Chemische Unterhaltungen

Part 9

Chapter 93,422 wordsPublic domain

Die Steinkohle neigt dazu, in der Hitze zu zerspringen; sie zerfällt in Blätter und Staub, welche der Verbrennungsluft den Durchgang erschweren und welche das Erweichen und Zusammenbacken zu großen Kuchen begünstigen. Man erzielt daher mit groben und staubfreien Steinkohlenbrocken viel bessere Ergebnisse als mit kleinstückiger Ware; Staub und Grus von Steinkohle ist überhaupt wertlos, weil er in der Hitze sofort zu unverbrennlichen Kuchen zusammenbackt. Aber auch grobe Stücke können nur auf flachen Herden mit weit getrennten Roststäben verbrannt werden, nicht aber in Füllöfen. Beschickt man einen Füllofen mit Steinkohle, so geht das Feuer nach einiger Zeit ganz aus, weil sich der enge Schacht des Füllofens durch einen teerigen Kuchen verstopft, der keine Verbrennungsluft hindurchläßt. Für solche Ofenarten ist das beste Brennmaterial +Koks+. Infolge seiner lockeren Beschaffenheit, und weil er alle teerigen Bestandteile bereits verloren hat, gestattet er der Luft ungehinderten Durchgang und brennt daher am besten in dicker, hoher Aufschüttung, wie z. B. in den bekannten Füllöfen für Zimmerheizung. Auf flachen Herden Koks zu schüren, ist nicht ratsam, weil dieses Brennmaterial bei guten Zugverhältnissen unmittelbar auf dem Rost eine so gewaltige Hitze liefert, daß der Schlackenrückstand mit den Roststäben verschmilzt. Der Rost wird dadurch sehr schnell unbrauchbar. Aus diesem Grund ist es unmöglich, große technische Ofenanlagen, welche für Steinkohlen eingerichtet sind, mit Koks zu heizen. Nun sprechen aber viele Umstände dagegen, die Steinkohle als solche zum Heizen zu verwenden. Denn wir haben oben gesehen, welch ungeheure Mengen wertvoller Stoffe da mitverbrannt werden, die wir als Farben, Arzneimittel und Rohstoffe der chemischen Industrie wirklich nützlicher anwenden können. Dazu kommt der Umstand, daß wir mit unseren Kohlen keine Verschwendung treiben dürfen, weil die Kohlenlager der Erde recht deutlich ihrer Erschöpfung entgegengehen. Denn selbst wenn unsere Industrie nicht von Jahr zu Jahr mehr Kohlen verbrauchte, so würden doch die deutschen Kohlen in 700–800 Jahren (die sächsischen schon in 100), die englischen in 600–700 Jahren zu Ende gehen. Also handelt es sich für uns darum, die vorhandenen Kohlenmengen so wirtschaftlich als möglich auszunützen. Dies geschieht erfahrungsgemäß am besten dadurch, daß man sie in Gas, Teer und Koks zerlegt und auch den Koks zum Teil wieder in Gasform umwandelt. Denn Gas ist und bleibt der idealste aller Brennstoffe, weil er rauch-, ruß- und aschenfrei verbrannt werden kann. Die Zerlegung der Kohle in Gas, Teerprodukte und Koks ist also schon eine Art Veredlungsprozeß, der durch die Vergasung des Koks vollends beendet wird. Diese Vergasung des Koks erfolgt in den sogenannten +Generatoren+ dadurch, daß man einen Turm voll Koks am unteren Ende entzündet und nun von unten nach oben Luft durchbläst, während gleichzeitig von oben Wasser auf den Koks tropft. Am oberen Ende entweicht dann aus dem Turm ein Strom brennbaren Gases. Dieses Gas, Generatorgas genannt, besteht allerdings zum Teil aus dem unverbrennlichen und daher wertlosen Stickstoff der eingeblasenen Luft; außerdem enthält es aber die brennbaren Gase +Wasserstoff+ und +Kohlenoxyd+. Die chemischen Vorgänge, welche dabei stattfinden, sind folgende: Zunächst bildet sich über dem Rost (Abb. 33), da, wo die Gebläseluft auf den glühenden Koks einwirkt, das wertlose Kohlensäuregas als Verbrennungsprodukt der Kohle. Dieses Kohlensäuregas besteht aus einer Verbindung von einem Atom Kohlenstoff mit zwei Atomen Sauerstoff. Sobald aber etwa die untere Hälfte des Generatorinhalts in Glut geraten ist, muß das gebildete Kohlensäuregas über glühenden Koks streichen. Dabei nimmt es noch ein Atom Kohlenstoff auf und verwandelt sich in brennbares Kohlenoxydgas. In der untersten Zone, dicht über dem Rost, wo helle Weißglut herrscht, findet außer der Bildung des Kohlensäuregases noch ein zweiter Vorgang statt, nämlich die Zerlegung des von oben zugeführten Wassers durch die glühende Kohle in Wasserstoffgas und Kohlenoxyd. Denn der Sauerstoff des Wassers verbindet sich mit der glühenden Kohle zu Kohlenoxyd. Die Zerlegung des Wassers ist ein +endothermischer+ Vorgang, also ein Prozeß, bei welchem Wärme verbraucht wird. Bläst man z. B. Wasserdampf über glühenden Koks, so verschwindet die Glut sehr schnell, und die Kohlen werden schwarz. Das dabei entstehende Gasgemisch von Wasserstoff und Kohlenoxyd wäre von höchstem Brennwert, weil es gar keine unverbrennlichen Bestandteile (Luftstickstoff) enthält; aber da sich bei seiner Bildung die Glut schnell abkühlt, kann man dieses reine „Wassergas“ technisch leider nur portionenweise und in geringen Mengen gewinnen. Dann muß man den Wasserdampfstrom abstellen und Luft einblasen, um die erkaltenden Kohlen wieder in Weißglut zu bringen, bevor man von neuem Wasserdampf darauf wirken läßt. Bei unserem oben beschriebenen Generator für „Mischgas“ ist dies aber nicht notwendig, weil die weißglühenden Kohlen nicht mit Wasser allein, sondern zugleich mit Luft in Berührung kommen. Da muß nur die Wasserzuführung so geregelt und eingestellt werden, daß durch die Zerlegung des Wassers nicht ganz so viel Wärme verbraucht wird, als durch die Einwirkung der Luft auf den Koks gebildet wird.

