Charles Fourier: Sein Leben und seine Theorien.
Chapter 5
Fourier betheiligte sich bei diesen Zeitschriften schriftstellerisch sehr eifrig und leistete zahlreiche Beiträge. Außerdem führte er auch den Kampf in der übrigen Presse, so weit diese seine Arbeiten aufnahm. Gegen Ende der zwanziger Jahre war er dauernd nach Paris übergesiedelt. Er hatte eingesehen, daß wenn er für seine Theorien mit Erfolg wirken wollte, er mitten in dem Zentralpunkt des öffentlichen Lebens von Frankreich sein mußte. Er hatte den durch die Zentralisation des Landes begründeten mächtigen Einfluß von Paris auf Frankreich für dessen ganzes öffentliches, wissenschaftliches, künstlerisches Leben entschieden bekämpft, ein Einfluß, der dazu führe, daß die größten Städte Frankreichs, wie Lyon, Bordeaux, Rouen u.s.w., in Bezug auf geistiges und künstlerisches Leben reine Landgemeinden seien und bei der in Deutschland herrschenden Dezentralisation von weit kleineren Städten, wie Weimar, Stuttgart, Gotha oder jeder beliebigen deutschen Universitätsstadt, überflügelt würden. Fourier beurtheilte überhaupt Paris, Frankreich und den Charakter seiner Landsleute im guten wie im schlimmen Sinne wie wenige seiner Zeitgenossen. Das war die Frucht seiner außerordentlichen scharfen Beobachtungsgabe. Aber der zentralisirenden Wirkung und dem Einfluß von Paris konnte er sich natürlich als Einzelner und als Mann, der auf seine Zeitgenossen wirken wollte, nicht entziehen, und so wählte er es zum Schauplatz seiner Thätigkeit. Da ist es denn für den Mann und den festen Glauben an sein System charakteristisch, daß während der letzten zehn Jahre, die er bis zu seinem am 9. Oktober 1837 in Paris erfolgten Tode verlebte, er Tag für Tag in der Mittagsstunde in seiner Wohnung den »Kandidaten«[4] erwartete, der ihm die Mittel für die Gründung einer Versuchsphalanx zur Verfügung stellen sollte. Vergeblich! Dagegen wurde im Jahre 1832 aus der Mitte seiner Anhänger heraus der Versuch, eine Phalanx zu gründen, gemacht, indem Einer derselben in der Nähe von Rambouillet 500 Hektaren Land für diesen Zweck zur Verfügung stellte. Aber man kam über die ersten Versuche nicht hinaus, weil die Mittel sehr bald ausgingen, ein Resultat, das Fourier bis an sein Lebensende mit begreiflicher Bitterkeit erfüllte.
[Fußnote 4: Fourier bezeichnete Diejenigen, die nach seiner Meinung die Mittel für die Versuchsphalanx besäßen, als Kandidaten und berechnete, daß es solcher 4000 in Europa gäbe.]
* * * * *
Hiermit haben wir in der Hauptsache den Lebenslauf des Begründers des Phalanstèren-Systems dargelegt, wie in einigen Hauptpunkten seine Grundgedanken entwickelt, und die Zeitverhältnisse kurz geschildert, unter welchen er sich Geltung zu verschaffen suchte. Es handelt sich nunmehr darum, sein System und seine Auffassungen nach seinen eigenen Ausführungen, wenn auch nur in knappster Form, zum Ausdruck zu bringen.
