Chad Gadja: Das Peßachbuch

Part 11

Chapter 113,458 wordsPublic domain

Nun folgten die Psalmen, die als Hallelgebet zusammengefaßt sind, dann nach oftmaligem Händewaschen die Erklärung, warum wir an diesem Abend die vielen bitteren Kräuter essen. Es ist zur Erinnerung daran, daß unsere Vorfahren reich an Bitternissen waren, und daß sie, durch die Wüste ziehend, keine andere Erquickung hatten als bittere Kräuter. Hierauf brachen die Herren die mittlere der drei Mazzoth entzwei, legten die eine Hälfte unter das Polster zum „Aphikomon“ (Nachspeise) und die andere Hälfte verteilten sie in kleinen Stücken unter die Tischgenossen als „Mozi“ (der Jude betet vor dem ersten Bissen Brot, vor jeder Mahlzeit). Dann aß man vom Meerrettich: erstens zu Maror, der in Charoßeth getunkt, so rasch als möglich verschluckt wird, da dies ohne Mazzoth geschehen muß. Dann der Korech, wieder eine Portion Meerrettich zwischen zwei Mazzothstückchen gelegt. Für jeden Brauch wird zuvor ein bestimmtes Gebet gesprochen. Mit einem Wort, man bekam an diesem Abend den Meerrettich gehörig zu spüren; und wir mußten mit Tränen in den Augen zugeben, daß das Leben unserer Vorfahren in Ägypten bitter war. Später wurden Radieschen und Eier in Salzwasser getaucht; das mundete schon besser, und endlich kam das Abendbrot an die Reihe, das mit Pfefferfischen begann, dem eine fette Brühe mit Mazzahmehlklößchen folgte und das mit einem feinen frischen Gemüse endete. Dann bekam jeder Tischgenosse von dem aufbewahrten Aphikomon. Nun wurden die Becher aufs neue mit Wein gefüllt. Man goß sich Wasser über die Hände, was man „Majim Acheronim“ nennt (letztes Wasser), wobei ein kleines Gebet verrichtet wurde, und nun schickte man sich an, das Tischgebet zu sagen, womit gewöhnlich einer der Herren bei Tische beehrt wurde. Am Schluß des Gebetes fiel die ganze Tischgesellschaft mit einem lauten „Amen“ ein; und nachdem jeder für sich leise das Nachtischgebet mitgebetet hatte, wurden erst die Becher geleert. Und jetzt begann der zweite Teil der Hagadah. Zum vierten Male füllte man die Becher. Diesmal wurde auch die große silberne Kanne gefüllt, die in der Mitte aufgestellt und für den Propheten Eliahu bestimmt war. Dieser Brauch findet in den kabbalistischen Schriften eine Erklärung. Nach der kabbalistischen Lehre ist alles, was man in paarweiser Zahl ißt oder trinkt schädlich oder es kann zum mindesten schädlich wirken. Daher muß bei der Sedermahlzeit zu den vier Bechern, die getrunken werden, noch ein fünfter gefüllt werden.

Wir Kinder glaubten fest an die Volkssage, daß der Prophet Eliahu ungesehen hereinkomme und an dem Becher nippe. Wir blickten daher unverwandt nach der Kanne und wenn sich die äußerste Schicht an der Oberfläche leise bewegte, waren wir überzeugt, daß der Prophet anwesend war und uns überrieselte es kalt und heiß. Sämtliche Becher wurden gefüllt und der Vater befahl dem Diener, die Tür zu öffnen. Nun begann man das Kapitel „Sch’foch chamathcha“ zu rezitieren; hierauf folgten die Schlußkapitel des Hallel. Und zum Schluß das allegorische Liedchen „Chad Gadja, Chad Gadja“, „Ein Zicklein, ein Zicklein“. Mit diesen und ähnlichen Versen fand der Sederabend seinen Abschluß. Jeder hatte seinen vierten Becher Wein ausgetrunken. Auf den Gesichtern aller Tischgenossen sah man die Abspannung und Erregtheit infolge des ungewohnten Weingenusses. Meine älteren und jüngeren Geschwister verließen eine nach der anderen die Tafel, ehe noch die Verse zu Ende gesungen waren, was nicht als Verletzung der Religion oder der Hausdisziplin galt. Mich aber hielt etwas zurück, das ich mir um nichts entgehen lassen wollte. Es war Schir haschirim, das Hohe Lied, das Lied der Lieder Salomos, von dem ich jedes Wort, jeden Ton mit meiner ganzen Seele aufnahm. Die herrliche Verschmelzung von Tönen und Worten wirkte auf das Kindesgemüt berauschend; ich lauschte entzückt. Das ganze Lied wurde im Rezitativ in sieben Tönen gesungen, wobei sich mein älterer Schwager David Ginsburg besonders auszeichnete, und hat sich so lebhaft, so unvergeßlich meiner Seele eingeprägt, daß ich den Anfang noch heute, an meinem späten Lebensabend, auswendig kann. Was gäbe ich darum, noch einmal in meinem Leben das Lied so schön singen hören zu können. Auch meine Mutter pflegte gewöhnlich noch bei Tische zu bleiben.

