Part 7
„So mögen es euch meine Schläfenlocken beweisen!“
„Auch das genügt uns nicht, es ist noch nicht das Richtige.“
„Laßt mich nur ein und ihr werdet sehen, daß ich die Wahrheit spreche.“ Und dabei beginnt er zu zürnen und zu toben und poltert mit dem Stock an der Tür. Da fragen sie weiter:
„Wenn du denn ein Jude bist: weshalb kommst du so spät? Weißt du denn nicht, daß heute ein Festtag in Israel ist, an dem man daheim ruht?“
„Sehet, ich komme jetzt von Jerusalem, der heiligen Stadt; der Weg ist sehr weit und voller Gefahr auf Schritt und Tritt. Unsere Feinde lauern uns auf und stellen sich uns in den Weg. Wie eine eiserne Mauer traten sie zwischen mich und euch, daß ich nicht vor dem Feiertag zu euch kommen konnte.“ Dabei bricht er in Tränen aus und klagt bitterlich, die Versammelten aber sitzen, wie versunken in ihre Gedanken; tiefe Stille herrscht im ganzen Hause, nur selten von einem schweren Seufzer unterbrochen.
Alle sehen nach der Tür; der Vorleser aber gibt ein Zeichen, man öffnet und sogleich tritt der Jüngling ein und geht bis in die Mitte des Zimmers, das Schwert an der Seite, mit Leder gegürtet, den Stock in der Hand und den Sack über den Schultern. An den Füßen trägt er genagelte Sandalen mit aufgebogenen Spitzen und sein Kleid ist über und über bestaubt. Und plötzlich bricht im ganzen Raume ein lauter Jubel los, alle bestürmen ihn mit Fragen.
„Wie geht es Jerusalem, der heiligen Stadt?“
„Wie geht es unsern Brüdern, die dort vor Gott sitzen, im Lande der Herrlichkeit?“
„Wann wird der Erlöser kommen, uns zu erlösen?“
„Bringst du uns eine Botschaft von unserer Befreiung und Erlösung?“
Und er sagt ihnen einen herzlichen Gruß von Jerusalem, von den Weisen daselbst, von den Städten und Dörfern, den Feldern und Hügeln, von den heiligen Gräbern. Und im Namen der Weisen in der heiligen Stadt meldet er ihnen, es seien Zeichen geschehen, daß der Erlöser bald kommen und die eiserne Mauer zerschmettern werde, die sie von der heiligen Stadt scheidet. Und alle lauschen andächtig seinen Worten; dann heben sie die Hände auf und wiederholen viele Male mit langen Seufzern und innigem Schmerz und mit herzlicher Inbrunst: „Ja, so sei sein Wille, so sei sein Wille!“
DER ZAUBERKÜNSTLER.
Von J. L. ~Perez~.
In ein Städtchen Wolhyniens kam einmal ein Zauberkünstler. Wiewohl es vor Peßach war -- zu einer Zeit also, da man mehr Sorgen als Haare auf dem Kopfe hat -- machte sein Kommen doch größeres Aufsehen. War das ein Rätsel von einem Menschen! Die Kleider zerrissen und einen eingedrückten Zylinderhut auf dem Kopfe. Das Gesicht durchaus jüdisch, doch der Bart wegrasiert. Von Schläfenlocken keine Rede. Und nie sah man ihn essen, weder erlaubte, noch unerlaubte Speisen. Da soll einer klug daraus werden. Woher? Aus Paris. Wohin? Nach London. Hat sich hierher verirrt. Ging offenbar zu Fuß. Ins Bethaus kam er auch nicht, selbst nicht am großen Sabbath. Und stand man um ihn herum, so verschwand er plötzlich, als ob ihn die Erde verschlungen hätte, und tauchte auf der anderen Seite des Marktplatzes wieder auf.
