Caspar Hauser; oder, Die Trägheit des Herzens, Roman

Chapter 21

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Caspar eilte nun durch mehrere Gassen, und zwar ganz unsinnig die kreuz und quer, danach über die Glacis und nach St. Johannis hinüber. Hill folgte in einer Entfernung von fünfzig oder sechzig Ellen und hatte auf jede Bewegung Caspars genau acht. Trotzdem es den Anschein ziellosen Gehens hatte, war doch der Schritt des Jünglings so beschleunigt, ja ungeduldig, als wolle er ein vor ihm fliehendes Etwas erhaschen. Es ging nun durch die Mühlgasse, am Ende dieser Gasse breitet sich das flache Feld aus und die Straße verwandelt sich in einen Wiesenweg, der längs der Mauer des Johanniskirchhofs zur Pegnitz und zum Wald hinunterführt. An der Kirchhofsmauer, die so niedrig ist, daß auch ein mittelgroßer Mensch leicht über sie hinwegblicken kann, blieb Caspar jählings stehen, riß den Hut vom Kopf und preßte die Hand gegen die Stirn. Es wird Eurer Exzellenz bekannt sein, eine wie ungeheure Wirkung schon früher einmal bei der Annäherung an den Gräberort an ihm wahrgenommen worden ist. Er schien zu zittern, er atmete mit offenem Mund, seine Züge drückten Grauen aus, die Hautfarbe wurde bleifahl, er sah aus, als könne er sich nicht losreißen, plötzlich aber stürzte er so schnell weiter, daß sein Beobachter Mühe hatte, ihm nah zu bleiben, auch dachte Hill, Caspar müsse ins Wasser stürzen, da er am Flußufer in ein wildes Torkeln geriet. Glücklicherweise wandte er sich gegen den nahen Forst und verschwand alsbald zwischen den Stämmen. Hill hatte Angst, daß er ihm entkommen könnte; er bemerkte einige Arbeiter, die an einer Erdgrube Sand schaufelten, und forderte sie auf, ihm zu helfen; drei oder vier gesellten sich zu ihm, und sie drangen verteilt ins Gehölz; doch Hill selbst war es, der Caspar nach langem Suchen und als er schon höchlichst besorgt wurde, zuerst wieder erblickte. Er sah ihn kniend am Fuß einer mächtigen Tanne, er sah, wie er die Hände aufhob, und hörte ihn mit einer leidenschaftlich flehenden Stimme rufen: »O Baum! O du Baum!« Nichts weiter als diese Worte, und mit solchem Gefühl, wie man ein Gebet spricht, wenn der Geist in höchster Bedrängnis ist. Hill sagte aus, er habe es nicht über sich gebracht, ihn anzurufen, überhaupt hat der einfache Mann bei all diesen Vorgängen ein Zartgefühl und eine Menschlichkeit bewiesen, um deretwillen ich ihm meine Anerkennung nicht versagen kann. Die Arbeiter, die er mitgenommen, riefen ihm, er gab ein Zeichen, sie kamen herbei; Caspar hatte sich indes erschrocken aufgerichtet, blickte die Leute der Reihe nach an, und es schien, als erkenne er Hill nicht. Dieser dankte den Männern und bedeutete ihnen, daß er sie nicht mehr brauche. Von ihm untergefaßt, ließ sich Caspar ohne Widerstand aus dem Forst herausführen; im Gegensatz zu seinem bisherigen Wesen zeigte er nun eine vollkommene Gelassenheit. Hill fragte ihn, wohin er denn gehen wolle, und nach einigem Zögern antwortete Caspar, er müsse zum Mittagessen zu Herrn Daumer. Da lachte Hill und erinnerte ihn, daß Mittag längst vorbei sei; als sie vor der Stadtmauer ankamen, begann es schon zu dämmern. Caspar ging jetzt außerordentlich langsam, und trotzdem Hill um vier Uhr auf der Polizeiwache hätte sein sollen, begleitete er ihn noch zu Professor Daumers Haus und wich erst von der Stelle, als sich das Tor hinter seinem Schützling geschlossen hatte.

