Part 4
Plötzlich wendet er sich von Adel ab und läuft schleunigst davon, vor dem Mädchen und vor dem Ring an ihrem Finger, klettert über den Zaun und auf die Leiter und verbirgt sich in der Dachkammer. Dort preßt er das Gesicht in die Hände; Tränen würgen ihn; hier will er vor Schande sterben an „seines Herzens Höllenbrand“, hier in dieser Bodenkammer „bleibt ihm nur der Tod.“
Und da ertönt Adels Stimme wieder in flehenden Tönen:
„Schon drei lange Tage zürnst du mir; Sage, Liebster mein, was tat ich dir? Glaubest, Zweifler du, ich lieb dich nicht? Frag den Wunderrabbi, wie man tut, Laß dir deuten, was der Traum dir spricht -- Gib mir deine Hand, sei wieder gut!“
Sie schämt sich nicht und sorgt sich nicht; aber auf ihm lastet seine Tat wie ein schwerer Alb, wie ein Traum aus einer schlaflosen Nacht, in dem trübe Bilder und Irrlichter wechseln. Er sitzt in der Finsternis wie ein von Gott Geschlagener und wartet, bis Adels Stimme schweigt. Dann erhebt er sich, steigt vom Boden hinab, traurig, schuldbeladen und sündig, wie einer, der zum Richtplatz geht... Die untergehende Sonne wirft einen roten Schein auf sein verschämtes Gesicht und leuchtet in feurigem Glanze.
PHARAOS TRAUM.
Es war 130 Jahre nach der Ankunft der Kinder Israel in Mizrajim und sechzig Jahre nach Josephs Tode, da hatte der Pharao einen seltsamen Traum. Er erblickte einen hohen Greis mit einer Wage in der Hand; in der einen Schale lagen alle Bewohner Mizrajims, Männer, Weiber und Kinder, in der andern Schale aber lag ein Lämmchen; und das Lämmchen wog alle die von Mizrajim auf. Der König erschrak über diesen Traum, den er nicht zu deuten wußte. Am Morgen aber versammelte er eilends alle Gelehrten und Sterndeuter von Mizrajim und erzählte, was er gesehen; und alle waren in Furcht und Grauen ob des Gesichtes.
Endlich trat einer der Großen des Hofes, Bileam, der Zauberer, vor den Pharao und sprach: „Dieser Traum bedeutet für ganz Mizrajim ein großes Unheil.“ Der König fragte ihn, was es denn sei. Da verkündete der Weise: „Den Kindern Israel wird ein Sohn geboren werden, der Mizrajim vernichten wird. Ich aber, mein Herr und König, will dir einen Rat geben: befiehl, daß man jeden neugeborenen Sohn unter den Kindern Israel töte; vielleicht, daß so der Traum nicht in Erfüllung geht.“
Das leuchtete dem Pharao und seinen Leuten ein, und er folgte dem Rate.
Im dritten Jahre nach Moses Geburt saß einst der Pharao zu Tische und speiste; zu seiner Rechten saß die Königin, zu seiner Linken seine Tochter Bithja und vor ihm alle Großen seines Hofes. Bei Bithja aber saß der Knabe Moses, in bunte Gewänder gekleidet. Und Moses gefiel dem Pharao, so daß dieser ihn auf den Schoß nahm. Da streckte der Knabe die Hand aus, nahm die goldene Krone vom Haupte des Pharao und setzte sich sie auf. Darüber erschrak der König und die Großen verwunderten sich. Bileam aber, der Zauberer, nahm das Wort und sprach: „Mein Herr und König, gedenke des Traumgesichtes, das du einst erblicktest und das dein Knecht dir deutete! Ist nicht dies eines von den hebräischen Kindern? Der Geist Gottes steckt in ihm und aus seiner Weisheit handelt er; er ist es, der Mizrajim vernichten wird! Gib schleunigst Befehl, ihm das Haupt abzuschlagen!“
Der Pharao fand den Rat gut. Da entsandte Gott den Engel Gabriel; der nahm die Gestalt des Jithro, eines der Großen und Freunde des Königs, an und sprach: „Mein Herr und König, hüte dich, unschuldiges Blut zu vergießen! Der Knabe hat ja noch keinen Verstand! Wenn du mir es gestattest, will ich dir einen Rat erteilen: lege einen funkelnden Rubin und eine glühende Kohle vor dieses Kind hin; streckt es die Hand aus und ergreift den Rubin, dann weißt du, daß es Verstand hat, dann hat es den Tod verdient und wir verfahren mit ihm nach der Gerechtigkeit. Greift es aber nach der Kohle, dann ist erwiesen, daß es keinen Verstand besitzt, und es ist frei.“
Dieses Wort gefiel dem Pharao und seinen Freunden; sie legten den Rubin und die Kohle in eine Schale und stellten sie vor Moses hin. Der Knabe streckte die Hand aus und griff schon nach dem Rubin, doch der Engel stieß seine Hand fort, daß er die Kohle faßte; er führte sie zum Munde und berührte mit ihr seine Lippen und die Zungenspitze. Darum war Moses von so schwerer Zunge. Damals aber ward er auf diese Weise gerettet.
