Charles Fourier: Sein Leben und seine Theorien.
Chapter 23
Wie die Philosophen, als Vertreter und Lobredner der bürgerlichen Gesellschaft, ihn mißhandelten, so empfing er auch die Angriffe und Verurtheilung seitens der Kirche. Wir wiesen schon mehrfach im Obigen darauf hin, wie wenig Fourier's Auffassung von Gott und der Stellung des Menschen zu Gott den kirchlichen Ansichten behagen konnte. Setzte der Papst seine Schriften auf den Index, so machten es sich katholische Organe seiner Zeit, wie »Gazette de France« und »L'Univers« zum Geschäft, ihn als einen Menschen anzugreifen, welcher den menschlichen Leidenschaften die Zügel wolle schießen lassen, der mit unerhörter Frechheit die Lehren der Moral antaste, die heiligsten und intimsten Beziehungen der Geschlechter in der Familie und Ehe verspotte und untergrabe und durch alles dies und seine subversiven religiösen Lehren, die im Grunde rein atheistische seien, die Gesellschaft, die Religion und die Moral umzustürzen versuche.
So wenig das Fourier zugeben wollte und so heftig er sich insbesondere gegen den Vorwurf des Atheismus wehrte, den er, wie wir sahen, besonders Owen zum Vorwurf machte, im Grunde hatten die Vertreter der kirchlichen Ordnung und Autorität Recht. Es sind doch neben bereits Zitirtem sehr ketzerische Ansichten, die er in einer längeren Abhandlung: »Ueber den freien Willen« lehrt, und über die Beziehungen zwischen Gott und Mensch, Ansichten, die geeignet sind, die Vertreter der geoffenbarten Religion gegen ihn auf's Höchste aufzubringen.
Fourier's Ansicht über den freien Willen lautet kurz zusammengefaßt also:
»Die Theologie wie die Philosophie lehren eine falsche Lehre über den freien Willen. Nach der Philosophie soll die Vernunft allein herrschen und soll die Vernunft die menschlichen Handlungen bestimmen; für sie ist also der freie Wille absolut. Der zur Vernunft gekommene Mensch ist Herr seiner selbst, er wird handeln, wie die Vernunft ihm gebietet, ohne Rücksicht auf die Gesetze seiner Natur und den Willen Gottes.«
»Umgekehrt behaupten die Theologen, daß der Wille Gottes allein entscheidet, daß er Alles thut, Alles lenkt und der Mensch sich seinem Willen zu fügen hat; Gott gegenüber ist der Mensch macht- und willenlos.«
Beides ist falsch. Gott und der Mensch sind zwar entgegengesetzt, sie sind Extreme, aber Extreme, die sich berühren und die in Gemeinschaft mit einander handeln müssen, um sich gegenseitig zu befriedigen. Gott will, daß der Mensch ihm hilft, gewissermaßen sein Assozié sei. Um aber diese Hülfe leisten zu können, muß der Mensch die Naturgesetze und die Gesetze der Anziehung studiren. Sobald er diese begriffen hat, ist er in der Lage, mit Gott gemeinsam zu operiren. Das Gefühl, das Beide verbindet, soll Freundschaft sein, nicht Nichtachtung, wie die Philosophen lehren, und nicht blinde, demüthige Unterwerfung, wie die Theologen predigen. In dem einen wie in dem anderen Falle kann weder Gott noch der Mensch glücklich sein und können sie ihren Zweck nicht erreichen.
Wir lassen uns auf keine Kritik dieser Fourier'schen Philosophie weiter ein, der Leser wird wissen, wie er sie zu beurtheilen hat, unmöglich konnte aber die Kirche mit ihr sich zufrieden geben.
Als Fourier starb, war sein Anhang gering; die Aussicht, sein System, an dem er mit dem Feuer eines Fanatikers und eines Neuerers hing, wie er von Tag zu Tag während Jahrzehnten gehofft, verwirklicht zu sehen, war gleich Null. Vielleicht dämmerte ihm auch die Ueberzeugung, daß die Entwicklung der Zivilisation doch auf wesentlich anderem Wege zum Ziele komme, als er sich vorgestellt, und alle diese Enttäuschungen verbitterten ihm seinen Lebensabend. Am 10. Oktober 1837 fanden ihn seine Wirthin und seine Jünger, nachdem er schon längere Zeit vorher gekränkelt, früh Morgens todt vor seinem Bette liegen. Einer der größten Menschenfreunde hatte für immer die Augen geschlossen.