Dies, Exzellenz, die getreue Wiedergabe dessen, was der Mann berichtet hat. Ich habe seine Erzählung, deren Glaubwürdigkeit zu bezweifeln kein Anlaß vorliegt, protokollieren lassen. Aus den Begebnissen selbst weiß ich, wie gesagt, nichts zu machen, auch ist es nicht an mir, den Schlüssen Eurer Exzellenz vorzugreifen. Gestern habe ich mich von Hill zu der Stelle führen lassen, wo Caspar kniend gefunden wurde, denn ich dachte mir, daß da vielleicht etwas Besonderes sei. Es ist, ungewöhnlich bei solcher Stadtnähe, ein friedensvoller Ort; der Wald ist dicht bestanden, lautlose Einsamkeit fordert zu beschaulicher Stimmung auf. Hill erkannte den Platz mit Sicherheit wieder und zeigte zum Beweis auf Fußabdrücke und zerwühltes Moos. Sonst habe ich nichts Bemerkenswertes wahrgenommen.

Der Polizeisoldat, der durch seine Nachlässigkeit in Caspars Bewachung all dieses verschuldet hat, wurde der verdienten Strafe zugeführt.

Lord Stanhope an den Grauen:

Ich weile noch immer in dem weltentlegenen Nest, obwohl ich zu Weihnachten in Paris sein wollte. Ich sehne mich nach freier Konversation, nach Maskenbällen, nach der italienischen Oper, nach einem Spaziergang auf den Boulevards. Hier sind aller Augen auf mich gerichtet, jeder will teilhaben an mir; von einer gewissen Hofratsfamilie, die nicht in den besten Verhältnissen lebt, wird erzählt, sie habe eine goldene Stehuhr, ein vortreffliches Erbstück, versetzt, um eine Soiree zu Ehren des Lords geben zu können. Man verdächtigt eine Dame, Frau von Imhoff – uralter Patrizieradel! –, der näheren Beziehung zu mir, vielleicht nur deswegen, weil die Arme in einer unglücklichen Ehe lebt, an der sich der Klatsch seit Jahren mästet. Scherzhafter Unsinn. Die Dame ist, leider, ein makelloser Mensch. Das übrige Volk ist kaum der Rede wert. Die guten Deutschen sind servil bis zum Erbrechen. Der behäbige Kanzleidirektor, der mit einer sklavisch tiefen Reverenz den Hut vor mir zieht, würde mir mit Vergnügen die Stiefel putzen, wenn ich’s ihm befähle. Nichts hindert mich, hier eine Art Caligula zu spielen.

