Chad Gadja: Das Peßachbuch

Part 2

Chapter 23,186 wordsPublic domain

Die Erstgeborenen derer von Mizrajim trafest du des Nachts, Daß sie sie nicht fanden, als sie aufstanden des Nachts, Den stolzen Mut Sisseras, des Fürsten, zertratest du beim Sternenschein des Nachts; Es war um Mitternacht.

Belsazar, der aus den geweihten Gefäßen sich bezechte, ward erschlagen des Nachts, Daniel ward aus der Löwengrube gerettet, der die Zeichen deutete der Nacht, Haß trug Haman im Herzen und schrieb Blutbefehle des Nachts; Es war um Mitternacht.

Laß bald kommen den Tag, der nicht Tag ist noch Nacht, Setze Wächter über deine Stadt Jerusalem, bei Tage wie bei Nacht, Erhelle wie Licht des Tages das trübe Dunkel der Nacht; Es war um Mitternacht.

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SEIN IST DER RUHM, sein ist die Ehre.

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NÄCHSTES JAHR IN JERUSALEM!

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ALLMÄCHTIGER GOTT, bau Deinen Tempel schiere, also schier: in unsern Tagen, schiere, ja schiere. Barmherziger Gott, gerechter Gott, Demütiger Gott, hoher Gott, würdiger Gott, Sanfter Gott, huldvoller Gott, trauter Gott, Juden-Gott, kräftiger Gott, lebendiger Gott, Mächtiger Gott, namhaftiger Gott, ewiger Gott, Furchtbarer Gott, zarter Gott, königlicher Gott, Reicher Gott, starker Gott, Du bist Gott und niemand mehr. O bau Deinen Tempel schiere, also schier: in unsern Tagen, schiere, ja schiere!

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EINS -- WER WEISS ES? Eins -- ich weiß es: Eins ist unser Gott, der im Himmel und auf Erden ist.

Zwei -- wer weiß es? Zwei -- ich weiß es: Zwei sind der Tafeln des Bundes, eins ist unser Gott, der im Himmel und auf Erden ist.

Drei -- wer weiß es? Drei -- ich weiß es: Drei sind der Väter, zwei sind der Tafeln des Bundes, eins ist unser Gott, der im Himmel und auf Erden ist.

Vier -- wer weiß es? Vier -- ich weiß es: Vier sind der Mütter, drei sind der Väter, zwei sind der Tafeln des Bundes, eins ist unser Gott, der im Himmel und auf Erden ist.

Fünf -- wer weiß es? Fünf -- ich weiß es: Fünf sind Bücher der Thorah, vier sind der Mütter, drei sind der Väter, zwei sind der Tafeln des Bundes, eins ist unser Gott, der im Himmel und auf Erden ist.

Sechs -- wer weiß es? Sechs -- ich weiß es: Sechs sind Bände der Mischnah, fünf sind Bücher der Thorah, vier sind der Mütter, drei sind der Väter, zwei sind der Tafeln des Bundes, eins ist unser Gott, der im Himmel und auf Erden ist.

Sieben -- wer weiß es? Sieben -- ich weiß es: Sieben sind Tage der Woche, sechs sind Bände der Mischnah, fünf sind Bücher der Thorah, vier sind der Mütter, drei sind der Väter, zwei sind der Tafeln des Bundes, eins ist unser Gott, der im Himmel und auf Erden ist.

Acht -- wer weiß es? Acht -- ich weiß es: Acht sind Tage des Bundes, sieben sind Tage der Woche, sechs sind Bände der Mischnah, fünf sind Bücher der Thorah, vier sind der Mütter, drei sind der Väter, zwei sind der Tafeln des Bundes, eins ist unser Gott, der im Himmel und auf Erden ist.

Neun -- wer weiß es? Neun -- ich weiß es: Neun sind Monden der Reife, acht sind Tage des Bundes, sieben sind Tage der Woche, sechs sind Bände der Mischnah, fünf sind Bücher der Thorah, vier sind der Mütter, drei sind der Väter, zwei sind der Tafeln des Bundes, eins ist unser Gott, der im Himmel und auf Erden ist.

