Chad Gadja: Das Peßachbuch

Part 5

Chapter 53,863 wordsPublic domain

Wie hängten sie die Peßachopfer auf und häuteten sie ab? Haken aus Eisen waren in die Wände eingeschlagen und in die Säulen, an denen sie aufhängten und abhäuteten. Für die, welche keinen Platz mehr fanden, waren dünne, glatte Stäbe und man legte einen auf seine Schulter und auf die Schulter seines Nachbarn und hängte daran auf und häutete ab.

Man riß das Peßachlamm dann auf und nahm seine Opferteile heraus, legte sie in eine Schüssel und ließ sie in Rauch aufgehen auf dem Altar.

PESSACH IN JERUSALEM ZUR RÖMERZEIT.

So wie Marcus, römischer Konsul, Richter der Juden, der zur Zeit des zweiten Tempels in Jerusalem weilte, es selbst gesehen und beschrieben hat.

Folgendes ist die Ordnung des Peßachopfers, wie ich es zum Teil selbst gesehen, im übrigen aber genau gehört habe:

Zu Beginn des Monates, der bei ihnen Nissan heißt, gehen Boten und Gesandte im Auftrage des Königs und der Richter nach allen Gegenden um Jerusalem an alle Besitzer von Schafen oder Rindern mit dem Befehl, ihr Vieh schleunigst nach der Stadt zu bringen, damit die Peßachpilger ausreichend Opfertiere und auch Speise finden; denn des Volkes ist sehr viel. Wer aber nicht zur rechten Zeit kommt, dessen gesamter Besitz wird zugunsten des Tempels eingezogen. So ziehen denn alle Besitzer von Herden eiligst heran und lassen ihr Vieh durch den Bach nahe der Stadt gehen, um es zu baden und von allem Schmutz zu säubern. Denn sie wenden hierauf ein Wort Salomos an: „Von der Schwemme kamen sie.“ Wenn sie an die Berge rings um Jerusalem kommen, sind ihrer so viele, daß man das Gras nicht mehr sieht: alles ist weiß von dem Schimmer der Vließe. Und wenn der zehnte Tag kommt -- am vierzehnten bringt man das Opfer dar --, gehen alle hinaus, um das Opfertier einzuhandeln (sie nennen es Peßach).

Wenn sie aber zur Vollbringung des Dienstes hinausgehen, sagt nie einer zum andern: „Trolle dich fort!“ oder „Mach Platz, daß ich vor dir an die Reihe komme!“ Und wäre selbst einer ihrer Könige, Salomo oder David, der letzte daran. Als ich ihre Priester darauf hinwies, daß das doch ungehörig sei, sagten sie mir: „Das soll andeuten, daß vor Gott kein Stolz und Rang gilt, weder während der Vorbereitung zum Dienst noch -- erst recht -- beim Dienste selbst. Da sind alle vor ihm gleich zum Guten.“

Wenn nun der vierzehnte Tag des Monats anbricht, steigen sie auf einen hohen Turm im Tempel (die Hebräer nennen ihn Lul), der erbaut ist wie bei uns die Glockentürme. In den Händen tragen sie drei silberne Trompeten, auf denen sie blasen; dann verkünden sie laut rufend: „Volk Gottes, höre, die Zeit ist gekommen, das Peßachopfer zu schlachten zu Ehren dessen, der seinen Namen im Heiligtume ruhen ließ!“ Und wenn das Volk diese Ankündigung hört, zieht es Festgewänder an; denn von Mittag an ist für alle Juden Feiertag.

An einem Eingang der großen Halle im Tempel stehen von außen zwölf Leviten mit silbernen Stäben und zwölf von innen mit goldenen Stäben. Die von außen haben die Kommenden zu beruhigen und zu dirigieren, damit niemand durch zu große Hast zu Schaden komme und nicht alle auf einmal herzudrängen und in Streit geraten. Es ist nämlich einmal vorgekommen, daß am Peßach ein alter Mann mitsamt seinem Opfer in dem großen Gedränge erdrückt wurde. Die Leviten aber, die innen stehen, haben die Hinausgehenden zu beaufsichtigen, damit sie nicht stoßen. Auch schließen sie die Tore der Halle, wenn sie sehen, daß mehr Leute hineinkommen als zugleich Platz haben.

