Chad Gadja: Das Peßachbuch

Part 8

Chapter 83,771 wordsPublic domain

Am zweiten Peßachabend bin ich beim More Aron Cohen, Richter beim Beth Din; er ist ein prächtiger stattlicher Greis mit schönem, langem, weißem Bart und immer freundlichem, sympathischem Gesicht. Der Imam hatte ihn zum Oberrabbiner ernennen lassen, er legte diese Würde aber bald ab und nahm dafür den Posten eines einfachen Richters an; er wollte sich nützlich machen, ohne dafür Ehrungen oder Vorteil zu gewinnen. Von Beruf Schneider, näht und stickt er den ganzen Tag an den Galamänteln für die Araber, die ihn sehr lieben und ihn gern bei sich empfangen. Er ist das Oberhaupt einer Patriarchenfamilie, die er mit Milde regiert. Von seinen fünf verheirateten Söhnen, die mit ihren Familien in seinem Haus wohnen, sind drei bereits Großväter. Es ist eine Freude, in dieses gottgesegnete Haus zu kommen.

More Aron liebt die Poesie der alten Bräuche und hängt an der Vergangenheit. Der Wohlklang seiner Stimme hat sich trotz seines hohen Alters noch voll erhalten, darum hat der von ihm abgehaltene Seder einen großen Reiz. Vor Beginn der Vorlesung bricht er eine Mazzah in zwei Teile, hüllt sie in ein Tuch, legt sie auf die Schulter und spaziert damit durch das ganze Haus: das bedeutet den Auszug aus Ägypten. Die Mah nischtanah wird von zwei seiner Enkel ins Arabische übersetzt, „damit die Frauen auch etwas davon verstehen“, erklärt mir der milde Greis. Wenn man das „Kamah Maaloth Toboth“ beginnt, setzen Männer und Frauen sich um die Tische und heben diese in die Höhe, sobald das Dajenu gesagt wird, lassen sie die Tische mit einem Ruck wieder herunterfallen. Die letzten Strophen werden mit großem Nachdruck vorgetragen. Nach der Mahlzeit wird in sehr vergnügter Stimmung das „Sch’foch“, das Hohelied, das „Echad mi jodea“ und das „Chad Gadja“ gelesen. Erst um Mitternacht war das Fest beendet.

DER SEDER DES UNWISSENDEN.

Eine chassidische Legende von ~Martin Buber~.

Rabbi Levi Jizchak von Berditschew hütete mit sorglicher Seele die Weihe aller Bräuche und gab jedem seinen Sinn aus der Tiefe. Einmal hatte er den Seder der ersten Peßachnacht mit aller Inbrunst und Andacht gehalten, also daß jedes Gebot und jede Sitte lebendig und des Geheimnisses voll an des Zaddiks Tische erschien, und jedes Tun der Menschenhände und des Menschenmundes war wie ein gläserner Schrein, der wunderwirkende Kleinodien birgt. Mit einer Stimme, die wie Saitenspiel war, erzählte der Rabbi die alte Erzählung, und aus seiner Rede stieg das Sinnbild auf und leuchtete wie verschleierte Sterne im Raume. Mizrajim war die Verbannung der Seele und das Rote Meer ihre Befreiung. Sie hatte dem Pharao Städte bauen müssen, und die Frohnvögte hatten sie wund geschlagen. Aber die Lösung wurde gesandt, und das Wunder kam, und die Dinge der Welt wandelten ihre Art, und der Tag der Seele brach an, und die Seele ging trockenen Fußes durch das Meer. So stieg das Sinnbild aus des Rabbis Seele auf und leuchtete über der Nacht. Und so ging die Nacht dahin, und die Versammelten wurden nimmer müde. Und als das Morgenrot kam, da schien es ihnen selbst wie ein Zeichen des Geheimnisses, und es war ihnen, als ob zwei Sinnbilder einander grüßten, das Wort des Zaddiks und das Morgenrot.

