Charles Fourier: Sein Leben und seine Theorien.

Chapter 4

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Fourier will in seiner Phalanx Kapital, Arbeit und Talent berücksichtigen und zwar in der Weise, daß die Arbeit Fünfzwölftel, das Kapital Vierzwölftel, das Talent Dreizwölftel des Ertrags zugewiesen erhält. Die beiden Geschlechter sind vollkommen gleichberechtigt, sie arbeiten, vergnügen und lieben sich miteinander, wie die Neigung sie zu einander führt. Wie alle Thätigkeit und die Vergnügen gemeinsam sind, so ist auch die Kindererziehung eine gemeinsame. Die Kinder sind das dritte neutrale Geschlecht, ihrer Erziehung widmet er in seinen Werken einen breiten und hochinteressanten Raum. Es existiren nicht viele Menschen, die, wie Fourier, die menschliche Gesellschaft in allen Lebensaltern und Lebensstellungen beobachteten und studirten, und so hat er auch den Kindescharakter mit wunderbarer Gründlichkeit und Tiefe erfaßt und darauf sein Erziehungssystem begründet. Es wird keinen Pädagogen geben, der nicht heute noch die bezüglichen Kapitel mit großem Vergnügen und mit Nutzen liest.

Die Kinder werden vom ersten Tage der Geburt ab gemeinsam in großen, für diesen Zweck auf's Bequemste und Opulenteste eingerichteten Sälen gepflegt und erzogen. Ihre Pflege übernehmen Pflegerinnen von verschiedenem Lebensalter, die sich freiwillig und aus Trieb, wie bei Allem, was in der Phalanx geschieht, diesem Dienste widmen. Sobald sich der Charakter der Kinder entwickelt, werden sie darnach in die verschiedenen Säle vertheilt. Die Pflegerinnen sind in Serien und Gruppen organisirt, sie sind Tag und Nacht zugegen und werden in den üblichen Zwischenräumen abgelöst. Die Mütter können nach Neigung unter den Pflegerinnen leben. Fourier meint aber, die Mehrzahl werde es vorziehen, ihren gewohnten Beschäftigungen und Unterhaltungen nachzugehen und nur in den Stunden der Nahrung sich einfinden, überzeugt, daß ihren Kleinen Nichts fehlt und Nichts abgeht. Für Spielen und Unterhaltungen der Kleinen ist reichlich gesorgt. Vom dritten Lebensjahre ab werden sie nach ihrem Alter klassifizirt und spielend in die verschiedenen leichten Beschäftigungen des Haushalts eingeführt und zu Handarbeiten angehalten. _Jeder Zwang ist ausgeschlossen_. Zweckdienlich eingerichtete Spielsäle, Küchen, kleine Werkstätten, mit kleinen Werkzeugen und Maschinen versehen, geben ihnen Gelegenheit, ihre Triebe und Fähigkeiten zu bethätigen. Der eigentliche geistige Unterricht beginnt erst mit dem neunten Jahr, nachdem inzwischen die körperliche Erziehung, die unter dem Namen der »Oper« Gesänge, Tänze, Musik, körperliche Uebungen aller Art umfaßt, um die Kinder gewandt zu machen, zu richtigem Maß und Ausdruck im Sprechen, in Geberden und Bewegungen zu erziehen, eine feste Grundlage erlangt hat. Die Erziehung währt in verschiedenalterigen Abstufungen bis zur vollständigen körperlichen Reife der Geschlechter, also bis zum 16., 18. und selbst 20. Lebensjahr. Wir kommen bei der späteren Darlegung der Fourier'schen Theorien auf diese Dinge ausführlicher zurück.

Das Verhältniß der beiden Geschlechter zueinander ist im Fourier'schen System das denkbar freieste. Die Kritik, die Fourier an die Beziehungen der Geschlechter in unserer Gesellschaft, an die Form der heutigen Ehe mit ihren Auswüchsen, ihrer Käuflichkeit, ihrer Heuchelei, ihrem Zwange gegen den einen oder anderen, oder gegen beide Theile, übt, gehört zu dem Schärfsten, was hierüber geschrieben wurde.

