Caspar Hauser; oder, Die Trägheit des Herzens, Roman
Chapter 28
»Was schadet es auch dem jungen Menschen, wenn die Wogen des Lebens über seinem Kopf zusammenschlagen?« fuhr Henriette fort. »Vielleicht lernt er schwimmen dabei. Es ist nicht an Ihnen, Vater, seinen Präzeptor zu machen.«
»Vielleicht lernt er schwimmen dabei. Vortrefflich ausgedrückt, meine Tochter. Dereinst mag er dann der überstandenen Prüfungen dankbar gedenken. Ein Gekrönter, der eine solche Schicksalsschule erfahren hat, von der tiefsten Tiefe zur höchsten Höhe gestiegen ist – ei, das gäbe Hoffnungen! Fehlte es den Großen der Erde nicht an Lebenskenntnis, so wäre ihnen das Volk mehr und etwas andres als eine Melkkuh. Lassen wir also den Stahl glühen, damit er hart werde. Sind heute Korrekturen gekommen?«
Henriette verneinte und ging seufzend hinaus.
Es gibt eine innere Stimme, die beredsamer ist als die Weisheit der Sentenzen. Feuerbach erfuhr die Gewalt dieser Stimme stets aufs neue, wenn er sich Caspar gegenüberbefand. Es war ihm nicht gegeben, sich um den Appell einer höheren Instanz, als es Vernunft und Erfahrung sind, herumzulügen. Den Freimut der Verantwortlichkeit, den er vor dem eignen Herzen empfand, hatte das Alter nicht abgestumpft, sondern geläutert; er mußte sich bekennen, daß das, was ihn quälte, ganz einfach das schlechte Gewissen war.
Welch ein Dilemma für einen solchen Mann! Auf der einen Seite die bis zur Selbstverleugnung getriebene Erfüllung der Idee, auf der andern das vorwurfsvolle Auge dessen, dem die Idee galt und dem er sich nicht ergeben konnte und durfte – aus Furcht vor dem allzu beteiligten Gefühl, aus Furcht vor der Trübung des Urteils, aus Furcht, daß der Engel der Gerechtigkeit seiner vorgesetzten Bahn entfliehen würde, wenn Neigung, Rücksicht und herzliche Annäherung ins Spiel kämen.
So wie an die nächsten Freunde schickte der Präsident in diesen Tagen die Aushängebogen seiner Caspar-Hauser-Schrift auch an Stanhope, der sich zurzeit in Rom aufhielt. Der Graf dankte oder antwortete mit keinem Wort.
Eines schlimmeren Zeichens bedurfte Feuerbach nicht. Wie hatte doch das große Wort gelautet, das er einst in lebendiger Stunde zu jenem Mann gesprochen? »Wenn dieses Antlitz trügt, Mylord, mit dem Sie hier vor mir stehen, dann ...«
Ja, dann! Was dann? Kindliche Anmaßung! Würde die Welt untergehen, weil ein Feuerbach sich getäuscht? Wie vielfältig ist der Mensch, wie viele Gesichter sind ihm eigen, wie viele Worte findet er um eines erbärmlichen Vorteils willen! Für den Bissen Brot ist jeder Bettler schon ein Fürst der Worte, und was Staatskarossen, was Pairschaft, was anmutige Manieren und überredendes Gefühl, wenn dem allen nur das Wort die Schminke ist, das eine aussätzige Haut verschönt? Dazu also Herzen zergliedert, im Dunkel der Seelen gewühlt, mit Richterkunst und -pathos Tat und Untat auf ihr menschlich Maß geprüft, damit ein aufgeschmückter Schelm aus England kam, um damit ein sardonisches Spiel zu treiben und alles lächelnd ins Absurde zu führen.
