Charles Fourier: Sein Leben und seine Theorien.

Chapter 16

Chapter 163,464 wordsPublic domain

»Im Jugendalter ist's hauptsächlich die Liebe, welche den Rangunterschied verwischt und selbst einen Monarchen auf die Stufe einer Schäferin, die ihn gefangen genommen hat, stellt. Wir haben also Keime zur Ausgleichung von Rang- und Standesunterschieden selbst in der Zivilisation, aber sie kommen nicht zum Ausbruch. Auch sehen wir, daß in Sachen des Ehrgeizes der Höhere den Niederen unter Umständen nicht verschmäht. Zum Beispiel in Partei- und Wahlkämpfen. Es sind nicht blos die Scipione und Catone, die, um seine Stimme zu erhalten, dem Landbebauer die Hand drücken. Aber hier wirkt nur die Sucht nach persönlichem Gewinn und Befriedigung persönlichen Ehrgeizes. Vollziehen also diese niederen Mittel schon die Annäherung verschiedener Klassen, dann ist dies viel leichter durch edle Mittel, durch Bande freiwilliger Zuneigung, wie das Beispiel zwischen Damon und Aminte zeigt.«

»Nun kann Damon, bei zwanzig verschiedenen Thätigkeiten beschäftigt, überall ähnliche Bande knüpfen. Alle Serien und Gruppen bestehen aus Gleichstrebenden, und da Jeder bei einer speziellen Arbeit in einer Branche in Uebung ist und er darin leicht sich auszeichnen kann, wird es ihm an Anerkennung der Genossen nicht fehlen. Der Reiche genießt aber doppelte Anerkennung, einmal wegen der Geschicklichkeit, durch die er sich in irgend welchen Arbeiten auszeichnen kann, dann durch die Munifizenz, die er den von ihm gewählten Industrien erweist. So macht Damon Ausgaben für sehr werthvolle Pflanzen, die auf Kosten der Phalanx anzuschaffen die Regentschaft sich weigert. Für diese Dienste wird Damon seitens der Serie zum Chef der Zurüstungen gewählt; so wird ihm sein Geschenk mit doppelter Zuneigung vergolten; seine intelligenten und eifrigen Genossen erweisen sich ihm dankbar und ihre Freundschaft und sein Ansehen steigt bei ihnen und den rivalisirenden Nachbarn. Der Reiche kann also sich mit vollem Vertrauen der Phalanx überlassen, er hat keine Falle zu fürchten, kein ungehöriges Verlangen wird ihn beunruhigen. Kein Zweifel, daß in der Harmonie die Ungleichheiten sich leicht verbinden. Lustigkeit, Wohlbefinden, Höflichkeit und Rechtschaffenheit der niederen Klassen werden den Reichen zum Eintritt in die Vereinigungen verführen, dazu kommen die prunkvollen Zurüstungen für die Arbeiten der Phalanx und die Einigkeit der Sozietäre. Die Aermeren wieder werden auf ihre neue Lage und die hohe Bestimmung ihrer Phalanx stolz sein und werden Alles aufbieten, der neuen Stellung würdig zu erscheinen. Unter solchen Verhältnissen werden Alle bemüht sein, die gerechte Vertheilung des Einkommens der Phalanx, wovon die Aufrechterhaltung der sozietären Ordnung abhängt, zu erleichtern. Man frage wohl, wie könne die Habsucht, die Liebe zum Gelde, die in der Phalanx fortbestehen solle, eine gerechte Vertheilung ermöglichen? aber man werde sehen, daß in den Serien der Triebe gerade die Liebe zum Gelde der Weg zur Tugend und zur Gerechtigkeit sei, so sehr die Moralisten die Liebe zum Gelde verurtheilten.«

