Charles Fourier: Sein Leben und seine Theorien.

Chapter 6

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Das ist also das Gesetz, aus welchem Fourier sowohl die Veränderungen in den sozialen Beziehungen der Menschen und der Thiere, als auch die materiellen Veränderungen in der Natur des Erdballs und der übrigen Gestirne ableitete. So kam er zu seiner Kosmogonie. Man sieht, sein Lehrgebäude ist logisch, wenn es auch auf falschem Grunde gebaut wurde. Jetzt, wo er die Theorie der Anziehungen und die Einheit der vier Bewegungen entdeckt zu haben glaubte, war ihm Alles klar; er begann »im Zauberbuch der Natur zu lesen«. Er gelangte nunmehr auch, wie er ausführt, zur Berechnung der Bestimmungen, d.h. er kannte nunmehr das fundamentale System, durch das alle vergangenen, gegenwärtigen und zukünftigen Gesetze geregelt werden. Jetzt sah er alle Fehler und Schnitzer, die der bisherige Entwicklungsgang der Menschheit gemacht, und nun kannte er auch die Heilmittel, die alle sozialen und physischen Uebel beseitigten. Unter anderm auch die Pest, die Gicht, die Cholera, das gelbe Fieber etc. Nun sind auch die Philosophen, die Plato, die Seneka, die Rousseau, die Voltaire, diese Hauptvertreter der zweifelhaften Wissenschaften, in ihrer ganzen Unzulänglichkeit blosgestellt. Hat Voltaire nicht selbst in einem Augenblick der Selbsterkenntniß ausgerufen: »O! welch' dicke Finsterniß verschleiert noch die Natur!« Die Bibliotheken der Philosophen sollen die erhabensten Wissenschaften bergen, und sie sind nur ein demüthigender Aufbewahrungsort für Widersprüche und Irrthümer. Die neue sozietäre Ordnung wird also um so glänzender sein, je länger sie bisher verzögert wurde, denn eigentlich hätten sie schon die Griechen im Zeitalter des Solon (639-559 vor unserer Zeitrechnung) begründen können, da ihr »Luxus« -- Fourier versteht hierunter die gesammte materielle Entwicklung eines Zeitalters -- schon genügend weit dazu vorgeschritten war; heute sei unser »Luxus« mindestens doppelt so groß, als zur Zeit der Athener. Man trete jetzt mit um so mehr Glanz in die neue Ordnung, als nunmehr erst die Früchte von den Fortschritten in den physikalischen Wissenschaften, die das achtzehnte Jahrhundert gebracht habe, und die bis in diese Tage sehr unfruchtbar geblieben seien, gepflückt werden würden. Freilich, jetzt weise man noch seine Entdeckung zurück, aber sei es nicht immer so gewesen? Ist nicht Columbus mit seiner Behauptung, daß es jenseits des Ozeans noch einen Erdtheil geben müsse, verlacht, verspottet, mit seiner Lehre selbst vom Papste verflucht worden, obgleich dieser am meisten dabei interessirt war, weil er neue Gläubige unter seine Herrschaft bekam? Man sei im neunzehnten Jahrhundert noch ebenso feindlich jeder neuen großen Entdeckung als im fünfzehnten. Die Philosophen behaupteten, weil sie selbst nicht den Schleier zu lüpfen vermochten, die Natur sei ein mit einem ehernen Schleier bedecktes Schreckbild, ein undurchdringliches Heiligthum; warum habe denn Newton wenigstens eine Ecke dieses Schleiers zu lüpfen vermocht? Man sage auch, Gott sei nicht zu erkennen. Der gesunde Sinn sage das Gegentheil, weil nichts leichter sei. Das Alterthum habe den Schöpfer travestirt, indem es ihn unter einer Horde von 35.000 Göttern vermengte und verdeckte; da sei es schwierig gewesen, seine Meinung zu studiren, ihn aus dieser himmlischen Maskerade zu entwirren. Sokrates und Cicero trennten sich von den Sottisen ihrer Zeit, sie bewunderten den »unbekannten Gott«; Sokrates wurde ein Opfer seiner Ueberzeugung. Heute sei dieser frühere Aberglaube überwunden, das Christenthum führte uns zu gesunden Ideen zurück, es brachte den Glauben an einen Gott. »Wir haben jetzt einen Kompaß, der uns den Weg zum Studium der Natur zeigt.«

