Caspar Hauser; oder, Die Trägheit des Herzens, Roman
Chapter 35
Bis zum Hofgarten waren es nur noch wenige Schritte. Der Fremde öffnete das Türchen und ließ Caspar den Vortritt. Caspar ging voran, als ob es so sein müsse. Eine Mischung von einfältiger Ergebenheit und ruhigem Stolz zeigte sich in seinem Gesicht, um mit sonderbarer Raschheit einem Ausdruck des Grauens Platz zu machen, denn der Augenblick war zu stark, er konnte seine Wucht nicht ertragen. In dem Zeitraum, den er brauchte, um von dem Pförtchen über den dichtbeschneiten Orangerieplatz zu den Bäumen der ersten Allee zu gehen, durchlebte er in seinem Innern eine Reihe gänzlich unzusammenhängender Szenen aus ferner Vergangenheit, eine Erscheinung, die von Seelenforschern auf dieselbe Wurzel zurückgeführt werden kann wie etwa die, daß ein von einem Turm Fallender während der Zeit des Sturzes sein ganzes Dasein an sich vorübergleiten sieht. Er erblickte zum Beispiel die Amsel, die mit ausgebreiteten Flügeln auf dem Tisch lag; dann sah er mit ungemeiner Deutlichkeit den Wasserkrug, aus dem er in seinem Kerker getrunken; dann sah er eine schöne goldene Kette, die ihm der Lord aus seinen Schätzen gezeigt, womit die angenehme Empfindung verbunden war, die ihm Stanhopes weiße, feine Hand erregte; ferner sah er sich im Saal der Nürnberger Burg, wohin Daumer ihn geführt, und sein Auge weilte auf der sanften Linie einer gotischen Fensterwölbung mit einem Entzücken, das er damals sicherlich nicht verspürt hatte.
Sie kamen zum Kreuzweg, da eilte der Fremde voraus und gab mit erhobenem Arm irgendein Zeichen. Caspar gewahrte hinter dem Gebüsch noch zwei andre Personen, deren Gesichter durch die aufgestellten Mantelkragen völlig verhüllt waren.
»Wer sind diese?« fragte er und zauderte, weil er annahm, hier sei der verabredete Platz.
Mit den Blicken suchte er den Wagen. Das Schneegestöber erlaubte jedoch nicht weiter als zehn Ellen zu sehen.
»Wo ist der Wagen?« fragte er. Da der Fremde auf beide Fragen nicht antwortete, schaute er ratlos gegen die zwei hinter dem Gebüsch. Diese näherten sich oder es schien wenigstens so. Sie riefen dem Blatternarbigen etwas zu, erst der eine, dann der andre. Darauf entfernten sie sich wieder und standen dann auf der andern Seite des Wegs.
Der Fremde drehte sich um, griff in die Tasche seines Mantels, brachte ein lilafarbenes Beutelchen zum Vorschein und sagte mit heiserer Stimme: »Öffnen Sie es; Sie werden darin das Zeichen finden, das uns Ihre Mutter übergab.«
Caspar nahm das Beutelchen entgegen. Während er sich bemühte, die Schnur zu entknüpfen, durch die es zugebunden war, hob der Fremde einen langen, blitzenden Gegenstand in der Faust und schnellte mit dem Arm gegen Caspars Brust.
Was ist das? dachte Caspar bestürzt. Er fühlte etwas Eiskaltes tief in sein Fleisch glitschen. Ach Gott, das sticht ja, dachte er und wankte dabei. Den Beutel ließ er fallen.
O ungeheurer, ungeheurer Schrecken! Er griff nach einem der Baumstämmchen und versuchte zu schreien, aber es ging nicht. Auf einmal brach er in die Knie. Vor seinen Augen wurde es schwarz. Er wollte den Fremden bitten, daß er ihm helfe, doch die Füße des Mannes, die er noch eine Sekunde zuvor gesehen, waren verschwunden. Die Schwärze vor den Augen wich wieder; er sah sich um; niemand war mehr da; auch die beiden hinter dem Gebüsch waren nicht mehr da.