An der Schlachtstelle aber stehen viele Reihen von Priestern mit silbernen und goldenen Schalen in Händen. Wenn eine Reihe mit Silber beginnt, ist sie durchaus mit Silber, wenn mit Gold, ist sie durchaus mit Gold: so ist es um der Pracht und der Schönheit willen. Jeder einzelne von den Priestern schöpft eine Schale Blut vom Schlachttier und reicht sie dem nächsten, dieser reicht sie weiter und so fort bis an den Altar. Der letzte aber am Altar reicht die Schale leer zurück, der nächste reicht sie weiter und so fort, bis jeder Priester eine volle Schale bekommen und eine leere Schale zurückgegeben hat. Das geht ohne jede Unterbrechung und Aufenthalt, denn sie sind in dieser Verrichtung flink und gewandt, so daß die Schalen hin- und herlaufen wie Pfeile vom Bogen eines Kriegers. Sie haben sich ja schon dreißig Tage vorher in dieser Arbeit eingeübt und genau darauf geachtet, wo etwa eine schwache Stelle wäre.

Dort stehen auch zwei hohe Säulen, auf denen zwei Priester mit silbernen Trompeten postiert sind. Sie blasen zu Beginn der Opferhandlung, um den Priestern auf der Kanzel ein Zeichen zu geben, daß sie den Lobgesang anstimmen mit klangvollen und dankerfüllten Tönen, mit allen Musikinstrumenten; an diesem Tage werden alle Instrumente verwendet. Auch der Opferer fällt in den Lobgesang ein. Ist das Opfer aber noch nicht beendigt, so wird der Lobgesang nochmals angestimmt.

Nach dem Schlachten geht man hinaus in die Hallen; dort sind die Wände ringsum mit eisernen Haken und Zinken versehen, an denen man das Opfertier aufhängt, um es abzuhäuten. Auch viele Stäbe gibt es dort; denn falls kein Haken frei ist, nimmt man zum Abhäuten einen Stab. Sodann gibt man ab, was für den Altar gebührt, und geht leichten und fröhlichen Mutes fort, wie ein Sieger im Kampf. Denn das Peßachopfer nicht zur rechten Zeit dargebracht zu haben, gilt als ewige Schande.

Die Priester tragen während dieser Diensthandlung rote Gewänder, damit man das Blut nicht sieht, das auf sie spritzt. Das Kleid ist kurz und reicht nur bis zu den Knien, sie sind auch barfuß und ihre Ärmel reichen nur bis zum Oberarm, alles, damit sie während der Verrichtung nicht behindert sind. Auf dem Haupte tragen sie eine hutartige Mütze, um die drei Ellen Tuch wie ein Turban gewunden sind. Der Hohepriester aber hat, wie man mir gesagt hat, einen vierzigfach gewundenen weißen Turban. Die Öfen, in denen das Opfer gebraten wird, sind nahe dem Eingang; man erklärte mir, dies diene dazu, den Glauben und die Freude an dem Feste recht öffentlich und allgemein zu machen. Wenn es gebraten ist, essen sie es mit Singen und Jubeln; noch aus der Ferne hört man ihre jauchzenden Stimmen. Und in den Peßachnächten werden wegen der vielen Fremden an keinem Tore von Jerusalem die Türen geschlossen; die Juden sagen, zu Peßach seien doppelt so viel Menschen da, als aus Ägypten zogen.

DER TAUSCH.

Von ~Mendele Mocher Sforim~.

Im Monat Adar, sagt der Talmud, freut man sich. Der Schnee schmilzt, auf allen Wegen liegt tiefer Schmutz und ehrliche Juden, abgerissen und schmierig, beginnen nachzudenken, woher sie Geld für die Peßachfeier nehmen sollen -- die Zeit unsrer Freude ist da!