Es sei nun wichtig, eine kleine Zahl von Charaktereigenschaften Gottes zu kennen, deren Studium uns zu weiteren Schlüssen führe. »Dahin gehören: 1. die vollständige Leitung der Bewegung; 2. die Oekonomie der Spannkräfte; 3. die vertheilende Gerechtigkeit; 4. die Universalität der Vorsehung; 5. die Einheit des Systems.«

Man sieht, Fourier macht sich allerdings die Arbeit leichter als die Philosophen; die Existenz Gottes ist für ihn unbestritten, er setzt das Descartes'sche: »Ich denke, also bin ich«, einfach um in den Satz: »Die Welt ist da, also besteht Gott.« Und ist einmal dieser Gott als Weltschöpfer anerkannt, so muß er natürlich auch die ihm zugeschriebenen Eigenschaften haben, denn ohne diese Eigenschaften wäre er nicht Gott. Er fährt nun weiter fort:

»Wenn Gott der Leiter der Bewegung ist, der einzige Herr des Weltalls und sein Schöpfer, so hat er auch alle Theile des Weltalls zu lenken, also auch die edelsten, die sozialen Beziehungen: folglich ist die Regelung der menschlichen Gesellschaften das Werk Gottes und nicht das der Menschen; und um nun unsere Gesellschaft dem Glück zuzuführen, müssen wir das soziale Gesetz studiren, das er für sie gebildet hat.« Mit andern Worten heißt das: Gott ist zwar der oberste Leiter der Geschicke und hat die Grundgesetze der Bewegung für die menschliche Gesellschaft zurechtgerichtet, aber da er sich bei seinen vielen Geschäften um die Details und ihre Ausführung nicht kümmern kann, muß der Mensch sie entdecken und ausführen. Die Logik hinkt zwar etwas, aber Gott wird auf diese Weise vollständig deplazirt und es sind schließlich die Menschen, die Alles allein besorgen; er hat die Allmacht Gottes und den freien Willen des Menschen innerhalb der ihm von Gott überlassenen Grenzen gerettet. Fourier kommt schließlich auf dasselbe hinaus, was er den Philosophen vorwirft, sie hätten die menschliche Vernunft auf den ersten Rang und Gott auf den zweiten gesetzt. Genau so schließt er über den zweiten Punkt. Ist Gott der höchste Verwalter der vorhandenen Spannkräfte, so kann er doch nur mit den größten gesellschaftlichen Vereinigungen sich beschäftigen, die kleinsten, die Frage, wie die Familie, die Ehe zu organisiren sei, ist Sache des Menschen. Das sind also wiederum sehr willkürliche, ketzerische und im Grunde materialistische Gedanken.

Zum dritten Punkt bemerkt er: »Im Schatten der vorhandenen sozialen Gesetzgebung sieht man nicht, _daß das Elend der Völker mit dem sozialen Fortschritt wächst_. Wir sehen die gefährliche Wirkung in dem Einfluß des Handelsgutes, der dahin führt, die heiße Zone mit schwarzen Sklaven zu bedecken, die man ihrem Heimathlande entreißt, und die gemäßigte Zone mit weißen Sklaven, die man in die industriellen Bagnos treibt, wie dies heute in England sich offenbart und in allen Ländern Nachahmung finden wird. Kann man irgend welche Gerechtigkeit in einem Zustand der Dinge erblicken, _wo der Fortschritt der Industrie selbst nicht einmal den Armen die Arbeit garantirt_?«

Die Universalität der Vorsehung muß viertens sich nach ihm auf alle Völker, wilde wie zivilisirte, erstrecken. Das ganze zivilisirte System, das die Wilden anzunehmen als wirklich Freie sich weigern, widerspricht den Wünschen Gottes. Den Zustand, den wir ihnen bieten, die agrikole Zerstückelung und die Einzelwirthschaft, befriedige nicht Menschen, die der Natur am nächsten stehen. Unsere ganze Ordnung beruhe auf der Gewalt und daher müsse ein anderer Zustand begründet werden, der alle Kasten, alle Völker befriedige, wenn die Vorsehung universell sein solle. Die Einheit des Systems endlich implizire fünftens die Anwendung der Attraktion der Spannkräfte der sozialen Harmonien des Weltalls, die sich von den Gestirnen bis zu den Insekten erstreckten. Man müsse also im Studium der Attraktion das soziale Gesetz zu entdecken suchen ... »Unsere Einrichtungen sind unsern eigenen Völkern so verhaßt, daß sie in allen Ländern sich erheben und sich davon zu befreien suchen würden, wenn nicht die Furcht vor der Gewalt sie zurückschreckte. Wir sind nicht im Stande, das Menschengeschlecht zu vereinigen, weil die Barbaren für unsere Einrichtungen nur eine tiefe Verachtung besitzen und unsere Gewohnheiten nur die Ironie derselben erregen. Es ist die stärkste Verwünschung, die sie einem Feind entgegenschleudern: »Mögest du gezwungen sein, ein Feld zu bebauen.« Ja, die zivilisirte Industrie wird von der Natur wie von allen freien Völkern verabscheut, die sich in dem Augenblick zu ihr drängen werden, wo sie mit den Trieben der Menschen sich in Uebereinstimmung setzt.«