Er kroch nun auf allen vieren ein wenig am Gebüsch entlang und senkte den Kopf herunter, um sein Gesicht vor dem nassen Schneestaub zu schützen, den ihm der Wind entgegenspritzte. Er machte ein paar Bewegungen mit dem Körper, als suche er in der Erde eine Höhlung zum Hineinschlüpfen, konnte dann nicht weiter und blieb sitzen. Ihm schien, als riesle etwas im Innern seines Leibes. Es fror ihn jetzt erbärmlich.
Möcht’ sehen, was in dem Beutel ist, dachte er, während seine Zähne klapperten. O ungeheurer Schrecken, der ihn abhielt, nach jener Stelle zu blicken, wo der Fremde gestanden.
Wenn ich nur ein Wort wüßte, durch das mir leichter würde, dachte er, wie einer, der sich durch Zauberformeln zu schützen wähnt. Und er sagte zweimal: »Dukatus«.
Welches Wunder, plötzlich ward ihm leicht. Er glaubte aufstehen und nach Hause gehen zu können. Er erhob sich. Er sah, daß er gehen konnte. Nachdem er einige taumelnde Schritte gemacht, fing er an zu laufen. Ihm war, als ob sein Körper ohne Schwere sei, ihm war, als fliege er. Er lief, lief, lief. Bis zum Tor des Gartens; über den Schloßplatz; über den Markt an der Kirche vorbei; bis zum Kronacher Buck, bis in den Flur des Quandtschen Hauses; lief, lief, lief.
In Schweiß gebadet, stürzte er in den Flur. Weiter ging’s nicht mehr; keuchend lehnte er sich an die Wand. Die Magd gewahrte ihn zuerst. Über sein Aussehen entsetzt, gab sie einen gellenden Schrei von sich. Da kam Quandt aus der Stube; seine Frau folgte ihm.
Caspar starrte ihnen entgegen, sprach aber nichts, sondern deutete bloß auf seine Brust.
»Was ist geschehen?« fragte Quandt rauh und kurz.
»Hofgarten – gestochen,« stammelte Caspar.
Und Quandt? Wir sehen ihn schmunzeln. Nichts andres: wir sehen ihn schmunzeln. Und wenn Jahrhunderte, feierlich in Purpur angetan wie Gottes Engel, auf uns zutreten und uns beschwören, die Tatsachen nicht zu verzerren, so ist nichts andres zu erwidern, als daß Quandt schmunzelte, seltsam schmunzelte. »Wo sind Sie denn gestochen, mein Lieber?« fragte er gedehnt.
Wieder deutete Caspar auf seine Brust.
Quandt knöpfte ihm Rock, Weste und Hemd auf, um die Wunde anzuschauen. Richtig, da war ein Stich, nicht größer als eine Haselnuß. Aber nicht die geringste Spur von Blut war zu bemerken. Eine Wunde ohne Blut, das gibt es nicht; das ist wie eine Behauptung ohne Beweis.
»Also gestochen,« sagte Quandt. »So lassen Sie uns sofort umkehren und zeigen Sie mir den Platz im Hofgarten, wo das passiert sein soll,« fügte er energisch hinzu. »Was haben Sie denn zu dieser Stunde und bei solchem Wetter im Hofgarten zu tun gehabt? Marsch, kommen Sie! Die Sache muß unverzüglich aufgeklärt werden.«
Caspar widersprach nicht. Er schleppte sich an des Lehrers Seite wieder auf die Gasse. Quandt faßte ihn unter, wie ein Krüppel schlich Caspar dahin.
Nach langem Schweigen sagte Quandt in verbissenem Ton: »Diesmal haben Sie Ihren dümmsten Streich gemacht, Hauser. Diesmal wird es keinen so guten Ausgang nehmen wie beim Professor Daumer, das kann ich Ihnen schriftlich geben.«
Caspar blieb stehen, warf einen schnellen Blick gen Himmel und sagte: »Gott – wissen.«
»Machen Sie nur keine Faxen,« zeterte Quandt, »ich weiß, was ich weiß. Wenn Sie sich auch noch so sehr auf Gott berufen, damit haben Sie bei mir kein Glück, denn Sie sind ein gottloser Mensch von Grund auf. Ich kann Ihnen nur raten, spielen Sie nicht länger die Stumme von Portici und gestehen Sie lieber gleich. Ein wenig bange machen wollen Sie uns, die Leute wollen Sie durcheinander hetzen. Gestochen? Wer soll Sie denn gestochen haben? Vielleicht um Ihnen Ihre jämmerlichen paar Moneten aus der Tasche zu ziehen? So ein Unsinn! Gehen Sie nicht so langsam, Hauser, meine Zeit ist knapp.«
»Den Beutel – will ich holen,« stammelte Caspar leise.
