Caspar Hauser; oder, Die Trägheit des Herzens, Roman
Chapter 20
Es war schon sieben, als das Essen auf den Tisch gesetzt wurde, der Kandidat war noch nicht zurück, wir nahmen alle Platz und waren nun wieder einmal, wie in früheren Zeiten, mit Caspar ganz unter uns. Aber wie anders waren die Zeiten, wie anders Caspar! Ich mußte mir den Menschen beständig ansehen, wie er mit niedergeschlagenen Augen dasaß und lustlos in der Grütze löffelte. Seine Blicke waren jetzt unruhig und bisweilen überlief ein Schauder seine Haut. Lange konnte ich mich solchen Betrachtungen nicht überlassen, denn gegen viertel acht wurde mit sonderbarer Heftigkeit an der Hausglocke gerissen, Anna lief hinunter, um zu öffnen, und alsbald erschien ein Offizier in Gendarmenuniform, und bevor er noch seinen Namen nannte, wußte ich natürlich, wer es war. Caspar war bei dem grellen Glockenlärm stark zusammengefahren. Hinzufügen muß ich noch, daß die vorher erwähnte Auseinandersetzung mit dem Diener sowie das Gespräch mit dem Kandidaten im Flur vor der Treppe stattgefunden und Caspar nichts davon gehört hatte; er erhob sich jetzt und schaute mit einem langen Blick gegen die Türe, und als er des Herrn Polizeileutnants ansichtig geworden, wurden seine Wangen wieder genau so tödlich fahl wie tags zuvor, da ich in sein Zimmer gekommen war. Ich kann mir, wenn ich die Tatsachen im Zusammenhang gegeneinander halte, keine andre Erklärung denken, als daß Caspar alles das, was sich nun seit vierundzwanzig Stunden abspielte, von innen aus erriet, sozusagen durch ein inneres Gesicht, und daß er der äußeren Bestätigung durch die Ereignisse gar nicht mehr bedurfte, denn es gab sich eine Versunkenheit an ihm kund, die ich nur mit der schrecklichen Ruhe eines Schlafwandlers vergleichen kann. Ich selbst war nachgerade so benommen, daß ich, wie ich fürchte, Herrn Hickel mit einer unfreundlich wirkenden Kälte empfing. Glücklicherweise schien dieser keine Notiz davon zu nehmen, und nachdem er sich gegen meine Damen verbeugt, wandte er sich an Caspar und sagte mit einem Ton der Überraschung, der freilich nicht ganz aufrichtig klang: »Das ist also der Hauser! Ist ja ein ganz ausgewachsener Mensch, mit dem wird sich ja reden lassen!« Caspar schaute den Mann groß an, und zwar mit einem finster prüfenden Blick, in dem durchaus nichts Wehleidiges oder Jämmerliches war. Es entstand nun ein allseitiges Schweigen; ich überlegte mir, wie ich es anstellen könnte, damit Caspar die Nacht über noch in meinem Hause bleiben könne, denn in seinem Zustand ihn einem Fremden zu überlassen erschien mir unratsam. Ich erklärte mich Herrn Hickel mit offenen Worten, er hörte mich ruhig an, sagte aber dann, er habe gemessenen Auftrag, Caspar gleich mitzunehmen, es sei keine Zeit zu verlieren, die Sachen müßten noch gepackt werden und der Wagen stehe schon bereit. Meine Schwester Anna, unbändig wie sie ist, rief mir zu, ich