VON MOSES.
„Jeden Sohn, der geboren wird, sollt ihr in den Strom werfen.“ -- Rabbi Chanan erzählte: Israels fromme und keusche Töchter suchten ihre Kinder zu retten. So nahmen sie sie denn und verbargen sie in Höhlungen ihrer Wohnstätten. Da brachten die Ägypter ihre kleinen Kinder in die jüdischen Häuser und zwickten sie da, bis sie weinten. Da hörte das jüdische Kind die weinende Stimme seines Kameraden und weinte mit ihm. So fanden sie die Ägypter und warfen sie in den Fluß.
In dieser Stunde sprach der Heilige, gebenedeit sei er, zu den Dienstengeln: Steigt doch herab und seht die Kinder meiner Lieblinge Abraham, Jizchak und Jakob, wie man sie in den Strom wirft. Da stiegen die Engel erschreckt herunter und standen bis zu den Knien im Wasser und fingen die jüdischen Kinder auf und legten sie auf emporragende Sandbänke. Der Heilige aber, gebenedeit sei er, ließ ihnen Brüste aus den Steinen sprießen und gab ihnen so zu trinken.
* * * * *
Wenn die Ägypter kamen, die Kinder zu töten, geschah ein Wunder und die Kinder wurden von der Erde verschluckt. Da brachten die Ägypter Ochsen und pflügten die Erde, aber wenn sie weg waren, sprossen die Kinder wieder auf wie das Gras auf dem Felde. Und wenn sie groß gewachsen waren, kamen sie scharenweise nach Hause. So kam es denn auch, daß sie am Roten Meere, da Gott sich offenbarte, ihn gleich wiedererkannten und riefen: „Dies ist mein Gott!“
Rabbi Jehuda Hanassi hielt einmal eine Predigt und die Zuhörer schliefen ein. Da wollte er sie wieder wach machen und rief: „In Ägypten war einst eine Frau, die hat auf einmal sechshunderttausend Menschen geboren.“ Erstaunt fuhren die Zuhörer auf. Da sagte er: „Jochebed, Moses’ Mutter, ist gemeint. Denn Moses hat sechshunderttausend Israeliten aus Ägypten geführt, so ist er denn soviel Menschen gleich zu achten.“
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Es erzählten unsere Lehrer: Als Moses die Herde Jithros in der Wüste weidete, entlief ihm ein Böcklein. Moses setzte ihm nach, bis er zu einem Felsen kam, da stand das Böcklein an einer Quelle und trank. Als Moses das sah, sagte er ihm: „Ich wußte gar nicht, daß du aus Durst weggelaufen bist. Nun bist du gewiß recht müde.“ So lud er es sich auf die Schulter und trug es. Das sah Gott und sprach: Du hast Mitleid mit deiner Herde, so wahr du lebst, so sollst du meine Herde weiden, Israel.