So erhält man aus einem Kilogramm gewöhnlichem Koks 1,13 Kubikmeter Wassergas und 3,13 Kubikmeter Generatorgas, welche zusammen (als Mischgas) 84 % der Verbrennungswärme des Koks in sich tragen. 16 % der Heizkraft des Koks gehen also bei seiner Vergasung verloren. Dieser Verlust ist aber praktisch deshalb bedeutungslos, weil beim direkten Verfeuern von Koks in den Öfen meistens viel mehr als 16 % von seinem Brennwert verloren gehen, während Gasfeuerungen mit außerordentlicher Sparsamkeit und fast ohne alle Verluste arbeiten. Rechnet man dazu noch die anderen, wiederholt genannten Vorteile der Gasfeuerungen, so versteht man leicht die immer ausgebreitetere Verwendung von Vergasungsapparaten in der Technik. Auch muß man bedenken, daß 1 Kilogramm guter Kohle gegen 0,3 Kubikmeter Leuchtgas liefert und sich durch den Wert dieses Gases und der Teerprodukte allein schon besser bezahlt macht, als wenn man es direkt verfeuert. Die Verkokung der Kohle und die Vergasung des Koks bilden also zusammen einen Veredelungsprozeß, der für unsere Zukunft von der größten Bedeutung sein wird. Hat man doch schon allen Ernstes daran gedacht, die Kohlen in Zukunft gleich an den Gruben so zu vergasen und, statt die Kohlen auf Eisenbahnzügen durch das Land zu schicken, gewaltige Gasleitungen für Kraft- und Leuchtgas zu erbauen und die Städte von den Kohlengruben aus mit Gas zu versorgen. Denn die Transportkosten verteuern die Kohlen durchschnittlich so, daß sie im Lande mehr als doppelt so viel kosten als an der Förderstelle. Deutschland verbraucht +täglich+ für etwa 2¼ Millionen Mark Kohlen, welche an den Gruben, unmittelbar nach ihrer Förderung, erst etwa 1 Million Mark kosten. Aber zurzeit wogt noch ein unentschiedener Streit zwischen den Fachleuten, ob derartige riesengroße Vergasungsanlagen nebst den dazu gehörigen Leitungen nicht durch ihre Amortisation die Kosten des Gases um soviel verteuern, daß der Unternehmer gegenüber der direkten Verfeuerung keinen wesentlichen Gewinn hätte. Aber selbst in diesem Falle würde die Zentralisation der Vergasung doch den Vorteil bieten, daß mit unseren Kohlenvorräten sparsamer umgegangen würde. Denn gegenwärtig gehen noch unverantwortlich große Brennstoffmengen als Rauch und Ruß in die Luft.