Aber als der Seder zu Ende war und Rabbi Levi Jizchak allein in seiner Kammer saß, mußte er an diese Nacht denken, die er gefeiert hatte, und an den Seder, der gewachsen war aus dem Willen seines Herzens. Und es dünkte ihn schön und vollkommen, was geschehen war. Und er sprach zu Gott: „Du Grund und Heimat meines Lebens, meiner Seele Herr und Herrlichkeit, wahrlich, ich habe dir recht gedient in dieser Nacht und deine Ehre verkündet in Flammengesängen.“ Und er hielt inne und horchte auf den Grund seines Lebens. Aber da war nichts als Schweigen. Da erschrak der Rabbi, denn nie noch war ihm dies widerfahren, und sammelte sein Herz und sprach mit hastigen Worten: „Habe ich nicht mit meinem Tun getaucht in die Mysterien deiner Gnade? Habe ich nicht die ungesäuerten Brote erhoben als das Siegel des Streites, den die Seele um dich streitet, und das Bitterkraut gegessen als die Pflanze des Leides, das die Seele für dich trägt, und des Peßachlammes gedacht als des Zeichens des Opfers, in dem die Seele sich dir entgegenbringt?“ Doch das Schweigen lagerte wie zuvor. Und stammelnd sprach der Rabbi weiter: „Habe ich nicht die Hungrigen gerufen, daß sie kommen und essen, und auch die noch, die dahingingen im Hunger ihrer Sehnsucht und nicht genährt worden sind? Habe ich nicht die Durstigen gerufen, daß sie kommen und trinken, und auch die noch, die dahingingen im Durste ihres Erkennens und nicht gestillt worden sind? Und sind nicht die Geister gekommen und haben gegessen und getrunken an meinem Tische?“ Aber das Schweigen lag starr und ungestört da. Da kroch das Unheil wie ein Wurm in das Herz des Rabbi, und er warf sich nieder und schrie mit der letzten und zerbrechenden Stimme: „Habe ich nicht deine Tat verkündet, o Befreier?“ Da wurde das Wort wach auf dem Grunde seines Lebens, wie die Kraft in der Erde wach wird an einem Spätwintermorgen, und das Wort redete: „Warum rühmst du dich und nennst schön und vollkommen, was durch dich geschehen ist? Fürwahr, lieblicher ist mir der Seder Chajims, des Wasserträgers, als der deine.“ Da erhob sich Rabbi Levi Jizchak zitternd und verstört und rief seine Hausleute und seine Schüler zusammen und fragte sie: „Ist in dieser Stadt einer, der Chajim der Wasserträger genannt wird? Und kennt ihr ihn?“ Da flüsterten sie miteinander und unterredeten sich, und ein Schüler sprach: „Wir glauben wohl, daß es hier einen Mann dieses Namens gibt, aber wir kennen nichts von ihm und nicht, wo er wohnt.“ Und ein anderer fügte dazu: „Sicherlich ist es der Unwissenden einer. Und wohnen mag er wohl an der Grenze der Stadt, wo die Häuser der Armen sind.“ Da rief der Zaddik: „Gehet hin und suchet ihn und bringet ihn eilig zu mir.“ Und sie gingen, ihn zu suchen.

Indessen schritt der Rabbi Levi Jizchak in seiner Kammer hin und her und mühte sich, seiner Seele die Ruhe wiederzubringen. „Gewiß ist es einer von den Verborgenen,“ so redete er ihr zu, „von den heimlichen Gottessöhnen einer, die in Knechtesgestalt unter uns leben und ihr heiliges Wesen hinter rohem und bäurischem Getriebe verhüllt halten, also daß sie nur ihrem Herrn sich öffnen und gewähren. Einer von den Sechsunddreißig ist es, von den Zaddikim der unsichtbaren Welt, die sich ewig erneuern und durch die die Welt erneuert wird.“ Aber seine Seele gab sich nicht zufrieden und wehrte ihn ab und sprach: „Mag es auch einer von diesen sein, was hat er geschaut, was ich nicht geschaut hätte, und welchen Dienst kennt er, den ich nicht kennte? Und in welchem Abgrund wohnt er, in dem nicht auch ich wohnte?“ Also redete die Seele zu ihm und verachtete die Ruhe und haderte mit dem Nichts.