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Warum zeigte sich Gott dem Mose im Dornbusche, der loderte und nicht verbrannt ward? Um Moses Zweifel zu besiegen. Denn Moses glaubte doch, daß vielleicht die Ägypter Israel vernichten würden. So zeigte ihm Gott den Dornbusch und sprach: Wie der Dornbusch vom Feuer umflackert wird und nicht verzehrt werden kann, so können auch Israels Feinde es nicht vernichten.
Mit Moses Stab hat es eine eigentümliche Bewandtnis. Der Stab ward am sechsten Schöpfungstage in der Dämmerung erschaffen und dem ersten Menschen im Paradies übergeben. Adam gab ihn dem Henoch und Henoch dem Sem und dann erhielten ihn nacheinander Abraham, Isaak und Jakob. Jakob brachte ihn nach Ägypten und gab ihn dem Josef. Nach Josefs Tode fiel er mit seiner ganzen Habe dem Pharao zu. In Pharaos Palaste sah ihn Jithro, der einer von Pharaos Wahrsagern war, entwendete ihn und pflanzte ihn in seinen Garten. Aber da konnte ihn niemand nahe kommen -- bis Moses nach Midjan kam und in den Garten eintrat. Er konnte die Zeichen lesen, die auf dem Stabe standen und hatte die Macht, ihn an sich zu nehmen. Als Jithro dies sah, sprach er: Fürwahr, das ist Israels Erlöser. Deshalb gab er ihm seine Tochter, die Zipporah, zur Frau.
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Ein Heide fragte den Rabbi Josua ben Karcha: „Weshalb redete Gott zu Moses aus einem Dornbusche?“ Der Rabbi erwiderte: „Hätte er aus einem Johannisbrotbaume zu ihm geredet oder aus einer Sykomore, so hättest du mir dieselbe Frage gestellt. Allein ich will es dir sagen: es soll dir so gezeigt werden, daß es nichts gibt, worin nicht Gottes Herrlichkeit lebte; sogar im Dornbusche ist sie.“
MIT REICHEM GUTE.
Von A. L. ~Lewinski~.
Gewidmet den Peßachfahrern in Erez-Israel.
„Und dann werden sie ausziehen mit reichem Gute...“
Allmählich lerne ich verstehen, weshalb Moses auf dieses „reiche Gut“ soviel Wert legte, daß er es immer wieder erwähnt.
Auf den ersten Blick erscheint es ja etwas sonderbar. Das Volk war in einem so entsetzlichen, in einem so erniedrigenden Zustand, dort in Mizrajim -- in einer Art von grenzenloser Knechtung; man arbeitete mit den Juden, wie mit Lasttieren, in Lehm und Ziegeln, in aller schweren, gliederbrechenden Arbeit; Aufseher standen über ihnen und schlugen sie mit Geißeln und Stöcken, ähnlich wie es den Leibeigenen einst in Rußland ging oder den Negersklaven in Amerika -- es scheint doch, als wäre es genug für ein solches Volk, bloß aus der Knechtschaft in die Freiheit zu gehen, aus Gebundenheit zur Erlösung, hinauszugehen und zu fliehen, und müßte man selbst die Haut zurücklassen: wenn nur die Seele gerettet wird; und kein Gedanke bleibt für Geld und Gut. Nachher, wenn es erst aus Mizrajim gezogen sein und begonnen haben würde, für sich selbst statt für seine Herren und Peiniger zu arbeiten, würde es ja von selbst zu reichem Gute kommen. Denn sechshunderttausend Menschen, eine Million und zweihunderttausend arbeitende Arme sind schon für sich ein reiches Gut. Sie würden arbeiten und Reichtum schaffen. Die Hauptsache war, diese Arme zu befreien, damit sie für sich selbst arbeiten könnten und nicht für Nutzen und Vorteil der Ägypter.
Und da steht Moses und ruft und mahnt eindringlich an das reiche Gut, das, wie es scheint, einen wichtigen Hauptpunkt seines Programms bildete.
