Charles Fourier: Sein Leben und seine Theorien.

Chapter 22

Chapter 223,418 wordsPublic domain

Es genügte den Zivilisirten nicht, sagt er, die Herrschaft des Betrugs zu sichern, man mußte die Wuchernationen, die unproduktiven Patriarchalen zu Hülfe rufen. Die jüdische Nation sei nicht zivilisirt, sie sei patriarchalisch; sie habe keinen Souverän, erkenne auch im Geheimen keinen an und halte jeden Betrug für lobenswerth, wenn es sich darum handele, Diejenigen zu täuschen, die nicht ihres Glaubens seien. Sie gebe zwar diese Prinzipien nicht zu, aber man kenne sie genügend. Die Juden verdankten ihre Zulassung zu den bürgerlichen Rechten nur den Philosophen. Man sieht, Fourier's Angriffe gegen die Juden, in welchen er sich noch weiter ergeht, decken sich fast wortgetreu mit den Angriffen unserer heutigen Antisemiten.

Fourier meint weiter, die aufgezählten Uebel gehörten nicht unabänderlich zum Wesen der Zivilisation, sondern seien nur Anhängsel; sie würde dem Einbruch dieser Uebel entgangen sein, wenn sie ihren Marsch beschleunigt hätte, wenn sie zeitig sich von der dritten Phase in die vierte Phase erhoben, ihre Organisation auf der sozialen Stufenleiter um so viel höher ausgebildet hätte als ihre Industrie sich steigerte; so habe sie für die dritte Phase zu viel und für die vierte zu wenig Entwicklung. Die Vollsaftigkeit (»pléthore«) sei nur ein Zufälliges, die durch eine andere Organisation der sozialen Ordnung eine andere und gesundere Vertheilung erlangte. Es handele sich also darum, daß wachsende Industrie und Verbesserung der sozialen Organisation Hand in Hand gingen, damit diese kolossale Industrie regulirt und ausgeglichen werden könne, eine Industrie, die zu einem politischen Fleischbruch (»sarcocéle politique«) geworden sei und es bliebe, so lange wir in der dritten Phase verharrten.

Hiermit habe er die Analyse der Zivilisation gegeben. Hätte sich die Wissenschaft dieser Aufgabe unterzogen, so hätte sie erkannt, welche Perioden die Zivilisation durchlaufen habe und würde entdeckt haben, wann man in die Bahn des Uebels oder des Guten einlenkte. Man würde alsdann auch konstatirt haben, daß die Zivilisation zwar die Industrie vervollkommnete, _daß sie aber in demselben Maße die Sittenzustände verschlechtere, wie der Fortschritt der Industrie sich entwickelte_. Darum gelte es, einen anderen sozialen Mechanismus zu entdecken, der den Sitten (»moeurs«) gemäß operire und aus dem Fortschritt der Industrie die Wahrheit und die Gerechtigkeit schaffe. Anstatt zu diesem Ziel zu streben, weigere sich die Wissenschaft, eine Aenderung zuzulassen, behauptend: »der natürliche Sinn des Wortes Zivilisation ist die Idee des Fortschritts in der Entwicklung; es setzt ein Volk voraus, das marschirt; es bedeutet die Vervollkommnung des bürgerlichen Lebens und der sozialen Beziehungen, die billigste Vertheilung der Gewalt und des Glücks aller Glieder der Gesellschaft.«

