Caspar Hauser; oder, Die Trägheit des Herzens, Roman

Chapter 29

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Wie er schließlich doch dazu gelangte, das für ihn und um seinetwillen geschaffene Werk kennen zu lernen, das hatte eine eigentümliche Bewandtnis.

Es war an einem unfreundlichen Vormittag im März, da verbreitete sich plötzlich im Appellgerichtsgebäude und bald darauf in der ganzen Stadt die Nachricht, der Präsident sei im großen Gerichtssaal während einer Verhandlung, die er leitete, ohnmächtig vom Stuhl gestürzt. Alle Beamten liefen sofort aus ihren Zimmern und standen alsbald auf den Treppen und Korridoren. Auch Caspar hatte seinen Arbeitstisch verlassen und gesellte sich zu den übrigen. Er schlich aber absichtlich wieder davon, um nicht Zeuge sein zu müssen, wie man den Präsidenten von oben heruntertrug.

Als er sich in das Zimmer zurückbegab, in welchem er an allen Vormittagen von acht bis zwölf Uhr schrieb, und zwar nur in Gesellschaft eines alten Kanzlisten, eines gewissen Dillmann, war dieser sein Amtsgefährte noch nicht wieder da. Caspar, sehr traurig und erschrocken, stellte sich zum Fenster und malte, schmerzlich versonnen, wie er war, mit dem Finger den Namen Feuerbach in die beschweißte Scheibe.

Indes trat Dillmann ein und ging händeringend auf seinen Platz zu.

Bis auf diesen Tag hatte der alte Kanzlist, und Caspar befand sich nun über neun Wochen auf dem Amt, noch nicht ein Dutzend überflüssiger Worte mit dem neuen Kollegen gewechselt; er hatte sich im mindesten nicht um ihn gekümmert und eine grämliche Gleichgültigkeit gegen ihn zur Schau getragen. Im Verlauf der dreißig Jahre, während welcher er Akten, Erlässe, Verordnungen und Urteile kopierte, hatte er es zu einer besonderen Geschicklichkeit im Schlafen gebracht, und es war komisch zu sehen, wenn er, den Federkiel aufs Papier gespießt, leise schnarchend seine Siesta hielt und sogleich die Hand schreibend weiterbewegte, wenn sich draußen der Schritt eines Vorgesetzten vernehmen ließ, da er die Gangart jedes einzelnen Herrn genau studiert und sozusagen im Kopf hatte.

Um so verwunderter war Caspar, als Dillmann auf ihn zuschritt und mit zitternder Stimme sagte: »Der unvergleichliche Mann! Wenn ihm nur nichts zustößt! Wenn ihm nur nichts Menschliches passiert!«

Caspar drehte sich um, entgegnete aber nichts.

»Na, Hauser, und für Sie wäre es gar ein unersetzlicher Verlust,« fuhr der Alte seltsam keifend und zänkisch fort; »wo gibt’s denn in dieser lummerigen Welt einen Menschen, der sich so für einen andern Menschen einsetzt? Sollte mich nicht erstaunen, wenn das ein schlimmes Ende nähme. Ja, es wird ein schlimmes Ende nehmen, ein schlimmes Ende.«

Caspar hörte schweigend zu; seine Augen blinzelten.

»So ein Mann!« rief Dillmann aus. »Ich hab’, seit ich hier sitze, schon sieben Präsidenten und zweiundzwanzig Regierungsräte zum Grab geleitet, Hauser, aber so einer war nicht dabei. Ein Titan, Hauser, ein Titan! Die Sterne könnt’ er vom Himmel reißen um der Gerechtigkeit willen. Man muß ihn nur betrachten; haben Sie ihn mal genau betrachtet? Der Buckel über der Nase! Das deutet, wie man sagt, auf eine genialische Konzeption; diese Jupiterstirn! Und das Buch, Hauser, das er für Sie geschrieben hat! Das ist ein Buch! Ein wahrer Scheiterhaufen ist’s! Die Zähne muß man zusammenbeißen und die Fäuste ballen, wenn man’s liest.«

Caspar machte ein mürrisches Gesicht. »Ich hab’s nicht gelesen,« sagte er kurz.