Zehn -- wer weiß es? Zehn -- ich weiß es: Zehn sind der Gebote, neun sind Monden der Reife, acht sind Tage des Bundes, sieben sind Tage der Woche, sechs sind Bände der Mischnah, fünf sind Bücher der Thorah, vier sind der Mütter, drei sind der Väter, zwei sind der Tafeln des Bundes, eins ist unser Gott, der im Himmel und auf Erden ist.

Elf -- wer weiß es? Elf -- ich weiß es: Elf sind der Gestirne, zehn sind der Gebote, neun sind Monden der Reife, acht sind Tage des Bundes, sieben sind Tage der Woche, sechs sind Bände der Mischnah, fünf sind Bücher der Thorah, vier sind der Mütter, drei sind der Väter, zwei sind der Tafeln des Bundes, eins ist unser Gott, der im Himmel und auf Erden ist.

Zwölf -- wer weiß es? Zwölf -- ich weiß es: Zwölf sind der Stämme, elf sind der Gestirne, zehn sind der Gebote, neun sind Monden der Reife, acht sind Tage des Bundes, sieben sind Tage der Woche, sechs sind Bände der Mischnah, fünf sind Bücher der Thorah, vier sind der Mütter, drei sind der Väter, zwei sind der Tafeln des Bundes, eins ist unser Gott, der im Himmel und auf Erden ist.

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EIN BÖCKLEIN, ein Böcklein, das gekauft Väterlein, er gab dafür zwei Suslein; ein Böcklein! ein Böcklein!

Es kam ein Kätzlein und aß das Böcklein, das gekauft Väterlein, er gab dafür zwei Suslein; ein Böcklein, ein Böcklein!

Es kam ein Hündlein und biß das Kätzlein, das gefressen das Böcklein, das gekauft Väterlein, er gab dafür zwei Suslein; ein Böcklein! ein Böcklein!

Es kam ein Stöcklein und schlug das Hündlein, das gebissen das Kätzlein, das gefressen das Böcklein, das gekauft Väterlein, er gab dafür zwei Suslein! ein Böcklein, ein Böcklein!

Es kam ein Feuerlein und verbrannte das Stöcklein, das geschlagen das Hündlein, das gebissen das Kätzlein, das gefressen das Böcklein, das gekauft Väterlein, er gab dafür zwei Suslein; ein Böcklein, ein Böcklein!

Es kam ein Wässerlein und löschte das Feuerlein, das verbrannt das Stöcklein, das geschlagen das Hündlein, das gebissen das Kätzlein, das gefressen das Böcklein, das gekauft Väterlein, er gab dafür zwei Suslein; ein Böcklein, ein Böcklein!

Es kam ein Öchslein und soff das Wässerlein, das gelöscht das Feuerlein, das verbrannt das Stöcklein, das geschlagen das Hündlein, das gebissen das Kätzlein, das gefressen das Böcklein, das gekauft Väterlein, er gab dafür zwei Suslein; ein Böcklein, ein Böcklein!

Es kam ein Schlächterlein und schlachtete das Öchslein, das gesoffen das Wässerlein, das gelöscht das Feuerlein, das verbrannt das Stöcklein, das geschlagen das Hündlein, das gebissen das Kätzlein, das gefressen das Böcklein, das gekauft Väterlein, er gab dafür zwei Suslein; ein Böcklein, ein Böcklein!

Es kam ein Todesenglein und schlachtete das Schlächterlein, das geschlachtet das Öchslein, das gesoffen das Wässerlein, das gelöscht das Feuerlein, das verbrannt das Stöcklein, das geschlagen das Hündlein, das gebissen das Kätzlein, das gefressen das Böcklein, das gekauft Väterlein, er gab dafür zwei Suslein; ein Böcklein, ein Böcklein!

Es kam der liebe Gott und schlachtete das Todesenglein, das geschlachtet das Schlächterlein, das geschlachtet das Öchslein, das gesoffen das Wässerlein, das gelöscht das Feuerlein, das verbrannt das Stöcklein, das geschlagen das Hündlein, das gebissen das Kätzlein, das gefressen das Böcklein, das gekauft Väterlein, er gab dafür zwei Suslein; ein Böcklein, ein Böcklein!

