Charles Fourier: Sein Leben und seine Theorien.
Chapter 20
Fourier geht dann dazu über, die Natur des Handels zu erörtern. Er fragt: »Woher kommt diese Bewunderung der Modernen für den Handel, welchen doch im Geheimen alle Klassen außer den Handeltreibenden verabscheuen? Woher dieses stupide Vorurtheil für die Kaufleute, die Christus mit Ruthen aus dem Tempel trieb? Die Antwort ist: sie besitzen viel Geld und eine Haupthandelsmacht (England) übt über die industrielle Welt die Tyrannei des Handels-Monopols aus.« Auch habe die politische Oekonomie die Analyse des Handels nicht zu machen gewagt und so komme es, daß die soziale Welt nicht wisse, was eigentlich das Wesen des Handels sei. »Der Handel ist die schwache Seite der Zivilisation, der Punkt, auf dem man sie angreifen muß. Im Geheimen wird der Handel von den Regierungen wie von den Völkern gehaßt. Nirgends sehen weder der Adel noch die Grundeigentümer die Handeltreibenden mit günstigen Augen an, diese Parvenüs, die in Holzschuhen angekommen sind und bald mit einem Vermögen von Millionen prunken. Der rechtschaffene Eigenthümer begreift nicht die Mittel, durch die man sich so gut zu bereichern vermag; welche Sorgfalt er immer der Verwaltung seines Gutes widmet, es gelingt ihm schwer, sein Einkommen um einige Tausend Franken zu steigern. Er wird perplex über die großen Profite dieser Agioteure, er möchte seinem Erstaunen, seinem Verdacht über diese ihm fremde Art, Vermögen zusammen zu scharren, Ausdruck geben, aber da kommen die Oekonomisten, fallen ihm in den Arm und schleudern ihr Anathema gegen Jeden, der es wagt, diesen großartigen Handel und die Großartigkeit des Handels (»le commerce immence et l'immense commerce«) zu verdächtigen. Welch schöne Phrasen sind nicht zu seiner Verherrlichung Mode geworden! Da spricht man mit Pathos von der 'Ausgleichung, dem Gegengewicht, der Garantie, dem Gleichgewicht des großartigen Handels und der Großartigkeit des Handels, von den Freunden des Handels, von dem Wohl des Handels'.« Für einen unglücklichen Philosophen gebe es nichts Imposanteres, als wenn eine Kohorte von Millionären mit tiefsinnigem Aussehen zur Börse wandelten. Man glaube die römischen Patrizier über dem Schicksal Karthagos brüten zu sehen. Speichellecker der Agiotage malten die Kaufleute und Börsenmänner als eine Legion von Halbgöttern; Jeder, der sie kenne, wisse im Gegentheil, daß es eine Legion von Betrügern sei; aber ob mit Recht oder Unrecht, sie hätten allen Einfluß an sich gerissen. Die Philosophen seien ihnen zu Gunsten, selbst die Minister und der Hof beugten sich vor diesen Geiern des Handels; alles infolge des durch die Oekonomisten gegebenen Impulses. Die Folge davon sei, daß der ganze soziale Körper den merkantilen Räubereien vollständig unterworfen sei, und wie der von dem Blick der Schlange faszinirte Vogel dieser in den Rachen fliege, so lasse sich die Gesellschaft vom Handel zu Grunde richten.
Eine vernünftige und rechtschaffene Politik habe Mittel des Widerstandes in Anwendung bringen und sich von Fehlgriffen losmachen müssen, welche die Herrschaft der Welt in die Hände einer unproduktiven, lügnerischen und übelwollenden Klasse liefere. Man dürfe die Handeltreibenden nicht mit den Manufakturisten verwechseln.[21] Die Hauptschacherer, die Rohmaterialienhändler sännen nur, wie sie Manufakturisten und Konsumenten plündern könnten. Zu diesem Zwecke unterrichteten sie sich über die vorhandenen Vorräthe, kauften sie auf, hielten die Waaren zurück und verteuerten sie, um so auf Fabrikant und Bürger den Druck auszuüben. Die sog. Oekonomisten stellten diese Aufkäufer und Wucherer als tiefsinnige Genies hin, die doch nichts als elende Schwätzer, abenteuerliche Spieler und tolerirte Bösewichter seien. Den schlagendsten Beweis habe das Jahr 1826 gegeben, wo mitten in der tiefsten Ruhe plötzlich eine Stagnation und Ueberfülle an Produkten hervorgetreten sei, als alle Journale noch unmittelbar zuvor auf die dem Handel neuen und günstigen Chancen hinwiesen, welche die Befreiung beider Amerika im Gefolge haben werde. Nun, welches sei die Ursache dieser überraschenden Krise gewesen? Es war die Wirkung eines komplizirten Spiels zweier charakteristischer Eigenschaften des Handels: des Zurückschlagens der Vollsaftigkeit (»refoulement pléthorique«) und eines Gegenschlags durch verfehlte Spekulation.
