Charles Fourier: Sein Leben und seine Theorien.

Chapter 7

Chapter 73,212 wordsPublic domain

»Aber was ist diese körperliche Freiheit werth ohne die soziale? Der Bettler hat ein Einkommen, das kaum zum Leben genügt, trotzdem genießt er größere Freiheit als der Arbeiter, der, um leben zu können, an die Arbeit gefesselt ist. Doch seine Triebe bleiben unbefriedigt. Er will in's Theater gehen, aber er hat kaum genug, um sich zu nähren, er möchte Volksvertreter werden, aber dazu gehört ein großes Vermögen.[11] Mit dem stolzen Titel, ein freier Mensch zu sein, hat er nur den Dunst statt der Wirklichkeit der sozialen Freiheit; er ist nur ein passives Mitglied der Gesellschaft. Streng genommen hat der Arbeiter nur einen Tag in der Woche, den Sonntag, wo er körperlich frei ist, alle anderen Tage ist er gebunden. So sehen wir die Freiheit nur sehr einfach, rein körperlich. Doppelt ist die Freiheit, wo sie körperlich und sozial aktiv ist; sie genießt der Wilde. Der Wilde berathschlagt über Krieg und Frieden, wie bei uns ein Minister; er hat, soweit dies überhaupt in seiner Horde möglich ist, den freien Aufschwung der Triebe seiner Seele, er genießt eine Sorglosigkeit, die der Zivilisirte nicht kennt. Er muß zwar jagen und fischen, um sich zu ernähren, aber das sind anziehende Beschäftigungen, die ihm die körperliche aktive Freiheit nicht nehmen. Eine Arbeit, die Freude macht, wird nicht als drückende Verpflichtung empfunden. So geht's auch dem Kaufmann; wenn er Stoffe ausbreitet, flott Lügen verzapft und dabei seine Waaren verkauft, so ist ihm das ein Vergnügen; er würde sehr mürrisch und grämlich sein, wenn kein Käufer käme und er weder lügen noch verkaufen könnte.«

[Fußnote 11: In der ersten Hälfte des Jahrhunderts und zwar bis 1848 herrschte in Frankreich ein sehr hohes Zensussystem, das nur die Wahl der Reichsten ermöglichte.]

»Die Freiheit des Wilden ist also zweifach, aber diese zweifache Freiheit weicht noch ab von der Bestimmung, die produktive Arbeit verlangt; es ist also die anziehende, produktive Arbeit nöthig. Diese unterstellt eine Einheitlichkeit der Verbindung, die persönliche Zustimmung jedes Betheiligten, ob Mann, Frau, Kind, die Verbindung aus Trieb für die Ausübung der Arbeit und die Aufrechterhaltung der begründeten Ordnung. Diese vollständig freie Wahl der Arbeit, bestimmt durch die Triebe, ist die Bestimmung des Menschen. Von der Masse der Zivilisirten mag ein Achtel mit ihrer Lage zufrieden sein, aber sieben Achtel sind unzufrieden. Die große Menge ist nur auf die körperliche Arbeit beschränkt, ihre Beschäftigung ist indirekte Sklaverei, eine Qual, von der sie sich zu befreien wünscht.«

»Die kleine zufriedene Minderheit besteht aus Müßigen, oder Solchen, die privilegirte Stellungen einnehmen, und doch hat kaum Einer, Monarch und Minister nicht ausgenommen, seine volle Freiheit erreicht. Kann man also behaupten, daß die soziale Freiheit besteht? Sie ist wie die Gleichheit und die Brüderlichkeit nur Chimäre. Die Brüderlichkeit sandte Einen nach dem Andern ihrer Koryphäen zur Guillotine, die Gleichheit dekorirte das Volk mit dem Titel Souverän, schaffte ihm aber weder Arbeit noch Brot; es verkauft sein Leben um 5 Sous pro Tag[12] und man schleift es, die Kette am Hals, zur Schlachtbank. So sind Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit nur Phantome.«

[Fußnote 12: Der Sold des französischen Soldaten jener Zeit.]

