Chad Gadja: Das Peßachbuch

Part 10

Chapter 103,440 wordsPublic domain

Sei es nun durch den einförmigen Ruderschlag, oder durch das Schaukeln des Fahrzeugs, oder durch den Duft jener Bergesufer, worauf die Freude wächst, immer geschieht es, daß auch der Betrübteste seltsam beruhigt wird, wenn er in der Frühlingsnacht in einem leichten Kahne leicht dahinfährt auf dem lieben, klaren Rheinstrom. Wahrlich, der alte, gutherzige Vater Rhein kann’s nicht leiden, wenn seine Kinder weinen; tränenstillend wiegt er sie auf seinen treuen Armen und erzählt ihnen seine schönsten Märchen und verspricht ihnen seine goldigsten Schätze, vielleicht gar den uralt versunkenen Niblungshort. Auch die Tränen der schönen Sara flossen immer milder und milder, ihre gewaltigsten Schmerzen wurden fortgespült von den flüsternden Wellen, die Nacht verlor ihr finstres Grauen, und die heimatlichen Berge grüßten wie zum zärtlichsten Lebewohl. Vor allen aber grüßte traulich ihr Lieblingsberg, der Kedrich, und in seiner seltsamen Mondbeleuchtung schien es, als stände wieder oben ein Fräulein mit ängstlich ausgestreckten Armen, als kröchen die flinken Zwerglein wimmelnd aus ihren Felsenspalten, und als käme ein Reiter den Berg hinaufgesprengt in vollem Galopp; und der schönen Sara war zumute, als sei sie wieder ein kleines Mädchen und säße wieder auf dem Schoße ihrer Muhme aus Lorch, und diese erzähle ihr die hübsche Geschichte von dem kecken Reuter, der das arme, von den Zwergen geraubte Fräulein befreite, und noch andre wahre Geschichten, vom wunderlichen Wispertale drüben, wo die Vögel ganz vernünftig sprechen, und vom Pfefferkuchenland, wohin die folgsamen Kinder kommen, und von verwünschten Prinzessinnen, singenden Bäumen, gläsernen Schlössern, goldenen Brücken, lachenden Nixen... Aber zwischen all diesen hübschen Märchen, die klingend und leuchtend zu leben begannen, hörte die schöne Sara die Stimme ihres Vaters, der ärgerlich die arme Muhme ausschalt, daß sie dem Kinde soviel Torheiten in den Kopf schwatze! Alsbald kam’s ihr vor, als setzte man sie auf das kleine Bänkchen vor dem Sammetsessel ihres Vaters, der mit weicher Hand ihr langes Haar streichelte, gar vergnügt mit den Augen lachte und sich behaglich hin und her wiegte in seinem weiten, blauseidenen Sabbathschlafrock... Es mußte wohl Sabbath sein, denn die geblümte Decke war über den Tisch gebreitet, alle Geräte im Zimmer leuchteten, spiegelblank gescheuert, der weißbärtige Gemeindediener saß an der Seite des Vaters und kaute Rosinen und sprach hebräisch, auch der kleine Abraham kam herein mit einem allmächtig großen Buche, und bat bescheidentlich seinen Oheim um die Erlaubnis, einen Abschnitt der Heiligen Schrift erklären zu dürfen, damit der Oheim sich selber überzeuge, daß er in der verflossenen Woche viel gelernt habe und viel Lob und Kuchen verdiene... Nun legte der kleine Bursche das Buch auf die breite Armlehne des Sessels und erklärte die Geschichte von Jakob und Rahel, wie Jakob seine Stimme erhoben und laut geweint, als er sein Mühmchen Rahel zuerst erblickte, wie er so traulich am Brunnen mit ihr gesprochen, wie er sieben Jahre um Rahel dienen mußte, und wie sie ihm so schnell verflossen, und wie er die Rahel geheiratet und immer und immer geliebt hat... Auf einmal erinnerte sich auch die schöne Sara, daß ihr Vater damals mit lustigem Tone ausrief: „Willst du nicht ebenso dein Mühmchen Sara heiraten?“ worauf der kleine Abraham ernsthaft antwortete: „Das will ich, und sie soll sieben Jahr warten.“ Dämmernd zogen diese Bilder durch die Seele der schönen Frau, sie sah, wie sie und ihr kleiner Vetter, der jetzt so groß und ihr Mann geworden, kindisch miteinander in der Lauberhütte spielten, wie sie sich dort ergötzten an den bunten Tapeten, Blumen, Spiegeln und vergoldeten Äpfeln, wie der kleine Abraham immer zärtlicher mit ihr koste, bis er allmählich größer und mürrischer wurde, und endlich ganz groß und ganz mürrisch... Und endlich sitzt sie zu Hause allein in ihrer Kammer eines Samstags Abend, der Mond scheint hell durchs Fenster, und die Tür fliegt auf, und hastig stürmt herein ihr Vetter Abraham in Reisekleidern und blaß wie der Tod, und er greift ihre Hand, steckt einen goldenen Ring an ihren Finger und spricht feierlich: „Ich nehme dich hiermit zu meinem Weibe, nach den Gesetzen von Moses und Israel! Jetzt aber“ -- setzt er bebend hinzu -- „jetzt muß ich fort nach Spanien. Lebewohl, sieben Jahre sollst du auf mich warten!“ Und er stürzt fort, und weinend erzählt die schöne Sara das alles ihrem Vater... Der tobt und wütet: „Schneid ab dein Haar, denn du bist ein verheiratetes Weib!“ -- und er will dem Abraham nachreiten, um einen Scheidebrief von ihm zu erzwingen; -- aber er ist schon über alle Berge, der Vater kehrt schweigend nach Haus zurück, und wie die schöne Sara ihm die Reitstiefel ausziehen hilft und besänftigend äußert, daß der Abraham nach sieben Jahren zurückkehre, da flucht der Vater: „Sieben Jahr sollt ihr betteln gehn!“ und bald stirbt er.

