Caspar Hauser; oder, Die Trägheit des Herzens, Roman

Chapter 34

Chapter 343,788 wordsPublic domain

»Und weiter, betrachten wir einen Fall jüngsten Datums,« fuhr Quandt fort; »es war doch einerlei, ob Sie vorgestern mit der Übersetzung fertig waren oder ob Sie sie erst im Zimmer machen wollten. Da Sie tagsüber beschäftigt waren, so konnten und durften Sie die Arbeit abends machen. Warum sagten Sie, Sie seien fertig, während Sie nicht das geringste daran getan hatten?«

»Ich habe gemeint, Sie fragen, ob ich präpariert hätte.«

»Lächerlich. Sie hatten neulich schon die Frechheit, meine Worte einfach zu verdrehen. Ich habe deutlich gefragt: Haben Sie Ihre Übersetzung gemacht? Meine Frau war zugegen und ist Zeuge.«

»Wenn Sie es gesagt haben, habe ich’s eben anders verstanden.«

»Die gewohnten Ausflüchte. Sie hatten ja nicht einmal präpariert. Das können Sie jemand aufbinden, der Sie nicht so genau kennt wie ich. Ich wünschte, ich hätte Sie nie kennen gelernt; am Ende kommt man durch Sie noch um den Ruf eines redlichen Mannes. Aber Sie werden durchschaut, nicht nur von mir, sondern auch von andern. Es gibt nur noch wenig Familien, bei denen Sie für liebenswürdig und aufrichtig gelten; die meisten sehen ein, daß Sie eine alltägliche Einbildung und einen niedrigen Hochmut besitzen, daß Sie gleichgültig und anmaßend gegen weniger Vornehme sind, sobald Sie bei Vornehmeren Zutritt finden. Und was Ihre Verlogenheit betrifft, so bin ich erbötig, Ihnen in jedem einzelnen Fall auf den Kopf zuzusagen, ob Sie bei der Wahrheit geblieben sind, was in und außer Ihrem Horizont liegt, was Ihre Aufmerksamkeit fesseln kann und was nicht. Ich gebe Ihnen ein artiges Exempelchen aus der letzten Zeit. Es war beim Mittagstisch die Rede vom Regierungsrat Fließen. Meine Frau meinte, es sei dem guten alten Mann unangenehm, daß er nicht bei den Seinen in Worms sein könne. Ich bemerkte hierauf, daß der Regierungsrat eine große Verwandtschaft im Rheinkreis und so und so viele Enkel habe. Darauf sagten Sie: Elf Enkel hat er, es wurde beim Generalkommissär davon gesprochen. Ich antwortete, daß ich von neunzehn Enkeln gehört, Sie versicherten aber, es seien elf. Ich wußte dem nun allerdings nichts entgegenzusetzen, aber das wußte ich bestimmt, daß Sie die Zahl nur in der Geschwindigkeit aufgegriffen hatten, um uns zu imponieren, um den Namen des Generalkommissärs in den Mund nehmen zu können und uns zu zeigen, daß Sie mit den Verhältnissen der Personen vertraut seien, die jenes Haus besuchten. Hand aufs Herz: ist’s nicht so?«

»Jemand hat an der Tafel von elf Enkeln gesprochen. Ganz gewiß.«

»Das glaube ich nicht.«

»Doch.«

»Pfui, schämen Sie sich, Hauser, in einem so ernsten Augenblick auf der Lüge zu beharren. Dazu gehört ein hoher Grad von Erbärmlichkeit, um nicht zu sagen Nichtswürdigkeit. An der Sache selbst ist ja wenig gelegen, aber Ihre fortgesetzte dreiste Behauptung läßt tief blicken. Sie zeigt, daß Sie nie einen Fehler auf eigne Rechnung nehmen, daß Sie nie eine Schwäche zugestehen wollen und es dabei aufs Äußerste ankommen lassen. In der ersten freien Stunde werde ich den Regierungsrat selbst fragen, wie viele Enkel er hat. Sind es wirklich elf, so werde ich Ihnen gehörige Genugtuung geben, im andern Fall will ich Sie in einer Weise beschämen, daß Sie an mich denken sollen.«

Caspar senkte ergeben den Kopf.

