größere Sorgfalt als auf ihren Zopf, nicht nur in ihrem eigenen Lande, sondern auch in ganz Ostasien überhaupt, ja selbst in Amerika. Ich habe auf meinen Reisen Zehntausende Chinesen gesehen, die den ärmeren Volksklassen angehörten und weder viel Kleidungsstücke, noch Nahrung, noch Wohnung besaßen, allein der Haarzopf war selbst bei diesen armen Teufeln in schönster Ordnung. Es kann einem Chinesen keine größere Schmach angethan werden, als wenn ihm der Zopf abgeschnitten wird. Mit abergläubischer Sorgfalt behüten sie ihn, und als vor einigen Jahren die Vegetarianersekte (Geheimbündler, die den Sturz der fremden Mandschudynastie anstreben) dem von dieser eingeführten Haarzopf den Krieg erklärten, als in unheimlicher Weise den Chinesen auf der Straße, im Theater, im Theehause, überall wo nur möglich, die Zöpfe abfielen, da herrschte die größte Erregung im Lande. Die Behörden befahlen der Bevölkerung, am Abend das Haus zu hüten, sowie Thüren und Fenster sorgfältig zu verschließen, ja, manche Stadtbehörden befahlen durch Maueranschläge allerhand Zaubermittel zur Beschützung des Zopfes. So verordnete z. B. der Taotai (Bürgermeister) von Peking als unfehlbares Mittel, in die Zöpfe einen roten und einen gelben Faden einzuflechten. In Hangtschau fand der Magistrat ein noch viel besseres Mittel. Drei verschlungene chinesische Schriftzeichen werden mit schwarzer Tinte auf gelbe Papierschnitzel dreimal niedergeschrieben. Eins der letzteren wird verbrannt und die Asche mit einer Tasse Thee getrunken, eins wird in den Haarzopf eingeflochten, und das dritte wird über die Hausthür geklebt. Bei solchen Gelegenheiten hat gewöhnlich zuerst die weiße Bevölkerung zu leiden; der Verdacht, mit den bösen Geistern in Verbindung zu stehen, fällt zunächst auf Missionare, Kaufleute, Reisende, und der geringste Anlaß, ein unbedachtes Wort, eine verdächtige Gebärde reicht hin, die Wut des abergläubischen Volkes auf die Weißen zu lenken. Also Respekt vor dem chinesischen Zopf!

Tschinkiang.

Von den großen volkreichen Handelsstädten, welche an den Ufern des mächtigen Jangtsekiang liegen, und der Mehrzahl nach dem fremden Handelsverkehr geöffnet sind, ist Tschinkiang für den Reisenden am leichtesten erreichbar. Von Shanghai, der Metropole des ganzen Jangtsethales und wichtigstem Hafen desselben, fahren nahezu täglich große, bequeme Passagierdampfer stromaufwärts nach Hankau und berühren auf ihrer durchschnittlich fünf- bis sechstägigen Fahrt alle größeren Hafenstädte, darunter Tschinkiang.

Wir waren um Mitternacht von Shanghai abgefahren, und am frühen Nachmittag des folgenden Tages sahen wir in weiter Ferne die malerischen Wahrzeichen von Tschinkiang aus der vom gelben schlammigen Strom durchzogenen sumpfigen Ebene hervorragen: die wie eine riesige Halbkugel von achtzig Meter Höhe geformte Silberinsel mit ihrem Adjutanten, dem kleineren bewaldeten Federfelsen, beide mit kurios geformten Tempeln und Pagoden bedeckt. Kaum hatte unser Dampfer sie umfahren, so sahen wir am südlichen Ufer des Stromes die große Stadt vor uns liegen, zu beiden Seiten von bebauten Hügeln eingefaßt, die wie natürliche Wachttürme aus dem tiefen Sumpflande aufsteigen. Beide Hügel sind von geschichtlichem Interesse. Auf dem einen, uns näherliegenden, zeigt sich inmitten von grünen Parkanlagen das größte und imposanteste Gebäude von Tschinkiang, nicht etwa ein Tempel, eine Pagode oder Ahnenhallen, sondern das im europäischen Stil gebaute englische Konsulat. Im Jahre 1889 befand sich dasselbe in einem anderen Gebäude, als der hier stets unruhige, leicht erregbare Pöbel der Stadt ohne irgend welche Veranlassung einen Angriff auf das Konsulat unternahm und mit vielen anderen europäischen Häusern auch dieses Gebäude niederbrannte. Als Genugthuung den Engländern gegenüber mußten die Chinesen auf dem bewaldeten Hügel ein neues Konsulatsgebäude errichten. Auch der jenseits der Stadt, stromaufwärts gelegene Uferhügel erinnert die Chinesen an ihre vielen Kämpfe mit ihren besten Freunden, den Engländern. Dieser Hügel, die Goldene Insel genannt, lag noch im Jahre 1842 mitten im Fluß, und an der Südseite war die englische Flotte verankert, während die Landtruppen zu Lande jene Siege erkämpften, welche zu dem Friedensvertrag von Nanking führten. Diese einstige Insel ist längst mit dem Festlande innig verwachsen, ja sogar an ihrer Nordseite haben die Anschwemmungen des Jangtsekiang schon einen breiten Landstreifen geschaffen.