Die Schüler aber liefen in der Stadt umher und fragten nach Chajim, dem Wasserträger. Endlich wurde ihnen sein Haus gewiesen, und sie gingen hin und klopften an die Tür. Eine Frau kam heraus und fragte nach ihrem Begehr. Als sie erfuhr, wen sie suchten, verwunderte sie sich und sagte: „Wohl ist Chajim, der Wasserträger, mein Mann. Aber er kann nicht mit euch kommen, denn er hat gestern viel getrunken, und nun schläft er noch, und wenn ihr ihn auch wecket, wird seine Müdigkeit ihn gefesselt halten, und er wird seine Füße nicht zu heben vermögen.“ Jene aber antworteten nur: „Der Rabbi hat es befohlen!“ und gingen hin und rüttelten ihn auf. Da sah er sie aus blinzelnden Augen an und verstand nicht, wozu sie seiner bedurften, und wollte sich wieder hinlegen. Sie jedoch hoben ihn vom Lager und nahmen ihn in ihre Mitte und trugen ihn fast auf ihren Schultern zum Zaddik. Der ließ ihm einen Sitz in seiner Nähe geben, und als er stumm und verwirrt dasaß, neigte er sich zu ihm und sprach: „Rabbi Chajim, mein Herz, worauf ging Euer Gedanke, als Ihr das Gesäuerte zusammensuchtet?“ Da sah ihn jener mit stumpfen Augen an und schüttelte den Kopf und antwortete: „Herr, ich habe mich umgesehen in allen Winkeln und habe es zusammengesucht.“ Und der Zaddik fragte weiter: „Und was hattet Ihr im Sinne, als Ihr das Gesäuerte verbranntet?“ Da dachte jener nach und betrübte sich und sagte endlich zögernd: „Herr, ich habe völlig vergessen, es zu verbrennen. Und nun entsinne ich mich, es liegt noch auf dem Balken. Und dies mögt Ihr mir vergeben, Herr, daß ich es vergessen habe.“ Als Rabbi Levi Jizchak dies hörte, ward auch das Letzte in ihm unsicher; aber er fragte weiter: „Und das saget mir noch, Rabbi Chajim: Wie habt Ihr den Seder gehalten?“ Da war es, als erwache jenem etwas in Aug’ und Gliedern, und er sprach mit weicher und demütiger Stimme: „Rabbi, ich will Euch die Wahrheit sagen. Seht, ich habe von je gehört, daß es verboten ist, Branntwein zu trinken die acht Tage des Festes, und da trank ich gestern am Morgen, daß ich genug habe für acht Tage. Und da wurde ich müde und schlief ein. Und dann weckte mich meine Frau, und es war Abend, und sie sagte zu mir: ‚Warum hältst du nicht den Seder wie alle Juden?‘ Sagte ich: ‚Was willst du von mir? Bin ich doch ein Unwissender und mein Vater war ein Unwissender, und ich weiß nicht recht, was tun und was lassen. Aber sieh, das weiß ich: Unsere Väter und unsere Mütter waren gefangen bei den Zigeunern, und wir haben einen Gott, der hat sie hinausgeführt in die Freiheit. Und sieh, nun sind wir wieder gefangen, und ich weiß es und sage dir, Gott wird auch uns in die Freiheit führen.‘ Und da sah ich den Tisch stehen, und das Tuch leuchtete wie die Sonne, und standen drauf Schüsseln mit Mazzoth und Eiern und anderen Speisen, und standen Flaschen mit rotem Wein, und da aß ich die Mazzoth mit den Eiern und trank den Wein und gab meiner Frau zu essen und zu trinken. Und dann kam die Freude über mich, und ich hob den Becher zu Gott und sagte: ‚Sieh, Gott, ich trinke diesen Becher zu dir. Und du neige dich zu uns und mache uns frei!‘ Und so saßen wir da und tranken und freuten uns vor Gott, und dann kam die Müdigkeit über mich, und ich legte mich hin und schlief ein.“

Also erzählte Chajim der Wasserträger dem Zaddik von Berditschew und seinen Schülern.