»Aber das Eigentliche, was ich Ihnen vorzuhalten habe, kommt noch, lieber Freund,« begann Quandt nach einer Pause, während welcher man den Sturmwind gegen die Fenster donnern und im Kamin wimmern hörte. »Es ist jetzt endlich an der Zeit, daß Sie einem Mann wie mir, der an Ihrem Schicksal ungeheuchelten Anteil nimmt, reinen Wein einschenken. Sie scheinen immer noch der Meinung, die ganze Welt stehe Ihrem Märchen von der geheimnisvollen Einkerkerung oder gar von der hohen Abkunft gläubig gegenüber. Sie befinden sich in einem schmählichen Irrtum, lieber Hauser. Anfangs, ich gebe es zu, hat man sich damit als einem rätselhaften Vorgang beschäftigt, aber nach und nach sind doch alle vernünftigen Menschen zu der Einsicht gelangt, daß sie das Opfer – lassen Sie mich die Eigenschaft nicht nennen, deren Opfer sie geworden waren. Ich kann mir wohl denken, Hauser, daß Sie den Anschlag ursprünglich nicht so weit treiben wollten. Im vorigen Winter, als die Schrift des Präsidenten erschienen war, da zeigten Sie sich selbst erschrocken von den Folgen Ihrer Tat, und Sie erinnerten mich an ein Kind, das ein bißchen mit dem Feuer gespielt hat und unversehens das ganze Haus in Flammen sieht. Sie fürchteten, den Futterplatz zu verlieren, den Sie sich durch Ihre Pfiffigkeit verschafft hatten, Sie mußten gerade da eine Entdeckung und die wohlverdiente Strafe fürchten, wo Ihre verblendeten Freunde das Glück für Sie sahen. Prüfen Sie sich doch in Ihrem Innern, ob ich nicht recht habe.«

Caspar sah dem Lehrer mit einem leblosen Blick ins Auge.

»Schön; ich will Sie nicht zur Antwort zwingen,« fuhr Quandt mit düsterer Befriedigung fort. »Es ist nun wieder still um Sie geworden, Hauser. Eigentümlich still ist es geworden. Man will sich nicht mehr recht um Sie kümmern. So still war es auch damals um Sie geworden, bevor der angebliche Mordanfall im Hause des Professors Daumer sich ereignet hat. Kein Mensch unter all den vielen Tausenden, welche die Stadt Nürnberg bewohnen, hat zur kritischen Zeit oder später eine Person beobachtet, die auch nur im entferntesten im Zusammenhang mit einer solchen Greueltat gedacht werden konnte. Ihre Freunde glaubten trotzdem an den vermummten Unhold, so wie sie an den phantastischen Kerkermeister glaubten, der Sie das Lesen und Schreiben gelehrt haben soll. Nichtsdestoweniger hat Sie der Professor Daumer alsbald vor die Tür gesetzt. Er wird wohl gewußt haben, warum. Und heute steht Ihre Sache so, daß Sie sich entschließen müssen. Ihre mächtigsten Gönner, der Staatsrat, der Lord Stanhope, die Frau Behold, haben das Zeitliche verlassen. Erkennen Sie darin nicht einen Wink des Himmels? Es hat ja nun keinen Zweck mehr für Sie, die Fiktion aufrechtzuerhalten. Sie sind doch jetzt ein Mann, Sie wollen doch ein nützliches Glied der menschlichen Gesellschaft werden. Sprechen Sie zu mir, Hauser, eröffnen Sie sich! Sprechen Sie mit Ihrem wahren Mund, aus wahrem Herzen!«

»Ja, was soll ich denn sprechen?« fragte Caspar dumpf und langsam, indes seine Gestalt verfiel wie die eines Greises und auch in seinem Gesicht lauter greisenhafte Falten entstanden.

Der Lehrer trat zu ihm und ergriff seine schwere steinkalte Hand. »Die Wahrheit sollen Sie sprechen!« rief er beschwörend. »Ach, Hauser, es ist ja ein Jammer, Sie anzuschauen, wie das schlechte Gewissen gespensterhaft aus jedem Ihrer Blicke lugt. Ihr Gemüt ist bedrückt. Auf! die gequälte Brust, Hauser! Lassen Sie endlich einmal die Sonne hineinscheinen! Mut, Mut, Vertrauen! Die Wahrheit! Die Wahrheit!« Er packte Caspar am Kragen des Rocks, als wolle er ihm mit seinen Händen das Geheimnis entreißen.