Die Fourier'sche Schule hat keine maßgebende Bedeutung und keinen entscheidenden Einfluß auf die Geschicke Frankreichs erlangt. Wohl besaß sie eine nicht kleine Anzahl von Anhängern, die sich meist aus den gebildeten Kreisen, vornehmlich aus den Kreisen der Studirenden, der Künstler, der Techniker und selbst der Militärs rekrutirten, welche die Fourier'schen Ideen mit Geist und Geschick schriftstellerisch vertraten, aber eine Partei, die in den politisch-sozialen Kämpfen des modernen Frankreich eine hervorragende Rolle spielte, wurde der Fourierismus nie. Die zahlreichen Schriftsteller, welche der Schule infolge ihres Hauptrekrutirungsfeldes für ihre Anhänger, aus den ideologisch angelegten Köpfen der jungen Bourgeoisie erwuchsen, schufen auch eine verhältnißmäßig reiche Literatur, aber die Zahl der Schriften stand in starkem Mißverhältniß zu ihrem Einfluß auf die Massen.
Auch der Umstand, daß mehrere ihrer Hauptwortführer, so Victor Considerant, nach Fourier's Tode das eigentliche Haupt der Schule, und der erst im Februar 1887 verstorbene Cantagrel lange Jahre Volksvertreter in Frankreich waren, hat das allmälige Erlöschen des Fourierismus nicht verhindern können. In seinem Bestreben auf Aussöhnung der Klassengegensätze durch freiwilliges Entgegenkommen der Besitzenden mußte der Fourierismus immer mehr zu einer reinen Humanitätsduselei verflachen, oder er wurde, wie im Phalanstère zu Guise, als Deckmantel mißbraucht, um unter sozialistischer Flagge großbürgerliche Ausbeutung zu betreiben. Nothwendigerweise müssen alle sozialistischen Experimente, die innerhalb der bürgerlichen Welt versucht werden und naturgemäß auf die Aussöhnung sich gegenseitig ausschließender Gegensätze gerichtet sind, zu Grunde gehen. Wo solche Experimente sich längere Zeit halten, wie in einzelnen kommunistisch organisirten kleinen Gemeinwesen in den Vereinigten Staaten, vermögen sie dies nur durch fast vollkommene Isolirung von der übrigen Welt und nur unter einer Wirthschaftsweise, die ihre Anhänger zu spartanischer Einfachheit zwingt und ihnen patriarchalische Verhältnisse aufnöthigt.
Das ist keine Kulturentwicklung, wie sie die Menschheit erstrebt. Diese verlangt freie ungehinderte Entfaltung aller menschlichen Anlagen und Fähigkeiten und vollen Genuß an allen Kulturerrungenschaften, was nur durch steigende Vermehrung der Kulturmittel auf höchster technischer und wissenschaftlicher Stufenleiter zu erreichen ist. Das Alles vermag ein kleines, isolirtes, in seinen Kräften und Mitteln beschränktes Gemeinwesen, mag es noch so kunstvoll organisirt sein, nicht zu schaffen. Es wird gestört durch jeden fremden Einfluß, der von außen auf es einwirkt, und diese Einwirkung wird um so mehr vorhanden sein, je lebhafter die Beziehungen sind, die das Einzelne zum Ganzen für nothwendig erachtet. Entweder heißt es also mit dem Ganzen gehen und sich mit ihm entwickeln, oder isolirt bleiben und verknöchern, ein Drittes giebt es nicht.
In der bürgerlichen Welt sind nur bürgerlich handelnde Menschen denkbar, der Einzelne steht zum Ganzen in der Rolle eines Zähnchen an einem ungeheuren Triebwerk, dessen viele Dutzende von Rädern mit ihren Tausenden von Zähnen und Zähnchen in gesetzmäßiger Ordnung ineinandergreifen. Die Wirkung des Einzelnen liegt in der Wirkung auf das Ganze und umgekehrt in der Wirkung des Ganzen auf den Einzelnen. Beides ergänzt, beides bedingt sich.
