Charles Fourier: Sein Leben und seine Theorien.
Chapter 17
Fourier ist nun weiter der Ansicht, daß in seiner Phalanx die Generosität, welche die reichen Leute üben, wenigstens 7/8 des Betrags ihrer Dividenden, und bei den Mittelleuten die Hälfte derselben umfassen werde, diese also den ärmeren Sozietären zu Gute kommen. Das klinge freilich wie eine romantische Vision, weil man sich in der Zivilisation ein solches Maß von Großmuth gar nicht vorstellen könne. Mit den bereits hervorgehobenen Triebfedern für eine solche Handlungsweise verbinden sich allerdings noch andere, wie diejenigen, die aus den Liebesbeziehungen resultiren. Doch bei den Vorurtheilen der Zivilisation gegen alles, was das Kapitel der freien Liebe betreffe, sei er genöthigt, grade dieses für die Harmonie so werthvolle und äußerst interessante Gebiet nicht weiter zu berühren; so viel aber sei sicher, daß die freie Liebe und die freie Vaterschaft seelische und physische Kraftquellen erschließen werde, die der Lebensfreudigkeit und der Entwicklung der Menschheit die glänzendsten Aussichten eröffneten.
Was schließlich den Loosantheil betreffe, der dem Talent zufalle, so gewähre dies besonders den unbemittelten Alten in der Phalanx, die in Folge einer langen Erfahrung in den verschiedensten Arbeitszweigen und in der Leitung der Arbeiten hervorragten, Aussicht auf Gewinn. In der Zivilisation sei die Arbeit des Talents, die in der Harmonie eine Ausgleichung zwischen dem, was dem Kapital und dem, was der Arbeit zufalle, herbeiführen solle, nur eine Art Fußschemel, auf dem der Reichere auf Kosten des Aermeren, dessen Kenntnisse er für sich ausbeute, in die Höhe steige; der gesellschaftlich Begünstigte schmückte sich mit den Federn des Armen. Die Handlungen aus Edelmuth in der Phalanx seien es ferner, die hauptsächlich die Grenzen zwischen den Armen und Reichen verwischten, daher werde ein Monarch in der Harmonie mitleidig lächeln, wenn man ihm eine Schutzgarde anbiete. Alle, die ihn umgeben, seien ihm von Herzen und nicht wegen der Bezahlung ergeben, der Monarch genieße ohne alle Kosten eine Zuneigung, die er sich in der Zivilisation nie zu erwerben vermöge, wo er seine Sicherheit nur in der Umgebung von erkauften Söldlingen zu glauben finde und doch nicht vor der Ermordung sicher sei.[20]
[Fußnote 20: Anspielung auf die verschiedenen Attentatsversuche und Verschwörungen, denen trotz aller Sicherheitsmaßregeln Napoleon I. wie Ludwig XVIII. und Louis Philipp ausgesetzt waren.]
Die große Ungleichheit der Vermögen werde es gerade sein, die in der sozietären Gesellschaft die Harmonie gebäre; nur ein Schatten von Gleichheit hierin würde sie zerstören. Kein mittelreicher Mann werde deshalb den Anstoß geben, mehr zu überlassen, als was das Minimum überschreite. Es genüge, um einen solchen Akt des Wohlwollens begehen zu können, den Sozietären das beträchtliche Einkommen, das ihnen die zugestandene Dividende aus den Aktien einbringe. So werde, den moralischen Diatriben gegen die großen Vermögen zum Trotz, die Phalanx, wo die Ungleichheit des Vermögens die größte und best abgestufteste sei, die doppelte Harmonie, in Folge des Spiels der Impulse der Habsucht und der Großmuth, am besten erreichen. »Wie weit entfernt war doch die arme Moral, in das Geheimniß der Harmonie der Vertheilung, die für alle anderen Harmonien die Grundlage bildet, einzudringen.« Und da griffen die Philosophen seine Theorie als bizarr und unbegreiflich an, die doch im Gegentheil gar nichts Willkürliches habe, sondern auf unerschütterlichen geometrischen Theorien aufgebaut sei. Man preise Newton als das größte moderne Genie, weil er die Berechnung der Gesetze der Anziehung begonnen habe, worin er sich aber nur auf einen Zweig beschränkte; warum unterdrücke man da ihn, den Mann, der diese Berechnung fortgesetzt und sie vom materiellen auf das passionelle Gebiet, ein Zweig, der für die Menschheit sehr viel nützlicher sei, als den, welchen Newton behandelte, übertragen habe. Es sei nichts, als die Furcht, daß diese von ihm begründete neue Wissenschaft das Handelsgeschäft mit den philosophischen Systemen und Büchern schädige.
