Charles Fourier: Sein Leben und seine Theorien.
Chapter 19
Aus alledem gehe hervor, meint Fourier weiter, daß man die Worte Jesu erst dann richtig fassen könne, wenn man die Bestimmung der Menschheit kenne, denn hierfür enthielten sie die verschleierten Vorhersagungen. Wohl beachten möge man, was Jesus gegen die Sophisten sage, wenn er diesen zurufe: »Sehet euch vor, vor den falschen Propheten, die in Schafskleidern zu euch kommen, inwendig aber sind sie reißende Wölfe. An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen. Kann man Trauben lesen von den Dornen, oder Feigen von den Disteln?« (Matth. VII.) Man müßte nach alledem fragen, wie es komme, daß die Kirche, die doch sehr bedeutende Männer, wie Bossuet, Fenelon und viele Andere gehabt habe, zu keinem Zweig des Studiums der Anziehung gekommen sei; aber da heiße es von ihr wie im Kap. XXIII von Matth.: »Sie sagen wohl, was man thun soll, aber sie thun es nicht.« Er greift dann auf's Neue die Philosophen, namentlich Voltaire und Rousseau an, und wendet sich wiederholt gegen Owen und seine Anhänger, jene Sektirer, die unter dem Namen der Assoziation anti-sozietäre Vereinigungen bildeten und die Methoden, durch die allein die Uebereinstimmung der Triebe und die Anziehung der Arbeit erzeugt werden könne, zurückwiesen. Außerdem, was könne man von einer Sekte, wie die Owen'sche, erwarten, die darauf ausgehe, Gott zu leugnen und ihm die Huldigung zu verweigern? Owen habe es sorgfältig vermieden, seine Assoziation auf der Grundlage des sozietären Regimes zu begründen, das habe seinen Stolz verwundet. Owen sei nur ein mittelmäßiger Sophist, welcher G. Penn (den Gründer der Sekte der Quäker) kopirt habe. Darauf wendet sich Fourier gegen den Widerstand, den er mit seinen Theorien in Paris gefunden. Es scheine, daß das neunzehnte Jahrhundert dasselbe Schauspiel bieten wolle, das die Zeitalter eines Kolumbus und Galilei der Nachwelt geboten; allen voran gehe Paris, in welchem der satanische Geist, der Geist des fünfzehnten Jahrhunderts, noch heute herrsche. Paris sei das moderne Babylon und von ihm gelte, was Jesu über Jerusalem ausgerufen: »Jerusalem! Jerusalem! die du tödtest die Propheten und steinigst, die zu dir gesandt wurden.« Seine Gelehrten seien eine Legion von Eiferern, die Jesu kennzeichnete, als er sagte: »Wehe euch Schriftgelehrten und Pharisäern, ihr Heuchler, die ihr der Propheten Gräber bauet, und schmücket der Gerechten Gräber. Und sprecht: Wären wir zu unserer Väter Zeiten gewesen, so wollten wir nicht theilhaftig sein, mit ihnen an der Propheten Blut.« Was seien die Unternehmungen der Zivilisirten? Nichts als Verfeinerungen der Barbarei, indem man vermittelst der Reduktion der Löhne den Völkern die Eisen verniete, und durch Einschließung der armen Klasse in die modernen Bagnos, Manufakturen genannt, ihnen weder Wohlsein noch Rückkehr gestatte. Diese merkantilen Bedrückungen seien durch Jesu wie die Kirchenväter genügend gekennzeichnet. Chrisostomus erkläre: »ein Kaufmann kann Gott nicht angenehm sein«, und Christus habe sie mit Ruthenhieben aus dem Tempel getrieben, ihnen zurufend: »Ihr habt mein Haus zu einer Diebshöhle gemacht.« Endlich sende die Vorsehung einen Führer, welcher die schwachen Seiten der merkantilen Hydra zu fassen wisse, und der, indem er das wahre und allein heilbringende soziale System inaugurire, die Welt von dem goldenen Kalb, »dem würdigen Ideal einer blinden Sekte, die Blinde führt«, befreie.
