China und Japan: Erlebnisse, Studien, Beobachtungen

Part 12

Chapter 123,242 wordsPublic domain

Ueberraschend, das ist das rechte Wort. Ich hatte mir die Handelsmetropole Chinas als eine lebhafte, lärmende Geschäftsstadt mit großen Warenlagern und Quais und Schiffsbureaus, mit chinesischen Arbeitern und chinesischem Schmutz vorgestellt, etwa so wie Hongkong. Als ich aber meine erste Promenade auf dem Bund von Shanghai machte, fühlte ich mich eher in einem europäischen Badeort, etwa einem nordischen Nizza, so elegant, so vornehm und durchaus europäisch zeigt sich Shanghai von der Flußseite her. Auf etwa zwei Kilometer zieht sich dieser Bund dem Ufer entlang, eine von hohen Laubbäumen beschattete, vorzüglich gehaltene Straße mit schönen Fahrwegen auf beiden Seiten. Der Raum zwischen dieser Straße und dem Flußufer wird durch weite Rasenflächen, Baumgruppen und den vorerwähnten Stadtpark eingenommen, während auf der anderen Seite, die Fronten gegen den Fluß gewendet, die Paläste des Handels sich erheben. Würden nicht an den Thoren auf kleinen Schildern die Namen solcher Weltfirmen wie Butterfield & Swire, Jardine Matthison & Co., Siemssen & Co., Melchers & Co., Sassoon & Co., Deutsch-asiatische Bank, Hongkong- und Shanghaibank und andere zu lesen sein, man würde in jedem einzelnen dieser langen Reihe von Palästen viel eher vornehme Privatresidenzen vermuten, so schön und behaglich erscheinen sie, so wohlgepflegt sind die kleinen ihnen vorgelagerten Gärtchen, so absolut gar nichts sieht man von den wenig ansprechenden Einzelheiten des Großhandels. Ich bin während meines ersten vierzehntägigen Aufenthaltes in Shanghai den Bund mehrmals täglich auf- und abgewandert, aber niemals sah ich auch nur einen Warenballen, einen Dockarbeiter, einen Frachtwagen in dieser merkwürdigen Straße. Und doch wechseln hier im Jahre Hunderttausende von Tonnen Waren die Hände, werden von hier in jeder Woche zahlreiche Dampfer nach Indien, Japan, den Philippinen und Sundainseln, nach Europa und Amerika, nach dem nördlichen China, Korea, Ostsibirien und den Jangtse aufwärts tausend Meilen weit bis nahe nach Tibet expediert. Alles geht hier merkwürdig still und glatt vor sich; in den großen Geschäftsbureaus herrscht ein vornehmer Ton, eine gewisse weltmännische Eleganz, grundverschieden von den Verhältnissen, an die man zu Hause gewöhnt wurde. Im Verkehr mit den Geschäftsleuten erhält man den Eindruck, als hätte man es mit lauter wohlhabenden, wohlsituierten Gentlemen zu thun, welche das Geschäft eben nur als Sport betreiben. Obschon Shanghai nicht nur der Waren-, sondern auch Geldmittelpunkt von China ist, und eine stattliche Zahl von Banken hier ihren Sitz haben, giebt es doch keine Börse. Der ganze Börsenverkehr wird einfach beim Mittagscocktail an der Bar des Shanghaiklubs abgewickelt. Vor zehn Uhr morgens sind nur wenige Geschäftsbureaus geöffnet; mittags erscheinen vor den meisten elegante Equipagen, welche die Herren Prinzipale nach Hause oder in einen der Klubs bringen; nachmittags wird wieder zwei bis drei Stunden gearbeitet, und das Tagwerk ist vollbracht, wenigstens was das Geschäft betrifft. Ich hatte gehofft, den Kleinhandel und etwas von dem großen Warenverkehr Shanghais in den vom Bund landeinwärts führenden Seitenstraßen zu sehen, aber auch dort ist wenig davon zu merken. Diese Seitenstraßen sind auf über hundert Meter nur Fortsetzungen des Bunds, und darüber hinaus beginnt der chinesische Stadtteil, jedoch keineswegs mit dem ekelerregenden Hongkonger Schmutz. Die Straßen behalten auch im chinesischen Viertel ihre beträchtliche Breite und auffällige Reinlichkeit, und hat man das Chinesenviertel durchfahren, so gelangt man wieder in hübsche, wohlgepflegte, schattige Avenuen, wo halb verborgen in großen schattigen Gärten hübsche moderne Villen stehen. Nur in der eigentlichen, mit einer Ringmauer umgebenen Chinesenstadt und teilweise auch in der französischen Konzession sieht man die engen und schmutzigen Gäßchen, welche jede Stadt Chinas kennzeichnen. Wer das chinesische Shanghai sehen will, muß sich dort hinein bemühen, denn in der europäischen Stadt ist davon fast gar nichts vorhanden. Chinesen sieht man hier nur als Kutscher, Rickshaw Boys und als Angestellte oder Diener in den Handlungshäusern. Die japanische Rickshaw, eigentlich Jinrickshaw, hat sich auch in Shanghai eingebürgert, und ich glaube, es sind davon nicht weniger als tausend vorhanden, kleine zweiräderige, einsitzige Wägelchen, zwischen deren Deichseln statt Pferden kräftige, dickwadige Chinesen laufen. Noch ein anderes merkwürdiges Vehikel verirrt sich zuweilen aus der Chinesenstadt auf den Bund: ein Schubkarren mit einem großen Rad und Sitzen auf beiden Seiten desselben. Für wenige Pfennige gönnen sich die Chinesen auf derlei Schubkarren das Vergnügen des Fahrens. Sie setzen sich auf eine der beiden Sitzbänke, und der kräftige Kuli schiebt sie rasch, wie eine Ladung Steine, nach ihrem Bestimmungsort. Zuweilen werden diese Schubkarren auch von zwei Passagieren, gewöhnlich Frauen, gleichzeitig benutzt, und man muß über die Kraft der Kulis staunen. Hat ein chinesischer Diener irgend ein Gepäckstück zu befördern, ein Bauer ein Schwein auf den Markt zu führen, eine Mutter ihr krankes Kind nach dem Hospital zu bringen, flugs wird ein Schubkarren requiriert, Gepäckstück, Schwein oder Kind auf die eine Seite angebunden, auf der andern Seite selbst Platz genommen und fort geht es im Laufschritt nach dem Ziele. Von Europäern werden diese Schubkarren niemals benutzt, und selbst die in Japan so beliebte Jinrickshaw scheint bei der eleganten Welt Shanghais etwas verpönt zu sein. Damen benutzen sie selten, dagegen sind die Rickshaws bei den Chinesinnen beliebt. Eines Tages sah ich zwei derselben in einer Rickshaw sitzen, und sie näher betrachtend, gewahrte ich zu meiner Ueberraschung an ihnen blondes, in langen Zöpfen herabfallendes Haar, blaue Augen, kaukasische Gesichtszüge. Blonde Chinesinnen! Aber das ethnologische Wunder wurde mir bald erklärt. Die Fräuleins der schwedisch-protestantischen Mission halten es für ihre Zwecke entsprechender, sich in chinesische Gewänder zu kleiden. Ich sah deren später noch andere in den Uferstädten des Jangtsekiang. Auch die Missionare tragen fast ausschließlich die chinesische Tracht.