solle mich darum nicht kümmern, zugleich trat sie, wie um ihn zu schützen, an Caspars Seite. Herr Hickel lächelte und sagte, wenn uns so viel an einem Aufschub gelegen sei und wir noch etwas mit Caspar zu besprechen hätten – sein Ton war dabei so beziehentlich, daß ich stutzig wurde –, wolle er nicht den Spielverderber machen, ich müsse mich aber verpflichten, Caspar punkt neun Uhr zum Tucherschen Haus zu bringen. Jetzt verlor auch ich die Fassung und fragte, ob denn die Sache um Gottes willen so dringend sei, daß er in die Nacht hineinreisen wolle. Herr Hickel zuckte die Achseln, schaute auf die Uhr und antwortete kalt, ich möge mich entschließen. Jetzt begann Caspar zu sprechen, und mit einer Stimme, deren Klarheit und Festigkeit mir bei ihm etwas ganz Neues war, sagte er, er wolle sogleich mitgehen. Wir sahen aber alle, daß er vor Erschöpfung zitterte und daß er sich kaum auf den Beinen zu halten vermochte. Meine Mutter und Schwester beschworen ihn zu bleiben, Herr Hickel, der bei Caspars Worten abermals gelächelt hatte – o, ich kenne dieses Lächeln! wie oft hat es mir die Schamröte ins Gesicht getrieben! –, kehrte sich gegen mich und sagte: »Also um neun Uhr, Herr Professor,« und zu Caspar gewandt, erhob er den Finger und sagte schalkhaft drohend: »Daß Sie mir ja pünktlich sind, Hauser! Auch muß ich wissen, wo Sie sich den Nachmittag über herumgetrieben haben. Lassen Sie sich beileibe nicht einfallen, mich anzulügen, sonst gibt’s was. Da kenn’ ich keinen Scherz.«
Grüßend ging Hickel und ließ uns in einem Zustand von Empörung, Zweifel und Unruhe zurück. Das alles nahm sich ja schlimmer aus, als es die ärgste Befürchtung malen konnte. Besonders die letzten Worte des Leutnants hatten mich wie auch meine Angehörigen mit Schrecken erfüllt. Was sollten wir von der Zukunft Caspars denken, was von seinem Glück erhoffen, wenn Drohungen von so brutaler Art unverhüllt auftreten durften? Das Herz war mir schwer geworden. Doch war zu grübeln nicht die Zeit. Ich beschloß, zum Bürgermeister zu gehen und mich mit ihm zu beraten. Anna hatte schnell auf dem Sofa ein Lager bereitet, sie führte Caspar hin, er sank nieder, und kaum ruhte sein Kopf auf dem Kissen, so schlief er auch schon. Indes ich mich zum Fortgehen anschickte, läutete es, und Herr Binder kam selbst. Ich verständigte ihn in Eile von dem Vorgefallenen, er war höchlichst befremdet von dem Auftreten des Ansbacher Herrn, und da er es für tunlich hielt, mit diesem selbst zu sprechen, forderte er mich auf, ihn zu begleiten. Wir überließen Caspar der Obhut der Frauen und gingen in die Hirschelgasse. Es hatten sich trotz der Abendstunde eine Menge Menschen hauptsächlich aus der niederen Volksklasse vor dem Tucherschen Haus eingefunden, die, ich weiß nicht durch welche Umstände, von der bevorstehenden Abreise Caspars unterrichtet waren und teils laut, teils murrend ihre Mißbilligung ausdrückten.
