Charles Fourier: Sein Leben und seine Theorien.

Chapter 11

Chapter 113,406 wordsPublic domain

»Es wird sich zeigen, daß alle Triumphe der Tugend der guten Organisation der kleinen Horden geschuldet sind; sie allein können im sozialen Mechanismus den Despotismus des Geldes balanziren, dieses elenden Metalls, elend in den Augen der Philosophen, das aber sehr edel wird, wenn es zur Aufrechthaltung der industriellen Einheit dient. In unserer Gesellschaft, wo Diejenigen, die sich auf den Reichthum stützen, als Leute »comme il faut« bezeichnet werden, da ist das Geld die Klippe. Die es besitzen, sind die Leute, »die nichts thun und zu nichts zu gebrauchen sind.« Leider ist der Beiname »comme il faut« (wie man sein muß) in unserer Gesellschaft nur zu berechtigt, denn in der Zivilisation gründet sich die Zirkulation auf die Phantasien der Müßigen, sie sind in Wahrheit die Leute »comme il faut« (wie man dazu sein muß), um die verkehrte Zirkulation und die verkehrte Konsumtion aufrechtzuerhalten.«

Fourier ist hier der Meinung, daß der Hauptfehler unserer bürgerlichen Gesellschaft in der falschen Anwendung liege, welche die Geldbesitzer von ihrem Gelde machten, er ist ferner der Ansicht, daß es heute hauptsächlich die Luxusbedürfnisse der Reichen seien, welche die Geld- und Waarenzirkulation bestimmten. Es ist dies die Aufstellung des auch heute noch im gewöhnlichen Leben und selbst seitens sogenannter Gelehrter vielfach wiederholten Glaubenssatzes, der namentlich in Zeiten allgemeiner geschäftlicher Stagnation, also in Zeiten der Krisen laut wird, daß die reichen Leute mehr Geld ausgeben müßten, »um das Geschäft zu heben«, weil ihr Bedarf entscheidend sei. Und man macht es ihnen zu einer Art sozialer Pflicht, durch Luxusausgaben »Geld unter die Leute zu bringen«.

Wir sehen auch nicht selten Aristokratie und Bourgeoisie nach diesem Rezepte handeln, wobei die Betreffenden sich noch das Mäntelchen der Gesellschaftswohlthäter umhängen. Man ißt und trinkt gut, kleidet sich noch besser, tanzt und amüsirt sich in dem stolzen und befriedigenden Bewußtsein, »indem man seine Triebe befriedigte«, sich und die Gesellschaft zu retten. Die Leute, die so handeln, gehören zu dem Achtel, für die, nach Fourier, die bürgerliche Welt die vollkommenste Welt ist. Wir wissen heute, daß diese Zahl kein Achtel, nicht einmal ein Zwanzigstel der Gesellschaft bildet.

Daß die Ansicht Fourier's von der Bedeutung der Reichen für die Waarenzirkulation und Konsumtion irrig ist, bedarf heute für Niemand, der einigermaßen den Organismus unserer Gesellschaft kennt, eines Beweises. Nicht der Verbrauch dieser handvoll Reicher, und sei ihr Verbrauch noch so bedeutend, sondern der Verbrauch der Masse stimulirt die Zirkulation. Wo der Massenverbrauch nachläßt, weil die Masse ärmer wird, oder weil, wie in der Regel in den modernen Krisen der Ueberproduktion, der Konsum der Waarenproduktion nicht zu folgen vermag, einestheils, weil die Kaufkraft fehlt, anderntheils, weil Waaren bestimmter Gattungen weit über das normale Bedürfniß erzeugt wurden, da tritt die Stagnation mit allen ihren Folgen ein. Der Luxusverbrauch der Reichen hat nie eine allgemeine Krise gehoben, noch hat er durch sein Fehlen eine solche erzeugt. Es ist aber ein charakteristisches Merkmal für einen Gesellschaftszustand, daß eine Klasse, »die nichts thut und zu nichts nütze ist«, wie Fourier sich ausdrückt, so viel verbrauchen kann und doch immer reicher wird. Welch geringe Rolle der Verbrauch der reichen Klasse im Verhältniß zum Verbrauch der Masse der Bevölkerung spielt, zeigend schlagend die Ergebnisse der indirekten Steuern. »Die Steuer auf Luxusartikel der Reichen bringt nichts ein«, sagte Fürst Bismarck in seiner berühmten Steuerprogrammrede im Herbst 1876 im Reichstag; »was nützt die Steuer auf Austern, Champagner, Equipagen, sie bringt nichts, nehmen wir dafür die 'Luxusbedürfnisse' der Masse, Bier, Kaffee, Branntwein, Tabak.« Unsere Steuertabellen geben ihm Recht.