In den Banken, Geschäftsbureaus, in den Haushaltungen, Gärten, in der Küche und Kinderstube besteht die dienende Welt nur aus Chinesen, und ich glaube nicht, daß in ganz Shanghai ein halbes Dutzend weißer Diener, wenn überhaupt so viele, zu finden sind. Die Kaukasier sind dort nur Gentlemen und Ladies, die Chinesen im Verkehr mit ihnen nur Untergeordnete, treu, zuverlässig, ehrlich, aufmerksam, still und emsig, so daß den Europäern dank ihnen das Leben in Shanghai wirklich leicht gemacht ist. Häusliche Verrichtungen kennen sie gar nicht. Von den Einkäufen für die Küche bis zum Hausreinigen und Stiefelputzen wird alles in der glattesten Weise durch die Chinesen besorgt, welche Kassierer, Stubenmädchen, Köchinnen, Hausdiener, Kutscher, mit einem Worte alles sind. Die Europäer haben deshalb sehr viel Zeit und überdies alle erdenklichen Gelegenheiten, diese Zeit in der angenehmsten Weise totzuschlagen. Selbst in europäischen Großstädten dürfte es nicht mehr Klubs, Gesellschaften, Vergnügungen aller Art geben, und man kommt im Winter und Frühjahr aus diesem Taumel fast gar nicht heraus. Shanghai hat davon vielleicht sogar ein bißchen zu viel, und es würde den jungen Herren besser bekommen, wenn sie von ihren in neuerer Zeit durchaus nicht mehr übermäßig hohen Bezügen etwas zurücklegen würden, statt sie auf Equipagen, Reitpferde, Klubs und Jagden zu verwenden.