»Die Freiheit ist illusorisch, wenn sie nicht allgemein ist. Wo der freie Aufschwung der Triebe auf eine sehr kleine Minderheit beschränkt ist, da giebt es nur Unterdrückung. Um aber der Menge die Entfaltung und die Befriedigung der Triebe zu sichern, ist eine soziale Organisation nöthig, die drei Bedingungen erfüllt. Man muß 1. ein Regime der industriellen Attraktion suchen, entdecken und organisiren; 2. Jedem das Aequivalent der sieben natürlichen Rechte des Wilden garantiren;[13] 3. die Interessen des Volks mit denjenigen der Großen verbinden, denn das Volk wird auf sie eifersüchtig sein und sie hassen, so lange es nicht an ihrem Wohlsein gradweise Antheil hat. Nur unter diesen drei Bedingungen kann man dem Volk ein Minimum an Nahrungsmitteln, Bekleidung, Wohnung und hauptsächlich auch an Vergnügungen sichern, denn ohne das Angenehme würde dem Menschen auch der neue Zustand nicht genügen.«

[Fußnote 13: Als die sieben natürlichen Rechte des Wilden betrachtet Fourier: 1. Sammelfreiheit der Früchte; 2. Weidefreiheit; 3. freien Fischfang; 4. freie Jagd; 5. innere Verbindung der Horde; 6. Sorglosigkeit; 7. auswärtigen Raub (»vol exterieur«). Unter diesem etwas seltsam scheinenden Recht versteht Fourier das Recht des Wilden, Alles, was er außerhalb des gemeinsamen Eigenthums der Horde oder des Stammes der Aneignung werth findet, nehmen zu dürfen. In der Zivilisation findet der Raub innerhalb der eigenen Gesellschaft, an Gliedern derselben statt, diesen Raub an der eigenen Genossenschaft kennt der Wilde nicht, der innerhalb der Horde, des Stammes Gemeineigenthum besitzt und dieses respektirt. In der Regel lebt der Wilde mit den benachbarten Stämmen in Feindschaft und so wird dieses Recht des »auswärtigen Raubs« einfaches Kriegsrecht. Bei uns Zivilisirten sind noch die Rudimente ganz ähnlicher Auffassung vorhanden, die Kontribution der Lebensmittel im Kriege ist in unsern Augen kein Raub, und die Annexion fremder Länder und Provinzen wird auch nicht als solcher angesehen. Fourier will mit seiner ganzen Auseinandersetzung sagen: der Wilde hat einestheils mehr Freiheit und Wohlsein, als der arme Zivilisirte, andererseits weit mehr _Solidaritätsgefühl_, als die Zivilisirten überhaupt. Um das Solidaritätsgefühl, das der Wilde in der Horde, im Stamm hat, in unserer Gesellschaft zu begründen, brauchen wir eine ganz neue soziale Organisation.]

»Prüfen wir also, wie die sozietäre Ordnung dem Individuum die freie Ausübung der erwähnten sieben Rechte, die mit dem Mechanismus der Barbarei und der Zivilisation so unverträglich sind, in entsprechender Form gewähren kann.«

»Schreiten wir zunächst dazu, sie wie ihre Angelpunkte (»pivots«) zu erklären.«

Fourier giebt nun nachfolgendes Tableau, begleitet von drei Analogien, um Diejenigen zu enttäuschen, die es als ein von ihm systematisch angewandtes Vorurtheil ansehen, daß er gewöhnlich den Zahlen 7 und 12 (also wie Pythagoras es that) den Vorzug gebe. Er will beweisen, daß diese Zahlenverhältnisse in der Natur der Dinge liegen, also gegebene sind, nicht willkürlich erfundene.

| Rechte | Triebe | Farben | geometrische | | | | Linien ---+-------------------+-----------------+------------+-------------- | kardinale oder | Haupt- | | | industrielle | Triebe | | | | | | 1. | Sammelfreiheit | Freundschaft | Violet | Kreis 2. | Weide | Liebe | Azur | Elipse 3. | Fischfang | Familiensinn | Gelb | Parabel 4. | Jagd | Ehrgeiz | Roth | Hyperbel ---+-------------------+-----------------+------------+-------------- | Distributive | Distributive | | | | Triebe | | | | | | 1. | Innere Verbindung | Kabaliste | Indigoblau | Spirale 2. | Sorglosigkeit | Papillone | Grün | Muschellinie 3. | Auswärtiger Raub | Komposite | Orangegelb | Logarithmus ---+-------------------+-----------------+------------+-------------- | Minimum | Einheitlichkeit | Weiß | X. | | | | | Freiheit | Gunst | Schwarz | Nebenkreis

Die Freiheit kommt nur als Folge der sieben andern Rechte, sie ist das Resultat ihrer Verbindung, so wie Weiß oder Schwarz die Verbindung oder Aufsaugung der sieben Farbenstrahlen ist.