So zogen der schönen Sara die alten Geschichten durch den Sinn wie ein hastiges Schattenspiel: die Bilder vermischten sich auch wunderlich, und zwischendurch schauten halb bekannte, halb fremde bärtige Gesichter und große Blumen mit fabelhaft breitem Blattwerk. Es war auch, als murmelte der Rhein die Melodien der Hagadah, und die Bilder derselben stiegen daraus hervor, lebensgroß und verzerrt, tolle Bilder: der Erzvater Abraham zerschlägt ängstlich die Götzengestalten, die sich immer hastig wieder von selbst zusammensetzen; der Mizri wehrt sich furchtbar gegen den ergrimmten Moses; der Berg Sinai blitzt und flammt; der König Pharao schwimmt im Roten Meere, mit den Zähnen im Maule die zackige Goldkrone festhaltend; Frösche mit Menschenantlitz schwimmen hintendrein, und die Wellen schäumen und brausen, und eine dunkle Riesenhand taucht drohend daraus hervor.

Das war Hattos Mäuseturm, und der Kahn schoß eben durch den Binger Strudel. Die schöne Sara war dadurch etwas aus ihren Träumereien gerüttelt und schaute nach den Bergen des Ufers, auf deren Spitzen die Schloßlichter flimmerten, und an deren Fuß die mondbeleuchteten Nachtnebel sich hinzogen. Plötzlich aber glaubte sie dort ihre Freunde und Verwandte zu sehen, wie sie mit Leichengesichtern und in weißwallenden Totenhemden schreckenhaftig vorüberliefen, den Rhein entlang... es ward ihr schwarz vor den Augen, ein Eisstrom ergoß sich in ihre Seele, und wie im Schlafe hörte sie nur noch, daß ihr der Rabbi das Nachtgebet vorbetete, langsam ängstlich, wie es bei todkranken Leuten geschieht, und träumerisch stammelte sie noch die Worte: „Zehntausend zur Rechten und zehntausend zur Linken; den König zu schützen vor nächtlichem Grauen...“