An der Spitze der Gesellschaft stehen die Konsularvertreter und Gerichtsbeamten der europäischen Mächte, da ja die europäischen Bewohner Shanghais den chinesischen Gerichten selbstverständlich nicht unterstehen, sondern ihre eigenen Konsulargerichte haben. Die Konsulate Deutschlands, Englands und Frankreichs sind in wahren Palästen untergebracht, und die betreffenden Vertreter üben die Repräsentation mit sehr viel Takt und Eleganz. Die Generalkonsuln Englands und Frankreichs sind gleichzeitig die obersten Behörden Shanghais. England wie Frankreich erhielten nämlich vor einigen Jahrzehnten die Handvoll chinesischer Erde, auf welcher Shanghai steht, als Konzession. Auch die Vereinigten Staaten ergatterten sich eine solche; sie ist aber längst mit der englischen Konzession vereinigt und hat keine selbständige Munizipalität mehr wie diese oder die französische. Ein kleiner Kanal bildet die geographische Grenze zwischen beiden, eine gesellschaftliche giebt es aber längst nicht mehr, denn viele französische Ansiedler, müde der Nörgeleien ihres konsularischen Diktators, sind nach der englischen Konzession ausgewandert, kleinere englische Kaufleute traten auf französischen Boden über, und die ganze Fremdengesellschaft bildet in Shanghai eine einzige Happy Family, wo von Rassenhaß und Nationalitätenhader nichts zu sehen ist. Wohl giebt es einen deutschen, englischen und französischen Klub, der erstere einer der schönsten und gastfreiesten Ostasiens, allein bei Festlichkeiten, Soireen, Musikabenden und dergleichen wird die Gesellschaft geladen ohne Unterschied der Nationen. Kurz vor meiner Ankunft in Shanghai fanden auf dem herrlichen Rennplatz zur Seite des Bubbling Well Road große Wettrennen statt, an denen sich ganz Shanghai beteiligte. Wenige Tage später veranstaltete die ~Société dramatique française~ in dem hübschen kleinen Lyceumtheater ganz reizende Amateurvorstellungen in französischer Sprache, zu denen die Deutschen ebensogut geladen waren wie die Engländer; und in Erwiderung des englischen St. George- und des französischen Thalia-Abends gaben wieder einige Tage später die Deutschen eine glänzende Soiree zu Ehren einer eben durchreisenden Künstlerin von Weltruf, bei welcher die großen Säle des Konkordiaklubs mit einer ähnlich internationalen Gesellschaft dicht gefüllt waren und Champagner in Strömen floß. So geht es auch auf den Jagden, Konzerten, auf dem Lawntennisboden, wie bei den Regatten auf dem Wusungstrome zu.

