Charles Fourier: Sein Leben und seine Theorien.

Chapter 24

Chapter 243,283 wordsPublic domain

Deutschland, dessen geistige Vertreter damals alle Vorgänge in Frankreich aufmerksam verfolgten und aus seiner Literatur zahlreiche Anregungen zu ähnlichem Vorgehen schöpften, ward so ebenfalls im Beginn seiner großbürgerlichen Entwicklung mit einer sozialistischen Literatur bedacht. Während Karl Marx und Friedrich Engels, der Eine mehr theoretisch, der Andere mehr praktisch, ihre ökonomischen Studien begannen und die ersten Bausteine zu dem Lehrgebäude des auf rein materialistischer Grundlage beruhenden wissenschaftlichen Sozialismus, wie er heute die Geister beherrscht, herbeischafften, begnügten sich Andere, die Lehren und Ideen der französischen Utopisten und Sozialisten, mit deutsch-philosophischem Geist durchtränkt, in die deutsche Sprache zu übertragen. Das geschah insbesondere dem Begründer der sozietären Schule, Fourier, und dem kleinbürgerlichen Sozialisten Proudhon. Neben verschiedenen kleineren Schriften, die in Zürich in den vierziger und fünfziger Jahren hauptsächlich auf Veranlassung Karl Bürkli's, eines alten Schülers von Fourier, herauskamen, liegen mehrere größere Bearbeitungen des Fourier'schen Systems in deutscher Sprache von A. L. Churoa, Michael ***** und Franz Stromeyer vor.[25] Ferner erschien 1845 in Kolmar eine im Fourier'schen Geiste gehaltene Schrift, betitelt: »Die Welt, wie sie ist und wie sie sein soll«, aus dem Französischen von Math. Briancourt. Karl Scholl ließ 1855 in Zürich eine Schrift erscheinen, betitelt: »Viktor Considerant über die Erlösung der Menschheit in ihrem wahren Sinn.« Auch erschienen in demselben Jahre in Zürich eine Anzahl Schriften, in welchen für die Auswanderung nach Texas zur Gründung von Phalanstèren im Fourier'schen Sinne Propaganda gemacht wurde. Diese Versuche sind kläglich mißlungen.

[Fußnote 25: Die Titel dieser Schriften sind: »Der Sozialismus in seiner Anwendung auf Kredit und Handel« von Franz Coignet, Zürich 1851; »Bank- und Handelsreform« von F. Coignet, aus dem Französischen von Karl Bürkli, Zürich 1855; »Solidarität«, kurzgefaßte Darstellung der Lehre Karl Fourier's von Hipolyte Renaude, deutsch bearbeitet von Kaspar Bär und Karl Bürkli, Zürich 1855; »Kritische Darstellung der Sozialtheorie Fourier's« von A. L. Churoa, Braunschweig 1840; »Organisation der Arbeit« von Franz Stromeyer, Bellevue bei Konstanz 1844; »Abbruch und Neubau« oder »Jetztzeit und Zukunft« von Michael *****, Stuttgart 1846.]

Interessant für die Geschichtsauffassung, welche die Schüler nach den Lehren ihres Meisters theilten, ist die Darlegung, die seitens eines Deutschen in dem Buche: »Abbruch und Neubau« oder »Jetztzeit und Zukunft« von Michael ***** gegeben wird. Der Verfasser erläutert dort die Fourier'sche Geschichts-Entwicklungstabelle, die wir auf Seite 240 und 241 dieser Schrift anführten und bei dem Interesse, das diese Erläuterung nach unserer Auffassung verdient, geben wir sie ausführlich wieder. Es heißt da:

»Der Adels-Feudalismus herrscht in der Kindheit der Zivilisation; die Sklaverei hat der Leibeigenschaft Platz gemacht; die Frau ist aus dem Gynäceum (Frauengemach) oder Harem herausgetreten und hat ihre bürgerlichen Rechte erlangt _Mit der Verleihung der bürgerlichen Rechte an die Frau ist die Gesellschaft aus dem Zustand der Barbarei in die Zivilisation übergegangen_.