Dem alten Kanzlisten gab es einen Ruck. Er riß den Mund auf und schnappte. »Nicht gelesen?« stotterte er. »Sie – nicht gelesen? Ja wie ist denn das möglich? Da soll mich doch gleich der Teufel holen!« Eilig trippelte er zu seinem Tisch, schob eine Lade auf, suchte herum und brachte das Büchlein zum Vorschein. Er reichte es Caspar hin, stieß es ihm förmlich in die Hand und knurrte: »Lesen, lesen! Sapperlot, lesen!«

Caspar machte es beinahe wie Hickel dem Lehrer Quandt gegenüber. Er drehte das Buch um und um und zeigte eine unschlüssige Miene. Dann erst schlug er es auf und las, sichtlich erbleichend, den Titel. Immerhin genügte auch dies noch nicht, um ihn neugierig oder ungeduldig werden zu lassen. Er steckte das Buch in die Tasche und sagte trocken: »Zu Hause will ich’s lesen.«

Schlag zwölf Uhr verließ er, wie gewöhnlich, das Amt, setzte sich zu Hause, als ob nichts geschehen wäre, zu Tisch und hörte still den Gesprächen zu, die sich ausschließlich um das dem Präsidenten widerfahrene Unglück drehten. »Am letzten Sonntag vor dem Kirchgang,« plauderte die Lehrerin, »da hab’ ich den Staatsrat gesehen, gerade wie ihm vier Totenweiber begegnet sind. Der Staatsrat ist ganz erschrocken gewesen, ist stehengeblieben und hat ihnen nachgeschaut. Ich hab’ mir gleich gedacht, das kann nichts Gutes bedeuten.«

»Wenn ihr Frauenzimmer nur nicht alleweil euch anmaßen wolltet, dem Herrgott in die Karten zu gaffen,« versetzte Quandt unwirsch. »Da predigt man und predigt das liebe lange Jahr, glaubt wunders wie auf den Höhen der Aufklärung zu wandeln und schließlich spuckt einem die eigne Sippschaft am kräftigsten in die Suppe.«

Caspar belachte diese Worte, was ihm von der Lehrerin einen giftigen Blick eintrug.

Er begab sich dann in sein Zimmer.

Um zwei Uhr sollte er zum Unterricht kommen, erst von vier Uhr an brauchte er im Amt zu sein. Als zehn Minuten über die Zeit vergangen waren, trat Quandt in den Hausflur und rief. Es erfolgte keine Antwort. Er ging hinauf und überzeugte sich, daß Caspar nicht da war. Sein Unwillen verwandelte sich in Schrecken, als er bei seiner spionierenden Umschau die Feuerbachsche Schrift auf Caspars Tisch liegen sah.

»Also doch,« murmelte er bitter.

Er nahm das Buch an sich, suchte unten seine Frau und sagte mit tonloser Stimme: »Jette, ich habe da eine furchtbare Entdeckung gemacht. Der Hauser hat die Schrift des Staatsrats auf seinem Zimmer gehabt. O die gewissenlosen Menschen! Wer doch das wieder eingefädelt hat!«

Die Lehrerin zeigte wenig Verständnis für den Vorfall. »Laß ihn gehen,« oder »sag’s ihm doch,« oder »gib’s ihm nur ordentlich,« war meist alles, was sie zu entgegnen wußte, wenn Quandt ungehalten über Caspar war.

»Wann ist denn der Hauser fort?« erkundigte sich Quandt bei der Magd. Diese wußte von nichts. Da trat Caspar selber ins Zimmer und entschuldigte sich höflich.

»Wo waren Sie denn?« forschte der Lehrer.