Die Kritik der Beziehungen der Geschlechter zu einander, wie die Kritik des Handels, den er wie kein Zweiter kannte, zogen ihm hauptsächlich die Entrüstung und den Zorn der Gegner zu, verletzten Diejenigen am meisten, die in dem einmal Ueberlieferten die beste der Welten sahen. Mit seiner Theorie der freien Liebe, seiner Darstellung der sechsunddreißig Arten der Hahnreischaft und des Ehebruchs, die nach ihm existiren und die er noch zu vervollständigen sich anheischig machte; mit seiner Bloßlegung der lügnerischen und gaunerhaften Praktiken des Handels, des Geld- und Lebensmittelwuchers, des Schachers mit Grundstücken und Effekten, der Börsenmanöver, hatte er in verschiedene und sehr gefährliche Wespennester gestochen. Er rief einen solchen Sturm gegen sich wach, daß er selbst später für angemessen fand, zu erklären, Alles, was er über die Beziehungen der Geschlechter in seinen Schriften ausgeführt habe, könne erst von der dritten Generation ab, nach Gründung seines Systems, zur Durchführung kommen. Die jetzt noch übermäßig herrschenden Vorurtheile, wie die physischen Uebel und Gebrechen, die das gegenwärtige System erzeugt habe, müßten erst allmälig ausgerottet werden. Dagegen fuhr er fort, durch historische Darlegung und Kritik der geschlechtlichen und der Eheverhältnisse bei den alten Völkern, besonders an der Hand der Bibel, ihrer Erzählungen über die Nachkommen der ersten Menschen, die Lebensweise der Erzväter, dann David's, Salomo's u.s.w. nachzuweisen, welche Phasen die Geschlechtsverhältnisse der Menschen durchgemacht und wie wenig Anstoß selbst Gott daran genommen habe, indem er allen diesen aus dem alten Testament angeführten Personen fortgesetzt sein Wohlwollen und seine Gnade erhalten habe.

Unter den neuen Lebensverhältnissen, die Fourier erstrebt, genießen die Menschen nicht nur das volle Glück, sie werden auch bei ihrer gesunden und naturgemäßen Lebensweise ein sehr viel höheres Lebensalter erreichen, als heute. 144 Jahre werden das Durchschnittsalter sein. Sie könnten also wenigstens volle achtzig Jahre die Liebe genießen, was doch wohl, wie er meint, eine zu lange Zeit sei, um mit einem Mann oder einer Frau ausschließlich leben zu sollen, »täglich von derselben Platte zu essen«. Da ferner mit dieser längeren Lebensdauer auch die Vermehrung der Menschen entsprechend wachse, sei Urbarmachung neuen Bodens, Ansiedelung in bisher wenig bevölkerten Ländern und Erdtheilen geboten. Aber auch dieses Hülfsmittel werde bald der Vermehrung ein Ziel setzen, wenn nicht gleichzeitig mit der Entwicklung des Menschengeschlechts durch die neue soziale Organisation unser Erdball in klimatischer Beziehung bis zum höchsten Nord- und Südpol eine vollständige klimatische Umwandlung durchmache, die auch auf den anderen Planeten und Fixsternen ähnlich sich vollziehen soll.

Hier entwickelt nun Fourier ein kosmogenetisches System, das zu dem Phantastischsten gehört, das ein Mensch erdenken kann. Es ist namentlich dieser Theil seiner Abhandlungen, der ihm den meisten Spott, ihm hauptsächlich den Titel des »Visionärs«, des »Narren« eingetragen hat. Das ganze Universum ist nach Fourier, und hier beruft er sich auf Schelling, »das Spiegelbild der menschlichen Seele«.