Indem nun Fourier, weil er die eigentlich treibenden Gesetze der bürgerlichen Gesellschaft nicht erkannte und in seinem Zeitalter noch nicht erkennen konnte, sein phalansteres System auf der Beibehaltung des Geldes gründete und dem Kapital einen erheblichen Theil des Arbeitsertrags -- vier Zwölftel -- zuschrieb, entging ihm nicht, daß bei dem Reichthum, den die Phalanx durch ihre Organisation der Arbeit erzeugen sollte, das Mißverhältniß im Vermögen und Einkommen der verschiedenen Klassen sich in der Phalanx noch mehr steigern müsse, als in der Zivilisation. Er mußte also ein Mittel finden, um dieser klaffenden Ungleichheit einigermaßen vorzubeugen. Er verfiel, wie sich später zeigen wird, auf das Mittel der Massenanwendung testamentarischer Legate, welche die reichen Leute der Phalanx allen Denen zuweisen würden, für die sie im Laufe ihrer phalansteren Thätigkeit aus irgend einem Grunde eine besondere Zuneigung gefaßt, aber selbst mittellos seien. Die Frage liegt freilich nahe, was denn diese ganze Reichthumsaufhäufung in Privathänden für einen Sinn und für eine Berechtigung hat, wenn die _sozietäre Arbeit_ diesen Reichthum erzeugt und dieser so groß ist, daß er allen Gliedern der Phalanx den größten Luxus gestattet und selbst die verwöhntesten Geschmäcker zu befriedigen vermag. Diesem Widerspruch sucht also Fourier durch das bezeichnete Mittel aus dem Wege zu gehen, es soll der Wiederkehr »der verkehrten Zirkulation nach den Phantasien der Müßigen begegnen«, und die Reichen sollen durch das selbstlose Auftreten der kleinen Horden zu Akten der Edelmüthigkeit gegen die Unbemittelten angeeifert werden. Das ist die große moralische Aufgabe, die er den kleinen Horden zuweist.

Fourier fährt fort:

»Die Thätigkeit und Erregung der kleinen Horden wird sich verdoppeln, wenn ihnen der Kontrast, den die Natur ihnen vorbehielt, entgegentritt, die kleinen Banden. Der Keim des Widerspruchs, der darin liegt, daß zwei Drittel der Kinder männlichen Geschlechts zur Unsauberheit, zum Ungehorsam, zur Wildheit neigen, zwei Drittel der Kinder weiblichen Geschlechts zum Putz und zu guten Manieren, muß entwickelt und für die Phalanx ausgenutzt werden. Je mehr die kleinen Horden durch Tugend und Hingebung sich auszeichnen, um so mehr muß die rivalisirende Korporation -- müssen die kleinen Banden -- Eigenschaften annehmen, welche den Wünschen der öffentlichen Meinungen entsprechend, das Gleichgewicht herstellen. Die kleinen Banden sind die Bewahrer der sozialen Anmuth; dies ist ein weniger glänzender Posten als jener der kleinen Horden, Stütze der sozialen Uebereinstimmung zu sein. Aber die Sorge für den Schmuck und das Ganze des Luxus in der Phalanx ist in der Harmonie nicht weniger werthvoll. In dieser Art Arbeiten sind die kleinen Banden sehr nützlich und unentbehrlich; sie haben im ganzen Kanton der Phalanx die spirituelle und materielle Ausschmückung bei allen Festen, Aufzügen, Schaustellungen auszuführen. In der Wahl der Kleider ist Niemand in der Harmonie an Vorschriften gebunden, aber sobald es sich um korporative Vereinigungen handelt, hat jede Gruppe, jede Serie ihre Kostüme und trifft die Wahl. Sache der kleinen Banden ist, die Modelle zu liefern. Im Gegensatz zu den kleinen Horden zeichnen sich die kleinen Banden durch Höflichkeit und angenehme Manieren aus. Der männliche Theil der kleinen Banden wird hauptsächlich die jungen Gelehrten stellen, die frühreifen Geister, wie Pascal, die frühzeitig Anlagen zum Studium entwickeln; ferner die kleinen Verweichlichten, die zur Weichlichkeit und Ueppigkeit neigen. Weniger thätig als die kleinen Horden, erheben sie sich auch später und erscheinen erst um vier Uhr Morgens in den Ateliers. Während sich die kleinen Horden mit der Pflege der großen Hausthiere beschäftigen, pflegen die kleinen Banden die Brieftauben, Hühner, Vögel, Biber etc.; sie überwachen ferner die Blumen- und Gartenanlagen, damit diese nicht beschädigt oder zerstört werden. Wer Dergleichen sich zu Schulden kommen läßt, wird vor ihren Richterstuhl geführt und gebüßt; sie üben ferner die Zensur über die schlechte oder fehlerhafte Aussprache. Wie die kleinen Horden ihre Druiden und Druidinnen, so wählen sich die kleinen Banden aus den mannbaren Altern zu Kooperateuren: Korybanten und Korybantinnen. Derselbe Kontrast besteht in den beiderseitigen Beziehungen auf Reisen; die kleinen Banden verbinden sich mit den großen Banden, den fahrenden Rittern und Ritterinnen, die kleinen Horden mit den großen Horden, den Abenteurern und Abenteurerinnen. Die Natur hat eben für die Vertheilung der Charaktere eine Scheidung von Grund aus in kräftige und milde Nüanzen vorgenommen, eine Vertheilung, die sich in allen erschaffenen Dingen zeigt; in den Farben, dem Hintergrunde der Luft, der Musik. Dieser Kontrast ist es auch, der die Scheidung der Kinder in kleine Banden und kleine Horden naturgemäß herbeiführt.«