Neben den bisher angeführten Faktoren, die nach Fourier eingreifen, um das Leben in der Phalanx zu einem möglichst angenehmen zu gestalten, wirken noch solche, welche die gegenseitige Uebereinstimmung und die Versöhnung der Klassen und Standesunterschiede herbeiführen, so die Beziehungen, welche die Freundschaften zwischen Armen und Reichen und die Liebe zwischen Jungen und Alten herstellen wird. Die Zivilisation erzeuge zwar auch ausnahmsweise die eine oder die andere dieser Beziehungen, aber bei dem Mangel der Serien der Triebe könnten sie zu keinem System werden. Wie Freundschaften zwischen Arm und Reich in der Harmonie entstehen, ist schon ausgeführt worden. Die Beziehungen, welche die freie Liebe hervorruft, müßten in Rücksicht auf die ebenfalls schon erwähnten Vorurtheile der Zivilisirten unerörtert bleiben, so sind nur die aus Ehrgeiz und der Vaterschaft sich ergebenden Verhältnisse näher zu betrachten.
»In unserer Zivilisation herrscht unter den verschiedenen Klassen und Standesabstufungen überall nur Haß und Feindseligkeit oder Geringschätzung. Der hohe Adel sieht auf den niederen, der Adel überhaupt auf die Bourgeoisie, die Bourgeoisie wieder auf das Volk mit mehr oder weniger großer Feindseligkeit oder Geringschätzung herab, und diese Gefühle werden von unten nach oben erwidert. Innerhalb der einzelnen Schichten selbst giebt es wieder verschiedene Abstufungen, zwischen denen ähnliche Gefühle herrschen. Kurz, mit der süßen Brüderlichkeit, welche die Moral und die Philosophie predigen, sieht es in der Wirklichkeit recht windig aus. Da verachtet der große Kaufmann den kleinen, der Gelehrte den Nichtgelehrten, der Bürger den Bauern und Arbeiter. Aber wo das Merkenlassen dieser Gefühle den Interessen schadet, versteckt man sie, und das nennt man dann Gewandtheit oder Klugheit (»savoir faire«). Wo in der Zivilisation sich der Höhere dem Niederen scheinbar freundschaftlich nähert, sind in der Regel Hintergedanken im Spiel und sie führen zum Ueblen und zu Unordnungen. So, wenn der Große einer Frau aus dem Volke sich nähert, die Folge ist gewöhnlich ein Bastardkind; oder wenn wirklich Ehen stattfinden, führen sie zu Ueberwerfungen in der Familie. Betrifft es hingegen Sachen des Ehrgeizes, so handelt es sich um Wahlintriguen, Parteistreitigkeiten, Bündnisse zur Unterdrückung. Und gleichwohl ist der Ehrgeiz in der Harmonie ein sehr geeignetes Mittel, alle widerstrebenden Elemente zu verbinden. Napoleon sagt man nach, er habe in Moskau eine Medaille prägen lassen, welche die Inschrift enthielt: »Der Himmel für Gott, die Erde für Napoleon.