Die Welt ist dem Menschen zu Liebe geschaffen; nach seinem Tode wandert er von Planet zu Planet zu immer höherer Vollkommenheit, eine Idee, die freilich auch in anderen Köpfen, selbst heute noch, spukt und nicht blos in den untern Schichten. -- »Die Kanaille will ewig leben.«

Jeder Planet wird geboren; er hat, wie der Mensch, sein Alter der Kindheit, der auf- und absteigenden Entwicklung und des Todes. Auch die Menschheit stirbt, und zwar nach einer Gesammtlebensdauer von 80.000 Jahren, die sich in vier Phasen abwickeln. Die Phase der Kindheit, in deren letzter Periode wir uns befinden, dauert 5000 Jahre; die Phase der aufsteigenden Entwicklung währt 35.000 Jahre; die Phase des allmäligen Niedergangs ebenfalls 35.000 Jahre. Dann folgt die Phase der Altersschwäche wieder mit 5000 Jahren, worauf der Tod der Menschheit und der Erde eintritt. Innerhalb des Zeitraums von 80.000 Jahren erlebt die Menschheit 32 Entwicklungsperioden -- wir befinden uns in der fünften, der Zivilisation --, und innerhalb der verschiedenen Perioden giebt es verschiedene Neuschöpfungen, durch welche auch die Thier- und Pflanzenwelt und das Klima, entsprechend der höheren Entwicklung des Menschen, sich in höherer Vollkommenheit entfalten werden. Mit der achten Periode, der Harmonie, beginnt die Aurora des Glücks. Es wird die Nordpolkrone (»Couronne boréale«) geboren, die dann, gleich der Sonne, nicht blos Licht, sondern auch Wärme verbreitet und damit eine Reihe neuer Schöpfungen einleitet. Die Wirkung der Nordpolkrone wird sein, daß Petersburg und Ochotsk ein ähnliches Klima bekommen, wie Kadix und Konstantinopel, daß das Klima der sibirischen Eisküsten dem von Marseille und dem Golf von Genua gleicht, und daß eine Fruchtbarkeit dieser nördlichen Erdtheile beginnt, die mit jener der tropischen Länder wetteifert. Gleichzeitig wird durch die Einwirkung des Fluidums der Nordpolkrone und durch die Veränderung des Klimas das Meer sich umbilden und einen limonadeartigen Geschmack annehmen. Die jetzigen, den Menschen feindlichen und schädlichen Meerungeheuer, wie der Hai etc., werden zu Grunde gehen und durch neue Schöpfungen, wie Anti-Hai, Anti-Walfisch, ersetzt werden, Thiere, die dem Menschen freundlich sind und ihm ihre Dienste zum Ziehen der Schiffe etc. leihen werden. Alle _nützlichen_ Fische und Seethiere, wie der Hering, der Kabeljau, die Auster u.s.w., werden trotz der Veränderung des Meeres erhalten bleiben und sich wesentlich vermehren. Ganz ähnlich vollzieht sich die Umgestaltung auf dem Lande. Alle wilden Thiere (Löwe, Tiger, Leopard, Wolf etc.) und alle giftigen Reptile oder widerlichen Insekten, ebenso die giftigen und schädlichen Pflanzen verschwinden und werden durch für den Menschen nützliche Neuschöpfungen ersetzt. So entsteht z.B. der Anti-Löwe, der zahm ist und sich freiwillig dem Menschen als Reitthier anbietet.