»Diese Veränderung im Zustande einer Hälfte des Menschengeschlechts giebt den Sitten eine ganz neue Färbung, indem sie dieselben verfeinert und im hohen Grade das Gedeihen der Künste und Wissenschaften, der Dichtkunst und der Musik begünstigt.

»In der Periode der Barbarei ist die Herrschaft des Oberhauptes der Gesellschaft eine unumschränkte; in der ersten Phase der Zivilisation ist sie bereits getheilt, indem die Verbündung (Föderation) der großen Vasallen der königlichen Gewalt Schranken setzt.

»Nach und nach werden die arbeitenden, dem Betriebe der Gewerbe, Künste und Wissenschaften obliegenden Leibeigenen mächtig: Die _Gemeinden_ erlangen Rechte und Privilegien; Munizipien, freie Städte erstehen. Sie erstehen aber nicht kraft eines willkürlichen Befreiungs-Ediktes; sie erstehen nicht, weil es dem Staatsoberhaupt beliebt hat, sie in's Leben zu rufen. Sie erstehen, weil sie sich bereits selbst emanzipirt haben, weil die schon erlangte Macht sie faktisch frei gemacht hat. Kommen solche Edikte vor der Zeit, so ist es gerade, als wären sie nicht da, und der Feudalismus bleibt zum deutlichen Beweise, _daß Verfassungen bloße Chroniken vollendeter Thatsachen sind_, daß sie die Geschichte der Fortschritte einer Nation schreiben, wenn ich mich so ausdrücken darf, nicht aber nothwendig sie hervorrufen.

»Mit der steigenden Aufklärung der früheren Leibeigenen, mit ihrem steigenden Reichthume, mit ihrem fortschreitenden Kunst- und Gewerbefleiße wächst auch ihre Macht in demselben Maße, in welchem das Feudal-Element geschwächt wird.

»Die alten Leibeigenen sind Bürger und Volk geworden. Bürger und Volk verbünden sich miteinander gegen den Feudalismus, und der Sieg ist ihnen gewiß.

»In diesem Stadium ihrer Entwicklung ist die Gesellschaft von steten Stürmen und Umwälzungen bedroht. Die Zähigkeit des Feudal-Elements kann das volksthümliche Element zu Gewaltthaten treiben, gegen welche die der Barbarei verschwinden. Die Kritik liegt mit den alten religiösen Anschauungen im Kampfe; die Philosophie stellt die Bedingungen des neuen Staats gegenüber dem alten auf.

»Mit der politischen Befreiung, mit der Entfesselung der Gewerbe und des Ackerbaues spielt das _Repräsentativ-System_ der Gewalt gegenüber dieselbe Rolle, die früher die großen Vasallen gespielt hatten.

»Der Bürger braucht nun den Schutz des Ritters nicht länger: schon hat er ihn in der Person Don Quixote's moralisch getödtet. Der Bürger hat aber auch die Gleichheit vor dem Gesetz verkündet, und so folgen die _Freiheits-Illusionen_ auf die Illusionen des Ritterthums. Die Freiheit ist noch nicht da, weil sie in der Verfassung steht; sie bleibt auf dem Papier, weil die Bedingungen, unter welchen sie wirklich in's Leben treten kann, noch nicht erfüllt sind.

»Unterdessen hat die Zivilisation ihren Höhepunkt erreicht, sie hat die Schifffahrt, überhaupt erleichterte Verbindungswege, Eisenbahnen, Kanäle u.s.w., sowie die Experimental-Chemie in's Leben gerufen, und nun kann sie, wenn ihr die Wissenschaft zu Hülfe kommt, zu einer höheren Periode aufsteigen, die wir, mit Fourier, _Garantismus_ nennen wollen, da sie die Verwirklichung eines Systems von Garantien wäre, wovon die jetzige Gesellschaft einige bemerkenswerthe Keime aufzuweisen hat.«

Der Verfasser bezeichnet als solche mit Fourier: Die wissenschaftliche Einheit, die Quarantänen, das Assekuranzsystem, die Sparkassen etc.