Um diese Zeit erhielt ich einen Brief von einem Glupsker Bekannten, ich solle doch ja so bald als möglich zu ihm kommen, mit Sack und Pack, mit dem Planwagen und den Bücherbündeln, um einen Tausch zu machen: er wolle mir für meine alte Ware neue geben, Sammelbücher, Unterrichtswerke, Gedichte, Bilder und Skizzen, hochinteressante Romane, psychologische, ökonomische und soziale Erzählungen, dazu feine und kunstvolle Gegenstände von mancherlei Art, Chanukahlampen und dergleichen mehr. Mein Bekannter in Glupsk betreibt vielerlei Geschäfte mit wenig Segen. Er ist Buchhändler und Makler und auch ein Stückchen von einem Schriftsteller und Verleger, und dazu ein armer Teufel, ~das~ aber in reichem Maße. Um ehrlich zu sein: ich habe sein Anerbieten nicht ganz ernst genommen, denn ich wußte ja, daß er im Notfall -- er nehme es mir nicht übel -- ein Lügner sei, wie das ja oft bei Kaufleuten so geht, die in Kauf und Verkauf das Maß „verbessern“: ihre Ware ist pures Gold, die des andern schlechtes Blech.

So habe ich also von seinem Briefe, der die alte Ware in Grund und Boden verdammte und die neue über den grünen Klee lobte, nicht viel Aufhebens gemacht. Dann aber überlegte ich, daß es am Ende doch so übel nicht wäre, nach Glupsk zu fahren. Wozu sollte ich meine Ware so lange festhalten? Wohl möglich, daß die andere schlechter, daß sie ganz wertlos war; aber besser oder schlechter -- man muß handeln. Mag der Besen schlechter sein -- wenn er nur neu ist!

Ich beschloß also, schleunigst abzureisen, um noch zu Purim nach Glupsk zu kommen und die berühmten Glupsker Purimspieler zu sehen. Alle Tage des ganzen Jahres sind sie arme einfältige Gesellen, zu Purim aber sie sind klug und geistreich, und Wortspiele fallen da wie die Tropfen wenn es regnet. Es war mir aber nicht beschieden, da ich noch einige Zeit daheim verweilen mußte. Als ich dann so weit war, gedachte ich zu Peßach wieder daheim einzutreffen. So sorgte ich noch vor der Abfahrt dafür, mein Haus mit all den guten Dingen zu versehen, die man zu diesem Feste braucht. Ich empfahl meiner Frau, um Gottes willen an nichts zu sparen, nicht an Rosinen und nicht an Wasser, und einen Rosinenwein zu bereiten, den ein König nicht verschmähen müßte. „Und kaufe auch einen Sack Kartoffeln und Gänseschmalz und einen recht wohlgenährten Truthahn. -- Wie? Das Geld wird nicht reichen? Darum mache dir nur ja keine Sorgen. Versetze deinen Schmuck, das oder jenes Einrichtungsstück; Gott wird hoffentlich mit mir sein, und wir werden, wenn ich in Frieden heimkehre, ein fröhliches Peßachfest feiern, Rosinenwein mit Lakritzen trinken und lustig sein.“

So wurde alles besorgt. Allein Gott sandte Regen und Schnee über die Welt, ein Gemisch von Wasser und nassen Eiskörnern, und der Weg wurde unwegsam für Wagen und Schlitten, zu Pferd wie zu Fuß. Ich schleppte mich mit Mühe und Not eine Viertelmeile täglich vorwärts. Jeder Schritt kostete mein armes Pferdchen blutigen Schweiß. Es schleppte sich ein paar Schritte, fiel, stand auf, ging wieder ein paar Schritte und fiel abermals. Und ich Unseliger stapfe nebenher durch den Morast, beschmutzt vom Kopf bis zum Fuß wie ein Teufel, gleite aus und falle, falle und ächze.