Wer als Einzelner dem Ganzen widerstrebt, seinen Sonderweg glaubt gehen zu können; wer meint, den sozialen Mechanismus, in den Alle gebannt sind, willkürlich durchbrechen zu können, wer wähnt, sein besonderes soziales Himmelreich begründen zu können, der wird, durch die harten Thatsachen rasch eines andern belehrt, seine Ohnmacht und Unfähigkeit einsehen. Daher ist alle sozialistische Experimentirerei mitten in der bürgerlichen Welt, gehe sie nun von einem Einzelnen aus, der sich einbildet, als bürgerlicher Unternehmer sozialistisch produziren und distributiren zu können, oder von einer kleinen Gesammtheit, die dasselbe für sich und unter sich versucht: Utopisterei, Phantasterei. Ein jeder solcher Versuch ist ein Zeichen geistiger Unreife, der nur die Wirkung haben kann, Enttäuschungen hervorzurufen, die Ideen bei unklaren Köpfen zu diskreditiren und den Gegnern die gewünschte Waffe gegen die von ihnen gefürchteten Bestrebungen zu liefern.
Der große Fortschritt unseres Zeitalters ist, daß die Utopisten ausgestorben oder im Aussterben begriffen sind. In der Masse finden sie nie Boden, sie finden ihn heute weniger als je. Auch der einfachste Arbeiter fühlt, daß sich _künstlich_ nichts schaffen läßt, daß das, was werden soll, sich _entwickeln_ muß und zwar mit dem Ganzen durch das Ganze, nicht getrennt und isolirt von ihm.
Es handelt sich darum, der Entwicklung freie Bahn zu schaffen, alles Alte, Abgestorbene zu beseitigen, dem Absterbenden das Ende zu erleichtern, und zu diesem Zweck die kritische Sonde überall eintreiben, wo Uebelstände sich zeigen. Indem man die Kritik anwendet, muß man den Ursachen nachspüren, die die Uebel erzeugten. Aus der Erkenntniß der Ursachen ergeben sich die Heilmittel von selbst.
In der Kritik war nun Fourier Meister, aber was seine Kritik zu falschen Schlüssen führte, waren die falschen Voraussetzungen, die er machte. Die vorhandenen Uebel erkannte er vortrefflich und schilderte sie großartig, aber in der Untersuchung der _Ursachen_, die diese Uebel erzeugten, ging er von Auffassungen über das Wesen der Gesellschaft aus, die ihn nothwendig zu falschen Ergebnissen führen mußten. Wer wie er die Ansicht vertrat -- und sie theilte sein Zeitalter --, daß der Entwicklungsgang, den die Menschheit genommen, nicht die gesetzmäßige Wirkung der Existenz- und Produktionsbedingungen sei, unter denen sie sich seit Jahrtausenden gebildet und fortentwickelt hatte, sondern von rein zufälligen und willkürlichen Umständen abhängig, von dem Dichten und Denken dieses oder jenes Mannes, von dieser oder jener Handlung mächtiger Personen, wer also nicht Gesetzmäßigkeit, sondern Zufall und Willkür annahm, mußte auch glauben, daß Zufall und Willkür die Zustände ändern könne. Für Fourier war der Wille des Menschen nicht durch die Umstände bestimmt, die sein Gesellschaftsinteresse beherrschten, für ihn war der Wille des Menschen eine selbständige Macht, die von den sozialen Verhältnissen nicht beherrscht wurde, sondern diese willkürlich erzeugte. Er erkannte nicht den Klassencharakter der Gesellschaft, für ihn war jede Meinung nur eine individuelle Meinung, die sich durch sogenannte allgemeine Vernunftgründe zu Gunsten einer Idee, die das allgemeine Glück bezweckte, gewinnen ließ. Darum wandte er sich auch hauptsächlich an Diejenigen, die ihrer sozialen Stellung nach zu allerletzt ein Interesse, richtiger gar kein Interesse hatten, den bestehenden Zustand zu ändern. Fourier steckte also, ohne es zu wissen, selbst tief noch in den Ideen der bürgerlichen Philosophen, die er sonst so sehr bekämpfte und die auch alle von der Ansicht ausgingen, es bedürfe nur der Erkenntniß einer »Idee« des Guten, Gerechten, Vernünftigen, um diese »Idee« zur Geltung und Herrschaft zu bringen. Fourier verspottete die Philosophen, daß sie beständig Ideen verherrlichten und als Grundsätze in die Gesetze eingeführt hätten, die mit der Thatsächlichkeit der Dinge im Widerspruch blieben. Schließlich predigte er aber selbst Ideen, die an der Hartnäckigkeit der Thatsachen scheiterten.