Die gasförmige Gestalt eines Brennstoffes hat noch einen anderen Vorzug: man kann damit Explosionsmotoren treiben. Wir haben schon früher auf die Bedeutung der +Hochofengichtgase+ hingewiesen, welche so lange unbenutzt in die Luft entwichen sind und jetzt zum Betrieb von Riesengasmotoren dienen. Die Erfindung dieser Motoren für Gasmischungen von sehr geringem Brennwert gründet sich auf den Gedanken, daß sich der Brennwert solcher Mischungen unter Druck, also in verdichtetem Zustand, erhöht. Man kann z. B. zeigen, daß eine sehr luftreiche Mischung von Leuchtgas und Luft, welche im gewöhnlichen (nicht zusammengepreßten) Zustande nicht mehr explosiv ist, beim Zusammenpressen auf ⅓ oder ¼ ihres Raumes die Fähigkeit erlangt, beim Anzünden heftig zu explodieren. Die weitere Entwicklung dieser Riesengasmotoren wird vielleicht auf die Lösung eines anderen Problems Einfluß gewinnen, welche zur Streckung unserer Kohlenvorräte beitragen könnte: die Ausnützung des +Torfs+ unserer Moore.

2. Das Erdöl.

Im Mittelalter wurden als Brennstoffe allein Holz und Holzkohlen benutzt; um die Mitte des 18. Jahrhunderts fing man an, die Steinkohlen zu benutzen; aber erst tief im 19. Jahrhundert wurde man auf das Erdöl aufmerksam. Noch 1843 kostete in +Pittsburg+ der Liter Erdöl 1 Mark, und erst in den Jahren 1859–61 wurden dort so viele Ölbrunnen erbohrt, daß die Produktion in Pennsylvanien allein auf 2 Millionen Fässer anschwoll, so daß das Faß zu 160 Liter Inhalt an Ort und Stelle nur noch 10 Cents kostete! Freilich hatte man schon vorher, um 1850 herum, in Deutschland und Österreich viel Lampenöl durch Braunkohlen- und Teerschwelerei gewonnen und hatte bereits geeignete Lampen erfunden, um diese Öle darin zu brennen: es waren die Schnittbrennerlampen, die man noch heute in ländlichen Haushaltungen antrifft, die Vorläufer unserer modernen (und doch schon wieder unmodernen) Petroleumlampen. Jetzt beträgt die gesamte Erdölgewinnung in den Vereinigten Staaten etwa 170 Millionen Zentner, im Kaukasus 140 Millionen, in Galizien 4 Millionen, in Rumänien 2 Millionen Zentner jährlich.

Die Erdölquellen haben die Eigentümlichkeit, nach einiger Zeit (z. B. 3 Jahren) zu versiegen. Jedoch haben einige von ihnen trotzdem einen ungeheuren Ertrag gegeben. So lieferte die Mammutquelle von Baku anfangs pro Stunde nicht weniger als 100000 Zentner Röhöl, welches in einem über 60 Meter hohen Strahl aus dem Bohrloch sprang.