Fourier explizirt dieses also: Nichts sei leichter in einem Unternehmen, als die Vertheilung des Ertrages nach dem Maßstab des eingeschossenen Kapitals, das sei eine Jedermann wohlbekannte, rein arithmetische Aufgabe; aber auch Arbeit und Talent gerecht zu honoriren und zufrieden zu stellen, das sei eine Kunst, welche die Zivilisirten nicht verständen, und so beklagten sie sich beständig über Ungerechtigkeit und Uebelwollen. Wolle die Phalanx freilich jedem Einzelnen, entsprechend seiner Theilarbeit, in vielleicht dreißig oder mehr Serien und hundert Gruppen seinen Antheil überweisen, so würde dies eine außerordentlich umständliche und schwer zu lösende Aufgabe sein. Der Mechanismus der Vertheilung sei nicht auf die Individuen, sondern auf die Serien berechnet, und diese werden nicht nach ihrer speziellen Leistung, sondern nach ihrer Bedeutung für die Phalanx in Betracht gezogen. Die Serien gelten als die einzelnen Assoziés, und kraft des Rangs, den sie in dem Tableau der Arbeiten einnehmen, wird die Dividende nach drei Klassen vertheilt: 1. nach der Nothwendigkeit, 2. der Nützlichkeit und 3. der Annehmlichkeit der Arbeit. Wird z.B. die Serie des Wiesenbaues als solche von hoher Wichtigkeit anerkannt, so erhält sie ein Loos erster Ordnung in der Klasse, in der sie figurirt. Die Erzeugung von Körnerfrüchten ist Arbeit erster Nothwendigkeit, aber die Serien darin bilden selbst wieder fünf Ordnungen, und so ist wahrscheinlich, daß die Erzeugung von Korn, Weizen, Mais etc. auf der Stufenleiter der Nothwendigkeiten erst in dritter Ordnung kommen.

»Die höchste Dividende fällt den unangenehmsten Arbeiten zu und diese erhalten in der Phalanx die kleinen Horden; darauf kommt die Fleischerei in Rücksicht auf die damit verbundenen widerlichen und übelriechenden Arbeiten. Die Pflege und Ernährung der Säuglinge und Kinder in den niedersten Lebensaltern wird für eine schwerere Arbeit anerkannt als die eigentliche Feldarbeit. Mediziner, Chirurgen und die groben Handarbeiter rangiren in der ersten Ordnung der Nothwendigkeit, werden also wie die Arbeit der kleinen Horden am höchsten belohnt. Die Arbeit wird nicht nach dem Werth bemessen, sondern nach dem Maß der Anziehung, das sie ausübt, je höher die Anziehung, also auch die Annehmlichkeit, je geringer die Belohnung.«

»Fragt man den Zivilisirten, was nach seiner Meinung die höhere Belohnung verdiene, ob die Serien der Obstzüchter oder die der Blumenzüchter, so wird er antworten: die ersteren, und zwar hätten diese in der Klasse der Nützlichkeiten, die Blumenzüchter in der Klasse der Annehmlichkeiten zu rangiren. Aber das ist ein ganz falscher Schluß. Obgleich die Obstbaum- und Früchtezucht sehr produktiv ist, rangirt sie in der Harmonie in die Klasse der Annehmlichkeiten, weil sie außerordentlich anziehend ist. Die Obstbaumzucht ist in der Harmonie eine der reizvollsten Erholungen. Jeder Obstgarten ist mit Blumenaltären besäet, die von Zierstauden umgeben sind; hier werden die Ruhepausen abgehalten, hier vereinigen sich die Geschlechter, und so bietet diese Kultur neben der Geflügelzucht die meiste Anziehung. Dadurch wird die Obstzucht in die dritte Klasse, in die der Annehmlichkeiten gereiht, und empfängt die niederste Belohnung. Was die Blumenzucht betrifft, die im Allgemeinen in der Zivilisation nicht sehr geschätzt wird und kaum die Kosten deckt, so erwecken zwar ihre Produkte Liebreiz, aber die Arbeit erfordert große Pünktlichkeit, erhebliche Kenntnisse und viele Sorgfalt und das Vergnügen ist von kurzer Dauer. Aber diese Kultur ist, sowohl um die Kinder zu bilden, als um die Frauen für das Erforderniß der Kultur und das Studium agronomischer Verfeinerungen zu gewinnen, sehr werthvoll. Auch eignen sich die Arbeiten der Obstzucht nicht immer für die Kinder, wofür hingegen die Pflege der verschiedenen Blumensorten sehr geeignet ist. Aus diesen Gründen werden die Serien der Blumenzüchter in die zweite Klasse, die der Nützlichkeiten, versetzt werden.«