Da verzog sich plötzlich all das eindringende Dunkel und Grausen, der düstre Vorhang ward vom Himmel fortgerissen, es zeigte sich oben die heilige Stadt Jerusalem mit ihren Türmen und Toren; in goldner Pracht leuchtete der Tempel; auf dem Vorhofe desselben erblickte die schöne Sara ihren Vater in seinem gelben Sabbathschlafrock und vergnügt mit den Augen lachend; aus den runden Tempelfenstern grüßten fröhlich alle ihre Freunde und Verwandte; im Allerheiligsten kniete der fromme König David mit Purpurmantel und funkelnder Krone, und lieblich ertönte sein Gesang und Saitenspiel -- und selig lächelnd entschlief die schöne Sara.

PESSACH IN RUSSLAND VOR SIEBZIG JAHREN.

Von ~Pauline Wengeroff~.

Die Zeit vor Peßach verging in endlosen Vorbereitungen für die Wirtschaft, für Kleider und Putzsachen. Endlich nahte der wichtige Tag des Erew-Peßach heran. Da erreichte die Arbeit ihren Höhepunkt! Am Abend vorher wird auch eine rituelle Handlung vollzogen: das B’dikath Chamez, d. h. das Fortschaffen des gesäuerten Brotteiges aus dem Hause. Da begab sich meine Mutter in die Küche, ließ sich von der Köchin einen hölzernen Löffel und einige Gänsefedern geben, wickelte um beides einen weißen Lappen, nahm ein Wachskerzchen dazu, band das ganze mit einem Bindfaden fest und brachte es in das Zimmer des Vaters, wo sie es auf das Fensterbrett legte. Diese scheinbar bedeutungslosen Gegenstände sollten abends bei einer religiösen Handlung verwendet werden. Mein Vater nahm, nachdem er zu Abend gebetet hatte, das Bündel, steckte das Wachskerzchen an und übergab es meinem Bruder, dessen Hand ihm als Leuchter dienen sollte, und nun ging der Feldzug gegen den Chamez durch das ganze Haus. Jedes Fensterbrett, jeder Winkel, in dem man Speisen vermutete, wurde von meinem Vater untersucht und von meinem Bruder mit dem Wachskerzchen erleuchtet. Die aufgefundenen Krümel wurden mit den Federn in den Löffel gescharrt, nachdem mein Vater das dazu bestimmte Gebet gesprochen hatte. Wir Kinder machten uns manchmal den Spaß, vorher überall Krümel anzuhäufen, worüber sich der Vater wunderte, da doch an diesem Tage die Fensterbrettchen gewöhnlich mit besonderer Aufmerksamkeit gesäubert wurden. So untersuchte er nun gründlich die Fenster, und die Mutter mußte sich beeilen, das noch vorhandene Brot aus dem Hause zu räumen, denn das Gesetz gebot, daß alles Brot, das auf der Suche durchs Haus vorgefunden wurde, gesammelt und verbrannt werde. Nachdem diese Handlung vollbracht war, speiste man etwas früher zu Abend als sonst. Das inzwischen verborgene Brot durfte nun zwar auf den Tisch kommen, die gesammelten Brotkrümel im Löffel aber wurden mit dem Wachskerzchen und den Federn in einen Lappen gebunden und auf dem Hängeleuchter im Speisezimmer recht hoch befestigt, damit es keine Maus erreiche, welche die Krümel sonst wieder zerstreuen könnte. Man ging zeitig schlafen, um am nächsten Morgen recht früh aufzustehen, denn um 9 Uhr morgens darf sich kein Bissen Brot oder sonstiger Chamez im Hause eines religiösen Juden vorfinden. Wir Kinder wurden sehr früh geweckt und mußten Frühstück und Mittagessen auf einmal verzehren. Das Nationalgericht für diesen Morgen ist heiß gesottene Milch mit Weißbrot. Doch war meist zu dieser Stunde schon ein Braten fertig, an dem sich mancher Hausgenosse gütlich tat. „Und nun rasch, rasch!“, trieb meine Mutter alle im Hause an, auch die Dienerschaft aß doppelt soviel als sonst, denn es durfte doch nichts vom Chamez zurückbleiben. Wir Kinder machten allerhand Späße und verabschiedeten uns dann für volle acht Tage vom Brote. Das Geschirr wurde rasch gewaschen, und die Mutter befahl dem Diener, alles ins Speisezimmer zu bringen. Von dem teuren Porzellanservice bis zur letzten Kupferkasserole wurden alle Stücke bunt durcheinander auf die Diele, den Tisch, die Fenster gestellt und dann mußte alles in große Kisten gepackt und auf den Boden gebracht werden, woher sodann die gefüllten Kisten mit dem Peßachgeschirr herunter getragen wurden. Das Speisezimmer wurde wieder gründlich gereinigt, die Fensterbrettchen mit weißem Papier bedeckt. Der große Speisetisch wurde auseinander gezogen, mit einem weißen Tuch oder mit Papier bedeckt und dann der zu seiner ganzen Länge ausgezogene Tisch mit dickem Filz, einer Schicht Heu und vieler grauen Leinwand bedeckt, die mit kleinen Nägeln befestigt werden, das wir Kinder mit so großer Neugierde erwarteten, weil jedes von uns darunter seinen bestimmten Kos (kleiner Becher von hübscher Form) hatte. Aber damit nicht genug! Es gab um diese Zeit auch an allen Orten und in allen Zimmern viel Interessantes für uns zu sehen, besonders im Hof, wo alle Holztische und -bänke zum Kaschern aufgestellt waren. Man goß die Bank oder den Tisch mit siedendem Wasser, strich mit einem zum Glühen gebrachten Eisen darüber hin und her und schüttete dann gleich kaltes Wasser auf die Gegenstände.