Meine Mutter ermahnte mich dann mehr als einmal, zu Bett zu gehen. Ich aber bat, noch bleiben zu dürfen, was sie mir für ein Weilchen auch gestattete. Als sie aber merkte, wie müd und abgespannt ich war, erfolgte eine zweite Ermahnung, und ich wiederholte meine frühere Bitte noch inständiger. Meine Stimme war wahrscheinlich dabei so innig, daß ich die Erlaubnis erhielt. Ich gab mir Mühe, nicht müde zu erscheinen und kroch auf einem im Winkel stehenden großen Armstuhl und hörte mit wahrem Seelengenuß dem Gesange zu. Bis zum Schluß hielt ich es aber nicht aus, und ich erwachte erst auf meinem Lager, als meine Njanja mich entkleidete und zurecht legte. Ich wurde dabei munter, schlief aber bald wieder in der seligsten Stimmung ein und erwachte am Morgen mit der gleichen frohen und vergnügten Laune. Alles im Hause war festlich geschmückt; überall feierliche, herrliche Osterstimmung! Draußen strahlte der Frühlingssonnenschein vom heiteren Himmel herab. Die Luft war mild und warm. Die ganze Natur schien ein festliches Kleid angelegt zu haben, wie wir alle im Hause. O goldene Kinderzeit im Elternhause, wie schön bist du!

DIE CHAGIGAH VON RECHOBOTH.

Von ~Julius Heilbrunn~.

Ich hatte meinen Aufenthalt in Erez Israel (anläßlich der Turnfahrt 1913) um eine Woche über die geplante Zeit hinaus verlängert, um den Seder in Jeruschalajim und die Chagigah in Rechoboth mitzuerleben. Ich habe den Entschluß nicht bereut. Ein freundlicher Zufall ließ mich auf dem Rückwege von Haifa nach Jerusalem das seltsame Peßachopfer der Samaritaner auf dem Berge Garisim sehen, das wie eine tolle unwahrhaftige Phantasie in meiner Erinnerung steht. Welch bizarre Mischung von Urtradition und modernstem Geschäftsgeist! Die Samaritaner bringen seit zweitausend Jahren die Peßachwoche auf der Opferstätte in Zelten zu. Die Zelte vermieten ihnen Thom. Cook Sons, wie riesige schwarze Lettern auf den weißen und bunten Zelttüchern verkünden.

Der Seder in Jerusalem wich von keinem Seder irgend eines jüdischen Hauses in der ganzen Welt ab. Deutschland und England, Rußland und Südafrika, Kanada und Australien hatten ihre Vertreter entsandt. Sie alle einte am Schluß das eine „~Gam~ leschanah habaah bijruschalajim!“

Der Weg nach Rechoboth führte mich über Ekron, das ich vordem nicht gesehen hatte. Als wir kamen, traten gerade die Makkabim (Turner) an, um in frischem Marsch und mit frohem Lied nach Rechoboth zu ziehen. Es war eine Freude, die prächtigen Gestalten in guter Haltung, netter Tracht und in bester Stimmung auf diesem Boden und bei diesem Marsch zu treffen. So ist an jenem Tage im ganzen Land aus den meisten jüdischen Kolonien die Jungmannschaft aufgebrochen, um auf dem Festplatz im männlichen Kampfspiel die Kräfte zu messen. Manche kamen auch durch Kolonien, die keine Makkabim zu entsenden hatten. Dieser Durchmarsch verfehlte seine Wirkung nicht. Beschämt stand in solchen Plätzen die Jugend dabei; man ist sofort daran gegangen, neue Vereine zu gründen oder schwach gewordene neu zu beleben.