Sobald der ganze Erdball mit Phalanxen bedeckt ist, wird er zwei Millionen derselben mit vier Milliarden Menschen aufweisen. Alsdann wird Konstantinopel Hauptstadt der Welt und wird der von allen Phalanxen ernannte Omniarch, als Herrscher der Welt, seinen Sitz dort nehmen. Worin aber das Herrscheramt dieses Omniarchen besteht, ist schwer zu sagen, darüber giebt Fourier keine Auskunft. Mit der Zahl von vier Milliarden ist das Maximum der Bevölkerungsziffer erreicht; denn wenn die Menschen sich anfangs stark vermehrten, so läßt die Fruchtbarkeit des Geschlechts allmälig und namentlich in dem Maße nach, wie neben den Männern insbesondere auch die Frauen größer und stärker werden, ihre geistige und körperliche Entwicklung und die opulente Lebensweise zunimmt. Fourier glaubt, schon jetzt in unserer Gesellschaft die Beobachtung gemacht zu haben, daß Frauen von großer Körperkraft und Körperfülle und höherer geistiger Entwicklung und in günstigen materiellen Verhältnissen lebend, weniger Kinder gebären, als solche von schwächlicher, magerer Konstitution, so daß Erstere häufig sogar unfruchtbar seien.

Aehnliche Umgestaltungen und Veränderungen, wie auf unserm Globus, vollziehen sich auf allen übrigen Planeten und geben dem Menschen die Gewähr, daß er auch nach seinem Tode auf der Erde in ungemessenen Zeiträumen von einem zum andern Planeten wandert, von denen immer einer vollkommener als der andere ist und immer höhere Genüsse dem Menschen in Aussicht stellt. Ganze Planetensysteme werden sich noch bilden, um in der Sternenwelt dieselbe Harmonie, das obere Klavier (»clavier majeur«) herzustellen, wie diese Harmonie auf der Erde in dem Klavier der menschlichen Seele, das 810 Charaktereigenschaften aufweist, sich hergestellt hat. Das Charakteristische in allen diesen Auseinandersetzungen Fourier's sind die bestimmten mathematischen Verhältnisse und die Analogien, mit denen er rechnet. Alles drückt sich bei ihm in bestimmten Zahlen aus. Alle Lebensäußerungen und Erscheinungen in der Welt lassen sich in bestimmten mathematischen Zahlenverhältnissen zum Ausdruck bringen. Fourier steht hier ganz auf dem Boden des Pythagoras (540-500 vor unserer Zeitrechnung), der bekanntlich eine Philosophie der Zahlenlehre für alle Erscheinungen begründete.

Ebenso sieht Fourier überall Analogien; jede unserer Pflanzen, jedes Thier entspricht irgend einem Menschencharakter, dabei kommt er zu ergötzlichen Vergleichen. Ferner entsprechen die 32 Zähne des Menschen den 32 Entwicklungsperioden der Menschheit und den 32 Planeten unseres Planetensystems, die nach ihm dieses zählen muß.

Die phantastischen Spekulationen Fourier's über die Entwicklung von Menschen und Welt waren es, die ihm im spottsüchtigen Frankreich am meisten schadeten. Später gab er auch diesen Theil seiner Ansichten ausdrücklich preis, sich damit entschuldigend, daß im Jahre 1808 seine Kenntnisse und Entdeckungen noch sehr mangelhaft gewesen seien, daß er für das Studium auf die Nächte angewiesen gewesen sei und er manche ihm nöthige Wissenschaft habe vernachlässigen müssen. Im Uebrigen aber hätten, meinte er, diese seine kosmogenetischen Ansichten mit seinem eigentlichen sozialen System nichts zu thun und schädigten und berührten dieses eben so wenig, als die Träumereien Newton's über die Auslegung der Apokalypse dessen Entdeckung über die Attraktion und Gravitation der Weltkörper geschädigt und berührt habe. Ueberdies erlebte Fourier die Erfindung und Anwendung des Dampfschiffs und der Eisenbahnen, und damit war für ihn handgreiflich der Beweis geliefert, daß die Menschheit nunmehr mit einer Schnelligkeit Meere zu durchschneiden und Länder zu durcheilen vermochte, daß sie den Anti-Hai des Meeres und den Anti-Löwen des Landes sehr wohl entbehren konnte. Wer hatte überhaupt zu Anfang dieses Jahrhunderts von bedeutenden Männern keine Träumereien? Schiller in seinen Räubern, Göthe in seinen Wilhelm Meister's Lehr- und Wanderjahren, Fichte in seinem »geschlossenen Handelsstaat« malten die Welt auch ganz anders, als sie der großen Mehrzahl der gleichzeitig mit ihnen lebenden »vernünftigen Leute« sich darstellte. Geniale Menschen haben das Recht, zu »träumen«, sie helfen mit ihren »Träumen« der Menschheit mehr, als der große Troß des Philisterthums mit seinen »vernünftigen« Gedanken.