»Was denn für einen Beutel?«
»Der Mann – mir gegeben.«
»Was für ein Mann?«
»Der mich gestochen.«
»Aber Hauser, Hauser, es ist ja himmelschreiend! Bilden Sie sich denn ein, daß ich an diesen Mann nur im entferntesten glaube? So wenig wie an den schwarzen Peter. Bilden Sie sich denn ein, daß ich über den wahren Täter einen Augenblick im Zweifel bin? Gestehen Sie’s doch! Gestehen Sie, daß Sie sich selber ein bißchen gestochen haben. Ich will über die Sache noch einmal schweigen, ich will Gnade für Recht ergehen lassen.«
Caspar weinte.
Dicht vor dem Hofgarten brach er plötzlich zusammen. Quandt war verwirrt. Es kamen einige Männer des Weges, diese bat er, daß sie den Jüngling nach Hause führen möchten, er selbst wolle zur Polizei. Die Männer mußten erst geraume Weile warten, bis sich Caspar ein wenig erholt hatte; auch dann hielt es schwer, ihn zum Gehen zu bewegen.
Es wurde später von den Ärzten als eine Unbegreiflichkeit bezeichnet, daß Caspar mit der furchtbaren Verletzung in der Brust imstande gewesen war, den Weg vom Hofgarten zum Lehrerhaus, hernach vom Lehrerhaus zum Schloßplatz und endlich vom Schloßplatz wieder nach Hause zurückzulegen, das erstemal laufend, das zweitemal am Arme Quandts, das drittemal von den Männern halb gezogen, im ganzen über sechzehnhundert Schritte.
Als Quandt den Weg nach dem Rathaus einschlug, war es finster geworden. Der diensttuende Offiziant erklärte, daß ohne speziellen Auftrag des Bürgermeisters, der im Bade sei, die Anzeige nicht protokolliert werden dürfe. Der Lehrer schwatzte noch eine Weile mit ihm, dann begab er sich unwillig und verdrossen in die eine Viertelstunde vor der Stadt gelegene Kleinschrottsche Badewirtschaft, wo der Bürgermeister im Kreis seiner Vertrauten beim Bier saß. Quandt trug den Fall vor. Man staunte, zweifelte, plädierte, bestieg den Amtsschimmel und gestattete hierauf die förmliche Protokollaufnahme. Um sechs Uhr wurde das interessante Aktenprodukt bei Laternen- und Kerzenschein dem Stadtgericht zur weiteren Untersuchung übergeben.
Quandt kehrte nach Hause zurück. Auf der Gasse vor seiner Wohnung fand er viele Menschen, und zwar waren es Personen jeglichen Standes, die dem Unwetter zum Trotz gekommen waren und in einem Schweigen verharrten, das den Lehrer stutzig machte. Er ging sogleich in das Zimmer Caspars, der zu Bett gebracht worden war. Der Doktor Horlacher war zugegen. Er hatte die Wunde schon untersucht.
»Wie steht’s?« fragte Quandt.
Der Doktor antwortete, es sei kein Grund zu ernster Besorgnis vorhanden.
»Das dacht’ ich mir,« versetzte Quandt.
Jetzt erschien der Hofrat Hofmann. Ein Polizeisoldat hatte ihm unten den lilafarbenen Beutel übergeben, der an der Unglücksstätte gefunden worden war.
»Kennen Sie diesen Beutel?« fragte der Hofrat.
Mit fieberglänzenden Augen blickte Caspar auf den Beutel, den der Hofrat öffnete. Es lag ein Zettel darin, der, so schien es zunächst, mit Hieroglyphen bedeckt war.
Die Lehrerin, die dabeistand, schüttelte den Kopf. Sie zog ihren Mann beiseite und sagte zu ihm: »Es ist doch eigen; genau so legt der Hauser immer seine Briefe zusammen, wie das Papier im Beutel zusammengefaltet war.«
Quandt nickte und trat an die Seite des Hofrats, der den Zettel erst prüfend betrachtete und dann einen Handspiegel verlangte.