Als wir die Tür von Caspars Zimmer geöffnet hatten, bot sich uns ein sonderbarer Anblick. Die Kommodeschubladen und Schränke waren vollständig ausgeräumt; Wäsche, Kleider, Bücher, Papier, Spielwaren, alles lag wüst auf dem Boden und auf Stühlen, und Herr Hickel kommandierte den Diener, der damit begonnen hatte, die Sachen ordnungslos in einem Reisekoffer und einer kleinen Kiste unterzubringen. Als er uns gewahrte und den Unwillen aus unsern Blicken las, sagte er lächelnd, als ob es sich um eine Schmeichelei handle, jetzt fange ein neues Regiment für den Findling an, jetzt werde alles an den Tag kommen. Mit finsterem Gesicht entgegnete Herr Binder, was er damit meine, was denn eigentlich an den Tag kommen solle; zugleich gab er sich unter Nennung seines Namens zu erkennen. Herr Hickel geriet in Verlegenheit; mit einigen nichtssagenden Wendungen entschlug er sich der Antwort; er behauptete, Caspar zu lieben; es sei ihm nur darum zu tun, den jungen Menschen vor falschen Illusionen zu bewahren. Da stieg mir das Blut zu Kopfe, und ich antwortete, wer denn anders solche Illusionen erzeugt und genährt hätte als gewisse Herrschaften, die sich nun aus dem Staub zu machen schienen; erst schmücke man den Arglosen mit einem festlichen Kleid, und wenn er dann darin herumzuspazieren wage, sehe man einen gefährlichen Überhebling in ihm. Das begreife wer wolle, ein solches Spiel sei verdammungswürdig. Das war heftig, war unvorsichtig, es sei gestanden, doch muß ich hinzufügen, daß mich die ironische Ruhe des Polizeileutnants aufreizte. Um so verblüffter war ich, als er mir nun in jedem Punkt beipflichtete, sich aber auf keine weitere Erörterung einließ und sich wieder zu dem Diener kehrte, indem er Eile vorschützte, da er nicht in so später Nacht abreisen wolle. Herr Binder bemerkte ihm darauf, daß die Abfahrt sehr gut bis morgen verschoben werden könne, Caspar bedürfe der Ruhe, die Verantwortung sei er bereit auf sich zu nehmen. Herr Hickel versetzte, das sei unmöglich, er habe strikten Befehl und müsse auf seiner Anordnung bestehen. Wir waren ratlos.
Der Polizeileutnant hatte sich auf den Tischrand gesetzt und blickte uns Schweigende spöttisch-erwartungsvoll an. Da vernahmen wir Schritte, und als wir uns umwandten, die Türe stand offen, sahen wir Caspar und hinter ihm meine Schwester. Anna flüsterte mir zu, Caspar sei kurz nach unserm Fortgehen erwacht, er habe erklärt, mit dem fremden Mann gehen zu wollen, und sich durch keinen Einwand zurückhalten lassen; so habe sie ihn denn begleitet.
Caspar schaute sich forschend um, dann sagte er, zu Herrn Hickel gewandt: »Nehmen Sie mich nur mit, Herr Offizier. Ich weiß schon, wohin Sie mich bringen wollen, ich fürcht’ mich nicht.« Es war in diesen Worten, so wenig Besonderes sie enthielten, ein wunderbarer Antrieb und das, was man Haltung nennt, und ich kann nicht verhehlen, daß ich durch sie aufs tiefste bewegt wurde. Ich hätte viel darum gegeben, wenn ich Caspar jetzt eine Stunde lang für mich allein hätte haben können. Der Herr Polizeileutnant verbarg seine Freude über die unvermutete Wandlung nicht und antwortete lachend: »Na, fürchten, Hauser! Warum nicht gar! Es geht ja nicht nach Sibirien!« Er näherte sich nun dem Jüngling, legte beide Hände auf dessen Schulter und fragte: »Jetzt seien Sie einmal ganz offen, Hauser, und sagen Sie mir ohne Umschweife, wo Sie den Nachmittag über gesteckt haben?« Caspar schwieg und besann sich, dann entgegnete er dumpf: »Das kann ich Ihnen nicht sagen.« – »Ja wie denn, was denn, was soll das heißen, heraus mit der Sprache!« rief der Leutnant, und Caspar darauf: »Ich hab’ was gesucht.« – »Ja, was denn gesucht?« – »Einen Weg.« – »Zum Donnerwetter,« begehrte Herr Hickel auf, »spielen Sie mir kein Theater vor und machen Sie keine Flausen, sonst werde ich Ihnen zeigen, was die Glocke geschlagen hat. Wir in Ansbach werden Ihnen nicht auf das aberwitzige Wesen hereinfallen, das lassen Sie sich nur gesagt sein.«
Herr Binder und ich waren durch solche herausfordernde Redeweise wie begreiflich sehr empört. Aber Herr Hickel zeigte keine Lust, sich zu rechtfertigen, er befahl Caspar in knappen Worten, sich fertigzumachen, in einer halben Stunde werde er fahren. Währenddem kamen der Baron Scheuerl, der Assessor Enderlin und andre Bekannte Caspars, die von der Abreise gehört hatten und ihm Lebewohl sagen wollten; ich hatte keine Zeit mehr, nur drei Worte mit ihm zu wechseln, binnen kurzem waren wir alle im Hausflur versammelt. Die Menge auf der Straße hatte sich vermehrt, in der Dunkelheit sah es aus, als ob ganz Nürnberg auf den Beinen sei. Die Zunächststehenden stießen drohende Reden aus, Herr Hickel forderte vom Bürgermeister, daß er die Wache aufziehen lassen solle, doch eine solche Maßregel erklärte dieser für überflüssig, und in der Tat genügte sein bloßes Erscheinen, um die Ruhe wiederherzustellen.