[Fußnote 21: Unter den Manufakturisten sind hier sowohl die Fabrikanten wie diejenigen Handeltreibenden verstanden, die entweder in eigener Behausung nach dem Prinzip der Arbeitstheilung, aber ohne Anwendung von Dampf und Maschinenkräften -- die damals erst im Entstehen waren -- oder, wie dies heute noch in manchen Industriezweigen auch in Deutschland geschieht, z.B. in der Spielwaaren-, Messer-, Kleineisenwaaren-Fabrikation, der Hausweberei, Posamentirerei, Strumpfwirkerei, der Bijouterie etc., auf dem Wege der Hausindustrie produziren lassen, wobei der Kaufmann die Rohmaterialien liefert. So weit Massenerzeugung in Betracht kam, war zu Anfang dieses Jahrhunderts in Frankreich die Manufaktur die maßgebende Produktionsform. Unter den Handeltreibenden versteht Fourier, wie der Leser bereits erkannt haben wird, nicht allein die Kaufleute im engeren Sinn, sondern auch alle an der Börse betheiligten Kreise, die Grund- und Bodenwucherer etc., kurz Alle, »welche ohne zu säen ernten«.]
Die erstere Eigenschaft sei die periodische Wirkung blinder Habgier der Kaufleute. Sobald irgendwo ein Absatzweg sich öffne, würden viermal mehr Waaren zugeführt, als der Markt aufnehmen könne. So sei es auch hier gewesen. Wenn man die Wilden, die Neger und die spanische Bettelbevölkerung in Abzug bringe, zählten die beiden (Nord- und Süd-) Amerika kaum 20 Millionen konsumtionsfähiger Bewohner, man habe aber für 200 Millionen konsumtionsfähiger Menschen Waaren zugeführt. Daher die Stockung und der Rückschlag. Im Jahre 1825 hätten die französischen und englischen Hosenhändler Waarenmassen zugeführt, die wenigstens auf 3 bis 4 Jahre reichten, so entstanden Massenverkäufe, Stockung, Entwerthung der Stoffe, Bankerotte der Verkäufer. Das war die nothwendige Wirkung dieser Ueberfülle (»pléthore«), verursacht durch die Unklugheiten des Handels, der in seiner Gier nach Gewinn sich stets über das Quantum der absatzfähigen Produkte den größten Illusionen überlasse. Was könne man auch von einer Kohorte eifersüchtiger, durch Habgier verblendeter Verkäufer anders erwarten? Wie wollten wohl diese die Grenzen der Aufnahmefähigkeit eines Marktes erkennen?