Ich ächzte nicht nur für mich, sondern auch für mein Pferd. Wie kam mein armes Pferdchen dazu, sich so quälen zu müssen? Und wem zuliebe mußte es sich quälen? ~Mir~ zuliebe, der ich mit einem Schlage alle alten Ladenhüter los werden wollte. Einen ganzen Wagen hatte ich damit angestopft, mehr als das arme Tier erzog, ohne Mitleid, ohne einen Gedanken an seine Qual.

Solange es seine Leiden noch ertrug, ging und fiel, fiel und aufstand, sich fast aus seiner eigenen Haut zog und doch ging, stellte ich mich gefühllos, zeigte ihm die Peitsche, rief und schalt. Als aber das Pferdchen endlich ganz und gar in einen Sumpf geriet, irgendwo unter einem Berge, sich im Schmutz ausstreckte, so lang es war, die Füße von sich spreizte und liegen blieb, ohne auch nur ein Glied noch zu rühren, da meldete sich mein jüdisches Herz mit einer Moralpredigt: Du törichter, dummer Kerl, du nimmst eine ehrliche Kreatur und verkümmerst ihr das Leben mit schwerer Arbeit, mit unendlichen vielen schweren Bündeln von Büchern, von ~Makulatur~! Alles hat doch Maß und Ziel! Ziegel und Steine kann man nur bis zu einem bestimmten Maße einem Pferd aufladen, sonst erträgt es sie nicht; und du hast deinem Pferdchen, einem elenden Geschöpfe, die ganze Masse der Jüdischkeit, das ganze Joch aller jüdischen Bündel aufgelegt! Was ist das Ende? Das gute Wesen plagt sich, keucht, reibt sich auf, kann sich nicht mehr vom Fleck rühren und ringt mit seiner Seele. Schau es an, wie es daliegt, ohne ein Lebenszeichen zu geben. Wie ein toter Körper!

Doch was hilft das alles, was nützt Leid und Reue? War es zuerst ~wie~ ein toter Körper, so war es nachher wirklich und wahrhaftig einer. Mein Pferdchen war verendet!

Dort und damals war ich wie ein Kapitän, dem sein Schiff mitten im Meer untergeht. Allein und verlassen stand ich mitten auf der Straße und ein Meer von Schmutz dehnte sich um mich herum. Das Pferdchen lag tot im Sumpf, der Wagen steckte bis über die Achsen im Morast; und morgen ist Erew Peßach, und in meiner Seele ist’s bitter und trüb. Was sollte ich tun? Aber ein Jude hat doch einen Gott; wenn es schon ganz schlimm wird, erinnert man sich seines lieben Namens. So tat auch ich. Es war die Zeit des Minchah-Gebetes. So wandte ich denn mein Angesicht gen Osten, sagte „Pithum Haktoreth“ und betete langsam und mit Inbrunst, so lange, bis die ersten Sterne aufschimmerten. Der Heilige, gepriesen sei er, hörte mein Gebet, zeigte mir etwas wie ein fernes Feuer und gab mir den Gedanken ein, dorthin zu gehen, wo es leuchtete. So kroch ich auf Händen und Füßen lange zwei Stunden, bis ich auf eine Hütte stieß, wo einer am Waldesrand wohnte. Der Mann blickte mich zuerst wild an, als er aber sah, daß ich in Furcht und Zagen vor ihm stand und den Kopf hängen ließ, wurde er weicher und gewährte mir Gastfreundschaft. Er bewirtete mich mit gebratenen Kartoffeln und einem Glas Tee und wies mir zur Nacht einen Platz im Schuppen an. Am andern Morgen bat ich ihn dringend, ein Paar Ochsen an meinen Wagen zu spannen und mich nach Bojberik zu fahren, was die nächste Stadt war. Dafür erlaubte ich ihm, außer seinem Lohn, das Fell meines toten Pferdchens abzuziehen und noch als Andenken die Hufeisen zu behalten. Ich tat das des Friedens wegen. Er sollte nicht sagen, daß man einem Juden nichts Gutes erweisen dürfe, weil er nicht zu danken verstehe.