« Das ist damals den Franzosen gar schrecklich vorgekommen. In Wahrheit hat er damit eine sehr vernünftige Absicht, die Gründung einer Weltmonarchie ausgesprochen. Dieser Gedanke ist durchaus korrekt und es ist nur zu bedauern, daß Napoleon ihn nicht verwirklichen konnte, er würde damit der neuen sozialen Ordnung wesentlich Vorschub geleistet haben. Gleiche Sprache, gleiche Schrift, gleiche Kommunikationsmittel, gleiches Geld, Maß und Gewicht zu schaffen, gleiche Unternehmungen in Industrie, Handel und Verkehr, Wissenschaft und Kunst zu begründen und zu vollbringen, einen Weltmeridian aufzustellen, alles dem Menschen Schädliche und Feindliche im Pflanzen- und Thierreich zu vernichten, das höchste Wohlsein durch die Gründung der Phalanxen auf dem ganzen Erdboden herbeizuführen und damit auch die Aenderung und Verbesserung der Temperaturen zu bewerkstelligen, das ist das Ziel der sozietären Ordnung, und es werden mit dieser Ordnung die Weltmonarchie und die Territorialmonarchien über den ganzen Erdboden begründet werden.«
Künftig könnten also Mann wie Frau ihren Ehrgeiz darauf richten, Herrscher oder Herrscherin der Welt oder einer der Territorialmonarchien zu werden, und für einen politischen Eunuchen gelte, wessen Ehrgeiz sich mit Geringerem begnüge. Diese Ansicht scheine bizarr, sie sei es aber nicht, denn nichts sei leichter in der sozietären Ordnung, »als Cäsar und Pompejus zu versöhnen«. Cäsar und Pompejus könnten an demselben Ort in ganz verschiedenen Würden nebeneinander regieren. Giebt es doch nicht weniger als sechszehn verschiedene Szepter und eine große Auswahl von Würden und Titeln. Da giebt es Würden und Titel für die Erblichkeit, die Adoption, den Favoritismus, das Vestalat u.s.w. Alle diese Szepter, Würden, Titel, Grade, eröffnen sich Jedem. »Kennt der Monarch in der Zivilisation nur den legitimen Erben, in der Harmonie wird er auch das Recht der Adoption haben, eine Freiheit, deren er bei uns beraubt ist und ihm nicht selten den Lebensabend verbittert. Auch kann der Souverän wie die Souveränin, um der Erblichkeit zu genügen, sich eine Zeugerin oder einen Zeuger wählen; ferner jeder Monarch kann Nachfolger bestimmen, welchen er nur bestimmte Funktionen, also einen Theil seiner Regierungsgewalt überträgt. Die Harmonisten können alle neu gegründeten Throne durch Wahl aus ihrer Mitte besetzen, dagegen können die erblichen Throninhaber und Throninhaberinnen ihre vollen oder Theilnachfolger, wie ihre eigenen Gatten und Gattinnen nach Wahl sich aussuchen. Welche Aussichten eröffnen sich da für Väter und Mütter, für junge Männer und junge Mädchen! Und welcher Ausblick für schöne, liebenswürdige Frauen, deren Aussichten, einen Thron zu erobern, in unserer Zivilisation so geringe sind. Welche Mittel immer sie in Anwendung bringen, ein gestecktes Ziel zu erreichen: Unschuld, Talent, Schönheit, Liebenswürdigkeit, Gefälligkeit, alles ist ihnen erlaubt, sie schaden Niemand damit. Welch mächtige Mittel, das Volk an die Großen zum Anschluß zu bringen und alle Quellen des Hasses, der Feindseligkeit, der Mißgunst zu verstopfen.