Die Frage, wie so ungeheure Mengen Erdöl entstanden sein können, wird verschieden beantwortet. Die größte Wahrscheinlichkeit hat die Theorie von +Müller+ und +Engler+, welche im Rohpetroleum das umgewandelte +Fett+ von Fischen, Schnecken und Muscheln erblickt. Denn nicht bloß ist es Engler gelungen, durch Erhitzen von Fischtran unter hohem Druck Rohpetroleum künstlich darzustellen, sondern es wurde auch beobachtet, daß die Petroleumquellen stets versteinerte Reste von solchen Meerestieren und salzhaltiges Wasser auswerfen.

Das rohe Erdöl bildet eine dunkelbraune oder schwarze, etwas dickliche Flüssigkeit, für die man lange Zeit keine andere Verwendung hatte, als daß man damit durch Einreiben des Haarbodens die Läuse vertrieb. Als Lampenöl war es nicht bloß durch seine schmierige Beschaffenheit, sondern auch wegen seiner Feuergefährlichkeit unbrauchbar; Rohöl brennt in den Lampen flackernd und rußend, verschlackt den Docht sehr schnell und gibt zu häufigen und sehr gefährlichen Explosionen Anlaß. Ein schlechteres Füllungsmittel für Petroleumlampen könnte kaum künstlich zusammengestellt werden. Trotzdem ist gerade dieses rohe Erdöl seit einiger Zeit einer der allerwichtigsten Brennstoffe geworden: man betreibt damit die riesigen Explosionsmotoren der Kriegsschiffe. Das Öl wird in Gestalt eines feinen Nebels, mit Luft vermischt, im Zylinder zur Explosion gebracht, wodurch der Kolben herausgetrieben und das Schwungrad in Umdrehung versetzt wird. Allein, diese Anwendung des Rohöls ist doch eine rechte Vergeudung, vergleichbar dem Verheizen der Steinkohle. Denn wie aus dieser, so lassen sich auch aus dem Rohöl durch Destillation eine Menge der wichtigsten Stoffe gewinnen: +Petroleumäther+, +Gasolin+, +Benzin+, +Lampenpetroleum+, +Ligroin+, +Schmieröl+, +Vaseline+, +Paraffin+. Alle diese Stoffe bestehen nur aus Kohlenstoff und Wasserstoff, unterscheiden sich aber durch ihre Siedepunkte in der Weise, daß Petroleumäther am leichtesten siedet (zwischen 40 ° und 70 °), und daß der Siedepunkt in der angegebenen Reihenfolge immer höher steigt. Schon vom Lampenpetroleum ab muß die Destillation unter vermindertem Druck, also unter der Luftpumpe, vorgenommen werden, weil bei gewöhnlichem Druck Zersetzung eintritt. Wenn man Lampenpetroleum in einer gewöhnlichen Retorte mit Vorlage destillieren würde, wie wir es früher mit der Salpetersäure machten (Abb. 10), so würden wir aus einem Liter Lampenpetroleum vielleicht ¾ Liter Destillat erhalten; der Rest würde sich zu einem Gemisch brennbarer Gase zersetzen. Pumpt man aber während der Destillation die Luft aus der Retorte und Vorlage, so wird die Ausbeute bedeutend größer. In noch höherem Grade gilt dies für die Destillation der feinen Maschinenöle, welche daher seit einiger Zeit unter der amerikanischen Bezeichnung „~Vacuum-Oil~“ in den Handel kommen.

Die Reinigung oder „Raffinierung“ des Rohpetroleums geschieht jedoch nicht bloß durch Destillation, sondern außerdem noch durch eine chemische Behandlung mit konzentrierter Schwefelsäure, mit Wasser, Soda und Natronlauge. Schüttelt man nämlich Rohöl andauernd mit konzentrierter, noch besser mit rauchender Schwefelsäure, so wird es allmählich wasserhell, während sich die Säure schwarz färbt. Dabei werden alle braunen Farbstoffe des Rohöls durch die Säure in harzige Massen verwandelt, welche dann ausgewaschen werden. Man macht diese Reinigung jedoch erst mit den Destillaten, um nicht zuviel Säure zu verbrauchen. Schließlich entfernt man den Säureüberschuß aus dem Öl durch Schütteln mit Natronlauge und diese durch Nachbehandlung mit Wasser. Immerhin können von dieser Reinigung Spuren der Säure im Petroleum und sogar im Maschinenöl verbleiben und bewirken, daß die damit geölten Maschinenteile später rosten. Mit +Petroleum+ geputztes Eisen rostet aus diesem Grund ganz bestimmt nach kurzer Zeit. Man muß daher das Petroleum von blanken Eisenteilen stets wieder durch Benzin abwaschen, bevor man als endgültigen Rostschutz feines, säurefreies Vakuumöl anwendet.