Raschi, das heißt unsere naiven Alten, gab folgende Erklärung: All diese Mahnungen sollten ihn, den Gerechten, unsern Vater Abraham, befriedigen, damit er nicht sage: „‚Man wird mit ihnen arbeiten und wird sie plagen,‘ und so traf es ein, ‚und dann werden sie ausziehen mit reichem Gute,‘ und das traf nicht ein.“ Diese Erklärung, muß ich sagen, leuchtet mir nicht ganz ein. Wenn er, der Gerechte, soviel bei Gott vermochte, warum hat er dann die Knechtschaft in Mizrajim überhaupt zugelassen? Er hätte sofort protestieren sollen. Denn zu welchem Zweck und zu welchem Ende war die ganze Verbannung da? Das alte System der „läuternden Leiden“, der „versöhnenden Verbannung“ hatte schon damals keinen Sinn. Ein Volk, das eben erst begonnen hat, zu leben, hat noch gar nicht Zeit gehabt, so viel zu sündigen, daß das Elend der Knechtschaft kommen müßte, es zu läutern und zu bessern. Die Juden wären wahrscheinlich sogar ohne die Knechtschaft in Mizrajim auch Juden geworden und, wer weiß, vielleicht bessere als sie nach all dem Bessern und Läutern durch die Ägypter geworden sind...
Gewiß, das Elend läutert, -- aber es ~läutert zu sehr~; mit dem Schmutz läutert es auch das Fleisch weg und mit dem Fleische reißt es auch Stücke aus der Seele. Einem Schwerkranken sprach man von dem Lohn der Leiden; sie würden ihm ewige Seligkeit einbringen, er solle nur alle Schmerzen geduldig ertragen. Er aber sagte: „Nicht sie und nicht ihren Lohn!“ Ich bin sicher, daß das Elend in Mizrajim unsern Nationalcharakter sehr geschädigt und uns einen ewigen Jammer hinterlassen hat. Jetzt, nach Tausenden von Jahren, ist es uns schwer, uns unsern Volkscharakter und seine Eigenschaften ohne all diese Widerwärtigkeiten vorzustellen. Nicht die Verbannung in Babel und nicht die in Edom ist es, sondern dieses erste Verbannungselend, das uns plötzlich traf, als das Volk noch jung und zart war, ein Stoff, bereit, in der Hand des Bildners jede Form anzunehmen; dieses ägyptische Elend ist es, das furchtbar stark auf uns wirkte, und uns mit ewigem Schmutz bedeckte. Und es gibt noch heute keine schlechte Eigenschaft in unserem Volke, von der nicht wenigstens ein kleiner Teil von Mizrajim herstammt.
Alles in allem: diese Knechtschaft war durchaus nicht notwendig, ja sogar höchst überflüssig! Und jener Gerechte, der selbst eine Art von Freiherrn und Kavalier war (siehe sein Verhalten gegenüber Lot und dem König von Sodom), ein Ritter ohne Furcht und Tadel, der kein Unrecht ansehen konnte und es wagte, mit wenigen Leuten, seinen Knechten und Hausgenossen, insgesamt 318 Mann, vier siegreiche Könige anzugreifen -- ein „gerechter Ritter“ wie dieser wäre gewiß mit der ägyptischen Verbannung nicht einverstanden gewesen und hätte auch auf die Zusicherung verzichtet: „Auch das Volk, unter dem sie arbeiten werden, werde ich richten.“ Denn was für ein Vorteil ist hierbei? Was haben wir davon, daß es gerichtet worden ist? Ganz abgesehen davon, daß es gar nicht zum Charakter des Hebräers Abraham, d. h. zum wahren jüdischen Charakter, paßte, der durch und durch barmherzig und nicht rachsüchtig ist, der auch gegen seine ärgsten Feinde keinen Haß trägt, vielmehr in jedem Augenblicke bereit ist, zu verzeihen und mehr als das, alles zu vergessen, was man ihm angetan hat. Was für ein Nutzen ist in dem Strafgericht? Werden denn die Quäler umkehren auf ihrem Wege, werden sie denn Reue empfinden, daß sie die Juden ohne Ursache gepeinigt? Werden sie denn in Zukunft andere Wege wandeln? Wir wissen doch, daß die Leiden nicht die Sünden der Juden abwaschen; sondern jene erbittern sich nur noch mehr und gießen die ganze Schale des Zornes über die Juden aus.