Am Tage vor der Feier trafen wir in Rechoboth ein, das uns schon vordem lieb geworden war, weil es am stärksten den gesunden Geist des neuen freien jüdischen Jischub und wirtschaftliche Selbständigkeit erkennen ließ.

Mit Mühe fanden wir ein bescheidenes Unterkommen. In beiden Hotels war alles überfüllt, und es bedurfte eifrigen Zuredens, bis wir einen Wirt bewegen konnten, uns noch aufzunehmen. Dann gingen wir, so schnell es der tiefe Sand der Straßen erlaubte, zum Festplatz. Der Weg führt über die „Birkah“, das große Wasserreservoir auf der Höhe des den Ort beherrschenden Berges, der auch die schöne Synagoge und das Beth-Am (Volkshaus) trägt. Da oben sehen wir die ganze Ansiedlung vor uns ausgebreitet, die sich teils in geschlossenen Straßenzügen, teils in einzelnen Gehöften über die weit ausladenden Hügel erstreckt. Am Horizont verliert sich der Blick im Kranz der ringsumher liegenden reichen Orangenbojaren.

Unmittelbar zu unseren Füßen dehnte sich der Festplatz.

Schon heute am Vortage zeigte sich ein lebhaftes Gewimmel. Die Makkabim übten noch einmal ihre Gerät- und Freiübungen in den einzelnen Vereinen und wurden dann von Orloff zu einer Generalprobe zusammengenommen. Die Fußballgruppen fochten die ersten Vorkämpfe aus, die Reiter führten ihre Pferde vor, waren stolz, wenn sie bewundert wurden und liefen einige Privatrennen untereinander. Es ist eine Lust, die feurigen, gutgebauten Tiere und die schneidigen Reiter zu sehen, frische Jungen, Schomrim (Wächter) und Kolonistensöhne, ein wildes, ungebärdiges Volk, denen die Freude am Reiten und Schießen aus den blanken Augen blitzt, wunderhübsch in ihrem schmucken weißen, weit über den Nacken fallenden Kopftuch, das sie von den Beduinen übernommen haben, weil es ebenso schön wie praktisch ist.

Zum erstenmal hatte man auf Anregung des Koloniearztes Dr. Moskowitz, der die Organisation des ganzen Festes mit geschickter und energischer Hand leitet, eine Ausstellung von landwirtschaftlichen und industriellen Erzeugnissen versucht. Es war ein kleiner, aber wohlgelungener Anfang. Das Syndikat der Weinbauern hatte sein Zelt mit freiem Weinausschank, einzelne Kolonisten hatten besonders große, gut geratene Früchte ausgestellt, ein Holzwarenfabrikant zeigte sehr interessante Produkte der Verwendung des Eukalyptusholzes, ein Aussteller landwirtschaftliche Maschinen mit eigenen Erfindungen und Verbesserungen, die den Bedürfnissen des Landes angepaßt waren.

Wir trafen noch alles in voller Vorbereitung an; die Frauen der leitenden Männer waren bemüht, die Ausstellungszelte mit dem Schmuck des Landes, mit Blüten und mit über mannsgroßen Palmblättern zu verschönern. Nicht ungern stellten wir beschäftigungslosen Ausstellungsbummler uns ihnen bei dieser Arbeit zur Verfügung. Es wurde auch nicht vergessen, für die leiblichen Bedürfnisse des kommenden Tages zu sorgen. Große Zelte wurden aufgeschlagen, in denen es später Tee, den man dort trotz des guten Weines viel und leidenschaftlich gern trinkt, sowie Obst und mancherlei Speisen gab.

Es lag eine Stimmung erwartungsvoller Vorfreude über dem Platz. Dann kam ein Abend, ein stiller, friedvoller, mondlos dunkler Dorfabend.

