Charles Fourier: Sein Leben und seine Theorien.
Chapter 18
Unzweifelhaft liegt der Idee Fourier's in Bezug auf das Bevölkerungsgesetz eine großartige und fruchtbare Auffassung zu Grunde. Er erklärt mit vollem Recht, daß die Zivilisation, in unserer Sprache ausgedrückt die bürgerliche Gesellschaft, wie sie überhaupt unfähig ist, die sozialen Gegensätze aufzuheben, auch unfähig ist, die Bevölkerungsfrage zu lösen. Das zeigt sich nicht nur an dem auch von Fourier angeführten klassischen Beispiel, an Irland, dessen Bevölkerung in demselben Maße ärmer wird, als sie an Zahl im Lande abnimmt, während die Zahl der unter den Pflug genommenen Acker Landes und die Häupterzahl der Viehherden wächst; wir sehen ganz Aehnliches gegenwärtig auch in Ungarn und in Rußland sich vollziehen, wo die bürgerliche Raubwirthschaft an Grund und Boden die Massenverarmung, die steigende Verschuldung und die Verminderung der ackerbautreibenden Bevölkerung, verbunden mit Massenbankerotten im Gefolge hat. Und geht die Entwicklung in der gegenwärtigen Richtung noch einige Jahrzehnte weiter, so werden die Vereinigten Staaten, Ostindien und Neuholland dasselbe Bild uns bieten. Die Raubwirthschaft an Grund und Boden begünstigt die treibhausmäßige Entwicklung der Industrie und des Verkehrs, und so erzeugt, wie Fourier vollkommen richtig und seiner Zeit weit vorauseilend ausführte, »_die Zivilisation die Armuth aus dem Ueberfluß_,« und macht »jedes Uebel und jedes Laster, das die Barbarei nur auf einfache Weise ausübt, zu einem doppelseitigen,« sie geht an ihrem »cercle vicieux«, an ihren inneren Widersprüchen zu Grunde. Was Fourier vorausahnend in Bezug auf das Bevölkerungsgesetz zu begründen versuchte, hat Karl Marx positiv in den Satz formulirt: daß jede ökonomische Entwicklungsperiode auch ihr besonderes, ihr eigenthümliches Bevölkerungsgesetz hat.
In der That wird Niemand, der die gesellschaftliche Entwicklung in ihren verschiedenen Entwicklungsphasen einigermaßen verfolgte -- Wildheit, Barbarei, Patriarchat, Zivilisation, und hier wieder antiker, feudaler, bürgerlicher Staat -- bestreiten können, daß die jeweilige Entwicklung der Eigenthumsformen, der materiellen Lebensbedingungen der Gesellschaft, auch in jeder Periode entsprechende Bevölkerungszustände schaffte. So wird auch eine sozialistische Gesellschaft mit von Grund aus veränderter materieller Lage für die Gesammtheit und mit ihren Veränderungen in den Beziehungen der Geschlechter ein von der bürgerlichen Gesellschaft abweichendes Bevölkerungsgesetz für ihre Entwicklung haben. Der Unterschied wird hauptsächlich sein, daß, während bisher alle Gesellschaftsordnungen sich ihre Lebensbedingungen schufen, ihrer eignen treibenden Gesetze unbewußt, aber auch die Bedingungen ihres Untergangs unbewußt erzeugten, eine sozialistische Gesellschaft sowohl ihr Entwicklungsgesetz wie ihr Bevölkerungsgesetz erkennt und beide bewußt anwenden wird; sie wird sich über ihre eigene Zukunft ebensowenig wie über den einstmaligen Untergang des Menschengeschlechts täuschen.
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Nach Fourier's Auffassung ist die Welt einheitlich organisirt, Alles verbunden und in Beziehungen zu einander. Der Schöpfer dieser Welt ist Gott, aber der eigentliche Mittelpunkt derselben ist der Mensch. Zwischen Gott und dem Menschen bestehen die innigsten Wechselbeziehungen, und will der Mensch das Glück, das seine Bestimmung ist, erreichen, muß er Gott als den obersten Leiter der Welt anerkennen. Diese Erkenntniß hat man aber von Alters her zu verhindern gesucht. Man hatte sich gewöhnt, die Welt mit 35.000 Göttern zu bevölkern, statt den einen Gott anzuerkennen. Das war eine himmlische Maskerade, unter welcher es schwierig war, die wahren Absichten Gottes zu entschleiern. Selbst Sokrates und Cicero beschränkten sich darauf, sich in ihrem Jahrhundert von diesen Göttersottisen zu isoliren und den »unbekannten Gott« zu verherrlichen, ohne weitere Untersuchungen anzustellen, die dem Geist der Zeit entgegen waren. Sokrates ward ein Opfer seiner Bekenntnisse.