»Wird also die Obstbaumzucht, die noch besonders werthvoll dadurch wird, daß ihre Produkte, sei es in Natur, sei es als Kompot, Marmelade u.s.w. für die Ernährung und Verfeinerung der Lebensweise die wichtigsten Dienste leisten, in die dritte Klasse, des Angenehmen, versetzt, so gelangt die Oper, die wir für rein überflüssig anzusehen geneigt sind, in die zweite Ordnung der ersten Klasse, die der Nothwendigkeiten. Man wird freilich sagen, Müller und Bäcker sind nützlicher, aber das kann nur von einem Gesellschaftszustand gelten, der die industrielle Anziehung nicht kennt. Von letzterem Standpunkt aus ist aber die Oper für die Harmonie sehr werthvoll, weil sie für die Kinder das mächtigste Hülfsmittel ist, sie zur Gewandtheit und zur Einheitlichkeit der industriellen Thätigkeiten zu erziehen. Von diesem Standpunkt aus gehört sie in die erste Klasse, die der Nothwendigkeiten, soweit hingegen sie den Erwachsenen als Mittel zum Vergnügen dient, rangirt sie in die dritte Klasse, die der Annehmlichkeiten.«

»Maßstab der Vertheilung für die Arbeit ist also: 1. die direkte Wirkung, die sie für die Bande der Einheitlichkeit der Phalanx im Spiel des sozialen Mechanismus besitzt; 2. der Werth, den sie hat für die Beseitigung widriger Hindernisse und 3. im umgekehrten Verhältnisse steht zu der Stärke der Anziehung, die sie erweckt. Unter den ersten Fall sind, wie schon bemerkt, die Beschäftigung der kleinen Horden, unter den dritten die Oper für die Erwachsenen, unter den zweiten unter Anderem die Beschäftigung in den Minen und Bergwerken zu zählen.«

»In dieser Art gruppiren sich die verschiedenen Thätigkeiten, deren Klassifizirung und Ordnung die Mitglieder der Phalanx selbst bestimmen. Die Verständigung ist um so leichter, da jedes Mitglied in einer ganzen Menge von Serien und in einer noch größeren Zahl von Gruppen beschäftigt ist. Die Gunst, die ein Mitglied einer Serie oder Gruppe in der Zubilligung der Dividende erwürbe, würde es in den anderen Gruppen und Serien schädigen; sein eigenes Interesse zwingt es also zur größten Objektivität; auch ist es interessirt, daß die Harmonie nicht gestört wird, weil diese Schädigung des Ganzen unfehlbar den größten Schaden für es selbst brächte. Von diesen Gesichtspunkten aus vertheilt sich auch das Einkommen auf Kapital, Arbeit und Talent.«