Der nächste Tag enttäuschte die Erwartungen nicht. Schon früh strömten von allen Seiten große Massen Volkes zu Pferd, zu Esel und zu Wagen herbei. Bald sammelte sich eine zahlreiche Wagenburg auf der einen Seite des Festplatzes. Am stärksten wurde der Zufluß, als der Extrazug, den die Eisenbahn von Tel Awiw, dem jüdischen Viertel von Jaffa, aus eingelegt hatte, in Ramleh angekommen war und seine Insassen sich in langer Kolonne heranwälzten. Viertausend Menschen bedeckten in unendlichem Gewimmel den Festplatz. Sehr viele Araber waren darunter, die mit unverhohlenem, schweigsamem Staunen das fremde Bild betrachteten. Ganz ungezwungen, wenn auch meist in geschlossenen Gruppen, bewegten sich zahlreiche Jemeniten unter der fröhlichen Menge. Eine fleißige Kapelle ließ ihre lustigen Weisen über das Feld hin ertönen. Wir trafen Bekannte aus dem ganzen Lande wieder, begrüßten uns mit ihnen voll herzlicher gegenseitiger Freude: es war, als ziehe die sechswöchige Fußwanderung noch einmal in wenigen Stunden an uns vorüber.

Schon am frühen Morgen waren die Turner auf dem Platze. Der Makkabiverband von Palästina umfaßte damals 980 Turner (die Zahl ist inzwischen ständig gewachsen). Ein sehr großer Teil von ihnen war zugegen und gab dem Fest den Charakter. Es wurden Gerät- und Freiübungen vorgeführt, es gab spannende Fußballwettkämpfe, Wettläufe, Tauziehen. Die einzelnen Kolonien wetteiferten, einander den Rang abzulaufen, aus Tel Awiw hatte das hebräische Gymnasium seine Schüler in den Kampf gesandt.

Gleich nach der Mittagspause vereinigte ein gewaltiger Festzug die gesamte mitwirkende Mannschaft. Mit fliegenden Fahnen zogen die einzelnen Gruppen des Zuges wohlgeordnet durch das Dorf. Vor dem Hause des Waad (Gemeinderat der Kolonie) hielt man an. Der Rosch hawaad (Vorsteher), Herr Eisenberg, trat auf den Balkon und hielt eine lange, mit großer Begeisterung, vielfach mit Tränen der Rührung aufgenommene Rede. So wenig Hebräisch ich verstand, so merkte ich doch, daß er das heutige Peßach mit dem Peßach von Mizrajim verglich und auf ein Peßach der Zukunft hindeutete. Das oft wiederholte Wort ~Cheruth~ (Freiheit) war der Grundton seiner Ansprache. In diesem Augenblick war in uns allen die Wahrheit des oft gesungenen „Am Jisrael chaj -- Das Volk Israel lebt“ tiefstes Erlebnis.

Der Zug marschierte zum Festplatz zurück, die Wettkämpfe wurden wieder aufgenommen, die Reiter absolvierten ihre interessanten Wettrennen. Dabei beteiligte sich auch Zipporah, die Tochter eines Ansiedlers aus einer der südlichsten Kolonien, Frau eines Schomer.

Beim Wettrennen gab es einen peinlichen Zwischenfall, einen heftigen Streit, weil ein Teilnehmer wegen Behinderung disqualifiziert werden sollte und dennoch mitreiten wollte. Der Streit wurde geschlichtet, aber es war doch eine Dissonanz in dem sonst so harmonisch verlaufenen Tag. Das Bild wäre aber gefälscht, wenn ich dies nicht auch erwähnen wollte.

Der Tag ging zur Neige. Die Siegespreise wurden auf dem Platze verteilt, manch gute Rede noch gehalten, die letzten Gläser Wein getrunken -- wobei ich hervorheben muß, daß trotz des freien Ausschanks von gutem schweren Wein kein Betrunkener bei diesem Volksfest zu finden war.

Wir verließen den Festplatz. Der Weg führte uns an der Synagoge vorbei; da sie erleuchtet war, traten wir ein und fanden die Mitglieder des Talmudvereins beim Lernen, meist alte Männer, aber lauter kräftige bäurische Gestalten. So reicht sich hier altes und neues jüdisches Leben die Hand.

Abends fand im Beth-Am, das die Masse der Zuhörer nicht fassen konnte, ein Neschef, eine musikalisch-literarische Abendunterhaltung statt. In die Töne einer Sonate von Beethoven hinein klangen von draußen ab und zu die Freudenschüsse der abfahrenden Gäste.

ANMERKUNGEN DES HERAUSGEBERS.

Zuvörderst schulde ich Herrn ~S. J. Agnon~ vielen Dank, der mir bei der Auswahl und Übersetzung seine sehr wertvolle Hilfe geliehen hat und ohne dessen Unterstützung ich damit nicht hätte zurechtkommen können.