Seine Schüler haben im Jahre 1848 ein zweibändiges Sammelwerk herausgegeben, in dem sie unter dem Titel: »Die universelle Harmonie und das Phalansterium« (»L'harmonie Universelle et le Phalanstère«) eine Uebersicht der Theorien Fourier's gaben, worin ausschließlich er selbst zum Wort kommt. Dieses Werk haben wir theilweise für Nachstehendes mit zu Grunde gelegt. Fourier beginnt:
»Ich dachte an nichts weniger, als an Untersuchungen über die Bestimmung von Mensch und Welt, ich theilte die allgemeine Ansicht, welche sie als undurchdringlich ansah und ihre Berechnung unter die Visionen der Astrologen und Magiker reihte ... Seitdem die Philosophen[5] in ihrem ersten Versuch (in der französischen Revolution) den Beweis ihrer Unerfahrenheit geliefert haben, betrachtet Jeder ihre Wissenschaft als für immer abgethan. Die Ströme von politischer und moralischer Aufklärung erscheinen nur mehr als Illusionen. Nachdem diese Gelehrten seit fünfundzwanzig Jahrhunderten ihre Theorien vervollkommnet, alles alte und neue Wissen zusammengetragen haben, zeigt sich, daß sie uns statt der versprochenen Wohlthaten eben so viel Kalamitäten verschafften und daß die Zivilisation zur Barbarei neigt. Nach der Katastrophe von 1793 gab es keinerlei Glück von den erworbenen Aufklärungen mehr zu hoffen, man mußte das soziale Wohl durch eine neue Wissenschaft zu verwirklichen suchen. Solcher Art war die erste Betrachtung, welche mich die Existenz einer bisher noch unbekannten sozialen Wissenschaft vermuthen ließ und mich anregte, ihre Entdeckung zu versuchen. Ich ward dazu ermuthigt durch zahlreiche Merkmale, die Verirrungen der Vernunft und hauptsächlich durch den Anblick der schweren Geiseln, von denen unsere sozialen Zustände betroffen sind: Mangel, Entbehrungen, überall herrschender Betrug, Seeräuberei, Handelsmonopol, Sklavenhandel und viele andere Uebel. Ich gab dem Zweifel statt, ob dieser soziale Zustand nicht eine von Gott erfundene Kalamität sei, um das Menschengeschlecht zu züchtigen. Ich schloß, daß in diesem sozialen Zustand eine Umkehrung der natürlichen Ordnung vorhanden sei. Endlich dachte ich, wenn die menschliche Gesellschaft nach der Ansicht Montesquieu's 'von einer Krankheit der Entkräftung, einem inneren Uebel, einem geheimen versteckten Gift' behaftet sei, man ein Heilmittel finden könne, wenn man die von unseren Philosophen bisher innegehaltenen Wege vermeide. So machte ich zur Regel meiner Untersuchungen: _den absoluten Zweifel und die absolute Vermeidung bisher beschrittener Wege_ ... Da ich bisher keinerlei Beziehungen zu irgend einer wissenschaftlichen Partei hatte, so war es mir um so leichter, den Zweifel unterschiedslos anzuwenden und Ansichten mit Mißtrauen zu begegnen, die bisher universelle Zustimmung gefunden hatten. Was konnte es Unvollkommeneres geben, als diese Zivilisation mit allen ihren Uebeln? Was war _zweifelhafter, als ihre Nothwendigkeit und künftige Dauer_? Wenn vor ihr schon drei andere Gesellschaften bestanden, die Wildheit, das Patriarchat und die Barbarei, folgte daraus, daß sie die letzte sei, weil sie die vierte ist? Kann nicht noch eine fünfte, sechste, siebente soziale Ordnung entstehen, die weniger verhängnißvoll sind, als die Zivilisation, die aber noch unbekannt sind, weil Niemand sich die Mühe gab, sie zu entdecken? Man muß also die Nothwendigkeit, Vortrefflichkeit und stetige Dauer der Zivilisation in Zweifel stellen. Das haben die Philosophen nicht gewagt, weil sonst die Nichtigkeit ihrer bisherigen Theorien, die alle die Zivilisation verherrlichen, an den Tag kommen würde.«
[Fußnote 5: »Unter den Philosophen begreife ich«, sagt Fourier an einer Stelle, »nur die Autoren der unsicheren Wissenschaften (»sciences incertaines«), die Politiker, Moralisten, Oekonomisten und Methaphysiker, deren Theorien nicht auf der Erfahrung beruhen, sondern nur die Phantasie ihrer Urheber zur Basis haben. Wenn ich also von Philosophen spreche, spreche ich nur von dieser zweifelhaften Klasse, nicht von den Vertretern der bestimmten Wissenschaften (»sciences fixes«).« Fourier ging von der Ansicht aus, daß die französische Revolution nur ein Werk der Philosophen sei.]