Heute, nachdem der Christianismus uns zu gesunden Ideen wieder zurückgeführt, zu dem Glauben an einen einzigen Gott, seien jene Superstitionen zerstört. Die menschliche Vernunft müsse anerkennen, daß alle Erleuchtung von Gott komme, sie müsse sich seinem Geist unterwerfen, und also bleibe nur übrig zu bestimmen, welch wesentliche Charaktereigenschaften, Attribute, Ansichten und Methoden Gott in Bezug auf die Harmonie des Weltalls habe.
Die Antwort auf die Frage Feuerbach's: »Wer hat Gott geschaffen?«, Antwort: »der Mensch«, trifft schlagend hier bei Fourier zu, der sich seinen Gott konstruirt, wie er ihn für sein soziales System braucht.
Dieser sein Gott hat fünf wesentliche Eigenschaften, die ihn zu der ihm zugedachten Stelle befähigen. Er ist alleiniger und vollkommener Leiter aller Bewegung im Weltall; denn, sagt Fourier, wenn Gott, dieser oberste Leiter, der alleinige Herr des Universums, der Schöpfer und Vertheiler von und für Alles ist, so hat er auch alle Theile des Weltalls zu lenken und besonders die _wichtigsten_, die sozialen Beziehungen. Also ist er der soziale Gesetzgeber und nicht die Menschen. Letztere haben nur das soziale Gesetz zu suchen, das Gott ihnen bestimmte. Da erhebe nun die Philosophie ihr Geschrei und setze sich, d.h. also die menschliche Vernunft, an die erste, und Gott an die zweite Stelle. Das bedeute, daß sie Gott von der Prärogative der Gesetzgebung in Sachen der sozialen Ordnung ausschließe und sich an seine Stelle setze. Wem leuchte nicht diese Anmaßung ein? Eine zweite Haupteigenschaft Gottes sei, oberster Oekonom aller Hülfsmittel zu sein. Diese Stellung erfordere, daß er die größten sozietären Vereinigungen den kleinsten, wie der Familie und der isolirten Privatwirthschaft vorziehe, daß er ferner als Motor die Anziehung der Triebe anwende, welche zwölf große Ersparungen im Vergleich zu dem Regime der Einschränkung und des Zwangs, wie es die Zivilisation besitze, ermögliche. Diese zwölf Ersparungen zählt er auf. Die dritte Haupteigenschaft Gottes bilde die distributive Gerechtigkeit. Davon sehe man nicht einmal einen Schatten in der Zivilisation, _wo das Elend der Völker in demselben Maße wachse, wie die Industrie zunehme_. Das erste Zeichen von Gerechtigkeit in der Zivilisation solle ein dem Volk garantirtes Minimum des Lebensunterhaltes sein. Aber statt dessen sehe man das Gegentheil. Der Handelsgeist führe dahin, die heiße Zone mit ihren den Heimathländern entrissenen schwarzen Sklaven, die gemäßigte Zone mit weißen Sklaven zu bedecken, die man in die industriellen Bagnos (die Fabriken) zwinge. Wo sei auch nur ein Funke von Gerechtigkeit vorhanden, wenn trotz des Wachsthums der Industrie den Armen nicht einmal die Möglichkeit, Arbeit zu erhalten, garantirt sei? Wo diese Zustände hintrieben, sehe man an England. Die distributive Gerechtigkeit, die Gott wolle, gebe es nur in der Harmonie.