Fourier führt dann weiter aus, daß aber die Freiheit nur einfach oder falsch sei, wenn sie nicht von der Hauptsache, dem Prinzipalen aller Rechte, dem _Minimum_ begleitet sei, was die Periode der Wildheit nicht biete. Auch genießen die Freiheit in der Wildheit nur die Männer, die Frauen sind ausgeschlossen und ist ihre Lage schlimmer, als in der Zivilisation. Es genügt weder die Freiheit, wie sie die Zivilisation bietet, noch genügen die sieben Naturrechte, die der Wilde besitzt, um einen befriedigenden Zustand herzustellen. Der neue sozietäre Zustand müsse also alle drei Geschlechter gleichmäßig berücksichtigen und ihren Trieben Befriedigung gewähren.

Die bezügliche Auffassung Fourier's von der Lage der Wilden und der Zivilisirten lassen wir, da sie charakteristisch ist, hier ausführlicher folgen.

»Die Sorglosigkeit, dieses Glück der Thiere, dieses Recht des Wilden, genießt man in der Zivilisation nur im Besitz großer Schätze. Aber neun Zehntel der Zivilisirten, weit entfernt, dem nächsten Tag ohne Sorgen entgegensehen zu können, sind mit täglichen Sorgen überladen und müssen eine widerwärtige und aufgezwungene Arbeit erledigen. Den Sonntag eilen sie dann in die Schenken und an die Vergnügungsorte, um wenigstens für einige Augenblicke eine Sorglosigkeit zu genießen, die so viele Reiche, von der Unruhe verfolgt, vergebens suchen.«

»Die Rechthaber (»ergoteurs«) werden sagen, die Sorglosigkeit sei eine Charaktereigenschaft und kein Recht; aber sie wird ein Recht, indem sie im Zustand der Zivilisation geächtet ist, wo man die Leichtlebigkeit als entehrend betrachtet und laut verurtheilt. Versucht ein mit wenig Glücksgütern bedachter Familienvater sich mit den Seinen einem Vergnügen zu überlassen und verläßt er seine Werkstatt, ohne für Steuern, Miethe und die künftigen Bedürfnisse gesorgt zu haben, so belehrt ihn die öffentliche Meinung durch ihre Kritiken und der Steuereinnehmer durch seine Exekutoren, daß er kein Recht zur Sorglosigkeit habe, und er muß, trotz seines Hangs dazu, sich derselben entschlagen. Ueberdies ist schon die zivilisirte Erziehung systematisch darauf bedacht, den Geschmack an der Sorglosigkeit zu bekämpfen, ein Vergnügen, dessen freie Entfaltung in der Harmonie durch nichts beeinträchtigt wird.«

»Der Wilde genießt diese Sorglosigkeit und beunruhigt sich nicht über die Zukunft. Wäre es anders, fürchtete er daß seine Kinder, seine Horde Hunger litte, er würde die Anerbietungen an Ackerbaugeräthen und den notwendigen Gegenständen für die Kultur des Bodens, welche die Regierungen der Zivilisirten ihm machen, annehmen. Aber er will keins seiner Rechte einbüßen. Gäbe er seine Sorglosigkeit auf, er würde allmälig seine ganze Freiheit, alle seine Rechte verlieren. Er macht freilich diese Berechnung nicht, aber die Natur macht sie für ihn. Die Attraktion leitet ihn auf den rechten Weg, wie man später sehen wird.«

»Den einzigen plausiblen Einwand, den man gegen dieses Glück des Wilden machen kann, ist, daß die Frauen es nicht genießen: die Frauen bilden die Hälfte des Menschengeschlechts und sie haben bei den Wilden eine sehr tiefe und unglückliche Stellung.«

»Nichts wahrer als das. Aber wenn ich diese Thatsache nicht anführte, die Philosophen würden keine Notiz davon nehmen, denn sie selbst haben die Gewohnheit, die Frauen für Nichts anzusehen. Von den drei Geschlechtern, aus denen das Menschengeschlecht sich zusammensetzt, dem oberen, den Männern, dem niederen, den Frauen, und dem gemachten oder neutralen Geschlecht, den Kindern, sehen sie nur _ein_ Geschlecht und arbeiten nur für dieses, für das obere oder männliche. Aber welches Glück verschafften diesem die Philosophen? Statt der sieben Rechte, aus welchen die Freiheit sich zusammensetzt, nur die sieben Geißeln.«