Bald hatte er einen Saal gemietet und fing an, seine Kunststücke zu zeigen. Ganz großartige Sachen: verschluckte vor aller Leute Augen glühende Kohlen, als ob es Suppenfleckchen wären. Zog aus dem Munde allerlei Bänder heraus -- rote, grüne und von welcher Farbe man nur wollte, und lange, wie der Galuth (das Exil). Förderte aus einem Stiefelschaft sechzehn Paar Truthähne heraus, wie Bären so groß, die wirklich lebten und lustig über die Szene flatterten. Hob einen Fuß in die Höhe und scharrte von den Schuhsohlen goldene Dukaten ab -- eine ganze Schüssel voll. Natürlich klatschte man Bravo. Da pfiff er, und eine Menge feiner Sabbathbrote schwirrte plötzlich durch den Raum, tanzte unter der Decke. Ein zweiter Pfiff -- und alles war wieder verschwunden, als ob es gar nicht dagewesen wäre. Alles: Bänder, Truthähne und so weiter. Nichts war zurückgeblieben.
Nun ja, man weiß es doch, daß sich der Teufel auch etwas leisten kann. Die ägyptischen Schwarzkünstler haben wahrscheinlich noch größere Kunststücke zustandegebracht. Doch eins: Wie konnte er dabei nur so arm sein? Ein Mensch, der von seinen Schuhsohlen Dukaten abscharrt und sein Quartier nicht bezahlen kann! Der mit einem Pfiff mehr Sabbathbrote bäckt als der größte Bäcker im Backofen, der Truthähne aus dem Stiefelschaft zieht und dennoch -- ein langgezogenes Gesicht hat, wie ein Sterbender und flackernden Hunger in den Augen... Wahrlich eine fünfte Frage für den Sederabend, sagten die Leute.
Nun wollen wir aber den Zauberkünstler bis zum Sederabend verlassen und inzwischen Chajim Jojne und sein Weib Riwke Beile aufsuchen. Chajim Jojne hatte einmal ein großes Holzgeschäft betrieben und schließlich dabei sein ganzes Vermögen eingebüßt. Dann war er „Waldschreiber“ geworden, aber auch die Stelle war bald verloren. Nun lebte er schon eine Reihe von Monaten im Elend. Der Winter war in schrecklichen Nöten vorübergegangen, und jetzt kam das Peßachfest immer näher. Zum Verpfänden war nichts mehr da, denn alles, vom Hängeleuchter bis zum letzten Kissen, war schon im Leihamt. Riwke Beile dachte an Gemeindeunterstützung. Doch Chajim Jojne wollte davon nichts wissen. Er mochte sich nicht bloßstellen und vertraute auf Gott, der schon helfen werde. Riwke Beile suchte mehrmals in allen Winkeln nach und fand, welches Wunder, einen alten, ausgeriebenen silbernen Löffel, den sie schon seit Jahren verloren glaubte. Aber Chajim Jojne nahm den Löffel, verkaufte ihn und trug den geringen Erlös in die Kasse, aus der man die Armen für das Peßachfest unterstützt. Die Armen gehen vor, sagte er. Inzwischen rückt die Zeit immer näher, es blieben nur noch wenige Wochen bis Peßach. Chajim Jojne wartete voll Vertrauen auf Gottes Hilfe. Und Riwke Beile schwieg. Die Frau muß dem Manne gehorchen. Und Tag auf Tag verrann. Riwke Beile fand keinen Schlaf, weinte die Nächte durch, still, daß ihr Mann sie nicht höre. Und die Tage waren noch schlimmer. Da mußte sie sich auch noch vor den Nachbarn hüten, mußte sorgen, daß sie ihr das Elend nicht ansahen. O, diese Blicke der Neugier und des Mitleids, die sie wie mit Nadeln stachen! Und diese Fragen: Wann backt ihr Mazzoth? Habt ihr schon die roten Rüben eingelegt? Oder wenn es nähere Bekannte waren: Aber, was geht denn bei euch vor, Riwke Beile? Habt ihr’s vielleicht knapp? Wir wollen euch borgen... Und was solcher Reden mehr sind.
Und sie mußte ablehnen, über und über errötend, die unglaublichsten Vorwände erfinden. Denn Chajim Jojne wollte keine Menschengabe annehmen und gegen seinen Willen konnte sie doch nicht handeln.