In diesen wenigen Sätzen steckt bereits die Utopie, von der er und alle Seinesgleichen ausgingen. Der bestehende Zustand ist schlecht, kein Zweifel, aber er wird nur festgehalten, weil man keinen besseren kennt. Machen wir uns also an die Arbeit, erfinden wir einen besseren und dem Uebel ist geholfen. Doch sollte nach Fourier diese neue Gesellschaft keine willkürlich erfundene sein, sie sollte auf bestimmten mathematischen Berechnungen beruhen, und stimmten diese Rechnungen, und das entschied natürlich er selbst, so war der neue Zustand gegeben, und es hing nur von dem eignen Entschluß der Gesellschaft ab, ihren sozialen Zustand wie ein Paar Handschuhe zu wechseln, ruhig, friedlich, ohne Kampf und ohne Reibung. Denn wo Allen das Glück blüht, wie kann da Jemand zaudern?
Er entschloß sich also, Alles zu bezweifeln, doch dachte er noch nicht an die Bestimmungen. Er verfiel zunächst, wie er sagt, auf zwei sehr gewöhnliche Probleme, deren beide Prinzipien waren »die Ackerbaugesellschaft« (»association agricole«) und die indirecte Unterdrückung des Handelsmonopols der Insularen, der Engländer.
England sah bekanntlich in dem Aufschwung Frankreichs nach der französischen Revolution einen gefährlichen Konkurrenten entstehen, dazu kam die Befürchtung wegen der Rückwirkung der revolutionären Ideen auf die eigene Bevölkerung und, wie schon bemerkt, der Haß, daß Frankreich die Unabhängigkeitsmachung seiner nordamerikanischen Kolonien, der späteren Vereinigten Staaten, unterstützt hatte. Mit seiner Seemacht beherrschte England alle Meere und den ganzen Handel, und bei dem Widerwillen, den Fourier in der eignen Praxis gegen den Handel eingesogen hatte, mußte sich dieser Widerwille auch auf die größte Handelsmacht, die, wie er behauptete, alle diese perfiden Handelsdoktrinen nicht blos vertrat, sondern auch erzeugt hatte, wenden. Zunächst beschäftigte er sich mit der ländlichen Assoziation, und über dem Nachdenken über ihre Organisation kam er auf die Theorie der Bestimmungen. Die Lösung dieses Problems führt, nach ihm, zur Lösung aller politischen Probleme. »Die Philosophen hielten die Ackerbaugenossenschaft für ebenso unmöglich, wie die Abschaffung der Sklaverei, weil die Genossenschaft bisher nie existirte. Sehend, daß bei dem Dorfbewohner jede Haushaltung auf eigene Faust arbeitet, kannten sie keine Mittel, sie zu vereinigen, und doch würden unzählige Verbesserungen daraus entstehen, wenn man die Bewohner jedes Fleckens zu gemeinsamer Thätigkeit vereinigen könne, proportional ihrem Kapital und ihrer Thätigkeit. Also 2-300 Familien, ungleich an Vermögen, die einen Bezirk (»canton«) kultivirten. Das Hinderniß schien enorm. Man kann kaum 20, 30, 40 Individuen zu gemeinsamer Thätigkeit verbinden, wie hunderte? Und doch wären mindestens achthundert nöthig für eine natürliche und ihre Mitglieder anziehende Assoziation.«
»Ich verstehe darunter«, sagt er, »eine Gesellschaft, deren Mitglieder durch Wetteifer und Eigenliebe und andere Mittel, die mit dem Interesse verträglich, an die Arbeit gefesselt sind. Die Ordnung, um die es sich handelt, muß für die, welche sie üben, anziehend sein, während heute die Beschäftigung mit der Landwirthschaft widerwärtig erscheint und nur ausgeübt wird aus Furcht, Hungers zu sterben. Eine solche Organisation erscheint lächerlich, und doch ist sie möglich. Die landwirthschaftliche Assoziation, die, wie ich unterstelle, an tausend Personen umfaßt, liefert so enorme Vortheile, daß sie im Vergleich zum heutigen Zustand als Zustand der Sorglosigkeit erscheint. Das hat selbst ein Theil der Oekonomen zugestanden, nur haben sie sich nicht die Mühe gegeben, die Ausführungsweise zu entdecken. Sie erkennen selbst an, daß z.B. dreihundert Dorffamilien nur einen einzigen, sorgfältig erbauten und eingerichteten