So kam ich in der Abenddämmerung nach Bojberik, als keine lebende Seele mehr auf der Straße war; groß und klein war bereits in den Bethäusern versammelt. Aufrichtig gesagt, war mir das sehr angenehm; ein Jude steckt doch gern in alles seine Nase, will alles mit der Hand anfühlen, ein Jude will doch alles wissen. Und nun kam ich, ein bekannter Jude, Mendel der Buchhändler, mit einem Paar Ochsen dahergefahren! Natürlich würde man mit Kind und Kegel zusammengelaufen sein und mir einen festlichen Empfang mit Hoch und Hurra gemacht haben. Ich bin aber doch ein einfacher Jude, ein gewöhnlicher Mensch, und scheue soviel Ehre.

Ich habe in Bojberik einen Bekannten und guten Freund aus alten Tagen her; er ist Buchhändler wie ich und in allen Orten, wo Juden wohnen, wohlbekannt unter dem Namen Hendel Bojberiker aus Bojberik. Vor Hendels Haus ließ ich mich führen. Während des Fahrens hatte ich Zeit, mich in Gedanken zu versenken. Ochsen sind bekanntlich keine Schnelläufer, sie gehen Schritt vor Schritt, bedächtig, langsam, ohne Eile, wiederkäuend. Ich saß im Wagen und kaute auch nochmals alle die Begebenheiten durch, die mich unterwegs getroffen hatten. Ich sinnierte und sehnte mich nach meinem Haus, nach Weib und Kindern. Das Herz tat mir weh, da mir das Fest zerstört war, da ich nicht wie ein König neben meiner Königin obenan sitzen würde. Ich gedachte auch des Truthahns: wahrscheinlich war es ein fetter, feiner Truthahn, ein wahres Labsal! Und ich sehnte mich inniglich... Die Ochsen tappten, krochen durch Gassen und Gäßchen, bis sie endlich vor Hendels Haus stehen blieben.

Eine Weile stand ich mit beklommenem Herzen vor der Tür. Ich stand wie ein Armer an der Tür des Reichen: „Werde ich ihn nicht bei schlechter Laune antreffen? Wird er mich nicht scheel ansehen?“ Aber was tut nicht ein Jude vor Not? Vor Not bemüht er sich um fremde Menschen, vor Not wird er ein Gast. Ich fasse mir Mut, strecke die Hand aus und öffne die Tür, öffne sie leise und langsam, und sie knarrt. Ich drücke leise und sie knarrt, als ob sie etwas zu fordern hätte. So kam ich in den finstern Hausflur; und alsbald regten sich die Leute und machten mir einen Empfang: sie empfingen mich mit lautem Freudengeschrei und wie berauscht vor Wonne. Ich konnte gar nicht verstehen, was mit ihnen los war. Eins läuft in die Stube hinein und ruft: „Gekommen!... Er ist da, er ist da!“ Ein zweites schreit ganz außer Atem: „Ein Licht, ein Licht, steckt ein Licht an!“ Ich höre eine Frauenstimme, zuckersüß, voll Anmut und Liebenswürdigkeit, und eine Frau kommt herausgeeilt, umarmt, küßt und halst mich -- beinahe. Sie schwatzt, spricht liebe- und vorwurfsvolle Worte durcheinander, freut und erbost sich zugleich:

„Welcher Gast, welch seltener Gast!... Weshalb kommst du so spät? Bin ich nicht auch so gut wie andere Leute?“

Ich stand verdonnert da, wie ein Nachtwandler, aber als ich endlich den Mund auftat und antworten und erzählen wollte, was mir passiert war, entzündete man eine Kerze -- und wir standen alle erstarrt und mit offenem Munde da wie Golems. Wahrhaftig, eine schöne Szene!

* * * * *

Die Sache verhielt sich so: Hendel war auf Geschäftsreisen gegangen. Er sollte zu Sabbath Hagadol, dem Sabbath vor Peßach, heimkommen und war nicht eingetroffen. Da war seine Familie sehr traurig gewesen. Als ich nun in der Dunkelheit eintrat, dachten die Kinder, es sei der Vater, und die Frau glaubte, ihr Mann sei zu Peßach gekommen; da gab es Freude und Aufruhr, als sie aber den Irrtum merkten, blieben sie mit aufgerissenen Augen und Mündern stehen.