»Ich bin zu Feuerbachs gegangen und wollte fragen, wie es dem Staatsrat geht.«

Quandt schluckte seinen Verdruß hinunter und begnügte sich, Caspars Fortgehen als Eigenmächtigkeit zu tadeln. Als er mit dem Jüngling allein war, wandelte er eine Weile ratlos auf und ab. Endlich begann er: »Ich war vorhin auf Ihrer Kammer, Hauser. Ich habe bei dieser Gelegenheit einen Fund gemacht, der mich, gelinde ausgedrückt, sehr mit Bedenken erfüllt. Ich will mich nun über die Schrift des Herrn Staatsrats nicht weiter auslassen, obwohl alle vernünftigen Menschen darüber einer Meinung sind; ich halte mich nicht für befugt, Ihnen gegenüber einen so verdienstvollen Mann herunterzusetzen. Auch will ich nicht weiter untersuchen, wer Ihnen das Buch in die Hand gespielt hat, da ich mich dabei doch nur der Gefahr aussetzen würde, von Ihnen angelogen zu werden. Aber mein Bedenken hat es erregt, daß Sie sogar bei einem solchen Anlaß heimlich verfahren zu müssen glauben. Warum kommen Sie nicht, wie sich’s gehört, zu mir und sprechen sich aus? Denken Sie denn, daß ich Sie des Vergnügens beraubt hätte, eine hübsche Fabel zu lesen, die ein ehemals großer und berühmter, doch nun kranker und geistesmüder Mann verfaßt hat? Weiß ich denn nicht auch, wie Ihnen in Ihrem Innern zumute sein muß, wenn man ein solches Märchen in Ihre Vergangenheit hineinspinnt? Eine Vergangenheit, die Ihnen wahrlich besser bekannt ist als dem armen Staatsrat? Aber warum denn um Gottes willen die ewige Versteckenspielerei? Hab’ ich das um Sie verdient? Bin ich nicht wie ein Vater zu Ihnen gewesen? Sie leben in meinem Haus, Sie essen an meinem Tisch, Sie genießen mein Vertrauen, Sie nehmen teil an unserm Wohl und Wehe, kann Sie denn nichts in der Welt bewegen, Sie heimlicher Mensch, einmal offen und rückhaltlos zu sein?«

O wundersam! Dem Lehrer standen die Augen voller Tränen. Er zog die Schrift des Präsidenten aus der Tasche, ging zum Tisch und legte das Büchlein mit Affekt vor Caspar hin.

Caspar blickte den Lehrer an, als ob dieser in einer weiten Entfernung stehe. Es war etwas Stieres in seinem Blick und eine vollkommene Abwesenheit der Gedanken. Auf der Stirn lag es wie geisterhaftes Gewölk, die Lippen waren geöffnet und zuckten.

Wie böse er aussieht, dachte Quandt und fing an, sich zu ängstigen. »Sprechen Sie doch!« schrie er heiser.

Caspar schüttelte langsam den Kopf. »Man muß Geduld haben,« sagte er wie im Traum. »Es wird sich was ereignen, Herr Lehrer, passen Sie nur auf. Es wird sich bald was ereignen, glauben Sie mir.« Unwillkürlich streckte er die Hand nach dem Lehrer aus.

Quandt kehrte sich angewidert ab. »Verschonen Sie mich mit Ihren Redensarten,« sagte er kalt. »Sie sind ein abscheulicher Komödiant.«

Damit war das Gespräch beendet und Quandt verließ das Zimmer.

Durch den Archivdirektor Wurm erfuhr Quandt, daß Caspar allerdings zu Mittag im Feuerbachschen Haus gewesen war, daß er aber nicht bloß nach dem Befinden des Präsidenten gefragt, sondern auch mit auffallender Dringlichkeit den Staatsrat zu sprechen verlangt habe. Natürlich habe man ihm durchaus nicht willfahren können. Er war noch eine halbe Stunde lang unbeweglich am Tor stehengeblieben, und bevor er sich entfernt, war er um das ganze Haus herumgegangen und hatte zu den Fenstern hinaufgeschaut, wobei sein Gesicht anders als je, wild und verstört, ausgesehen.

Nun kam er aber den nächsten Tag wieder, und ebenso am dritten und vierten Tag, jedesmal mit demselben dringenden Begehren, und jedesmal wurde er abgewiesen. Der Präsident bedürfe der Ruhe, wurde ihm gesagt; sein Zustand, der anfangs zu Besorgnissen Grund gegeben, bessere sich jedoch stetig.

Direktor Wurm erzählte endlich dem Präsidenten davon. Feuerbach befahl, daß man Caspar zu ihm führen solle, wenn er das nächste Mal käme, und bestand trotz dem Abreden Henriettes auf seinem Willen. Es verging aber die ganze Woche, ehe sich Caspar wieder sehen ließ.