Die Nachbarn wollten es dabei nicht bewenden lassen und gingen zum Rabbi, er solle sich doch ins Mittel legen. Der Rabbi hörte sie an, seufzte, sann eine Weile nach, und antwortete schließlich, daß Chajim Jojne ein gelehrter und gottesfürchtiger Mann sei, der wohl wisse, was er tue. Wenn sein Gottvertrauen so fest sei, dann sei es eben fest...
Und nun ist der Peßach da!
Riwke Beile hat nicht einmal Lichter, um den Segen darüber zu sprechen.
Chajim Jojne kehrte aus dem Bethaus heim. Aus allen Fenstern strahlt das Fest. Nur sein Haus steht finster da, wie ein Trauernder unter Hochzeitsgästen, wie ein Blinder unter Sehenden. Aber er verzweifelt nicht. Wenn Gott nur wollen wird, denkt er, wird auch für mich noch Peßach sein, und tritt mit fröhlichem „Guten Abend“ ein. Und wiederholt: „Guten Abend, Riwke Beile.“ Und Riwke Beile antwortet aus einer finsteren Ecke mit tränengesättigter Stimme: „Guten Abend, Chajim.“ Dabei leuchten ihre Augen wie zwei glühende Kohlen aus der Ecke hervor. Er geht auf sie zu und spricht auf sie ein:
„Riwke Beile,“ sagt er, „es ist heute Feiertag. Wir feiern den Auszug aus Ägypten. Verstehe doch! Da darf man nicht traurig sein. Und es ist doch auch gar kein Grund dazu da. Wenn es dem lieben Gott nicht gefiel, daß wir unsern eigenen Seder haben, dann müssen wir eben mit einem fremden vorlieb nehmen. Dann wollen wir anderswohin gehen. Man wird uns überall hineinlassen. Alle Türen stehen uns offen. Sagt man doch am Sederabend: ‚Kol dichfin jejthej wejechul,‘ das heißt: ‚Wer hungrig ist, komme und esse!‘... Komm, nimm den Schal um und laß uns beim Erstbesten einkehren.“
Und Riwke Beile tut wie immer nach dem Willen ihres Mannes. Alle Kraft aufwendend um nicht aufzuschluchzen, hüllt sie sich in den zerrissenen Schal. Schon will sie gehen, als im selben Augenblick die Tür von außen geöffnet wird.
„Guten Abend!“ grüßt es.
„Gut Jahr!“ antworten die Eheleute. Sie sehen nicht, wer es ist.
„Ich möchte euer Gast beim Seder sein,“ sagt der Fremde.
„Wir haben selbst keinen Seder,“ erwidert Chajim Jojne.
„Tut nichts, ich hab’ ihn mitgebracht.“
„Seder im Finstern,“ schluchzt Riwke Beile, die sich nun nicht mehr zurückhalten kann.
„Ei bewahre,“ meint der Gast, „es wird schon Licht werden.“
Er winkt und mitten im Zimmer, in der Luft erscheinen zwei silberne Leuchter, in denen schon die angezündeten Stearinkerzen stecken. Es wird hell. Chajim Jojne und Riwke Beile erkennen den Zauberkünstler, starren ihn an und bringen vor Schreck und Verwunderung kein Wort hervor. Sie fassen sich an den Händen, und so stehen sie da, mit weit aufgerissenen Augen und offenen Mündern. Er aber wendet sich nun an den Tisch, der ganz verschämt in einem Winkel des Zimmers steht: „Na, Kleiner,“ sagt er zu ihm, „deck dich und komm her!“ Und sofort fällt von oben ein schneeweißes Tischtuch herab und deckt den Tisch und dieser selbst setzt sich in Bewegung und rückt mitten ins Zimmer, just unter die Leuchter. Und diese wieder schweben hernieder und stellen sich auf ihn. „Jetzt fehlen noch die Sederbetten,“ sagt der Zauberkünstler, „die Sederbetten sollen kommen!“ Und sofort rücken aus drei Ecken des Zimmers drei Stühle an den Tisch heran und stellen sich an drei Seiten auf. „Breiter werden!“ befiehlt er. Und sofort gehen sie in die Breite und verwandeln sich in Großvaterstühle. „Weicher!“ ruft er. Und sie sind mit rotem Samt überzogen. Und gleichzeitig fallen von der Decke schneeweiße Kissen auf sie nieder. Die Sederbetten sind fertig... Eine Sederschüssel mit allem, was darauf gehört, stellt sich auf den Tisch. Ebenso Flaschen mit rotem Wein und Becher dazu. Plötzlich liegen auch Mazzoth da und alles andere, was man zu einem richtigen und fröhlichen Seder braucht, selbst Hagadoth mit Goldschnitt.