Auch der Frau Hendels war das Fest zerstört, da ihr Mann zu Peßach nicht da war und sie keinen König hatte. Andererseits aber dankte sie Gott und pries seinen Namen, daß er ihr doch einen bekannten Menschen beschert hatte, den Seder zu halten. Sie geleitete mich zu dem Hessebett und „machte mich zum Könige an Hendels Statt“.

Auch ich dankte dem Höchsten und lobte ihn, der an mir Wunder getan hatte. Er hatte mich aus der ruhelosen Verbannung nach Bojberik gebracht, daß ich wie ein König dasaß, Bitterkraut und Eier und Fisch und Knödel aß und für Hendel und Hendels Weib die Hagadah las, mit lautem Preis und Lobgesang: Hallelujah!

Jedoch nicht an mir allein geschah solch ein Wunder, daß ich, ungeahnt, wie ein König dasaß. Wie ich einige Tage später erfuhr, war auch Hendel dasselbe Wunder, derselbe Peßach zuteil geworden.

Hendel Bojberiker hatte seinen Wagen mit Büchern vollgepackt und war von Bojberik abgefahren, wie er alljährlich vor Peßach zu tun pflegt. Und so geschah Hendel dasselbe, was Mendel geschah: Schnee und Regen, Sumpf und Morast, Pfützen und Gräben, Kummer und Leiden den ganzen Weg entlang. Auch sein Pferd ging und fiel, stürzte und wälzte sich im Schlamm. Und wenn es mit dem Leben davonkam und nicht umkam, so verdankte es das wahrhaftig nicht seiner Heldenkraft, denn es war dürr und ausgemergelt, hinkte und hatte eine Beule auf dem Auge -- mein Pferdchen war nach aller Meinung im Vergleich zu jenem gesund und schön. Nur ist der Morast in den Gegenden, durch die Hendel kam, dünner und verursacht nicht so unglückliche Folgen wie der dichte Sumpf um Bojberik und Glupsk. So zog Hendel langsam mit seinem Pferdchen dahin, kroch mit Mühe und Not vorwärts und gelangte genau am Erew Peßach nach Kabzainsk. So fuhr er noch am Abend vor mein Haus, hielt ganz fein bei meiner Frau den Seder, saß auf meinem Hessebett und war König an meiner Statt, glücklich und zufrieden, daß Gott ihm einen Ruheort gegönnt hatte.

Das erzählte mir Hendel selbst, als wir einander nach dem Feste in der Hälfte des Wegs begegneten; und wir krümmten uns vor Lachen, als wir von dem Tausch erfuhren. Aber als ich begann, ihm von meiner Reise nach Glupsk zu erzählen, um dort alte Bücher für neue zu tauschen, zog er ein saures Gesicht, schüttelte bedenklich den Kopf und sagte dann: „Du magst Gott danken, daß du mit dem Pferdchen davongekommen bist. Ein ganz schöner Sündenbock!“

Ich sah ihn groß an. „Was siehst du mich an, Mendel?“ rief er. „Ich sage dir: wohl dir, daß dein Pferdchen umgekommen ist! Denn so bist du vor der Reise nach Glupsk und vor einem übeln Geschäft behütet worden. Du kannst zufrieden sein, daß es dir nicht gelungen ist, jene Ware zu kaufen. Ich beneide dich: du darfst jetzt hoffen, den Buchhandel ganz los zu werden. Zum Teufel mit den Scharteken, alten und neuen! Wie gut wäre es, hätte auch mein Pferdchen ein böses Ende genommen, ja, womöglich schon vor einem Jahre! So hätte ich von der neuen Ware nichts gewußt und hätte mein Geld nicht verloren. Nein, Mendel, ich wiederhole dir: es ist ein Glück für dich, daß dein Pferdchen verreckt ist.“