Fourier meint also, daß keine soziale Organisation die rechte sein könne, die nicht von allen Menschen, ohne Rücksicht auf ihre Kulturstufe, freudig begrüßt würde, so groß müßten ihre Vortheile und ihre Annehmlichkeiten sein. »Es gilt also eine soziale Ordnung zu finden, welche dem geringsten Arbeiter ein genügendes Wohlsein sichert. Die Arbeiter müssen den neuen Zustand dem Zustand der Trägheit und der Straßenräuberei (»brigandage«), nach dem sie heute Sehnsucht empfinden, vorziehen. So lange dieses Problem nicht gelöst ist, werden die Reiche _beständigen Stürmen ausgesetzt sein, werden sie von einer Revolution in die andere stürzen_; die wissenschaftlichen Wunderkuren laufen immer nur auf die Dürftigkeit der Masse und folglich auf den Umsturz hinaus; die Helden, die Gesetzgeber stützen sich nur auf den Säbel; aber alle Voraussicht eines Friedrich kann nicht verhindern, daß schwache Nachfolger den Degen auf seinem Sarge rauben lassen.[8] Die zivilisirte Ordnung ist mehr und mehr im Wanken, der _vulkanische Ausbruch von 1793 ist nur ihre erste Eruption, andere werden folgen_; ein schwaches Regiment wird sie begünstigen. Der Krieg der Armen gegen die Reichen hat so glücklich begonnen, daß Ränkeschmiede in allen Ländern darnach streben, ihn zu erneuern. Vergebens sucht man das zu verhüten; die Natur der Gesellschaft spielt mit unserer Aufklärung, unserer Vorsicht, sie wird immer neue Revolutionen in dem Maße gebären, wie wir die Ruhe gesichert zu haben glauben. Und wenn die Zivilisation sich noch um ein halbes Jahrhundert verlängert, wie viel Kinder werden, veranlaßt durch ihre Väter, vor den Thüren der Reichen betteln? (In Folge von Klassenelend.) Ich würde nicht wagen, diese schreckliche Perspektive darzustellen, wenn ich nicht die Berechnungen brächte, welche die Politik in dem Labyrinth der Triebe zurecht weisen und die Zivilisation von ihrem Alp erlösen werden, diese Zivilisation, die immer revolutionärer und verhängnißvoller wird.«

[Fußnote 8: Anspielung auf die Wegnahme des Degens Friedrich's des Großen von seinem Sarge in der Militärkirche zu Potsdam durch Napoleon I. 1806.]

Diese Voraussagungen machen Fourier's Scharfsinn und Einsicht alle Ehre, sie sind überraschend. Man halte fest, daß Fourier diese Warnungen und Mahnrufe im Jahre 1808 veröffentlichte, wo außer ihm nur sehr Wenige an eine soziale Frage überhaupt dachten, und man wird den Weitblick und die Richtigkeit seiner Voraussagungen bewundern müssen. Er führt nun weiter aus, wie viele Reiche bereits an innerer Zerrüttung zu Grunde gingen, weil sie die sozialen Uebel nicht zu lösen vermochten. »Welche Monumente diese Reiche immer überlebten, sie stehen da, eine Schande ihrer Politik. Rom und Byzanz (Konstantinopel), ehemals die Hauptstädte der größten Reiche, sind heute zwei lächerlich gewordene Metropolen. Auf dem Kapitol sind die Tempel Zäsar's durch obskure Götter aus Judäa verdrängt, am Bosporus werden die christlichen Basiliken durch die Götter der Unwissenheit beschmutzt. Hier wird Jesus auf das Piedestal von Jupiter erhoben, dort setzt sich Mahomed auf den Altar von Jesu. Rom und Byzanz, die Natur bewahrte euch vor der Verachtung der Nationen, die ihr gefesselt hattet; ihr wurdet zwei Arenas politischer Maskeraden, zwei Pandorabüchsen, die im Orient den Vandalismus und die Pest, im Occident den Aberglauben und seine Raserei verbreiteten; ihr seid zwei konservirte Mumien, um den Triumphwagen zu schmücken und den modernen Hauptstädten einen Vorgeschmack von dem Schicksal zu geben, das den Denkmälern und den Arbeiten der Zivilisation bereitet wird. Zivilisirte! studirt die sozialen Uebel des Menschengeschlechts und schafft Wandel!« --