»Alippus ist ein reicher Aktionär, der bis dahin in der Zivilisation für die Ausleihung seines Kapitals auf Güter 3-4 Prozent erhalten hat. In der Phalanx hat er Aussicht, 12-15 Prozent zu bekommen. Er ist sehr für gerechte Vertheilung des Ertrages, doch drängt ihn seine Habsucht, als Kapitalist die Hälfte der Dividende in Anspruch zu nehmen. Er muß sich aber sagen, daß dann die beiden anderen zahlreichen Klassen, die Arbeit und Talent aufwandten, sehr unzufrieden sein werden und wahrscheinlich binnen wenig Jahren die Phalanx sich auflöse und dies sein größter Schade sei. Diese Einsicht veranlaßt ihn, sich in seinem eigenen Interesse mit weniger zu begnügen und eine Theilung zu akzeptiren, die dem Kapital 4/12, der Arbeit 5/12 und dem Talent 3/12 zuweist. Er hat nach diesem Maßstab noch drei- bis viermal mehr Einkommen, als die Zivilisation ihm gewährte, er lebt viel billiger in der Phalanx, als in der Zivilisation, und er sieht außerdem die beiden anderen Klassen befriedigt und dies sichert den Bestand der Gesellschaft. Was ihn außerdem bestimmt, sich zufrieden zu geben, ist, daß er gleichzeitig als Mitglied einer Anzahl Serien, in denen er viel Vergnügen genoß, freundschaftliche und Liebesbeziehungen anknüpfte, seinen Antheil als Thätiger und, soweit er darin durch Talent sich auszeichnete, auch dafür seinen Antheil erhält. Seine Habsucht wurde also durch zwei Gegengewichte in der richtigen Mitte gehalten, er hat die Ueberzeugung, daß im Interesse Aller er sein eigenes Interesse wahrt und dafür die Zustimmung der Phalanx findet, und daß der Fortschritt der industriellen Anziehung für ihn zur Quelle großen Reichthums wird.«

Sehen wir weiter zu. Johannes hat kein Kapital und keine Aktien, er wäre also als Zivilisirter sehr dafür, daß die Arbeit auf Kosten des Kapitals und Talents den Löwenantheil erlangt und rechnet 7/12 für die Arbeit, 3/12 für das Kapital und 2/12 für das Talent. Johannes, als Mitglied der Assoziation, denkt indeß anders. Wohl hat er den lebhaften Trieb, der Arbeit den Hauptantheil zuzuweisen, aber da er in einer Reihe von Serien und Gruppen durch Talent der Erste ist, so verkennt er nicht, daß auch dem Talent sein entsprechender Antheil gebühre. Außerdem begreift er als einsichtiger Bürger die Bedeutung des Kapitals, welche Vortheile der Arme aus den Ausgaben der Kapitalisten zieht, welche Annehmlichkeiten reiche Angehörige ihren Serien und Gruppen erweisen, endlich, daß seine Kinder Aussicht haben, mit Legaten bedacht zu werden. Alles das genau erwogen, findet auch er, daß man ein Einsehen haben und daß die Arbeit zu Gunsten von Kapital und Talent ein wenig zurücktreten müsse. Er kämpft also auch gegen die »unvernünftige Raubsucht« (»rapacité déraisonée«), deren ein Zivilisirter fähig wäre und findet ebenfalls bei der Repartition von 4/12 für das Kapital, 5/12 für die Arbeit und 3/12 für das Talent seine Seele und sein Gewissen befriedigt.