DAS MAZZOTHBACKEN.

Von ~Leopold Kompert~.

Vierzehn Tage vor dem Osterfeste, in größeren Gemeinden auch vier Wochen früher, werden die Gemeindeglieder durch den Schuldiener aufgefordert, sich zu der am nächsten Sonntag stattfindenden Verpachtung des Ostermehles auf dem Gemeindehaus einzustellen.

Auffallend genug erscheinen an diesem Tage nur sehr wenige, die Lust bezeigen, den Pacht zu übernehmen. Aus Gründen nämlich, die man sehr wohl billigen wird. Zuerst ist der Pachtschilling nach dem Stande der jeweiligen Fruchtpreise schon so hoch gestellt, daß sich nach aller Berechnung nur ein ganz kleiner Gewinn herausfindet. Dann ist das Geschäft von einer Masse Strapazen, Entbehrungen und Mühen begleitet, und drittens, wenn sich der Pächter über alle diese Berge hinwegsetzt, gerät er wieder in Gefahr, seine Popularität in der Gemeinde zu verlieren. Er kauft schlechtes Getreide ein, das Mehl ist schwarz, und nun hat er ein Publikum gegen sich, das ihn durch volle acht Ostertage tausendmal in einem Atem in den Ostrazismus verurteilt, denn bei jedem solchen Brote, das man genießt, wird des Pächters in Ausdrücken erwähnt, für die das große Wörterbuch von Adelung nicht besteht. Es ist ein langsames Gerädertwerden von unten nach oben -- durch volle acht Tage.

Doch findet sich immerhin jemand, der den Mehlpacht übernimmt. Barmherzige Seelen gibt es genug. Solche strecken dem Pächter, der gewöhnlich über ein äußerst geringes Vermögen zu gebieten hat, die Bürgschaft vor, sowie auch die Einkaufssumme. Damit geht er auf den Getreidemarkt, kauft ein, wie und wo er es kann, natürlich immer in der Absicht, so billig als möglich zu kaufen. Bis dahin hat das Geschäft noch wenig Nationales, wenig Eigentümliches. Dies beginnt erst draußen in der Mühle. Hier fängt eine lange Reihe von Mühen und Strapazen an, die zu beschreiben einen erklecklichen Aufwand von Tinte kosten würde. Die Mühle, wo das Ostermehl gemahlen wird, muß vor allem von oben nach unten gesäubert und ausgefegt werden, damit ja nicht ein Stäubchen früheren unreinen Mehles dazwischen käme. Dann muß man ein äußerst aufmerksames Auge auf die Müllerburschen haben, die absichtlich oder unabsichtlich das Mehl entheiligen und dem religiösen Gewissen des Pächters manchen empfindsamen Hieb versetzen können. Noch aufmerksamer muß der Pächter auf die Finger seiner Müllerburschen sehen, damit diese nichts auf den Boden fallen lassen. Solche Überflüsse kommen dem Pächter selbst zugut, auch will er nicht, daß der reiche Müller so heiliges Mehl genieße oder gar verkaufe.

Wenn das Mahlgeschäft vorüber, das Mehl in Säcke gegeben und heimgeführt worden ist, verkündet der Schuldiener aufs neue, in der Synagoge oder in der Gasse, man könne kaufen kommen; der Verkaufsort sei da und da. Nun beeilt sich ein jeder, seinen Bedarf an Ostermehl sobald als möglich zu decken, damit er nicht zu spät komme. Bevor man das Mehl kaufen geht, werden sehr ernsthafte Debatten zwischen den Eheleuten gepflogen. Während eines Jahres sind bedeutende Veränderungen in der Familie vorgegangen, sie hat sich vergrößert, auch sind die Kinder größer geworden und damit im steigenden Verhältnis auch das Zentrum ihres Lebens, nämlich der Magen. Die Mutter möchte gern sparen, ein Achtel oder gar ein Viertel weniger nehmen, der Vater aber zeigt lächelnd auf die Anzahl ihrer Familienmitglieder. Nach langem Her- und Hinreden vereinigen sich endlich beide und treffen ein juste milieu, das allen Anforderungen der Familie entsprechen wird.