»Es ist wohl Spiegelschrift,« sagte Quandt lächelnd.
»Ja,« erwiderte der Hofrat; »eine sonderbare Kinderei.«
Er stellte Schrift und Spiegel einander gegenüber und las vor: »Caspar Hauser wird Euch genau erzählen können, wie ich aussehe und wer ich bin. Dem Hauser die Mühe zu sparen, denn er könnte schweigen müssen, will ich aber selber sagen, woher ich komme. Ich komme von der bayrischen Grenze am Fluß. Ich will Euch sogar meinen Namen verraten: M. L. O.«
»Das klingt ja geradezu höhnisch,« sagte der Hofrat nach einem verwunderten Schweigen.
Quandt nickte erbittert vor sich hin.
Als Caspar die vorgelesenen Worte vernommen hatte, fiel sein Kopf schwer in das Kissen und eine grenzenlose Verzweiflung malte sich in seinen Zügen. Es schloß sich sein Mund mit einem Ausdruck, als wolle er von nun an nie mehr reden. Und _daß_ er hätte reden können, womit dieser M. L. O. offenbar nicht gerechnet hatte, empfand er bis in das Fieber hinein als eine Art schmerzlichen Triumphes.
Quandt, den Zettel, den ihm der Hofrat gegeben, zwischen den Händen, wanderte aufgeregt hin und her. »Das sind schöne Streiche,« rief er aus, »schöne Streiche! Sie halten das Mitleid Ihres Jahrhunderts zum besten, Hauser. Sie verdienen eine Tracht Prügel, das verdienen Sie.«
Der Hofrat runzelte die Stirn. »Gemach, Herr Lehrer; lassen Sie das doch!« sagte er mit ungewöhnlich ernstem Ton. Bevor er sich verabschiedete, versprach er, am nächsten Morgen den Kreisphysikus zu schicken, woraus ersichtlich war, daß auch er an keine unmittelbare Gefahr dachte.
Indes kam der Kreisphysikus, von Frau von Imhoff dazu bewogen, noch am selben Abend. Es war der Medizinalrat Doktor Albert. Er untersuchte Caspar mit großer Sorgfalt; als er fertig war, machte er ein bedenkliches Gesicht. Quandt, seltsam gereizt dadurch, sagte fast herausfordernd: »Es fließt ja gar kein Blut aus der Wunde.«
»Das Blut sickert nach innen,« entgegnete der Medizinalrat mit einem den Lehrer nur streifenden Blick. Er legte einen Umschlag von Senfteig auf das Herz und empfahl die möglichste Ruhe.
Quandt griff sich an die Stirn. »Wie,« sagte er zu seiner Frau, »sollte sich der Bursche in seinem Leichtsinn doch ernstlichen Schaden zugefügt haben?«
Die Lehrerin schwieg.
»Ich bezweifle es, ich muß es bezweifeln,« fuhr Quandt fort. »Sieh doch selbst, der sonst so wehleidige Mensch klagt ja mit keiner Silbe über Schmerzen.«
»Er antwortet auch nichts, wenn man ihn fragt,« fügte die Frau hinzu.
Um neun Uhr fing Caspar an zu delirieren. Quandt war entschlossen, an das Delirium nicht zu glauben. Als Caspar aus dem Bett springen wollte, schrie er ihn an: »Machen Sie nicht solche widerlichen Umstände, Hauser! Gehen Sie schleunig in Ihr Bett zurück.«
Der Pfarrer Fuhrmann trat gerade in das Zimmer und hörte dies. »Aber Quandt! Quandt!« sagte er entsetzt. »Ein wenig Milde, Quandt, im Namen unsrer Religion.«
»O,« versetzte Quandt kopfschüttelnd, »Milde ist hier schlecht angebracht. In Nürnberg, wo er doch auch so eine verworfene Komödie aufgeführt hat, gebärdete er sich genau so, und ich habe mir sagen lassen müssen, daß er dabei von zwei Männern ist gehalten worden. Was mich betrifft, ich lasse mir so ein Schauspiel nicht bieten.«
Frau von Imhoff hatte eine Pflegerin vom Krankenhaus geschickt, die über Nacht an Caspars Lager wachte. Er schlummerte zwei bis drei Stunden.