Fourier glaubt mit besonderem Nachdruck auf dieser Art Vertheilung beharren zu müssen, was man bei seinem Bestreben und seinem festen Glauben, diese von ihm entdeckte und konstruirte ideale Gesellschaft mit freiwilliger Zustimmung aller Klassen und zum Wohlsein aller Klassen ohne irgend welche gewaltsame Erschütterungen begründen zu können, begreifen wird. Wäre die Fourier'sche Phalanx überhaupt möglich und keine Utopie, so wäre unfaßbar, warum das Kapital, bei all den sich ihm eröffnenden glänzenden Aussichten, sich nicht beeilte, Hals über Kopf diesen neuen Gesellschaftszustand zu begründen. Fourier glaubt felsenfest an diese Möglichkeit und die Richtigkeit der von ihm gemachten Aufstellungen; er konstruirt sich die Prämissen und da müssen die Konklusionen stimmen. Falsch sind nicht seine Voraussetzungen, sondern falsch ist die Gesellschaft, die in ihrer Kurzsichtigkeit und Verblendung den Weg, der sich ihrem Glück öffnet, nicht sieht oder zurückweist. Er behauptet also mit Ueberzeugung, daß der Arme in der Harmonie die reiche Klasse und den Antheil des Kapitals am Ertrag bereitwillig unterstützen werde, weil ihm mit Hülfe des Kapitals in der Phalanx so zahlreiche Chancen, zu Vermögen zu kommen, sich darböten. Der Arbeiter der Phalanx sei nicht entmuthigt, wie der Arbeiter der Zivilisation, der keine Aussicht habe, selbstständiger Unternehmer zu werden. »Seine Kinder können durch Kenntnisse, Talent, Schönheit zu hohen Würden und Stellungen kommen, auch kann er, da er stets mehr erwirbt als er ausgiebt, Ersparnisse machen, und so selbst allmälig Aktionär werden.« Nährt ihm doch die Phalanx die Kinder, die vom dritten Lebensjahre ab bereits selbst voll verdienen, was sie brauchen und später mehr verdienen, als sie nöthig haben; liefert ihm doch die Phalanx alle Werkzeuge und nicht weniger als drei Paradeuniformen für die Feste und Aufzüge; auch besucht er weder Kneipen noch Café's, da er nach fünf vortrefflichen Mahlzeiten und all den Abwechslungen und Vergnügungen, die ihm die tägliche Beschäftigung bietet, für solche Orte kein Bedürfniß mehr empfindet; endlich besteht überall die volle Gleichberechtigung: er nimmt an allen Berathungen Theil, hat das gleiche Stimmrecht und somit nach keiner Richtung einen Grund, gegen die Reichen Abneigung zu empfinden. In der That, es gehört viel Verbohrtheit dazu, all diesen Verlockungen zu widerstehen.

Fourier kommt natürlich nicht im Traum der Gedanke, daß, wenn all diese schönen Ausmalungen und scharfsinnigen mathematischen Berechnungen dennoch ihre Wirkungen verfehlen, das ganze System auf falschen Voraussetzungen beruhen müsse, denn für ihr Interesse sind die Menschen in allen Zeitaltern und bei allen Völkern sehr empfänglich gewesen und namentlich die herrschenden Klassen. Aber aller Widerstand und alle Feindseligkeit, die ihm begegneten, machten ihn an der Richtigkeit seiner Theorien und seiner Berechnungen nicht irre, diese sind für ihn unbestreitbar, und so ist selbstverständlich, daß der einmal begonnene Faden sich ruhig bis zu Ende spinnt, und ein Gebäude entsteht, in dem jeder Stein genau auf den anderen paßt, bei dem Alles auf's Genaueste und Scharfsinnigste berechnet und vorgesehen ist, dem aber die Hauptsache fehlt, das reale Fundament. Die Erkenntniß der eigentlichen Entwicklungsgesetze der Gesellschaft, welche zwar die Gesellschaft einst zu einem ähnlichen Zustande, wie ihn Fourier als scharfsichtiger Seher voraussetzt, führen werden, aber auf anderem Wege und durch andere Mittel und -- wann die Entwicklung reif ist, -- die Erkenntniß ihrer Entwicklungsgesetze blieb ihm und seinem Zeitalter fremd.