Wenn ihr aber glaubt, Hendels Zorn sei echt gewesen, so seid ihr im Irrtum. Hendel handelt noch immer mit Büchern wie seit jeher, und auch ich bin ein Buchhändler geblieben wie zuvor. Ja, damals, mitten auf dem Weg, als Hendels Zorn ein wenig verflogen war, haben wir stehenden Fußes einen Tausch gemacht: ich gab ihm philosophische Bücher, Artikel und Predigten, und er gab mir Klagelieder und Trauergesänge. Denn für Klagelieder und Trauergesänge war die Zeit gerade recht: es ging gegen den Frühling, überall fing es an zu grünen und zu sprießen, und unsere jüdischen Brüder bereiteten sich zu Klagen, Weinen und Fasten.

DAS PESSACH DER SAMARITANER.

Aus einem Gespräch mit ihrem Hohepriester.

Wir feiern das Peßachfest sieben Tage lang. Der erste und der siebente Tag sind Feiertage, wo wir wie am Sabbath von jeder Arbeit ruhen, die Tage dazwischen sind Halbfeiertage. Unsere Mazzoth backen wir für jeden Tag neu, und zwar auf einer Bratpfanne; wir lassen sie nicht säuern, Salz aber tun wir hinein, denn Salz ist einer der sieben Bünde, die Gott mit Israel schloß. Es heißt ja: „Laß Salz nicht fehlen, den Bund deines Gottes.“

Die sieben Tage lang wohnen wir alle in Zelten auf dem Berge Garisim, jede Familie in einem besonderen Zelt, und da ist noch ein großes Zelt für die ganze Gemeinde. Bei Sonnenuntergang am Erew Peßach bringen wir das Peßachopfer auf dem Altare, der jedes Jahr für diesen Zweck errichtet wird. Zuerst erklären wir Priester der Gemeinde in hebräischer und arabischer Sprache den Sinn und die Entstehung des Festes, dann beten wir ein besonderes Gebet in arabischer Sprache für unsern König und Herrn, den Sultan. Dann schlachten die Schlächter die Schafe, von jeder Familie eins. Wenn die Tiere abgehäutet, die Gedärme und die Spannader herausgenommen und Salz daran getan ist, wird ein hölzerner Spieß durch das Maul durchgestoßen. So wird das Opfer in eine große Grube gelegt, die im Berge ausgegraben ist und worin Feuer angezündet wird. Die Öffnung der Grube wird dann mit Lehm verschlossen und das Peßachopfer darin drei Stunden lang gebraten, das Haupt mit den Schenkeln und Eingeweiden. Um Mitternacht aber essen wir es mit Lied und Gesang. Und du magst mir glauben, mein Freund, daß es herrlich schmeckt wie Manna, besser als alles Gebratene und jede köstliche Speise, die man an jedem beliebigen Tage bereiten kann. Und doch ist unser Peßachopfer nur wie eine Ahnung von dem wahren Peßachopfer, das wir darbrachten und das wir wieder darbringen werden, wenn das Heiligtum an seinem Platze errichtet sein wird.

Am Morgen des Festtags herrscht eitel Freude bei uns; einer bittet den andern um Vergebung alles Unrechts, damit Liebe und Freundschaft unter uns sei. Und im Gemeindezelt trinken wir Wein und essen süße Speisen, um den Tag recht zu feiern. Am Morgen nach dem Feste aber kehren wir nach Sichem heim, wie es in der Thorah heißt: „Frühmorgens sollst du dich wenden und in dein Zelt kehren.“

DER SEDER.

Von ~S. J. Agnon~.

Als Jechiel-Michal, der Schuldiener, mit seiner heiligen Arbeit fertig war und aus dem alten Beth-Hamidrasch trat, um nach Hause zu gehen, war er besonders froh: Gott sei Dank, nun war die Zeit der vielen Vorbereitungen zum Feste vorbei, die mannigfachen Lasten, die Gott ihm auferlegt hatte, waren von ihm genommen; nun konnte auch er etwas von der Festfreude spüren und, nach Gottes Gebot, einen Seder machen, wie jeder Mann in Israel.