Was denn? Was denn? dachte Caspar, und sein Blick flatterte wehevoll umher.

»Ich will Ihnen entgegenkommen,« sagte Quandt. »Knüpfen wir an ein Greifbares an. Als Sie nach Nürnberg kamen, zeigten Sie einen Brief. Sie trugen in den Taschen Ihres verschnittenen Fracks mehrere Bücher, es waren alte Mönchsschriften, darunter eine mit dem Titel: Kunst, die verlorenen Jahre einzubringen. Wer hat den Brief geschrieben? Wer hat Ihnen die Bücher gegeben?«

»Wer? Der, bei dem ich gewesen.«

»Das ist ja klar,« versetzte Quandt mit erregtem Lächeln, »aber Sie sollen mir sagen, wie der hieß, bei dem Sie gewesen. Sie werden mich doch nicht für so närrisch halten, daß ich glaube, Sie wüßten das nicht. Ohne Zweifel war es doch Ihr Vater oder Ihr Oheim oder ein Bruder oder ein Spielgenosse, gleichviel. Hauser! Stellen Sie sich vor, Sie befänden sich vor Gottes Angesicht. Und Gott würde fragen: Woher kommst du? Wo ist deine Heimat, der Ort, wo du geboren bist? Wer hat dir einen falschen Namen angedichtet und wie heißt du mit dem Namen, den du in der Wiege empfangen hast? Wer hat dich unterrichtet und angelernt, die Menschen zu täuschen? Was würden Sie in Ihrer Seelennot antworten, was antworten, wenn der erhabene Gott Sie zur Rechtfertigung aufforderte, zur Sühnung des verübten Trugs?«

Caspar starrte den Lehrer atemlos an. Das Blut stockte ihm. Die ganze Welt verkehrte sich ihm.

»Was würden Sie antworten?« wiederholte Quandt mit einem Ton zwischen Angst und Hoffnung; ihm schien es, als sei er nahe daran, die verschlossene Pforte zu sprengen.

Caspar stand schwerfällig auf und sagte mit zuckendem Mund: »Ich würde antworten: Du bist kein Gott, wenn du solches von mir verlangst.«

Quandt prallte zurück und schlug die Hände zusammen. »Lästerer!« schrie er mit durchdringender Stimme. Dann streckte er den rechten Arm aus und rief: »Hebe dich weg, du Unzucht, du verfluchter Lügengeist! Hinaus mit dir, Infamer! Besudle meine Luft nicht länger!«

Caspar kehrte sich um, und während er nach der Türklinke tastete, krächzte hinter ihm die Wanduhr zehn Schläge in das Sturmgebrodel.

Seufzend, schlaflos wälzte sich Quandt die ganze Nacht auf den Kissen. Seine Heftigkeit mochte ihn gereuen, denn im Lauf des folgenden Tages suchte er sich Caspar wieder zu nähern. Aber Caspar blieb kalt und in sich gekehrt. Abends brachte Quandt das Gespräch auf den Regierungsrat Fließen; er sagte, daß er sich erkundigt habe, und rief Caspar scherzend zu: »Achtzehn Enkel, Hauser, achtzehn sind es! Na, sehen Sie, daß ich recht gehabt habe?«

Caspar schwieg.

»Aber Hauser, Sie essen ja gar nichts mehr,« sagte die Lehrerin besorgt.