Den alten Mann ekelte. Aber die Vorstellung von der Macht und den Hilfsmitteln der Feinde, mit denen er sich in ungleichen Kampf eingelassen, wurde allmählich ungeheuer, und wenn auch sein Vorhaben nicht die geringste Beeinträchtigung erfuhr und er nicht für die Dauer eines Augenblicks ins Schwanken geriet, nahm doch eine verdüsternde Unruhe von ihm Besitz. Seit jenem nächtlichen Einbruch, dessen Anstifter aller aufgewandten Mühe zum Trotz unentdeckt geblieben waren, entbehrte er des dauernden Schlafs. Er erhob sich bisweilen aus dem Bett, wanderte mit dem Licht durch die Zimmer, über Treppen und Flur, rüttelte an den Fenstern, probierte die Festigkeit der Schlösser und erschrak nicht selten vor seinem eignen Schatten. Es war für seine Kinder ein erschütterndes Schauspiel, diesen Mann der Leidenschaft und des eingefleischten Mutes in dergleichen Gespensterwesen verstrickt zu sehen. Einstmals am frühen Morgen fand man an der äußeren Seite des Haustors folgende mit Kreide angeschriebenen Verse:
Anselm, Ritter von Feuerbach! Lösch ’s Feuer unter deinem Dach! Laß den falschen Freund nimmer ein! Zieh den Degen und hau drein, Sonst wird’s um dich geschehen sein.
An einem Abend zu Ende Oktober kam Quandt und begehrte den Präsidenten zu sprechen. Feuerbach ließ ihn eintreten und beobachtete sofort in seinem Benehmen etwas Verlegenes und Bestürztes, doch zeigte der Lehrer nicht die gewöhnliche Umständlichkeit, sondern rückte schnell mit seinem Anliegen heraus. Er berichtete, Caspar habe vorgestern einen Brief des Grafen erhalten und seitdem habe er sich ganz verändert; ob Seine Exzellenz nicht eine Stunde erübrigen könne, um mit dem Menschen zu reden, er selbst bringe kein Wort aus ihm heraus.
Der Präsident fragte, worin die Veränderung bestehe.
»Es ist, als wäre er taubstumm geworden,« versetzte Quandt. »Bei Tisch läßt er die Speisen unberührt, beim Unterricht ist er äußerst unaufmerksam, ja geistesabwesend, die Aufgaben macht er nicht mehr, auf Fragen antwortet er nicht, schleicht herum wie ein Todkranker und starrt in die Luft. Gestern nachts hab’ ich und meine Frau ihn belauscht und wir haben zugehört, wie er erst eine ganze Weile vor sich hingewimmert, dann auf einmal hat er einen gräßlichen Schrei ausgestoßen.«
»Wissen Sie vielleicht, was in dem Brief des Grafen gestanden hat?« forschte der Präsident.
»O ja, das weiß ich wohl,« entgegnete der Lehrer harmlos; »es ist meine Gepflogenheit, alle Briefe, die er erhält, vorher zu öffnen.«
Feuerbach blickte jäh empor und sah den Lehrer mit finsterer Neugier an. »Nun, und?« fragte er.
»Ich könnte den Inhalt des Schreibens durchaus nicht mit einer solchen Wirkung zusammenreimen,« erwiderte Quandt bedächtig.
Der Präsident stampfte ungeduldig mit dem Fuß. »Gut, gut,« rief er barsch, »aber was stand denn drin, da Sie es doch einmal wissen?«
Quandt erschrak. »Es stand drin, der Graf könne in diesem Jahr nicht mehr nach Ansbach kommen, unerwartete Zwischenfälle nötigten ihn, diesen Plan ins Unbestimmte zu verschieben. Nun ist mir freilich bekannt, daß Hauser mit der Herkunft des Lords stark gerechnet hat, er sprach sogar immer von einem festen Termin und hielt es für einen Frevel, wenn man ihm das ausreden wollte; er schien es geradezu für eine Pflicht des Grafen zu erachten, denn in seinem kindischen Kopf glaubt er noch fix daran, daß ihn der Graf mit nach England auf seine Schlösser nehmen werde, und er ahnt gar nicht, daß der Herr Graf schon längst sein Herz von ihm abgewandt hat –«
»Woher wissen Sie das, Mann?« brauste der Präsident auf und erhob sich mit solchem Ungestüm, daß der Stuhl hinter ihm umstürzte.