Eines Nachmittags, schon ziemlich spät, erschien er und wurde von Henriette, nicht eben freundlich empfangen, in das Zimmer ihres Vaters geleitet. Der Präsident saß im Lehnstuhl und hatte einen kleinen Berg von Akten vor sich aufgeschichtet. Er sah sehr gealtert aus, weiße Bartstoppeln umstanden Kinn und Wangen, sein Auge blickte ruhig, hatte aber einen ängstlichen Schimmer, wie bei einem, dem der äußerst gefürchtete Tod näher gewesen ist als er denken will.

»Nun, was wünschen Sie von mir, Hauser?« wandte er sich an Caspar, der neben der Tür stehengeblieben war.

Caspar trat heran, stolperte vor dem Schemel, fiel plötzlich auf die Knie und beugte in pagenhafter Demut das Haupt. Auch seine Arme sanken schlaff herunter, und er verharrte mit ergebener und düsterer Miene in derselben Stellung.

Feuerbach verfärbte sich. Er packte Caspar bei den Haaren und bog den Kopf zurück, aber die Augen Caspars blieben geschlossen. »Was gibt’s, junger Mann?« rief der Präsident hart.

Jetzt erhob Caspar den sprechenden Blick. »Ich hab’ es gelesen,« sagte er.

Der Präsident ballte die Lippen aufeinander, und seine Augen verschwanden unter den Brauen. Ein langes Schweigen trat ein.

»Stehen Sie auf,« herrschte endlich der Präsident Caspar an. Dieser gehorchte.

Feuerbach packte ihn beim Handgelenk und sagte halb drohend, halb beschwörend: »Nicht mucksen, Hauser, nicht mucksen! Stille halten! Stille sein! Abwarten! Ist vorläufig nichts weiter zu tun.«

Caspars Gesicht, stumm erregt wie das eines Fiebernden, wurde starrer.

»Es graut Ihnen, jawohl,« fuhr der Präsident fort, »auch mir graut, und dabei muß es sein Bewenden haben. Unserm Arm sind nicht alle Fernen und Höhen erreichbar. Wir haben nicht Josuas Schlachttrompeten und Oberons Horn. Die hochgewaltigen Kolosse sind mit Flegeln bewehrt und dreschen so hageldicht, daß zwischen Schlag und Schlag sich unzerknickt kein Lichtstrahl zwängen kann. Geduld, Hauser, und nicht mucksen, nicht mucksen. Zu versprechen ist nichts; eine Hoffnung bleibt noch, aber dazu brauch’ ich Gesundheit. Genug für jetzt!«

Er machte eine verabschiedende Geste.

Caspar sah den alten Mann zum erstenmal klar und ruhig an. Der feste Blick wunderte den Präsidenten. Ei der Tausend, dachte er, der Bursche hat Blut in sich und kein Zuckerwasser. Schon im Fortgehen begriffen, drehte sich Caspar noch einmal um und sagte: »Exzellenz, ich hätte eine große Bitte.«

»Eine Bitte? Heraus damit!«

»Es ist mir so lästig, daß ich bei jedem Ausgehen immer auf den Invaliden warten soll. Er kommt oft so spät, daß es sich gar nicht mehr ums Weggehen lohnt. Ins Appellgericht kann ich doch alleine gehen und zu meinen Bekannten auch.«

»Hm,« machte Feuerbach, »will’s überlegen, werd’ es richten.«

Als Caspar das Zimmer verließ, huschte eine weibliche Gestalt längs des Korridors davon, einer ertappten Lauscherin gleich. Es war Henriette, die, in beständiger Angst um den Vater nichts so sehr fürchtete wie die Gefahr, die aus dessen leidenschaftlichem Anteil an dem Schicksal Caspars drohte. Es mag dafür ein Brief Zeugnis geben, den sie an ihren in der Pfalz wohnenden Bruder Anselm schrieb und der die unheilschwere Luft, die in der Umgebung des Präsidenten lastete, mit jeder Zeile spüren ließ.