Kornboden würden nöthig haben, anstatt 300 meist sehr schlechter; eine einzige Kellerei (für den Wein) anstatt 300 derselben, die meist mit vollständiger Unkenntniß behandelt werden. Statt daß hundert Boten mit Milch nach der Stadt gehen und hundert halbe Tage versäumen, würde ein einziger genügen, der mit einem Wagen fährt. Das sind nur einige von den zunächst in die Augen fallenden Ersparnissen, und sie würden sich verzwanzigfachen lassen. Aber wie eine Gesellschaft verschmelzen, in der die eine Familie 10.000 Franken, die andere keinen Obolus besitzt? Wie alle die Eifersüchteleien vermeiden und zu _einem_ Plan die Interessen verbinden? Wie aussöhnen so viel widerstreitende Interessen und so viel entgegenstrebende Willen versöhnen? Darauf antworte ich: durch die Lockung von Reichthum und Vermögen. Der stärkste Trieb für den Landmann wie für den Städter ist der Gewinn. Wenn die Betheiligten sehen, daß die sozietär organisirte Arbeit ihnen drei-, fünf-, sechsmal mehr Vortheile einbringt, als in der isolirten Privatwirthschaft, daß allen Assoziirten die verschiedensten Genüsse gesichert sind, so werden sie alle ihre Eifersüchteleien vergessen und sich beeilen, der Assoziation beizutreten; sie wird sich rasch über alle Regionen ausbreiten, denn überall haben die Menschen den Trieb nach Reichthum und Genüssen.«
»Wenn die Götter allen Sterblichen drei Wünsche auszusprechen gestatteten, welches würden die einstimmigsten Wünsche sein, die der Gelehrten eingeschlossen: Reichthum, Gesundheit und Langlebigkeit; und damit wäre der vierte Wunsch eingeschlossen: genügend Klugheit, um diese Güter entsprechend zu benutzen«, so definirt er an einer andern Stelle das Streben der Menschen.
»Die landwirthschaftliche Assoziation wird also das Schicksal des Menschengeschlechts ändern, weil sie den Allen gemeinsamen Trieben Rechnung trägt. Wilde und Barbaren werden sich ihr anschließen, da die Triebe überall die gleichen sind. Dieser neuen Organisation gebe ich drei Namen: »progressive Serien« (Reihen) oder Serien »von Gruppen«, »Serien der Triebe«. Ich verstehe unter der Bezeichnung Serie einen Zusammenhang mehrerer assoziirter Gruppen, welche sich den verschiedenen Zweigen ein und derselben Industrie -- das Wort »Industrie« bedeutet bei Fourier jede nützliche, menschliche Bethätigung -- »oder ein und desselben Triebes sich widmen.«
»Die Theorie von den Serien der Triebe ist nicht willkürlich eingebildet, wie unsere sozialen Theorien. Die Ordnung der Serien ist in allen Stücken analog den geometrischen Serien aller unserer Eigenschaften, wie das Gleichgewicht der Rivalitäten zwischen den extremen und den mittleren Gruppen vorhanden ist. Die Triebe harmonisiren sich, je mehr sie sich in den Serien der Gruppen regelmäßig entwickeln; außerhalb dieses Mechanismus sind sie entfesselte Tiger, unbegreifliche Räthsel, darum verlangen die Philosophen, daß man die Triebe (das Wort Triebe ist auch stets im Sinne von Leidenschaften, »passions«, zu verstehen. Anmerk. des Verf.) unterdrücken müsse. Das ist eine doppelte Absurdität. Man kann die Triebe nicht anders als durch Gewalt unterdrücken, oder dadurch, daß sie sich gegenseitig aufzehren. Unterdrückt man sie aber, so muß der zivilisirte Zustand rasch in Verfall gerathen und in das Nomadenthum zurückfallen. Ich glaube weder an die Tugend der Hirten, noch an diejenige ihrer Apologeten.«[6]
[Fußnote 6: Ein Hieb gegen Jean Jacques Rousseau und seine Verehrer, die den »Naturzustand« als den glücklichsten, tugendhaftesten Zustand priesen und im Hirtenleben eine Art Ideal sahen. Jahrzehnte vorher schon spielte die feudale Gesellschaft in ganz Europa, der französischen Hofgesellschaft nachäffend, ihre idyllischen Schäferspiele, wobei aber regelmäßig die Wolfsnaturen zum Vorschein kamen. Der Verfasser.]