In größeren Gemeinden besteht der Gebrauch, von den Gemeindemitgliedern bei der Abnahme des Ostermehles eine Steuer zu erheben, deren Ertrag der Gemeinde zufällt. Je nach dem Quantum des Mehles wird diese Steuer festgesetzt. Nun trifft es sich zuweilen, daß der arme, unbemittelte Mann, der für ein ganzes Rudel hungriger Mägen zu sorgen hat, höher besteuert wird als der reiche, dem trotz seines Mammons kein Kindeslächeln beschert ward -- ein Mißverhältnis, das aber überhaupt dem ganzen Steuerkomplex noch immer anklebt und ohne Verletzung einmal gegebener Zustände nicht gehoben werden kann.

Nun werden die Backhäuser eröffnet. Größere Gemeinden zählen deren mehrere, kleinere oft nur eines. Solche Backhäuser sind entweder Eigentum von Individuen oder der Gemeinde selbst. Wo es mehrere gibt, entsteht zwischen den Besitzern derselben eine Rivalität ganz eigener Art. Der eine stellt seinen Tarif etwas niedriger und erzielt dadurch eine größere Masse von Kunden, der andere ist prompter in seinen Bestellungen, der dritte zeichnet sich wieder durch vortreffliches Gebäck aus. So hat ein jeder seine Vorzüge und sucht sie geltend zu machen. So viel trägt jedoch jedes Backhaus seinem Besitzer ein, daß er, wie man zu sagen pflegt, „die Ostern herausbringt“.

Treten wir in ein solches Backhaus ein!

Heftig durch- und ineinander tönende Stimmen empfangen den Eintretenden. Wir stehen in einer langen, von bedeutend azotischen Dünsten angefüllten Stube, wo nahe an hundert Menschen mit dem Bereiten der ungesäuerten Brote beschäftigt sind. Sie stehen um lange viereckige, mit blanken Kupferplatten bedeckte Tische herum. Wie nach einem Takte bewegen sich aller Hände. Der eine hat ein Stück Teig vor sich und dehnt es schnell und flink mit dem Wellholze aus. Der andere hat das Brot bereits fertig, das in einer kreisrunden, ganz flachen Platte besteht; er nimmt nun noch das Ruppelholz, d. i. kleine zugespitzte Stäbchen, womit er das Brot auf allen Punkten durchlöchert, damit die Hitze von allen Seiten eindringe und der Säuerung vorgebeugt werde. Zwischendurch laufen kleine Buben, nehmen die Brote ab, und tragen sie zum Ofen hinaus. „Matzes, Matzes!“ schreit einer, der bereits sein Brot auf dem Tische beendet liegen hat und fürchtet, es könnte durch die Länge der Zeit säuern. Und dabei ergrimmt er und stößt Flüche aus, weil die Hinausträger der Brote ihm zu saumselig und faul sind.

Drei Personen sind es jedoch, auf deren Schultern eine ganze Welt von Plagen und Mühen liegt. Der eine ist der „Mehriner“, der andere der Kneter, der dritte der Schießer. Diese Trias ist wahrhaft bewundernswürdig und zugleich bedauernswert, denn ihre Beschäftigung ist die mühseligste von allen.

Der „Mehriner“ mißt das Mehl und teilt es dem Kneter zu. Der Teig wird in kupfernen Kesseln bereitet und bedarf nur einer sehr einfachen Manipulation, Mehl und Wasser. Die Hauptsorge des Kneters besteht darin, daß der Teig sobald als möglich durchknetet sei, wozu ihm wenige Minuten gegeben sind. Denn durch ein längeres Verzögern könnte er in Fermentation geraten, und tausend Argusaugen sind da auf der Lauer, die ein jedes Versehen mit bitterem Spotte, ja wohl auch mit Dispensierung des Kneters bestrafen können.