»Ich habe keinen Appetit,« erwiderte Caspar; »kaum daß ich angefangen habe zu essen, bin ich auch schon satt.«

Am Mittwoch, dem elften Dezember, kam Quandt verspätet und sehr erregt zu Tisch. Er hatte auf dem Heimweg von der Schule einen heftigen Auftritt mit einem Fuhrknecht gehabt, der in der bergigen Pfarrgasse sein Pferd zuschanden geschlagen hatte, weil es den schwerbeladenen Wagen nicht zum Hafenmarkt hinaufziehen konnte. Quandt hatte dem rohen Kumpan Vorstellungen gemacht und einige hinzukommende Bürger zu Zeugen der unmenschlichen Quälerei angerufen. Dafür war der Fuhrknecht mit erhobenem Peitschenstiel auf ihn losgegangen und hatte ihn angebrüllt, er solle sich zum Teufel scheren und sich nicht um Sachen kümmern, die ihn nichts angingen. »Gott sei Dank ist mir der Name des Kerls bekannt, und ich werde dem Polizeileutnant darüber Meldung erstatten,« schloß Quandt. Er wurde nicht müde zu beschreiben, wie der armselige Klepper vor dem Gefährt immer wieder vergeblich an den Strängen gezerrt habe und wie das schwarze Blut unter seinen Rippen hervorgequollen sei. »Der Spitzbube,« grollte er, »ich werde es ihm zeigen, ein Tier so zu rackern.«

Nachher, als Caspar weggegangen war, fragte ihn seine Frau, ob es ihm denn nicht aufgefallen sei, daß Caspar gar kein Wort über die Geschichte fallen gelassen habe.

»Ja, er war ganz stumm, es ist mir aufgefallen,« bestätigte Quandt.

Eine halbe Stunde darauf ging er in Caspars Zimmer und bat ihn, die schriftliche Anzeige gegen den Fuhrknecht, die er verfaßt hatte, in der Wohnung Hickels abzugeben. Um drei Uhr kehrte Caspar mit der Nachricht zurück, der Polizeileutnant habe einen mehrtägigen Urlaub genommen und sei verreist.

#Aenigma sui temporis#

Es geschah am übernächsten Tage, einem Freitag, als Caspar kurz nach zwölf das Gerichtsgebäude verlassen wollte, daß er im Korridor vor der unteren Treppe von einem fremden Herrn angesprochen wurde, einem anscheinend sehr vornehmen Mann, der groß und schlank war, einen schwarzen Backen- und Kinnbart trug, und der ihn aufforderte, ihm wenige Minuten Gehör zu schenken.

Caspar stutzte, denn in der Stimme des Mannes war etwas sehr Dringliches und etwas sehr Achtungsvolles.

Sie gingen ein paar Schritte seitwärts von der Treppe, wo niemand vorüberkommen konnte. Der Fremde lächelte ermutigend, als er Caspars scheues Wesen bemerkte, und begann sogleich in derselben dringlichen und achtungsvollen Weise: »Sie sind Caspar Hauser? Bis heute sind Sie es gewesen. Morgen werden Sie diesen Namen abstreifen. Wie mich schon der erste Blick in Ihr Gesicht belehrt und erschüttert hat! Prinz, mein Prinz! Erlauben Sie mir, Ihnen die Hand zu küssen.«

Er bückte sich rasch und küßte ehrfurchtsvoll Caspars Hand.

Caspar hatte keine Worte. Er sah aus wie einer, dem plötzlich das Herz stillsteht.

»Ich komme vom Hof, ich komme als Abgesandter Ihrer Mutter, ich komme, Sie zu holen,« fuhr der Fremde fort, nicht weniger hastig, nicht weniger respekterfüllt. »Ich vermute, daß Sie seit langem darauf vorbereitet sind. Doch müssen wir auf der Hut sein. Wir haben große Hindernisse zu scheuen. Sie müssen mit mir entfliehen. Alles ist bereit. Die Frage ist nur, ob Sie willens sind, sich ohne Rückhalt mir anzuvertrauen, und ob ich auf Ihre unbedingte Verschwiegenheit rechnen darf?«

Wie sollte Caspar imstande sein, darauf zu antworten? Er schaute in das Gesicht des Mannes, das ihm in jeder Beziehung außergewöhnlich, ja märchenhaft erschien, und mit stupider Aufmerksamkeit haftete sein Blick auf den zahllosen kleinen Blatternarben, die auf der Nase und den Wangen des Fremden sichtbar waren.