»Zu diesen Anziehungs- und Aussöhnungsmitteln zwischen Hoch und Niedrig kommt in der Phalanx auch noch das Mittel der Vaterschaft, ein Thema, das etwas schwierig zu behandeln ist, weshalb es sich empfiehlt, die Thatsachen statt der Prinzipien sprechen zu lassen. Man vergesse nicht, daß in Folge der vernünftigen und naturgemäßen Lebensweise der Harmonisten auch die Langlebigkeit in der Phalanx herrscht; unter je zwölf Personen giebt es _mindestens_ eine, welche ein Alter von 150 Jahren erreicht. Nehmen wir des Beispiels halber Einen dieser Aeltesten. Ithuriel, ein sehr reicher Mann, der 150 Jahre zählt, sieht auf sieben Generationen herab. Er hat 120 direkte Nachkommen, welche er in seinem Testament zu bedenken gewillt ist. Die nächsten Nachkommen, ein Sohn und eine Tochter, welche schon reich sind, bedenkt er nur mit einem kleinen Theil seines Vermögens, die nächstfolgenden bedenkt er etwas mehr. Er giebt aber auch der sechsten und siebenten Generation erhebliche Antheile, damit sie nicht in Versuchung kommen, den Tod älterer Verwandten zu wünschen. Er verbraucht für diese Vermächtnisse die Hälfte seines Vermögens. Die anderen beiden Viertel legirt er dergestalt, daß ein Viertel auf hundert Adoptirte kommt, das andere Viertel an hundert Freunde und Seitenverwandte fällt, darunter seine Frauen, die selbst reich sind und keiner größeren Erbschaften bedürfen. Diese einzige Erbschaft umfaßt also direkt und indirekt einen großen Theil der Mitglieder der Phalanx. Da viele Frauen und Männer in der gleichen Lage wie Ithuriel sind, werden sie in ähnlicher Weise testiren und es geht schließlich Niemand leer aus.«
»Da kommt die Moral und predigt, wir sollten uns Alle als eine Familie von Brüdern und Schwestern betrachten. Leeres Geschwätz. Kann Lazarus, ein armer junger Mann, den reichen Patriarchen Ithuriel als seinen Bruder betrachten? Wenn er in der Zivilisation auf ihn spekuliren wollte, bekäme er nichts. Aber in der Phalanx ist er vielleicht einer seiner entfernten Nachkommen, oder ein Seitenverwandter, oder einer der Adoptirten; sicher braucht er sich nicht wie sein Namensvetter in der Bibel mit den Brosamen zu begnügen, die von der Reichen Tische fielen. Es giebt in der Phalanx für ihn eine Menge Gelegenheiten, zu Ansehen und Beliebtheit und damit unzweifelhaft auch zu Wohlhabenheit zu kommen. Schließlich ist in der Phalanx, wo die Arbeit Jedem sein Wohlsein garantirt, Niemand auf die Erbschaftslungerei angewiesen, wie dies in der Zivilisation so gewöhnlich ist, wo der Tod des Erblassers nicht erwartet werden kann. Und andererseits, wie darf ein Vater in der Zivilisation es wagen, auch den Gefühlen der Philanthropie und der Freundschaft Rechnung zu tragen, ohne das Mißfallen und selbst die Erbitterung seiner direkten Nachkommen zu erregen?«
»In der sozietären Ordnung wird also auch die Frage gelöst, wie kann zwischen Testator und Erben ein Verhältniß hervorgerufen werden, das die Zuneigung der Erben dem Erblasser erhält, sie veranlaßt, ihm die Verlängerung des Lebens zu wünschen, dessen Ende heute in den meisten Fällen ungeduldig erwartet wird.«