»Drei Gesellschaftsbildungen theilen sich in die Erde: Die Zivilisation, die Barbarei und die Wildheit. Die eine ist nothwendig besser als die beiden andern, und die beiden unvollkommneren, die sich nicht zur besseren erheben, sind von jener Krankheit der Entkräftung erfaßt, von der nach Montesquieu das Menschengeschlecht betroffen ist. Die dritte, die beste, welche die andern nicht zu sich zu erheben vermag, ist offenbar unzureichend für das Wohl des Menschengeschlechts; sie hat den größeren Theil desselben in einem tieferen Zustand ermatten lassen. Die beiden ersten Gesellschaftsbildungen sind von der Lähmung betroffen, die dritte, die Zivilisation, von der politischen Ohnmacht; sie müssen also alle drei aus einem krankhaften Zustand heraus, der den ganzen Erdball in seinem sozialen Mechanismus beunruhigt. Völker! eure sehnlichsten Wünsche verwirklichen sich, die glänzendste Mission ist dem größten der Helden aufbewahrt. Der soziale Kompaß ist entdeckt, der euch auf den Ruinen der Barbarei und der Zivilisation zur universellen Harmonie führen wird.«

»Die modernen Sophisten haben, namentlich in Frankreich, immer behauptet, die Einheit des Systems der Natur zu erklären, sie haben aber nie ernste Studien über diesen Gegenstand gemacht und man hat nie das Geringste über die allgemeine Einheit erfahren. Sie bildet sich aus folgenden drei Zweigen: Einheit des Menschen mit sich, mit Gott und mit dem Weltall. Der innere Widerspruch des Menschen mit sich selbst (Fourier meint hier den Widerspruch im Menschen, seine Triebe befriedigen zu wollen, aber nicht befriedigen zu können, oder nicht befriedigen zu dürfen. Der Verf.) hat die Wissenschaft der Moral geboren, welche die Doppelseitigkeit (»duplicité«) der Handlung als wesentlichen Zustand und unwandelbare Bestimmung des Menschen betrachtet. Sie lehrt: man müsse seinen Trieben widerstehen, im Krieg mit ihnen leben, also im Krieg mit sich selbst sein; ein Prinzip, wodurch der Mensch auch in den Kriegszustand mit Gott geräth, denn die Triebe und Instinkte kommen von Gott, der sie dem Menschen und allen Kreaturen zum Führer gab.«

»Man antwortet zwar: Gott habe uns die Vernunft zum Führer und Mäßiger der Triebe gegeben, woraus also resultirte: 1. daß Gott uns zwei unversöhnlichen und sich antipathischen Führern, den Trieben und der Vernunft, überliefert hat; 2. daß Gott gegen neunundneunzig Prozent der Menschen sehr ungerecht handelte, weil er ihrer Vernunft nicht die Stärke gewährte, ihre Triebe bekämpfen zu können; 3. daß Gott, indem er uns zum Gegengewicht die Vernunft gab, mit einem untauglichen Mechanismus handelte, denn es ist unzweifelhaft, daß diese Schwerkraft selbst bei dem hundertsten Menschen, der allein nur damit versehen ist, ohnmächtig ist, _wie ja die Distributeure der Vernunft, z.B. ein Voltaire, am meisten von ihren Trieben unterjocht wurden_.«

»Alle drei Hypothesen sind nichtig. Die Darlegung der Attraktion der Triebe wird beweisen, daß im sozietären Zustand Vernunft und Triebe sich ausgleichen und aussöhnen und daß sie nur im heutigen sozialen Zustand sich im Diskord befinden. Man sagt: der Mensch sei für die Gesellschaft geboren, man vergißt aber, daß es nur zwei Gesellschaftsordnungen giebt, die der Privatwirthschaft und der Gemeinwirthschaft; der isolirte Zustand und der sozietäre Zustand. Der gegenwärtige Zustand setzt die isolirte Familie voraus, der sozietäre die Arbeit und die Lebensweise in zahlreichen Vereinigungen, welche nach einer bestimmten Regel für Jeden sich theilen und ausgleichen, nach den drei Eigenschaften: Arbeit, Kapital und Talent. Gott, als höchster ökonomischer Leiter, muß nothwendig die Assoziation als den besseren Zustand wollen.«