Fourier's großes Verdienst besteht darin, daß, wenn er auch nicht erkannte, _warum_ und _wodurch_ die bürgerliche Gesellschaft so war, wie sie war, er sich über ihren Charakter nicht täuschen ließ, daß er ihre Hohlheit und ihre Widersprüche erkannte und ihr schonungslos die Maske vom Angesicht riß. Niemand vor ihm hat wie er die bürgerliche Gesellschaft in ihrem heuchlerischen und zweideutigen Charakter, der sich, wie er mit Recht hervorhebt, allen ihren Kundgebungen und Handlungen ausprägt, erkannt und Niemand nach ihm hat sie schärfer kritisirt. Hierin hat er Unübertroffenes geleistet.
Ebenso hat er nach einer anderen Seite hin, und zwar durch seine Kritik der menschlichen Triebe und Leidenschaften, eine tiefe und großherzige Auffassung der menschlichen Natur gezeigt, die ihn als einen Meister der Beobachtung erscheinen läßt. Seine Auffassung der menschlichen Triebe, die im schärfsten Widerspruch mit jener der Theologen und Moralphilosophen stand und steht, daß alle Triebe natürlich und darum nützlich und vernünftig, zum menschlichen Glücke nothwendig seien, und es nur der soziale Zustand der Gesellschaft sei, der sie unterdrücke oder fälsche, und daher diese Triebe sowohl für das Individuum, wie für die Gesellschaft schädlich erscheinen ließe, mußte den herrschenden Klassen als arge Ketzerei, als der Anfang zur Auflösung aller bisher für unantastbar geltenden gesellschaftlichen Bande erscheinen. In dieser seiner Auffassung der menschlichen Triebe ist Fourier der eigentliche Revolutionär. Wer diesen Sensualismus theilt, wird logisch und mit Nothwendigkeit ein soziales System bekämpfen und verwerfen müssen, das der menschlichen Natur nur Zwang bereitet, zur Fälschung, Verkümmerung und Unterdrückung der menschlichen Triebe führt und dadurch das wahre Wesen der menschlichen Natur aufhebt. Man kann sich daher wohl vorstellen, welch grimmigen Widerspruch diese Ideen bei den Lobrednern einer Gesellschaft finden mußten, die eben erst nach den schwersten und blutigsten Kämpfen in der großen Revolution sich konstituirt hatte, die von dem Bewußtsein durchdrungen war, die beste aller Welten zu sein. Kaum zum Leben und zur Geltung gekommen, kaum sich im Glanze ihrer Jugendherrlichkeit sonnend, tritt ihr in Fourier ein Kritiker von der größten Unerbittlichkeit, Schärfe und Rücksichtslosigkeit gegenüber und enthüllt alle ihre Blößen. Diese Gesellschaft, die eben erst die alte feudale Gesellschaft gestürzt, nachdem sie dieselbe vorher durch die Waffen der Kritik schon moralisch vernichtet hatte, erfährt, kaum zur Macht gekommen, an ihrem eignen Leib dasselbe. Eben erst der Babeuf'schen Verschwörung durch Anwendung brutaler Gewalt Herr geworden, ersteht ihr in dem jungen Fourier ein neuer Gegner, der sie mit den aus ihrem eigenen Arsenal entnommenen Waffen bekämpft. Doch es war nur ein Einzelner, der zunächst keinen Anhang hinter sich hatte, der auch weit entfernt war, mit denselben Mitteln, mit denen das Bürgerthum die Gewalt an sich gerissen hatte, die Befreiung der Unterdrückten zu erstreben. So waren die Todtschweigepraxis oder der Spott genügende Waffen, mit dem neuen Gegner fertig zu werden. Tausend Andere an Fourier's Stelle würden in diesem vollständig hoffnungslos erscheinenden Kampfe, wo er, der mittel- und namenlose Kommis, einer Welt mächtiger Gegner gegenüberstand, den Muth haben sinken lassen. Fourier that das nicht. Männer, die unumstößlich an die Richtigkeit und Gerechtigkeit des von ihnen Gewollten glauben, werden Fanatiker, die sich durch nichts erschüttern lassen. Zu ihnen gehörte Fourier. Die bittersten Erfahrungen, die schwersten und schmerzlichsten Angriffe, Spott und Hohn, mit denen man ihn übergoß, machten ihn nicht irre. Mit wahrhaft eiserner Ausdauer und Energie suchte er sein System auszubauen und zu propagiren, bis es ihm endlich nach unsäglichen Anstrengungen gelang, wenigstens einen kleinen Kreis ergebener Anhänger um sich zu sammeln, die, was ihnen an Zahl abging, durch Muth, Begeisterung und Ausdauer ersetzten.