Wie der Kapitalist und der Arbeiter sich zufrieden geben und genau so schließen, wie es der Konstrukteur dieser idealen Gesellschaft wünscht, so natürlich auch das Talent. Philint ist Mitglied von 36 Serien. In zwölf zeichnet er sich als alter erfahrener Serist durch große Geschicklichkeit und durch Talent aus, in zwölf anderen ist er nur mittelmäßiger Arbeiter und in den zwölf letzten Neuling. Nachdem beim Jahresschluß die Inventur gemacht wurde und die Mitglieder der Phalanx zur Entscheidung berufen werden, könnte er in Anbetracht der Talente, die er in zwölf Serien entwickelte, sehr geneigt sein, den Antheil des Talents besonders zu begünstigen. Aber als überlegender Mann muß er sich sagen, daß damit weder sein Interesse noch das der Phalanx gewahrt würde. Einmal stehen nicht nur den 12 Serien, in denen er sich auszeichnet, 24 gegenüber, in denen er nur mittelmäßiger Arbeiter oder gar Neuling ist, es findet sich auch, daß von den 12 Serien, in denen er sich hervorthut, nur vier in die erste, also höchst belohnte Klasse, die der Nothwendigkeiten, fallen, vier andere in die zweite und die letzten vier in die dritte Klasse. Daraus ergiebt sich für ihn von selbst, daß er den einseitigen Maßstab der Bevorzugung des Talents nicht zur Geltung kommen lassen kann. Ein anderer Umstand tritt bei all diesen Erwägungen über die Vertheilungen hinzu. Da die Interessen aller Mitglieder in den dutzenden von Serien und hunderten von Gruppen persönlich voneinander differiren, in einer Serie oder Gruppe, wo zwei oder mehrere harmoniren, diese wieder in allen anderen Serien und Gruppen in ihren Interessen auseinandergehen, ist ein Intriguenspiel zu Gunsten einzelner Serien oder Gruppen unmöglich. In diesen hunderten durcheinandergehenden und sich kreuzenden Interessen, wobei kein Einzelner etwas vermag und keine Verbindung gleicher Interessen möglich ist, muß schließlich das Allgemeininteresse, das damit das Interesse Aller wird, siegen.

Diese Idee ist ungemein geistreich und scharfsinnig, und die Richtigkeit der Vordersätze, von denen Fourier ausgeht, zugegeben, hat er vollkommen recht, triumphirend auszurufen, daß sowohl in den Details wie im Ganzen bei der Vertheilung die distributive Gerechtigkeit in der Phalanx herrscht. »Das Regime der Serien der Triebe ist die gewollte Gerechtigkeit, die das angebliche Laster, den _Durst nach Gold, in den Durst nach Gerechtigkeit umwandelt_.« Die Habsucht, eines der schlimmsten Laster in der Zivilisation, wird also auch in der Phalanx zur Tugend. Unsere heute als am lasterhaftesten bezeichneten Triebe werden in der sozietären Ordnung nützlich und gut, wie es die von Gott gewollte Bestimmung ist. Die Bewegung der Organisation der Triebe wird nach der von Schelling ausgesprochenen Idee »in jedem Sinn der Spiegel der universellen Analogie«. Schließlich hat Fourier nichts dagegen einzuwenden, wenn die Vertheilung auch derart stattfindet, daß die Arbeit 6/12, das Kapital 4/12 und das Talent nur 2/12 erhält. Das ganze Vertheilungsgesetz formulirt er also: »Es müsse die individuelle Habsucht durch das Kollektivinteresse jeder Serie und der gesammten Phalanx und die kollektiven Ansprüche jeder Serie durch das individuelle Interesse eines jeden Seristen, als Angehöriger einer Menge anderer Serien, absorbirt werden.« Und dieses Gesetz wird erreicht »durch das direkte Verhältniß der Zahl der frequentirten Serien im umgekehrten Verhältniß zu der Dauer der Arbeit in den einzelnen Serien«. Mit anderen Worten: Je mehr Serien der Einzelne angehört und je kürzer in Folge dessen die einzelnen Arbeitssitzungen werden, um so leichter wird die ausgleichende Gerechtigkeit in der Vertheilung des Arbeitsertrags sich herstellen. Mit der Zahl der differirenden Interessen des Einzelnen wächst die Möglichkeit der gerechtesten Ausgleichung und die Einheitlichkeit des Ganzen.