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Alle Schriftsteller, alte wie neuere, die sich bisher eingehend mit den sozialen Fragen beschäftigten, konnten nicht umhin, auch die Bevölkerungsfrage in den Kreis ihrer Erörterungen zu ziehen, so auch Fourier. Fourier mußte dies um so mehr, als er einen in's kleinste Detail ausgearbeiteten Organisationsplan für die ganze Erde entwarf, eine Organisation, welche die Grundlage für alle weitere Entwicklung der Menschheit bilden sollte. Wer so für die Zukunft sorgt, muß auch die Bevölkerungsfrage seiner Prüfung unterziehen und eine Lösung für sie finden. Wie in allen übrigen Fragen, so geht auch hier Fourier seinen eigenen Weg. Seine Ansichten sind um so interessanter, als in der Zeit seines ersten schriftstellerischen Auftretens die Schrift von Malthus über die Bevölkerungstheorie bereits erschienen war und pro und kontra in den interessirten Kreisen lebhaft erörtert wurde. Malthus stellte, sich anlehnend an ältere Schriftsteller, bekanntlich die Theorie auf, daß die Menschheit die Tendenz habe, sich in geometrischer Progression, also in dem Zahlenverhältniß 1, 2, 4, 8, 16, 32 u.s.w. zu vermehren, dagegen die Nahrungsmittel die Tendenz hätten, sich in arithmetischer Progression zu vermehren 1, 2, 3, 4, 5 u.s.w. Aus diesen beiden sich widersprechenden Tendenzen folge, daß in kurzer Zeit -- Malthus setzte einen Zeitraum von 25 Jahren voraus, die genügten, um die Verdoppelung der Menschenzahl herbeizuführen -- die Erde so übervölkert sei, daß die Menschen an Nahrungsmangel zu Grunde gehen müßten. Malthus betrachtete es als »göttliche Bestimmung«, daß Alle, die am Gastmahl des Lebens keinen Platz fänden, zu verhungern hätten; das sei der natürliche Lauf der Entwicklung, so nur werde Raum für die Nachkommenden geschaffen. Diese brutale Theorie, welche der herrschenden Klasse das Gewissen erleichterte, fand bei dem Einen ebenso lebhaften Anklang, als bei dem Andern Widerspruch. Man wandte ein, daß die Erfahrung die Theorie nicht rechtfertige, weder habe die Bevölkerungszahl in dem angegebenen Maßstab bisher sich vermehrt, noch sei nachzuweisen, daß die Vermehrung der Nahrungsmittel in den gezogenen Grenzen sich bewege. Trete überhaupt einmal Uebervölkerung ein, dann geschehe es in einer für die jetzigen und die nachfolgenden Generationen so fernen Zeit, daß die Frage jedes akute Interesse verliere. U.s.w.
Fourier faßt die Frage an einem anderen Ende an. Zunächst wirft er den Politikern und Oekonomen vor, daß sie durch ihre Inkonsequenzen und Unbesonnenheiten überhaupt übersähen, das Verhältniß der Bevölkerung als Konsumenten zu der Zahl der vorhandenen produktiven Kräfte näher zu bestimmen, da es darauf vor Allem ankomme. Er huldigt also dem Grundsatz, steigende Produktivkräfte schaffen steigendes Produkt, beides steht im Verhältniß zueinander. »Vergebens werde die Zivilisation Mittel zu entdecken suchen, eine vier- selbst hundertfache Vermehrung des Produkts zu erzielen, wenn die Menschen verurtheilt seien, sich unter dem bisherigen sozialen Zustand zu vermehren, der in Folge unökonomischer Verwendung die Gesellschaft zwinge, beständig das drei- und vierfache Produkt aufzuhäufen, um das gewohnte graduirte Auskommen der verschiedenen Klassen zu ermöglichen.«
Zu allen Zeiten sei in der Zivilisation die Ausgleichung der Bevölkerung im Verhältniß zu den Nahrungsmitteln eine der Klippen der Politik gewesen. Schon die Alten, die ringsum sich so viel unkultivirte Regionen liegen sahen, die der Kolonisirung fähig waren, hätten gegen die Uebervölkerung kein anderes Mittel als Aussetzung, Kindestödtung, Erwürgung der überschüssigen Sklaven gehabt.