»Ihr Schweigen ist für mich beredt,« sagte der Fremde mit einer schnellen Verbeugung. »Der Plan ist der: Sie finden sich morgen nachmittag um vier Uhr im Hofgarten ein, und zwar neben der Lindenallee, wenn man vom Freibergschen Haus kommt. Man wird Sie von dort zu einem bereitstehenden Wagen führen. Die einbrechende Dunkelheit wird unsre Flucht begünstigen. Kommen Sie ohne Mantel, so wie Sie sind; Sie werden standesgemäße Kleider finden. Bei der ersten Raststation an der Grenze, die wir in drei Stunden erreichen können, werden Sie sich umkleiden. Ich bin Ihnen unbekannt. Sie sollen sich dem Unbekannten nicht auf Treu und Glauben übergeben. Bevor Sie in den Wagen steigen, werde ich Ihnen ein Zeichen behändigen, an dem Sie unzweifelhaft erkennen werden, daß ich zu meinem Auftrag von Ihrer Mutter bevollmächtigt bin.«

Caspar rührte sich nicht. Nur sein ganzer Körper schwankte ein wenig, als wäre er erstarrt und der Wind drohe ihn umzublasen.

»Darf ich dies alles als abgemacht ansehen?« fragte der Fremde.

Er mußte die Frage wiederholen. Da nickte Caspar – ernsthaft, schwer, und auf einmal war ihm die Kehle wie verbrannt.

»Werden Sie sich zur bestimmten Stunde am bestimmten Platze einfinden, mein Prinz?«

Mein Prinz! Caspar wurde leichenblaß. Er schaute wieder die Blatternarben mit verzehrender Aufmerksamkeit an. Dann nickte er abermals, mit einer Bewegung, die den Schein von Kälte oder von Verschlafenheit hatte.

Der Fremde lüpfte mit demutsvoller Höflichkeit den Hut; hierauf ging er und verschwand in der Richtung gegen die Schwanengasse.

Während des ganzen Auftrittes, der etwa acht bis zehn Minuten gedauert hatte, war also nicht ein einziges Wort aus Caspars Lippen gekommen.

War es Freude, die Caspar empfand? War Freude so beschaffen, daß einen dabei fror bis ins Mark? Daß beständig Schauder über den Rücken liefen wie kaltes Wasser?

Er machte immer nur ein halb Dutzend Schritte und hielt dann inne, weil er glaubte, der Erdboden sinke unter seinen Füßen. Menschen, geht mir aus dem Weg, dachte er; weh mich nicht an, Schnee; Wind, sei nicht so wild. Er betrachtete seine Hand und berührte mit der Spitze seines Fingers starr nachdenklich die Stelle, auf die der Fremde ihn geküßt.

Warum arbeiten die Schustergesellen noch, es ist ja Mittagszeit, grübelte er, als er im Vorbeigehen in einen Laden blickte. Unaufhörlich rannen die Schauder über den Nacken herab.

Es war schön, zu wissen, daß mit jedem Schritt, mit jedem Blick, mit jedem Gedanken Zeit verging. Denn darum handelte es sich jetzt ganz allein: daß die Zeit verging.

Als er nach Hause kam, sagte er zur Magd, er wolle nichts essen, und sperrte sich in seinem Zimmer ein. Er stellte sich ans Fenster, und während ihm die Tränen über die Backen liefen, sagte er: »Dukatus ist gekommen.«

Seine Gedanken hatten etwas von einem nächtlichen Flug wilder Vögel. Bis heute war ich Caspar Hauser, dachte er, von morgen an bin ich der andre; und was bin ich jetzt? Gestern war ich noch ein Schreiberlein, und morgen werd’ ich vielleicht einen blauen Mantel tragen, mit goldenen Borten verziert; auch einen Degen soll mir Dukatus bringen, lang und schmal und aufrecht wie ein Binsenhalm. Aber ist denn alles wahr, kann es denn sein? Freilich kann es sein, weil es doch sein muß.

Erst als es völlig finster war, zündete Caspar das Licht an. Die Lehrerin schickte herauf und ließ fragen, ob er nichts zu sich nehmen wolle. Er bat um ein Stück Brot und ein Glas Milch. Dies wurde gebracht. Sodann fing er an, seine Laden auszuräumen; einen ganzen Stoß von Papieren und Briefen warf er ins Feuer, die Schreibhefte und Bücher ordnete er mit peinlicher Sorgfalt. Er öffnete eine Truhe und zog unter mancherlei Kram das Holzpferdchen hervor, das er noch von der Gefangenschaft auf dem Vestnerturm her besaß. Er betrachtete es lange; es war weiß lackiert, mit schwarzen Flecken, und hatte einen Schweif, der bis auf das Brettchen fiel. O Rößlein, dachte er, hast mich manches Jahr begleitet, was wird nun aus dir? Ich will wiederkommen und dich holen, und einen silbernen Stall werd’ ich dir bauen. Damit stellte er das Spielding behutsam auf ein Ecktischchen neben dem Fenster.