»Jede industrielle Serie würde fehlerhaft sein, wenn sie der Geschlossenheit ermangelte; um sie geschlossen zu machen, muß man die feinsten Unterscheidungen in den Geschmäckern in's Spiel setzen. Man wird frühzeitig die Kinder an diese feinen Unterscheidungen in den Neigungen gewöhnen. Das ist also die Aufgabe der kleinen Banden, welche die Kinder vereinigen, die zu den minutiösesten Raffinements im Schmuck, im Geschmack, in der Kleidung neigen; ihr Blick wird so geschärft, daß sie wie unsere Schriftsteller und Künstler einen Fehler sehen, der dem gewöhnlichen Menschen entgeht. Die kleinen Banden haben also die Gewandtheit, Spaltungen unter den Geschmacksrichtungen zu veranlassen, die Feinheiten der Kunst zu klassifiziren und durch Raffinement der Phantasien und durch Abstufungen die Geschlossenheit der Serien herbeizuführen. So schöpft die Erziehung in der Harmonie ihre Mittel der Ausgleichung aus den beiden entgegengesetzten Geschmacksrichtungen, aus dem Hang zur Unsauberheit und zur Eleganz, zwei Richtungen die beide heute verurtheilt werden. Die kleinen Horden wirken negativ ebenso viel, wie die kleinen Banden positiv. Die einen beseitigen die Hindernisse, die der Harmonie in der Phalanx sich entgegenstellen, sie vernichten den Kastengeist, der aus den unangenehmen Arbeiten leicht geboren wird; die anderen schaffen durch ihre Gewandtheit die Abstufungen der Geschmäcker und organisiren die nüanzirten Spaltungen in den verschiedenen Gruppen. So gehen die kleinen Horden vom Guten auf den Weg zum Schönen, die kleinen Banden vom Schönen auf den Weg zum Guten; eine kontrastirende Handlung, die ein allgemeines Gesetz in der ganzen Natur ist.«

* * * * *

»Die Erziehungssysteme der Zivilisirten verfallen alle dem Fehler, daß sie die Theorie über die Praxis setzen. Sie verstehen nicht, das Kind zur Thätigkeit anzureizen; sie sind genöthigt, es bis zum sechsten oder siebenten Jahre unthätig zu lassen, ein Alter, in dem es schon ein geschickter Praktiker sein könnte. Im siebenten Jahre wollen sie ihm dann Theorie, Kenntnisse, Studien beibringen, für die sie den Wunsch bei ihm nicht zu wecken verstanden. Dem Kinde in der Harmonie kann dieser Wunsch nicht fehlen, weil es vom dritten Jahre bereits praktisch thätig war und bis zum siebenten spielend eine Menge praktischer Kenntnisse erlangt hat. Es besitzt jetzt das Bedürfniß, sich auf das Studium der exakten Wissenschaften zu stützen ... Die Erziehung der Zivilisirten ist im Widerspruch mit der Natur des Kindes, es ist die verkehrte Welt wie ihr ganzes System, von dem ihre Erziehung ein Theil ist. Ferner: Das Kind ist auf die Arbeit des Studirens beschränkt, es bleibt vom Morgen bis Abend während neun bis zehn Monate des Jahres über den Anfangsgründen und der Grammatik sitzen, muß ihm da nicht der Widerwille gegen die Studien kommen? Das Kind hat das Bedürfniß, während der schönen Jahreszeit im Garten, im Wald, in den Wiesen sich beschäftigend zu tummeln, statt dessen muß es an schönen wie an Regentagen sitzen und studiren. Es kann keine Einheitlichkeit in der Handlung geben, wo es nur eine einfache Funktion giebt.«