»Der Zustand unsers Vaters,« so begann das Schreiben, »hat sich, Gott sei Dank, zum Bessern gewandt. Er vermag schon, auf einen Stock gestützt, durchs Zimmer zu gehen und hat auch wieder Freude an einem guten Braten, wenngleich sein Appetit nicht mehr der frühere ist und er hin und wieder über Magenschmerzen klagt. Was aber seine Stimmung im allgemeinen anbelangt, so ist sie schlechter denn je, und zwar hängt dies vornehmlich mit der unglückseligen Caspar-Hauser-Schrift zusammen. Du weißt, welch riesiges Aufsehen die Broschüre im ganzen Land hervorgerufen hat. Tausende von Stimmen haben sich dafür und dawider erhoben, aber es scheint, daß das Dawider allmählich die Oberhand behalten hat. Die gelesensten Zeitungen brachten Artikel, die einander auffallend ähnlich waren und worin das Werk als Produkt eines überspannten Kopfes höhnisch abgetan wurde. Nachdem zwei Auflagen in rascher Folge verkauft waren, weigerte der Verleger plötzlich unter allerlei Ausflüchten den Druck, und als man sich an zwei andre wandte, kamen ebenfalls Absagen. Daß dahinter die tückischesten Umtriebe stecken, samt und sonders aus ein und derselben Quelle, kann man sich nicht verhehlen, und ich möchte mir die Lippen wund beißen, wenn ich daran denke, in was für Zuständen wir zu leben gezwungen sind, daß selbst ein Mann wie unser Vater für eine Sache, die so, wie sie ist, zum Himmel schreit, kein williges Ohr findet, von tätiger Hilfe ganz zu schweigen. Wahrhaftig, die Menschen sind träge, stumpfe, dumme Tiere, sonst wäre mehr Empörung in der Welt. Nun magst du dir aber erst unsern Vater vorstellen: seine bittere Verstimmung, seinen Schmerz, seine Verachtung, und alles zurückgehalten, in seiner Brust zugeschlossen. Was mußte er fühlen, da sogar aus dem nächsten Freundeskreis kein Zeichen des Beifalls, des Dankes, der Liebe mehr zu ihm flog! Gewisse hochgestellte Personen hielten mit ihrem Ärger nicht zurück, und hier, in dem abscheulichen Krähwinkel, hatte man ohnehin wenig Aufhebens von der ganzen Geschichte gemacht, begreiflicherweise, denn Christus mag Rom erobern, zu Jerusalem ist er nur ein schäbiger Rabbi. Ich bin in großer Sorge für unsern Vater. Ich kenne ihn genug, um zu wissen, daß seine jetzige äußerliche Ruhe nur den inneren Sturm verbirgt. Manchmal sitzt er stundenlang und starrt auf eine einzige Stelle an der Wand, und wenn man ihn dann stört, schaut er einen mit großen Augen an und lacht lautlos und weh. Neulich sagte er ganz plötzlich und mit finsterer Miene zu mir: das Rechte sei, wenn aus solcher Ursache heraus wie in früheren Zeiten der ganze Mann sich stelle, mit Haut und Haar müsse man sich opfern und dürfe sich nicht hinter einem Wall bedruckten Papiers verschanzen. Er wälzt Pläne in seinem Hirn, die Nachricht, daß im Badischen eine Revolution ausgebrochen ist, hat ihn mächtig angegriffen, und in der Tat scheint diese Katastrophe mit der Caspar-Hauser-Sache in innigem Zusammenhange zu stehen. Er glaubt in einem verabschiedeten und irgendwo am Main lebenden Minister einen der Hauptanstifter der an dem Findling begangenen Greuel vermuten zu dürfen, und – kaum will mir der Satz in die Feder! – er hat die Absicht, den Mann aufzusuchen, ihn zu einem Geständnis zu zwingen. Der Polizeileutnant Hickel, der unheimliche Geselle, dem ich nicht über den Weg traue, kommt nun fast täglich ins Haus und hat lange Konferenzen mit Vater, und soviel ich bis jetzt den Andeutungen des Vaters entnommen habe, soll ihn Hickel in einigen Wochen auf die Reise begleiten. Könnt’ ich doch das, nur das verhindern! Er wird um dieser unseligen Geschichte willen den letzten Frieden seines Alters hingeben und er wird nichts ausrichten, nichts, nichts und wäre er ein Jesajas an Beredsamkeit, ein Simson an Kraft und ein Makkabäus an Mut. Ach, wir Feuerbachs sind ein gezeichnetes Geschlecht! Das Kainsmal der Ruhelosigkeit bedeckt unsre Stirnen. Sinnlos wirtschaften wir mit unsern Kräften und unsern Vermögen, und wenn die Überbleibsel noch gerade bis zur Kirchhofsmauer reichen, ist es schon ein Glück. Es ist uns nicht gegeben, einen harmlosen Spaziergang zu machen, wir müssen immer gleich ein Ziel haben, wir können nicht atmen, ohne eines wichtigen Zweckes zu gedenken, und in der Erwartung des nächsten Tages entgleitet uns jede holde Gegenwart. So ist er, so bist du, so bin ich, so sind wir alle. Ich habe noch nie an einer Rose gerochen, ohne darüber zu trauern, daß sie morgen verwelkt sein wird, noch nie ein schönes Bettelkind erblickt, ohne über die Ungleichheit der Lose zu spintisieren. Leb wohl, Bruder, der Himmel mache meine schlimmen Ahnungen unwirklich.«