»Mit der Experimental-Chemie tritt die große Industrie in's Leben; die kleine Industrie geht in der großen auf. Neue Verfahrungsarten verdrängen die alten, eine ganz neue industrielle Welt ist im Werden; Fabriken mit Hunderten und Tausenden von Arbeitern schießen wie Pilze aus dem Boden hervor und versetzen den in altherkömmlicher Weise betriebenen Gewerben den Todesstoß.

»Aber die Erfindung neuer Verfahrungsarten, sowie die Steigerung der Produktion genügen nicht: die Zivilisation hat auch den Beruf, diese Verfahrungsarten überall hin zu verbreiten und so die Möglichkeit der Erreichung einer höheren gesellschaftlichen Stufe anzubahnen. Daher die Erfindung der Schifffahrt, der Eisenbahnen, des Dampfbootes, kurz die Vervollkommnung der Verbindungsmittel überhaupt.

»Indessen hat die Zivilisation -- als Entwicklungsphase der Menschheit betrachtet -- in Folge eines inneren, in ihrem Wesen begründeten Zwiespalts die große Industrie nicht in's Leben zu rufen vermocht, ohne zu gleicher Zeit allgemeine Gebrechen zu erzeugen, die unter dem Titel _Entwaldungen und Fiskalanleihen_ aufgeführt und eine nothwendige Folge der beiden vorangehenden Phasen sind. In der That fällt auch der Boden im Ganzen genommen immer mehr einer anarchischen Kultur anheim, je größer der Zwiespalt der Privatinteressen und des allgemeinen Interesses wird. Die Entwaldung der Anhöhen, welche die Ausmergelung der Berge und die Entblößung der Abhänge mit sich führt, ist der höchste Ausdruck des Uebelstandes, da diese Entwaldungen zur unausbleiblichen Folge haben, daß in der Vertheilung der Wasser nach und nach eine gänzliche Veränderung eintritt. Werden die Entwaldungen bis zum Uebermaß ausgedehnt, so wird am Ende selbst das Klima ernstlich Noth leiden: die schroffsten Uebergänge werden nichts Ungewöhnliches sein; heute eine afrikanische Hitze, morgen eine sibirische Kälte. Die Wissenschaft hat in der Person ihrer würdigsten Vertreter angefangen, auf die üblen klimatischen Folgen der planlosen Entwaldungen hinzudeuten. Zum deutlichen Beweise, _daß die Atmosphäre für den Menschen ein wahres Ackerfeld ist, das er durch den Anbau entweder verbessern oder verschlechtern kann_.

»Die Fiskalanleihen sind ein anderes Gebrechen der auf ihrem Höhepunkte angekommenen Zivilisation. Die Befreiung der Völker hat gewaltige Kriege nach sich gezogen; das Feudal-Element hat seine letzten Kräfte zusammengerafft, um das neue volksthümliche Element zu erdrücken. Daher der lästige Kriegsfuß, daher der fast ebenso lästige Friedensfuß. Die edelsten Kräfte der Nation werden in soldatischen Spielen vergeudet. Eine Menge anderer unproduktiver Ausgaben vergrößern das Uebel fortwährend, bis endlich das thurmartige Kartenhaus des Staatsschuldenwesens zusammenstürzt.«

Der Verfasser setzt nun weiter auseinander, wie die Charaktere des Höhepunktes der Zivilisation im Keime sowohl die Ursachen ihres Verfalles, als die Mittel zur Ersteigung einer höheren Stufe enthielten. Die Entwaldungen enthielten den Keim zum materiellen Verfall durch die damit verbundene Verschlechterung des Klimas; die Fiskalanleihen enthielten den Keim des politischen Verfalls, indem sie die Ausbildung des _industriellen Feudalismus_ mächtig förderten. Ebenso könnten die neugeschaffenen Verbindungswege in den Händen von Aktiengesellschaften die Rolle einer Saugpumpe spielen, wie die Schifffahrtskunde das den Angelpunkt der dritten Phase bildende Seemonopol in's Leben rufen könne. Endlich gab die Chemie dem Betruge die Mittel an die Hand, alle Arten von Produkten zu fälschen, und der lügnerische Handel gewann so eine Ausdehnung, welche die ernstlichsten Besorgnisse einflößen mußte.