Wir wiederholen, man darf nie einen Mann und seine Geistesprodukte mit dem Maßstab einer _späteren_ Zeit messen. Wie jeder Mensch, der bedeutendste wie der geringste, das Kind seiner Zeit ist, so wird er auch über seine Zeit nicht hinaus können; er kann der Vorgeschrittenste in ihr sein, außer ihr steht er nicht. Eine bewußte Arbeiterklasse gab es zu Anfang dieses Jahrhunderts nicht, konnte es nicht geben; die moderne, industrielle Arbeiterklasse war erst im Entstehen, und so weit die Arbeiter am öffentlichen Leben sich betheiligten und sich dafür interessirten, bildeten sie die Gefolgschaft der Bourgeoisie, wie sie dies in Deutschland im Anfang der sechziger Jahre noch waren. In Frankreich lagen damals die Verhältnisse noch ganz anders. Die Ideen der großen Revolution besaßen noch einen Glanz und hatten einen Enthusiasmus in den Massen verbreitet, der lange und tief nachwirkte.

Warum jene glänzenden Ideen der bürgerlichen Ideologen in der Revolution sich nicht verwirklicht hatten, nicht verwirklichen konnten, erwähnten wir schon. Dazu kam, daß die napoleonischen Kriege Frankreich unausgesetzt in Athem hielten und die öffentliche Aufmerksamkeit in Anspruch nahmen. Ueberdies hatten zu jener Periode die Arbeiter in Frankreich ihre goldene Zeit. Durch das bereits erwähnte gegen England gerichtete vollständige Abschließungssystem und die damit treibhausartig gezüchtete Großindustrie -- Zuckerfabrikation, Baumwollenfabrikation, Seidenindustrie etc. -- in Verbindung mit der fortgesetzten Hinopferung von Hunderttausenden der besten Kräfte im Mannesalter, in den ununterbrochenen Kriegen, war die Nachfrage nach Arbeitern groß, die Löhne standen hoch und die Arbeiter lernten erst jetzt eine Menge Bedürfnisse kennen und befriedigen, von denen sie früher keine Ahnung hatten. Da bekümmerten sie sich nicht um neue soziale Theorien, namentlich wenn diese ihnen in so fremder, schwer verbindlicher und unverdaulicher Form geboten wurden, wie sie Fourier's erstes Hauptwerk enthielt. Fourier ist überhaupt schwer verständlich, es mangelt ihm die logische Zusammenfassung und die klare Ausdrucksweise. Daneben hat er sich eine Nomenklatur gebildet und wendet diese mit Vorliebe an, die eine Verdeutlichung sehr schwer, manchmal fast unmöglich macht.