Von den im Buche enthaltenen Stücken sind folgende sieben ursprünglich deutsch geschrieben: ~Zlocisti~, Die Peßach-Hagadah; ~Peßach im Jemen~, ~Buber~, Der Seder des Unwissenden; ~Kompert~, Das Mazzothbacken; ~Heine~, Der Rabbi von Bacherach; ~Wengeroff~, Peßach in Rußland vor siebzig Jahren; ~Heilbrunn~, Die Chagigah. Hiervon hat Herr Dr. Zlocisti das erste Stück für dieses Peßach-Buch geschrieben, ebenso Herr Dr. Heilbrunn das letzte. „Peßach im Jemen“ ist einem der Alliance Israélite Universelle erstatteten und in der Zeitschrift „Ost und West“ 1906 abgedruckten Reisebericht entnommen. Das Stück von Kompert ist aus dessen „Skizzen aus dem Ghetto“ (geschrieben 1846) im zehnten Bande seiner sämtlichen Werke (Leipzig); das von Heine bildet das erste Kapitel seines Erzählungsbruchstückes „Der Rabbi von Bacherach“ (geschrieben 1824-25), das von Pauline Wengeroff ist mit freundlicher Erlaubnis der Verfasserin dem ersten Bande ihrer „Memoiren einer Urgroßmutter“ (Berlin 1910) entnommen.

Zwei Stücke sind aus dem Jiddischen übersetzt: „Der Tausch“ von ~Mendele Mocher Sforim~ und „Der Zauberkünstler“ von ~J. L. Perez~. Das erstere entstammt den Gesammelten Schriften von Mendele „dem Buchhändler“, dem ausgezeichneten, gemütvollen und volkstümlichen Humoristen, und ist von mir übersetzt; das zweite ist von ~Mathias Acher~ übertragen und in den „Volkstümlichen Erzählungen“ von Perez (Berlin, Jüdischer Verlag) enthalten. Es behandelt wie so viele Erzählungen des Dichters einen Stoff aus der legendenhaften Volkspoesie der chassidischen Volkskreise.

Alle übrigen (14) Beiträge sind aus dem ~Hebräischen~ übersetzt. Die das Buch einleitenden beiden Stücke sind aus dem zweiten Buch Moses und aus der Peßach-Hagadah genommen. Die schöne Skizze von ~S. Ben-Zion~ aus „Bilder aus der Jugend“ (Verlag Moriah, Odessa). Das Stück „Von Moses“, sowie die weiteren Stücke „Pharaos Traum“, „Vom Auszuge“, „Die Ordnung beim Schlachten“ und „Von der Wallfahrt“ stammen aus der großen Literatur der Midraschim (der an das Fünfbuch anknüpfenden Erzählungen, Legenden, Märchen, Betrachtungen). „Pharaos Traum“ ist nach dem Midrasch „Leben Moses“ und dem Midrasch „Wajoscha“, der letzte Absatz „Von Moses“ nach dem Midrasch „Schemoth Rabba“; die übrigen aber nach der Ausgabe „Sefer haagadah“ von Bialik und Rawnitzki (Odessa, Verlag Moriah) und übertragen von meinem lieben Freunde Dr. ~Hugo Bergmann~.

„Mit reichem Gute“ ist aus dem dritten Band der Schriften von ~A. L. Lewinski~ (Odessa, Verlag Jabneh); „~Peßach in Jerusalem~ zur Römerzeit“ aus dem Buche „Schewet Jehudah“ von Salomo ~Ben Virga~, herausgegeben von Dr. M. Wiener (Hannover 1855); „~Das Peßach der Samaritaner~“ erschien im „Luach Erez-Israel“ (Palästina-Kalender) für 5663 (1902-03), redigiert von ~A. M. Luncz~ in Jerusalem. Es schildert das Peßachfest, wie es die Bewohner von Sichem (Samaritaner), eine merkwürdige jüdische Gruppe, die leider am Aussterben ist, noch heutigen Tags feiert (jetzt gibt es ihrer nur mehr etwa 70 Familien). „Der Seder“ von ~Agnon~ ist noch nicht in Buchform erschienen. Den Bericht von ~Z. Kasdai~ über Peßach in Kaukasien fanden wir in N. 75 der Zeitung „Hameliz“ von 1903. „Melameds Hoffnung“ von ~Bialik~, übersetzt von Dr. ~Moritz Zobel~, ist bisher deutsch nur in der „Welt“ (1903, N. 16) erschienen.