Zwar könne die nun beginnende absteigende Periode ein natürlicher Schritt des Fortschritts werden, aber dieser Weg sei eine Reihe von Klippen und Schändlichkeiten. Unterliege die Zivilisation auf ihrem Wege den ihr gegenübertretenden Einflüssen, so falle sie in eine niedere Periode zurück, um den alten Kampf von Neuem zu beginnen. Glücklicherweise sei das Leben der Menschheit ein vielfaches; falle eine Zivilisation, so sei bei den vielen Nationen und mancherlei Gesellschaften immer die Hoffnung da, daß eine derselben das Erbe der fallenden Gesellschaft übernehme.

Der zweite Theil der Periode, ihre absteigende Bewegung, sei dem ersten umgekehrt analog (verwandt), wie die Morgendämmerung und Abenddämmerung, die Kindheit und das Greisenalter der Menschen, der Anfang und das Ende jeder Bewegung sich einander analog seien, ohne identisch zu sein. Nach diesem aus der allgemeinen Formel der Bewegung abgeleiteten Grundsatze ließe sich erwarten, daß die Zivilisation mit einem Feudalismus enden werde, wie sie mit einem Feudalismus begonnen habe. Diese Voraussetzung erhalte durch die vor unseren Augen vor sich gehenden Thatsachen den Charakter einer mathematischen Wahrheit.

»Der steigende Reichthum des Bürgerthums hat den Adels-Feudalismus getödtet: Pergamente und Wappen haben aufgehört, die Herrschaft zu verleihen, und das Geld ist an ihre Stelle getreten. Wege zum Reichthum sind Industrie, Handel und Beamtenstellen. Der herrschende Geist wird demnach der _kaufmännische_ und _fiskalische_ sein. Er ist in der Tabelle als einfacher Keim der dritten Phase bezeichnet, weil er einen neuen Feudalismus, nämlich den industriellen, den wir auch Handels- oder Geldfeudalismus nennen können, im Keim enthält. Von nun an muß sich Alles dem neuen Prinzipe unterordnen. Die Parias der dritten und vierten Phase der Zivilisation werden daher auch nicht die Leibeigenen der ersten Phase, sondern die untersten Schichten der Gesellschaft bildenden Proletarier sein. Der Hunger und das Elend werden sie faktisch denjenigen überantworten, welche, Herren des Kapitals, auch die Werkzeuge der Arbeit in Händen haben.«

»Die große Industrie mit ihren Kapitalien, Maschinen und Spekulationen macht die kleine, mit mäßigen Geldmitteln betriebene, unmöglich. Der große Handel unterdrückt den kleinen, und diese Bewegung gestaltet sich immer großartiger, je mehr das Kapital durch glückliche Spekulationen oder durch Gründung von Aktiengesellschaften sich konzentrirt. In demselben Maße, wie das Kapital sich konzentrirt, wächst auch der Pauperismus und das Proletariat, und da die großen Kapitalien sich am liebsten in den großen Städten ansiedeln, so wird zuerst da die Fabrikation in größerem Maßstabe betrieben. Allmälig sammeln sich da Heere von Arbeitern, die von einem Tag zum andern leben und somit viel schlimmer daran sind als die Leibeigenen der ersten Periode. _Diese Arbeiter-Heere sind für die Zivilisation das Schwert des Damokles_. Die dritte Phase wird mindestens ebenso sehr von inneren Kämpfen und Bürgerkriegen bedroht als die zweite. Nur sind die nun ausbrechenden Revolutionen nicht länger _politischer_, sondern _sozialer_ Natur; die Insurrektion nimmt einen industriellen Charakter an.«