Der Schießer endlich ist niemand anderes als der Bäcker selbst. Man denke sich einen Menschen, der mit wenigen Unterbrechungen vierzehn Tage, ja sogar drei Wochen in einem fort der Hitze des Ofens ausgesetzt ist, und man hat eine linde Vorstellung von langsamem Verbranntwerden. Der Schießer gehört gewöhnlich der christlichen Religion an, wie überhaupt in manchen Gemeinden auch Christenmädchen zur Bereitung der Osterbrote verwendet werden.

Sobald ein solches ungesäuertes Brot aus der Backstube hinausgetragen, wird es ohne Weile auf die Schaufel gelegt und mit ungemeiner Flinkheit vom Schießer in den Ofen getan. Nach wenigen Minuten kehrt es bereits gebacken zurück. Hier wird es gewöhnlich von der Hausfrau, die die Brote backen läßt, empfangen und längs eines langen Tisches, der mit weißen Linnen bedeckt ist, aufgestellt. Oder ein ganzes Rudel Kinder ist es, das sich diesem Geschäfte mit aller Freudigkeit hingibt, gewöhnlich die Kinder der Hausfrau, oder, wenn die nicht, fremde. Diesen läßt man als Entgelt ihrer Mühe kleine Fischlein aus ungesäuertem Teige backen, mit denen sie dann am Abend in der Gasse herumrennen, sie triumphierend ihren Gespielen hinweisend, die mit solchen Trophäen noch nicht zu glänzen haben.

Durch all dies Gedränge und Schreien und Rufen wandelt aber noch eine Figur, deren wir bis jetzt noch nicht erwähnt haben. Es ist der „More Zedek“, ein Gelehrter, der darüber zu wachen hat, daß alles in größter Ordnung und ohne Verletzung der geringsten religiösen Zeremonie vor sich gehe. Er beaufsichtigt den Mehriner und den Kneter, damit dieser den Teig nicht über die Zeit in dem kupfernen Kessel herumknete, dann wirft er aufmerksame Blicke denen zu, die die ungesäuerten Brote verfertigen, damit auch sie nicht dem Gesetze zuwiderlaufen, das da ungesäuerte Brote will. Zuweilen trifft es sich auch, daß man ihm religiöse Bedenken vorträgt, die er zu schlichten hat. Ein ungesäuertes Brot war nicht nach rechter Art durchlöchert, in der Ofenhitze stiegen Blasen auf, oder sonst ein Gebrechen ist daran zu erblicken. Nun kommt die Hausfrau mit dem fraglichen Corpus delicti und fragt den Rabbi, ob er dieses Brot für gültig erkläre oder nicht. Der Rabbi schaut es lange mit prüfendem Blicke an und sagt entweder ja oder nein. Im verneinenden Falle wird das ungesäuerte Brot eine Beute der Kinder, und sie teilen sich so fröhlich darein, daß man es ihnen ansieht, sie würden gar nichts dagegen haben, wenn der Rabbi das ganze Gebäck für ungültig erklären wollte.

Die größte Sorge und Virtuosität wird aber auf die sogenannten „Mizwahbrote“ verwendet. Das sind diejenigen ungesäuerten Brote, die man an den beiden ersten Abenden des Osterfestes braucht, wo der Hausvater im Kreise der Seinigen den Auszug der Israeliten aus Ägypten feiert. Diese Brote sind von einer größeren Beschaffenheit als die anderen, und die Mädchen, die sie verfertigen, legen eine besondere Vorsorge an den Tag, sie so fein und groß und rund als möglich auszudehnen. Auch rivalisieren sie während des Wellens miteinander, wer von ihnen das größte Monstrum hervorzubringen imstande sei.