DIE PESSACH-HAGADAH.

Von ~Theodor Zlocisti~.

Israel das ~auserwählte Volk~! Hat der Stolz dieses Bekenntnis geboren, der Stolz, der die Verpflichtung in sich trägt? Oder ist diese Überzeugung nur ein ethisches Erziehungsmittel unserer alten Meister, die unermüdlich Barrikaden türmten um die Zelte Jakobs, daß sie festblieben im brausenden Sturm der Zeiten und nicht ihr schützendes Dach verlören, wenn einmal die Sonne in mitleidigen Gnaden der Gemeinde lächelte? Formel und Stimmung der Segenssprüche und Gebete steigerten Israels Überzeugung von seiner Erwähltheit auch dann noch zu schöpferischem Leben, als das Verlangen nach der Erlösung von der Fessel jüdischer Verpflichtung jene -- sonst ungeübte -- Bescheidenheit aufkommen lassen mochte, nichts anderes und nicht mehr denn die Völker der Erde zu sein. Sein zu -- wollen.

Die Geschichte sprach. Vor ihrer eindringlichen Rede mußte das Murren derer verstummen, die Israels Vergangenheit wie Sträflingsketten empfanden auf dem Wege des „Fortschritts“, der so viele Flüchtlinge sah.

Freiheitssehnsucht und das Ahnen einer höheren Berufung, das die Seelen in der Sklavennot festmachte im Entschluß und stark zur Tat, fügten die Stämme zum Volke. Aus mythischem Gewölk stieg es in den Lichtkreis der Geschichte. Völker, die am Morgen blühten, versanken in die Nacht. Der Trutz der Gewaltigen zerbrach. Die Kleinen verdorrten in der Schwüle. Die Herren der Welt und ihre Werke starben. Aber Israel, der Knecht Gottes, mußte leben. Und lebt.

Nur das Tote und was das Gesetz des Sterbens in sich trägt, hat eine Geschichte. Das jüdische Volk hat nur eine Vergangenheit. Es lebt, da es kämpfen muß: um sich, um Gott, um eine Zukunft. Es lebt harrend des Messias, der sich durch den Propheten Eliah ankündigt. Es lebt für das goldene Zeitalter der Menschen, das nur die Resignation sterbender Völker, die Verzweiflung der Geschichtsnationen in die Vorzeit, die war und nicht wiederkehrt, hat verlegen können.

Israel lebt; und dieses Lebendigsein läßt seine Vergangenheit nicht zur Geschichte erstarren. Was in den Zeiten war, muß den Geschlechtern wirklich sein. Und ~Gegenwart~! War einstmals Erlebtes nicht unwertiges Beiwerk, sondern das Erlebnis, dann ist es heut wie einst: ewige Gegenwart, die kein Verblühen kennt.

Dieses ist des Peßachfestes letzter Sinn. Dieses ist das gestaltende Prinzip der Hagadah, das formende Element von Peßachbrauch und Sitte. „In jedem Geschlecht und Geschlecht ist der einzelne verpflichtet, sich selbst so zu sehen, als sei er persönlich aus Mizrajim gezogen. Denn es heißt: Und du sollst verkünden deinem Sohne an jenem Tage also: Wegen dessen, was der Ewige mir getan hat bei ~meinem~ Auszug aus Mizrajim... Nicht unsere ~Väter~ allein hat der Heilige, gelobt sei er, erlöst, sondern auch uns hat er mit ihnen erlöst, denn es heißt: Und ~uns~ hat Er von dort herausgeführt, um ~uns~ zu führen und um ~uns~ zu geben das Land, das er unsern Vätern zugeschworen.“

Peßach als Geschichtsfest, als ein Fest der Erinnerung zu feiern, mußte als Entehrung gelten. Wer den Auszug aus Mizrajim nicht als ein persönliches Erlebnis in sich trug, war ein Abtrünniger, frevelte an dem Lebensgesetz des jüdischen Volkes. Nur der Böse -- der Feind Israels! -- konnte fragen: „Was soll dieser Dienst -- euch?! Euch! Nicht ihm! Er schließt sich aus der Gemeinschaft aus. So verleugnet er das Wesentliche. Mache ihm darum die Zähne stumpf und sage ihm: Wegen dessen, was der Ewige ~mir~ getan hat bei ~meinem~ Auszug aus Mizrajim... ~Mir~, nicht ~ihm~. Er wäre von dort nicht befreit worden.“

