Charles Fourier: Sein Leben und seine Theorien.
Chapter 21
Natürlich täuscht sich Fourier hier, weil er die Wirkung für die Ursache nimmt. Der Handel ist nur eine der Erscheinungen des kapitalistischen Systems. Ihm an den Kragen zu wollen, ohne das System mit der Wurzel auszuheben, ist einfach unmöglich. Fourier, der als Uebergangsstadium das Staatsmonopol für den Handel vorschlägt, würde, falls der Versuch der Durchführung gemacht worden wäre, gefunden haben, daß dies eben so unmöglich ist, wie alle Versuche von Wallichs bis zu Herrn v. Scholz und Herrn v. Maibach, der Börse auch nur ein Haar zu krümmen. Der Kapitalismus mag einwilligen, diesen oder jenen Industriezweig verstaatlichen zu lassen, und er wird dies thun, wenn er dabei seine Rechnung findet, aber nur dann: doch den Versuch der Monopolisirung eines Gebietes, wie es der Handel ist, würde er ebenso auf Tod und Leben bekämpfen wie eine Verstaatlichung der gesammten Industrie, und er würde siegreich bleiben. Außerdem wird der Staat, der in seiner ganzen Organisation und Gesetzgebung, und speziell in den gesetzgebenden Faktoren, den Volksvertretungen und Ministerien, der Ausdruck der kapitalistischen Interessen ist, dieser Staat wird nie weiter gehen, als sein _fiskalisches Interesse_ ihn nöthigt, und was immer er verstaatlicht, wird selbst wieder nur in kapitalistischer Form verwaltet und ausgebeutet. Fourier konnte zu seiner Zeit noch einen gewissen ausgeprägten Gegensatz zwischen der Staatsgewalt und den leitenden ökonomischen Klassen konstruiren, weil insbesondere der alte Adel mit der emporstrebenden Bourgeoisie, den Männern von 1789 und ihren Nachfolgern, sich in den Haaren lag und beide Parteien die Staatsgewalt als Schiedsrichterin anriefen. Aber hier bestand kein Klassengegensatz, wie zwischen Kapital und Arbeit, es war nur der Kampf um die Beute, wie wir heute noch diesen Kampf in voller Blüthe sehen, wo grundbesitzende, industrielle und handeltreibende Bourgeoisie die Staatsgewalt und die Staatsgesetzgebung für ihre spezifischen Interessen auszunutzen suchen. Diese Differenzen werden dauern, so lange es eine bürgerliche Gesellschaft giebt, sie werden immer nur quantitativer, nie qualitativer, prinzipieller Natur sein. _Die Existenz des Staats erfordert die Aufrechterhaltung der Klassengegensätze_; er kann sie -- und das liegt in seinem Interesse -- zu mildern versuchen, aufzuheben vermag er sie nicht, _weil er sich selbst damit aufheben würde_. Die Entstehung des Klassengegensatzes in der Gesellschaft _erzeugte den Staat_, die Aufhebung des Klassengegensatzes machte ihn verschwinden. Der Klassengegensatz, von seinem Entstehen an in den Formen stetig wechselnd, aber seit dem Bestand des Staats stets vorhanden, _ist das Gesetz der Existenz des Staates_. Wir hoben bereits hervor, daß wenn der ganze Erdboden mit Fourier'schen Phalanxen bedeckt wäre, seine Omniarchen, Cäsare, Auguste, Monarchen u.s.w. eine sehr zwecklose Staffage wären, die keinen Sinn und keine Bedeutung hätte. Kriege gäbe es nicht mehr -- also ist die Armee mit Allem, was damit zusammenhängt, überflüssig. Diebe, Betrüger, Verbrecher existirten auch nicht mehr -- also wären Justiz, Polizei, Gefängnisse nicht mehr von Nöthen. Die Steuerbehörden wären, wie er selbst ausführte, ebenfalls nutzlos. Die Verwaltung ihrer Angelegenheiten leitete jede Phalanx