»Darin zeichneten sich die tugendhaften Spartaner besonders aus. Die römischen Bürger, die so stolz auf den Namen freier Männer, aber weit entfernt waren, gerechte Männer zu sein, vergnügten sich, ihre Sklaven in den Kampfspielen zu Grunde gehen zu sehen ... Neuerdings haben sich Stewart, Wallace und Malthus über die Frage ausgelassen. Stewart stellt die Frage, woher man auf einer Insel die Lebensmittel nehmen wolle, wenn die Bevölkerung von 1000 auf 10.000 oder gar 20.000 sich vermehre, während die Insel gut kultivirt nur für 1000 Nahrung habe. Darauf hat man geantwortet: man müsse alsdann den Ueberschuß fortsenden und anderwärts weiter kolonisiren. Damit ist aber die Frage umgangen. Wie dann, wenn der ganze Globus so bevölkert ist, daß für den Ueberschuß nichts mehr zu kolonisiren übrig bleibt? Man antwortete, und darin stimmen auch die Owenisten ein, daß die Erde noch nicht übervölkert sei und es noch wenigstens 300 Jahre dauere, ehe dieser Zeitpunkt komme. Das ist ein Irrthum, denn schon nach 150 Jahren ist die Erde übervölkert. Auf alle Fälle ist nach 150 oder 300 Jahren die Frage brennend und nicht gelöst, wenn man bei den jetzigen Anschauungen und Mitteln bleibt. Nun, die sozietäre Ordnung hat sehr wirksame Mittel, die Uebervölkerung zu verhüten und sie auf dem rechten Stande zu erhalten. Es sind ungefähr fünf Milliarden, die auskömmlich existiren können, wenn der ganze Erdboden mit Phalanxen bedeckt ist und die von mir vorausgesehenen klimatischen Verbesserungen eintreten, im anderen Falle ernährt er nur drei Milliarden.«
»Im sozietären Zustand stellt die Natur der exzessiven Vermehrung der Bevölkerung vier wirksame Dämme entgegen: 1. die größere Kraft und Körperentwicklung der Frauen; 2. die üppige Lebensweise; 3. die phanegoramischen Sitten; 4. die gleichmäßige körperliche Uebung aller Kräfte. Was die große Körperentwicklung bewirkt, das sehen wir bei den starken Frauen in unseren Städten; auf vier Frauen, die überhaupt unfruchtbar sind, kommen drei robuste, wohingegen die zarten Frauen von der größten Fruchtbarkeit sind. Man antwortet, daß die Frauen auf dem Lande meist robust und doch fruchtbar seien. Das ist richtig, aber das ist nur ein Beweis mehr, daß alle vier Mittel kombinirt angewendet und miteinander verkettet werden müssen. Die Frauen auf dem Lande sind fruchtbar, weil sie mäßig leben und eine grobe, hauptsächlich vegetabilische Nahrung zu sich nehmen. Die Städterinnen leben üppiger und raffinirter und daher kommt ihre größere Unfruchtbarkeit. Verbindet sich nun in der Harmonie die körperliche Kraftentwicklung der Frauen mit üppiger Lebensweise und Nahrung, so wird man zwei wirksame Mittel, die der Fruchtbarkeit entgegenwirken, verbunden haben.«
Zu den phanegoramischen Mitteln übergehend, läßt Fourier aus naheliegenden Gründen eine Lücke. Das vierte Mittel, die gleichmäßige körperliche Uebung, werde durch den häufigen Wechsel der Beschäftigungen und die kurzen Arbeitssitzungen in hohem Maße bewirkt. Man habe nie beobachtet, wie auf Pubertät und Fruchtbarkeit körperliche Uebungen einwirkten. Dies sei frappant. Daher erlangten unsere Dörflerinnen später die Geschlechtsreife als die Städterinnen oder die reichen Landbewohnerinnen. Die Fruchtbarkeit sei den Einflüssen körperlicher Uebungen gleichfalls unterworfen. Seien die körperlichen Uebungen gleichmäßig und würden sie abwechselnd und proportionell auf alle Theile des Körpers angewandt, so sei kein Zweifel, daß die Geschlechtsorgane sich später entwickelten. Das sehe man überall, wo die Erziehung vorzugsweise auf die geistige und wo sie hauptsächlich auf die körperliche Entwicklung gerichtet werde. Kinder von hoher Geburt übten den Geist mehr als den Körper, daraus resultire, daß ihre geschlechtlichen Eigenschaften mächtig angefeuert würden und frühzeitig sexuelle Eruptionen vorzeitige Geschlechtsreife erzeugten.