Als Caspar zum Wagenschlag trat, rannte alles zuhauf, jeder wollte ihn noch einmal sehen. Die Fenster der gegenüberliegenden Häuser waren erleuchtet und Frauen winkten mit Tüchern herab. Die Kisten und Vachen waren aufgebunden, der Kutscher schnalzte, die Pferde zogen an – und fort war er.
Überzeugt, daß Eure Exzellenz zu den wenigen aufrichtigen Gönnern des Jünglings gehören, fühlte ich mich im Innersten gedrängt, Ihnen über diese Vorfälle genauen Bericht zu erstatten. Nur einige Stunden sind seit den erzählten Begebenheiten verflossen, es ist weit über Mitternacht, die Feder will meiner Hand entsinken, aber ich durfte keine Frist verstreichen lassen, um nicht selber zum Fälscher meiner Erinnerung zu werden. Wo die Verleumdung so unermüdlich am Werk ist, soll auch der Gutgesinnte eine Nachtwache nicht scheuen, wenn er zu fürchten hat, daß ihn der bloße Schlaf nur um eine Linie von der Deutlichkeit seines Erlebens betrügen könnte. Vielleicht finden Eure Exzellenz, daß ich die Dinge falsch deute oder in ihrer Wichtigkeit überschätze. Mag sein, ich habe jedoch meine Pflicht erfüllt und bin mir keiner Versäumnis bewußt. Ich trage schwere Sorge um Caspar, ohne daß ich ganz zu sagen vermöchte weshalb, aber ich bin nun einmal als Geister- und Gespensterseher auf die Welt gekommen, und mein Auge sieht den Schatten früher als das Licht.
Nicht vergessen will ich zum Schluß die Erwähnung, daß mir Herr von Tucher bei seinem letzten Besuch die hundert Goldgulden übergab, die Caspar vom Herrn Grafen Stanhope geschenkt erhalten. Ich werde die Summe mit nächster fahrender Post an Eure Exzellenz überschicken.
Frau Behold an Frau Quandt:
Werte Frau, #excusez#, daß ich mich schriftlich an Sie wende, was Sie extraordinaire finden werden, da ich Ihnen doch im ganzen fremd bin, obwohl Sie in meiner Eltern Hause Ihre Jugend verlebten. Mit großem Etonnement vernehme ich, daß der Caspar Hauser nunmehr in Ihrem Heim weilen wird, und ich fühle mich gedrungen, Ihnen zum Belehr etwelches über den Sonderling zu eröffnen. Sie wissen doch, daß der Hauser das Wunderkind von Nürnberg war. Lob und Verhätschelei hätten bei einem Haar den Knaben zum Narren gemacht, es ist eben ein tolles Volk dahier. In solchem verderbten Zustand haben wir ihn aus reinem christlichem Mitleid und, ich schwöre, ohne jede Nebenabsicht zu uns genommen. Bei aller Tollheit haben die andern doch vor dem vermummten Kerl mit dem Beil Angst gehabt, wir aber fürchteten nichts, und der Hauser wurde bei uns wie ein Kind geliebt und estimieret. Übel ist uns das gelohnt worden; keine Erkenntlichkeit vom Hauser, und noch dazu die böse Nachrede seines Anhangs. Wieviel ärgerliche