Als nach Beendigung der napoleonischen Kriege und nach der Beseitigung Napoleon's Frankreich anfing, sich wieder mit sich selbst zu beschäftigen, traten andere Erscheinungen in den Vordergrund, die das allgemeine Interesse in Anspruch nahmen. Gleichzeitig mit den Bourbonen und unter dem Schutz der Bayonette der heiligen Allianz war ein ganzes Heer ehemals emigrirter Pfaffen und Adeliger mit ihrer Nachkommenschaft eingerückt, die jetzt wie ein Schwarm Heuschrecken sich über das Land ergossen, Ersatz für das einst Verlorene, Belohnung und Vergeltung für das meist sehr zweifelhaft Geleistete aus öffentlichen Mitteln verlangten, und nach möglichster Wiederherstellung der Zustände des »ancien regime« sich sehnten und dazu drängten. Zwar hatte schon Napoleon versucht, seinen Frieden mit den alten Ständen zu machen; er hatte neben dem alten einen neuen Adel kreirt, weil er einsah, daß er seinen neu gezimmerten Thron nicht ohne solche Stützen auf die Länge zu halten vermochte, und mit dem Papst hatte er sich auch verständigt. Aber es war doch nur ein kleiner Theil des Adels, der von Napoleon befriedigt war, und der Herr und Meister zwang diesen Adel zur Bescheidenheit. Das wurde nach 1815 anders. Jetzt brach der alte Adel in Schaaren in das Land, er hielt den Tag der Ernte nach so langer Entbehrung für gekommen. Die reaktionären Strebungen kamen überall zum Vorschein. Eine Reihe von Jahren ließ sich das niedergetretene Frankreich diesen Zustand gefallen, dann aber ermannte es sich allmälig. Die Bourgeoisie, die sich in erster Stelle zurückgedrängt und beunruhigt sah, wurde oppositionell, und Alles, was von den Ideen der großen Revolution erfüllt war, noch voll Begeisterung und Enthusiasmus glühte, erhob sich zum Kampf, der schließlich in dem Sturz der Bourbonen in der Julirevolution zunächst sein Ende fand. Aber später dauerten die Kämpfe fort und führten namentlich zur Gründung der geheimen revolutionären Gesellschaften, an denen auch die Arbeiter in stärkerem Maße sich betheiligten. Das war keine Strömung, die den auf Aussöhnung und Ausgleichung der Gegensätze gerichteten Bestrebungen Fourier's günstig war. Dazu kam noch eine gewisse Zurückhaltung seinerseits, er blieb den politischen Kämpfen vollständig fern, seine Natur war nicht für die öffentliche Propaganda und die Agitation gemacht.

Die Aufnahme, die Fourier's erstes Werk: »Die Theorie der vier Bewegungen«, gefunden hatte, war nicht sehr ermunternd. Das Buch fand geringen Absatz und Fourier's Mittel waren erschöpft. Eine kleine Hülse, die ihn vor dem Mangel schützte, erhielt er durch ein Legat seiner Mutter, die 1812 starb, ein Legat, das ihm jährlich 900 Franken einbrachte. Bis zum Jahre 1816 arbeitete er in verschiedenen kaufmännischen Stellungen, dann zog er sich auf's Land zurück und widmete sich fünf Jahre gänzlich seinen Studien und Berechnungen. Endlich, im Jahre 1822, erschien sein umfänglichstes Werk: »Die Theorie der universellen Einheit«, zwei starke Bände umfassend, bei dessen Herausgabe ihn namentlich sein Freund und Anhänger Just Muiron, der als städtischer Beamter in Besançon lebte und in leidlichen materiellen Verhältnissen war, unterstützte. Bei der zweiten Herausgabe (1842) wurde dem Werke die ein Jahr nach seiner ersten Herausgabe geschriebene Abhandlung: »Summarisches« eingefügt und das Ganze unter dem ersterwähnten Titel in vier Bänden herausgegeben. Bei der ersten Ausgabe führte das Werk den Titel: »Abhandlung über die hauswirthschaftlich-landwirthschaftliche Assoziation«, obgleich Fourier ihm den späteren Titel von vornherein zugedacht, ihn aber durch den zweiten ersetzt hatte, weil damals »die erschreckte öffentliche Meinung gegen die allgemeinen Systeme eingenommen gewesen sei.« In diesem Werk begründet Fourier in der ausführlichsten Weise alle die in seinem ersten Werk aufgestellten Postulate, sie hier und da in Folge genauerer Studien und Berechnungen richtig stellend. Einen erheblichen Theil des Werkes bilden philosophische Abhandlungen scharf polemischer Natur -- in der Polemik war er überhaupt Meister -- in denen er die Systeme der Gegner angriff und die gegen ihn gerichteten Angriffe mit viel Witz und Satyre zurückwies.