Die Stücke, wo ein Übersetzer nicht genannt ist, sind von mir übertragen, doch ist die Übersetzung des Liedchens „Chad gadja“ in der Hagadah dem zweiten Kapitel von ~Heines~ „Rabbi von Bacherach“ entnommen (mit Ausnahme des letzten Verses, der dort fehlt).

* * * * *

Wenn ich zur Besprechung der ~Bilder~ übergehe, habe ich auch hier die angenehme Pflicht, mit einem Dank zu beginnen. Er gilt Herrn ~J. H. Wagner~ in Berlin, der aus seinen reichen Bücherschätzen alle Vorlagen für die Reproduktion, insbesondere die kostbare Hagadah von Mantua, zur Verfügung gestellt und wertvolle Ratschläge erteilt hat. Nur die Zeichnung des „Baruch“ (Seite 18) und die Abbildungen aus der Prager Hagadah von 1526 (Randleiste des Titels) und Seite 55 und 132 stammen nicht von ihm. Die Umschlagzeichnung habe ich nach einer Reproduktion der Gruppe „Sulamith“ von unserm Meister Henryk Glicenstein angefertigt.

Der Rahmen um den Titel ist aus einer 1526 zu Prag gedruckten Hagadah (unten das Prager Wappen). Ebendaher das schöne Schmuckblatt zum Sch’foch auf Seite 55, aus dem auf Seite 132 ein Detail wiederholt ist.

Auf Seite 5 ist das Titelblatt eines römischen Machsor abgebildet, das im Jahre 5482 (1722) von Jizchak Jare und Jakob Chawer-tob in ~Mantua~ gedruckt wurde. Aus diesem Buche stammen noch die Abbildungen auf Seite 114 und 115. Sie illustrieren die Worte „Mazzah“ und „Maror“.

Seite 12 stellt das Titelblatt einer von Moses May zu ~Metz~ im Jahre 5527 (1767) gedruckten Hagadah dar. Die Zeichnung zeigt oben Moses, der das verirrte Lamm sucht und an den brennenden Dornbusch gerät; er hat eben auf Gottes Geheiß die Schuhe abgelegt.

Die beiden unteren Bildchen auf Seite 16 und 17 (der Böse und Der nicht zu fragen weiß) sind aus der in dem Werke Seder Birkath Hamason enthaltenen Hagadah, gedruckt im Jahre 5513 (1753) zu ~Frankfurt~ a. O. von Doktor Professor Grilo. Aus demselben Buche sind noch die Abbildungen auf Seite 18 (die Fahrt Abrahams mit dem kleinen Lot über den Strom), Seite 20 (die schwere Arbeit in Mizrajim), Seite 29 (Einzug des Meschiach in Jerusalem, vor ihm der Prophet Eliahu) und Seite 105 (Hasenjagd).

Die Schrift ~Baruch~ auf Seite 18 entstammt einer Machsorhandschrift aus dem 13. Jahrhundert, die auf der Hamburger Stadtbibliothek aufbewahrt wird.

Die Abbildung auf Seite 24 (Lehrer beim Vortrag) lieferte ein jüdisch-deutsches Minhagim-Buch, gedruckt von Herz Levy Rofe (Arzt) in ~Amsterdam~ 5483 (1723). Ebendaher die Abbildungen auf Seite 160 (Mazzahmehl-Mahlen), 164 (Mazzothbacken), 193 (Kaschern der Gefäße) und 194 (B’dikath Chamez, Wegräumung des Gesäuerten; das Kind unterm Tische hält das Licht).

Seite 37 zeigt die Nachbildung des Titelblattes einer von Jakob Proops im Jahre 5570 (1810) zu ~Amsterdam~ gedruckten Hagadah.

Die Abbildungen auf Seite 58 bis 61 stellen Szenen aus den Vorbereitungen für das Peßachfest dar. Das „Kaschern“, das Scheuern des Geschirrs, das Durchsuchen der Truhen nach Chamez, das Mehlbeuteln. Sie sind in dem Vorbild, einer von Leo von Modena (Jehuda Arje Memodena) mit einer Erläuterung herausgegebenen und von Bragadin in ~Venedig~ 5476 (1716) gedruckten Peßach-Hagadah „Z’li esch“ von Sprüchen in jüdisch-deutscher Sprache des 17. Jahrhunderts begleitet, wie: „Die besucht ihre Kisten mit großen Sorgen“, oder: „Und die scheuert ihr Geschirr gar fein.“ Dieselbe Vorlage gab auch die Bildchen auf Seite 75 (Moses und Aaron), Seite 139 (Mazzah und Maror) und Seite 209 (Der Prophet Jesaia).