So wird also Fourier in seinen eigenen Augen zu einem von Gott gesandten Erlöser der Welt von den sozialen Uebeln, wie Christus, seiner Lehre gemäß, der Erlöser aus geistiger Knechtschaft war. Die Utopisten und die Propheten rangiren in derselben Klasse, beide glauben an die Unfehlbarkeit ihrer Lehren, d.h. also an ihre eigene Unfehlbarkeit. Und dieser Glaube, »der Berge versetzt«, macht die Ausdauer und die Hartnäckigkeit begreiflich, womit sie allen Hindernissen trotzen, allen Einwürfen begegnen, und wenn die Umstände es erfordern, freudig zum Märtyrer ihrer Ueberzeugungen werden. Indem Fourier die geistige Macht der herrschenden Klassen auf's wuchtigste angriff, die erfahrungsgemäß und selbstverständlich sich auch mit seinem System nicht befreundet und es bekämpft haben würden, wenn er in seiner Kritik weniger scharf und bitter, in seinen Angriffen maßvoller und wenn er sein System mehr mit den herrschenden Zuständen in Einklang gebracht haben würde, suchte er in den Aussprüchen Jesu sich eine Waffe und eine Stütze zu schaffen. Das Priesterthum war trotz Allem, was die Revolution Uebles für es gebracht hatte, in Frankreich noch eine bedeutende Macht, weil die herrschenden Klassen sehr rasch erkannten, daß wenn sie seine Macht beseitigten, sie einen der Aeste absägten, auf denen sie selber saßen. Die einfache Klugheit gebot ihnen, sich mit der Kirche zu rangiren, und wer, wie Fourier, mit dem Bestehenden rechnete, und dies zur Basis seines Systems in so fern nahm, als er an die Einsicht und die Hülfe der oberen Klassen appellirte und sie in erster Linie, ja ausschließlich, zur Inangriffnahme einer Versuchsphalanx, die dann durch ihre Resultate unfehlbar seinem System zum Siege verhelfen würde, aufforderte, der mußte auch dem religiösen Kultus Rechnung tragen. So handelte also Fourier vollkommen logisch. Er that, was allen sozialen Neuerer das ganze Mittelalter hindurch auch gethan hatten. Allerdings ist er mit Jenen nicht in Vergleich zu stellen; er ragt eben so weit über sie hinaus, als ein genial angelegter Geist zu Beginn des neunzehnten Jahrhunderts über einen fanatischen Mönch des zwölften oder sechszehnten Jahrhunderts, dessen Hauptwissen in der Kenntniß der Bibel und den Schriften der Kirchenväter bestand, hinaus ragen konnte. Fourier ist, neben St. Simon, der letzte der Utopisten, dessen System sich auf die religiösen Lehren der herrschenden Kirche zu stützen versuchte, sie wenigstens als Anhängsel benutzte. Wohingegen alle sozialen Bewegungen des Mittelalters einen rein religiösen Charakter annahmen, und zwar so sehr, daß die meisten Geschichtsschreiber _nur_ den religiösen Charakter der Bewegungen sahen, den sozialen -- der mehr oder weniger auf einem rohen, auf die entsprechenden Aussprüche des Alten und Neuen Testaments gestützten Kommunismus beruhte -- aber gänzlich übersahen. Unter dem geistigen Druck der Kirche und bei der Beschränktheit der Geister war im Mittelalter keine soziale Bewegung ohne ausgeprägt religiösen Charakter denkbar. Was im Mittelalter Hauptsache war, wurde natürlich bei einem Fourier zu Beginn des neunzehnten Jahrhunderts mehr Nebensache, es war eine Waffe und eine Stütze, die er glaubte nicht entbehren zu können. So erklärt sich die sehr gezwungene Auslegung, die er den meisten der zitirten Stellen geben mußte, wobei wir keineswegs behaupten, daß er sich dieses Zwangs bewußt war. Es ist selbst für mäßig begabte Kritiker, die in einer späteren, aufgeklärteren und klarer sehenden Zeit leben, leicht, die Mängel in den Systemen und Lehren vorangegangener bedeutender Geister scharf zu erkennen, aber daraus zu schließen, daß das, was sie erkannten, auch Jene leicht erkennen