Zur Sache. Ein äußerer Grund meines Verweilens hier ist nicht mehr vorhanden. Der bislang vorgeschriebene Teil meiner Aufgabe ist erfüllt. Was verlangt man noch von mir? Wessen hält man mich noch weiterhin für fähig? Hat Euer Hochgeboren oder dero Gebietende noch intime Wünsche, so wäre es geraten, sie in Bälde vernehmen zu lassen, denn der ergebenst Unterzeichnete ist satt. Die Mahlzeit füllt ihn bis zum Hals, er muß jetzt ans Verdauen denken. Ich gehe mit der Absicht um, in Rom Prälat zu werden oder mich hinter Klostermauern einzusperren, vorher muß ich noch das nötige Schwergeld für den Ablaß beisammen haben; wenn der Papst kein Einsehen hat, kehr’ ich in den Schoß der puritanischen Kirche zurück, so bin ich wenigstens der Sorge und des Ekels enthoben, mir den Bart wachsen lassen zu müssen. Auch in meinem Land gibt es Masken und jedenfalls ein würdigeres Kostüm. Ist der Minister H. in S., der Pensionist, von allen Vorgängen verständigt und hat man ihn gegen Überfälle gesichert? An welcher Bankstelle kann ich meinen nächsten Zinsgroschen beheben? Dreißig Silberlinge; mit welcher Zahl darf ich die Summe multiplizieren? Denn auf Multiplikation ist nun einmal mein Leben gestellt. Herr von F. ist vor einigen Tagen nach München abgereist; dies zur Notiz. Das bewußte Dokument ist, wie ein ranziges Stück Fleisch, von einem gewissenhaften Raben in Aussicht genommen, vorläufig aber noch unzugänglich. Wie hoch normiert man den Preis und, sollten im Kriegsfalle kühnere Maßregeln geboten sein, was billigt man demjenigen zu, der die Hölle um einen neuen Untertanen reicher machen will? Ich muß dies wissen, gegenwärtig stellen auch die geringsten Diener des Satans ihre Ansprüche. Wenn Herr von F. so weit kommt, mit der Königin zu verhandeln, wie er beabsichtigt, muß ein geeigneter Repräsentant gefunden werden, um das angefachte Feuer zu löschen; freilich wird dann das ranzige Stück Fleisch anfangen zu stinken. Dabei fällt mir ein penetranter Passus in dem letzten Schreiben von Eurer Hochgeboren ein; wie lautet er doch gleich: »Sie beginnen, mein lieber Graf, zu viel Wert auf das Verruchte und Verfluchte zu legen, sobald es nur einen Anschein von Zweckmäßigkeit und Behendigkeit hat.« Ich nehme diesen Worten die Schminke und lese: es ist unglaublich, was Sie für ein Spitzbube sind. Kennen Sie die hübsche Replik des alten Fürsten M., als ihn der amerikanische Gesandte ins Gesicht hinein einen Betrüger nannte? »Mein Lieber, Teurer,« erwiderte der Fürst mit seinem sanftesten Lächeln, »daß Sie doch in Ihren Ausdrücken niemals maßhalten können!« Ja, halten wir Maß, wenn auch nicht im Tun, so doch im Reden. Wozu Sottisen? Ein Schurke wird geboren so gut wie ein Edelmann. Wer sich anmaßt, in den Lauf eines fremden Schicksals zu pfuschen, ist ein Philister oder ein Dummkopf, wenn nicht beides. Wer kennt mich? Wer will mich richten oder formen? Verrät mich nicht jeder Atemzug? Verwandte Sterne haben über Ihrer und meiner Wiege geleuchtet. Sie sind ein getreuer Diener. Das ist eine wunderschöne Ausrede. Werfen Sie ab, was Sie bindet, fliehen Sie in eine Einöde, auf das Meer, in die Wüste, zum Pol, auf einen andern Planeten, zu sich selbst und erproben Sie, ob Sie sich noch am Glanz des Himmels und am Schein der Sonne zu freuen vermögen, und wenn das der Fall ist, wollen wir über das Thema weiter verhandeln. Schlagen wir uns in die Nacht wie Wölfe und sammeln wir Mut, denn das Opfer könnte wehrhaft werden.

Unser Schutzbefohlener bereitet mir neuestens mancherlei Sorge, und ich muß gestehen, daß er es ist, der mich in dieser gottverlassenen Gegend noch immer festhält. Allerdings ohne daß er davon weiß, aber er ist mir in jeder Hinsicht verdächtig geworden, und ich komme mir bisweilen wie ein tauber Musikant vor, der auf einer verstopften Flöte spielen muß. Aber nicht nur dies hält mich, sondern auch noch ein andres, womit ich jedoch Ihr allen Empfindsamkeiten abholdes Ohr nicht belästigen will. Auf jeden Fall, und dies nun im Ernst, entlassen Sie mich aus der Arena. Ich bin betäubt, ich bin müde, meine Nerven gehorchen nicht mehr, ich werde alt, ich fange an, den Geschmack an Treibjagden zu verlieren; es erregt meinen Widerwillen, wenn der geängstigte Hase dem bissigsten der Hunde von selbst in die Zähne rennt, ich bin zu sehr Schöngeist, um dies noch ergötzlich zu finden, und ich könnte kaum dafür einstehen, daß ich nicht im letzten Moment eine Bresche in die Treiberkette schlage, die der verfolgten Kreatur zur Flucht verhilft. Dann aber könnte sich eine merkwürdige Metamorphose begeben, der Hase könnte zum Löwen werden und zurückkehren und die blutgierige Meute müßte zitternd in ihre Hinterhalte schleichen. Doch fürchten Sie nichts: dies sind Zuckungen und Phantasien eines senilen Gewissens. Auch ich bin ein treuer Diener – meiner selbst. Das Werk befiehlt. Unsre Lüste sind die Schergen der Seele. Nur der Dieb, der keine Philosophie im Leibe hat, verdient gehängt zu werden. In meiner Jugend hatte ich Tränen übrig, wenn ich mir den gitarrespielenden Knaben auf Carpaccios Bild in Venedig betrachtete, jetzt bliebe ich ungerührt, wenn man das Kind von der Mutterbrust risse und seinen Schädel am Rinnstein zerschmetterte. Das macht die Philosophie. Wenn sie sich besser bezahlte, wäre ich vielleicht fröhlicher. Bei dieser Gelegenheit muß ich Ihnen einen amüsanten Traum erzählen, den ich neulich hatte, eine wahre Gorgo von Traum. Wir beide, ich und Sie, feilschten um eine gewisse Ware; plötzlich unterbrachen Sie mich mit den Worten: »Nehmen Sie, was ich Ihnen biete, denn wenn Sie jetzt erwachen, bekommen Sie gar nichts.« Ich fand dies Argument göttlich und so wenig zu widerlegen, daß ich in der Tat, mit Angstschweiß bedeckt, erwachte.