»Genügte schon die Ueberzufuhr von Waaren, um Bankerotte und die äußerste Beunruhigung der Märkte und Fabriken hervorzurufen, so trat in demselben Augenblick ein anderer Umstand dazwischen, um das Uebel zu vervielfachen. Die Baumwollenaufkäufer in New-York, Philadelphia, Baltimore, Charleston etc. hatten im Einverständniß mit ihren Vertrauten in Liverpool, London, Amsterdam, Havre und Paris sich aller Vorräthe bemächtigt. Aber da geschah, daß Egypten und andere Märkte eine außerordentlich reiche Ernte hatten. Die Hausse war nur ein kurzes Strohfeuer. Die wucherischen Geier Amerikas wie ihre Kooperateure in Europa erstickten im Ueberfluß. Die durch die »Crise pléthorique« verursachte Preisschleuderei zwang die Fabriken zu feiern und brachte die Baumwollenspekulanten, die auf Hausse gerechnet und jetzt einer tiefen Baisse sich gegenüber sahen, zum Sturz. Den verunglückten Machinationen in Amerika folgten als Gegenschlag die Bankerotte in Europa. Das ist der einfache Hergang der so räthselhaft erschienenen Ereignisse. Journale und Schriften, die darüber sich äußerten, verfielen alle in denselben Irrthum. Nach ihnen war nur eine Ursache vorhanden: die Unordnung, welche durch die beiden gleichzeitig sich vollziehenden Operationen auf dem Markt entstanden war. Niemand gestand die wahren Ursachen offen ein, man bemühte sich vielmehr, die beiden Parteien, die das Uebel verursacht hatten, als unschuldig darzustellen, man gab weder zu, daß die Einen durch Zufuhr von Riesenmengen an Waaren die Märkte lahmlegten, noch daß die Anderen durch Vorenthaltung des nöthigen Rohmaterials die Märkte beraubten. Auf der einen Seite herrschte verrückte Verschwendung, auf der anderen vexatorische Unterschlagung. Es gab also in jeder Weise Exzesse und Konfusion im Mechanismus. Das ist der Handel, das Ideal der Dummköpfe.«
Wie im vorliegenden Falle zwei, erläutert Fourier weiter, so wirkten oft drei und vier Ursachen zusammen, um Krisen zu erzeugen, und was die verschiedenen Charaktere der Bankerotte betreffe, so habe er eine Liste von zweiundsiebenzig verschiedenen Arten aufgestellt. Wollte man alle Formen des Betrugs und der Bankerotte zeichnen, man müßte dicke Bücher schreiben. Von den Hauptübeln, die der Handel gebäre und die als die Triebfeder zu allem Unheil ansehen seien, wolle er nur zwölf aufführen: Börsenspiel, Lebensmittelwucher, Bankerott, Geldwucher, Parasitenthum, Mangel an Solidarität, fallendes Gehalt und fallende Löhne, Theuerung, Verletzungen der Gesundheit,[22] willkürliche Festsetzung der Preise, legalisirte Doppelzüngigkeit im Verkehr, individuelles Geld.
[Fußnote 22: Fourier hat hier hauptsächlich den Baustellen- und Häuserwucher im Auge, der auf Kosten der Gesundheit und Lebensannehmlichkeit der Städtebewohner sich breit mache, Luft und Licht der Bevölkerung schmälere.]
Fourier spricht dann von der »Absonderung« der Kapitalien, worunter er die Konzentration auf der einen und den daraus folgenden Kapitalmangel auf der anderen Seite versteht. Die Kapitalkonzentration erzeuge auch den Ueberfluß -- an Bodenerzeugnissen durch den Handel --, der den Preisdruck für die Erzeugnisse des Bodenbesitzers hervorrufe. Die Kapitalien häuften sich nur auf Seiten der unproduktiven Klasse. Bankiers und Kaufleute beklagten sich häufig, nicht zu wissen, was sie mit ihren Fonds beginnen sollten, sie empfingen Geld für 3 Prozent, wo der Landmann es kaum für 6 auftreiben könne. Wenn er es nominell zu 5 Prozent erhalte, koste es ihn mit allen Spesen und Lasten, die damit verbunden seien, 16 und 17 Prozent. Der Handel, dieser Vampyr, der das Blut aus dem industriellen Körper sauge, konzentrire Alles in seine Taschen und zwinge die produktive Klasse, sich dem Wucherer zu überliefern. Selbst die Jahre des Ueberflusses würden für die Agrikultur eine Geißel, wie man das 1816 und 1817 gesehen habe. Das Jahr 1816 brachte Mißernte und zwang den Landmann zum Schuldenmachen, als aber 1817 eine sehr reiche Ernte brachte, ward er gezwungen, dieselbe rasch und in Folge dessen zum niedrigsten Preis zu verkaufen, um seine Gläubiger zu bezahlen. So zerstreue der soziale Mechanismus die kleinen Kapitalien, um sie in den Händen der Handeltreibenden zu konzentriren. Der Ackerbauer seufze, gebrochen durch den Gegenschlag, unter dem Ueberfluß der Ernten, deren Werth weder bei dem Verkauf noch bei der Konsumtion ihm gehöre, weil die Konsumtion auf umgestürzter Basis ruhe, »_denn die Klasse, die produzirt, nimmt an der Konsumtion nicht Theil_«. So würden Eigentümer wie Bodenbebauer oft gezwungen, Geißeln, wie Frost und Hagel, herbeizuwünschen. Man habe 1828 den Schrecken gesehen, als man im Juni in allen weinbautreibenden Ländern eine gute Ernte und damit erdrückenden Ueberfluß zu fürchten hatte.[23]
[Fußnote 23: Diese Charakteristik könnte ebenso gut heute geschrieben sein. Sprach doch im Herbste 1885 die königl. sächsische »Leipz. Zeitung« es offen aus, daß man heut zu Tage im Zweifel sei, ob man eine gute Ernte wünschen dürfe. Und doch veranstaltet man jährlich für die Ernte auf allen Kanzeln Gebete und feiert Dankfeste.]