mußten, ist falsch. Andererseits läßt sich nicht leicht nachweisen, wo bei vorhandenen Widersprüchen eines Menschen die Ueberzeugung aufhört und die sog. Klugheit, Rechnungsträgerei oder gar der beabsichtigte Betrug beginnt. Der Beweis für Letzteres wird leicht zu führen sein, wo offenbare, grobe und direkte Widersprüche vorliegen, bei Fourier wird man diese nicht leicht nachweisen können. Sein System ist ein streng geschlossenes und gegliedertes System mit allen Vorzügen und Schwächen. Ein System, das in seiner Geschlossenheit selbst den Keim einer Religion enthält, weshalb nur eine Schule, keine Partei sich aus ihm entwickelte. Man kann eben so gut von einer Fourier'schen Sekte sprechen, wie Fourier selbst, und stets mit großer Geringschätzung, von einer Owen'schen oder St. Simonistischen Sekte sprach.
* * * * *
Glaubte Fourier durch die auszugsweise mitgetheilten Aussprüche den Beweis geführt zu haben, daß Jesus und das Neue Testament für seine Theorien sprächen, so geht er nunmehr dazu über, auch den Gegenbeweis zu Gunsten seiner Lehre zu erbringen, d.h. er sucht nachzuweisen, in welcher Unwissenheit sich die Modernen über Charakter, Eigenschaften, Gang und Ende der Zivilisation befänden, von der sie immer noch leichtgläubig genug die Vervollkommnung hofften. Er versucht ferner nachzuweisen, welche Wege sie betreten müßten, um allmälig in die sechste Entwicklungsperiode, die des Garantismus, zu gelangen. Daß die Zivilisation überhaupt sich zu vervollkommnen suche, zeige das unbewußte Streben, über sich selbst hinaus zu gehen, sich zu Garantien zu erheben, von denen einige Stückchen verwirklicht zu haben sie sich einbilde. Aber diese Garantien, wie das Geldsystem und die Versicherungen, verdanke sie mehr dem Zufall, dem Instinkt, aber nicht der Wissenschaft.
Es sei hier bemerkt, daß Fourier zwar die Einführung des Geldes als Fortschritt für ein besseres Ausgleichungssystem ansieht, aber auszusetzen hat, daß es »individuelles« Geld sei, wie er es bezeichnet, also in den Händen des Privateigenthümers Mittel der Ausbeutung, des Betrugs und der Unterdrückung werde. Das Geld soll nach ihm gesellschaftliches Besitzthum sein, es würde also in seinem System Besitzthum der Phalanxen werden. Daß das Geld seinen Zweck nur erfüllt, wenn es zwar gesellschaftlich anerkanntes Tauschmittel für alle Waaren, aber gleichzeitig im Privatbesitz ist, weil es _nur_ in einer auf Privatbesitz und Waarenproduktion beruhenden Gesellschaft einen Sinn und die Möglichkeit der Existenz hat, entging ihm. Mit der Aufhebung der Waarenproduktion, also auch der Privatwirthschaft und mit der Einführung gesellschaftlicher Produktion fällt der Gegenpol der Waarenwirthschaft, die Geldwirthschaft, von selbst, der Boden seiner Existenz, allgemein anerkanntes Tauschmittel für alle Waarenaustausche zu sein, wird ihm entzogen. Da wo Produkt gegen Produkt, richtiger Arbeit gegen Arbeit gesellschaftlicher Vereinigungen sich austauscht, wird der Austausch ein einfaches Rechenexempel, das auf dem Wege der Buchung der austauschenden Faktoren beglichen wird. Dagegen muß in einer auf Millionen Einzelwirthschaften beruhenden Produktion, wo das Produkt als Waare den einzigen Zweck hat, so rasch als möglich die Hände seines Produzenten zu verlassen, um durch Dutzende von Händen die verschlungensten Kanäle zu durchwandern, welche die Spekulation ihm anweist, bis es endlich in die Hände des Bedürfers gelangt, wir sagen, hier muß nothwendig ein gesellschaftlich anerkanntes Aequivalent zur Ausgleichung aller dieser Manipulationen vorhanden sein, und dieses ist das Geld, das den Doppelcharakter besitzt, gesellschaftlich anerkanntes Werthmaß und Waare zu sein.