Sich selbst als den Erlösten zu fühlen und fröhlich die Verpflichtung aus dieser Gnade zu tragen: das war die Überwindung der Zeiten. Ägypten war nicht einst. Es lebt fort als das Land unserer Knechtschaft. Und in neuer Gestalt nur steht es auf, Israel zu vernichten. Die Feinde wechseln. Die Feindschaft bleibt. Das Werkzeug der Frohnherren erneuert sich, und der Haß findet keckere Künste der Versklavung --: aber im Peßach trägst du die Gewißheit der Erlösung. Die Befreiung der Nation nimmt dem einzelnen die Kette ab. Und der einzelne, der in sich das Werk der Befreiung fühlt, erlöst das Volk. So verknüpft Peßach dich mit dem Volke und bindet die Geschlechter durch die Ewigkeit gemeinsamen Schicksals! Neue Zeiten steigen empor mit neuen Geschehnissen. Es sind die alten, nur in neuem Mummenschanz. Neue Geschlechter kommen. Es sind die alten, wird das Erlebnis des Vaters nur das Erlebnis des Sohnes. Aber die Kette der Geschlechter ist zerrissen, wenn der Sohn stumm steht vor der tiefsten Erregung des Vaters. Und also strebt das Erziehungsproblem unserer Meister empor zur Versöhnung und Verschmelzung der Gewordenen und der Werdenden: „Erzähle ihnen nicht. Sondern lehre die Kinder -- ~fragen~.“ Mah nischtanah halajlah haseh mikol halejloth ... Das Fest der Vergangenheit wird das Fest derer, die in sich die Zukunft tragen.