Die vierte Haupteigenschaft Gottes sei die Allgemeinheit der Vorsehung. Sie müsse sich auf alle Völker, Wilde wie Zivilisirte, ausdehnen. Da nun die Annahme unserer sozialen Ordnung von Wilden und Barbaren verweigert werde, so sei dies ein Beweis, daß diese Ordnung nicht den Ansichten Gottes entspreche, welcher ein System wolle, das die Harmonie unter allen Menschen herstelle. Jede Ordnung aber, die auf Gewalt beruhe, widerspreche der menschlichen Natur. Jede Klasse, die wie die Sklaven, durch das heutige System direkt, oder wie die Arbeiter indirekt unterdrückt würde, sei der Stütze der Vorsehung beraubt, die auf der Erde durch die Anziehung der Triebe in den industriellen Anwendungen allein zur Geltung komme. Jeder Zustand, der auf der Gewalt beruhe, sei den Ansichten Gottes entgegen, es müsse also eine soziale Ordnung hergestellt werden, vor der alle Völker und alle Klassen sich neigten, wenn die Vorsehung universell sein solle. Endlich, die fünfte Haupteigenschaft Gottes sei, als Schöpfer des Weltalls auch die Einheitlichkeit des Systems zu wollen, welche die Anwendung der Anziehung als Triebfeder für alle sozialen Harmonien und alle Welten voraussetze, von den Sternen bis zu den Insekten. Es sei also das Studium der Anziehung, in dem man das göttliche, das ganze All beherrschende Gesetz zu suchen habe. Weder Voltaire noch Rousseau seien im Stande gewesen, dieses soziale Gesetz zu entdecken; Voltaire habe in Gasconaden (prahlerischen Redensarten) sich ergangen, Rousseau habe dem philosophischen Obskurantismus die Wege gebahnt, Beide hätten das Ziel verfehlt.
Fourier greift also direkt die beiden Heiligen der französischen Bourgeoisie an: Voltaire, der die Macht des Klerus und der Kirche wie kein Zweiter untergrub und erschütterte, und Rousseau, der das sozial-philosophische Lehrgebäude errichtete, dessen Theorien das französische Bürgerthum in der großen Revolution in die Praxis umzusetzen versuchte und, soweit auch wirklich umsetzte, als dies die Praxis des Lebens, d.h. die materiellen Interessen der nunmehr in Staat und Gesellschaft zur Herrschaft gekommenen Klasse zuließen. In der Selbsttäuschung befangen, nagelte man als Firmenschild die Devise: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit an, jene Devise, die in so grellem Kontrast zur Wirklichkeit stand und deren unbegreiflicher Widerspruch mit den Thatsachen die Kämpfe in der Konstituante und im Konvent hervorriefen, die Schreckensherrschaft der »Tugendhaftesten«, der blindesten Verehrer Jean Jacques Rousseau's, der Robespierre, St. Just und Genossen gebaren und schließlich mit der Diktatur eines Napoleon Bonaparte endeten und enden mußten. Diesen Widerspruch zwischen den Theorien und der Praxis hatte Fourier so scharf wie nur noch Einer, St. Simon, erkannt und daher seine Angriffe und sein ätzender Spott gegen die Philosophen, die Moralisten, die Metaphysiker, die Politiker und Oekonomen, die geistigen Träger und Lobredner, die Ideologen des bürgerlichen Systems.
Wie nun Fourier das Bedürfniß empfand, sein soziales System als mit den Absichten Gottes in Einklang stehend darzustellen, sich selbst als den Propheten der neuen von Gott gewollten Ordnung anzusehen, so versuchte er auch den Nachweis, daß seine Theorien mit der Lehre Jesu, den Schriften des Neuen Testaments im Einklang ständen. Nach der Revolution war man in Frankreich wieder sehr fromm geworden, Napoleon hatte sich schließlich mit dem Papstthum ausgesöhnt und es als Vorspann für seine Kaiserherrlichkeit zu benutzen versucht. Der Weizen der Kirche blühte erst recht, als nach dem Sturze Bonaparte's die Restauration, gestützt auf die Bajonette der heiligen Allianz, in Frankreich ihren Einzug hielt. Es konnte also die Berufung auf die Aussprüche Christi unter keinen Umständen schaden, namentlich wenn man, wie Fourier, entschlossen war, die Unterstützung für sein soziales System zu nehmen, wo man sie fand, und die er, wenn überhaupt, nur in den Kreisen der Großen und Reichen finden konnte. Er war daher sehr ärgerlich und sogar überrascht -- letzteres ein Beweis dafür, daß Ueberzeugung und nicht blos Berechnung im Spiele war -- als er erfuhr, daß der Papst seine Werke gleich denen von Owen und Lamartine auf den Index gesetzt habe. Er, der scharfsinnige Denker, konnte nicht fassen, daß der Gott, dem er huldigte, der Schützer und Begünstiger aller sinnlichen Triebe, dessen Kredo lautete: »Mensch genieße, und je mehr du genießest, um so besser entsprichst du dir selbst als Mensch, deiner menschlichen Bestimmung und Gott als deinem Schöpfer,« wir sagen, er konnte nicht fassen, daß dieser Gott ein ganz anderer Gott war, als jener der christlichen Askese, der die Verachtung des Reichthums, der irdischen Güter, der fleischlichen Genüsse und Begierden, kurz die Verachtung der Welt predigte. Fourier legte ein besonderes Gewicht darauf, wie er in seinen Schriften nachdrücklich und wiederholt hervorhebt, in Sachen der Wissenschaft mit Newton, in Sachen seiner sozialen Theorien mit Christus übereinzustimmen. Indem er sich auf die Aussprüche Jesu im Neuen Testamente stützt, bricht um so heftiger sein Zorn gegen die Philosophen los, die, wie er voraussetzt, aus niedrigen, egoistischen Motiven und verletzter Eitelkeit ihn bekämpfen, daß er, der Mann ohne Rang und Namen, der keine wissenschaftlichen Schulstudien absolvirt, eine Entdeckung gemacht habe, die bestimmt sei, das Schicksal des Menschengeschlechts und das Aussehen des Erdballs zu verändern.