Konnte nun auch der Fourierismus seiner ganzen inneren Anlage nach keinen Einfluß auf die Massen erlangen und keine große Parteibewegung in's Leben rufen, und verlor er in demselben Maße an Boden, wie die Klassengegensätze sich entwickelten und der Klassenkampf emporloderte, so sind seine Ideen für den Fortschritt der sozialen Bewegung nicht verloren gegangen. Fourier'sche Gedanken werden bei einer künftigen Neugestaltung der gesellschaftlichen Zustände, wenn auch in anderer Form als ihr Urheber meinte, ihre Auferstehung feiern, während seine Kritik der bürgerlichen Gesellschaft heute von Millionen getheilt wird, die nie eine Zeile seiner Werke zu Gesicht bekamen. Darin zeigt sich die wahre Bedeutung eines Menschen, daß Ideen, wegen deren er verfolgt, verlästert und verhöhnt wurde, deren Triumph er nie erlebte, nach seinem Tode weiter wirken, immer mehr Ausbreitung erlangen und schließlich, gereinigt von den Schlacken, die ihnen anhafteten, Gemeingut einer späteren Zeit werden. Dieses Zeugniß muß man Fourier und seinem Wirken ausstellen; und wenn es heute noch Sozialisten giebt, die sich durch das Fremdartige vieler seiner Ideen abschrecken lassen und darüber das Gold, das in seinen Werken steckt, übersehen, so beweisen sie damit nur ihre Oberflächlichkeit und ihre Unfähigkeit zu objektivem Urtheil. Fourier war eine genial angelegte Natur, mit dem wärmsten Herzen für die Menschheit; sein Name wird erst zu Ehren kommen, wenn das Andenken an Andere, die heute noch der große Haufe auf den Schild hebt, längst verblaßt ist.
Die Schule Fourier's besitzt heute nur noch eine kleine Anzahl versprengter, meist den besitzenden Klassen angehöriger Anhänger in Frankreich, die mit Hartnäckigkeit dem Traum ihrer Jugend nachhängen. Das ist Alles, was von ihr übrig blieb. Der Fourierismus ist todt, aber der Sozialismus lebt. Die neuen sozialen Ideen, wie sie insbesondere durch den modernen wissenschaftlichen Sozialismus, den man nach seinen Begründern auch den deutschen wissenschaftlichen Sozialismus nennen darf, vertreten werden, haben in Frankreich, in dem durch die Utopisten wie Fourier wohl vorbereiteten Boden, immer mehr Wurzel gefaßt. Die alten Schulen und Sekten sind zersprengt oder in voller Auflösung begriffen, und in einer kurzen Spanne Zeit wird der Strom der sozialen Bewegung auch in Frankreich in einem einzigen breiten Bette fließen und die Bewegung immer mehr zur Erfüllung ihrer Mission befähigen.
Ein Denkmal der Erinnerung setzte dem vielverkannten Fourier der Dichter Berangér, der den Todten unter dem Schimpfwort, das ihn im Leben verfolgte, der »Narr«, besingt, nur daß er das Gedicht allen »Narren« widmet, die gleich Fourier darnach strebten, der Menschheit neue Bahnen zu eröffnen.
Das Gedicht, das wir hier in der Ursprache und dann in der Uebersetzung eines poetisch veranlagten Freundes folgen lassen, lautet:
Les fous
Vieux soldats de plomb que nous sommes, Au cordeau nous alignant tous, Si des rangs sortent quelques hommes, Nous crions tous: A bas les fous! On les persécute, on les tue, Sauf, après un lent examen, A leur dresser une statue Pour la gloire du genre humain.