»Es giebt nunmehr viererlei Wissenschaften zu beachten: über die Assoziation, den aromalen Mechanismus, die Attraktion der Triebe und die universelle Analogie.«

Die vier Hauptbewegungen und die fünfte, die soziale als pivotale oder Angelpunkt, sind bereits hervorgehoben worden. Gehen wir also über zum »Studium der Assoziation«.

»Das Band ist die Basis jeder Oekonomie; wir finden die Keime in dem ganzen sozialen Mechanismus zerstreut, von der mächtigen Ostindischen Kompagnie bis zu den armen Gesellschaften der für eine bestimmte Industrie vereinigten Dorfbewohner. So sieht man die Bergbewohner des Jura sich zur Käsefabrikation vereinigen; 20-30 Haushaltungen bringen täglich ihre Milch zum Fabrikanten und am Ende der Saison erhält jede ihren Theil an Käse, entsprechend der Quantität Milch, die sie lieferte. Wir haben überall im Kleinen wie im Großen diese Keime für das Wohlsein bei der Hand, es sind rohe Diamanten, welche die Wissenschaft schleifen muß. Das Problem ist, diese Fetzen einer Assoziation, die in allen Zweigen der menschlichen Arbeit zerstreut sind, zu einem Mechanismus, einer allgemeinen Einheit zu verbinden, wo sie bisher nur mit Hülfe des Instinktes entstanden. Bisher hat die Wissenschaft diese Studie vermieden, die allein wahrhaft dringlich war. Ein Jahrhundert, das sich so vieler Vernachlässigungen in wissenschaftlicher Ordnung und Erforschung schuldig machte, mußte des Ueberblicks über das Ganze ermangeln; es hat weder die Eintheilung des ganzen Systems der Bewegung, noch die drei Einheiten wahrgenommen, woraus es hätte schließen müssen, daß die soziale und die materielle Welt im Widerspruch miteinander, also im Widerspruch mit der Einheit organisirt sind.«[9]

[Fußnote 9: Wir brauchen hier nicht auf die Einseitigkeit des Urtheils Fourier's über das achtzehnte Jahrhundert hinzuweisen; das achtzehnte Jahrhundert hat mehr geleistet, als vor ihm viele Jahrhunderte zusammengenommen.]

»_Was die soziale Bewegung betrifft, so sieht man jede interessirte Klasse der anderen das Böse wünschen, überall setzt sich das persönliche Interesse in Gegensatz zu dem Allgemeininteresse_. Der Arzt wünscht, daß seine Mitbürger recht viel Krankheiten bekommen, denn er würde zu Grunde gerichtet sein, wenn alle Welt ohne Krankheit stürbe; dasselbe geschähe den Advokaten, wenn jeder Streit schiedsrichterlich auszugleichen wäre. Der Geistliche ist interessirt, daß es viel Todte giebt und zwar viele reiche Todte, Beerdigungen à 1000 Franks. Der Richter ersehnt jährlich wenigstens 45.000 Verbrechen, damit die Gerichtshöfe stets beschäftigt, also nothwendig sind. Der Wucherer wünscht Hungersnoth; der Weinhändler Hagel; Architekten und Baumeister ersehnen Feuersbrünste. So handeln in diesem lächerlichen Mechanismus der Zivilisation die Theile gegen das Ganze und jeder Einzelne gegen Alle. Die ganze Ungeheuerlichkeit eines solchen Zustandes wird man erst begreifen, wenn man die sozietäre Organisation kennen lernt, wo die Interessen eine ganz entgegengesetzte Richtung nehmen; wo Jeder das Gesammtwohl wünscht, weil dieses seinem persönlichen Wohl am meisten entspricht. So zeigt sich überall statt der Einheitlichkeit der Handlung, welche die moralischen und politischen Wissenschaften rühmen, die allgemeine Doppelseitigkeit. Wenn je die Zivilisation über sich erröthen und das Bedürfniß nach einem anderen Zustande empfinden muß, so heute, wo alle ihre Illusionen zerstört sind; wo ihre Freiheit _als der Weg zur Anarchie_ erkannt ist, ihre Zerwürfnisse zum Despotismus führen und ihre Handelsmaximen den Wucher, den Betrug, den Bankerott begünstigen, _die Nationen schließlich unter das Joch des Monopols beugen_ und zur Dürftigkeit und Verarmung der Masse führen. So lösen sich alle Chimären von der Vollkommenheit dieser Gesellschaft auf, wodurch man uns in ihren Schafstall führte.«