Im allgemeinen kann man rechnen, daß man aus dem Rohöl etwa 5–7 % Gasolin und Benzin und etwa 40 % Lampenpetroleum gewinnt. Der Rest besteht aus den schweren, paraffinhaltigen Schmierölen und aus Asphalt.

Das +Benzin+ benützt man bekanntlich als Betriebsstoff für Automobile, in zweiter Linie zum Auflösen von Fetten und Ölen in der chemischen Industrie und in der chemischen Wäscherei. Man könnte, wenn es nicht zu teuer wäre, auch die +Hände+ mit Benzin sehr sauber waschen; der Schmutz wird nämlich in der Wäsche und an den Händen hauptsächlich durch +Fett+ festgehalten und fällt wie Staub ab, sobald man das Fett durch Benzin auflöst.

Das +Gasolin+ dient, wie sein Name andeutet, zur Erzeugung von Gas. Wenn man nämlich in eine leere Flasche ein wenig Gasolin bringt und dann die Flasche schüttelt, so entsteht nicht, wie man erwarten sollte, eine +explosive+ Mischung von Luft und Gasolindampf, sondern man kann das Gemisch ohne Sorge anzünden: es brennt ruhig, ohne zu explodieren, mit leuchtender Flamme, wie Gas. Dies hat seinen Grund darin, daß die Luft viel mehr Gasolindampf in sich aufnimmt, als sie durch ihren geringen Sauerstoffgehalt verbrennen kann. Das Gemisch verhält sich also beim Anzünden so, als ob es bloß Gasolindampf wäre. Die Luft spielt dabei nur die Rolle eines Trägers, eines Mittels, das das Gasolin zum Verdampfen zwingt. Die Abb. 35 verdeutlicht uns das Prinzip, auf welchem die +Gasolingas+- oder +Leuchtgas+-Apparate beruhen: ein Gefäß A ist zur Hälfte mit Gasolin gefüllt. Durch das Rohr a, welches bis auf den Boden des Gefäßes reicht, wird ein Luftstrom eingeblasen, der sich beim Durchgang durch das Gasolin ganz mit dem Dampf dieser Flüssigkeit sättigt. Er verläßt das Gefäß durch das Rohr b und kann am oberen Ende dieses Rohrs angezündet werden. Gasolingas ist nicht wesentlich teurer als Leuchtgas, hat aber den Vorzug, nicht giftig zu sein. Es eignet sich sehr gut zur Beleuchtung und als Kochgas für einzelne Villen usw., welche keinen Anschluß an Leuchtgas bekommen können. --