Die Habsucht wirkt also schließlich ausgleichend in der Harmonie, aber ihr steht noch ein zweiter Impuls zur Ausgleichung gegenüber, die Edelmüthigkeit. Erstere wirkt direkt, letztere indirekt. Zum Beispiel: »Es handelt sich um die Vertheilung eines Ertrags von 216 Frks. unter neun Mitglieder einer Gruppe, wobei sich zufällig herausstellt, daß die Reichsten und Wohlhabendsten unter den neun Gruppisten in Folge ihrer Leistungen das Meiste erhalten. Darauf erklären die beiden Ersten, daß sie in Anbetracht ihres Kapitaleinkommens und des Vergnügens, das ihnen die Arbeit gebracht, sich mit dem Minimum begnügen -- auf das Ganze dürfen sie nicht verzichten -- was vier Franken beträgt. In Folge dessen bleiben 52 Franken an die Uebrigen weiter zu vertheilen. Aber dem Beispiel der beiden Ersten folgen zwei Andere, nur daß diese entsprechend ihrem geringeren Vermögen von dem ihnen zufallenden Antheil nur auf die Hälfte verzichten, wobei weiter 20 Franken zu vertheilen übrig bleiben. Diese 72 Franken werden nun dergestalt unter die fünf armen Sozietäre vertheilt, daß sie je 24, 18, 12, 9 und 9 Franken erhalten, und zwar erhält davon eine schöne Vestalin, nicht wegen ihrer Leistungen, sondern weil sie bei den Gebern wie bei den übrigen Mitgliedern in Gunst steht, den höchsten Satz. Diese Gunstbezeugung ist keine Ungerechtigkeit, denn sie schädigt Niemand in seinen Rechten, sie wird aber in der Harmonie eine Quelle der Uebereinstimmung. So werden auch eine große Zahl von Würden und Szeptern, bis zu dem des Omniarchen des Erdballs, als Gunstbezeugungen vergeben, weil alle diese Würden durch Wahl erfolgen.

Wenn nun hieraus sich ergiebt, daß die reichsten Sozietäre nur den möglichst geringsten Arbeitsantheil empfangen -- die Verzichtleistung soll nach Fourier in Folge des Beispiels allgemeine Regel werden -- und den größten Theil ihres Einkommens nur nach Maßgabe ihrer Kapitalien beanspruchen, so resultirt daraus, daß ihr Antheil am allgemeinen Benefizium im umgekehrten Verhältniß zu der Entfernung (»distance«) der Kapitalien von einander steht, denn für Arbeit und Talent tendiren sie nur den kleinsten Theil in Anspruch zu nehmen. Dagegen steht ihr Antheil am allgemeinen Benifizium bezüglich des Kapitalantheils im direkten Verhältniß der Masse der Kapitalien. Es kommen also hier genau wie in der physischen Welt zwei entgegenwirkende Kräfte in Betracht, die zentripetale, welche hier die Habsucht ist, und die zentrifugale, die Edelmüthigkeit.

Der Leser wird bereits erkannt haben, daß Fourier hier das von Newton entdeckte Gesetz der Anziehung der Weltkörper, wonach diese wirkt im graden Verhältniß zu ihrer Masse und im umgekehrten Verhältniß zum Quadrat ihrer Entfernung, auf den Vertheilungsmodus seiner Phalanx anzuwenden sucht. Alle Beziehungen der Menschen unter sich und zum Weltall sind ja nach Fourier durch mathematische Verhältnißzahlen zum Ausdruck zu bringen und nach Analogien geordnet, also muß auch die Phalanx, welche im Kleinen das Spiegelbild der Einheitlichkeit der Welt darstellt, diese mathematischen Verhältnisse zum Ausdruck bringen. Freilich ist dieser Versuch im vorliegenden Fall ein verunglückter, denn unter dem Ausdruck Entfernung kann doch nichts Anderes als die Größe der Kapitalien verstanden werden, und ihre Größe deckt sich wieder mit ihrer Masse, mit dem Quadrat der Entfernung haperts überhaupt; und was ist der Mittelpunkt, um den die Kapitalien gravitiren? Im bürgerlichen Leben ist der Mittelpunkt, nach dem Alles strebt, das Kapital selbst, in der Phalanx schwebt es in der Luft. Doch vergessen wir nicht, daß es sich hier um ein geistreiches, mit großem Scharfsinn aufgebautes Utopien handelt.