Zwischen beiden Hügeln sahen wir das Häusermeer von Tschinkiang in buntem, malerischem Flaggenschmuck prangen. Jedes Haus, jeder Tempel, die Masten der Tausende von Frachtbooten, welche sich im großen Kanal und an den Ufern des Jangtsekiang zusammendrängten, sogar die Bäume zeigten rote und weiße Flaggen; die ganze Bevölkerung schien auf den Beinen zu sein, und von der breiten, dem Jangtseufer entlang laufenden Bundstraße drang entsetzliches Lärmen und Schreien zu uns herüber. Der Comprador unseres Dampfers, selbst ein langbezopfter Chinese, klärte mich auf meine Frage darüber auf. Heute wäre gerade das Tiu-Tiufest, zu welchem gewöhnlich viele Tausende aus dem Innern des Landes hier zusammenzuströmen pflegten, und es sei an solchen Tagen nicht rätlich, sich zu weit in die Stadt hineinzuwagen. Allein gerade dieses heidnische Fest reizte meine Neugierde. Der Ingenieur des Dampfers erklärte sich bereit, mich zu begleiten, wir schlangen die Feldstecher um die Schultern, steckten Revolver ein und machten uns auf den Weg.

Wegen der Unterwaschung der Flußufer, wie sie auf dem ganzen unteren Jangtsekiang vorkommen, können die Dampfer auch hier nicht direkt an dieselben anlegen, sondern an eigene Hulks, alte abgetakelte Schiffskörper, die in der Nähe des Ufers fest verankert und mit dem letzteren durch Brücken verbunden sind. Jede der drei großen Dampfergesellschaften des Jangtse hat ihren eigenen Hulk, und der ganze Uferraum zwischen denselben ist mit zahllosen Dschunken, Segelbooten, Sampans, Frachtschiffen und Kanonenbooten dicht gefüllt. Tschinkiang ist ja nicht nur ein großer Verkehrshafen und Handelsplatz des Jangtsethales, es liegt auch im Mittelpunkte eines Netzes von Kanälen, deren größter, der Kaiserkanal, gerade hier den Jangtse kreuzt. An diesem Kreuzungspunkte der beiden wichtigsten Wasserstraßen von China mußte eine große und reiche Stadt entstehen, trotz der schweren Katastrophen, welche sie während des letzten halben Jahrhunderts zu überstehen hatte. Im Jahre 1842 wurde sie nach langer Verteidigung von den Engländern gestürmt und eingenommen, aber die rothaarigen Barbaren fanden innerhalb der Ringmauern zu ihrem Entsetzen nichts als Leichen vor. Die Verteidiger, größtenteils Mandschuren, hatten zuerst alle Weiber und Kinder, dann sich selbst getötet, um ja nicht in die Hände des von ihnen so sehr gehaßten Feindes zu fallen. Dreizehn Jahre später hatte die Stadt durch Zuwanderer wieder sehr gewonnen, als die furchtbaren Horden der Taiping sie einnahmen und teilweise zerstörten, und weitere vier Jahre später, im Jahre 1859, fiel sie in die Hände der kaiserlichen Truppen, die hier ebenso wütend hausten, wie in dem benachbarten Nanking. Die ganze Bevölkerung wurde niedergemetzelt, die Stadt bis auf die Ringmauern und einige Straßen dem Erdboden gleichgemacht. Noch im Jahre 1894 sah ich dort Ruinen, welche aus jener Zeit herrührten.

Aber alles das waren nur zeitweilige Hindernisse für den Aufschwung von Tschinkiang, das heute wieder an zweihunderttausend Einwohner zählt und innerhalb des von den Ringmauern umschlossenen Vierecks gar keinen Platz mehr hat. Es hat sich über die Stadtmauern ausgedehnt, und gerade in den westlich entstandenen Vorstädten ist der Sitz des Handels, des hauptsächlichsten Verkehrs und Reichtums der Stadt, während der östliche Teil ganz dem großartigen Leben und Verkehr auf dem Yunhokanal untergeordnet ist. An die westliche Vorstadt stoßen gegen die Landseite zu ärmere Quartiere, die sich bis zu den sanften von Festungswerken gekrönten Höhen hinter der Stadt hinanziehen und in weit ausgedehnten Friedhöfen mit kleinen, konischen, grünen Grabhügeln endigen.