Schon früh am Morgen erschien eine Gerichtskommission. Caspar war bei klarem Bewußtsein. Vom Untersuchungsrichter aufgefordert, erzählte er, ein fremder Herr habe ihn zum artesischen Brunnen in den Hofgarten bestellt.
»Zu welchem Zweck bestellt?«
»Das weiß ich nicht.«
»Er hat darüber gar nichts gesagt?«
»Doch; er hat gesagt, man könnte die Tonarten des Brunnens besichtigen.«
»Und daraufhin sind Sie ihm schon gefolgt? Wie sah er aus?«
Caspar gab eine kurze, abgerissen gelallte Beschreibung und der Art, wie ihn der Fremde gestochen. Sonst war nichts aus ihm herauszubringen.
* * * * *
Es wurde nach Zeugen gefahndet. Es stellten sich Zeugen. Zu spät für die Verfolgung des Täters. Schon die erste Anzeige war, durch die Mitschuld Quandts, unverantwortlich verzögert worden. Als man die am Ort des Verbrechens befindlichen Blutspuren untersuchen wollte, ergab es sich, daß inzwischen schon zuviele Menschen dagewesen waren und den Schnee zertreten hatten. Aus einem so wichtigen Umstand Nutzen zu ziehen mußte also von vornherein verzichtet werden.
Zeugen fanden sich genug. Die Zirkelwirtin in der Rosengasse bekundete, gegen zwei Uhr sei ein Mann in ihr Haus gekommen, den sie nie zuvor gesehen, und habe gefragt, wann eine Retour nach Nördlingen gehe. Der Mann war ungefähr fünfunddreißig Jahre alt gewesen, von mittlerer Größe, bräunlicher Hautfarbe und mit Blatternarben im Gesicht.
Er habe einen blauen Mantel mit Pelzkragen, einen runden schwarzen Hut, grüne Pantalons und Stiefel mit gelben Schraubsporen getragen. In der Hand hielt er eine Reitgerte. Er habe nur fünf Minuten geweilt und ganz wenig gesprochen; auffallend sei es gewesen, daß er nicht sagen gewollt, wo er logierte.
So beschrieb auch der Assessor Donner einen Mann, den er um drei Uhr im Hofgarten neben der Lindenallee gesehen, und zwar in Gesellschaft von zwei andern Männern, die der Assessor jedoch nicht betrachtet hatte.
Ein Spiegelarbeiter namens Leich ging ein paar Minuten vor vier Uhr von seiner Wohnung auf dem neuen Weg durch die Poststraße auf die Promenade und von da über den Schloßplatz. Er sah vom Schloß her zwei Männer über die Gasse schreiten und, die Reitbahn zur Linken lassend, zum Hofgarten gehen. Er erkannte in dem einen von ihnen Caspar Hauser. Als die beiden zum Laternenpfahl am Eck der Reitbahn kamen, wandte sich Caspar Hauser um und blickte den Schloßplatz hinauf, so daß ihn der Beobachter noch einmal und genau hatte sehen können. Bei den Schranken blieb der Fremde stehen, um Hauser mit höflicher Gebärde den Vortritt zu lassen. Der Arbeiter dachte für sich: wie doch die Herren bei solchem Sturm und Schnee spazierengehen mögen.
»Drei Viertelstunden später,« erzählte der Mann, »als ich von einer Besorgung beim Büttner Pfaffenberger zurückkam, standen auf dem Schloßplatz viele Leute, die jammerten und sagten, der Hauser sei im Hofgarten erstochen worden.«
Und weiter. Ein Gärtnergehilfe, der in der Orangerie beschäftigt ist, hört gegen vier Uhr Stimmen. Er blickt zum Fenster hinaus und sieht einen Mann im Mantel vorüberlaufen. Der Mann läuft einen guten Trab. Die Stimmen sind etwa einen Büchsenschuß weit vom Orangeriehaus entfernt gewesen, nicht so weit, wie das Uzsche Denkmal ist. Es waren zweierlei Stimmen, eine Baß- und eine helle Stimme.