»Eine Gesellschaft, welche die Väter den ganzen Tag als Gefangene in die Bureaux, Komptoirs und Fabriken sperrt, kann auch die Sottise begehen, das Kind das ganze Jahr in die Schule zu sperren, wobei es sich ebenso langweilt wie die Lehrer. Unsere Politiker und Moralisten sprechen beständig von der Natur, sie ziehen sie aber keinen Augenblick zu Rathe. Beobachteten sie die in den Ferien weilenden Kinder, wie sie, mit leichten Blousen bekleidet, sich im Heu kugeln, vergnüglich sich in der Weinlese, bei dem Nüsse- und Obstpflücken, bei der Jagd auf schädliche Vögel etc. anwenden, und würden sie die Kinder in einem solchen Augenblicke einladen, zu ihren Studien zurückzukehren, so würden sie beobachten können, ob es die Natur des Kindes ist, während der schönen Jahreszeit in der Umgebung von Büchern und Pedanten eingeschlossen zu werden. Man antwortet: Man muß im jugendlichen Alter lernen, damit man sich des Namens eines freien Mannes würdig macht, würdig des Handels und der Verfassung! -- Gut! Aber wenn die Kinder durch Anziehung und kabalistische Rivalitäten zum Lernen sich begeben, so werden sie in hundert Lektionen im _Winter_, beschränkt auf zweistündige Sitzungen, mehr lernen, als in 300 Tagen, da man sie in den Schulen oder im Pensionat eingeschlossen hält.

Das zivilisirte Kind kann nur mit Hülfe von Entziehungen, Pensums, Ruthenstreichen zum Lernen angehalten werden. Erst seit einem halben Jahrhundert sucht die Wissenschaft, verwirrt über dieses elende System, durch weniger herbes Vorgehen das Kind zu gewinnen; sie versucht sich, die Langeweile der Kinder in den Schulen zu enthüllen, ein Götzenbild des Nacheifers bei den Schülern, Zuneigung für die Lehrer zu schaffen. Das beweist, daß sie erkannt hat, wie es sein sollte, aber sie hat kein Mittel, ihre Gedanken zu verwirklichen. Die mit Zuneigung verknüpfte Uebereinstimmung zwischen Lehrern und Kindern kann nur in dem Fall einer als Gunst erscheinenden anregenden Unterweisung erzeugt werden. Das wird in der Zivilisation, in welcher der ganze Unterricht durch den Widersinn, die Theorie über die Praxis zu stellen, gefälscht ist, nie geschehen. Der Unterricht ist ferner gefälscht durch seine Einseitigkeit und ununterbrochene Dauer. Man findet vielleicht ein Achtel unter den Kindern, die den gegenwärtigen Unterricht mit Leichtigkeit, aber ohne davon besonders angeregt zu sein, annehmen. Daraus schließen die Lehrer, daß die übrigen sieben Achtel nichts taugen; sie argumentiren auf die Ausnahme und machen diese zur Regel. Das ist die gewöhnliche Illusion bei allen Lobliedern auf die Vollkommenheit. Es giebt überall eine kleine Zahl Ausnahmen, aber sie darf man nicht in Berücksichtigung ziehen, sondern die große Menge, welche die Regel ist. Ich fragte Kinder, die aus den berühmtesten Schulen kamen, wie von Pestalozzi und Andern, ich fand stets nur einen mittelmäßigen Schatz von Kenntnissen und eine große Unbekümmertheit für Studien und Lehrer.«