»Genügen diese Monstrositäten nicht, um zu beweisen, daß das gegenwärtige System des Handels, wie der ganze Mechanismus der Zivilisation die verkehrte Welt darstellt? Aber wie will man sich in diesem Labyrinth zurechtfinden, so lange man die Charaktereigenschaften dieser Gesellschaft nicht analysirt? Schmeichler unseres Handelssystems haben wir im Ueberfluß, deren alleiniges Talent darin besteht, alle Fehler der Hydra des Handels zu beräuchern. Wenn man erst die wahre Natur dieses lügnerischen Systems erkennt, wird man erstaunt sein, daß man so lange sich von einem System dupiren ließ, das schon der Instinkt uns denunzirt, denn alle anderen Klassen hassen den Handel.«
»Die Falschheit und Zweideutigkeit, wozu dieses System gekommen ist, genügt, um den Betroffenen die Augen zu öffnen; die Betrügerei und die Fälschung aller Lebensmittel hat eine Höhe erreicht, daß man die Einführung des Handelsmonopols als eine Schutzmaßregel gegen _diesen_ Handel begrüßen würde. Eine Staatsregie würde viel weniger sich auf Zweideutigkeiten einlassen können, sie würde zu einem festgesetzten Preis wenigstens natürliche Produkte geben, während es heute fast unmöglich ist, im Handel etwas natürlich zu erhalten.«
»In Paris findet man kein Zuckerbrot, das nicht mit Runkelrüben gefälscht ist,[24] keine Tasse reiner Milch oder ein Glas reinen Branntweins. Kurz Unordnung und Aergerniß sind auf die Spitze getrieben und gehen die Dinge so weiter, so bleibt nichts übrig, als das Monopol.« Fourier setzt freilich hinzu, daß dies durch Entdeckung seines sozietären Systems und dessen Einführung unnütz werde.
[Fußnote 24: Fourier meint hier die Herstellung des Zuckers aus Runkelrüben, den er als ein gefälschtes Produkt ansah, weil man bis dahin nur Zucker aus Zuckerrohr gewonnen kannte. Die Einführung des Kontinentalsystems durch Napoleon I. und das Verbot der Einfuhr englischer Kolonialwaaren, hatte zur Erfindung der Zuckerbereitung aus Runkelrüben den Anstoß gegeben und diese Art Zucker bürgerte sich von da ab immer mehr ein. Fourier, der offenbar die Süßigkeiten sehr liebte, sah den Rübenzucker als eine Fälschung des natürlichen Zuckers an. Wir, die wir heute fast nur aus Runkelrüben bereiteten Zucker kennen, denken darüber anders. Schließlich ist kein auf künstlichem Wege gewonnenes Lebensmittel einem sog. Naturprodukt gegenüber als Fälschung zu betrachten, vorausgesetzt, daß über die Art seiner Entstehung kein Zweifel besteht und es dem sog. Naturprodukt, das es ersetzen soll, völlig gleichwerthig ist. Wir werden in dieser Beziehung in Zukunft noch viele Vorurtheile ablegen müssen. Der Verfasser.]