Stunden, wieviel Verdruß er uns durch seine entsetzliche Lügenhaftigkeit bereitet hat, davon sind alle Mäuler stumm. Nachher freilich hat er alleweil Besserung gelobet und ward mit frischer Liebe an unser Herz geschlossen, aber fruchten tat es nichts, der Lügengeist war nicht zu bannen, immer tiefer versank er in dieses abscheuliche Laster. Ist viel Gerede gewesen von seinem keuschen Sinn und seiner Innocence in allem Dahergehörigen. Auch hierüber kann ich ein Wörtlein melden, denn ich hab’s mit meinen eignen Augen gesehen, wie er sich meiner damals dreizehnjährigen Tochter, heute ist sie in der Schweiz in Pension, unziemlich und unmißverstehlich näherte. Nachher zur Rede gestellt, wollt’ er’s nicht wahr haben, und aus Rache hat er mir die arme Amsel umgebrungen, die ich ihm donationieret. Gebe Gott, daß Sie nicht ähnliche Erfahrungen an ihm machen; er steckt voller Eitelkeit, meine Liebe, voller Eitelkeit, und wenn er den Gutmütigen agieret, ist der Schalk dahinter verborgen, und so man ihm den Willen bricht, ist es mit seiner Katzenfreundlichkeit am Ende. Wieviel wir auch durch sein detestables Betragen zu dulden hatten, Undank und Calomnie, aus unsern Lippen ist keine Klage gefahren, denn warum, man hätt’ ihm auch dann die Wahrheit nicht mehr glauben können, und ein Betrüger ist er nicht, nur ein armer Teufel, ein sehr armer Teufel. Ihnen und dem Herrn Gemahl glaube ich hingegen einen Gefallen zu erweisen, wenn ich die Decke lüpfe, unter der er seinen Unfug treibet; der gegen ihn so gütig gesinnte Graf Stanhope wird gewiß bald zu der schmerzlichen Entdeckung gelangen, daß er eine Schlange an seinem Busen nähret. Wäre der Herr Graf nur zu mir gekommen, dieses aber hat der Pfiffikus Hauser hintertrieben, und aus guten Gründen. Seien Sie nur recht wachsam, gute Frau; er hatte alleweil Heimlichkeiten, bald da, bald dort versteckt er was in einem Winkel, das läßt auf nichts Gutes schließen. Und nun bitte ich Sie oder den Herrn Gemahl, mir in einiger Zeit Nachricht zu geben, wie sich Ihr Zögling produzieret und was Sie von ihm halten, denn ohneracht alles Geschehenen nimmt er doch ein Plätzchen in meinem Herzen ein, und ich wünsche nur, daß er tätig an seiner Selbstbesserung arbeite, ehe er in die große Welt entrieret, wo er viel mehr Kraft und Beständigkeit vonnöten haben wird als in unsrer kleinen.
Von mir selbst ist nicht viel Gutes zu sagen, ich bin krank; der eine Doktor meint, es ist ein Geschwür auf der Milz, der andre nennt’s eine #Maladie du cœur#. Die große Teuerung der Lebensmittel ist auch nicht angetan, einem die Laune zu verbessern, Gott sei Lob gehen die Mannsgeschäfte im allgemeinen gut.