Es ist ein wahres Glück, daß sich die Menschen hier so gut vertragen, denn Organisation auf staatlicher Grundlage ist keine vorhanden, und kein Mensch kann sagen, wem Shanghai eigentlich gehört. Das Zollwesen ist chinesisch, die Munizipien sind englisch und französisch, und an Postämtern giebt es ein deutsches, französisches, englisches, japanisches, chinesisches und Shanghaipostamt für den Lokalverkehr, sechs verschiedene Postämter, jedes mit seinen eigenen Postbeamten und Postwertzeichen. Die Chinesen haben in Shanghai ihr eigenes Militär und nahe der Stadt auch ein großes, vortreffliches Arsenal. Die Polizei des europäischen Stadtteils ist größtenteils auch chinesisch, untersteht aber den Munizipien und hat mit den chinesischen Behörden nichts zu thun. Neben den etwa dreihundert chinesischen Polizisten giebt es aber auch fünfzig europäische und fünfzig indische. Dieses seltsame Gemengsel hält die Ordnung in Shanghai in ausgezeichneter Weise aufrecht, und kommen größere Unruhen vor, bedrohen Rebellen die Stadt, wie es vor einem Vierteljahrhundert geschah, so lassen die Bewohner Shanghais ihre eigene Armee aufmarschieren. Diese besteht aus drei europäischen Freiwilligenkorps, nämlich einer Schwadron Kavallerie, einer Feldbatterie und drei Kompagnien Infanterie, durchweg von Bürgern Shanghais gebildet. Verschiedene Telegraphengesellschaften verbinden diese Stadt mit der Außenwelt, und die Kaufleute lesen morgens beim Frühstückstisch in den vortrefflichen englischen Zeitungen Drahtberichte aus London, Paris, Berlin, Neuyork. Shanghai hat vier englische Tageszeitungen, von denen die North China Daily News die beste ist, dann mehrere Wochenblätter, unter denen der deutsche, vorzüglich redigierte Ostasiatische Lloyd besonders rühmend hervorgehoben zu werden verdient.

Nun sage man noch, Shanghai sei keine europäische Großstadt! Europäisch im wahren Sinne des Wortes. Denn die Chinesen mit ihrer Viertelmillion Seelen leben für sich und vermengen sich, ausgenommen durch die dienende Klasse, niemals mit den Europäern. Ist es nicht wunderbar, daß diese letzteren, so verschiedenen Rassen, Nationen, Gesellschaftsklassen und Berufsarten angehörend, eine so große, schöne Stadt gründen konnten und so einträchtig darin leben? Man wird gewiß fragen, wie viele europäische Einwohner Shanghai besitze. Die Antwort wird vielleicht mehr Staunen erregen als alles andere: nicht mehr und nicht weniger als irgendeine unserer hauptstädtischen großen Infanteriekasernen: sechstausend, das ist alles. Am stärksten sind, wie überall, die Engländer vertreten, und ihnen zunächst kommen nicht nur an Zahl, sondern auch an Einfluß, Wohlstand, Handel und in gesellschaftlicher Hinsicht die Deutschen.

Dabei geht es in geschäftlicher Hinsicht in Shanghai mit Riesenschritten vorwärts. Die Stadt entwickelt sich zusehends, sowohl was die europäische wie die chinesische Bevölkerung anbetrifft. Zwischen 1870 und 1880 nahm die europäische Einwohnerzahl ab, während sie in den fünf auf 1880 folgenden Jahren um fünfzig Prozent wieder zunahm und sich seit 1885 sogar verdoppelte und heute, wie gesagt, sechstausend Seelen erreicht hat. Unter diesen sind über 2000 Engländer, 450 Deutsche, 380 Amerikaner und nur 300 Franzosen, dann 800 sogenannte Portugiesen, größtenteils Mischlinge aus Macao. Der Dampferverkehr erreicht jährlich etwa 6000 Schiffe mit acht Millionen Tonnen, der Wert des Handels tausend Millionen Mark.