»Eure Exzellenz verzeihen,« stotterte Quandt furchtsam, »aber das ist doch sonnenklar.« Er ging hin, stellte den Stuhl mit einer höflichen Grimasse wieder auf, und während der Präsident mit seinen steifen, kurzen Schritten auf und ab wanderte, sagte er schüchtern: »Trotz allem ist mir die Wirkung dieser in den urbansten Formen gehaltenen Absage unerklärlich und besorgniserregend; es muß da etwas dahinter stecken, und Eure Exzellenz sind vielleicht imstande, es herauszubringen.«
»Ich werde der Sache nachgehen,« schnitt Feuerbach das Gespräch kurz ab. Quandt machte seinen Bückling und entfernte sich. Er ging nicht heimwärts, sondern wandte sich gegen die Herrieder Vorstadt, da er seine Frau vom Haus ihrer Mutter abholen wollte. Es war ein heftiger Sturm, Blätter und Zweige wirbelten durch die Luft, Quandts Mantelumhang flatterte hochauf, und mit beiden Händen mußte er die Ränder seines Schlapphuts festhalten.
Kurz nach dem Lehrer hatte Caspar heimlich das Haus verlassen, eigentlich ohne Ziel. Als er auf der Straße war, fiel ihm ein, ob er nicht zu Frau von Imhoff gehen könne, und ungeachtet der Dunkelheit und des bösen Wetters, und obgleich das Imhoffschlößchen eine Viertelstunde vor der Stadt gelegen war, entschloß er sich dazu. Aber als er angelangt war, als er am Gittertor stand und zu den erleuchteten Fenstern hinaufschaute, schwand ihm alle Lust und er fürchtete sich vor den hellen Zimmern. Sah er sich doch schon droben; hörte er doch schon die Worte, die ihm nichts waren und nichts galten, er kannte sie alle, er hätte sie auswendig an der Schwelle hersagen können. Ja, er kannte nun die Worte der Menschen, er erfuhr nichts Neues durch sie, sie fielen in das unermeßliche Meer seiner Traurigkeit wie kleine trübe Tropfen, deren Aufschall die Tiefe verschlang.
Ein Schatten glitt an den Fenstern vorbei, ein andrer folgte. So weilten sie in ihren Wohnungen, still und emsig, zündeten ihre Lichter an und wußten nicht, wer draußen stand am Tor.
Mitten im Windgebrause vernahm Caspar Töne wie von einem Saiteninstrument, das unter den Wolken aufgehängt war. Es befand sich nämlich auf dem Dach des Schlößchens eine Aeolsharfe, Caspar wußte dies nicht und hielt es für eine geisterhafte Musik. Als er den Rückweg antrat, schlugen immer von Zeit zu Zeit die orgelnden Akkorde an sein Ohr.
Er wünschte noch nicht heimzugehen; der gleiche dumpfe Drang, der ihn vor das Schlößchen der Imhoffs getrieben hatte, führte ihn noch zum Hause des Generalkommissärs, dann zum Haus des Regierungspräsidenten, dann zum Feuerbachschen Haus und schließlich vor ein Gebäude, das unbewohnt war und das mit seinen verschlossenen Läden, seinen bemosten Simsen und seinem hochbogigen Tor, über welchem ein Auge in den Stein und darüber die Worte gemeißelt waren: »Zum Auge Gottes«, schon lang vorher seine Wißbegier aufgeweckt hatte. Zur Markgrafenzeit sollte ein Goldmacher darin gewohnt haben.
Es war ihm zumute, wie wenn er in all diesen Häusern zu Gast gewesen sei, wie wenn er unsichtbar unter ihren Bewohnern oder in ihren leeren Räumen herumgegangen sei und als ob er dabei eine merkwürdige Kenntnis von dem vergangenen und gegenwärtigen Leben ihrer Menschen gewonnen hätte.