Einen Professor, der sich in solcher Weise auf seinem Pariser Lehrstuhl, wo der Sophismus vor jedem Widerspruch sicher sei, ausdrücke, solle man als Antwort in die Spiegelmanufakturen und ähnliche Werkstätten führen, damit er mit eigenen Augen die »billige Vertheilung« und das »Glück« der Arbeiter sehen könne; jener Arbeiter, die den Phantasien der Müßigen, aus denen sich das Auditorium des Professors zusammensetze, als Vorwurf dienten. Wäre es wahr, daß die Zivilisation jede Vervollkommnung, jeden Fortschritt, jede Entwicklung begünstige, dann wären auch die Barbaren Zivilisirte, deren Industrie in China, Japan, Persien, Hindostan sich sehr vervollkommnet habe; aber zwischen diesen beiden Gesellschaften werde man, wenn man sie analysire, einen mächtigen Unterschied erkennen. Der Fortschritt dürfe aber nicht blos die Industrie betreffen, er müsse auch die Sitten und den ganzen sozialen Mechanismus der Gesellschaft umfassen, zwei Beziehungen, welche die Zivilisation nur zu verschlechtern wisse. So bleibe ihre Aufgabe nur, Wissenschaft, Künste, Industrie, Studien, welche auch die Barbaren begonnen und sehr weit getrieben hätten, bis in die dritte Phase zur Anwendung zu bringen. Habe die Zivilisation diese Aufgabe erfüllt, dann bleibe ihr nichts anderes übrig, als zu verschwinden und einer anderen Gesellschaft Platz zu machen, welche, indem sie Sitten, sozialen Mechanismus, Industrie und Wissenschaft immer mehr vervollkommne und verfeinere, sie auf eine Höhe bringe, deren die Zivilisation nicht zur Hälfte fähig sei.

»Indem das Jahrhundert sich abmüht, fabrizirt es Konstitutionen und Systeme im Ueberfluß; es gleich dem Eichhörnchen, das in seinem Rade springt, ohne daß es vom Flecke kommt.«

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Fourier legt nun den Plan dar, der nach seiner Meinung die Zivilisation auf dem kürzesten Wege in die höhere Entwicklungsphase, zunächst in den Zwischenzustand zwischen Zivilisation und Garantismus, versetzen könne. Es gelte ein Uebergangsstadium zu schaffen, das den Handel, diese Hydra, vor der selbst die Könige erschreckten und sich beugten, stürze.

Dieses koste nur ein Dekret, und die Banken wie der Handel mit ihren enormen Erträgen kämen in den Besitz der Regierungen. Zwei Wege gebe es, dies herbeizuführen, einen brüsken und einen sanft zwingenden, einen konkurrirenden und einen untergrabenden; auch ließen sich beide Methoden vereinigen.

Er unterstelle, daß es einen König gebe von dem festen und rücksichtslosen Charakter eines Mahmud II. (regierte als Sultan von 1808-1839) und also den Zwang vorziehe: dieser werde die ganze arme Klasse, die nichts besitze, vereinigen und sie in Staatsfarmen organisiren. Man könne rechnen, daß die Zahl der ganz Mittellosen ungefähr ein Zehntel der Bevölkerung betrage und auf je vierhundert Familien vierzig arme Familien kämen. Es bildeten also je zweihundert Personen die Bewohner einer Staatsfarm, die ihre nöthigen Gebäude, Stallungen, Vieh, Gärten, Werkzeuge u.s.w. erhielten. Diese Zahl sei groß genug, um eine zweckmäßige und wenig kostspielige Verwaltung, abwechselnde Arbeiten und ein lukratives Unternehmen zu begründen.

Diesen Staatsfarmen hätte sich in der Industrie die Institution der fixirten Unternehmerschaft anzuschließen. Hierunter versteht Fourier nicht die der Zahl nach fixirte Unternehmerschaft, sondern eine solche, die unter der Bedingung zugelassen wird, daß sie eine von Jahr zu Jahr progressiv steigende Abgabe an den Staat leistet, eine Maßregel, die zwei Wirkungen haben soll; erstens: dem Staat eine hohe Einnahme zu bringen; zweitens: den Unbemittelten die Unternehmerschaft unmöglich zu machen, oder sie zur Aufgabe derselben zu nöthigen. Die so freigesetzte Bevölkerung solle in die Staatsfarmen gedrängt werden, die einkommende Steuer aber neben der Deckung der Staatsausgaben zur Deckung der Staatsschulden verwendet werden. Fourier setzt voraus, daß diese Einnahmen allmälig sehr hoch werden und einen erheblichen Theil des Unternehmergewinns absorbiren würden. Sicher ist von allen utopistischen Vorschlägen Fourier's dieser Vorschlag der utopischste.