Wahrscheinlich hätte Abraham gern auf das Strafgericht verzichtet, und natürlich erst recht auf das „reiche Gut“, er, der seinen wahren Wert kannte und der mit Stolz zu dem Könige von Sodom sagte: „Ich hebe meine Hand auf zu dem Herrn, daß ich keinen Faden und nicht einmal einen Schuhriemen von der Beute nehme.“ Nein, er jagte nicht dem Reichtum nach, nicht für sich und nicht für seine Nachkommen. Also nicht, um ihn zu versöhnen, spricht Moses von dem reichen Gute, das unsere Väter aus Mizrajim führen sollten; sondern es scheint ein wichtiger Hauptpunkt seines persönlichen Programms gewesen zu sein.
Und ich beginne ihn und sein System zu verstehen.
Es ist nicht anzunehmen, daß unsere Väter in Mizrajim ein großes Volksvermögen besessen haben. Wir kennen ja die ökonomische und finanzielle Lage jenes Landes nicht genau, aber wenn wir nach ihrer Staatsordnung urteilen sollen, die auf Sklaverei und auf eine eigentümliche Bürokratie gegründet war, war sie nicht besonders glänzend. Ein auf so faulen Grundlagen beruhender Staat konnte nicht reich werden. Ein freies Volk wird reich, es arbeitet für sich und fürchtet weder die Konkurrenz von außen noch Schwierigkeiten im Innern; aber ein faules und dem Trunk ergebenes Volk, das sich auf seine Knechte verläßt, kann nicht reich werden. Und wenn die Ägypter selbst so waren, konnten die Juden, ihre Sklaven, nicht wohlhabend sein. Wir wissen auch, daß das Volk hart und der König starrsinnig war; und in einem solchen Lande, wo der Judenhaß von allen Seiten drängt, von oben nach unten und von unten nach oben, von rechts nach links und von links nach rechts, wo sich die Führer des Volkes bemühen, die Juden vom Handel, ja überhaupt von jeder Arbeit und Beschäftigung fernzuhalten -- gab es da irgendeine Möglichkeit, zu Wohlstand zu kommen? Für mich ist es unzweifelhaft, daß das Volk im ganzen, in seinen breiten Schichten, ein ganz armes Volk war, jedoch, wie immer im Exil, mit einem kleinen Häuflein von sehr reichen Leuten, denen es aus verschiedenen Ursachen, durch ein Zusammentreffen verschiedener günstiger Umstände, geglückt war, ein großes Vermögen zu erwerben, „reiches Gut“ in ihren Händen zu sammeln.
Und dieses reiche Gut war für unser Volk höchst notwendig. Nicht nur, um es aus Mizrajim hinauszuführen; noch mehr, um es nach Erez-Israel hineinzubringen und es dort festzusetzen. Denn aus Mizrajim zu ziehen, war ja noch nicht der schwerste Teil der Aufgabe. Und Moses befürchtete, und mit Recht, daß die Reichen in Israel, die wenigen Glücklichen und vom Schicksal Begünstigten, die trotz aller beschränkenden Gesetze Zeit genug gefunden hatten, um reich zu werden und ein schönes Vermögen zu sammeln, daß diese nicht einverstanden sein würden, auszuwandern, und erklären würden, sie wollten in Mizrajim bleiben. Und die Ersparnisse der Arbeit von 410 Jahren, die Früchte der schweren Mühen eines ganzen Volkes durch viele Geschlechter würden im Lande des Elends geblieben sein, das Volk aber hätte mit leeren Händen in sein neues Land kommen können. Mit leeren Händen gehen, mit leeren Händen kommen; mit leeren Händen aber ist es schwer, es vorwärts zu bringen.