Die Fremdenkonzession liegt dicht an den Ufern des Jangtsekiang. Obschon in derselben alles in allem genommen nur siebzig Europäer wohnen, haben sie doch einen hübschen mit steinernen Warenhäusern und schmucken Villen besetzten Bund (d. h. Uferstraße) geschaffen, der ebenso wie die nächstliegenden Seitenstraßen wohl gepflastert, beleuchtet und mit üppigen schattenspendenden Bäumen besetzt ist. Von dem chinesischen Ueberfall im Jahre 1889, bei welchem die Hälfte aller Häuser der Konzession zerstört wurde, ist keine Spur mehr wahrzunehmen. Die Handvoll Europäer, welche hier neben und mitten unter zweihunderttausend Chinesen wohnen, haben ihre eigene städtische Verwaltung, ihre Feuerwehr, Polizei, zwei Kirchen und einen Klub. Es fehlt ihnen nur noch eine tägliche Zeitung, aber auch sie wird kommen.

Wir fanden die Mehrzahl der europäischen Bewohner von Tschinkiang im Garten des Zollkommissärs versammelt. Die gegen den Bund gelegene Ecke der hohen festen Gartenmauer war mit Erde zu einer Art Terrasse angefüllt worden, und von dieser beobachteten die europäischen Damen des Orts (etwa ein halbes Dutzend) in völliger Sicherheit die Vorgänge auf der Straße, zumal eine Reihe von Polizisten mit langen mehrzackigen Lanzen, Säbeln und ballschlägerartigen, rot gestrichenen Holzkeulen hier Wache standen. Der mich begleitende Schiffsingenieur und ich waren die einzigen Europäer in den Straßen.

War schon auf dem Bund das Brüllen und Stoßen, Lärmen, Schreien, Gestikulieren, Tamtamschlagen und Musizieren der Chinesen zum Davonlaufen, so wurde es in der eigentlichen Chinesenstadt noch weitaus überboten, denn alle Augenblicke fuhren uns auch noch die massenhaft zum Knallen gebrachten Feuerfrösche (Fire-Crackers) zwischen die Beine, die Mehrzahl der sich drängenden und umherstoßenden Chinesen trugen brennende Joßkerzen, rasselten mit langen auf die Erde fallenden Ketten oder schlugen mit eisernen Pilgerstöcken heftig auf den Boden. Jedes einzelne Haus, fast ohne irgend welche Ausnahme, war mit rotweißen Fahnen bunt ausstaffiert, vor jedem Hause, selbst dem ärmlichsten, war ein Altar errichtet, oder doch wenigstens ein mit einem Tuch bedeckter Tisch aufgestellt. In der Mitte des Altars oder Tisches standen überall Sandbüchsen mit glimmenden Räucherkerzchen, und zu beiden Seiten derselben steckten brennende Kerzen aus rotgefärbtem Wachs in zinnernen Leuchtern. In den Straßen gewahrte ich nur Männer und Knaben, keine Frauen. Ihnen blieben die Häuser überlassen, und sie nutzten diese Gelegenheit, das seltsame Schauspiel zu betrachten, auch gehörig aus. In den Fenstern, auf Balkonen, Hausdächern und Gartenmauern standen oder saßen sie in ihren kostbarsten Festkleidern, hauptsächlich von blauer Farbe, seltener grün, schwarz oder weiß, aber keine einzige von den Tausenden, die ich sah, war rot oder gelb gekleidet. Ihre mitunter recht hübschen Gesichter waren mit Puder- oder Schminkeschichten überzogen, in der äußerst sorgfältigen Haarfrisur steckte allerhand Schmuck, vom billigsten Flittergold und Papierrosen bei den Armen bis zu kostbaren Perlschnüren und großen Jade(Nephrit-)steinen bei den Reichen. Die letzteren waren überdies durch ihre winzigen, nicht viel mehr als daumengroßen Füßchen kenntlich, die sie kokett zwischen den Balkongittern hervorstreckten.

Was das Gewimmel und das Getöse in den Straßen zu bedeuten hatte, war mir nicht recht klar. Jeder schien den Festtag des heidnischen Schutzpatrons von Tschinkiang in seiner eignen Weise feiern zu wollen. Die reichen Kaufleute der Stadt hatten große Summen dazu beigesteuert, und aus der Provinz waren viele Tausende, darunter das schlimmste Gesindel, hierhergekommen, um sich einen guten Tag zu machen. Sie wurden noch durch Tausende von Bootsleuten von der Flotte des großen Kanals verstärkt.

In langen malerischen Prozessionen zogen sie durch das enge Straßengewirre der Stadt. Viele von ihnen waren in phantastischer Vermummung, in langen hellroten Talaren mit hohen zuckerhutförmigen Hüten, von denen lange Fasanenfedern wagerecht abstanden; andere mit goldenem und silbernem Flitterwerk bedeckt, wieder andere hatten den Oberkörper ganz unbekleidet, und ihre Köpfe steckten in scheußlichen Tierfratzen; alle aber trugen groteske Waffen, Dreizack, flammende Schwerter, Morgensterne, Lanzen oder Pilgerstäbe mit rasselnden Ketten umwickelt.