Auch in industrieller Hinsicht wächst Shanghai seit dem Frieden von Shimonoseki, hauptsächlich deshalb, weil den Chinesen die freie Einfuhr von Maschinen in die Vertragshäfen abgezwungen wurde. Im Jahre 1896 allein entstanden in Shanghai vierundzwanzig neue Seidenfilaturen, an denen sich auch Chinesen mit bedeutendem Kapital beteiligten. Die Erschließung des Stromgebietes des oberen Jangtsekiang, der nicht mehr zu hemmende Handelsverkehr mit den Provinzen des Innern sichern Shanghai einen glänzenden Aufschwung, der durch Kriege und Unruhen nur zeitweise unterbrochen werden kann.

Europäische Republiken in China.

Seit einigen Jahren ist auch das Deutsche Reich Besitzer kleiner Landstrecken in den Vertragshäfen Hankau und Tientsin geworden. Deutschland folgte mit dieser Landerwerbung dem Beispiel Englands, Frankreichs, Nordamerikas und Portugals, welche Staaten schon seit Jahrzehnten in verschiedenen Teilen Chinas, hauptsächlich in der Nähe der offenen Häfen Konzessionen, d. h. Gebietsabtretungen von seiten Chinas erlangt haben, deren älteste an der Mündung des Cantonflusses gelegen sind: Hongkong und Macao. Freilich zählt die ganze Insel Hongkong mit ihrer Hauptstadt Victoria nur achtzig Quadratkilometer, Macao nur zwölf Quadratkilometer Grundfläche, eine Messerspitze voll im Vergleich zu den elf Millionen Quadratkilometern des chinesischen Landbesitzes; allein diese beiden Gebiete wurden England und Portugal unbedingt abgetreten und bilden eigene, von China vollständig unabhängige Kolonien unter europäischer Verwaltung.

Abgesehen von Hongkong und Macao sind jedoch in der Mehrzahl der drei Dutzend den Europäern geöffneten Häfen europäische Settlements, d. h. Ansiedelungen, zu finden, deren Grund und Boden entweder von der chinesischen Regierung an die eine oder andere auswärtige Macht bedingungslos abgetreten, oder gegen Zahlung einer Miete für neunundneunzig Jahre verpachtet wurde; in einigen Häfen verständigten sich die europäischen Ansiedler mit den chinesischen Ortsbehörden bezüglich der käuflichen Erwerbung einer Landstrecke für ihre Wohnungen und Geschäftshäuser, in anderen Häfen, wie z. B. in Futschau, giebt es überhaupt kein eigenes europäisches Settlement, sondern die Europäer wohnen zerstreut mitten unter den Chinesen.

Praktisch, wie die Engländer in allen Kolonialsachen sind, und eingedenk der Thatsache, daß fünfundsechzig Prozent des ganzen chinesischen Außenhandels in ihren Händen liegen, waren sie auch diejenigen, welche sich gleich zu Anbeginn die weitestgehenden Vorteile zu sichern wußten, und die weitaus große Mehrzahl der fremdländischen Ansiedelungen in China befinden sich auf englischen Konzessionen. Ihnen zunächst kommen die Franzosen mit ihren Konzessionen in Shanghai, Canton, Hankau, Tientsin. Allein die Franzosen haben es nicht verstanden, ihre durch blutige Kriege in China erworbenen Vorteile auszunützen. Die fremden Kaufleute verschiedener Nationen, vor allem die Deutschen, zogen es vor, sich in den englischen Konzessionen anzusiedeln, und selbst die Mehrzahl der französischen Kaufleute entzog sich der Willkür und dem Absolutismus ihrer eigenen Behörden, so daß beispielsweise von den in Shanghai ansässigen Franzosen die größere Zahl in der englischen, nicht in der französischen Konzession wohnt. In Hankau wohnt auf der dortigen französischen Konzession überhaupt nur der Konsul, und in Tientsin hat sich der französische Konsul als Leiter der dortigen Konzession seines Landes durch Eigenmächtigkeiten aller Art so unliebsam gemacht, daß gerade sie und die fortwährenden Reibungen mit den Engländern und Deutschen die Hauptveranlassung zu der Errichtung einer eigenen deutschen Konzession waren.