ausschließlich; die Beziehungen der Phalanxen unter sich wären sehr einfache, sie bezögen sich auf den gegenseitigen Austausch und die gegenseitige Hülfeleistung bei der Herstellung großer gemeinsamer Unternehmungen, auf die Mittheilung und Unterstützung von Erfindungen, Verbesserungen und Entdeckungen aller Art für das praktische Leben, für Wissenschaften und Künste. Das sind Dinge, wozu schließlich eine Staatsgewalt in unserem Sinne nicht nöthig wäre. Denn diese Staatsgewalt ist eine repressive und befehlende Gewalt und nicht eine blos ausführende und anordnende Instanz; ihre Hauptaufgabe besteht darin, den Gegensatz innerhalb der Gesellschaft niederzuhalten, Ausbrüche nationaler Streitigkeiten niederschlagen und alle Diejenigen, welche, sei es individuell, sei es korporativ, die bestehenden Staatsnormen verletzen, zur Verantwortung zu ziehen. Für alle diese Leistungen braucht die Staatsgewalt die nöthigen Werkzeuge und Institutionen: Armee, Gerichte, Polizei, Gefängnisse, Steuerbehörden etc. Mit dem Zweck fielen auch die Mittel. Monarchen, die unter dem Regime der Phalanx regieren wollten, würden unbekümmert um ihre Stellung und ihren Titel, in noch viel höherem Grade die Rolle spielen, die das bekannte drastische Wort Napoleon's den Monarchen sogenannter konstitutioneller Musterstaaten, wie wir solche in Europa nur wenige -- England, Italien, Belgien -- haben, anweist; ihre Existenz würde durch die Natur der Dinge im phalansteren System unmöglich sein.
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Im weiteren Verlauf seiner Kritik der Zivilisation kommt Fourier auf diejenigen Charaktere zu sprechen, die nach dem Rückschritt streben, denen der Hang zur rückgängigen Bewegung eingeimpft (»greffée«) sei, und auf diejenigen Charaktere, die zum Niedergang der dritten Phase treiben.
Eine Partei, welche die Mißbräuche der falschen Freiheit erschreckte, halte es für klug, auf die Gebräuche und Gepflogenheiten des zehnten Jahrhunderts, auf die Feudalität und den religiösen Obskurantismus zurückzukommen. Aber man finde weder ein Volk noch eine Bourgeoisie, welche sich für das zehnte Jahrhundert begeisterten. Der Versuch, das zehnte Jahrhundert auf das neunzehnte, die erste Phase der Zivilisation auf die dritte zu pfropfen, werde scheitern, Handel und Finanz seien allmächtig und eine Partei sei verloren, welche glaube, diese beiden Mächte beherrschen zu können.
Andererseits seien die Champions des »erhabenen Flugs« unserer Gesellschaftsordnung, die Liberalen, auch noch eine Partei von Rückwärtslern, die im Flittergold der Athener und der Römer stöbernd, die alten Schwindeleien, die falschen Menschenrechte, in Szene zu setzen suchten und auf das neunzehnte Jahrhundert Illusionen pfropften, welche die Zivilisation zu einem Mischmasch der zweiten und der dritten Phase machten.
Schließlich werde die Partei die Oberhand behalten, welche nach der vierten Phase der Entwicklung vorwärts und nicht rückwärts gehe. Wenn beide Parteien sich auszusöhnen und zu vereinigen vermöchten, könnte die Zivilisation in die vierte Phase aufrücken, die, wenn sie auch nicht das eigentliche Glück bringe, doch gegen die früheren große Vorzüge habe; sie werde die Bettelarmuth austilgen, beständig Arbeit dem Volke sichern, Fonds liefern, genügend, um die öffentlichen Schulden zu decken; Wälder und Wege restauriren.