„Und Wasser zum Händewaschen habt ihr?“ fragt nun der Zauberer. „Ich kann auch Wasser bringen.“
Da erst kamen die beiden zu sich. Und Riwke Beile fragte leise ihren Mann, was er von der Sache halte. Chajim Jojne aber wußte keine Antwort. Sie riet, er solle zum Rabbi gehen und ihn fragen. Aber sie könne doch nicht mit dem Zauberer allein bleiben, meinte er. Darum solle lieber sie gehen. Ihr, einer Frau, werde der Rabbi nicht trauen, antwortete sie. Er werde glauben, daß sie verrückt geworden sei. Schließlich kamen sie überein, zusammen zu gehen und inzwischen den Zauberer mit seinem Seder allein zu lassen.
Der Rabbi gab klugen Rat. Das, was mit unreinem Zauber gemacht werde, erklärte er ihm, sei gar nicht wirklich, weil alle Zauberei nur Blendwerk sei. Sie sollten also nach Hause gehen, und wenn die Mazzah sich brechen, der Wein sich einschenken ließe, die Sederbetten sich anfühlen ließen usw., dann wäre alles gut, dann wären es Geschenke des Himmels und sie dürften alles genießen.
Mit diesem Bescheide gingen sie nun klopfenden Herzens nach Hause. Als sie eintraten, war der Zauberkünstler schon fort. Aber der „Seder“ stand da wie früher. Und die Kissen ließen sich berühren, der Wein ließ sich gießen, die Mazzah brechen... Und jetzt verstanden sie erst, daß der Prophet Eliah bei ihnen eingekehrt war und hatten ein fröhliches Fest.
MELAMEDS HOFFNUNG.
Von ~Ch. N. Bialik~.
Ach, es wird Zeit, die Stunde muß kommen, Daß endlich auch ich, Leeser Mendel Melamed, Verschnaufe die heillose, leidige Mühsal, Die mir dörrt das Gebein und aufsaugt mein Mark ... Der Herr sieht mein Herz: ich kann’s nicht mehr tragen, Die alten Kräfte sind längst dahin ... Mein Leib verfällt und geht darnieder, Die harte Bürde reibt ihn auf ... Acht Halbjahre sind’s, seit die Schulmeisterbank Unter mir drückt und mein Herzblut zehrt; Acht Halbjahre -- volle, gezählte vier Jahre Hab ich mein Heim, Weib und Kind nicht gesehen! Der einzige Gott allein kennt mein Herz, Mein banges, wehes, zitterndes Sehnen Nach meinen teuren Augensternen -- Nach meinem herzigen, kleinen Küchlein, Nach meinem geliebten, frommen Weibe, Frau Zippe -- bis hundertundzwanzig Jahr! Doch was ist zu tun -- und Gott ist mein Zeuge: Ich kann nicht, ich kann nicht mit leerer Hand, Wie ich gegangen bin, wiederkehren! Zuvor muß ich sparen ein Taler fünfhundert -- Wie ich mit meinem frommen Weibe Beim Abschied klärlich bedungen habe, In bündigster Form, nach der Satzung der Thorah ...