Außer diesem Schauspiel gab es aber noch etwas Großartigeres: der Vater erschien nämlich in der Küchentür mit dem Chamez von gestern in der Rechten und ließ Feiwele, den alten Wächter, Ziegelsteine und trockene Holzstücke bringen. Der Alte besorgte das blitzschnell, errichtete aus den Ziegeln einen kleinen Herd und legte die Holzstücke darauf. Mein Vater legte den Löffel mit den darin befindlichen Krümeln auf den Scheiterhaufen und ließ das Holz in Brand setzen. Wir Kinder liefen hin und her, um uns, wenn irgend möglich, dabei nützlich zu machen. Das trockene Holz fing sofort Feuer, und ein Flämmchen nach dem andern züngelte aus dem Scheiterhaufen hervor. Und wir Kinder schrien: „Seht, seht, die Federn sind schon versengt! Der Lappen brennt schon...“ Endlich verschlangen die vereinten Flammen auch den Löffel, und es dauerte nicht länger als zehn Minuten, so war das Autodafé des Chamez vollzogen. Mein Vater verließ nicht eher den Schauplatz, als bis alle Überbleibsel des Scheiterhaufens weggeräumt waren, denn nach der Vorschrift darf man selbst nicht auf die Asche treten, auch wenn es „Nutzen oder Vergnügen“ brächte.