Andererseits, fährt Fourier fort, habe die Zivilisation falsche Methoden adoptirt, so das System der anarchischen Industrie und der lügnerischen individuellen Konkurrenz; aber hauptsächlich habe sie den Fehlgriff begangen, die Aktiengesellschaft für die Assoziation anzusehen, alles Fehler, die sie weitab vom Wege der sozialen Garantien führten. Es sei also nothwendig, um dieses politische Chaos zu entwirren, eine detaillirte Analyse der Zivilisation und ihres Charakters zu geben, eine Aufgabe, der sich bisher die Gesellschaft und ihre wissenschaftlichen Führer entzogen hätten. Man glaube noch an die Vervollkommnung, _während die Zivilisation bereits rapide ihrem Untergang entgegeneile_.
Wie der menschliche Körper so besäßen auch die Gesellschaften ihre vier, durch bestimmte Charaktereigenschaften sich unterscheidenden Lebensalter, die einander sich folgten. Man könne weder den Aufschwung noch den Niedergang einer Gesellschaft beurtheilen, so lange man nicht die sehr unterscheidenden Charaktereigenschaften zu bezeichnen vermöge, die eine bestimmte Gesellschaft besitze. Unsere Naturwissenschaftler seien, wenn es sich um die Unterscheidung ziemlich nutzloser Pflanzen handele, so sehr skrupulös, warum seien dies nicht auch unsere Politiker und Oekonomisten? Warum folgten sie nicht dieser naturwissenschaftlichen Methode, wenn es sich um die ihnen so theure Zivilisation handele, um die von jeder der vier Phasen adoptirten Eigenschaften zu bezeichnen? Es sei dies das einzige Mittel, um zu erkennen, ob man noch vorwärts schreite oder im Niedergang sich befinde.
Nach Fourier sind nun die vier Phasen der Zivilisation und die einer jeden eigentümlichen Charaktereigenschaften folgende:
/ 1. Phase: KINDHEIT. | Einfacher Keim . . . . . . . Monogamie. | Zusammengesetzter Keim . . . Patriarchalische oder | adelige Feudalität. | Angelpunkt der Periode: . Bürgerliche Rechte | der Frau. Auf- | Gegengewicht . . . . . . . . Föderation der großen steigende / Vasallen. \ Ton oder Stimmung . . . . . Ritterliche Illusionen. Schwingung | | 2. Phase: JUGEND. | Einfacher Keim . . . . . . . Städtische Privilegien. | Zusammengesetzter Keim . . . Pflege der Wissenschaften | und Künste. | Angelpunkt der Periode: . Befreiung der Arbeit. | Gegengewicht . . . . . . . . Repräsentativsystem. \ Ton oder Stimmung . . . . . Illusionen über Freiheit.
MITTAGSPHASE Keim . . . . . . . . . . Seeschiffahrtskunst, experimentale Chemie. Charakter- eigenthümlichkeiten . . Enttäuschungen, Staatsanleihen.