Was die dritte Phase betreffe, so sei sie eine Sackgasse, aus welcher der menschliche Geist nicht herauszukommen wisse, er nutze sich mit Systemen ab, die nur darauf hinaus liefen, alle Geißeln zur Herrschaft zu bringen. Diese Phase zeige das Bild des Sisyphus, der ewig den Felsen wälzend nie zum Ziele komme. In verschiedenen Beziehungen seien wir sogar zu Rückschritten gekommen, verursacht durch die Chimären, welche wir uns über das Repräsentativsystem machten, was selbst Lobredner des Liberalismus, wie Benjamin Constant, anerkannt hätten. Solche Uebel seien: die Korruption der Volksvertreter durch die Bestechungen; die Aufschreckung der Höfe, die von Sinnen kämen durch die Angst, die ihnen der falsche Liberalismus einflöße; das Schutzsuchen der Höfe bei den Feinden ihrer Unabhängigkeit aus Furcht vor dem Liberalismus, »diesem Schlimmsten, was ihnen begegnen könne«; (heilige Allianz, Kongresse von Aachen, Troppau, Laibach, Verona, Karlsbader Beschlüsse, auf diese und ähnliche Vorkommnisse spielt Fourier hier an); die Mißhelligkeiten unter den verschiedenen Klassen der Bürger in Folge der Wahlkämpfe; das Wachsthum der Staatsausgaben in Folge des Kampfes der Regierungen gegen die Völker u.s.w.
Fourier verwahrt sich dagegen, daß er ein Vertheidiger des Absolutismus sei, wenn er die Uebel des herrschenden Systems bloslege; er kritisire, um zu zeigen, daß weder das Bestehende noch das Vergangene das Glück der Menschen geschaffen und beweise, daß man die jetzige Phase so rasch als möglich verlassen müsse. Er nenne den Liberalismus falsch, weil er einen politischen Rückschritt unter volksfreundlicher Maske, die Herrschaft der Oligarchie erstrebe _und immer die seinen Versprechungen entgegengesetzten Wirkungen erzeuge_. Die Liberalen suchten sich zu rechtfertigen, indem sie sagten: »Seht Ihr nicht, daß wir ohne das Repräsentativsystem und ohne unsere Opposition in den drückendsten Despotismus fielen?« Das gebe er zu, aber es sei nicht weniger gewiß, daß, indem die Liberalen durch ihre Taktik den Rückschrittlern vor den Kopf stießen und sie immer mehr erbitterten, sie diese immer mehr dem Obskurantismus in die Arme trieben. So arbeiteten die Liberalen indirekt gegen sich selbst. Ueberdies sei sicher, daß dieses sogenannte liberale System keineswegs sehr positiv operire, _der liberale Geist sei für alle großen Probleme sozialer Verbesserung durchaus steril, er bringe immer nur Debatten zur Welt, nie eine neue Idee_.
Fourier hat hier mit wenig Worten den Liberalismus schlagend gekennzeichnet; er hat nichtsdestoweniger nach zwei Seiten Unrecht. Er hat Unrecht, wenn er sagt, der Liberalismus schade sich selbst, weil er durch seine Kampfweise den Monarchen und den Konservativen vor den Kopf stoße. Das ist derselbe Vorwurf, den in unserer Zeit die vorgeschrittenen Liberalen den Sozialisten machen. Nun kann aber keine Partei aus ihrer Haut, sie kämpft für die Ideen und Interessen, die ihre Lebensbedingungen bilden; ob sie dabei einen der Gegner, mit dem sie gewisse gleiche Ziele hat, verletzt und einschüchtert, kann nicht in Frage kommen. Jede aufstrebende Partei, die für ihren Sieg kämpft, ist für die alten Parteien eine Gefahr, weil der Sieg der neuen Partei die Verdrängung der alten Parteien und ihre Hinauswerfung aus der innegehabten Position bedeutet. Darüber täuscht sich keine Partei, die an der Herrschaft ist, und namentlich dann nicht, wenn ein unversöhnlicher prinzipieller Gegensatz zwischen den kämpfenden Parteien besteht. Es ist daher thöricht, dem Angreifer seine Taktik zum Vorwurf zu machen, denn nicht um diese, sondern um seine wahren Bestrebungen handelt es sich.