Ist endlich das Backgeschäft vorüber, so erhalten die Leute ihren Lohn, wobei es gewöhnlich zu nicht unbedeutenden Zänkereien kommt. Es findet sich da manche sparsame Hausfrau oder manch knickeriger Hausherr, die über den bedungenen Lohn nichts „von sich lassen wollen“, wie man sagt. Denn man begehrte noch ein kleines Trinkgeld von ihnen, indem man auf das vortreffliche Gebäcke hinweist, das man bereitet. Läßt sich die Hausfrau bewegen und tut noch etwas hinzu, so erhält sie tausend Segnungen und Beglückwünschungen, tut sie es nicht, so spricht und grollt man sehr viel, und sie kann gewiß sein, daß im nächsten Jahre die ungesäuerten Brote viel schlechter ausfallen werden als heuer. So ein Bäcker hat für solche Seelenkränkungen ein treffliches Gedächtnis.

Wir haben schließlich noch einer Ehrenbezeugung zu erwähnen, die bei Gelegenheit des Backens der ungesäuerten Brote ausgeübt wird. Dem Rabbiner werden am letzten Tage die ungesäuerten Brote gebacken. Wo es eine Jeschibah (Hochschule) gibt, übernehmen die Jünger derselben selbst die Verpflichtung, für ihren Lehrer die Brote zu kneten, zu bereiten und backen. Auf diese Art genießt der Rabbiner drei Privilegien: 1. daß er ganz frische, 2. ganz makellose und 3. ganz reine Brote bekommt. Um dieser Vorteile willen hat sich schon mancher gewünscht, Rabbiner zu sein -- anderer zu geschweigen.

DER RABBI VON BACHERACH.

Von ~Heinrich Heine~.

Unterhalb des Rheingaus, wo die Ufer des Stromes ihre lachende Miene verlieren, Berg und Felsen mit ihren abenteuerlichen Burgruinen sich trotziger gebärden, und eine wildere, ernstere Herrlichkeit emporsteigt, dort liegt, wie eine schaurige Sage der Vorzeit, die finstere, uralte Stadt Bacherach. Nicht immer waren so morsch und verfallen diese Mauern mit ihren zahnlosen Zinnen und blinden Warttürmen, in deren Luken der Wind pfeift und die Spatzen nisten; in diesen armselig häßlichen Lehmgassen, die man durch das zerrissene Tor erblickt, herrschte nicht immer jene öde Stille, die nur dann und wann unterbrochen wird von schreienden Kindern, keifenden Weibern und brüllenden Kühen. Diese Mauern waren einst stolz und stark, und in diesen Gassen bewegte sich frisches, freies Leben, Macht und Pracht, Lust und Leid, viel Liebe und viel Haß. Bacherach gehörte einst zu jenen Munizipien, welche von den Römern während ihrer Herrschaft am Rhein gegründet worden, und die Einwohner, obgleich die folgenden Zeiten sehr stürmisch und obgleich sie späterhin unter Hohenstaufische und zuletzt unter Wittelsbacher Oberherrschaft gerieten, wußten dennoch, nach dem Beispiel andrer rheinischen Städte, ein ziemlich freies Gemeinwesen zu erhalten. Dieses bestand aus einer Verbindung einzelner Körperschaften, wovon die der patrizischen Altbürger und die der Zünfte, welche sich wieder nach ihren verschiedenen Gewerken unterabteilten, beiderseitig nach der Alleinmacht rangen, so daß sie sämtlich nach außen zu Schutz und Trutz gegen den nachbarlichen Raubadel fest verbunden standen, nach innen aber wegen streitender Interessen in beständiger Spaltung verharrten; und daher unter ihnen wenig Zusammenleben, viel Mißtrauen, oft sogar tätliche Ausbrüche der Leidenschaft. Der herrschaftliche Vogt saß auf der hohen Burg Sareck, und wie sein Falke schoß er herab, wenn man ihn rief, und auch manchmal ungerufen. Die Geistlichkeit herrschte im Dunkeln durch die Verdunkelung des Geistes. Eine am meisten vereinzelte, ohnmächtige und vom Bürgerrechte allmählich verdrängte Körperschaft war die kleine Judengemeinde, die schon zur Römerzeit in Bacherach sich niedergelassen und späterhin während der großen Judenverfolgung ganze Scharen flüchtiger Glaubensbrüder in sich aufgenommen hatte.