Bericht Hickels über den vollführten Auftrag der Übersiedlung Caspar Hausers:
Ich traf am 7. ds. vorschriftsgemäß in Nürnberg ein, verfügte mich sogleich in die Wohnung des Freiherrn von Tucher, fand aber den Kuranden nicht zu Hause und erfuhr zu meiner Verwunderung, daß er sich den ganzen Nachmittag über aufsichtslos und unbekannt wo herumgetrieben habe, was doch gegen die Vorschrift ist, und daß er sich zurzeit beim Professor Daumer aufhalte, wahrscheinlich in der Absicht, die Reise zu verzögern und dabei die Unterstützung seiner Freunde zu finden. Denn als ich bei Herrn Daumer vorsprach, wurden zu besagtem Zweck alle möglichen Ausreden versucht, auch gefiel sich der Hauser selbst in einigen leicht durchschaubaren Schnurrpfeifereien, was mich aber nicht hinderte, auf der mir erteilten Weisung zu beharren. Eine strenge Inquisition nach seinem Verbleib während des Nachmittags blieb fruchtlos, der Bursche gab die albernsten Antworten von der Welt. Mein entschiedenes Auftreten hatte die Wirkung, daß von einer Verzögerung nicht weiter gesprochen wurde, um neun Uhr war der Wagen zur Stelle, es war großer Zulauf in den Gassen, die Leute, vermutlich insgeheim aufgehetzt, gebärdeten sich einigermaßen revoltant, wurden aber durch meine Drohung, daß ich die Wache aufziehen lassen würde, schnell eingeschüchtert. Dem Kutscher gebot ich Eile, und nach einer Viertelstunde hatten wir das Weichbild der Stadt verlassen. Während der ganzen drei Stunden bis zum Dorfe Großhaslach ließ mein Kurand nicht eine Silbe verlauten, sondern starrte ununterbrochen in die Dunkelheit hinaus; gewiß mag es ihm gar trübselig zumute gewesen sein, da er nun doch erkennen mußte, daß es mit seinen großen Hirngespinsten Matthäi am letzten war. Ich hatte den Sergeanten nach Großhaslach bestellt, und derweil die Pferde gefüttert und getränkt wurden, verfügten wir uns in die Poststube. Hauser legte sich daselbst alsogleich auf die Ofenbank und entschlief. Ich konnte aber des Verdachts nicht ledig werden, daß er sich nur schlafend stellte, um mich und den Sergeanten sicher zu machen und unser Gespräch zu belauschen. In diesem Argwohn bekräftigte mich auch das jedesmalige Blinzeln seiner Lider, wenn ich in nicht gerade schmeichelhaften Ausdrücken seiner Person erwähnte. Um der Sache auf den Grund zu gehen und zugleich herauszubringen, was es mit dem allerwärts verbreiteten Märchen von seinem steinernen Schlummer für eine Bewandtnis habe, nahm ich meine Zuflucht zu einer kleinen List. Nach einer Weile gab ich nämlich dem Sergeanten einen Wink, und wir erhoben uns leise, als ob wir gehen wollten, und siehe da, kaum hatte ich die Türklinke gefaßt, so schnellte mein Hauser wie von der Tarantel gestochen empor, tat ein wenig wirr und verstört und folgte uns, die wir uns kaum das Lachen verbeißen konnten. Im Wagen fragte mich Hauser plötzlich, ob der Herr Graf noch in Ansbach weile; ich bejahte, fügte aber hinzu, daß Seine Lordschaft dieser Tage gen Frankreich fahren werde, worauf Hauser einen tiefen Seufzer ausstieß; er lehnte sich in die Ecke zurück, schloß die Augen und schlief nun wirklich ein, wie ich aus seinen tiefen Atemzügen entnehmen konnte. Die Weiterfahrt verlief ohne bemerkenswerte Vorfälle, es war ein Viertel nach drei, als wir bei Schneetreiben vor dem Sterngasthof anlangten; ich hatte diesmal harte Mühe, den Hauser aus dem Schlaf zu bringen, und erst als ich ihn energisch anschrie, entschloß er sich, aus der Kutsche zu steigen. Da nur der Torwart zugegen war und ich den Herrn Grafen nicht wecken lassen wollte, brachten wir den jungen Menschen in eine Kammer unterm Dach; ich befahl ihm, sich zu Bette zu begeben, sperrte der größeren Sicherheit halber die Tür von außen zu und hieß meinen Sergeanten, bis zum Anbruch des Tages auf Wache zu bleiben. Soll ich nun zum Schlusse über die Person und das Betragen des Kuranden ein Urteil abgeben, so muß ich bekennen, daß mir der junge Mann wenig Sympathie oder Mitgefühl abnötigte. Sein verschlossenes, trotziges und hinterhältiges Wesen läßt auf einen, wenn auch nicht verdorbenen, so doch angefaulten und widrigen Charakter schließen. Von wunderbaren Eigenschaften hab’ ich an ihm nichts beobachtet, als eine in der Tat wunderbare Begabung zur Schauspielerei, was noch milde ausgedrückt ist. Ich fürchte, man wird hiesigenorts manche Enttäuschung an ihm erleben.