Die kleinen Bildchen auf Seite 80, 81, 150, 151 stammen aus einer von Hirsch Edelmann in ~Königsberg~ herausgegebenen kleinen Hagadah in Quer-Sedez-Format vom Jahre 5605 (1845). Sie stellen dar: einen von den ägyptischen Frohnvögten geschlagenen Juden, die vier Söhne aus der Hagadah (der Böse hält die Hände vor die Augen und will von nichts wissen), das Sedermahl, die eilige Flucht aus Mizrajim.

Alle übrigen Abbildungen sind den schönen Hagadah von ~Mantua~ entnommen, die Jizchak Bassan 5321 (1561) gedruckt und die der Zensor Camill Jaghel 1603 mit seiner eigenhändigen Unterschrift versehen hat. Die Bilder erklären sich selbst oder aus dem Text; das auf Seite 27 stellt den Hausvater dar, der „wie ein König“ zu Tische sitzt und den Segensspruch über den Becher Weines spricht.

WÖRTERVERZEICHNIS.

~Afikoman~ s. ~Epikomon~.

~Aramite~, Bewohner von Aram (ﬡֲﬧַﬦ), Syrien.

~Arba Kossoth~ (אַﬧְבַּﬠ כּוֹסוֹת), die vier Becher, vgl. ~Koß~.

~B’dikath chamez~ (בְּדִיקַת חָמֵץ), Wegräumen des Gesäuerten.

~Beth-Din~ (בֵית־דִין), Gericht.

~Beth-Hamidrasch~ (בֵית־הַמִּדְרָש), Bethaus, Synagoge.

~Borschtsch~ (slawisches Wort), ein Peßachgericht, das hauptsächlich aus roten Rüben besteht.

~Chamez~ (חָמֵץ), Gesäuertes.

~Charoßeth~ (חֲרוֹסֶת), ein aus verschiedenen Ingredienzien bereiteter süßer Wein, der an den bei den Frohnarbeiten in Mizrajim verwendeten Mörtel erinnern soll.

~Dajan~ (דַּיָּן), Richter.

~Epikomon~, Nachtisch.

~Erew~ (עֶרֶב), Vorabend, Vortag.

~Erew-Raw~ (עֶרֶב־רָב), Gesindel, das sich den abziehenden Israeliten anschloß.

~Erez-Israel~ (אֶרֶץ־יִשְׂרָאֵל), Palästina.

~Galuth~ (גָלוּת), Verbannung, Exil.

~Ginossar~ (גִנוֹסַר), die Gegend von Tiberias in Galiläa (Nordpalästina) am Genezareth-See.

~Golem~ (גּוֹלֶם), künstlicher Mensch ohne Seele und Leben.

~Hawdalah~ (הַבְדָלָה), Zeremonie am Sabbathausgang.

~Hessebett~, der mit Polstern versehene Sitz des den Seder Abhaltenden.

~Jalkut~ (יַלְּקוּט), ein midraschisches Werk.

~Jemen~, Südarabien.

~Karpas~ (כַּרְפַּס), Petersilie.

~Kiddusch~ (קִדוּשׁ), Segensspruch über den Wein.

~Kohanim~ (כּהֲנִים), Priester.

~Koß~ (כּוֹס), Becher.

~Megillah~ (מְגִילָּה), das Buch Esther.

~Melamed~ (מְלַמֵּד), Lehrer.

~Meschiach~ (מָשִׁיחַ), Messias, Erlöser.

~Minchah~ (מִנְּחָה), Nachmittagsgebet.

~Mischnah~ (מִשְׁנָה), Aufzeichnungen des überlieferten Gesetzes.

~Mizwah~ (מִצְוָה), Gebot, verdienstliche Handlung.

~More~ (מוֹﬧֶﬣ), Lehrer.

~More Zedek~ (מוֹﬧִﬣ צֶﬢֶק), Gelehrter.

~Rabbi~ (רַבִּי), Lehrer, Gelehrter; in der Anrede: Reb.

~Raschi~ (רשׁ״י), Rabbi Sch’lomoh Jizchaki, Verfasser des verbreitetsten Kommentars zu Bibel und Talmud.