So der Brief. Das darin zum Ausdruck gebrachte Mißtrauen gegen den Polizeileutnant wuchs schließlich dermaßen, daß Henriette alle möglichen Anstrengungen machte, um den Vater mit Hickel zu entzweien. Es fruchtete nichts, aber Hickel roch Lunte und zeigte in seinem Benehmen gegen die Tochter des Präsidenten alsbald eine undurchdringliche, süßliche Liebenswürdigkeit. Als ihn Quandt aufsuchte und sich lebhaft darüber beklagte, daß der Präsident sich von Hauser habe beschwatzen lassen und dessen unbewachtes und unbehindertes Herumlaufen in der Stadt bewilligt habe, sagte Hickel, das passe ihm nicht, er werde dem Staatsrat schon den Kopf zurechtsetzen.

Er ließ sich bei Feuerbach melden und trug ihm seine Bedenken gegen die unerwünschte Maßregel vor. »Eure Exzellenz dürften nicht überlegt haben, welche Verantwortung Sie mir damit aufbürden,« sagte er. »Wenn ich keine Kontrolle habe, wo der Mensch seine Zeit hinbringt, wie soll ich dann für seine Sicherheit Garantie bieten?«

»Larifari,« knurrte Feuerbach; »ich kann einen erwachsenen Menschen nicht einsperren, damit Sie Ihre Nachmittagsstunden mit Gemütsruhe im Kasino versitzen können.«

Hickel heftete einen bösen Blick auf seine Hände, antwortete aber mit einer nicht übel gespielten Treuherzigkeit: »Ich bin mir ja eines Lasters bewußt, das Eure Exzellenz so streng verurteilen. Immerhin, ein Plätzchen muß der Mensch doch haben, wo er sich wärmen kann, sonderlich wenn er ein Hagestolz ist. Wenn Sie in meiner Haut steckten, Exzellenz, und ich in der Ihren, würde ich milder über einen geplagten Beamten denken.«

Feuerbach lachte. »Was ist Ihnen denn über die Leber gekrochen?« fragte er gutmütig. »Haben Sie Liebeskummer?« Er hielt den Polizeileutnant für einen großen Suitier.

»In diesem Punkt, Exzellenz, bin ich leider zu hartgesotten,« entgegnete Hickel, »obgleich ein Anlaß dafür vorhanden wäre; seit einigen Tagen hat unsre Stadt die Ehre, eine ganz ausgezeichnete Schönheit zu beherbergen.«

»So?« fragte der Präsident neugierig. »Erzählen Sie mal.« Er hatte, nicht zu leugnen, eine kleine naive Schwäche für die Frauen.

»Die Dame ist bei Frau von Imhoff zu Besuch –«

»Jawohl, richtig, die Baronin sprach davon,« unterbrach Feuerbach.