In den Verträgen der europäischen Mächte mit China ist von diesen Landschenkungen nicht die Rede; die Mächte haben sich nur das Recht der unbehinderten Ansiedlung und des freien Handels ihrer Unterthanen in den offenen Häfen, sowie das Recht der freien Religionsübung und des Reisens durch alle Gebiete Chinas gesichert. Reisende in China bedürfen nur eines von ihrem Konsul ausgestellten und von den chinesischen Behörden visierten Reisepasses; auf etwa vierzig Kilometer rings um die offenen Häfen und für die Dauer von fünf Tagen sind Reisepässe nicht erforderlich; die Chinesen sind also in dieser Hinsicht viel liberaler, als es die Japaner bis 1898 waren, in deren Land Europäer nur mit gebundener Marschroute reisen durften. Die größte Zahl der offenen Häfen Chinas verdanken wir England; fünf weitere wurden durch die Verträge mit Frankreich dem europäischen Verkehr eröffnet, und in dem Vertrag zwischen Preußen und China vom Jahre 1861 erscheinen die wichtigen Häfen Hankau, Tschin-kiang und Kiu-kiang als offene Häfen. Während aber England und Frankreich als Folge dieser Verträge von den Chinesen territoriale Konzessionen erwarben, wurde dies von Preußen in den drei letztgenannten Häfen unterlassen, und die Landerwerbung Deutschlands in Tientsin war überhaupt seine erste in China.

Schon aus dem Gesagten geht hervor, daß die Konzessionen der verschiedenen Mächte in den Vertragshäfen nicht ausschließlich nur den eigenen Unterthanen als Wohnort dienen; ja diese ein bis drei Quadratkilometer großen Gebiete sind nicht einmal den Konsularbehörden dieser Mächte unterstellt, sondern bilden sozusagen kleine Republiken, die gegebenenfalls unter dem Schutze aller Mächte stehen. Aehnlich lagen die Verhältnisse bis 1898 auch in den fünf Vertragshäfen Japans, und diese Republiken sind eine Eigenart Ostasiens, wie sie sonst auf dem Erdball nicht wieder vorkommt. In Ostasien hören die Engländer oder Deutschen dem Chinesen oder Japaner gegenüber auf, Engländer oder Deutsche zu sein; sie, sowie die Amerikaner, Franzosen und Angehörige anderer Nationen, sind glücklicherweise einfach Kaukasier, oder, wie sie von den Chinesen genannt werden, Barbaren. Freilich hat sich England im Vertrag von Tientsin 1858 ausdrücklich ausbedungen, daß kein englischer Beamter oder Unterthan mit dem Worte Barbar bezeichnet werden dürfe, indessen wird dieses Wort doch noch immer, und zwar täglich, von den Chinesen gebraucht.