»Wir haben heute eine Erziehungsmethode, und diese wird auf alle Schüler angewendet, als wenn alle vollkommen gleichartig seien. Ich kenne nun verschiedene Methoden, die alle gut wären, und es ließen sich noch andere finden. Schließlich ist jede Methode gut, wenn sie dem Charakter des Schülers entspricht. D'Alembert ward ausgelacht, als er vorschlug, das Studium der Geschichte im Gegensatz zur chronologischen Ordnung zu betreiben, dergestalt, daß man nicht von der Vergangenheit zur Gegenwart, sondern von der Gegenwart nach Rückwärts in die Vergangenheit schreite. Man warf ihm vor, den Reiz am Studium zu zerstören und die mathematische Trockenheit in die Methode des Unterrichts zu bringen. Das ist ein lächerlicher Sophismus. Keine Methode ist an sich trocken, sie sind alle fruchtbar, wenn man sie den Charakteren anzupassen und schmackhaft zu machen versteht. Man gebe den Kindern eine ganze Reihe von Methoden zur Auswahl, viele werden doch keinen Geschmack am Studium finden. Unsere Lehrmethoden ermangeln nicht nur des aktiven Hülfsmittels, sie ermangeln ebenso der materiellen Anziehung, als welche ich die Oper und die Gourmandis betrachte.«

»Die Oper bildet das Kind zur maßvollen Einheit, welche für es eine Quelle des Wohlbefindens und der Gesundheit wird; sie verschafft ihm also den inneren und äußeren Luxus, welches der erste Zweck der Anziehung ist. Das Kind wird durch die Oper von frühester Jugend an in allen gymnastischen und choreographischen Uebungen geschult. Die Anziehung ist darin sehr kräftig, es erwirbt die nothwendige Gewandtheit für alle Arbeiten in den Serien, wo Alles sich mit Sicherheit, Maß und Einheit, wie man diese in der Oper herrschen sieht, vollziehen soll. Die Oper nimmt also unter den Hülfsmitteln für die Erziehung vom niederen Lebensalter an den ersten Rang ein. Unter der Oper sind alle körperlichen Uebungen begriffen, sowohl die mit der Flinte als mit dem Rauchfaß. Diese choreographischen Evolutionen, werden sie nun mit der Flinte oder dem Rauchfaß oder in der Oper vollzogen, gefallen den Kindern außerordentlich, sie betrachten es als eine hohe Gunst, zugelassen zu werden. Man würde die Natur des Menschen vollständig verkennen, wenn man die Oper nicht in erster Linie unter die Hülfsmittel der Erziehung vom frühesten Alter an setzte, welche für die materiellen Studien nur anziehend wirkt. Um den Körper nach allen Richtungen hin möglichst vollkommen zu machen, müssen, bevor man mit der Seele beginnt, zwei unseren sog. moralischen Methoden sehr fremde Hülfsmittel in's Spiel gesetzt werden: die Oper und die Küche, oder die angewandte Gourmandis.«

»Das Kind soll zwei aktive Sinne üben: Geschmack und Geruch, und zwar durch die Küche, und zwei passive: Gesicht und Gehör, und diese durch die Oper; den Taktsinn endlich durch die Arbeiten, in denen es sich auszeichnet. Die Küche und die Oper sind die beiden Hülfsmittel, die das Kind durch die Anziehung unter das Regime der Serien der Triebe führen. Die Magie und die Feerien der Oper ziehen das Kind mächtig an. Dagegen erwirbt es in den Küchen der Phalanx die Intelligenz und Geschicklichkeit in all den Vorbereitungen für die Tafel; es lernt alle Produkte kennen, für welche es sich schon durch die Tischunterhaltungen interessirte; es werden Pflanzen und Thiere besprochen, und so wird es in Hof, Stallungen und Gärten eingeführt. Die Küche wird das Band für diese Funktionen.«

»Die Oper ist die Vereinigung für die materielle Uebereinstimmung, sie dient allen Altern und Geschlechtern. In ihr werden geübt: 1. Gesang, oder das Maß der menschlichen Stimme; 2. Instrumente, oder das Maß künstlicher Töne; 3. Poesie, oder Ausdruck der Gedanken und Worte nach Maß; 4. Pantomimen, oder Harmonie der Gesten; 5. Tanz, oder Bewegung nach Maß; 6. Gymnastik, oder harmonische Uebungen; 7. Malerei und harmonische Kostüme. Das Ganze beruht also auf einem regelmäßigen Mechanismus und in geometrischer Ausführung.«

»Bei uns ist die Oper nur eine Arena der Galanterie, eine Anreizung zu Ausgaben, und da begreift sich, daß sie durch die moralischen und religiösen Klassen zurückgewiesen wird; in der Harmonie ist sie eine freundschaftliche Vereinigung, in der keinerlei bedenkliche Intriguen zwischen Leuten stattfinden können, die sich jeden Augenblick bei den verschiedensten Arbeiten in den industriellen Serien begegnen.«