»Ich bin einem vorauszusehenden Einwand bereits begegnet, indem ich die Freiheit des Wilden als divergirend zusammengesetzt bezeichnete; sie ist in doppelter Weise divergirend; sozial, durch die Unverträglichkeit des sozialen Körpers, Horde genannt, mit der industriellen Arbeit oder Bestimmung, materiell durch Ausschließung des weiblichen Geschlechts, das wenig oder gar nicht an den sieben natürlichen Rechten theilnimmt.«

Trotzdem, so führt Fourier weiter aus, stehe der männliche Wilde durch den Genuß der genannten sieben Rechte an Freiheit über der großen Mehrheit der Zivilisirten, welche die immense Mehrheit beider Geschlechter von diesen Vortheilen ausschlösse. Die Zivilisation schulde für das Ausgeben dieser natürlichen Rechte einem Jeden ein Minimum an Lebensnothwendigkeiten, Kleidung, Wohnung, und zwar proportional der sozialen Stellung, zu der er gehöre, denn _nothdürftig_ genährt, gekleidet und logirt werde man auch in den Armenhäusern, wo der Mensch aber nichts als ein Gefangener und sehr unglücklich sei.

Statt den Zivilisirten für den Verlust seiner sieben natürlichen Rechte durch eine menschenwürdige Existenz zu entschädigen, garantirten ihm unsere Publizisten einige Träumereien und Gaskonnaden, wie: »daß er stolz sein dürfe auf den Namen eines freien Mannes und das Glück habe, unter einer Verfassung zu leben.« Diese Lächerlichkeiten verdienten nicht einmal den Namen der Illusion und befriedigten keinen Arbeitenden, der vor Allem nach seinem Geschmack zu essen, sorglos und vergnügt zu leben wünsche.

»Der sozietäre Zustand garantirt dem Volk die sieben Rechte des Wilden in Fülle, indem er ihm ein ausreichendes Aequivalent bietet; er gewährt jedem Menschen so viel Wohlsein, daß z.B. Niemand mehr auf den Gedanken kommt, zu stehlen, was er so haben kann, oder daß er sich durch eine Handlung in der öffentlichen Meinung mehr zu Grunde richtet, als er durch eine schlechte Handlung zu gewinnen vermag. Schließlich werden alle Kinder in den Begriffen der Ehre erzogen und können alle Bequemlichkeiten des Lebens reichlich genießen. Es wird also Niemand mehr an Diebstahl denken, wo Alle im Ueberfluß leben.«

»Die Zivilisation, indem sie den Menschen der sieben Rechte des Wilden beraubt, gewährt ihm keinerlei entsprechende Aequivalente. Fragt einmal einen unglücklichen Arbeiter der Zivilisation, der keine Arbeit und kein Brot hat, vom Gläubiger und Exekutor bedrängt wird, ob er nicht lieber wie der Wilde das Recht der Jagd und des Fischfangs, des Früchtesammelns und der freien Weide seinem Zustand vorziehe und er wird keinen Augenblick zögern, sich für den Wilden zu entscheiden. Was giebt ihm die Zivilisation für seinen Verlust? Das Glück, unter der Verfassung zu leben. Dem Hungernden ist nicht damit gedient, daß er, anstatt eine gute Mahlzeit zu genießen, die Verfassung lesen kann; es heißt den Nothleidenden in seinem Elend beleidigen, wenn man ihm eine solche Entschädigung bietet.«

»Daraus folgt: in der industriellen Gesellschaft wird die Freiheit illusorisch und verhängnisvoll, wenn man sie nur in einfacher Anwendung einführt.«

Fourier sagt also: die Freiheit ohne Garantie eines Minimums, die Freiheit ohne Brot, ist für die große Menge der Bevölkerung unter Umständen nur die Freiheit des Verhungerns. Die Freiheit hat nur Werth, ja sie ist erst dann vorhanden, wenn auch der Mensch zu leben hat, und diesen Lebensunterhalt garantirt die Zivilisation nicht. »So haben unsere Träumereien von den Menschenrechten und der Freiheit, die man in Versuch setzte, nichts als Täuschungen und verhängnißvolle Erschütterungen erzeugt. Unsere Gesellschaft hat zu ihren Angelpunkten zwei Triebfedern, welche der Einheitlichkeit der Freiheit und dem proportionalen Existenzminimum des sozietären Zustandes schnurstracks gegenüberstehen: allgemeiner Egoismus und Zweideutigkeit aller Handlungen. Diese beiderseitigen Charaktereigenschaften lassen sich nicht vereinigen, sie schließen sich aus.«

»Volle einheitliche Freiheit und menschenwürdige Existenz lassen sich nur durch die Anwendung des Mechanismus der Serien der Triebe erreichen, außerhalb desselben ist das ganze System der Triebe im Widerspruch mit sich, es herrschen Egoismus und Zweideutigkeit.« ...