Und darum begann er vom ersten Tage an, wo er kam, um dem Volke im Namen der zukünftigen Erlösung, im Namen des Vaterlandes zu sprechen, darum begann er von der ersten Sekunde an auf das „reiche Gut“ zu dringen, mit dem sie aus Mizrajim ziehen sollten. Und ich stelle mir vor, daß das auf das große Publikum, auf das Volk, sogleich Eindruck machte. Das Volk hörte mit Begeisterung seine neuen Worte, die Verkündigung der Erlösung, und „das Volk glaubte und hörte, daß Gott der Kinder Israels gedachte und ihr Elend ansah“. Das Volk glaubte, das Volk hoffte. Aber auf die großen Kapitalisten wirkte die Sache nicht so schnell. Sie standen abseits; und es dauerte noch lange, Tage und Jahre, ehe man einsehen lernte, daß die reiche Bourgeoisie nicht so einfach beiseite geschoben werden könne, daß auch sie zum Volke gehöre und der Erlösung ~wert~ sei wie das ganze Volk. Noch länger aber währte es, bis die alten Reichen begriffen, daß auch sie eine Erlösung ~nötig~ hatten, so wie das ganze Volk, und daß ihnen ihr reiches Gut am Tage des Gerichtes nichts helfen würde. Wenn sie sich nicht beeilen würden, aus dem Lande zu ziehen, wenn sie sich nicht rechtzeitig vor dem Tage des Gerichts eine Ruhestätte inmitten ihres Volkes bereiten würden -- da müßte langsam, langsam auch ihr Gut zergehen und ihr Reichtum ein Ende nehmen.
Es brauchte lange, ehe man all das verstand. Und in dieser Zwischenzeit scheint es, daß unser Volk in gänzliche Armut geriet. Die Reichen, die am Beginn von Moses Propaganda sehr reich gewesen waren, hatten vermutlich Verluste gehabt... Und ~nun~ sahen sie ein, daß sie entrinnen müßten, der mit einem bißchen Gut und jener mit einem bißchen. Und das Volk zog aus Mizrajim mit großer Hoffnung auf den Gewinn von Erez-Israel. Vielleicht war so mancher Reiche unter ihnen, der nicht aus ganz freiem Willen ging, nur als ob ihn ein böser Geist triebe. Und diese waren gewiß der Erlösung nicht so ganz würdig. Und trotzdem reut es mich auch ihrer nicht; sie waren im Volk aufgelöst und ihr Vermögen blieb in Israel. Wäre es denn besser, sie wären mit ihrem Besitz in Mizrajim geblieben und die Ägypter wären auf jüdische Kosten reich geworden? Mit ihrem Gelde hätten sie Pferde und Wagen gerüstet, ihren Brüdern nachzujagen.
Und wir müssen zur Ehre unseres Volkes sagen, daß wie damals auch jetzt nur ganz wenige Leute von ~diesem~ Schlage unter uns sind. Viele unserer Reichen sind vielleicht zu sehr ~zugeknöpft;~ aber sie sind doch umgängliche Leute, intelligent und in ihrer Art auch dem Volke getreu. Nach meiner Meinung sind sie alle der Erlösung würdig -- daß sie aber eine Erlösung ~brauchen,~ das ist über jeden Zweifel erhaben.
Und ich billige das System Moses. Ich billige seine Erinnerungen und Mahnungen betreffs des „reichen Gutes“: „Und dann werden sie ausziehen mit reichem Gute!“
Aber, wahrhaftig, Moses Programm beginnt sich zu verwirklichen. Unsere Jugend, die noch vor kurzer Zeit unsere Bourgeoisie so tief verachtet hat, ist schon klüger geworden und hat eingesehen, daß das Kapital für uns sehr wichtig ist. Und ich wage zu glauben, daß auch der jüngste Arbeiter, der erst heute zu arbeiten begonnen hat, die bürgerlichen Gäste, die nach Erez-Israel kommen, mit Liebe empfängt. Und was noch wichtiger ist, die Reichen selbst, und gerade die Besten unter ihnen, sind zu der Einsicht gekommen, daß ihnen eine Erlösung nottut. Daß es sich lohne, „mit reichem Gute“ nach Erez-Israel zu gehen; daß es richtig sei, dort für sich selbst und für das Volk etwas zu unternehmen.