Neben der Weidenmühle wohnt eine Näherin. Ihr Fenster geht auf den Hofgarten; sie sieht bis in die zwei gegen den hölzernen Tempel zu führenden Alleen. Bei beginnender Dämmerung gewahrt sie den Mann im Mantel; er tritt aus dem neuen Gittertor und steigt am Abhang der Rezatwiese hinab. Er stutzt, als er vor dem hochgeschwollenen Wasser steht. Er kehrt um und wendet sich gegen die Stäffelchen an der Mühle, geht über den Steg auf der Eiberstraße und verschwindet. Die Frau hat von seinem Gesicht nur einen schräglaufenden schwarzen Bart wahrnehmen können.
Es meldet sich auch der Schreiber Dillmann zu einer Aussage. Die unverbrüchliche Gewohnheit des alten Kanzlisten ist es, jeden Nachmittag, wie das Wetter auch beschaffen ist, zwei Stunden lang im Hofgarten zu promenieren. Er hat Caspar und den Fremden gesehen. Er versichert aber, nicht vorangegangen sei Caspar dem Fremden, sondern hintennach sei er gegangen. »Er ist ihm gefolgt, wie das Lamm dem Metzger zur Schlachtbank folgt,« sagt er.
Zu spät. Zu spät der Eifer. Zu spät die erlassenen Steckbriefe und Streifzüge der Gendarmerie. Es konnte nicht mehr fruchten, daß man sogar den Rezatstrom aus seinem Bett leitete, um vielleicht das Mordinstrument zu entdecken, das der Unbekannte bei seiner Flucht von sich geworfen haben mochte. Was lag an diesem Dolch?
Was lag an den Zeugen? Was lag an den Verhören? Was lag an den Indizien, womit eine saumselige Justiz ihre Unfähigkeit prahlerisch verbrämte? Es wurde gesagt, daß die Nachforschungen planlos und kopflos betrieben wurden. Es wurde gesagt, eine geheimnisvolle Hand sei im Spiel, deren Machenschaften darin gipfelten, die wahren Spuren allmählich und mit Absicht zu verwischen und die Aufmerksamkeit der Behörde irrezuleiten. _Wer_ es sagte, konnte natürlich nicht erkundet werden, denn die öffentliche Meinung, ein Ding, ebenso feig wie ungreifbar, orakelt nur aus sicheren Hinterhalten. Und sie schwieg gar bald stille hier, wo Verleumdung, Bosheit, Lüge, Dummheit und Heuchelei ein schönes Menschenbild wie zwischen Mühlrädern zermalmten, bis daß nichts mehr übrigblieb als ein ärmliches Märchen, wovon sich das Volk dieser Gegenden an rauhen Winterabenden vor dem Ofen unterhält.
* * * * *
Am Sonntag nachmittag traf Quandt den jungen Feuerbach, den Philosophen, auf der Straße.
»Wie geht’s dem Hauser?« fragte der den Lehrer.
»Ei, er ist ganz außer Gefahr; dank’ der Nachfrage, Herr Doktor,« antwortete Quandt geschwätzig; »die Gelbsucht ist eingetreten, aber das soll ja die gewöhnliche Folge einer heftigen Erregung sein. Ich bin überzeugt, daß er in ein paar Tagen das Bett wird verlassen können.«
Sie sprachen noch eine Weile von andern Dingen, hauptsächlich von der neuerdings zwischen Nürnberg und Fürth geplanten Dampfschienenbahn, ein Unternehmen, gegen das Quandt eine ganze Kanonade von Skepsis auffahren ließ, dann verabschiedete er sich von dem stillen jungen Mann mit der Dankbarkeit eines beklatschten Redners und eilte, beständig vor sich hinlächelnd, nach Hause. Er war in einer höchst zuversichtlichen Stimmung, einer Stimmung, in der man bereit ist, seinen ärgsten Feinden Nachsicht angedeihen zu lassen. Warum, das mochten die Götter wissen. War der schöne Tag daran schuld? Man darf nicht vergessen, daß in Quandt auch eine Art von Poet steckte; oder war es die Nähe des Weihnachtsfestes, das jedem guten Christenmenschen gleichsam eine Erneuerung seiner Seele verspricht? Oder war es am Ende der Umstand, daß gegenwärtig so viele vornehme und ausgezeichnete Personen sein bescheidenes Heim aufsuchten und daß er inmitten dieses bescheidenen Heims eine Stellung von ungeahnter Wichtigkeit innehatte? Genug, wie dem auch sein mochte, er war mit sich zufrieden, folglich stammte sein Lächeln aus der lautersten Quelle.