Indem die Farmen immer zahlreicher würden und immer vorzüglichere Produkte lieferten, auch industrielle, würden sie durch die Güte ihrer Waaren, wie die Reellität der Preise die private Konkurrenz immer mehr in's Gedränge bringen und einen Unternehmer nach dem andern zur Geschäftsaufgabe zwingen. Damit dehnten sich die Farmen immer mehr aus, die Kapitalisten ließen ihnen ihre Kapitalien zufließen, ein Eigenthümer nach dem andern trete ihnen durch Verkauf oder durch Pacht seinen Grund und Boden ab und sie würden schließlich selbst Mitglieder der Farmen. Dieser Aufsaugungsprozeß führe dann zur Bildung der Phalanxen.

Man sieht, dieser Vorschlag hat eine starke Aehnlichkeit mit dem von Lassalle vorgeschlagenen Uebergangsstadium, nur daß Lassalle mit der Industrie beginnen wollte, Fourier das Hauptgewicht auf die Ackerbaugenossenschaft legt.

Wir haben keine Veranlassung, diesen Vorschlag ausführlicher zu kritisiren; er ist ebenso wenig durchführbar, wie die Gründung der Phalanxen durch die Mitwirkung der Reichen. Die Herrscher und die Klassen müßten noch geboren werden, die im Besitz der Macht und aller Genüsse freiwillig aus rein philanthropischen Gründen, um der Masse der Unbemittelten und Armen zu helfen, ihre eigene bevorzugte Stellung opferten. Wer in der Macht sitzt, sitzt im Recht und ihm leuchtet nicht ein, daß seine Stellung eine ungerechte sein könne. Ein Vorschlag, wie der Fourier'sche, kommt einer Zumuthung zum Selbstmord gleich; diesen begeht nicht einmal der Einzelne freiwillig, wie viel weniger eine Klasse, die sich im Besitz der Herrschaftsmittel und im Glauben an ihr Recht befindet. --

Fourier ergeht sich weiter in Auseinandersetzungen und Spekulationen über Einrichtungen und Zustände der Entwicklungsperioden, welche der Zivilisation vorausgegangen sind, um an der Hand derselben nachzuweisen, daß weitere Entwicklungen über die Zivilisation hinaus folgen würden. Nicht nur seien Thiere und Pflanzen um so mehr der Degeneration verfallen, je näher sie unserer Zeitperiode rückten, sondern auch der Mensch. Der ursprüngliche Mensch, der im Zustand des Edenismus durchschnittliche 73½ pariser Zoll groß gewesen -- woher er diese genauen Maßangaben besitzt, verschweigt er --, aber heute auf durchschnittlich 63 pariser Zoll zurückgekommen sei, werde in der Harmonie sich wieder zur Höhe von 73½-84 pariser Zoll entwickeln. Alle dem Menschen nützliche Thiere und Pflanzen würden sich in demselben Verhältniß vervollkommnen und veredeln. In der Barbarei sei der Angelpunkt des Systems, im Kontrast mit dem in der Zivilisation, die Einfachheit der Handlung, in der Zivilisation nehme jede Handlung den Charakter der Doppelseitigkeit an. Ein Beispiel möge dies beweisen.