»Sie wohnte zuerst im ›Stern‹,« fuhr Hickel fort, »ich ging ein paarmal vorüber und sah sie gedankenvoll am Fenster weilen, den Blick zum Himmel aufgeschlagen wie eine Heilige; ich blieb dann immer stehen und schaute hinauf, aber kaum daß sie mich bemerkte, trat sie erschrocken zurück.«

»Na, das lass’ ich mir gefallen, das heißt gut beobachten,« neckte der Präsident, »es ist also schon eine Art Einverständnis geschaffen.«

»Leider nein, Exzellenz; offen gestanden, für galante Abenteuer ist die Zeit zu ernst.«

»Das sollt’ ich meinen,« bestätigte Feuerbach, und das Lächeln erlosch auf seinen Zügen. Er erhob sich und sagte energisch: »Aber sie ist auch reif, die Zeit. Ich gedenke am 28. April aufzubrechen. Sie nehmen vorher Dispens vom Amt und stellen sich mir zur Verfügung.«

Hickel verbeugte sich. Er schaute den Präsidenten erwartungsvoll an, und dieser verstand den Blick. »Ach so,« sagte er. »Ich muß Ihnen allerdings zugeben, daß es sein Untunliches hat, den Hauser sich selbst zu überlassen. Anderseits ist es nicht billig, ihm die Welt vor der Nase zuzuriegeln. Davon mag er genug haben. Durch Einbuße an freiwilliger Betätigung wird ein zum Leben gewandter Wille ebenso empfindlich getroffen wie durch Ketten und Handfessel.« Er konnte nicht einig mit sich werden; wie immer dem Polizeileutnant gegenüber fand er sich in seinen Entschlüssen beengt; es war ein Anprall von Kraft, Jugend, Kälte und Gewissenlosigkeit, dem er dabei unterlag.

»Aber Eure Exzellenz kennen doch die Gefahren –« wandte Hickel ein.

»Solange ich in dieser Stadt die Augen offen habe, wird niemand wagen, ihm ein Haar zu krümmen, dessen seien Sie ganz gewiß.«

Hickel hob die Brauen hoch und betrachtete wieder die gestreckten Finger seiner Hand. »Und wenn er uns eines Tages über alle Berge rennt?« fragte er finster. »Dem ist manches zuzutrauen. Ich schlage vor, daß man ihn wenigstens des Abends und auf Spaziergängen überwachen läßt. Bei Besorgungen in der Stadt mag er im Notfall allein bleiben. Dem alten Invaliden können wir den Laufpaß geben, und ich will statt dessen meinen Burschen abrichten. Er soll sich täglich um fünf Uhr nachmittags im Lehrerhaus melden.«

»Das wäre eine Lösung,« sagte Feuerbach. »Ist der Mann verläßlich?«

»Treu wie Gold.«

»Wie heißt er?«

»Schildknecht; ist ein Bäckerssohn aus dem Badischen.«

»Erledigt; sei es so.«

Als Hickel schon unter der Tür war, rief ihn der Präsident noch einmal zurück und schärfte ihm wegen der bevorstehenden gemeinsamen Reise unbedingtes Stillschweigen ein. Hickel versetzte, einer solchen Mahnung bedürfe es nicht.

»Ich könnte die Reise keinesfalls allein unternehmen,« sagte der Präsident, »ich brauche die Hilfe eines umsichtigen Mannes. Die Gelegenheit muß sorgfältig ausgekundschaftet werden. Vorsicht ist geboten. Vergessen Sie niemals, daß ich Ihnen in dieser Sache einen großen Beweis von Vertrauen gebe.«

Er schaute den Polizeileutnant durchbohrend an. Hickel nickte mechanisch. Über Feuerbachs Stirn senkte sich plötzlich eine Wolke ahnungsvoller Sorge. »Gehen Sie,« befahl er kurz.

Die Reise wird angetreten

Am selben Abend suchte Hickel den Lehrer auf und teilte ihm mit, daß der Soldat Schildknecht von nun an den Hauser überwachen werde. Caspar war nicht daheim, und auf die Frage nach ihm antwortete Quandt, er sei ins Theater.

»Schon wieder ins Theater!« rief Hickel. »Das dritte Mal seit vierzehn Tagen, wenn ich recht zähle.«

»Er hat eine große Vorliebe dafür gefaßt,« erwiderte Quandt; »beinahe sein ganzes Taschengeld verwendet er dazu, um Billette zu kaufen.«

»Mit dem Taschengeld wird es, nebenbei bemerkt, nächstens hapern,« sagte der Polizeileutnant, »der Graf hat mir diesmal nur die Hälfte des vereinbarten Monatswechsels geschickt. Offenbar wird ihm die Sache zu kostspielig.«