Fourier äußert sich dann über den Bankerott, über die Art, wie die öffentliche Meinung ihn zum Theil behandelt und wie der Bankerott selbst wieder zu Täuschungen benutzt wird. Auf der Bühne werde ein Falliment mit fünfzig Prozent als Lustspiel behandelt. Wenn aber ein Bankier die anvertrauten Depots von Ersparnissen zahlreicher Dienstboten veruntreue, die diese während zwanzig Jahren mühselig zusammengescharrt, so sei das sicherlich keine lächerliche Sache, sondern ein Verbrechen, das zu bestrafen sei.
»Welche Verdorbenheit in der philosophischen Welt. Die Literatur ist eine Prostituirte, die nur studirt, wie sie sich mit dem Laster auf's Beste stellen kann; sie malt Alles in den schönsten Farben, damit die Theaterkasse ihre gute Einnahme hat. Die Moral ist eine in Mißkredit gerathene Schwätzerin, die nicht mehr wagt, gegen straflose Verbrechen, wie den Bankerott, zu deklamiren; sie speichelleckert allen Klassen von Dieben. Und der Oekonomismus, der nichts zu entdecken versteht, sucht die zu Tage liegenden Laster als unschuldige hinzustellen, sind es doch die Laster seiner Favoriten, der Handeltreibenden. So denkt keine Wissenschaft daran, ihre Aufgabe, die Analyse der Uebel der Zivilisation und das Suchen nach einem Heilmittel, zu erfüllen.«
Fourier führt, wie er Alles zu klassifiziren und zu ordnen liebt, nicht weniger als vierundzwanzig Arten von Bankerotten auf, bei denen die Schwächen oder die Liebhabereien der Bankerotteure die Ursachen ihres Zusammenbruchs sind. Bei dem Einen sind zerrüttete Familienverhältnisse, eine liederliche Frau, verdorbene Kinder, bei dem Anderen eine Maitresse, bei dem Dritten die galanten Neigungen, bei dem Vierten Sentimentalität, die ihn zum Geschäft unbrauchbar machen u.s.w., die Ursachen, welche die Katastrophen erzeugen. Er könne, setzt er weiter hinzu, recht amüsante Kapitel zu den Details aller Arten von Bankerotten liefern, er treibe das Geschäft seines Vaters und sei im Waarenladen erzogen worden, er habe mit eigenen Augen die Infamien des Handels gesehen und beschreibe ihn nicht, wie die Moralisten vom Hörensagen, die den Handel nur in den Salons der Agioteure kennen lernten und einen Bankerott als etwas ansähen, das man sich in guter Gesellschaft erlauben dürfe. Jeder Bankerott, namentlich wenn er einen Bankier oder Wechselagenten betreffe, werde unter ihrer Feder zu einem beklagenswerthen Unfall, für den die Gläubiger im Grunde dem Falliten noch verbunden seien, daß er sie in seine edlen Spekulationen verwickelt habe. Man zeige den Gläubigern den Vorgang als eine unverschuldete Fatalität, eine unvorhergesehene Katastrophe an, die durch das Unglück der Zeiten, widrige Umstände, einen beweinenswerthen Wechselfall herbeigeführt sei. Das sei der gewöhnliche Inhalt der Briefe, mit welchen ein Fallissement angezeigt werde.