Fourier hat ferner Unrecht, wenn er glaubt, daß ein Bündniß des Liberalismus seiner Zeit mit dem Konservatismus ein günstigeres Resultat für den Fortschritt der Gesellschaft ergeben hätte. Deutschland, das heute ähnliche Kämpfe der herrschenden Klassen unter sich durchzumachen hat, wie das Frankreich der zwanziger und dreißiger Jahre dieses Jahrhunderts, ist der klassische Zeuge dafür, wohin der Liberalismus und der Fortschritt der Gesellschaft kommt, wenn der Liberalismus sich mit dem Konservatismus verbündet. Indessen wir wissen heute, daß _alle_ wie immer gearteten politischen Parteikämpfe nur Kämpfe um materielle Interessen sind, und daß, wo zwei Kämpfende sich gegen den dritten verbünden, sie selbst nur einen Waffenstillstand schließen, weil ihnen der dritte die streitige gemeinsame Beute zu entreißen droht. Es ist der alte Kampf um das bevorzugte Dasein, den die Menschen im Gegensatz zu den »unvernünftigen« Thieren führen, indem jeder sich selbst und alle sich gegenseitig zu belügen und zu betrügen suchen, sich vorredend, es seien die »Ideen« und nur die »Ideen«, für die sie stritten und kämpften. Es ist der große Fortschritt unserer Zeit, daß der Charakter dieser Kämpfe als Klassen- und Interessenkämpfe immer mehr erkannt wird, und vor Allem ist es der moderne Sozialismus, der diesen Standpunkt voll und ganz einnimmt.
Fourier fährt fort:
Die Stehenbleibenden (»immobilistes«) seien eine ebenso lächerliche Sekte als die Rückwärtsstrebenden, die soziale Bewegung weise jeden Stillstand zurück; sie strebe zum Fortschritt, dies sei ebenso ihr Bedürfniß wie, daß Wasser und Luft zirkuliren müßten, um nicht zu verderben. Jeder Stillstand korrumpire. Unsere Bestimmung sei, vorwärts zu marschiren und so müsse jede soziale Periode nach einer höheren Entwicklung streben. So tendire die Barbarei zur Zivilisation und diese zum Garantismus und den höheren Entwicklungsformen. Wenn eine Gesellschaft zu lange in einer Entwicklungsphase verharre, ermatte sie, und es entwickle sich in ihr, wie stehendes Wasser faulig werde, die Verderbniß. Wir befänden uns seit einem Jahrhundert in der dritten Phase, aber in dieser kurzen Spanne Zeit sei die Entwicklung, Dank den kolossalen Fortschritten der Industrie, sehr rasch vor sich gegangen. Heute strebe die dritte Phase über ihre Grenzen hinaus. Wir besäßen zu viel Lebensmittel für eine auf der sozialen Stufenleiter gleichzeitig nicht genügend emporgestiegene Gesellschaft, und dieser Ueberfluß von Lebensmitteln, im sozialen Mechanismus keine natürliche Anwendung findend, überlaste und verderbe ihn. Daraus resultire eine zerstörende Gährung, es entwickle sich eine große Menge schädlicher Charaktere, es zeigten sich Symptome der Erschlaffung, alles Wirkungen des Mißverhältnisses, das zwischen den industriellen Mitteln und den auf einer tieferen Stufenleiter stehenden Massen der Bevölkerung vorhanden sei. Wir besäßen zu viel Industrie für eine zu wenig vorgeschrittene noch in der dritten Phase zurückgehaltene Zivilisation, die aber von dem Bedürfniß gedrängt werde, sich in die vierte Phase zu erheben. Daher diese Erscheinungen des Ueberflusses und der Verschlechterung, von denen er die schlimmsten aufzählen werde. Als Antwort auf die Prahlereien von der Vollkommenheit der bestehenden Gesellschaft werde er die zu Tage liegenden Wirkungen ihrer noch sehr neuen Verschlechterungen zeigen.