Als der Tempel noch auf der Höhe Zions stand, gab es wohl noch kein besonderes Rituale. Aus allen Städten und Gauen kamen die Familien in die heilige Stadt, um dort mit Opfern und fröhlichem Gelage ihre eigene Befreiung zu feiern. An drei Millionen Menschen -- Freiheitkünder -- sah noch kurz vor dem „jüdischen Kriege“ Jeruschalajim. Peßach machte sie zu ~einem~ Volke, wie die ägyptische Befreiung sie zu einem ~Volke~ gemacht hatte. Wie es die Kraft immer aus sich gebar, in Raum und Zeit Getrenntes zu vereinen, aus den Umständen Geschiedenes zusammenzufügen, so löste es in alter Zeit die Spannung der sozialen Schichten und der religiösen Bünde. Der Arme war der Gast des Reichen. Ha lachma anja -- dies ist das Brot des Elends. Es gehörte den Dürftigen. Die Genossenschaften, die in der levitischen Reinheit lebten -- die Chawerim --, wollten sich jetzt nicht vom Am haarez unterscheiden, dessen Sein und dessen Werk im Erdhaften wurzelten: Zu Peßach hieß es: Kol Israel chawerim. Das Fest weihte auch die Ungeweihten. Erst in der Folge weitete sich der Sinn dieser Formel zur Notwendigkeit eines Lebensprinzips aus. Pharao lag noch nicht am Boden. Römische Kohorten durchzogen das Land. Der Tempel fiel. Das Imperium romanum schwoll um eine neue Kolonie an. Viele mußten ins Elend ziehen. Aber des Peßach konnten sie nicht vergessen. Die im Lande blieben auf heimischer Scholle -- den Zöllnern frohnend wie einst den Zwingherren in Ägypten -- zogen wie einst hinauf in die heilige Stadt, opferten das Lamm und sangen, wie uns des Nazareners Jünger melden, den Lobgesang. Frühe schon war also das Hallelgebet in die Festordnung eingefügt worden. An die Stelle der fließenden Bräuche eines fröhlichen Freiheitsfestes hatte die Sorge um die Erhaltung des Volkstums die ~Ordnung~ gesetzt. Die Meister sahen den Gang der äußeren Geschicke schmerzergriffen. Aber weit in die Zeiten hinausblickend griffen sie besonnen das Werk an: der Weiterführung und Umformung mosaischen Gesetzes und jüdischer Sitte. Den neuen Lebensbedingungen des Exils sich weise anpassend, wollten sie die Verbannung überwinden, überdauern. Sprache und Brauch und die Übungen des heiligen Dienstes durften, ~sollten~ sich wandeln, damit die Seele des Volkstums in unbefleckter, unberührter Reinheit blieb. Peßach mußte gerettet werden. Es war die Rettung selbst! Die enge Beziehung der Nation zum Erlebnis ihrer Volkswerde -- leidenschaftlicher annoch, als das äußere Band der Staatseinheit zerriß -- mußte den Erstarrungsprozeß des Peßachrituale hinauszögern. Noch kämpfte das „Haus Schammais“ mit der Schule Hillels, ob nur der erste Psalm des Hallelgebetes -- „Lobet, ihr Knechte des Herrn, lobet den Namen des Herrn“ -- vor dem Festmahl gesungen werden sollte oder auch der zweite, der sich dichter dem Sinn des Festes anschmiegte: „Als Israel aus Mizrajim zog, das Haus Jakob aus dem fremden Volke, da ward Juda sein Heiligtum, Israel sein Reich.“ Noch war die Formel des Weihespruches nicht festgeschmiedet. Rabbi Tarfon, der die Schergen der römischen Herrschaft fürchtete, fügte ihm nur den Satz bei:... „und uns diese Nacht erleben ließest, daß wir Mazzah und Maror darin essen dürfen“. Aber der jüngere Rabbi Akiba, der im barkochbäischen Aufstande das heilige Banner der Propheten trug, der gotterfüllte Märtyrer des letzten nationalen Verzweiflungskampfes, Akiba preßte die lodernde Flamme patriotischer Sehnsucht in die Worte: „Laß uns, Gott, noch andere Feste, die zu uns kommen, in Frieden erleben, jubelnd ob des Wiederaufbaues deiner Stadt, freudig in deinem Dienste, daß wir wieder essen dürfen von den Fest- und Peßachopfern, deren Blut -- dir wohlgefällig -- die Wand deines Altars berührt, und daß wir dir danken mit neuem Liede für unsere Befreiung und für die Befreiung unserer Seele. Gesegnet seist du Gott, der Israel erlöst.“ Mächtig brauste der Jubel dieses Festes persönlichen Erlebnisses auf. Und der Weihespruch, den die Weisen schufen, steigerte noch die Größe des Erlebnisses: ... „der ~uns~ erlöst hat und unsere Väter erlöst hat aus Ägypten.“ Die Väter traten zurück vor der Befreiung des lebenden Geschlechtes. Im Leid der Gegenwart sollte es die Wonne der Freiheit fühlen.

Allein da die letzte nationale Hoffnung verschüttet war, sollte sich der Ernst gleich einem schweren Tau in die sonnenfrohen Flügel der Festesfreude legen. Einst schwelgte der Jude nach dem Peßachmahle bei feurigem Weine. Lieder erklangen im Kreise; und die kichernde, schmeichlerische Flöte, das Lieblingsinstrument der Juden, zauberte im Kusse mit trunkenen Lippen hüpfende Weisen hervor. Da leuchteten die Augen und die Stirnen glühten. Die Glieder regten sich zum Tanze. Und freudetrunken zog die Jugend in die Häuser der Freunde. Sie scherzten und lärmten, bis die kühle Nacht sie hinausrief auf die Berge; sprangen sie nicht wie Widder, und die Hügel nicht wie junge Schafe? Das Echo der Felsen und Wände sang fröhlichen Refrain; und die Sterne lächelten...

Als zum Beginn des dritten Jahrhunderts unserer Zeitrechnung Rabbi Jehuda Hanassi die mündlich überlieferten Gesetze und Bräuche in der Mischnah festlegte, war das hellenisch anmutende Epikomon untersagt. Selbst nach dem dritten und vierten Becher des Rituale durfte kein Wein mehr genossen werden. „Warum all die Zeugnisse, Vorschriften und Gesetze?“ fragt das kluge Kind. Und beziehungsvoll soll der Vater antworten: „Man lasse die Peßachfeier nicht mit einem Epikomon schließen.“ Die Freiheit soll im Geiste erlebt werden. Nicht im Rausch. Die Freude in Bande zu schlagen, ward sittliche Pflicht. Israel war wieder im Galuth. Des Spiritualismus dichtes Gewebe hüllte schützend das einst erdhafte Volk.