Binder an Feuerbach:
Um des ferneren allem überflüssigen Gerede und Vermuten vorzubeugen, das in derselben Sache schon an Eure Exzellenz gelangt sein mag, diene die Nachricht, daß ich bereits genügenden Aufschluß habe über den rätselhaften, vier bis fünf Stunden andauernden Verbleib Caspar Hausers am letzten Nachmittag seines Aufenthalts in hiesiger Stadt. Freilich, dieser Aufschluß ist im Grunde keiner, denn so wenig der Jüngling sich selbst hatte erklären wollen, so wenig erklären die mir bekannt gewordenen Einzelheiten seine ganze Handlungsweise.
Ich will mich kurz fassen. Am Morgen nach Caspars Abreise kam der Gefängniswärter Hill zu mir und berichtete, der Hauser sei gestern mittag nach eins bei ihm auf dem Turm erschienen und habe gebeten, ihm die Kammer zu zeigen, worin er einst gefangen gewesen. Zufällig war an jenem Tag kein Häftling auf dem Luginsland, und er, Hill, habe nach einigem verwunderten Fragen und Forschen Caspar eintreten lassen. Nachdem er eine Weile grübelnd dagestanden, begab er sich in dieselbe Ecke, wo ehedem sein Strohlager gewesen, hockte auf den Boden und brütete stumm vor sich hin. Dem Hill war das befremdlich, und da alle Versuche, den Jüngling seiner Lethargie zu entreißen, nichts fruchteten, kehrte er in seine Wohnung zurück und machte seiner Ehefrau von dem Vorfall Mitteilung. Sie überlegten gerade, was zu tun sei, da kam Caspar von selbst die Stufen herunter und trat in das Zimmerchen, das ihm ebenfalls von früher wohlbekannt war, das er jedoch mit bohrend nachdenklichen Blicken durchmusterte, genau wie er oben in der Zelle getan. Hill und sein Weib dachten nicht anders als der arme Mensch habe den Verstand eingebüßt. Die Frau näherte sich ihm, stellte einige Fragen, erhielt aber keine Antwort. Da fiel sein schweifendes Auge auf die beiden Kinder des Wärters, die auf einem Tritt beim Fenster mitsammen spielten, und plötzlich lächelte er gar wunderlich, schlich sich heran und setzte sich am Rand des über den Boden erhöhten Tritts nieder.
Hill tat das Vernünftigste, was er tun konnte, er ließ ihn gewähren und wartete ab, was daraus werden würde. Nachdem sich Caspar also niedergelassen, begann er die zwei Kinder auf eine Weise anzustarren, als ob er nie im Leben Kinder gesehen hätte; er beugte sich vorwärts, er studierte förmlich ihre Finger, ihre Lippen, seine heißhungrigen Blicke verschlangen gleichsam jede ihrer Gebärden; der Frau wurde dabei angst und bang, mit Mühe hielt Hill sie ab, dazwischenzufahren, denn er fürchtete nichts. »Kenn’ ich doch Hausers sanfte Seele,« so drückte er sich mir gegenüber aus. Auf einmal sprang Caspar auf, streckte die Arme in die Luft, stöhnte, starrte vor sich hin, als sehe er einen Geist, dann kehrte er sich um und rannte mit erstaunlicher Geschwindigkeit zur Tür und die Treppe hinunter auf den Platz. Hill folgte ihm unverzüglich, denn er schloß mit Recht, daß Caspar in einer bedenklichen Verfassung sei und daß man ihn so nicht sich selber überlassen dürfe. Als er den Burgberg herunter gegen die Füll lief, gewahrte er ihn noch rechtzeitig und konnte ihn im Auge behalten.