Genug, übergenug. Mein Jäger überbringt Ihnen diesen Brief, der durch seinen Mangel an Inhalt Ihren Verdruß erregen wird. Das beiliegende Akzept, um dessen Signierung ich bitte, dürfte Sie noch weniger versöhnen. Dem Lehrer habe ich ein Halbjahr im voraus bezahlt. Er ist ein brauchbarer Mann, unbestechlich wie Brutus und lenkbar wie ein frommes Pferd. Wie alle Deutschen hat er Prinzipien, die sein Selbstvertrauen hervorbringen. Gott befohlen, die Nacht will ihren Schlaf.

Anbetung der Sonne

Am Morgen nach Caspars Ankunft blieb der Lord länger als gewöhnlich in seinen Zimmern. Auch dann vermied er es noch, Caspar rufen zu lassen, und machte erst die tägliche Promenade. Als er zurückkam, ging Caspar vor dem Salon auf und ab; die Bewegung Stanhopes, als wolle er ihn umarmen, schien Caspar zu übersehen; er blickte steif zu Boden. Sie traten ins Zimmer, der Lord entledigte sich seines schneebedeckten Pelzmantels und stellte möglichst unbefangen Fragen: wie es Caspar ergangen, wie der Abschied, wie die Reise gewesen und mehr dergleichen. Caspar antwortete bereitwillig, wenn auch ohne Ausführlichkeit, war freundlich und keineswegs bedrückt oder vorwurfsvoll. Dies gab Stanhope zu denken, und es bedurfte einer gewissen Anstrengung von seiner Seite, um die sonderbar kühle Unterhaltung fortzusetzen. Er konnte sogar einen leisen Schrecken nicht unterdrücken, wenn er Caspar ansah, der ihn mit seinen weinfarbigen Augen fortwährend fremd betrachtete.

Es war eine Erlösung, als der Polizeileutnant gemeldet wurde. Stanhope empfing ihn im Nebenzimmer; sie sprachen dort über eine halbe Stunde leise miteinander. Nachdem der Graf hinausgegangen war, trat Caspar zum Schreibtisch, streifte den Diamantring von seinem Finger und legte ihn mit bedächtiger Gebärde auf einen angefangenen, in englischer Sprache geschriebenen Brief; dann schritt er zum Fenster und blickte in das Schneetreiben.

Stanhope kam allein zurück. Er fragte, ob Caspar wisse, wo er untergebracht werden solle. Caspar bejahte.

»Es ist am besten, wir gehen mal gleich zu den Lehrersleuten hin, um dein künftiges Quartier in Augenschein zu nehmen,« sagte der Lord.