Nun werd ich gottlob nur ein einziges Jahr Den Rücken noch beugen, den Zuchtstock schwingen, Bis die Zahl beisammen: ein Taler fünfhundert -- Dann „Schluß und zu Ende, dem Weltenherrn Dank.“ Übers Jahr, wenn der Herr mich am Leben erhält, Vor Chamez-Räumung, bei Sonnenaufgang, Wenn der Hahn noch kräht, und die volle Zahl Beisammen ist -- ein Taler fünfhundert: Dann -- auf, Leeser Mendel, den Abschied gegeben Dem Zuchtstock, der Schulbank, dem Lehramt für immer! Verkauf samt dem Chamez die drei um ein Nickel Mit gültigem Zuschlag für ewige Zeit! Genug, Leeser Mendel, vom unsteten Leben, Vom Elend der Wanderung, fern deinem Nest! Hast fünfhundert Taler, das Glück, im Beutel, Hast satt und vollauf dich gerackert. -- Genug! Nun breite die Flügel! Auf, auf in dein Nest! Dort harrt deine Taube, die lieblichen Jungen -- So werd ich vergnügten Herzens mir sagen Und tief in die Tasche versenken den Beutel, Mein Bündel schnürend, gerüstet zur Reise -- Hernach auf Adlerfittichen heim ... Wie jauchzen mir Weib und Kinder entgegen -- Ich male so recht ihren Jubel mir aus -- „Was bringst du mir, Mendel?“ „Was bringst du mir, Vater?“ So drängt sich um mich die fragende Schar. „Nichts hab ich gebracht, mein Weib, meine Kinder, Ich hatte nicht Muße, Geschenke zu schaffen, Geschenke und Gaben für jedes von euch. Doch habe ich ~ein~ Geschenk für euch alle, Ein rechtes Geschenk für euch mitgebracht, Das fegt uns die Armut aus allen Winkeln, Das spendet uns Trost für vergangenes Leid ... Hier bring ich euch -- wohlgefüllt -- einen Beutel: Fünfhundert Talerchen bar und blank!“
Und ich sehe voraus all den schimmernden Glanz, Der die Stube erfüllt und den festlichen Tisch, Wenn in selbiger Nacht ich zum ~Seder~ mich schicke, In blitzblanken Gläsern der Rotwein funkelt, Und mein Jüngster, Jechiel, das zarte Stimmchen Zu gar gewichtiger Frage erhebt: „Ach, Väterchen, sage, was ist diese Nacht Vor allen anderen ausgezeichnet?“
* * * * *
Und nach Peßach, so Gott mich am Leben erhält, Wenn der Lenzwind weht und die Pfützen trocknen, Will ich sogleich zur guten Stunde Ein großes Geschäft bei uns eröffnen ... Das soll hernach ein Laden werden, Ein Laden -- wie geschrieben steht! Dann brauch’ ich fürwahr bloß etwas Glück, Ein wenig himmlisches Erbarmen ... Denn nicht umsonst hat sich Leeser Mendel In aller Welt umhergetrieben; Hab’ manches erfahren vom Weltenlauf Und werd’ in Geschäften Bescheid doch wissen ... Und dann: dürfte ich, Leeser Mendel, der Schnorrer, Mich erfrechen, die göttliche Vorsicht zu leugnen? Ist kein Vater im Himmel, im Herzen kein Glaube? Ist meine Zipporah kein wackeres Weib? ... Ach, du lieber Gott, wann erscheint schon der Tag, Den ich mit wehem Herzen erwarte! Schon spür’ ich seit langem zur linken Seite Ein spitzes Bohren, wie Nadelstiche, Als nagte und sägte mir dort ein Wurm ... Doch das tut nichts. Sobald ich erst wieder daheim bin, Bereit ich mir Tränklein und melk unsre Ziege, Vertreibe die Schmerzen und flick mich zurecht ...
Ach Gott, es wird Zeit, die Stunde muß kommen, Daß endlich auch ich, Leeser Mendel Melamed, Verschnaufe die leidige, zehrende Mühsal; Daß mein tägliches Brot -- und seis noch so bitter -- Nur aus ~Deiner~ Hand komme, allmächtiger Vater, Nur aus ~Deiner~ Hand komme, barmherziger Gott!
PESSACH IM JEMEN.