Und sie kommen wirklich. Wenn nicht mit reichem Gute -- das Vermögen ist einstweilen noch im Ausland --, die Kapitalisten selber kommen schon. Wir wollen hoffen, daß das Programm Moses, wie es sich zu verwirklichen beginnt, auch gänzlich durchgeführt wird. Die Kapitalisten werden sich nicht damit begnügen, daß sie selbst das Land bereisen; im nächsten Jahre werden sie samt dem „reichen Gute“ kommen.
Wer anfängt mit der Erlösung, dem sagt man: Vollende!
VOM AUSZUGE.
Um vielerlei guter Werke willen ward Israel aus Ägypten erlöst: weil sie ihre Namen nicht verändert hatten und ihre Sprache nicht aufgaben und ihre Geheimnisse nicht verrieten und an der Beschneidung festhielten.
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Die Geschichte Pharaos gleicht der Geschichte jenes Sklaven, dem sein Herr auftrug, auf dem Markte einen Fisch zu kaufen und der einen stinkenden Fisch nach Hause brachte. Sprach der Herr: Entweder wirst du selbst den Fisch essen oder du bekommst hundert Peitschenhiebe oder du zahlst den Fisch. Sprach der Sklave: Ich will ihn essen. Aber kaum begann er zu essen, da ward ihm übel davon und er sprach: Ich will geschlagen sein. Noch hatte er nicht fünfzig von den hundert Peitschenhieben, da rief er: Ich zahle lieber den Preis. So hatte er den stinkenden Fisch gegessen und war geschlagen worden und mußte obendrein zahlen. So auch Pharao. Erst wollte er die Kinder Israel nicht entlassen, wie Gott verlangte, nachher erlitt er die zehn Plagen und mußte den Juden Kostbarkeiten mitgeben und sie doch wegschicken. Als die Ägypter im Meer versanken, wollten Gottes Engel Triumphgesänge anstimmen. Da sprach Gott: Die Geschöpfe meiner Hände versinken im Meer und ihr wollt Lieder singen vor mir?
DIE ORDNUNG BEIM SCHLACHTEN DES PESSACHOPFERS.
Das Opfer wurde in drei Abteilungen geschlachtet. Denn es heißt: Und schlachten soll es die ganze Gemeinde der Versammlung Israels zwischen den Abenden. „Gemeinde“ ist eins und „Versammlung“ eins und „Israel“ eins. Trat die erste Abteilung ein und hatte sich der Tempelvorhof gefüllt, so schloß man die Türen des Vorhofs. Sie stießen in die Posaune und erhoben ein Freudenjauchzen und stießen dann abermals in die Posaune.
Die Priester aber standen reihenweise und hielten in den Händen silberne Schalen und goldene Schalen; eine Reihe hatte lauter silberne Schalen und eine Reihe hatte lauter goldene, und nicht waren sie gemischt. Und die Schalen hatten keine flachen Böden, damit sie sie nicht hinstellen könnten und das Blut so gerinne.
Hatte ein Israelit geschlachtet und der Priester das Blut in der Schale aufgefangen, so gab er sie seinem Nachbarn und sein Nachbar wieder seinem Nachbarn; der nahm die volle Schale in Empfang und gab die leere zurück; der Priester, der dem Altar am nächsten stand, sprengte sie mit ~einer~ Sprengung gegen den Grund des Altars.
Ging die erste Abteilung hinaus, so trat die zweite ein; ging die hinaus, dann trat die dritte ein. Und nach der Weise der ersten Abteilung traten die zweite und dritte.
Sie lasen das Hallelgebet. Wenn sie zu Ende waren, so wiederholten sie es; wenn sie es wiederholt hatten, lasen sie es zum drittenmal; doch kam es hierzu niemals. Rabbi Juda sagt: Niemals kam die dritte Abteilung bis zu den Worten: „Ich liebe es, denn der Herr erhört“, weil bei dieser Abteilung nur mehr wenig Opfernde waren.