Wichtige Dinge sind über das +Petroleum+ als Beleuchtungsmittel zu sagen. Petroleum, Benzin, Spiritus sind bekannt als brennbare und daher feuergefährliche Flüssigkeiten; aber brennbar und brennbar ist doch zweierlei, und es ist kein kleiner Triumph der Technik und der Gesetzgebung, daß sie dem Petroleum die Eigenschaft der Brennbarkeit belassen und ihm die der Feuergefährlichkeit in hohem Grade benommen haben. Dies ist eine Sache, die sich ganz gut mit Alfred +Nobels+ Tat vergleichen läßt, der dem Nitroglyzerin durch die Erfindung des Dynamits seine Gefährlichkeit nahm, ohne seine Sprengkraft wesentlich einzuschränken. Mit dem Petroleum verhält es sich aber so: wenn man eine Kaffeetasse mit Petroleum füllt und ein brennendes Zündholz hineintaucht, so geht das Zündholz aus. Nimmt man aber Rohpetroleum oder Benzin oder guten Spiritus statt des Petroleums, so geht das Zündholz nicht aus, und der ganze Tasseninhalt brennt lichterloh. Die Ursache ist, daß diese verschiedenen Flüssigkeiten durch die Hitze recht verschieden schnell verdampft werden. Wenn nämlich eine Flüssigkeit brennen soll, muß immer zuerst die Dampfschicht entzündet werden, welche über der Flüssigkeit lagert. Flüssigkeiten, auf welchen bei gewöhnlicher Temperatur keine merkliche Dampfschicht lagert, können sich daher auch nicht entzünden, wenn man ein brennendes Zündholz in sie taucht. So ist es mit dem Lampenpetroleum. Dagegen verdampft Benzin schon bei gewöhnlicher Temperatur so stark, daß es stets mit einer Schicht brennbarer Dämpfe überlagert ist. Ein angenähertes Zündholz bringt diese Dämpfe, und mit ihnen die Flüssigkeit, sofort zum Brennen. Dasselbe tritt mit Mischungen von Petroleum und Benzin ein. Rohpetroleum ist eine solche Mischung. Aus dem Lampenpetroleum dagegen sind durch Destillation alle diejenigen Kohlenwasserstoffe entfernt, welche bei gewöhnlicher Temperatur brennbare Dämpfe bilden. Erhitzt man aber Lampenpetroleum auf, ich glaube 28 °, so entwickeln sich solche Dämpfe, und das Petroleum entzündet sich nun sofort auf der ganzen Fläche, wenn man ihm ein brennendes Zündholz nähert. Diese Dinge sind von großer Wichtigkeit für die Entscheidung der Frage, ob Petroleumlampen feuergefährlich sind. Solange das Petroleum nicht die Temperatur des „Entflammungspunktes“ (28 °) erreicht, kann das Feuer auch nicht vom Docht aus auf die Füllung des Behälters überspringen; die Lampe kann nicht explodieren, weil über dem Petroleum keine entzündliche Dampfschicht lagert. Der Entflammungspunkt ist nun in Deutschland gesetzlich so hoch gelegt, daß sich das Petroleum in richtig gebauten Lampen niemals bis zu ihm erwärmen kann. Wenn trotzdem noch manchmal Petroleumlampenexplosionen vorkommen, so sind daran ungünstige Nebenumstände schuld. Z. B. pflegen die Mechaniker, wenn sie Fahrradteile mit Petroleum geputzt haben, das Petroleum mit Benzin abzuspülen. Solches benzinhaltiges Petroleum wird dann manchmal aus Sparsamkeitsgründen noch in die Lampe gefüllt. Dies ist außerordentlich gefährlich und sollte unter keinen Umständen geduldet werden. Auch sollte man niemals Petroleumlampen auf den Ofen stellen.

Unsere besondere Aufmerksamkeit verdient im Zusammenhang mit dem soeben Gesagten die Wirkung des +Lampendochts+. Diese Wirkung, das Aufsaugen des Petroleums, ist eine physikalische Erscheinung, welche zu den Haarröhrchenwirkungen gehört und auf den Gesetzen der Oberflächenspannung beruht. Wir haben diese an anderer Stelle ausführlich besprochen. Aber am Docht gibt es auch außerdem noch manches Merkwürdige. Ein neu eingezogener Docht kann länger als eine Stunde gebrannt werden, ohne daß er oben schwarz wird. Warum verkohlt er nicht? -- Warum verkohlt er später? -- Diese beiden Tatsachen scheinen einander zu widersprechen. Außerdem müssen wir uns auch darüber wundern, daß das Petroleum am Docht sofort durch ein Zündholz entflammt wird, während dasselbe Zündholz in einer Tasse voll Petroleum sich auslöscht.