Fourier nous dit: Sors de la fange, Peuble en proie aux déceptions, Travaille, groupé par phalange, Dans un cercle d'attractions; La terre, après tant de désastres, Forme avec le ciel un hymen, Et la loi, qui régit les astres, Donne la paix au genre humain.
Qui découvrit un nouveau monde? Un fou qu'on raillait en tout lieu; Sur la croix que son sang inonde, Un fou qui meurt nous lèque un Dieu. Si demain, oubliant d'éclore, Le jour manquait, eh bien! Demain Quelque fou trouverait encore Un flambeau pour le genre humain.
* * * * *
Die Narren
Wir lassen richten, drillen uns und kneten, Soldaten nur, die des Kommandos harren; Kommt's Einem bei, aus Reih' und Glied zu treten, Es schreit die Menge: »Nieder mit dem Narren!« Er wird gehetzt, verleumdet und vernichtet, Bis man zuletzt, als würde etwas Rechtes Damit gethan, ein Denkmal ihm errichtet, Zu Ehr' und Ruhm des menschlichen Geschlechtes.
Dem Volk ruft Fourier zu: »Im Schlamme heute, Entwinde dich dem Truge deiner Feinde Und schaare dich, daß Keiner aus dich beute, Zur brüderlichen, schaffenden Gemeinde. Der Zwist verstummt, des Hasses Brand erkaltet, Willkür und Herrschsucht weichen scheu dem Rechte, Und das Gesetz, das über Sternen waltet, Bringt Frieden auch dem menschlichen Geschlechte.«
Wer hat den Weg zur neuen Welt gefunden? Ein »Narr«, verfallen afterweisem Spotte. Am Kreuz erliegend seinen Nägelwunden, Wird uns ein »Narr«, der elend stirbt, zum Gotte. Versänk' die Sonne in des Dunkels Schlünden, Daß uns das morgen keinen Morgen brächte, So würde morgen eine Fackel zünden Irgend ein Narr dem menschlichen Geschlechte.
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Zum Schlusse werfen wir noch einen Blick auf die Ausbreitung, welche die Fourier'schen Ideen über die Grenzen Frankreichs und speziell auch in Deutschland gefunden hatten. Bei der Bedeutung, die Frankreich seit der großen Revolution für alle vorwärtsstrebenden Geister in der ganzen Kulturwelt erlangte, mußten auch die Erscheinungen in der sozialen Bewegung, die namentlich nach der Restauration mit der Entwicklung der ökonomischen Verhältnisse immer mehr in den Vordergrund trat, lebhafte Beachtung finden. Der Kapitalismus begann in allen Ländern Europas immer mehr Wurzel zu schlagen und sein Produktionssystem auszubreiten. Damit kamen selbst für den oberflächlichen Beobachter eine Reihe von Erscheinungen zu Tage, welche die Selbstzufriedenen beunruhigten, die Vertreter und Anhänger der kleinbürgerlichen Wirthschaftsform aber in größte Aufregung versetzten. Man sah vielfach schwärzer in die Zukunft, als es durch den Gang der Dinge sich rechtfertigte. Der pessimistischen Schwarzseherei der Einen stand die optimistische Schönfärberei der Anderen gegenüber. Zwischen diesen beiden Lagern stand eine kleine Zahl von kritischen aber ideal angelegten Geistern, welche weder dem »Kreuzige« der einen Seite, noch dem »Hosianna« der anderen Seite zustimmen konnten; sie sahen, daß das alte ökonomische System verrottet, unhaltbar und unmöglich geworden war, aber sie konnten auch vor den Uebeln, die das neue in seinem Gefolge führte, nicht die Augen verschließen. Diese bemächtigten sich jetzt mit Gier der neuen sozialen Ideen, die in dem ökonomisch und politisch vorgeschritteneren Frankreich das Tageslicht erblickten und dort die ideal angelegten Geister ergriffen hatten. In der Schweiz, in England, in den Vereinigten Staaten fanden die in Frankreich auftauchenden utopistischen Ideen für Gründung einer auf friedlicher Verständigung aller Klassen der Gesellschaft basirten neuen Gesellschaftsordnung begeisterte Anhänger und die bezüglichen Schriften Uebersetzer und Dolmetscher. Für die praktische Verwirklichung dieser Ideen waren aber ebenso wenig wie in Frankreich in diesen Ländern aus schon angeführten Gründen die Massen zu gewinnen.