Das Leben auf eigener Scholle war verwehrt. Das Leben im eigenen Geiste konnten nicht Feuer und Schwert und nicht die Macht der Cäsaren vernichten. Wenn nur die Kette der Geschlechter sich nicht löste! Im Kinde das nationale Erlebnis der Befreiung aus Mizrajims Sklaverei zu einem persönlichen aufsteigen zu lassen, wurde, je weiter die Zeiten schritten, um so deutlichere Aufgabe der Peßachübung. Schon Rabban Gamliel hatte gefordert, daß am Peßachabend von den drei Dingen, dem Peßachlamm, dem ungesäuerten Brote und den bitteren Kräutern ~gesprochen~ werden sollte. Das Kind mußte sehen, fragen und hören. In den Sinnbildern der bitteren Leiden Israels sollte ihm der Auszug aus Ägypten gegenwärtig werden. Und also fortbauend fügten unsere Meister Stein um Stein zu unserer Hagadah. Nicht eine geschichtliche Überlieferung galt es weiterzugeben; nicht antiquarische Kenntnisse zu erhalten. Die Frage nach dem Sinn des Peßachopfers schwand, als der Opferkult in die Form national durchsetzter Gebete eingeschmolzen war. Die Frage, warum sitzen wir heut angelehnt, wurde eingefügt. Und die anderen Fragen wurden nach den aus verändertem Milieu gegebenen Vorstellungen des Kindes neu gewendet. Die Antwort des Vaters gab zunächst wohl nur den schlichten Bericht von den Leiden Israels in der ägyptischen Sklaverei und von ihrer Befreiung. Aber in den Jahrhunderten wurden aus alten Büchern Geschichtchen entlehnt, die dem Feste galten und zur Seele eines jüdischen Kindes sprechen konnten. Als letztes Zwischenstück kam die geistvolle, packende Erzählung von den vier verschieden gearteten Söhnen, die nach dem Sinn des Festes fragen.

So wuchs die Peßach-Hagadah. Wie der Peßachabend die große Stunde des Kindes wurde, wurde die Hagadah das Buch des Kindes. Es löste sich aus den großen Folianten, in deren gewundenen Wegen es wie ein verborgener Garten lag; und führte klein und zierlich sein eigen Leben. Gebetstücke schmiegten sich an. Fromme Lieder baten um Eingang. Aber als um das Jahr 1100 die Hagadah ganz als selbständiges Werk auftrat, war ihre Entwicklung noch nicht abgeschlossen. Wie der Peßachabend die Geburtsstunde des Erlebnisses war, das sich immer wieder erneute, also verjüngten sich Brauch und Sitte, und neue Lieder schmeichelten sich ein, ernste und scherzende, wie das Lied von Böcklein, Chad Gadja, das Adirhu und die nachdenkliche Zahlenspielerei des Echad mi jodea.

Also wurde das Peßachbuch ein Lieblingsbuch der Juden. Ein Kinderbuch in unserem Sinne konnte es nicht werden. Zunächst schon, weil sich zum Seder die ganze Familie versammelte und der Eifer und die Nachdenklichkeit auch der Erwachsenen angeregt werden mußte. Aber weit darüber aus: hatte denn das jüdische Kind eine rechte Kindheit? Es sah die Sorge frühe um sich und die Angst, die in den Ecken hockte. Die Liebe, die es betreute, erbebte zu oft nur im Fürchten. Seine Spiele wagten sich nicht ins Freie. Sie suchten nicht das Leben zu erfassen, mit kindlichen Händen zu begreifen; sondern hatten geheime Beziehungen zu einem Sein, das über allem Irdischen ist. Frühe schon kehrte sein Geist ein zur Weisheit der Ahnen; ging er auch nur zagend und in kindlicher Befangenheit in diesen stillen Gärten, so wußte er doch, daß sie seine Welt sein -- mußten.