Wie er die Aussprüche Jesu zu seinen Gunsten und zugleich zu Angriffen auf seine ihm verhaßtesten Gegner zu verwenden sucht, dafür mögen die folgenden Beispiele zeugen:
»'Glücklich die Armen am Geist, denn das himmlische Königreich ist ihnen.' Kein Gleichniß ist bekannter, keins weniger begriffen. Wer sind die Armen am Geiste, die Christus hier rühmt? Es sind Diejenigen, die sich vor dem falschen Wissen der zweifelhaften Philosophie bewahren. Dieses falsche Wissen ist für das Genie die Klippe, der Weg zum Ruin, der es von dem rechten Wege, der zu allen nützlichen Studien führt, aus denen die sozietäre Harmonie, das himmlische Königreich und die Gerechtigkeit, die Jesus zu suchen befiehlt, hervorgehen, ablenkt. Vor dem Mißbrauch unseres Geistes, vor dem Labyrinth dieser durch ihre eigenen Autoren verurtheilten Philosophie, die wie Voltaire zu ihrer eigenen Schmach sagen: Oh! welch dicke Finsterniß bedeckt noch die Natur! muß man uns schützen. Die wahre Erleuchtung bringt Jesus. Die Entdeckung des sozietären Mechanismus und des Studiums der Anziehung ist den geraden Geistern vorbehalten, welche die Sophismen verabscheuen. Sagt doch Jesus (Matth. XI, 25): 'Ich preise Dich Vater und Herr des Himmels und der Erde, daß Du solches den Weisen und Klugen verborgen hast, und hast es den Unmündigen geoffenbaret.' Die Erkenntniß ist also den einfachen Geistern bewahrt, die Philosophen können sie nicht entdecken. Indem Jesus von den Armen am Geiste spricht, will er der Unwissenheit kein Lob zollen, wie die Spötter ihm unterschieben, er bezeugt damit nur seine Verachtung für die hartnäckig gepredigten wissenschaftlichen Dunkelheiten.«
»Die soziale Welt kann das Geheimniß der Bestimmungen nur erfassen, wenn sie darauf hin ihre Untersuchungen macht, aber die Erkenntniß wird ihr vorenthalten sein, so lange sie nicht sucht. Das sagt Jesus deutlich, indem er spricht (St. Luc. XI): 'Suchet, so werdet ihr finden, klopfet an, so wird euch aufgethan' und (St. Luc. XII): 'Glaubt ihr, daß Gott für euch weniger als für die Vögel unter dem Himmel sorgt?' Was würde das Suchen nützen, wenn man keinen anderen Ausgang fände, als die Zivilisation, diesen Abgrund von Elend, der immer dieselben Geißeln, nur unter wechselnden Formen, erzeugt? Zweifellos bleibt also eine glücklichere Gesellschaft zu entdecken übrig, wenn der Retter uns selbst zum Suchen auffordert. Aber warum hat er nicht selbst uns über diese aufgeklärt? Kannte er nach seinen eigenen Worten, Vergangenheit und Zukunft, das Ganze der Bestimmungen, indem er sagt: 'Mein Vater hat alles in meine Hände gegeben', konnte er uns da nicht über unsere sozietäre Bestimmung belehren, anstatt uns zu veranlassen, die Entdeckung zu machen, die dann durch unser blindes Vertrauen in die Philosophen so viele Jahrhunderte verzögert wurde?« Fourier, der diese Fragen stellt, ist natürlich um die Antwort nicht verlegen, er antwortet: »Da Jesus von seinem Vater mit der religiösen Offenbarung beauftragt war, konnte er nicht noch mit der sozialen belastet werden, sie war vielmehr ausdrücklich ausgenommen, wie er selbst in den Worten ausspricht: 'Gebt Cäsar, was des Cäsars ist, und Gott, was Gottes ist.' Er trennte also die Funktionen streng, je nachdem sie der Autorität oder der sozialen Politik zufielen. Er that also nicht, was nicht seine Aufgabe war, aber er kannte die glückliche