»Der Handelsgeist und der mächtige Hebel der Kapitalien-Konzentration, welche den großen Kapitalisten das Monopol der Industrie nach und nach in die Hände spielt, sind die Elemente des See-Monopols oder Großhandels-Monopols, wodurch der Geist und die Bestrebungen der ganzen Phase angedeutet werden. Die Politik tritt in die Dienste des Monopols und erhält so eine ganz eigentümliche Färbung, bis sie endlich nur noch das kaufmännische Element vertritt. Diplomatie, Kriege, Kammern, Wissenschaft, Kunst, Alles wirft in unendlich verschiedenen Schattirungen den im Prisma des Merkantilismus gebrochenen Zeitgeist zurück. _Alles ist käuflich_; der Durst nach Gold hat die edlen Regungen erstickt, und der Egoismus zeigt sich in seiner ganzen Scheußlichkeit.

»Der Grundsatz der freien Konkurrenz, das »laisser faire laisser passer«, erzeugt zugleich den _anarchischen Handel_, der unter dem Titel »Gegengewicht« in der Tabelle aufgeführt ist. Da die großen Handelsoperationen von dem großen Kapital monopolisirt sind, so bleibt dem kleinen Kapital nur noch der Kleinhandel. In Folge des herrschenden merkantilischen Geistes wirft er sich auch auf denselben mit einer wahren Wuth -- ein Verhältniß, das sich in der großen Menge schmarotzerischer Zwischenhändler und Mäkler am Besten zu erkennen giebt. Je heftiger der Konkurrenzkrieg dieser Zwischenhändler entbrennt, um so großartiger gestalten sich die Betrügereien und Fälschungen jeder Art, wodurch die Gesellschaft systematisch gebrandschatzt wird. Dieser Anarchie allein aber verdankt der Kleinhandel seine Erhaltung; denn nur sie bildet noch einen Damm gegen die verheerende Macht des Kapitals. Sie ist also ein natürliches Gegengewicht des großen Kapitals. Von dem Tage an, wo das große Kapital an den Hauptplätzen große Niederlagen für den Detailverkauf gründet, wie dies schon jetzt mancher Orten geschieht, von diesem Tage an muß der kleine und mittlere Handel das Gewehr strecken. Von dem Tage an wird aber auch die Anarchie im Handel und Wandel aufhören, und die Regelung des Handels wird immer leichter werden, je deutlicher die Charaktere des industriellen Feudalismus hervortreten.

»Wie ließe sich der Ton der dritten Phase besser bezeichnen, als mit dem Ausdruck »_ökonomische Illusionen_«? Die politische Oekonomie, ein Erzeugniß des merkantilen Geistes, verhält sich zu der dritten Phase wie die Poesie der Ritterzeit zu der ersten, wie die philosophische Ideologie und die liberale Dialektik zur zweiten. Das Ritterthum hat der Liberalismus unter dem Namen des Donquixotismus zu Grabe getragen, und nun ist der Oekonomismus auf dem Wege, den Liberalismus durch die _Politik der materiellen Interessen_ zu tödten, eine Politik, die den reinen, uneigennützigen Liberalismus bereits in einem ziemlich lächerlichen Lichte erscheinen läßt.«

»Der industrielle Feudalismus wäre eine vollendete Thatsache, sobald das große Kapital nicht allein die Fabrikation und den Handel, sondern auch den Grund und Boden an sich gerissen haben würde.

»Nun aber wird die steigende Handels-Anarchie mit ihren zahllosen Betrügereien, Bankerotten und Fälschungen nicht allein zur Folge haben, daß die Lage des kleinen Gewerbs- und Handelsmannes immer kritischer wird, sondern es wird sie auch die öffentliche Stimmung nachgerade so energisch verdammen, daß das große Kapital darin eine Ermunterung finden wird, nun auch den Kleinhandel zu absorbiren. Und so wird sich dann dieser gewaltsam rückwirkende Geist politisch dadurch bethätigen, daß er _Meisterschaften in bestimmter Anzahl_ und privilegirte Körperschaften in's Leben ruft.