»Der Pascha eines barbarischen Reichs verlangt Abgaben, einfach, weil es ihm gefällt, zu brandschatzen und zu plündern, es fällt ihm nicht im Traum ein, erst in den Verfassungen der Griechen oder Römer nach den Theorien über die Rechte und Pflichten der Staatsangehörigen zu forschen: er begnügt sich, die Steuer zu verlangen bei Gefahr für die Besteuerten, im Nichtzahlungsfalle den Kopf zu verlieren. Für den Pascha giebt es also, um zum Zweck zu gelangen, nur ein Mittel, die Gewalt; dies ist eine einfache Handlung. Der zivilisirte Monarch benutzt für denselben Zweck verschiedene Mittel. Zunächst hat er Polizisten und Soldaten zur Stütze der Verfassung. Aber man setzt dieser Hülfe das philosophische Handwerkszeug von moralischen Subtilitäten über das Glück, Abgaben zum Wohl des Handels und der Verfassung zahlen zu dürfen, hinzu. Tugendhafte Finanziers übernehmen, damit wir unsere unverjährbaren Rechte genießen können, bereitwillig die Ueberwachung der Verwendung dieser Steuern. Der Fürst, der sie fordert, erscheint dabei als zärtlicher Vater, nur darauf bedacht, seine Unterthanen zu bereichern; er empfängt die Steuern nur, um den unsterblichen Volksvertretern zu gehorchen, die ihm dieselben bewilligten; in Wahrheit ist es das Volk selbst, das die Steuern zu bezahlen _wünscht_. Darauf erklärt der Landmann zwar, daß er seine Vertreter nicht gesandt habe, damit sie die Steuern vermehrten, aber man antwortet ihm: er müsse die Schönheiten der Verfassung studiren, die ihn lehre, daß die Würde freier Männer darin bestehe, zu bezahlen oder -- in's Gefängniß zu wandern.«

Hier sei also, erläutert Fourier, Doppelseitigkeit der Handlung vorhanden, man bringe zwei sich gegenüberstehende Mittel in Anwendung, die Moral und die Gewalt, die Barbarei begnüge sich mit der Gewalt. Jedenfalls hat Fourier mit seiner Beweisführung die Lacher auf seiner Seite.

In die metaphysischen Spekulationen, die Fourier über den Plan Gottes und die Gesammtheit der Bestimmungen anstellt, wollen wir ihm nicht folgen; ebensowenig in seine Spekulationen über die Unsterblichkeit der Seele und die Wanderungen, welche die Seele von Planet zu Planet, nach dem System immer größerer Vervollkommnung, vornehme. Heiterkeit erregend ist, wie er ausführt, warum die Menschen über das zukünftige Leben nichts Bestimmtes wissen. Er sagt: »Erstaunen wir nicht über die Unkenntniß, welche über unsere Unsterblichkeit herrscht, noch über die Unzulänglichkeit unseres Wissens über das, was uns nach unserem Tode erwartet. Während des gegenwärtigen bedenklichen Zustandes unserer Gesellschaft darf Gott die Menschen keine wissenschaftliche Kenntniß von ihrem künftigen Leben erlangen lassen. Erlangte man sie, sämmtliche Arme der Zivilisation würden Selbstmord üben, um dieses künftige Glück so rasch als möglich zu genießen; aber die Reichen, die zurückblieben, hätten weder die Fähigkeit, noch die Neigung, die Armen in ihren undankbaren Beschäftigungen zu ersetzen. Die Wirkung würde also sein, daß durch das Verschwinden Derer, welche jetzt diese Lasten tragen, die Industrie der Zivilisirten zu Grunde ginge und der Globus im Zustand beständiger Verwilderung bliebe. Dies würde die sichere Folge von der Ueberzeugung der Unsterblichkeit und ihrer Herrlichkeit sein.« Originell ist diese Begründung auf alle Fälle.