Bestimmung des Menschengeschlechts, denn er sagt: 'Gott hat seinen Sohn nicht in die Welt gesandt, daß er die Welt richte, sondern daß die Welt durch ihn selig werde.' Seine Mission beschränkte sich auf das Wohl der Seelen und das ist der edelste Theil unserer Bestimmung, dagegen bleibt der untergeordnete Theil, der über das politische Wohl der Gesellschaften, der menschlichen Vernunft vorbehalten, und demzufolge auch die Untersuchung des sozialen Mechanismus nach den Wünschen Gottes; ein Weg, welcher durch die Berechnung der Anziehung entdeckt wurde.«
»Jesus liebt es, sich in Anspielungen auf unsere glückliche Bestimmung zu ergehen und auf das, was uns bevorsteht; so sagt er uns im Wesentlichen: Das Wohl der Seelen geht allem voran, was die Körper, die weltlichen Gesellschaften betrifft, sie sind noch im Abgrund der Ungerechtigkeit, genannt Zivilisation; lasset sie darin; es ist eure Aufgabe, den Zankapfel unter sie zu tragen: 'Denn von nun an werden fünf in einem Hause uneins sein, drei wider zwei und zwei wider drei. Es wird der Vater wider den Sohn und der Sohn wider den Vater sein; die Mutter wider die Tochter und die Tochter wider die Mutter etc.' Genöthigt, auch den Ausgang aus dieser sozialen Hölle zu verheimlichen, 'bin ich gekommen, ein Feuer auf Erden anzuzünden; was wollte ich lieber, denn es brennte schon.' (St. Luc. XII.) Dieser Wunsch Jesu, daß es schon brenne, ist weit entfernt, ein übelwollender zu sein, es spricht vielmehr aus ihm die edle Ungeduld, das Maß der Irrthümer der Philosophie gefüllt zu sehen, jener Philosophie, die alle Uebel, die sie zu heilen vorgiebt, verschlimmert und durch das blinde Vertrauen, das wir in sie gesetzt, uns schmachvoll zwingt, den Ausgang aus dem politischen Labyrinth, in das sie uns geführt, zu suchen. Darum erhebt er auch mit Wärme gegen die Sophisten, die uns vom rechten Studium abwenden wollen, seine Stimme, indem er sie verfluchend sagt: 'Wehe euch Schriftgelehrten und Pharisäer, ihr Heuchler, daß ihr seid, wie die verdeckten Todtengräber, darüber die Leute laufen, und kennen sie nicht. Wehe euch Schriftgelehrten, die ihr die Menschen mit unerträglichen Lasten beladet und rühret sie nicht mit einem Finger an. Wehe euch, die ihr den Schlüssel der Erkenntniß weggenommen habt; ihr kommt nicht hinein, und wehret denen, so hinein wollen.' (St. Luc. XI.) Ja die Philosophen wehren uns den Eintritt, indem sie sich bemühen, mit metaphysischen Subtilitäten das Studium des Menschen zu verbarrikadiren, das einfachste Studium von allen, das nichts als eine von Vorurtheilen freie Vernunft erfordert, vertrauend der Anziehung wie die Kinder. Darum sagt auch Jesu: 'Laßt die Kindlein zu mir kommen und wehret ihnen nicht, denn ihrer ist das Reich Gottes.' Und: 'Wer das Reich Gottes nicht empfängt wie ein Kindlein, der wird nicht hineinkommen.'«
Das größte Hinderniß, daß die Philosophen nicht den rechten Weg für ihre Studien einschlugen, sei ihr Egoismus, den sie unter der Maske der Philanthropie versteckten, darum ruft ihnen Jesu mit Heftigkeit zu: 'Ihr, die ihr böse seid von Jugend auf, könnt ihr sagen, daß ihr irgend etwas Gutes thatet?' Und: 'Wehe euch Schriftgelehrten und Pharisäern, ihr Heuchler, die ihr gleich seid übertünchten Gräbern, die auswendig hübsch scheinen, aber inwendig voller Todtenbeine und Unflaths sind. Von außen scheint ihr den