Caspar nickte und wiederholte: »Ja, es ist am besten.«

»Der Weg ist nicht weit,« meinte Stanhope, »wir können zu Fuß gehen; wenn du es aber wünschest und die Zudringlichkeit der Menschen scheust, die zu erwarten ist, kann ich den Wagen bestellen.«

»Nein,« erwiderte Caspar freundlich, »ich gehe lieber; die Leute werden sich schon trösten, wenn sie sehen, daß ich auch auf zwei Beinen spaziere.«

Da fiel Stanhopes Blick auf den Ring. Erstaunt nahm er ihn in die Hand, sah Caspar an, sah den Ring an, überlegte mit zusammengezogenen Brauen, lächelte flüchtig und wild, dann legte er den Ring schweigend in eine Lade, die er verschloß. Als ob nichts geschehen wäre, zog er den Mantel an und sagte: »Ich bin bereit.«

Das Aufsehen in den Gassen war erträglich; es spielte sich alles in Ruhe ab, das Volk hier war gutmütig und scheu.

Über dem Tor des Quandtschen Hauses war ein Kranz aus Immergrün aufgehängt, in dessen Mitte auf einem Pappendeckel ein gemaltes »Willkommen« prangte. Quandt trat den Ankömmlingen im braunen Bratenrock entgegen, sonntäglich aussehend, seine Frau hatte einen schottischen Schal umgehängt, damit ihr körperlicher Zustand weniger auffällig hervortrete.

Zuerst wurde Caspars Zimmerchen besichtigt, das im obern Flur lag. Der Raum hatte auf einer Seite eine schiefe Mansardenwand, bot aber sonst ein nettes Ansehen. Über dem altväterisch-bunten Kanapee hing ein schwarzgerahmter Stich; das Bild stellte ein unsagbar schönes Mädchen vor, das die Arme schmerzlich nach einem Jemand ausstreckte, von dem man gerade noch zwischen Gebüschen die Beine und einen fliegenden Mantel sah. An der andern Wand hingen zwei längliche Deckchen, worauf Sinnsprüche eingestickt waren; auf dem einen: »Früh auf, spät nieder bringt verlorene Güter wieder«; auf dem andern: »Hoffnung ist des Lebens Stab von der Wiege bis zum Grab«. Auf dem Sims standen Töpfe mit Winterblumen, und über niedriges Dächerwerk hinweg konnte sich der Blick an einer lieblich geschlossenen Landschaft ergötzen; schneeweiße Hügel begrenzten in nicht zu großer Weite das ansteigende Tal.

Caspar war es beim Hinschauen recht jämmerlich zumute; er dachte gewisser Vorstellungen von ehedem, die jetzt keinen Bezug mehr hatten: eine Fahrt mit weitgestecktem Ziel; die Straße läuft fröhlich dem Wagen voran; Wolken teilen sich beim Näherkommen; Berge treten gefällig zur Seite; die Luft schwirrt vom Gesang der Fremde; Wälder und Wiesen, Dörfer und Städtchen hüpfen im besonnten Nebel vorüber, und unter dem schließenden Ring des Himmels strömt Welt auf Welt hervor.

Es war nicht mehr an dem.

Unten im Wohnzimmer dunsteten die frischgefegten Dielen noch von Feuchtigkeit. Quandt setzte dem Lord die wichtigsten Punkte seines Programms auseinander. Bisweilen schaute er Caspar dabei an, und sein Blick war dann durchdringend wie bei einem Schützen, der das Ziel fixiert, ehe er die Flinte anlegt.

Stanhope sagte, er schätze sich glücklich, daß Caspar endlich Aussicht auf eine geregelte Bildung habe, alles bisherige sei ja nur Willkür und Ungefähr gewesen. Wenn der Herr Staatsrat nicht so fest darauf bestanden hätte, daß Caspar in Ansbach bleibe – dies sollte offenbar eine Erklärung gegen den still zuhörenden Jüngling sein –, wären sie ohne Zweifel heute schon in England oder doch auf dem Weg dahin. »Da ich ihn aber in so guten Händen weiß,« fügte er hinzu, »bin ich nichtsdestoweniger froh; man sieht daraus, daß auch ein unerwünschter Zwang oft die ersprießlichsten Folgen hat.«