Fourier führt nun ein Sündenregister der Zivilisation von vierundzwanzig Eigenschaften auf, die den nothwendigen Verfall der Gesellschaft zur Folge haben müßten.
Erstens: Die politische Zentralisation. Die Hauptstädte würden zu Abgründen, die alle Hülfsmittel verschlängen, welche die Reichen zur Agiotage verleiteten, so daß diese mehr und mehr die Agrikultur verschmähten. Zweitens: Die Fortschritte der Fiskalität. Es entwickele sich ein System der Erpressung und es entstünden die indirekten Bankerotte; man nehme die Mittel voraus und grabe der Zukunft den Abgrund. 1788 habe Necker nicht gewußt, womit er ein jährliches Defizit von fünfzig Millionen decken solle, heute reichten nicht fünfzig, man brauche fünfhundert Millionen. Drittens: Befestigung des Seehandelsmonopols. 1788 habe man noch mit England rivalisirt und es zurückgehalten, heute herrsche es ausschließlich, ohne daß Europa an die Wiederherstellung einer wirklichen Rivalität denken könne. Viertens: Wachsende Angriffe auf das Eigenthum. Gewohnheit und Beispiele machten diese durch die Vorwände zur Revolution immer häufiger. Diese Angriffe würden für alle Parteien zur Regel. Nachdem Frankreich -- in der großen Revolution und unter Napoleon -- konfiszirt habe, ahmten Spanien und Portugal das Beispiel nach und das werde immer schlimmer werden, weil es heute nur Fortschritt in der Unordnung gäbe. Es sei eine Charaktereigenschaft der Gesellschaft, die in die Barbarei zurückgreife. Fünftens: Beseitigung der Zwischenkörperschaften; also derjenigen Institutionen, welche durch die straffe Zentralisation, die der Konvent schuf, beseitigt wurden: Provinzialstände, Parlamente, Magistrate und Korporationen. Dank ihrem Sturze befinde man sich vor der jährlichen Vergrößerung des Budgets um fünfhundert Millionen. Sechstens: Beraubung der Kommune an Eigenthum und Rechten, die man vergeblich durch die Lebensmittelsteuern (»octrois«), welche die Industrie schädigten, die Bevölkerung mißstimmten, zu Steuerhinterziehungen provozirten und den ganzen legalen Handel vergifteten, zu entschädigen versuche. Siebentens: Verdorbenheit der Rechtsprechung; man vertheuere dem Armen das Rechtsuchen und mache es ihm unmöglich, und gleichzeitig rufe man, durch die immer größer werdende Theilung des Eigenthums und die Häufung immer ohnmächtiger werdender Gesetze, das Wachsthum der Prozesse hervor. Die Gesetze blieben todte Buchstaben für einen plündernden Lieferanten, der 76 Millionen gestohlen habe, und verurtheilten einen armen Teufel, der einen Kohlkopf stehle, zum Tode.
Fourier theilt zum Beleg für diesen letzteren Ausspruch den Ausgang zweier Prozesse mit, die sich zu seiner Zeit in Pan im südlichen Frankreich abspielten. Ein Armeelieferant, der durch betrügerische Lieferungen ein Vermögen von 76 Millionen ergaunerte, wurde freigesprochen, ein armer Teufel, Namens Ellisander, der Kohl gestohlen hatte, wurde zum Tode verurtheilt.