Menschen fromm, aber inwendig seid ihr voller Heuchelei und Untugend.' Der niedrigste Egoismus habe die Philosophie auch verhindert, dem Volke das einfachste und natürlichste Recht, das Recht auf ein Minimum des Lebensunterhalts, zuzusprechen, ein Minimum, das Christus den Pharisäern gegenüber ausdrücklich in den Worten anerkannt habe: 'Habt ihr nie gelesen, was David that, da es ihm noth war, und ihn hungerte, sammt denen, die bei ihm waren? Wie er in das Haus Gottes ging, zur Zeit Obadja's, des Hohenpriesters, und aß die Schaubrote, die Niemand durfte essen, denn die Priester; und er gab sie auch denen, die bei ihm waren?' _Jesus hat also damit das Recht, zu nehmen, wo man das Nothwendige findet, geheiligt, und dieses Recht schließt implizite die Pflicht ein, dem Volk ein Minimum zu sichern_; so lange diese Pflicht nicht anerkannt wird, besteht für das Volk der soziale Vertrag nicht. Das ist das erste Gebot der christlichen Liebe. Die Philosophie weigert sich hartnäckig, dieses Recht zu lehren, einfach, weil sie nicht weiß, durch welche Mittel sie es dem Volk verschaffen soll, das ist freilich auch unmöglich, so lange man nicht weiß die Zivilisation zu einer höheren Gesellschaftsordnung zu erheben.«
Fourier sieht aber nicht blos sein System an und für sich durch die Aussprüche Jesu als sicher in Aussicht gestellt, er findet sogar einige seiner Haupttheorien durch sie gerechtfertigt, so die Anerkennung der Gourmandise und die Nachsicht gegen die armen Sünderinnen, die unter der Herrschaft der Zivilisation ihrem Liebes- und Lebenstrieb nur in der Form der Prostitution Rechnung zu tragen vermögen. Er (Fourier) führt Folgendes an: »Auf den Vorwurf der Juden, die Jesu vorwerfen, gute Mahlzeiten zu lieben, antwortete er: 'Johannes der Täufer ist gekommen und aß kein Brot und trank keinen Wein; da sagtet ihr: Er hat den Teufel. Des Menschen Sohn ist gekommen, isset und trinket, da saget ihr: Siehe der Mensch ist ein Fresser und Weinsäufer, der Zöllner und Sünder Freund.' Und er antwortet weiter: 'Die Weisheit wird gerechtfertigt sein von allen ihren Kindern.' (St. Luc. VII.) Jesus beurtheilte also die Weisheit als sehr verträglich mit den Genüssen. Und um dem vorgeführten Beispiel zu entsprechen, setzt er sich an die reich bedeckte Tafel eines Pharisäers, der ihn eingeladen hatte. Da kommt eine Kourtisane, wäscht ihm die Füße und salbt ihn mit wohlriechender Salbe. Der Pharisäer hält sich darüber auf, daß er sich von einem solchen Weibe das gefallen lasse. Jesus aber antwortete ihm: »Ihr sind viele Sünden vergeben, denn sie hat viel geliebt; welchem aber wenig vergeben wird, der hat wenig geliebt.« Voll Mitleid für das unterdrückte Geschlecht, verzeiht er der Sünderin und der Ehebrecherin Magdalena. Auch sagt er uns: »Mein Joch ist süß und meine Last leicht.«
»Christus will also, daß man weder Feind des Reichthums noch der Vergnügungen sei, er fordert nur, daß man mit dem Genießen des Guten den Glauben verbinde, weil es der Glaube ist, der uns zur Entdeckung des sozietären Regimes, des himmlischen Königreichs führt, 'wo alle Güter im Uebermaß vorhanden sein werden'. (St. Luc. XII.) Den Reichthum tadelt er nur rücksichtlich der Laster, zu denen er in der Zivilisation verführt, weshalb er sagt: »Es ist leichter, daß ein Kameel durch ein Nadelöhr geht, als daß ein Reicher in's Himmelreich kommt.'«