Ziemlich müde und dabei tief erregt langte er im Lehrerhaus an. Quandt und seine Frau waren noch nicht daheim, die Kinder schliefen, die Magd war nicht zu sehen, es herrschte eine große Stille, nur der Wind umheulte die Mauern, und das Flurlämpchen flackerte wie vor Furcht. Da, während Caspar zur Treppe schritt, vernahm er eine langgezogene feine Stimme, ähnlich dem Zirpen der Sommergrille, und die Stimme rief:
»Stephan!«
Er blieb befremdet stehen und sah sich um. Da alles ruhig war, glaubte er sich getäuscht zu haben, glaubte, es sei eine Stimme draußen auf der Straße gewesen. Aber kaum hatte er drei Schritte getan, so erschallte die Stimme neuerdings, nur unvergleichlich lauter, anscheinend aus dichterer Nähe:
»Stephan!«
Es war etwas unendlich Ergreifendes in dem Ton; es klang, wie wenn einer, der zu ertrinken fürchtet, aus dem Wasser ruft. Unverkennbar war es eine männliche Stimme, die nun zum drittenmal wie von Schluchzen erstickt ausrief:
»Stephan!«
Kein Zweifel, der Ruf galt ihm, ihm, Caspar. Er streckte die Arme aus und fragte: »Wo? Wo bist du? Wo bist du?«
Da sah er oben über der Tür, körperlos schwebend, ein fahlleuchtendes Gesicht. Es war das Gesicht Stanhopes, mit aufgerissenen Augen und aufgerissenem Mund, wie in äußerstem Schrecken verzerrt, häßlich, schier unkenntlich häßlich.
Caspar verharrte angewurzelt an seinem Platz, seine Glieder, ja seine Augen waren wie versteinert. Als er zum zweitenmal hinblickte, war das Antlitz verschwunden, auch die Stimme ließ sich nicht mehr vernehmen. Flur und Stiege erleuchtet, alle Türen zu, kein Mensch zu sehen, kein Laut zu hören.
Es wird eine Reise beschlossen
Eines Nachmittags im Dezember sahen erstaunte Nachbarn den Lehrer Quandt wie besessen aus seinem Haus und gegen die Neustadt stürmen, wo die Wohnung des Polizeileutnants lag. Er trat ins Zimmer des Leutnants, und ohne sich Zeit zu gönnen, seinen Hut vom Kopf zu nehmen, griff er in die Rocktasche und hielt Hickel wortlos ein dünnes Druckheft entgegen.
Es war die vor kurzem erschienene Caspar-Hauser-Broschüre Feuerbachs. Quandt hatte das Büchlein erst heute in die Hände bekommen und es in einem Zug durchgelesen.
Hickel nahm das Heft, besah es rundum und sagte gelassen: »Na, und? Was soll’s? Meinen Sie, daß das eine Neuigkeit für mich ist? Sie echauffieren sich doch nicht etwa? Der Alte schreibt, weil das sein Geschäft ist. Eher können Sie einer Henne das Eierlegen abgewöhnen als einem geborenen Federfuchser das Schreiben.«
Quandt atmete tief auf. »Schreiben, schön; ich lasse ja vieles gelten,« antwortete er, »aber das geht denn doch zu weit. Erlauben Sie –« er packte das Heft, schlug das Titelblatt auf und las vor: »Caspar Hauser oder Beispiel eines Verbrechens am Seelenleben des Menschen. Das klingt ja nach etwas,« sagte er bitter; »es streut den Leuten von vornherein Sand in die Augen. Aber das Ganze ist ein Roman, und nicht einmal einer von der besten Sorte.«
Er blätterte und deutete mit dem Finger auf eine Stelle, die er gleichfalls höhnisch betont vorlas: »Caspar Hauser, das rare Exemplar der Gattung Mensch –! Lieber Herr Polizeileutnant, da bin ich mit meiner Weisheit zu Ende. Das kommt mir so vor, als ob man den notorisch schlechtesten meiner Schüler vor versammeltem Volk als einen großen Gelehrten erklärte. Rares Exemplar! In dem Punkt weiß ich besser Bescheid, halten zu Gnaden, Exzellenz; da könnte ich einem verehrlichen Publiko ganz anders die Augen öffnen. Rares Exemplar, gewiß! Aber man muß nur auch das Alphabet von vorne und nicht von hinten lesen. Das ist also der große Kriminalist, der bestaunte Alleswisser! So sieht der Ruhm aus, wenn man ihn aus der Nähe betrachtet! Und nun erst das ganze dynastische Hintertreppenmärchen! Es wäre ja zum Lachen, wenn es nicht so traurig wäre. Herrgott, ist das eine Zeit, ist das eine Welt!«