Dem Osterfest sieht man mit der größten Andacht entgegen. Schon am Tage nach Purim beginnen die Vorbereitungen. Da man hier nicht wie anderwärts neue Kleider zu nähen und die Wohnungseinrichtung instand zu setzen braucht, verbringt man Tage damit, die Wände frisch zu weißen, die Steine des Fußbodens besonders gründlich zu waschen und die Handmühlen zu putzen. Die wichtigste Angelegenheit ist die Herrichtung des Mehls für die „Asymas“ (Mazzoth). Das Korn, ob es nun Sch’murah (das seit der Ernte besonders für das Osterbrot aufgehobene) ist oder anderes, wird einzeln Korn für Korn gemahlen. Alte Frauen übernehmen die Arbeit des Mahlens.
Am Sabbath vor Ostern gehen Oberrabbiner und Richter in alle Synagogen der Stadt und ermahnen alle Gemeindemitglieder, ihre jungen Frauen recht sorgfältig beim Fortschaffen des Chamez zu beaufsichtigen. In anderen Städten der Türkei halten die Rabbiner an diesem Tage lange Predigten. Hier verstehen sie sich nicht gut auf öffentliche Reden, und wenn sie ihren Gemeindemitgliedern etwas zu sagen haben, setzen sie einen kleinen Artikel auf und lesen ihn mit eintöniger Stimme vor. In diesem Jahr beginnt das Peßachfest an einem Samstagabend; wir müssen das Gebet im Dunklen verrichten, denn im ganzen Judenviertel gibt es keinen einzigen Mohammedaner, der die Lichter anzünden könnte; eine einzige Lampe brennt seit dem vorigen Abend und gibt nur ein ganz blasses Licht. In dem kleinen Tempel von Gaveh sind 70 Personen eng aneinander gepreßt; alle Hausierer sind heute aus den Dörfern in die Stadt zurückgekommen.
Alle sitzen in ihre schwarzen Schemlas gehüllt auf dem Fußboden. Man beginnt mit dem Gebet: „Huldiget dem Ewigen“. Der heute funktionierende Vorbeter hat ein angenehmes Organ; er liest eine Strophe, der Chor antwortet mit der zweiten, und so wird der ganze Psalm abwechselnd vom Vorbeter und dem aus wenigen Personen bestehenden Chor vorgetragen. Plötzlich stimmt die Gemeinde das Hallelujah an, das ist ein Triumphgeschrei, ein Begeisterungsgesang, der in vollen Tönen durch den Raum schallt. Ich fühle mich nicht mehr einsam, und ich kann begreifen, wie sehr die zum lieben Gott emporgerichteten Bitten den Mut der Unglücklichen in den Tagen großen Leids aufgerichtet haben. Es ist dunkle Nacht geworden, der Sabbath ist vorüber; nun werden die Lampen angezündet, und der Gottesdienst wird in dem üblichen Lärm zu Ende geführt.
Ich bin beim Oberrabbiner zum Seder eingeladen und habe die Einladung unter der Bedingung angenommen, daß ich mir das Essen aus meiner Wohnung schicken lassen darf. Wir kommen in das vollständig finstere Haus. Mein Wirt zieht seinen Talar aus, um die Lampen zurecht zu machen, und ich gehe inzwischen in die Küche, weil ich gern das Vorbereiten der Mazzoth beobachten möchte. In einem kleinen Raum ist an der Längsseite eine Art breiten Sofas aus Ton angebracht, auf dem man große Löcher bemerkt, das sind die hiesigen Backöfen.