Wir Kinder sprangen von da in das Eßzimmer, wo Schimen, der „Meschores“ (der Diener), mit dem Auspacken des Peßachgeschirrs beschäftigt war. Wir wollten auch hier helfen und von unseren Kossoth (Weinbecherchen) Besitz ergreifen, da schmunzelte der Diener schalkhaft und meinte, daß wir dazu noch nicht gehörig vorbereitet seien. Wir waren verblüfft und sahen ihn fragend und bestürzt an. Mit gleichgültiger Miene erklärte er, daß wir noch nicht gescheuert und gekaschert seien. „Wieso gekaschert?“ fragten wir. „Ja, ja,“ versetzte unser Peiniger, „Ihr müßt heiße glühende Steindelach (Steinchen) in den Mund nehmen, sie dort herumkollern, hernach mit kaltem Wasser ausspülen, ausspucken, dann erst dürft ihr dieses Geschirr anrühren.“ Wir fanden keine Antwort und stürzten weinend in die Küche, wo meine Mutter in voller Arbeit war. Sie beriet eben mit der Köchin die Bereitung des Indianvogels, eines riesigen Truthahns, der bereits geschlachtet, gerupft, gesengt, gesalzen und dreimal mit Wasser abgespült war. Jetzt lag er auf dem Brett, und die Köchin hielt ihn mit beiden Händen fest, als wenn er davonfliegen wollte, während die Mutter, mit einem großen Küchenmesser bewaffnet, den Hauptschnitt ausführte. Unweit von diesem Schauplatz, rechts von der Bank, lag auf einem abgehobelten Brett in seiner ganzen Länge ein silberschuppiger Hecht aus dem Flusse Bug, noch der kunstgerechten Behandlung harrend. Auf der linken Seite stand der sauber gescheuerte Küchentisch, auf dem sich verschiedene Schüsseln, Teller, Gabeln, Löffel befanden, ferner ein großer Korb Eier, ein Topf Mazzothmehl, das meine Schwester eben siebte und aus dem später die schmackhaften Torten, Mandelkuchen usw. bereitet wurden. Wir wollten nun die Mutter fragen, ob Simon recht hätte. Aber wir blieben, von der Mutter reger Arbeit gefesselt, stehen. Die schreckliche Vorstellung von den glühenden Steindelach im Mund erpreßte uns ein leises Schluchzen und meine jüngere Schwester überredete mich, die Mutter doch zu interpellieren. Allein die Mutter kam uns zuvor. Ihr war unser Flüstern schon längst aufgefallen und, halb verwundert, halb ärgerlich, fragte sie uns, weshalb wir so ungestüm in die Küche gestürzt wären. Da erzählten wir mit kläglicher Stimme, in halben Sätzen, was der böse Schimen uns gesagt hätte. Sie verstand nicht recht und ward ungeduldig. Dann schrie sie plötzlich auf: „Was für glühende Steindelach? Wer hat sie in den Mund genommen? Wer hat sich mit heißem Wasser begossen?“ Nach einer langen Auseinandersetzung erfuhr sie endlich die eigentliche Ursache unserer Besorgnis. Sie ließ Schimen sofort kommen und verbot ihm energisch, uns so dummes Zeug vorzuschwätzen. Uns sagte sie, wir sollten uns waschen und reine Kattunkleidchen anlegen, dann wären wir würdig, unsere Kossoth in Empfang zu nehmen. Im Nu waren wir angekleidet. Mit triumphierenden Mienen sprangen wir ins Eßzimmer und halfen nun das Geschirr abwischen.

Während meine Mutter mit dem Tischdecken und dem Vorbereiten der verschiedenen kleinen Symbole für die Abendfeier beschäftigt war, kam der Vater oft und erkundigte sich, ob nichts vergessen worden sei. Zur Krönung des Werkes ließ die Mutter noch einige Daunenkissen und eine weiße Pikeedecke holen und bereitete für den Vater zur linken einen Ruhesitz, das Hessebett, ein ähnliches wurde auf zwei Stühlen für die jungen Männer neben ihren Sitzplätzen hergerichtet. Jeder Winkel atmete Sauberkeit und Behaglichkeit, und die festliche Stimmung, die im Hause herrschte, teilte sich jedem mit.