»Die _Leihhäuser_ oder _Leihkassen_ für Landwirthe haben zum Zweck, dem bedrängten Ackerbau zu Hülfe zu kommen. Während die Kapitalien der Spekulation und den Banken zuströmen, leidet der Ackerbau an solchen Noth, so daß er dem Wucher in die Hände fällt. Schlechte Ernten, eine schlechte Bewirthschaftung des zerstückelten Grundbesitzes und ähnliche Ursachen werden das Uebrige thun, bis endlich ein großer Theil des Grund und Bodens den Leihkassen anheimfällt. So wird der in Atome zerfallene Grundbesitz sich wieder zusammenfügen; der kleine Besitz wird vom großen verschlungen werden, wie die Handwerker von den Fabriken, wie das kleine Kapital von dem großen.

»Während alles dies vor sich geht, befindet sich die Gesellschaft in einer wahrhaft fürchterlichen Lage. Nichts als Krisen und Revolutionen. Der Ackerbau wie die Fabrikindustrie ist nur noch ein unermeßliches industrielles Zuchthaus, ein ungeheures Lager; die frühere _individuelle_ Leibeigenschaft ist eine _kollektive_ geworden. Die neuen Leibeigenen werden von Zeit zu Zeit aus ihren Bagnos stürmen und ein Spartakus wird sie führen.

»Der neue Adel aber, der Geldadel, wird neben der Regierungsgewalt eine eigene Gewalt bilden und so für die vierte Phase das sein, was der Feudaladel für die erste war. Und gleichwie die nationale Einheit erst dann begründet werden konnte, als das monarchische Element stark genug geworden war, um das Feudalelement zu zügeln und zu leiten, ebenso wird auch hier die Gesellschaft nicht eher zum Garantismus sich erheben, als bis die Regierung das industrielle Element zu lenken wissen wird.

»Uebrigens keine Burgen, die zerstört, keine hochmütigen Vasallen, die geköpft oder gemeuchelt werden müßten. Die Aufgabe der Regierung wird darin bestehen, daß sie die Rolle einer Vermittlerin zwischen den einander feindselig gegenüberstehenden Interessen übernimmt, daß sie den Waarenaustausch regulirt, die Einheit der Maße, Gewichte u.s.w. herstellt, mit einem Wort, daß sie in sämmtlichen industriellen und kommerziellen Verhältnissen die nöthig gewordenen Garantien herstellt. Dann aber ist die Zivilisation, wie sie in der Tabelle geschildert worden, schon überholt.

»Als Ton der vierten Phase endlich erscheinen in der Tabelle die _Assoziations-Illusionen_. Wir sagen Illusionen, weil die Assoziation nur die Kapitalien assoziirt, um ihre Absorptionskraft zu vermehren, blos das häßliche Zerrbild der _wahren_ Assoziation ist, die Kapital, Arbeit und Talent assoziirt.

»Fassen wir nun das Gesagte zusammen, so finden wir, daß die aufsteigende und absteigende Bewegung der Periode der Zivilisation sich zueinander verhalten, wie die beiden Hälften des Menschenlebens, d.h. daß sie in Beziehung auf den Höhepunkt oder die Mittelstufe miteinander symmetrisch sind;

daß die Zivilisation mit einem Feudalismus beginnt und endigt;

daß die Arbeit der beiden Phasen der aufsteigenden Bewegung eine Verminderung der _persönlichen_ oder _direkten_ Dienstbarkeit zur Folge hat, während in der Phase der absteigenden Bewegung die _kollektive_ oder _indirekte_ Dienstbarkeit sich befestigt;

daß die Revolutionen der beiden ersten Phasen politischer Natur sind, während die der beiden letzten einen _sozialen_ oder industriellen Charakter annehmen;