Zunächst wollen wir uns durch einen einfachen Versuch überzeugen, daß es gar nicht der Docht ist, welcher in der Lampe brennt, sondern allein das Petroleum in den Poren des Dochtes. Wir schütten zu diesem Zweck auf einen Teller ein Häufchen Sand, gießen rings um dasselbe in den Teller eine Schicht Petroleum, und zünden nun das Sandhäufchen an. So unglaublich das klingt, es geht: der Sand brennt ruhig, mit großer, schwelender Flamme. Natürlich brennt hier in Wirklichkeit der Sand so wenig, wie dort der Docht in der Petroleumlampe, sondern es ist allein das Petroleum, welches in beiden Fällen brennt. Der Docht braucht also gar nicht aus einem brennbaren Stoff zu sein, es ist sozusagen reiner Zufall, daß die Baumwolle neben der Saugkraft, die sie zum Docht geeignet macht, auch noch die Eigenschaft der Brennbarkeit hat. Es ist also nicht so, als ob das Petroleum nur deshalb am Docht leichter brennte, weil der Docht gleichsam ein bißchen mitbrennt. Der Docht brennt nicht mit, sondern das Petroleum brennt ganz allein, dasselbe Petroleum, in welchem ein eingetauchtes Zündholz verlischt, ohne es zum Brennen zu bringen. Dieser scheinbare Widerspruch klärt sich durch folgende Betrachtung auf: jeder Stoff, der ganz dicht an eine Flamme gehalten wird, wird durch die +strahlende+ Wärme dieser Flamme erhitzt. Dieses Erhitzen erfolgt besonders leicht, wenn man den betreffenden Stoff auf eine Unterlage aufstreicht, von welcher die Wärme zurückgestrahlt wird. Der Stoff befindet sich dann zwischen der Unterlage und der Flamme im Kreuzfeuer der Wärmestrahlen. Dies ist die Lage des Petroleums am oberen Dochtende einer brennenden Lampe: der Docht ist die Unterlage, welche von der Flamme durch eine ganz dünne Schicht Petroleum getrennt ist. Deshalb erhitzt die strahlende Wärme diese dünne Ölschicht fast augenblicklich auf den Entflammungspunkt, so daß fortwährend brennbare Dämpfe da sind. Das verdampfende Petroleum hält dabei den Docht so kühl, daß er gar nicht selbst zum Brennen kommen kann. Wie wenig der Docht erwärmt wird, kann man durch zwei sehr verblüffende Versuche beweisen: wenn man nämlich statt des Sandhäufchens ein gleiches aus Magnesiumpulver errichtet, welches bekanntlich sehr leicht und heftig brennt, so kann man diesen Magnesiumdocht ebenso anzünden, und das Petroleum brennt darauf ebenso wie auf Sand, ohne daß auch nur eine Spur des Magnesiums verbrennt. Noch auffälliger ist es aber, daß man auch trockene Schießbaumwolle, diesen gefährlichen Explosivstoff, ohne alle Gefahr als Docht für Petroleum verwenden kann. Man fragt sich angesichts dieser Tatsachen, wie es nur möglich ist, daß die Dochte schließlich, bei längerem Gebrauch, am oberen Ende doch verkohlen. Dies erklärt sich aber leicht aus folgender Überlegung: Das obere Dochtende ist die Verdampfungsstelle für eine große Menge Erdöl; obgleich dieses Erdöl im Handel in sehr reiner Beschaffenheit vorkommt, hinterläßt es beim Verdampfen doch geringe Rückstände, zumal da es sich ja beim Erhitzen unter gewöhnlichem Druck etwas zersetzt. Diese harzigen oder teerigen Rückstände verstopfen die Poren des Dochts und bewirken dadurch eine Verminderung der Kühlung, weil aus den verstopften Teilen weniger Öl verdampft. So kommt es, daß diese Teile durch die Flamme stärker erhitzt und verkohlt werden. --

Mit dieser etwas altväterisch scheinenden Untersuchung des Dochtes wollen wir unsere Betrachtung über das Erdöl schließen. Wir wollen auch im Scheine der elektrischen und Gasglühlichtlampen nicht vergessen, daß die gewaltigen Produktions- und Exportziffern der Erdölindustrie deutlich genug beweisen, daß die Stunde der Petroleumlampe noch nicht geschlagen hat.