Die Abenddämmer stiegen langsam hernieder. Die Teestunde nahte. Wir tranken und schlürften das duftige Getränk mit besonderem Behagen, denn er schmeckte in der trefflichen Umgebung ganz besonders gut. Alles blitzte und funkelte. Selbst für das Trinkwasser waren neue Gefäße in Verwendung.

Nun ging es an die Toilette! Es dauerte nicht lange, so erschien meine Mutter festlich gekleidet, um die Kerzen anzuzünden. Sie war zur Zeit, die ich schildere, jung und hübsch. Ihre Haltung war bescheiden und doch selbstbewußt. Ihr ganzes Wesen, ihre Augen drückten wahre, tiefe Ruhe und Seelenfrieden aus. Sie dankte dem Schöpfer für die Gnade, daß er sie und ihre Lieben diesen Festtag in Gesundheit hatte erleben lassen. -- Ihre Kleidung war reich wie die einer Patrizierin jener Tage. Aus ihrer ganzen Art leuchtete die vornehme, adlige Abkunft. Mancher von der jungen Generation wird bei dem Wort „adliger Abkunft“ spöttisch lächeln, als gäbe es keinen jüdischen Adel! Freilich hat der Jude sein Adelsdiplom weder auf dem Schlachtfeld noch aus Königspalästen für Heldentaten auf der großen Landstraße erworben. Den jüdischen Adel gab das geistige Leben: lebendiges Talmudstudium, Liebe zu Gott und den Menschen. Und es traf sich oft, daß zu diesen Tugenden auch äußerer Reichtum und Würden kamen.

Nachdem meine Mutter die Kerzen angezündet hatte, verrichtete sie ein kurzes Gebet, bedeckte sich, wie es der Brauch will, die Augen mit beiden Händen. Bei dieser Gelegenheit konnten wir die kostbaren Ringe an ihren Fingern bewundern, in denen das Kerzenlicht in allen Regenbogenfarben glitzerte und flimmerte. Besonders der eine blieb mir in Erinnerung, der einen großen, gelben Brillanten in der Mitte hatte, den in länglicher Form drei Reihen weißer Brillanten umschlossen.

Nun erschienen meine älteren, verheirateten Schwestern in reichem Putz; man trug in den vierziger Jahren statt des goldgestickten, schmalen Rockes einen faltenreichen, breiten Rock, der aber weder Reifrock noch Turnüre besaß, die den jugendlichen Körper verunstalteten. Auch meine vier unverheirateten Schwestern bis zur allerkleinsten trugen Schmuck.

Die Sedertafel glänzte und strahlte, der Meschores (Diener) hatte einen neuen Kaftan an, sein ganzes Auftreten atmete feierliches Selbstbewußtsein, als bediente er an diesem Abend aus Liebenswürdigkeit, Gefälligkeit, nicht aus Pflicht, als fühlte er sich den Herrschaften gleich. Er brachte das silberne Becken und viele Handtücher. Man erwartete die Herren aus dem Bethause, die auch bald erschienen. Schon beim Hereintreten meines Vaters fühlten wir an dem Ton, mit dem er laut „Gut Jom Tow“ (Guten Feiertag) sagte, eine gewisse Feierlichkeit, eine wohltuende Vergnügtheit. Er ließ meinen Bruder sämtliche Hagadahs bringen und erteilte den Kindern den Segen. Hierauf nahmen wir an dem Tische Platz, und zwar nach der Reihe des Alters. Heute durfte auch Schimen, der Meschores, an einer Ecke des Tisches sitzen, nach patriarchalischer Art, womit bekundet wird, daß an diesem Abend alle gleich sind -- Herr und Diener. Das Aussehen meines Vaters war würdevoll; seine großen, klugen Augen, die edlen Gesichtszüge drückten eine innere Zufriedenheit und Seelenruhe aus. Die mächtige, rastlose Stirn zeugte von rastloser Gedankenarbeit. Der lange, gut gepflegte Bart vervollständigte das ehrwürdige, patriarchalische Aussehen, und sein Verhalten den Kindern sowie allen anderen gegenüber flößte, obwohl er erst vierzig Jahre zählte, Ehrfurcht ein, als wäre er ein Greis von achtzig Jahren. Mein Vater war auf äußeres sehr bedacht, ohne eitel zu sein. Der Ernst der jüdischen Erziehung schützte gegen solchen Leichtsinn. Seine Festtagskleidung bestand aus einem langen, schwarzen Atlaskaftan. Er war der Länge nach von beiden Seiten mit zwei Samtstreifen besetzt, neben denen eine Reihe kleiner schwarzer Knöpfe angebracht waren. Die Kleidung vervollständigte eine teure pelzverbrämte Mütze (Streimel genannt) und ein breiter Atlasmantel um die Lenden. Von dem weißen Leinenhemd war bloß der Kragen sichtbar, der vorteilhaft den schwarzen luxuriösen Anzug hervorhob. Auch das rote Foulardtaschentuch fehlte nicht.