Es mag füglich wundernehmen, daß ein Gemüt wie das seine, so mit Ahnung begabt, so mit Erfahrungen vielerlei Art gefüllt, vom ersten Augenblick der vermeintlichen Wandlung seines Schicksals in eine dermaßen blinde Gläubigkeit verfiel, daß auch nicht ein Funke des Mißtrauens, der Furcht oder nur des zweifelnden Staunens in ihm erglomm. Ein Vorgang, so weit außerhalb des gebundenen Wirklichen, so abenteuerlich in seiner Plötzlichkeit, so zierdelos und simpel, daß ein Schüler, ein Kind, ein Verrückter daran Anstoß genommen hätte, und er, dem so viele Menschengesichter unvermummt oder durch Schuld entmummt gegenübergetreten waren, er, dem die Welt nichts andres war, als was der Schwalbe, die vom Süden kommt, das durch Bubenhände zerstörte Nest, er ergriff mit unerschütterlicher Zuversicht die unbekannte Hand, die sich aus unbekanntem Dunkel ihm entgegenstreckte, die starre, kalte, stumme Hand.

Aber bei ihm war keine andre Hoffnung mehr. Oder es war überhaupt von Hoffnung keine Rede. Hier war das selbstverständlich Endliche, das jenseitig Sichere, das Ungefragte, dem kein Wort der menschlichen Sprache, ja nicht einmal ein Gedanke, eine Vorstellung, eine Vision mehr nahekommen konnte und das sich so vorbestimmt vollzieht wie der Aufgang der Sonne, wenn es Tag wird. O ihr müdgetriebenen Glieder, ihr Ketten an den Gliedern, ihr trägen Minuten, ihr schweigenden Stunden! Noch prasselt der Kalk in der Mauer, noch bellt von fern ein Hund, noch bläst der Sturm den Schnee ans Fenster, noch knistert das Licht auf der Kerze, und alles dies ist voll Bosheit, weil es so beständig scheint, so langsam vergeht.

Um neun Uhr begab er sich zur Ruhe. Er schlief fest, später in der Nacht hörte er alle Viertelstundenschläge von den Kirchen. Bisweilen richtete er sich auf und schaute beklommen in die Finsternis. Dann kam ein Traum, in dem Schlaf und Wachen unmerklich ineinander flossen. Ihm träumte nämlich, er stehe vor dem Spiegel, und er dachte: Wie sonderbar, ich habe ein so bestimmtes Gefühl von der Glätte des Spiegelglases, und doch träume ich nur. Er erwachte oder glaubte zu erwachen, verließ das Bett oder glaubte es zu tun, machte sich im Zimmer zu schaffen, legte sich wieder hin, schlief ein, erwachte abermals und grübelte: Sollte ich das mit dem Spiegel nur geträumt haben? Jetzt trat er vor den Spiegel hin, gewahrte sein umschattetes Bild, fand etwas Fremdes daran, wovor ihm graute, und bedeckte den Spiegel mit einem Tuch, das blau war und goldene Borten hatte. Als er sich nun hingelegt hatte und nach einer Weile wirklich erwachte, da erkannte er, daß alles nur ein Traum gewesen war, denn der Spiegel war keineswegs verhängt.

Es war eine lange Nacht.

Des Morgens ging er wie gewöhnlich aufs Gericht. Er verrichtete seine Schreibarbeit wie mit verschleierten Augen. Um elf Uhr klappte er das Tintenfaß zu, räumte auch hier alles säuberlich zusammen und entfernte sich still.