Der Kuriosität und für manchen Leser wohl auch des Interesses halber wollen wir hier ferner einige der Analogien erwähnen, die Fourier zwischen den verschiedenen Pflanzen und Thieren und den verschiedenen Menschencharakteren und ihren sozialen Beziehungen nachzuweisen sich bemüht. Diese Analogien erfüllen nach ihm das ganze Universum, wobei er sich auf die Worte Schellings -- eines der sonst von ihm so gehaßten metaphysischen Philosophen -- immer wieder bezieht: »Die menschliche Seele ist das Modell des Weltalls, es widerspiegelt sich die Idee des Ganzen in jedem Theil.« Nach Fourier ist also die große Feldrübe, die nur auf dem Tisch des Unbemittelten und unwissenden Landmannes erscheint, auch dessen Spiegelbild; im Thierreich der Esel. Die Steckrübe entspricht dem gebildeten Farmer, die kleine runde Rübe dem opulenten Mann. Die Carotte ist das Bild des verfeinerten, gerne experimentirenden Agronomen. Der Sellerie mit seinem herb-säuerlichen Geschmack entspricht den Beziehungen ländlicher Liebender. Die Runkelrübe ist das Bild des zur Arbeit gezwungenen Sklaven; wie jene durch die gewaltsame Auspressung ihres Saftes Zucker geben muß, so entspricht ihr Saft dem ausgepreßten Blut des Arbeiters, das Gold wird. Dagegen gleicht das Zuckerrohr mit seiner angenehmen Süße dem Bilde der sozietären Einheit in der Industrie. Die Kartoffel mit ihren zahlreichen beieinander liegenden Knollen ist ein Gleichniß für die Gruppen und Serien der Triebe. Ferner ist die Rose das Sinnbild der Scham, die Mistel das des Schmarotzers, die Tulpe das der Justiz, der Hahnenfuß das der Etikette, die Hortensie das der Koketterie, der Hund das der Freundschaft, das Pferd das des Soldaten, die Viper das der Verleumdung. Es sind also Thiere und Pflanzen bald das Spiegelbild der Triebe des Menschen und seiner Charaktereigenschaften, bald seiner sozialen Beziehungen. So wird die Ehe in den verschiedenen Klassen durch die verschiedenen Arten der Schwertlilie analogisirt. Die flatterhafte Schwertlilie (»iris perpillon«) repräsentirt die Ehe junger Liebenden; die jeder Annehmlichkeit beraubte Mauer-Schwertlilie entspricht der Ehe armer Dörfler; die blaue Schwertlilie der Ehe des behäbigen Bürgers; die gelb- und azurgestreifte Schwertlilie der Ehe reicher Liebender; die riesige graue Schwertlilie, die mit ihrer mit Schwarz durchschossenen Blume einer großen Trauerblume ähnlich sieht, entspricht der fürstlichen Ehe, wie überhaupt der Ehe aus Ehrgeiz oder Politik. Die Blume zeigt an, daß diese Ehen meist ohne Liebe, oft ohne daß man sich zuvor kennen gelernt, geschlossen werden und ihres eigentlichen Reizes und der wahren Natur des Menschen, die nach Liebe dürstet, entbehren. Schließlich bedauert Fourier lebhaft, daß er zu wenig die Naturgeschichte studirt habe, um diese Analogien, die eine der interessantesten Studien darböten, nach allen Richtungen verfolgen zu können, und befürwortet, daß man im sozietären Zustand diesem Studium besondere Berücksichtigung schenke, weil es für Sinne und Gemüth seine großen Annehmlichkeiten und Reize habe.