Seine Worte waren trocken; es war, als rede sein Hut oder sein Stock. Das Kompliment, das sie enthielten, war schal, oft gebraucht wie Spülwasser. Aber für Quandt waren sie eine Herzenserquickung. Er belebte sich zusehends und meinte eifrig, es sei am geratensten, wenn Caspar noch heute einziehe. Stanhope schaute Caspar fragend an; dieser senkte den Kopf, worauf sich der Lord zu einem nachsichtigen Lächeln zwang. »Wir wollen nichts überstürzen,« sagte er. »Ich lasse morgen früh das Gepäck herschaffen, heute soll er noch bei mir bleiben.«

Es war dunkel geworden, als beide das Haus verließen. Quandt begleitete sie bis auf die Straße. Zurückkehrend schloß er ganz leise und langsam die Tür, wie er immer zu tun pflegte, dann stellte er sich in die Mitte des Zimmers, legte beide Hände flach gegen die Brust und schüttelte mindestens eine Viertelminute lang in lautlosem Erstaunen den Kopf.

»Warum schüttelst du denn so den Kopf?« fragte Frau Quandt.

»Ich begreife nicht, ich begreife nicht,« antwortete der Lehrer bekümmert und schlich herum, als suche er etwas auf dem Boden.

»Was begreifst du denn wieder nicht?« fragte die Frau verdrießlich.

Quandt zog einen Stuhl herbei, setzte sich neben seine Gattin und schaute sie aus seinen blassen Augen fest an, bevor er fortfuhr: »Hast _du_ vielleicht etwas Wunderbares an dem Menschen bemerkt? Sprich dich nur aus, liebe Jette, hast du etwas, irgend etwas Außergewöhnliches bemerkt, irgend etwas, das ihn von einem andern Menschen unterscheidet?«

Frau Quandt lachte. »Ich habe nur bemerkt, daß er nicht besonders höflich war und daß er seidene Strümpfe trägt wie ein Marquis,« entgegnete sie leichthin.

»Ja, nicht wahr? nicht besonders höflich, wie? und seidene Strümpfe, ganz recht,« sagte Quandt mit sonderbarer Hast, als sei er einer Entdeckung auf der Spur. »Na, die seidenen Strümpfe werden wir ihm schon abgewöhnen und das Modewestchen auch; dergleichen schickt sich nicht für unser einfaches Haus. Aber ich frage dich: verstehst du die Menschen? verstehst du die Welt? Davon hört man nun seit Jahren als von einem noch nie dagewesenen Wunder reden! Dafür erhitzen sich geistreiche Männer, Männer von Geschmack, von Welt, von Kenntnissen; ist es zu fassen? Gibt es denn keinen, der mit seinen eignen, ihm von Gott eingesetzten Augen sehen kann? Ist es zu fassen?«

Mittlerweile waren Caspar und der Lord zum Gasthof zurückgekehrt. Stanhope war nicht gerade rosig gestimmt. Die Schweigsamkeit seines Begleiters erboste ihn; es war ihm, als werde hinter einem Vorhang eine Pistole gegen ihn gerichtet.

Er war unruhig, fühlte sich in die Enge getrieben. Es gibt einen Punkt, wo die Schicksale sich wie auf einem schmalen Pfad zwischen Abgründen begegnen und wo es zum Austrag kommen muß. Da stellen sich Worte ungerufen ein; die Dämonen erheben sich aus dem Schlummer.

Stanhope schellte dem Diener, ließ die Lichter anzünden und Holz ins Kaminfeuer legen. Gleich darauf wurde der Hofrat Hofmann gemeldet; der Lord sagte, er sei nicht zu sprechen, gab auch Befehl, niemand mehr vorzulassen. Er machte sich unter seinen Papieren zu schaffen und fragte dabei Caspar: »Wie haben dir die Lehrersleute gefallen?«

Caspar wußte nicht recht, wie, und gab eine unbestimmte Antwort. In Wahrheit wußte er überhaupt gar nicht mehr, wie Herr Quandt oder dessen Frau oder das Haus aussahen. Er erinnerte sich bloß, daß Frau Quandt ihren Kaffee aus der Untertasse getrunken und den Zucker dazu abgebissen hatte, was ihm sehr albern erschienen war.