/ 3. Phase: MANNBARKEIT. | Einfacher Keim . . . . . . . Handelsgeist, Fiskalismus. | Zusammengesetzter Keim . . . Aktien-Gesellschaften. | Angelpunkt der Periode: . Monopol der Seeherrschaft. | Gegengewicht . . . . . . . . Handels-Anarchie. Ab- | Ton oder Stimmung . . . . . Oekonomische Illusionen. steigende / \ 4. Phase: ALTERSSCHWÄCHE. Schwingung | Einfacher Keim . . . . . . . Leihhäuser. | Zusammengesetzter Keim . . . Unternehmerschaft in | bestimmter Anzahl. | Angelpunkt der Periode: . Industrielle Feudalität. | Gegengewicht . . . . . . . . Monopolwirthschaft. | Ton oder Stimmung . . . . . Illusionen über \ Assoziationen.
Man wird dem hier wiedergegebenen Tableau Scharfsinn in der Aufstellung und Interessantheit in der Gruppirung nicht absprechen können, mehrfach charakterisirt es die verschiedenen Perioden der zivilisirten Gesellschaft sehr treffend.
Fourier bemerkt dazu erläuternd: er habe diejenigen Charaktereigenschaften nicht hervorgehoben, die allen vier Phasen gemeinsam seien, sondern nur die, welche die eine oder andere auszeichneten und jene, die mit der einen oder anderen gemischt seien. So sei die zweite Phase, in der die Athener lebten, eine unvollständige, eine Bastardperiode, indem ihr noch Merkmale der Periode der Barbarei anklebten und der Angelpunkt der zweiten Phase, die Befreiung der Arbeit, ihr fehlte. In England und Frankreich befinde sich die Zivilisation im absteigenden Ast der dritten Phase und neige stark zur vierten, deren beide Keime sie bereits besitze. Dieser Zustand zeige eine schmerzlich empfundene Stagnation; das Genie fühle sich ermüdet von seiner Unfruchtbarkeit wie ein Gefangener, und arbeite sich vergeblich ab, um irgend eine neue Idee zu erzeugen. Mangels des erfinderischen Genies zögere aber der fiskalische Geist nicht, die Mittel zu entdecken, um die vierte Phase zu organisiren, die zwar ein Fortschritt aber nicht zum Guten sei. Es handele sich darum, einen Zwischenzustand zu schaffen, der die Zivilisation in den Garantismus überleite und diesen dem Liberalismus entgegenzustellen, diesem stationären Geist, der sich auf das Repräsentativsystem, eine der Charaktere der zweiten Phase, verbissen habe. Ein System, das für eine kleine Republik, nicht für ein großes reiches Land wie Frankreich tauglich sei. Umgekehrt wollten die Antiliberalen die Ungeschicklichkeit begehen, uns in die erste Phase zurückzuführen, während das wachsende Staatsschuldenwesen uns unwiderstehlich in die vierte Phase, die Altersschwäche, risse.
Wer das Tableau der Charaktereigenschaften der Zivilisation genau prüfe, werde erkennen, daß der Glaube, unsere Gesellschaft befinde sich in einem »erhabenen Flug«, eine Illusion sei, denn in Wahrheit befänden wir uns auf dem Krebsgang. »Es ist der Fortschritt nach abwärts, vergleichbar dem einer Frau, die ihre weißen Haare, die sie mit sechzig Jahren besitzt, als Vervollkommnung der Vollkommenheit ihres Haarwuchses anpreisen wollte. Darüber wird Jeder mitleidig lächeln. _Wie der menschliche Körper so vervollkommnet sich auch die Gesellschaft nicht, wenn sie altert_.«
Die Gesellschaften wie die Individuen gingen zu Grunde, wenn sie sich dem Wucherer überließen, _und es sei die That unseres Jahrhunderts, von Anleihe zu Anleihe zu eilen_.