Die sozietäre Ordnung wird der Zivilisation folgen, aber sie läßt weder Mäßigung noch Gleichheit, noch andere Gesichtspunkte der Philosophen zu; je glühender und geläuterter die Triebe, je lebhafter und zahlreicher sie sind, um so leichter wird die Assoziation sich bilden. Man soll nicht die Natur der Triebe, die Gott dem Menschen gegeben hat, ändern, man soll ihnen nur die rechte Richtung geben. Meine Theorie beschränkt sich auf die nützliche Anwendung der Triebe, wie die Natur sie giebt und ohne sie zu ändern. Darin besteht das ganze Geheimniß von der Berechnung über die Attraktionen der Triebe. Man streitet nicht, ob Gott Recht oder Unrecht hatte, daß er dem Menschen so oder so die Triebe schenkte, die sozietäre Ordnung wendet sie an, wie Gott sie gab, ohne etwas daran zu ändern.«
»Wenn also in der sozietären Ordnung die Geschmäcker sich ändern, so z.B., daß die Menschen das Landleben der Stadt vorziehen, so ändert sich _nur_ der Geschmack, nicht die Triebe. Die Liebe zum Reichthum und für die Vergnügungen bleibt immer. Die Zivilisirten werden über den neuen Sozialzustand ganz anders urtheilen, sobald sie sehen, daß z.B. die Kinder, die heute nur schreien und sich zanken, Alles zerbrechen und sich zu beschäftigen weigern, in der Serie von Gruppen sich nur mit nützlichen Arbeiten aller Art beschäftigen, unter sich in Wetteifer gerathen, ohne daß man sie dazu anreizt; daß sie sich gegenseitig aus freiem Willen über die Kulturen, die industriellen Beschäftigungen, die Künste und Wissenschaften belehren, also daß sie erzeugen und Vortheile schaffen, indem sie sich zu ergötzen glauben. Wenn ferner die Zivilisirten sehen, daß man in einer Phalanx für ein Drittheil der Kosten ein viel besseres Mahl erhält, als in der Privatwirthschaft; daß man in der Serie dreimal angenehmer, reichlicher bedient ist; daß man dreimal besser sich nährt und dreimal weniger ausgiebt, als in der alten Ordnung und dabei all' die Unannehmlichkeiten und Verlegenheiten für die Vorbereitungen und Anschaffungen erspart; wenn ferner bewiesen wird, daß die Beziehungen in der Serie keinerlei Täuschungen zulassen; daß bei dem Volk, heute so ungeschliffen und falsch, die Wahrheit und Gesittung einkehren wird; wenn das Alles die Zivilisirten sehen, so werden sie einen Abscheu vor ihrem jetzigen Zustand bekommen, sie werden sich beeilen, in die Assoziation einzutreten und ihr Gebäude zu errichten.«
Fourier geht nun dazu über, darzulegen, wie er zu der neuen Wissenschaft gekommen sei. »Das Erste, was ich entdeckte, war die Anziehung der Triebe. Ich erkannte, daß die fortschreitenden Serien den Trieben der beiden Geschlechter, den verschiedenen Lebensaltern und Klassen die volle Entwicklung sichern, daß in der neuen Ordnung man um so mehr Kraft und Vermögen erlangen werde, je mehr Triebe man habe und schloß, daß, _wenn Gott so viel Einfluß_ der _Anziehung der Triebe gegeben_ und _so wenig Einfluß der Vernunft, ihrem Feinde_, dieses