»Will die Wissenschaft zum Ziele kommen, so muß sie folgende Grundsätze zur Richtschnur ihrer Bethätigung nehmen:

»Sie muß 1. das ganze Gebiet des Wissens erforschen und muß festhalten, daß nichts gethan ist, so lange noch etwas zu thun übrig bleibt; 2. die Erfahrung zu Rathe ziehen und sie zum Führer nehmen; 3. vom Bekannten zum Unbekannten vermittelst der Analogie vorschreiten; 4. von der Analyse zur Synthese übergehen; 5. nicht glauben, daß die Natur auf die uns bekannten Mittel beschränkt ist; 6. die Spannkräfte im ganzen sozialen und materiellen Mechanismus vereinfachen; 7. sich nur an die durch das Experiment festgestellte Wahrheit halten; 8. sich an die Natur schließen; 9. beachten, daß aus Irrthümern entstandene Vorurtheile keine Prinzipien sind; 10. die Thatsachen beobachten, die wir kennen lernen wollen und sich solche nicht vorstellen; 11. vermeiden, daß zum Schließen Worte mißbraucht werden, die man nicht versteht; 12. vergessen, was wir gelernt haben! Man muß die Ideen wieder an ihrer Quelle aufnehmen und die menschliche Einsicht wieder herstellen. Alsdann wird man zu der Einsicht kommen, daß Alles im System der Natur verbunden ist, und daß es zwischen ihren Theilen eine Einheit giebt. Der Mensch, als einer ihrer edelsten Theile, muß in Uebereinstimmung sein mit den Harmonien des Weltalls, also mit der mathematischen oder rationellen Harmonie, der planetären oder sozialen, der musikalischen oder sprechenden. (Einheit der Sprache, Weltsprache.) Ist der Mensch also bestimmt, sich den Harmonien zu assimiliren, so muß er das Band suchen, das ihn mit Allem vereinigt, dieses Band ist die Synthese von der Attraktion der Triebe.«

Fourier fährt dann fort: Er wolle an der Hand von Prinzipien, welche nicht er, sondern die Philosophen feststellten, die Erforschung der sozialen Bewegung vornehmen. Man werde sehen, wie die Sophisten, trotz solcher vortrefflichen Führer, wie ihre Prinzipien, auf alle Klippen geworfen wurden und der Menschheit nur sieben Geißeln brachten: Dürftigkeit, Betrug, Unterdrückung, Menschenschlächterei, klimatische Exzesse (Folge von Waldverwüstungen etc.), Krankheiten erzeugende Gifte, dogmatische Finsterniß. Es sei in der Natur begründet, daß jede soziale Periode ihre Aufmerksamkeit auf Fragen richte, die sie zu einer höheren Stufe der Entwicklung führten; so beschäftige man sich unter den Zivilisirten mit zwei Wegen, dem Handelssystem und der Freiheit. Das seien die beiden Paradepferde der Philosophen, die sie mit Vorliebe ritten. Man wolle die freie Zirkulation im Handel und komme zum Seehandelsmonopol; man wolle die Meinungsfreiheit und komme zur Herrschaft der Denunzianten und des Schaffots.[10]

[Fußnote 10: Anspielung auf die Zustände in der französischen Revolution während der Herrschaft des rothen und des weißen Schreckens.]

Nach der Gesundheit und dem Reichthum sei nichts werthvoller, als die Freiheit, diese müsse man in körperliche und soziale Freiheit scheiden. Der Gewohnheit entsprechend, Alles nur einseitig anzusehen, habe man nicht erkannt, daß die Freiheit zwei- und mehrseitig sein könne. Tausend Jahre vergingen, ehe man nur an die körperliche Freiheit (die Beseitigung der Sklaverei) dachte. Plato und Aristoteles hielten die Sklaverei für nothwendig. Letzterer erklärte sogar, »der Sklave sei der Tugend nicht fähig«. Unter dem Christenthum wurde die körperliche Freiheit allmälig durchgesetzt, aber noch existirte die Sklaverei vielfach.