daß das Wesen der von der Zivilisation aufgestellten Gleichgewichte ein unstätes soziales Gleichgewicht begründet;

daß die Illusionen der aufsteigenden Bewegung etwas Ritterliches, Edles haben, während denen der absteigenden Bewegung nichts als der gemeinste Materialismus zu Grunde liegt; endlich

daß, während der Fortschritt in den beiden ersten Phasen sich nach den Entdeckungen auf dem Gebiete der Wissenschaft und Kunst, nach der Vervollkommnung der technischen Vefahrungsarten bemessen läßt, der Maßstab für den Fortschritt in der absteigenden Bewegung, die Auffindung derjenigen Institutionen ist, welche die Zivilisation ihrem natürlichen Tode zuführen und so der Gesellschaft die Ersteigung einer höheren Bildungsstufe möglich machen.«

Dies die Auffassung von der historischen Entwicklung und dem Untergang der Zivilisation, wie sie im Fourier'schen Geiste unser deutscher Autor darlegt. Bei ihm tritt in schärferem Maße als bei Fourier das Gesetzmäßige in der Entwicklung, unbeeinflußt von dem Wirken der einzelnen Person, in den Vordergrund. Wir haben es, scheint's, mit einem Schüler der Hegel'schen Schule zu thun, der die Lehre von den Gegensätzen in der Gesellschaft dialektisch auffaßt und behandelt. Fragt man nun nach der praktischen Wirkung dieser Anhänger Fourier's in Deutschland und ihrer Bedeutung für die Bewegung, so weiß Niemand davon zu melden. Die sozialistischen und kommunistischen Ideen, die meist sehr verschwommen im »tollen Jahr« in den verschiedensten Gegenden Deutschlands unter der vorgeschritteneren Arbeiterwelt in die Erscheinung traten, lassen nirgends Fourieristische Auffassungen erkennen. So weit Marx und Engels nichts die Arbeiterklasse in den Bewegungsjahren beeinflußten, waren es wesentlich die Ideen Weitling's, die Anklang fanden. Die Mehrzahl der Arbeiter, die sich an der Bewegung betheiligten, war von den unklarsten sozialen und politischen Ideen beherrscht. Woher sollte die Einsicht in die Arbeiterklasse kommen, wenn die höher stehende Klasse, das Bürgerthum, in allen ihren öffentlichen Handlungen die kompleteste Unreife und Unerfahrenheit an den Tag legte. Bot doch auch die damals viel weiter vorgeschrittene französische Arbeiterklasse ein keineswegs erfreuliches kaleidoskopisches Bild; sie war zersplittert in Schulen und Sekten, die sich gegenseitig bekämpften. Es war daher auch kein Wunder, daß diese in Deutschland eben erst aufkeimende soziale Bewegung durch die Reaktion der fünfziger Jahre bis auf die Erinnerung ausgetilgt wurde.

Die dann im Laufe der fünfziger Jahre in Deutschland sich vollziehende kapitalistische Entwicklung schuf allmälig auch eine Arbeiterklasse, die besser als ihre Vorgängerin aus den vierziger Jahren für ihren Befreiungskampf ausgerüstet war. Und nun zeigten sich auch die Vortheile der besseren Schulung und geistigen Durchbildung, mit welcher die deutsche Arbeiterklasse der Arbeiterklasse anderer Länder voraus war. Sie erfaßte mit scharfem Verständniß die Theorien und Grundanschauungen ihrer großen Lehrer; der eigentliche Schulstreit, der die französischen Arbeiter Jahrzehnte lang zerklüftete, blieb ihr erspart, und so wuchs die Bewegung, begünstigt durch die politische und soziale Umgestaltung Deutschlands, so, daß sie heute als die vorgeschrittenste in allen Kulturstaaten betrachtet werden darf. Keinem Personenkultus huldigend, nimmt sie dankbar die guten Lehren an, welche die großen Vorkämpfer und Bahnbrecher der sozialistischen Ideen in irgend einem Lande der Welt hinterließen.