geschehen sei, um uns zur Organisation der fortschreitenden Serien zu führen, welche in jedem Sinne die Anziehung befriedigen ... Die Sophisten glauben das Problem, das daraus entsteht, daß unsere Triebe scheinbar mit unserer Vernunft im Widerspruch stehen, dadurch zu erklären, daß sie sagen: Gott gab die Vernunft, damit wir den Trieben widerstehen. Es ist aber sicher, daß er sie dazu _nicht_ gab. Will man die Vernunft der Anziehung der Triebe gegenüberstellen, so ist dies selbst von Seiten der Verherrlicher der Vernunft ein ohnmächtiges Beginnen; die Vernunft hat _nie_ Bedeutung, sobald es sich darum handelt, unsere Neigungen zu unterdrücken. Die Kinder werden nur durch Furcht, junge Leuten nur durch Mangel an Geld zurückgehalten, ihren Neigungen zu fröhnen. Das Volk wird durch die Zurüstungen für Strafen, das Alter durch verschlagene Berechnungen, welche die wilden Leidenschaften des Jugendalters aufsaugen, zurückgehalten, aber Niemand durch die Vernunft, die ohne Zwangsmittel nichts gegen die Leidenschaften vermag.«
»Die Vernunft ist also ohne irgend welchen Einfluß, und je mehr man den Menschen beobachtet, um so mehr gewahrt man, daß Alles in ihm auf Attraktion beruht. Der Mensch hört nur insofern auf seine Vernunft, als sie ihn lehrt, die Genüsse zu raffiniren und damit die Attraktion um so mehr zu befriedigen.« Gott hat also die Vernunft dem Menschen nur gegeben, damit sie ihm hilft, seine Triebe zu vernützlichen, ihnen erst den rechten Aufschwung zu verleihen.
»Die Theorie der Anziehung und des Rückstoßes der Triebe ist fixirt und voll anwendbar auf die Theoreme der Geometrie und muß großer Entwicklungen fähig sein. Ich erkannte bald, daß die Gesetze der Attraktion der Triebe in jedem Punkt den durch Newton und Leibnitz angewandten Gesetzen der materiellen Anziehung konform seien und _daß es eine Einheit des Systems der Bewegung für die materielle und geistige Welt gebe_. Ich kam dann durch Untersuchungen zu der Ueberzeugung, daß die Analogie der allgemeinen Gesetze sich auf die besonderen Gesetze ausdehne, daß die Attraktion und die Eigenschaften der Thiere, Pflanzen, Mineralien koordinirt seien nach demselben Plan, wie diejenigen der Menschen und Gestirne. So kam ich zu der neuen Wissenschaft: _der Analogie der vier Bewegungen_, der materiellen, organischen, thierischen und sozialen, oder zur Analogie der Modifikation der Materie mit der mathematischen Theorie der Triebe des Menschen und der Thiere.«[7]
[Fußnote 7: Später änderte Fourier die Bezeichnung der Bewegungen und erhöhte sie, wie schon erwähnt wurde, auf fünf: 1. Die materielle, welcher die Erde, 2. die organische, welcher das Wasser, 3. die normale, welcher die Arome (Elektrizität, Magnetismus), 4. die instinktuellen, welcher die Luft, 5. die soziale oder passionelle, welcher das Feuer entspricht. Die eigentliche praktische Bedeutung dieser fünf Bewegungen oder Antriebe wurde bereits weiter oben auseinandergesetzt.]