Der Polizeileutnant hörte mit kaum merklichem Lächeln den Ausbruch des Lehrers an. Als Quandt zu Ende war, sagte er gleichmütig: »Was wollen Sie? Als getreue Diener sind wir nun einmal dazu verurteilt, die dummen Streiche unsrer Herrschaft mitanzusehen. Übrigens kann ich Sie in einer Hinsicht beruhigen. Der Präsident hat selber keine rechte Freude an dem Büchlein. Er klagt über Gedächtnisfehler, die ihm dabei passiert sind, und daß es ihn mehr Mühe gekostet hat, die Geschichte zu Papier zu bringen, denn ein ganzes Corpus juris. Und jetzt muß er’s erleben, daß man ihm draußen im Reich hart zusetzt. Es geht die Rede, daß die Bundeskommission zu Frankfurt die Schrift konfiszieren wird.«
»Recht so,« rief Quandt. »Auch die Fürsten sollten etwas dagegen unternehmen.«
»Das lassen Sie nur die Sache der Fürsten sein,« versetzte Hickel, dessen Gesicht plötzlich böse und sorgenvoll wurde. »Potz Kreuz, lieber Quandt, Sie ereifern sich ja da, als ob’s Ihnen an den Kragen ginge. Ich möchte nur gar zu gern wissen, ob Sie auch so viel Mut zeigen würden, wenn die Exzellenz dahier im Zimmer wäre.«
Quandt schaute sich mißtrauisch um. Dann zuckte er die Achseln und erwiderte: »Sie belieben zu scherzen, Herr Polizeileutnant. Schlimm genug, daß man mit seiner wahren Meinung hinterm Berg halten muß. Wir haben alle vergessen, wie ein Mann den Kopf tragen soll. Kuschen, das haben wir gelernt, das verstehen wir von Grund aus. Aber ich will nicht mehr kuschen.«
»Pst!« unterbrach ihn Hickel unwirsch; »lassen wir das; es schmeckt nach Demagogentum. Sagen Sie mir lieber: Hat der Hauser Kenntnis von der Broschüre?«
»Nicht daß ich wüßte,« entgegnete Quandt. »Aber es wird nicht zu vermeiden sein, daß er davon erfährt, gibt es doch Unverständige genug, die sich ein Vergnügen daraus machen werden. Haben Sie, Herr Polizeileutnant, nicht auch von der Schrift eines gewissen Garnier gehört?«
Bei der Nennung dieses Namens zuckte Hickel zusammen und sah den Lehrer finster an. Es dauerte eine ganze Weile, bevor er sich zu einer Antwort entschloß. »Garnier? Ja, das ist ein landesflüchtiges Subjekt. In seinem Pamphlet bringt er dieselben sinnlosen Dinge vor wie der Staatsrat, bloß noch verbrämt mit dem windigsten Hofklatsch. Das Machwerk ist nicht der Rede wert.«
»Wie soll ich mich aber verhalten, wenn der Hauser irgendwie in den Besitz eines dieser Produkte kommt?« fragte Quandt.
Hickel spazierte mit seinen langen Schritten herum und nagte mit den Zähnen nervös an der Unterlippe. »Treffen Sie Vorsorge,« erwiderte er kalt. »Lassen Sie ihn nicht aus den Augen. Mich kümmert das übrigens gar nicht; ist mir völlig egal. Man wird den jungen Mann schon karwanzen.«
Quandt seufzte. »Herr Polizeileutnant,« sagte er bedrückt, »ich kann Ihnen nicht schildern, wie mir ist. Meine halbe Seligkeit gäb’ ich drum, wenn es mir vergönnt wäre, den Menschen zu einem offenen Geständnis zu bringen.«
»Man wird’s Ihnen billiger machen,« versetzte Hickel düster.