Quandt war wegen einer Lehrerkonferenz über Mittag vom Hause fort. Caspar saß mit der Frau allein bei Tisch. Sie sprach beständig vom Wetter. »Der Sturm hat den Schlot auf unserm Dach umgerissen,« erzählte sie, »und der Schneider Wüst von nebenan ist durch die herunterfallenden Ziegel beinahe erschlagen worden.«

Caspar blickte schweigend hinaus: er konnte kaum das gegenüberliegende Gebäude sehen; Regen und Schnee untermischt wirbelten durch die verdunkelte Gasse.

Caspar aß nur die Suppe; als das Fleisch kam, stand er auf und ging in sein Zimmer.

Punkt drei Uhr kam er wieder herunter, nur mit seinem alten braunen Rock bekleidet und ohne Mantel.

»Wo wollen Sie denn hin, Hauser?« rief ihn die Lehrerin von der Küche aus an.

»Ich muß beim Generalkommissär etwas holen,« entgegnete er ruhig.

»Ohne Mantel? Bei der Kälte?« fragte die Frau erstaunt und trat auf die Schwelle.

Er sah zerstreut an sich herab, dann sagte er: »Adieu, Frau Lehrerin,« und ging.

Bevor er die Haustür schloß, warf er noch einen Abschiedsblick in den Flur, auf das geschweifte Geländer der Treppe, auf den alten braunen Schrank mit den Messingschnallen, der zwischen Küchen- und Wohnzimmertür stand, auf das Kehrichtfaß in der Ecke, das mit Kartoffelschalen, Käserinden, Knochen, Holzspänen und Glassplittern angefüllt war, und auf die Katze, die stets heimlich und genäschig hier herumschlich. Trotz des blitzhaft schnellen Anschauens dieser Dinge schien es Caspar, als ob er sie nie deutlicher und nie so absonderlich gesehen hätte.

Als die Klinke eingeschnappt war, ließ der schier unerträgliche Druck, der seine Brust verschnürte, ein wenig nach, und seine Lippen verzogen sich zu einem schalen Lächeln.

Dem Lehrer werd’ ich schreiben, dachte er; oder nein, besser ist es, selber zu kommen; wenn der Winter vorbei ist, werd’ ich kommen und mit dem Wagen vors Haus fahren; ich werd’ es einrichten, daß es Nachmittag sein wird, da ist er daheim. Wenn er vors Tor tritt, werd’ ich ihm nicht die Hand reichen, ich will mich stellen, als ob ich ein andrer wäre, in meinen schönen Kleidern wird er mich ja nicht erkennen. Er wird einen tiefen Bückling machen: »Wollen Euer Gnaden gnädigst eintreten?« wird er sprechen. Wenn wir im Zimmer sind, stell’ ich mich vor ihn hin und frage: »Erkennen Sie mich nun?« Er wird auf die Knie fallen, aber ich reiche ihm die Hand und sage: »Sehen Sie jetzt ein, daß Sie mir unrecht getan haben?« Er wird es einsehen. »Ei,« sag’ ich, »zeigen Sie mir doch mal Ihre Kinder und schicken Sie nach dem Polizeileutnant.« Den Kindern werd’ ich Geschenke bringen, und wenn dann der Polizeileutnant kommt, zu dem werd’ ich nicht reden, den werd’ ich nur anschauen, nur anschauen ...

Von der Gumbertuskirche schlug es halb vier. Es war noch viel zu früh. Auf dem unteren Markt ging Caspar rings an den Häusern herum. Vor dem Pfarrhaus blieb er eine Weile sinnend stehen. Infolge seiner inneren Hitze spürte er die Kälte kaum. Er sah nur wenige Leute, die, wie vom Wind gepeitscht, schnell vorüberhuschten.

Als er sich von der Hofapotheke rechts gegen den Schloßdurchlaß wandte, schlug es dreiviertel. Da rief jemand; er blickte empor, der Fremde von gestern stand neben ihm. Er trug einen Mantel mit mehreren Kragen und darüber noch einen Pelzkragen. Er verbeugte sich und sagte ein paar höfliche Worte. Caspar verstand ihn nicht, denn der Wind war gerade so heftig, daß man hätte schreien müssen, um einander zu hören. Daher machte der Fremde bloß eine Gebärde, durch die er Caspar bat, mit ihm gehen zu dürfen. Offenbar war er selbst eben im Begriff gewesen, den Ort des Stelldicheins aufzusuchen.