Es gilt also für Fourier, eine entsprechende Organisation zu schaffen, bei welcher alle Klassen gleichmäßig, unter voller Berücksichtigung ihrer sozialen Lebensstellung, zufriedengestellt werden.

»Vermittelst der gradweisen Abstufung der Interessen ist der Niedere an dem Wohlsein des Höheren interessirt; die gewohnte Begegnung bei den anziehenden Arbeiten in den Intriguen der verschiedenen Serien dient als Kitt für die Einheitlichkeit. Man hat nichts mehr von der vollen Freiheit des Volkes zu fürchten, das in dem gegenwärtigen Zustande des Elends und der Eifersucht gegen die Höheren seine Unabhängigkeit nur zur Plünderung und Erwürgung derselben benutzen würde.«

»Aus dieser Darlegung resultirt, daß die Gewährung einer auskömmlichen Lebenshaltung ausschließlich von der Entdeckung des sozietären Regimes und der anziehenden Arbeit abhängt. Wie kann man dem Volk von Freiheit zu sprechen wagen, wenn man ihm selbst nicht einmal die widerwillige Arbeit, von der heute seine Existenz abhängt, zu garantiren vermag? In einem solchen Zustande der Dinge, wie dem gegenwärtigen, wird alle Freiheit nur ein Keim des Aufruhrs. Die Agitatoren fühlen das wohl und darum haben sie die Macht an sich gerissen. Ihre erste Sorge ist, dem Volk den Maulkorb anzulegen und die philosophischen Schwätzer, die Bonaparte knebelte und Robespierre in Masse auf's Schaffot schickte, zu unterdrücken.«

»_In der Zivilisation kann also keine wirkliche Freiheit existiren_, sie existirt nur im Zustande der Wildheit, aber dort unvollständig und gefährlich, weil sie die Horde dem Hunger, dem Krieg, der Pest aussetzt und weder sich auf die Frauen, noch auf die Greise ausdehnt, welch letztere man opfert, wenn sie unbrauchbar werden.«

»Obschon die Freiheit des männlichen Wilden dem Schicksal unserer Arbeiter und Bettler vorzuziehen ist, ist sie nur ein rohes, der Vernunft unwürdiges Glück, weil die industrielle Thätigkeit ihm fremd ist. Andererseits ist der Zustand des Elends und der Unterdrückung, in dem unsere Arbeiter seufzen, nicht die Frucht des sozialen Genies, sondern des Mangels an einem solchen und eine Schmach für die Wissenschaft. Weit entfernt, daß diese verstand, uns zur Freiheit zu erheben, hat sie nicht einmal sie zu definiren gewußt, noch vermochte sie ihre verschiedenen Charaktereigenschaften darzulegen. Der Wissenschaft bleibt die Schande, unter dem Vorwand, uns ein Gut zu geben, dessen Wesen sie selbst nicht kannte, tausend politische Stürme erregt zu haben. Sie ist mit der Freiheit wie mit dem Handel verfahren, sie hat einen Hebel zu literarischen Intriguen aus ihnen gemacht und weit entfernt, einen Schatten von Ehrlichkeit in ihre Debatten zu tragen, hat sie selbst weder die Probleme bezeichnet, noch empfohlen, welche auf's Lebhafteste die Anstrengungen des Genies herausfordern, nämlich:

»In Sachen des Handels: das Bedürfniß der Assoziation, die Garantie der Wahrheit und die Unterdrückung der zahlreichen Verbrechen der handeltreibenden Körperschaften: der Bankerotte, des Wuchers, des Börsenspiels etc.«

»In Sachen der Freiheit: das Bedürfniß der industriellen Attraktion; ein Aequivalent für die natürlichen Rechte (die der Wilde hat) und Garantien für ein gradweise abgestuftes Minimum für die verschiedenen Klassen.« ...