Im Jahre 1829 erschien eine weitere Arbeit Fourier's unter dem Titel: »Die industrielle und sozietäre Neue Welt.« (»Le Nouveau Monde industriel et sociétaire.«) Dieses Werk umfaßt einen Band und ist von allen Schriften Fourier's das präziseste und am klarsten geschriebene; es vermeidet möglichst die spekulativen und kosmogenetischen Träumereien, befaßt sich dagegen um so mehr mit allen praktischen Fragen seines Systems; es kann als die eigentliche Quintessenz seiner Theorien angesehen werden. Wer sich über Fourier's Ideen genügend orientiren will, ohne die fünf ersten Bände zu studiren, wird in »Der industriellen und sozietären Neuen Welt« alles Wünschbare finden. Sieben Jahre später erschien abermals eine größere Arbeit von ihm unter dem Titeln »Falsche Industrie«. Aber dieses Buch enthält keine irgendwie neuen Ideen, noch weniger zeichnet es sich durch Uebersichtlichkeit aus, es ist die letzte, aber auch geringwerthigste seiner größeren Abhandlungen. Neben diesen größeren Schriften erschienen von ihm eine Menge Aufsätze über die verschiedensten Fragen, die später ebenfalls gesammelt und von seinen Anhängern herausgegeben wurden.

Allmälig hatte sich eine kleine Anhängerzahl um Fourier geschaart. Neben dem bereits erwähnten, ihm sehr ergebenen Muiron war es Victor Considérant, der als junger Mann und als Zögling der Ingenieurschule zu Metz mit Feuereifer sich seinen Ideen hingab, unter seinen militärischen Genossen für dieselben Propaganda machte und auch später Fourier treu blieb, als er in der militärischen Karrière bis zum Hauptmann des Geniekorps emporstieg, noch später Mitglied des Generalraths der Seine und Volksvertreter wurde. Considérant wurde das eigentliche Haupt der Schule, der Paulus des Fourierismus, der in Wort und Schrift unermüdlich für ihn wirkte. Doch da wir die ausschließliche Aufgabe haben, uns mit dem Wirken Fourier's zu beschäftigen, können wir nicht ausführlicher auf die Thätigkeit der Schule eingehen. Die Zahl ihrer schriftstellerischen Kräfte, und dem entsprechend auch die Zahl ihrer Schriften, wurde im Laufe der Jahre eine sehr bedeutende, doch hat sie nie einen großen Massenanhang gewonnen; sie hatte, wie die meisten der sozialistischen Schulen in Frankreich, ihre Hauptstützen in den jugendlichen Kreisen der Gebildeten. Schriftsteller, Advokaten, Offiziere, Aerzte, Künstler bildeten den Kern. Im Jahre 1832 gelang es Kurier und seinen Schülern, eine Zeitschrift für die Verbreitung ihrer Lehren zu gründen, die unter dem Titel: »La Reforme industrielle ou le Phalanstère« (Die industrielle Reform oder das Phalansterium) bis zum Jahre 1833 in zwei Bänden groß Oktav erschien, dann aber einging. Eine neue Zeitschrift erschien 1836 unter dem Titel: »La Phalange, journal de la science social« (Die Phalanx, Zeitschrift für die soziale Wissenschaft), welche in den Jahren 1836-1840 zwei bis drei Mal im Monat herauskam. Von 1840-1843 erschien sie wöchentlich drei Mal und ging 1843 in ein Tageblatt über unter dem Titel: »Democratie pacifique« (Friedliche Demokratie).