Auf der Erde sitzt eine Frau und rührt mechanisch das in einer Terrine befindliche Wasser um; in das Wasser schüttet sie ein Maß Mehl, und während sie mit der linken Hand die Terrine festhält, knetet sie mit der rechten das Mehl und macht daraus einen Teig. Das Wasser genügt nicht; sie nimmt mit der linken Hand Wasser, knetet mit der rechten weiter und balanciert dabei die Terrine mit großem Geschick. Fast eine Stunde lang wird der Teig so bearbeitet, bis er schließlich ganz weiß und sehr elastisch wird. Während dieser Zeit wird der Backofen geheizt und verräuchert das ganze Haus. Nachdem der Teig fertig ist, wird er in einzelne Teile geschnitten, die man auf eine Platte legt; die Mutter des Rabbi nimmt ein mit einem Tuch bedecktes Kissen -- in der Art der von Putzmacherinnen benutzten Haubenköpfe --, breitet den Teig aus, dann versenkt sie die Hand in den Backofen, drückt den Teig gegen die erhitzte Wand und zieht eine Minute später einen weißen knusperigen, sehr appetitlichen Kuchen daraus hervor. Welcher Unterschied zwischen diesem Gebäck und den dicken, schweren und unverdaulichen Osterbroten der Türkei! Hier werden sie täglich zweimal frisch gebacken und dabei die größte Vorsicht zur Vermeidung des Chamez angewendet; es ist sehr mühsam für die Hausfrau, aber ihr Leben setzt sich nur aus Arbeit und Trübsal zusammen.
Ich kehre in das Zimmer zurück. Der Oberrabbiner hat inzwischen die Lampen angezündet und seine Funktion als Schochet ausgeübt, indem er vor der Haustür einen Hammel und ein Kalb schlachtete. Jetzt ist er wieder hier; sein Bruder mit seiner Familie und einige Nachbarn sind erschienen, um dem Seder beizuwohnen. Die Tafel wird hergerichtet; sie besteht aus einer niedrigen Fußbank, um deren Rand man kreisförmig Rüben, Petersilie und Kresse legt. Das bildet einen etwa 50 cm hohen Kreis, dessen Innenraum von den Töpfen mit verschiedenen Eßwaren ausgefüllt ist. Während man auf die Fertigstellung der Mazzoth wartet, wird, wie gewöhnlich, ein religiöses Thema diskutiert. Zum Beispiel: Warum wird der Wein der Arba Kossoth nicht in ein einziges Glas gegossen; warum trinkt man nicht alles auf einmal aus -- hieße das ein Gesetz oder einen Brauch verletzen? Jeder spricht seine Meinung aus, und der Diener, ein alter neben dem Oberrabbiner sitzender Junggeselle, erklärt, man brauche die Arba Kossoth, um viermal statt eines einzigen Mals den Segensspruch sprechen zu können.
Auch die Frauen sind ins Zimmer gekommen. Der älteste Sohn füllt die Gläser, man macht Kiddusch, wäscht sich die Hände und liest mit großer Geschwindigkeit die Hagadah. Da keine Kinder bei Tisch sind, brauchen nicht viele Erläuterungen gegeben zu werden. Bei der Stelle, wo von den zehn Plagen die Rede ist, wird ein Scherben herbeigeholt, in den der Oberrabbiner zehn Tropfen Wein aus seinem Glase träufelt. Man liest weiter. Wenn man an dem Absatz angelangt ist, der mit den Worten: „Bezeth Jisrael Mimizrajim“ beginnt, rufen alle Anwesenden beim Schluß jeder Strophe: „Hallelujah, hallelujah!“ Der letzte Abschnitt der Hagadah ist ein schöner Gesang zum Preise des Schöpfers, der in unseren türkischen Buchausgaben nicht abgedruckt ist.
Beim „Karpas“ pflegt man im Orient und Okzident ein Sellerie- oder Petersilienblättchen in Essig zu tunken; hier nimmt man zu einer kleinen Kugel zusammengerollte Petersilie -- ungefähr in der Größe einer Olive -- und tunkt sie in das Charoßeth. Diese Mischung, die an den Mörtel erinnern soll, den unsere Vorfahren in Ägypten herstellen mußten, wird hier aus dreizehn verschiedenen Zutaten zusammengesetzt: aus Datteln, Äpfeln, Mandeln, Sesam, Nelken usw. Nachdem die Vorlesung der Hagadah beendet ist, wird nach Landessitte gespeist, indem alle ihre Hände in denselben Napf stecken. Danach kommt das Tischgebet und das „Sch’foch“ und der Seder ist vorüber.