»Der Streit über die Freiheit hat erst neuerdings vier Millionen Köpfe gekostet (Fourier spielt hier auf die der großen Revolution folgenden Kriege an), die den politischen Sophismen und der Handelseifersucht geopfert wurden, genügend, um dieses Chaos von irrigen Lehren über die Freiheit und den Handel zu entwirren.«

»Es gehört zu den Gebräuchen der Zivilisirten, einem Dogma zu Ehren, dessen Sinn, noch dessen praktische Wirkungen man kennt, sich gegenseitig an die Gurgel zu fahren. Beweis dafür sind die aus den Debatten über die Verwandlung (»Transsubstantiation«) und die Wesenseinheit (»Consubstantialité«) hervorgegangenen Kriege. Unser Jahrhundert hat ähnlich über die Menschenrechte spekulirt; um sie zu erhalten, massakrirte man sich und doch kannte man ihr wahres Wesen nicht.«

Nach Fourier liegt das wahre Wesen der Freiheit in der Anerkennung »des Rechts auf Arbeit«, das »für den Armen allein werthvoll ist.« Die Erfahrung hat uns zur Genüge gelehrt, daß mit dieser Anerkennung auch nichts gethan ist. Es ist auch über dieses »Recht« gar viel gestritten worden und zuletzt, im Jahre 1848 in Paris in den Junitagen, viel Blut geflossen. Das Recht auf Arbeit steht in Bezug auf seine Phrasenhaftigkeit um kein Haar breit hinter der »Freiheit« und den »Menschenrechten« zurück, Jeder legt sich dieses »Recht« zurecht, wie er es braucht und es seinem Interessenstandpunkt entspricht. Gewisse Sozialisten betrachten noch heute das Wort als eine Art Schiboleth, das die soziale Frage löse; bei den Anhängern des preußischen Landrechts, die dieses »Recht« ebenfalls anerkennen, schrumpft es zu einem Recht auf Armenhausarbeit und Armenunterstützung zusammen. Auch nach der Junirevolution hat es noch die Köpfe in der französischen Kammer erhitzt, man schlug große Redeschlachten und dabei ist es bis heute geblieben. Schließlich waren bei all diesen Schlagworten es immer und immer die Vertreter der kleinbürgerlichen Demokratie, die sich am eifrigsten für sie begeisterten und sich zu ihren Champions aufwarfen. Ganz begreiflich. Diese Demokratie repräsentirt eine Gesellschaftsschicht, die zwischen der großbürgerlichen und der proletarischen Klasse mitten innesteht, in Folge davon ohnmächtig ist und in Bezug auf die Heilung der sozialen Uebel an chronischer Impotenz leidet und daher ihr Thatenbedürfniß in großen Worten und Kraftphrasen zu verpuffen genöthigt ist. Die bürgerlichen Ideologen lieben es, am Klang der Worte sich zu berauschen, sie sind aber allmälig sehr einflußlos und harmlos geworden.

Fourier war allerdings ein viel zu mathematisch denkender und logisch schließender Kopf, um sich durch eine Phrase, die er bei Andern klar durchschaute, beirren zu lassen, und so folgert er: es giebt keine wie immer zusammengesetzte Freiheit ohne das Minimum; kein Minimum ohne die industrielle Anziehung (»attraction«); keine industrielle Anziehung in der zerstückelten (»morcelé«) Arbeit, womit er sagen will, in der auf Privatwirthschaft beruhenden Arbeit. Die industrielle Anziehung kann nur aus den Serien der Triebe geboren werden; also:

Das Minimum, gestützt auf die industrielle Anziehung, ist der einzige Weg zur Freiheit, einen andern giebt es nicht. Aber um in diesen Weg einzutreten, muß man die Zivilisation verlassen, muß man ihre Produktions- und Distributionsform aufheben; und da es hierzu, nach ihm, zwölf Wege giebt, muß man den günstigsten wählen, um zur Assoziation zu gelangen.

Es handelt sich also darum, den neuen Zustand dergestalt zu organisiren, daß folgende sieben Funktionen voll angewendet und ausgeübt werden können: häusliche Arbeiten, ländliche Arbeiten, industrielle Arbeiten, Austausch, Unterricht, Wissenschaften, schöne Künste. Es muß vorhanden sein: Anziehung für alle Beschäftigungen, proportionale Vertheilung des Erzeugten, Gleichgewicht der Bevölkerung, Oekonomie in den Hülfsmitteln.