Man sage, »das Gefäß ist durchweicht, der Stoff hat seine bleibende Form angenommen.« Das gelte auch von den fiskalischen Anleihen. Sie blieben und jedes Ministerium mache eine neue, denn »man muß essen, wenn man an der Krippe sitzt.« _Welche Partei auch immer herrsche, die Finanz halte stets die Zügel des Gefährtes, damit der Marsch nicht gegen ihr Wirthschaftssystem sich richte_. Was werde also das Ende sein, dem alle unsere mit Schulden überladenen Reiche zueilen, wohin uns die Oekonomisten geführt? Der Sturz in den Abgrund. Man könne unsere Oekonomisten und Politiker jenem Reiter vergleichen, von dem die Spötter sagten: »Er führt nicht das Pferd, das Pferd führt ihn.«
Fourier hat in diesen Auseinandersetzungen wieder einmal, seiner Zeit vorauseilend, den wahren Charakter der Staatsanleihen sehr richtig erkannt. Damit ein Staat von den Geldmächten beherrscht, ökonomisch und finanziell ausgebeutet und geplündert werden kann, muß man ihn zu Anleihen verleiten. Mit jeder neuen Anleihe wird ihm der Strick fester gedreht, genau wie dem Privatmann. Die Staatsgewalt wird Werkzeug in den Händen der großen Finanzmächte, die schließlich weit mehr als die Minister selbst die Staatsangelegenheiten beherrschen und lenken, Gesetze dekretiren, Kriege führen oder verhindern, wie es ihrem Interesse paßt. Und damit die Staatsmaschine nach Wunsch gehe, die Regierung jeder Zeit durch die Kontrole ihrer abhängigen Stellung bewußt bleibe, damit ferner die nöthigen Einnahmequellen in Form von Steuern aller Art zur Verzinsung und Amortisirung der Schulden vorhanden seien, bedarf man des Repräsentativsystems, durch welches die Drahtzieher der hohen Finanz den noch fehlenden Einfluß auf die ganze Gesetzgebung und Staatsverwaltung gewinnen und den Staat zu einer melkenden Kuh der Geldmächte machen. Durch solche Manipulationen ist heute die Regierung und Verwaltung Frankreichs in den Händen der großen Finanzmächte, die es in die Abenteuer von Tunis und Tonkin stürzten, durch Privilegien und Staatssubventionen an die großen Eisenbahn- und Verkehrsgesellschaften das Volk berauben, durch die Ueberlast der indirekten Steuern es brandschatzen und plündern. Durch die gleichen Manipulationen ist Oesterreich dahin gekommen, wo es heute steht, hat man die Türkei zu Grunde gerichtet, Ungarn binnen zwei Jahrzehnten an den Rand des finanziellen Untergangs gebracht, Egypten ruinirt. Wie der kleine Bauer und der in die Klemme gerathene Grundbesitzer die finanziellen Wohlthäter bereit finden, ihnen gegen genügende hypothekarische Sicherheiten zu guten Zinsen Geld zu borgen, oft mehr als sie haben wollen, und nun den Händen des Gläubigers rettungslos überantwortet sind, der die Hand auf ihre Ernten legt, ihnen jederzeit mit Subhastationen droht, und sie zwingt, das ganze Jahr die Frohnarbeit für ihn, den Kapitalisten, zu verrichten, so sind die Staatsangehörigen überschuldeter Reiche die Bienen, die durch ihre Arbeit, mit ihrem Honig der Finanzaristokratie die Kisten und Kasten füllen müssen. Das ist heute, wo die Staatsschulden in fast allen Staaten in die Milliarden gewachsen sind und weiter wachsen, eine sich Jedem leicht aufdrängende Thatsache. Zu Fourier's Zeit stak das Staatsschuldenwesen noch in den Kinderschuhen und es war ungleich schwerer, seinen Charakter zu erkennen als heute.