»Die Oper, heute so kostspielig, kostet fast nichts in der Harmonie. Tänzer, Sänger, Musiker, Maler, alle Handwerker und Künstler stellt die Phalanx aus ihrer Mitte. Ohne die Mitwirkung der Nachbaren und die Hülfe der Durchreisenden wird die Phalanx eine Auswahl von 12-1300 Akteuren haben, die in irgend einer Weise sich betheiligen. Die geringste Phalanx wird eine besser ausgestattete Oper besitzen, als heute unsere großen Städte.«

Fourier widmet dann mehrere Kapitel der Küche der Phalanx, ihrer Einrichtung und Organisation und der Verwendung der Kinder in derselben. Die Neigung zu gutem Essen, zur Gourmandis, ist in seinem System auch Erziehungsmittel. Was das Kind ißt, soll es in der Praxis kennen lernen, es soll die Substanzen, ihre Zusammensetzung und ihre Zubereitung erfahren. Wir fassen uns hierüber kurz, da aus dem bisher Gesagten der Leser wird beurtheilen können, wie auch hier sich die verschiedenen Serien bethätigen. Die Kinder werden zunächst an der Hand passend für sie eingerichteter Küchen in die Geheimnisse der Kochkunst spielend eingeweiht, Neugier und Interesse wird geweckt; sie treten allmälig in die großen Zentralküchen mit ihren Appendixen für die Vorbereitung der Speisen über, lernen eine Anzahl interessanter Details kennen -- das Einmachen, die Konservirung --, in denen sie nützliche Verwendung finden. Die Zubereitung der Materialien führt ganz von selbst dazu, auch das Werden und Entwickeln der verarbeiteten Materialien zu beobachten. Mit zunehmendem Alter wird das Kind mit der Geflügelzucht, der Stallwirthschaft, der Obst- und Gemüsezucht bekannt und darin eingeweiht. In allen diesen Bethätigungen kommt, wie im ganzen Mechanismus der Phalanx, die Serien- und Gruppenbildung nach Trieben, die Abwechslung durch kurze Sitzungen und die Kontrastwirkung zur Geltung; die Rivalitäten regen den Eifer und die Erfindungsgabe an.

Nach diesen selben Grundsätzen und Methoden werden darauf die Kinder in die verschiedenen Wissenschaften eingeweiht; überall entscheiden die eigenen Triebe, die durch das Beispiel der Mitschüler und das Vorbild der älteren Schüler angeregt und stimulirt werden. Die Auswahl der Lehrmittel ist die größte. Alles ist auf das Vortrefflichste eingerichtet, Zwang ist nirgends vorhanden, ebenso wird kein Unterschied zwischen den beiden Geschlechtern gemacht. »Die Studien sollen nicht an zweiter Stelle figuriren, aber das Interesse soll durch die physische Bethätigung für die verschiedenen Zweige des Studiums geweckt werden. Die Arbeiten der Schule sollen mit denen in den Werkstätten und in den Gärten eng verbunden sein, die letzteren sollen die ersteren unterstützen.«

Mit 15 bis 16 Jahren treten die Kinder in das Reifealter, es beginnen die Jahre der Pubertät und der Geschlechtstrieb macht sich allmälig geltend; damit beginnt auch für die Phalanx die Aufgabe, die Erziehung entsprechend umzugestalten.

»Hier ist der Punkt«, fährt Fourier fort, »wo alle unsere auf die Unterdrückung der Geschlechtsliebe berechneten Methoden, die in den Beziehungen der Liebe nur die allgemeine Heuchelei zu begründen wissen, in die Brüche gehen. Das geschieht von hier ab im ganzen Verlauf des Liebeslebens. In keiner Angelegenheit zeigt sich unsere Wissenschaft so unfähig und ungeschickt, als hier. Für alle anderen Mißbräuche und Uebel haben unsere Philosophen wenigstens die Anwendung einiger Gegenmittel versucht, aber keine in Sachen der Liebe, von wo demnach ihr ganzes Werk in Unordnung gestürzt wird, denn sie haben nur die Unwahrheit und die geheime Rebellion gegen die Natur und die Gesetze begründet. Indem die Liebe keinen anderen Weg zur Befriedigung findet, als mit Anwendung der Doppelzüngigkeit, wird sie ein permanenter Verschwörer, der unaufhörlich daran arbeitet, die Gesellschaft zu desorganisiren, alle ihre Regeln zu untergraben.«