Achtens: Dauerlosigkeit in Institutionen, die selbst im Falle besserer Einsicht von Unvermögen betroffen seien und durch den Mangel gerechter Methoden in der ganzen Verwaltung der Gesellschaft das Gegentheil von dem erzeugten, was sie bewirken sollten. Man könne keine regelmäßige, auf allgemein geltenden Grundsätzen basirte Landauftheilung und Landvermessung vornehmen, weil es keine Regel für solche Maßnahmen gebe. Fourier hat hier die zu seiner Zeit geplante allgemeine Katastrirung im Auge, die theils wegen der großen Kosten, theils wegen des Streits über die unterzulegenden Grundsätze von Jahrzehnt zu Jahrzehnt verschoben wurde. Neuntens: Stetig drohende Schismen, die Bürgerkriege hervorzurufen drohten. Zehntens: Beständige Gefahr des Ausbruchs innerer Kämpfe, die Folge des Nährens der Unzufriedenheit durch die Unwissenheit der sozialen Politiker, die kein Mittel der Aussöhnung und des wirklichen sozialen Fortschritts zu entdecken vermöchten. Elftens: Die Vererbung; die Gewohnheit, die durch die besiegte Partei einmal eingeführten Uebel beizubehalten: Lotterien, öffentliche Spiele und andere verhängnißvolle Mittel der Fiskalität.
Die politische Schamlosigkeit und Erniedrigung der christlichen Mächte, die mit den Muselmännern und Piraten ein stilles Vertragsverhältniß eingingen, wonach man den Seeräubern, um sie zu beschwichtigen, einen Tribut bezahlte und den Negerhandel unterstützte, betrachtete Fourier als die zwölfte verhängnißvolle Charaktereigenschaft der Zivilisation. Zu seiner Zeit standen die Dinge noch so, daß die meisten europäischen Mächte, Mangels der nöthigen maritimen Kräfte und um den Seeräubereien der nordafrikanischen Raubstaaten Einhalt zu thun, durch Zahlung eines jährlichen Tributs die eigene Flagge vor Angriff zu schützen suchten. Einen solchen Vertrag schloß z.B. Oesterreich mit der Türkei, als der Schutzmacht der nordafrikanischen Seeräuberstaaten, ab. Oesterreich, das 1814 mit der Annexion von Venedig auch dessen Flotte erhielt, -- 8 Linienschiffe, 7 Fregatten etc. -- ließ diese buchstäblich verfaulen und die im Bau begriffenen Fregatten unvollendet. Der bankerotte Staat hatte keine Mittel, eine Kriegsflotte unterhalten zu können. Der Sklavenhandel, durch christliche Mächte begünstigt, blieb noch bis in unser Zeitalter ein gewinnbringendes Geschäft und eine Schmach unserer Kultur.
Dreizehntens: Fortschritt des Handelsgeistes. Steigende Macht des Börsenspiels, das der Gesetze spotte, die Früchte der Industrie an sich reiße, die Autorität mit den Regierungen theile und überall die Raserei für das Spiel verbreite. Vierzehntens: Begünstigung des Handels trotz seiner Verschlimmerung. Marseille baue für die Seeräuber Schiffe zur Kaperung der Schiffe der Christen, um mit den gefangenen Christen die afrikanischen Bagnos zu füllen; Nantes besitze Fabriken in denen die Marterwerkzeuge für die Tortur der Neger hergestellt und den Strafgesetzen zum Trotz ausgeführt würden; andere Städte ahmten den Engländern nach und bauten Bagnos (Fabriken), in denen die Arbeiter sechszehn Stunden täglich schanzen müßten. Je mehr der Handel an Bösartigkeit zunehme, um so mehr werde er begünstigt. Fünfzehntens: Industrielle Skandale: Fortschritte in der Art der Verfälschungen und der Tolerirung der Verfälschung der Lebensbedürfnisse; Zunahme der aus drückendem Ueberfluß entstehenden Krisen; unterwerthige Ueberlassung der Ernten unmittelbar nach ihrer Einbringung gegen vorausgegangene Lieferung anderer Bedürfnisse, also zunehmende Abhängigkeit des Bodenbebauers vom Kapitalisten. Sechszehntens: Handel mit weißen