Vor seiner Wohnung traf er auf den Polizeileutnant. »Ah, vom Urlaub zurück?« begrüßte er ihn mit gedankenloser Freundlichkeit. Gleich darauf sagte er sich: mit dem habe ich ja noch ein Hühnchen zu rupfen.
Hickel drückte die Augen zusammen und sah aus, als ob er lachen wollte.
Sie gingen miteinander hinauf.
Caspar saß mit nacktem Oberleib im Bette, gegen aufgetürmte Kissen gelehnt, starr wie eine Figur aus Lehm, das Gesicht grau wie Bimsstein, die Haut des Körpers strahlend weiß wie eine Magnesiumflamme. Der Medizinalrat hatte soeben den Verband abgenommen und wusch die Wunde. Außerdem war noch ein Kommissionsaktuar zugegen. Dieser hatte am Tisch Platz genommen; ein Protokollformular lag bei ihm, auf dem die lakonischen Worte standen: »Der Damnifikat verbleibt bei seinen bisherigen Depositionen.« Über einen eingefangenen Straßenräuber hätte man sich nicht besser und niedlicher ausdrücken können.
Kaum hatte Caspar den eintretenden Hickel gewahrt, als er den wie einen gebrochenen Blumenkelch seitwärts gesenkten Kopf aufrichtete und mit weitgeöffneten Augen, in denen ein ganz unsäglicher Schrecken lag, dem Ankömmling ins Gesicht starrte.
Ohne zu sprechen, erhob Hickel drohend den Zeigefinger. Diese Gebärde schien den Schrecken Caspars aufs äußerste zu treiben; er faltete die Hände und murmelte ächzend: »Nicht nahekommen! Ich hab’s ja doch nicht selber getan.«
»Aber Hauser! Was fällt Ihnen denn ein!« rief Hickel mit einer Lustigkeit, die man etwa im Wirtshaus zur Schau trägt, und seine gelben Zähne blinkten zwischen den vollen Lippen; »ich hab’ Ihnen ja nur gedroht, weil Sie ohne Erlaubnis in den Hofgarten gegangen sind. Wollen Sie das vielleicht auch leugnen?«
»Keine Auseinandersetzungen, wenn ich bitten darf,« mahnte der Medizinalrat unwillig. Er hatte den Verband erneuert, zog nun den Lehrer beiseite und sagte leise und ernst: »Ich kann Ihnen nicht verhehlen, daß Hauser wahrscheinlich die Nacht nicht überleben wird.«
Offenen Mundes stierte Quandt den Arzt an. Seine Knie wurden weich wie Butter. »Wie? Was?« hauchte er, »ist’s möglich?« Er schaute alle Anwesenden der Reihe nach langsam an, wobei sein Gesicht dem eines Menschen glich, der sich soeben behaglich zum Essen setzen wollte und dem plötzlich Schüssel, Teller, Messer und Gabel, ja der ganze Tisch weggezaubert wird.
»Kommen Sie mit mir, Herr Lehrer,« sagte mit heiserer Stimme Hickel, der am Ofen stand und mit sinnloser Geschäftigkeit seine Hände an den Kacheln rieb.
Quandt nickte und schritt mechanisch voraus.
»Ist’s möglich!« murmelte er wieder, als er auf der Stiege stand. »Ist’s möglich!« Hilfesuchend blickte er den Polizeileutnant an. »Ach,« fuhr er elegisch fort, »wir haben doch unser redlich Teil getan. An treuer Fürsorge haben wir’s wahrlich nicht fehlen lassen.«
»Lassen Sie doch die Flausen, Quandt,« antwortete der Polizeileutnant grob. »Sagen Sie mir lieber, was hat denn der Hauser alles geredet in seinem Wahn?«
»Unsinn, lauter Unsinn,« versetzte Quandt bekümmert.
»Achtung, Herr Lehrer, da sehen Sie mal hinunter,« rief Hickel, indem er sich über das Geländer beugte.
»Was denn?« gab Quandt erschrocken zurück, »ich sehe nichts.«