Plötzlich kehrte sich Stanhope um und fragte mit der Miene eines Menschen, der die Geduld verliert: »Also, was ist es mit dem Ring? Was wolltest du damit sagen?«

Caspar antwortete nicht; in traurigem Trotz schaute er ins Leere. Stanhope näherte sich ihm, tippte ihm mit dem Zeigefinger auf die Schulter und sagte scharf: »Sprich; sonst wehe dir!«

»Mir ist schon weh genug,« entgegnete Caspar eintönig, und sein Blick glitt von der Gestalt des Grafen wie von etwas Schlüpfrigem hinweg auf die dunkelrote Tapete, auf welcher das Kaminfeuer Schatten malte.

Was hätte er sagen sollen? War doch sein Gefühl fast ungemindert gegen den, der ihm den Weg gewiesen, der zum erstenmal wie ein Mensch zu ihm geredet. Sollte er von der furchtbaren Nacht im Tucherschen Haus erzählen, wo er gesessen, die Fäuste in der Brust, das Herz zerrieben, einsam und der Welt beraubt? Wie er angefangen hatte zu suchen, zu suchen, wie er die Zeit aufgegraben, gleichwie man im Garten Erde aufgräbt, wie es Tag geworden und er enteilt war, wie er Kinder gesehen, den Fluß gesehen, an einem Baume gekniet, alles wie nie zuvor, alles anders, er selbst verwandelt, mit neuen Augen, von Unwissenheit erlöst ... Unmöglich, solches mitzuteilen; dafür gab es keine Worte.

Er fuhr fort, ins Leere zu starren, indes Stanhope, die Hände auf dem Rücken, auf und ab wanderte und widerwillig, hastig, stoßweise zu reden begann. »Willst du mich etwa anklagen? Soll ich mich rechtfertigen? Goddam, ich habe für dich gekämpft wie für mein eigen Fleisch und Blut, Vermögen und Ehre zum Pfand gesetzt, keine Demütigung gescheut, mich unter Pöbelvolk und Pedanten herumgeschlagen, was denn noch? Wer das Unmögliche von mir verlangt, ist mir nicht wohlgesinnt. Noch ist nicht aller Tage Abend, das Garn ist noch nicht abgewickelt, ich stelle noch immer meinen Mann, aber ich muß mir verbitten, daß du mich wie den Aussteller eines Schuldscheins beim Buchstaben packst und meine schöne Freiwilligkeit unter moralischen Druck setzest. Wenn du von mir forderst, anstatt das Gewährte dankbar zu erkennen, dann sind wir geschiedene Leute.«

Was er doch alles spricht, dachte Caspar, der kaum zu folgen vermochte.

Der nächste Gedanke Stanhopes war, Caspar habe vielleicht eine geheime Verbindung und von daher Lehre und Ermunterung empfangen, denn er sah wohl, und mit Angst nahm er es wahr, daß er nicht mehr das willenlose Geschöpf von ehedem vor sich hatte. Aber auf seine rauh zufahrende Frage machte Caspar ein so verwundertes Gesicht, daß er den Argwohn sogleich fallen ließ. Caspar legte die Hände flach zusammen und sagte nun in seiner um Deutlichkeit bemühten Weise, er habe Stanhope nicht kränken wollen, auch mit dem Ring nicht; es sei nur etwas geschehen, was die Geschichten betreffe; man habe ihm immer Geschichten erzählt, Geschichten von ihm selbst, er habe zugehört und doch nicht ordentlich verstanden. Es sei wie mit dem Holzpferdchen gewesen, mit dem er in seinem Kerker geredet und gespielt und das doch nichts Lebendiges gewesen sei. »Aber jetzt,« fügte er stockend hinzu, »jetzt ist das Holzpferdchen lebendig geworden.«

Stanhope warf den Kopf zurück. »Wie? was denn?« rief er schnell und furchtsam, »sprich deutlich.« Er nahm die Lorgnette und schaute Caspar stirnrunzelnd durch die Gläser an, eine Gebärde, die Hochmut ausdrücken sollte, aber im Grunde nur Verlegenheit war.

»Ja, das Holzpferdchen ist lebendig geworden,« wiederholte Caspar bedeutungsvoll.