»Wissen Sie denn das Neueste?« fuhr Quandt fort. »Der Präsident will den Hauser als Schreiber beim Appellgericht beschäftigen. Morgen soll er schon anfangen.«
»Und was wird der Graf dazu sagen?«
»Man hat es ihm schreiben wollen; weiß aber nicht, wo er sich aufhält. Es ist seit vier Wochen nur ein einziger Brief von ihm gekommen, und den hat der Hauser nicht einmal angesehen. Meines Erachtens muß er sich über die Maßregel freuen. Für ein Metier im engeren Sinn ist der Hauser doch nicht zu brauchen, er hat leider den Verkehr mit den gebildeten und höheren Ständen zu lange genossen, als daß es ihn nicht rebellisch machen müßte, wenn er ihn plötzlich mit der Umgebung in einer Werkstätte vertauschen müßte. Anderseits ist er auch zu einem Beruf ungeeignet, der eine tiefere Ausbildung erfordert, denn zu einem ernsthaften Studium fehlt ihm Sinn und Ausdauer. Der Staatsrat hat demnach die beste Lösung getroffen, die auch mich von einem Teil meiner Verantwortlichkeit entlastet. Bei der Schreiberei kann sich der Hauser nicht nur zu einem Beamten des niederen Dienstes, sondern bei einigem Fleiß sogar für eine Stelle beim Registratur- oder Rechnungswesen ausbilden.«
Hickel hörte der weitläufigen Auseinandersetzung kaum zu. Sie gingen nun zusammen fort; vor der Hofapotheke verabschiedete sich Hickel, um sich, wie er sagte, ein Pülverchen gegen Schlaflosigkeit verschreiben zu lassen.
Auf dem Nachhauseweg wurde Quandt vom Hofrat Hofmann sehr freundlich gegrüßt, eine Tatsache, die hinreichend war, seine mürrische Stimmung ungemein aufzuheitern. Beim Mittagessen, es gab Kalbsbrust und Ochsenmaulsalat, wurde er sogar lustig und trieb allerlei Scherze mit seiner Gattin. Aber wie es bei seriösen Naturen der Fall zu sein pflegt, geriet seine Aufgeräumtheit ziemlich ins Plumpe. Unter anderm nahm er das Messer und fuchtelte der Lehrerin lachend damit vor der Nase herum. Da erblaßte Caspar, stand auf und sagte: »Um Gottes willen, Herr Lehrer, legen Sie doch das Messer weg, ich kann’s nicht sehen.«
Quandt, gleich wieder verdrießlich, brummte: »Na, hören Sie mal, Hauser, ein solches Betragen schmeckt stark nach Affektation.«
»Sie sind ein schöner Tappel,« sagte die Lehrerin, »ein Mann muß mutig sein. Was wollen Sie denn tun, wenn’s mal Krieg gibt? Da heißt es mit Anstand sterben.«
»Sterben? Nein, da sag’ ich Dank, sterben mag ich nicht,« erwiderte Caspar hastig.
»Und doch haben Sie sich damals vor dem Polizeileutnant in einer höchst widerwärtigen Weise über denselben Punkt geäußert,« ließ sich Quandt vernehmen.
»Nein, so feig,« fuhr die Lehrerin fort, »mit dem Kadetten Hugenpoet von den Dragonern haben Sie sich letzten Sommer ja auch einmal so feig benommen.«
»Was ist denn das für eine Geschichte?« erkundigte sich Quandt, »davon weiß ich gar nichts.«
»Er war doch mit dem Kadetten oft beisammen; der hat dem Hauser immerzu vorgeschwärmt, er soll Soldat werden, in ein paar Jahren brächt’ er es leicht zum Offizier. Wär’ ja nicht so übel, die Kadetten haben es gut und kommen schnell vorwärts. Unser Hauser war auch begeistert von der Idee, aber auf einmal war die Freundschaft aus.«
»Ei, und aus welchem Grund?«
»Das war so. An einem Abend im September ist er mit dem Kadetten am Rezatufer spazieren gegangen, und sie sind zu einer Stelle gekommen, wo viele Knaben und Burschen sich gebadet haben, denn es war furchtbar warm an dem Tag. Der Kadett sagt, das wollen wir auch machen, zieht sich aus und will den Hauser überreden, gleichfalls zu baden. Der war aber zu Tod erschrocken von dem Vorschlag und sagt, ins Wasser geht er nicht. Das hören die andern, steigen heraus, stellen sich um ihn herum, verspotten ihn und wollen ihn mit Gewalt ins Wasser bringen. Da reißt er sich los, eh’ man sich’s versieht, ist er in seiner Höllenangst über die Felder davongelaufen, und die nackigten Kerle höhnen hinter ihm her. Dem Kadetten war’s zu bunt, und er sieht ihn nicht mehr an seitdem. Ist’s wahr, Hauser, oder nicht?«
Caspar nickte. Der Lehrer schüttelte sich vor Lachen.