»Alsdann kommen der Notar und seine Gevatter, denen im Geheimen ihre Provisionen für alle Vortheile, die sie erzielen, zugesichert sind und stellen den Falliten als so ehrenhaft, der Achtung so würdig hin. Da ist eine zärtliche Mutter, die sich dem Wohle ihrer Kinder opfert, ein tugendhafter Vater, der sie in der Liebe zur Verfassung erzieht, eine trostlose eines besseren Schicksals würdige Familie, die von der aufrichtigsten Liebe für jeden ihrer Gläubiger beseelt ist. Man müßte wahrhaftig ein Ungeheuer sein, wenn man einer solchen Familie nicht helfen wollte, um sie wieder zu erheben. Das ist sogar eine Pflicht für jede rechtschaffene Seele. Dazwischen interveniren einige moralische Spitzbuben, die man bestochen hat, und die gegen Jedermann hervorheben, wie schön es sei, in einem solchen Falle seine Gefühle walten zu lassen und daß man dem Unglück Erbarmen schulde. Diese werden durch einige hübsche Fürsprecherinnen, die sehr nützlich sind, um die Widerspenstigsten zu beruhigen, unterstützt. Durch alle diese Umtriebe erschüttert, kommen Dreiviertel der Gläubiger sehr bewegt und irre geleitet in die Sitzung. Der Notar schlägt ihnen einen Nachlaß von 70 Prozent ihrer Forderungen vor, indem er wieder ausmalt, wie diese tugendhafte Familie aus Sorge, die geheiligten Pflichten der Ehre zu erfüllen, sich des Letzten beraube. Ist die Situation günstig, so schlägt man den Gläubigern weiter vor, daß sie, um ihr Gewissen zu befriedigen und um der edlen Eigenschaften einer Familie willen, die so würdig der Achtung und so eifrig für die Interessen ihrer Gläubiger eingenommen ist, eine Huldigung bringen und statt auf siebzig auf achtzig Prozent verzichten. Einige Barbaren wollen widerstehen, aber die im Saale geschickt vertheilten Vertrauten übernehmen das Geschäft der heimlichen Anschwärzung der Widerstrebenden, die sie als unmoralisch bezeichnen. Dieser, tuscheln sie, besucht nie die Kirche und hat folglich kein Erbarmen; Jener unterhält eine Maitresse; der Dritte ist ein Geizhals und Wucherer; der Vierte hat selbst schon einmal fallirt und besitzt ein Herz von Stein, das für seine unglücklichen Mitmenschen ohne Nachsicht und Mitleid schlägt. Endlich erklärt die so bearbeitete Mehrheit ihre Zustimmung und unterzeichnet den Vertrag. Der Notar hält eine salbungsvolle Rede, versichernd, daß man im Grunde ein gutes Geschäft gemacht habe, denn durch die Dazwischenkunft der Gerichte würde nichts übrig geblieben sein und dabei habe man ein gutes Werk gethan und habe einer braven Familie geholfen. Schließlich gehen Alle voll Bewunderung für die Tugenden dieser würdigen Familie, die man als ein Muster betrachten müsse, nach Hause.«
So vollziehe sich ein »gefühlvoller Bankerott«, bei dem die Gläubiger um drei Viertel ihrer Forderungen geprellt wurden; werde mit fünfzig Prozent ein Fallissement arrangirt, so sei dies ein rechtschaffener Bankerott, etwas so Alltägliches, daß wer sich mit einer so mäßigen Brandschatzung seiner Gläubiger begnüge, nicht nöthig habe, außerordentliche Triebfedern und Hülfsmittel in Bewegung zu setzen. Sei nicht Dummheit des Bankerotteurs im Spiele, so sei ein Geschäft, bei dem man nicht mehr als fünfzig Prozent einstreichen wolle, stets sicher.
Die wahre Natur des Bankerotts kennen zu lernen, diesem hätten sich die Philosophen eben so entzogen, wie den Untersuchungen über die Agiotage und den Wucher, sie würden dann auch das Wesen der freien Konkurrenz begriffen haben. Napoleon habe Recht gehabt, zu sagen: Man kenne nicht das eigentliche Wesen des Handels. Napoleon sei eingeschüchtert worden durch die Erfahrung, daß jede Schädigung, die eine Regierung gegen den Handel versuche, von diesem auf die arbeitenden Klassen abgewälzt werde. Sobald der Handel bedroht würde, zöge er die Kapitalien zurück, säe er Mißtrauen, hemme er die Zirkulation. Der Handel sei das Bild des Igels, den der Hund an keinem Punkte fassen könne. Das sei, was im Geheimen alle Regierungen quäle, was sie zwinge, sich vor dem goldenen Kalb zu beugen. Eines Tages habe der österreichische Minister Wallichs (1810) gegen die Schliche der Börse in Wien auszuschlagen versucht, indem er eine Ueberwachung des Börsenspiels einführen wollte; er sei von der Börse in die Pfanne gehauen worden und habe schmählich seinen Platz räumen müssen. Man müsse also Entdeckungen machen, um gegen diese kommerzielle Hydra kämpfen zu können. Schließlich sei nichts leichter, als diesen Koloß der Lüge anzugreifen; kenne man die Batterien, die anzuwenden seien, so werde er nicht einmal Widerstand versuchen.