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Wir glauben im Vorstehenden die Hauptgedanken aus den Theorien Fourier's so wiedergegeben zu haben, als dies bei dem zugemessenen Raum möglich war; daß uns dabei manche schöne Stelle in seinen Ausführungen entgangen ist, wie wir andere wegen Mangel an Raum übergehen mußten, ist bei dem beträchtlichen Umfang seiner Werke natürlich. Es ist andererseits keine leichte Aufgabe, sich in der Menge des Materials und in dem oft krausen Stil und abrupten Gedankengang zurechtzufinden. Und doch bietet das Studium seiner Werke einen großen Genuß; sie zeigen eine erstaunliche Fülle origineller Gedanken und Ideen, die zu einem erheblichen Theil auch für die heutige Zeit, wie für die zukünftige Entwicklung der Gesellschaft von großer Fruchtbarkeit sind. Sein Studium der menschlichen Triebe und die daraus hervorgehenden Schlüsse sind eine Arbeit, wie sie unseres Wissens nicht zum zweiten Male existirt. Die Art, wie er die menschlichen Triebe für eine neue Gesellschaftsorganisation zu verwenden beabsichtigte, ist so tief gedacht und erfaßt, daß die Zukunft in der Richtung der von ihm erfaßten Gedanken nur weiter zu wandeln und aufzubauen braucht. Großartig ist sein System der Kindererziehung, das einem Pädagogen von Fach eine Fülle neuer Gedanken und Anregungen geben wird und das zugleich Zeugniß ablegt von der erstaunlichen, in's kleinste Detail gehenden Beobachtung, mit der Fourier, wie Alles, was ihm begegnete, so auch das Leben der Kinderwelt studirte. Das ist um so merkwürdiger, als er sein Leben unverheiratet beschloß und keine Kinder besaß. Merkwürdig ist auch, daß dieser Mann, der einsam durch's Leben ging, ganz seinen Studien ergeben, der Liebe jenen Tempel baute, den sie in seinen Werken findet. Seine intimsten Freunde und Schüler haben keine Ausschweifungen an ihm beobachtet. Das ist nicht überflüssig zu bemerken in Anbetracht der Angriffe, welchen gerade die Abschnitte über die Liebe in seinen Werken ausgesetzt waren.

Wir haben seinen Ideen über Kindererziehung nur einen verhältnismäßig kleinen Raum widmen können, sie nehmen aber einen ziemlich beträchtlichen in seinen Werken ein und umfassen eine Menge interessanter Details, die wir übergehen mußten, die aber neben der denkenden Beobachtung, die Fourier den Kindern widmete, auch die tiefe Liebe athmen, die er zu diesen die Zukunft der Gesellschaft repräsentirenden Wesen besaß.

Wer sich mit all den berührten Fragen eingehender befassen will, dem rathen wir, die Werke Fourier's zu studiren. Er wird neben vielem Schrullenhaften und Vielem, was uns heute lächerlich erscheint, weil wir mittlerweile fast dreiviertelhundert Jahre älter wurden und eine ungeheure Fülle von Wissen, Entdeckungen und Erfahrungen aufgespeichert haben, die Fourier und seinem Zeitalter fremd und unbekannt waren, auch viele heute und noch für eine erhebliche Zukunft hinaus sehr werthvolle Gedanken, Anregungen und Ideen kennen lernen. Und selbst das Schrullenhafte und Lächerliche in seinen Werken ist stets in so origineller Weise gedacht, daß man es mit Interesse liest, als ein Denkmal, das zeigt, wie in einem genialen Geiste, der nicht lange vor unserm Zeitalter lebte und Menschen und Dinge gründlich kannte, sich die Zukunft der Menschheit und der Welt widerspiegelte. Wer Goethe's »Wilhelm Meisters Lehr- und Wanderjahre« und »Wahrheit und Dichtung« gelesen hat und erwägt, daß Fourier und Goethe gleichzeitig lebten und wenige Jahre von einander getrennt starben, wird in den Phantasien Beider über menschliches Glück manches Verwandte finden. Der Fourier'sche Utopismus hält dem Goethe'schen, wie er namentlich in den Wanderjahren hervortritt, voll die Waage; Fourier übertrifft Goethe an realer Menschenkenntniß, an Kenntniß der Lebenslage der Masse und in Bezug auf die Naturgeschichte der Gesellschaft.