Ein paar Tage später kamen Frau von Imhoff und das Fräulein von Stichaner, um Caspar zu besuchen. Die Lehrerin, stolz auf die vornehmen Gäste, wich nicht vom Fleck. Der Unterhaltung zuliebe und weil ihr nichts Gescheiteres einfiel, erzählte sie im Beisein Caspars abermals die Geschichte mit dem Kadetten und dem verweigerten Bad, doch hatte sie nicht denselben Erfolg wie vor ihrem Ehegemahl. Die beiden Damen hörten schweigend zu.
»Solche Feigheit ist eigentlich nicht schön,« bemerkte das Fräulein von Stichaner dann auf der Straße gegen Frau von Imhoff.
»Man kann es nicht gut Feigheit nennen,« antwortete diese; »er liebt das Leben zu sehr, das ist es. Er liebt das Leben wie ein Toller, wie ein Tier liebt er es, wie ein Geizhals sein Gold. Er hat mir selbst gestanden, daß er jedesmal vor dem Einschlafen Angst hat, sein Schlaf könne sich ihm unbewußt in Tod verwandeln, und er betet, Gott möge ihn doch ganz gewiß am andern Morgen wieder aufwachen lassen. Nein, es ist nicht Feigheit; es ist vielleicht die Ahnung einer großen Gefahr, auch der Trieb, viel Versäumtes nachzuholen. Man muß ihn nur manchmal sehen, wie er sich freuen kann, und über das Allergeringste, woran jeder andre stumpf vorübergeht. Seine Freude hat etwas Großartiges, etwas Erdentrücktes, so wie seine Furcht und seine Traurigkeit etwas Schauerliches haben.«
Zu Hause wurde Frau von Imhoff durch einen Brief ihrer Freundin, der Frau von Kannawurf, überrascht, doppelt angenehm überrascht, da Frau von Kannawurf, sie weilte gegenwärtig in Wien, schrieb, sie wolle im März nach Ansbach kommen. In dem Brief war überdies viel von Caspar die Rede. »Ich habe in den letzten Tagen die Feuerbachsche Schrift gelesen,« hieß es unter anderm, »und muß dir gestehen, daß mich noch niemals ein Buch dermaßen im Innersten aufgewühlt hat. Ich kann seitdem nichts andres denken, und es flieht mich der Schlaf. Weiß Caspar Hauser selbst von dieser Schrift? Und wie stellt er sich dazu? Was äußert er darüber?«
Frau von Imhoff versäumte es, über den Punkt Bescheid zu geben; es fiel ja auch schwer, Caspar zu befragen. Hat er das Buch nicht gelesen, so ist es peinlich und sonderbar, ihn darüber in Unwissenheit zu sehen, dachte sie; noch peinlicher und sonderbarer, wenn er es gelesen hat; peinlich und sonderbar sein Aufenthalt hier, sein Kopistenamt auf dem Gericht, sein ganzes Treiben; und wie ist es möglich, eine Aussprache herbeizuführen? Jedes offene Wort kann unheilvoll werden.
Trotzdem unternahm es Frau von Imhoff, Caspar vorsichtig auszuholen, ob er überhaupt von der Sache wisse oder davon reden gehört. Und er wußte davon. Nicht im entferntesten aber hegte er den Wunsch, sich Klarheit zu verschaffen. Erstens aus Furcht; die Furcht ließ ihn vor jedem Schritt zurückbeben, der auf eine Veränderung seiner Lage zielte, seine Gedanken von der krampfhaft umklammerten Gegenwart ablenken konnte; und dann, weil er wahrscheinlich annahm, es handle sich bei der Schrift des Präsidenten auch nur um das bodenlose Gerede, das er in- und auswendig wußte und von dem ihm, wie er zu sagen pflegte, bloß Kopf- und Herzweh und ein dummes Nachschauen blieb. Er hatte dergleichen oft genug erfahren, und aus lauter Überdruß daran war er am Ende so unneugierig geworden, daß eine einzige Andeutung, während eines Gesprächs etwa, hinreichte, um seinem Gesicht den Ausdruck schalster Langweile zu geben.