Mein Vater ließ sich gemütlich auf seinen Sitz nieder, legte eine prächtige Schnupftabaksdose mit dem roten Foulardtaschentuch auf den Tisch zu seiner Rechten und begann in der Hagadah zu lesen. Er bat die Mutter, ihm die einzelnen Gerichte von den Tellern zu reichen, auch die jüngeren Herren folgten seinem Beispiel. Dann füllte die Mutter auf eine besondere Bitte des Vaters hin den Becher mit Rotwein. Die verheirateten Schwestern füllten hierauf auch ihren Männern die Becher, während unsere ältere, unverheiratete Schwester das Amt des Einschenkens bei uns Kindern und den anderen Tischgenossen, selbstverständlich auch beim Meschores, versah. Jeder der Herren bekam auf seinen Teller drei Sch’murah-Mazzoth, zwischen denen sich bereits die Seroa, ein wenig von dem vorbereiteten Meerrettich, ein wenig Salat, Charoßeth, ein gebratenes Ei, ein Radieschen befanden. Das alles war mit einer weißen Serviette bedeckt. Der Vater nahm den Becher Wein in seine rechte Hand, sagte das Kidduschgebet und leerte das Glas. Alle Tischgenossen folgten seinem Beispiel, nachdem sie Amen gesagt hatten. Meine Mutter füllte von neuem die Becher, die anderen Frauen taten es wieder für ihre Männer, während die Becher der anderen Tischgenossen mit süßem Rosinenwein gefüllt wurden. Dann nahm der Vater das Gedeck mit allen darauf befindlichen Dingen in die rechte Hand, hob es in die Höhe und sprach dabei laut das Kapitel Ha lachma anja. Die männlichen Tischgenossen wiederholten den Satz bis zum zweiten Kapitel Mah nischtanah, den sogenannten vier Fragen, welche das jüngste Kind bei Tische zu fragen hat. Der Vater antwortete mit bewegter Stimme aus der Hagadah lesend: „Awadim hajinu.“... „Knechte waren wir bei Pharao in Mizrajim, und hätte uns damals Gott der Allgütige in seiner Allmacht nicht erlöst, und wären wir nicht von dort ausgezogen, wären wir, unsere Kinder und Kindeskinder, bis jetzt noch Sklaven gewesen. Und wenn wir auch alle kluge Schriftgelehrte wären, so ist es dennoch unsere Pflicht, vom Auszug aus Ägypten zu erzählen.“

Bei diesen Worten brach der Vater immer in Tränen aus, -- er konnte und durfte seinem Schöpfer gewiß aus vollem Herzen danken, wenn er seinen Blick über die schöne Tafelrunde schweifen ließ und die junge, hübsche Frau mit den blühenden Kindern, die kostbar geschmückt dasaßen, sah! Er durfte sich wirklich im Vergleich zu jener Zeit der Sklaverei als einen Fürsten betrachten.