Wir ließen in der vorliegenden Arbeit gänzlich unberücksichtigt, und mußten und konnten dies auch, Fourier's sehr polemisch abgefaßte Abhandlungen gegen die Philosophen, die er so gründlich haßte und, wie es immer geschieht, wenn der Haß vorzugsweise die Feder führt, auch schwärzer malte, als sie es verdienten. Man halte fest, daß es die Politiker, die Oekonomisten, die Moralisten und Metaphysiker waren, denen er unter dem Namen der Philosophen zu Leibe ging. Man beachte ferner, daß seine Feindseligkeit wider sie daher kam, daß er, der die Wahrhaftigkeit über Alles liebte, fand, daß ihre großen Worte und schönen Ideen, mit welchen sie den Menschen das Heil, die Rettung aus allem Elend und das Glück versprachen, im Widerspruch mit ihren Thaten und im grellsten Widerspruch mit dem wahren, so eben erst neugeschaffenen Zustand der Dinge standen. Wer wie Fourier all die großen, schönen und glänzenden Gedanken, welche die Werke Rousseau's und der Enzyklopädisten, die Reden der Wortführer der verschiedenen politischen Parteien, der Konstitutionellen, wie der Sieyés und Mirabeau, der Girondisten, der Dantonisten, der Robespierrianer u.s.w. enthielten, kennen gelernt hatte; wer gesehen, wie dem rothen der weiße Schrecken folgte, dann die Bourgeoisie das Heft in die Hand nahm und, raubgierig und schamlos wie immer, allen ihren großen schönen Worten und erhabenen Phrasen zum Trotz, nur daran dachte, das Volk zu unterdrücken und es um die Früchte seiner Arbeit zu bringen; wie dann statt des verheißenen Glücks das Massenelend sich einstellte, sich sichtbar vermehrte; wir sagen, wer das Alles vom Standpunkt Fourier's gesehen und erlebte und dabei glaubte, sich über die Natur der Dinge und der Menschen nicht zu täuschen, dessen Herz durfte mit Haß und Zorn erfüllt werden. Aber er besaß in hohem Grade auch die Waffen des Witzes und des beißenden Spottes, womit er seine Angriffe würzte, und dies erbitterte besonders seine Gegner und veranlaßte sie lange Zeit, und die überwiegende Zahl derselben stets, die bekannte Todschweigungstaktik gegen ihn zu beobachten. Einen Mann von Fourier's Charakter erbitterte dies noch mehr.

Sein System war nicht für das Verständniß der Massen berechnet, wenn auch für die Massen geschaffen; er suchte die Zustimmung und Mitwirkung der Großen und Reichen, und diese Kreise konnten, wenn überhaupt, nur gewonnen werden, wenn namentlich die vornehmeren Journale sich seinen Ideen und seinen Werken freundlich gegenüberstellten. Aber die Schriftsteller dieser Kreise mußten sich wiederum, abgesehen von dem Inhalt seiner Gedanken, durch seine Kritik am meisten getroffen und verletzt fühlen. Es gehörte der kindliche Glaube eines Fourier dazu, daß die Gegner seine Kritik nicht als eine persönliche, sondern als rein sachliche auffassen sollten, das hieß in der That ihrer Natur zu viel zumuthen und der Macht seiner Gründe zu sehr vertrauen. Aber abgesehen von dieser Art seiner Polemik würden die herrschenden Klassen schon aus den mehrfach hervorgehobenen, im Wesen der Klassenherrschaft und des Klassengegensatzes liegenden Gründen, sich zu keiner freundlicheren Behandlung herbeigelassen haben. Sie behandelten ihn, und von ihrem Standpunkt aus mit Recht, als »Narren«. Wie kann man auch dem Wolf zumuthen, ein Lamm zu werden? Oder verlangen, von den Disteln Trauben zu lesen?

Diese ewigen Abweisungen forderten dann auf's Neue seinen Zorn heraus, schärften seinen Witz und Spott, die er an den zahlreichen Blößen übte, die das System und seine Vertheidiger ihm boten. Friedrich Engels, sicher ein berufener Beurtheiler, spricht in seiner Schrift »Herrn Eugen Dühring's Umwälzung der Wissenschaft« aus, daß wenn selbst die Fourier'schen Systemausführungen keinen Werth besäßen, eine Ansicht, die Engels nicht hat, Fourier durch die Form seiner Kritiken zu den größten Satirikern aller Zeiten gehöre.