Das hervorragendste Beispiel dieser europäischen Republiken in China ist Shanghai; dort besaßen ursprünglich die Engländer, Amerikaner und Franzosen eigene streng abgegrenzte Konzessionen, allein die Bevölkerung dieser Fremdenstadt ist so international, und die Interessen sind dabei so gemeinsam, daß die Amerikaner und Engländer ihre Hoheitsrechte aufgaben und die ganze Verwaltung der Bevölkerung selbst überließen, diese gleichzeitig unter den Schutz aller in Peking vertretenen Mächte, d. h. deren Gesandten, stellend. Nur die Franzosen beteiligten sich nicht daran, sondern behielten ihre eigene, unter dem Generalkonsul stehende Verwaltung, obschon, wie gesagt, der größte Teil der französischen Kaufleute außerhalb der französischen Konzession wohnt. Jeder Kaufmann, der eine bestimmte jährliche Steuer zahlt, ist in dieser Republik Shanghai stimm- und wahlberechtigt. In jedem Jahre wird eine öffentliche Versammlung einberufen, welche die Mitglieder des Stadtrats zu erwählen hat. Dieser aus neun Räten und einem Sekretär bestehende Stadtrat ist die oberste, und man könnte beinahe sagen, souveräne Behörde der Republik. Da die Engländer und Deutschen in Shanghai am zahlreichsten sind, so sind sie auch im Stadtrat am stärksten vertreten, obschon es ebensogut vorkommen könnte, daß dort die Franzosen oder Portugiesen die Majorität besäßen. Es handelt sich glücklicherweise in Shanghai nicht um Nationalitäten, ebensowenig giebt es Parteiwesen und Opposition; die tüchtigsten und angesehensten Bürger werden gewählt und wiedergewählt, solange sie ihre Schuldigkeit thun. Unter dem Stadtrat (Municipal Council) stehen die Steuerbeamten, das Ingenieur- und Vermessungsamt, die Sanitäts- und Polizeibehörden, die Feuerwehr und das Freiwilligenkorps. Die einzelnen Komitees des Stadtrats überwachen diese Einrichtungen und legen jährlich in einer allgemeinen öffentlichen Versammlung den Bürgern der Republik Rechenschaft ab, ähnlich wie es in einzelnen Kantonen der Schweiz, z. B. in Unterwalden und Appenzell, der Fall ist.

Während die inneren Angelegenheiten dieser Republik, wie diejenigen von Hankau, Canton, Tientsin, in den Händen der Bürger selbst liegen, werden die äußeren Angelegenheiten, vornehmlich der Verkehr mit den Chinesen, durch die Konsuln vermittelt. Die chinesischen Behörden haben innerhalb der europäischen, genau abgegrenzten Ansiedelungen keine Rechte; sie dürfen sie nicht militärisch besetzen lassen, auch von den dortigen Einwohnern, selbst wenn sie Chinesen wären, keine Steuer erheben. Deshalb dienen die Settlements auch zahlreichen Chinesen als Asyl, wo sie, unbelästigt von den Mandarinen, in Frieden leben und schaffen können. So wohnen innerhalb der Grenzen des europäischen Settlements in Shanghai (abgesehen von der französischen Konzession) allein 260000 Chinesen, im Vergleich zu 75000 im Jahre 1870. Sie stehen in allen Dingen unter der europäischen Verwaltung der Settlements, und nur die Rechtspflege über sie wird von einem chinesischen Mandarin gehandhabt, dem aber abwechselnd ein Assessor des europäischen Konsulargerichts zur Seite steht, der thatsächlich der Richter ist. Die europäischen und amerikanischen Bewohner der Settlements sind exterritorial, gerade so, wie es die fremdländischen Gesandten in unseren Staaten sind; in Bezug auf die Rechtspflege stehen sie unter ihren Konsuln, denen Gerichtsassessoren beigegeben sind. Die Europäer können aber auch außerhalb der Konzessionen irgendwo in den Städten oder auf dem Lande Grund und Boden erwerben oder ihrem Beruf nachgehen und bleiben dennoch unter der Gerichtsbarkeit ihrer Konsuln. Chinesische Behörden dürfen sie nicht aburteilen, sondern müssen sie den betreffenden Konsuln abliefern. Bei Rechtsstreitigkeiten zwischen Europäern und Chinesen treten gemischte Gerichte in Thätigkeit.