Favoritinnen. Man lasse eine solche Gewohnheit vertragsmäßig selbst solchen Mächten zu, welche sie, wie der Pascha von Egypten, bisher nicht hatten, und widersetze sich nur diplomatischen Albernheiten. Siebzehntes: Einbürgerung der Sitten eines Tiberius: zunehmende Spionage, die bis in die Reihen der Soldaten reiche; geheime Angeberei; augenscheinlicher Fortschritt in der Heuchelei, der niedrigen Gesinnung, der dem Parteigeist innewohnenden Uebel. Achtzehntens: Kommunistischer Jakobinismus. Die Parteien, die ihn bekämpften, adoptirten seine Taktik und die Kunst, Verschwörungen anzuzetteln; sie raffinirten die Verleumdung, die heute allgemein geworden sei und nähmen dem Charakter des Modernen noch das wenige von Noblesse, das ihm verblieben. Neunzehntens: Vandalistisch gesinnter Adel (der Restauration), der an die Rechtsideen vor der Revolution wieder anzuknüpfen suche; er denke nur daran, die Industrie, die ihm die Wahlstürme brachte, zu zerstören und verfalle so wieder der Barbarei. Zwanzigstens: Literarische Luftgefechte, die unsere Schriftsteller und Gelehrten als Banner ihres Barbarismus aufpflanzten, wobei sie sich gegenseitig, zum Vergnügen des Publikums, dem sie den Geschmack an der Verleumdung beigebracht, zerrissen. Sie einigten sich nur, um wirkliche Aufklärung und nützliche Entdeckungen zu ersticken und zu unterdrücken. Die Wahlfreiheiten hätten ein Trio von neuen Tugenden geboren: einen vandalistisch gesinnten Adel, eine an der Verleumdung hängende Bourgeoisie, ein voll Tadelsucht steckendes Gelehrtenthum. Einundzwanzigstens: Auf rascheste Zerstörung gerichtete Taktik, indem man die Kriege furchtbarer zu machen suche und immer mehr die barbarischen Gewohnheiten annehme; Guerillakampf, Landsturm, Bewaffnung von Frauen und Kindern. (Erinnerungen an Spanien, Tyrol und Preußen. Der Verf.) Zweiundzwanzigstens: Tendenz zum Tartarismus, darin bestehend, die allgemeine Wehrpflicht und das Massenaufgebot, wie es Preußen bereits besitze und es Rußland in höherem Maße nachzuahmen versuche, einzuführen; ein System, das, wenn es erst in einigen Reichen eingeführt sei, alle übrigen zwinge, aus Sicherheitsrücksichten diese tartarische Organisation ebenfalls anzunehmen. Dreiundzwanzigstens: Einweihung der Barbaren in die Taktik der Zivilisirten, was ein sicheres Mittel sei, die Räubereien der Barbaresken noch mehr herauszufordern und der Türkei nahezulegen, diese Räubereien nachzuahmen dadurch, daß sie in den Dardanellen von den Schiffen aller schwachen Mächte einen Passagezoll erhebe. Endlich vierundzwanzigstens: Vierfache Pest. Zu der bereits bekannten alten des Orients komme das gelbe Fieber, der Typhus, der bereits große Verheerungen anrichte, und die aus Bengalen stammende Cholera. Das sei eine neue Quadrille von vier wachsenden Vervollkommnungen.
Wir kritisiren diese von Fourier hier vorgeführten vierundzwanzig Charaktereigenthümlichkeiten der Zivilisation nicht weiter, jeder Leser wird sich klar sein, wie weit sie heute noch vorhanden oder nicht vorhanden sind, sich steigerten oder sich schwächten; eine Anzahl derselben waren sehr vorübergehender Natur und sind verschwunden, andere lasten in bedenklichem Maße auch auf unserem Zeitalter, sie sind sogar seit Fourier in ihrem Druck gewachsen. Die Aufstellung der Liste verräth wieder den Mann der scharfen Beobachtung und den Denker. Charakteristisch für Fourier aber ist die fünfundzwanzigste der zivilisirten Untugenden, die er getrennt von den übrigen hervorhebt und als die »schmachvollste« aller bezeichnet: »die Zulassung der Juden zu den bürgerlichen Rechten«.