In der Harmonie werde das Gegentheil eintreten. Die Harmonisten würden noch später als die heutigen Landbewohner ihre Geschlechtsreife erlangen, weil die fortgesetzten und abwechselnden körperlichen Uebungen alle Glieder in Anspruch nähmen, lange Zeit die Lebenssäfte absorbirten; sie würden also den Augenblick verzögern, wo in Folge ermangelnder Absorption der Ueberschuß der Säfte unvermuthet die Pubertät vor dem von der Natur gewollten Zeitpunkt herbeiführe. Ebenso würden die gleichmäßig gehandhabten gymnastischen Uebungen bei den Frauen die Fruchtbarkeit hemmen und zwar in solchem Maße, daß eine Frau, welche die Empfängniß wünsche, sich nun umgekehrt durch Enthaltung körperlicher Uebungen und größerer industrieller Anstrengungen auf diesen Zustand vorbereiten müsse. Die allzugroße körperliche Ruhe in der Lebensweise der heutigen Städterinnen sei es hauptsächlich, welche den Geschlechtstrieb und die Empfänglichkeit steigerten, es fehle das Gegengewicht der körperlichen Anstrengungen und Uebungen.
Wende man also die vier bezeichneten Mittel in Verbindung miteinander an, so würden die Chancen der Fruchtbarkeit im Gegensatz zu heute sich wenden und es sei statt eines Ueberschusses eher ein Defizit in der Bevölkerungsentwicklung zu fürchten, man werde mithin die Mittel anwenden, wie die Umstände sie erforderten. Man sei also in der Harmonie im Stande, ein Gleichgewicht zwischen der Menge der Lebensmittel und der Menschenzahl herbeizuführen. Der vernünftige Mann habe nur so viel Kinder, daß er ihnen das nöthige Vermögen sichern könne, ohne welches es kein Glück gebe, nur der unvernünftige setze die Kinder zu Dutzenden in die Welt, sich entschuldigend wie jener Schah von Persien: »Gott schickt sie und es kann nie zu viel rechtschaffene Menschen geben.« Der soziale Mensch sinke auf die Stufe der Insekten, wenn er ameisenartig Kinder zeuge, die schließlich in Folge ihrer Ueberzahl genöthigt seien, sich gegenseitig aufzuzehren. Wenn sie dies nicht buchstäblich wie die Insekten, Fische, wilden Thiere machten, so zehrten sie sich politisch auf, durch Räubereien, Kriege und Perfidien aller Art in der besten der Welten. Unter der Zivilisation werde ein Land, wie bevölkert es auch sei, nie dazu gelangen, es wahrhaft zu kultiviren, das zeige sich an Frankreich, dessen Boden zu einem Drittel brach liege, an Irland, das zwar nicht das bevölkertste Land, dessen Bevölkerung aber die ärmste und verkommenste in Europa sei, trotzdem fruchtbares Land in Hülle und Fülle vorhanden sei.
So zeige sich überall, daß das Gleichgewicht auf umfassender Entwicklung und nicht auf Erstickung begründet sein müsse, daß alle Neigungen wie der Hang nach Reichthum, nach Befriedigung des Ehrgeizes, Herrschaftsgelüste, Habsucht, Gier nach Erbschaft, Verlangen nach Befriedigung der Liebesbedürfnisse und was sonst noch die Zivilisation Alles als Fehler und Uebel ansehe, welche die Natur des Menschen erzeuge, ohne sie befriedigen zu können, in der Harmonie eben so viel Wege der Tugend und des allgemeinen Glückes würden. Das genüge wohl, um die sogenannten starken Geister, die stets behaupteten, daß die Bewegung und die Triebe nur Wirkungen des Zufalls seien, die man beliebig modeln und unterdrücken könne, und die den Glauben erweckten, als bedürfe Gott der Unterweisungen eines Plato und Seneka, um zu wissen, wie er die Welten zu schaffen und die Triebe in Harmonie zu leiten habe, zu verwirren.