Unter die permanenten Charaktere der Zivilisation rechnet Fourier denjenigen, der sich schon seit alter Zeit in dem Sprichwort ausdrückt: »Die großen Diebe läßt man laufen, die kleinen hängt man.« Aehnliche Charaktereigenschaften könne man noch eine Menge anführen. So überlasse man sich bitteren Klagen über auffällige Thatsachen wie die, daß die Tugend und das Gute stets lächerlich gemacht, übel behandelt und verfolgt würden. Ohne Zweifel sei die Indignation darüber gerechtfertigt, aber wenn gegenwärtig die Zivilisation eine Aufhäufung dieser beklagenswerthen Resultate zeige, dann klassifizire und konstatire man diese Uebel, damit man einen Ueberblick über das Wesen und die Früchte dieser abscheulichen Gesellschaftsordnung erhalte.
Aber man schenke allen diesen Uebeln so wenig Aufmerksamkeit, weil man sie mit dem gegenwärtigen Zustand unzertrennlich halte. Eine von diesen üblen permanenten Charaktereigenschaften sei auch die Fesselung der öffentlichen Meinung, und zwar auch unter der Herrschaft der Philosophen, die nicht wollten, daß das Volk sein ursprünglichstes Recht erkenne und das Recht auf ein Existenzminimum fordere, was freilich nur unter dem Regime der industriellen Anziehung garantirt werden könne. Andere Uebel erkenne man nicht, weil sie unter falscher Flagge segelten, so die Tyrannei des persönlichen Eigenthums. Der Grundeigenthümer erlaube sich hundert Anordnungen über sein Eigenthum, die mit dem öffentlichen Wohl, dem Wohl der Masse in Widerspruch stünden, er erlaube sich dies alles unter dem Vorwande der »Freiheit«. Das komme, weil die Zivilisation von sozialen Garantien keine Ahnung habe. Wieder ein anderes meist nicht erkanntes Uebel sei die indirekte Verweigerung der Gerechtigkeit für die Armen. Der Arme könne wohl das Recht suchen, aber was nütze dieses, wenn er die Kosten der Prozedur nicht aufbringen könne. Bei den gerechtesten Klagen werde er von dem reichen Plünderer durch Appellation und Gegenappellation mürbe gemacht und zum Nachgeben gezwungen. Man gebe dem Königsmörder einen Vertheidiger, aber nicht dem Armen, denn »er könnte zu viele Prozesse haben«. Die Gesellschaft sei überfüllt mit Armen, die unter dieser Handhabung der Gerechtigkeit litten. Aber diese Gesellschaft sei eben ein falscher Kreisschluß (»cercle vicieux«), das sei ihr wesentlichster Charakter. Die Mängel der Zivilisation ließen sich in zwölf Hauptpunkte zusammenfassen. 1. Eine Minorität, die Herrschenden, bewaffnet Sklaven, die eine Majorität unbewaffneter Sklaven im Zaum halten. 2. Mangel an Solidarität der Massen und dadurch erzwungener Egoismus. 3. Zweideutigkeit aller Handlungen der Gesellschaft und ihrer sozialen Elemente. 4. Innerer Kampf des Menschen mit sich selbst. 5. Die Unvernunft zum Prinzip erhoben. 6. In der Politik wird die Ausnahme als Grundlage für die Regel. 7. Das knorrigste und hartnäckigste Genie wird gebeugt und kleinmüthig gemacht. 8. Erzwungene Begeisterung für das Schlechte. 9. Stetige Verschlimmerung, indem man zu verbessern glaubt. 10. Vielseitiges Unglück für die ungeheure Mehrheit. 11. Fehlen einer wissenschaftlichen Opposition gegen die herrschenden Theorien. 12. Verschlechterung der Klimate. Letzteres, durch die Zerstörung der Wälder und daraus folgendes Austrocknen der Quellen herbeigeführt, müsse nothwendig und sicher bis gegen Ende des Jahrhunderts klimatische Exzesse erzeugen.