Caspar Hauser; oder, Die Trägheit des Herzens, Roman

Chapter 18

Chapter 183,709 wordsPublic domain

Der Lord erhob sich und trat zum Fenster. Seine Augenlider waren gerötet, sein Blick verdunkelt. Wen verriet er eigentlich, wen belog er? Seine Auftraggeber? Den Jüngling, den er an sich gekettet? Den Präsidenten? Sich selbst? Er wußte es nicht. Er war erschüttert von seinen eignen Worten, denn sie erschienen ihm wahr. Wie sonderbar, alles das erschien ihm wahr, als ob er der Retter wirklich sei. Er liebte sich in diesen Minuten und hätschelte sein Herz. Eine Finsternis des Vergessens kam über ihn, und sofern er Müdigkeit und Ekel zu erkennen gab, galten sie nur dem wesenlosen Schemen, das an seiner Stelle gesessen, an seiner Statt geredet und gehandelt hatte. Er löschte zwanzig Jahre Vergangenheit von der Tafel seines Gedächtnisses hinweg und stand da – reingewaschen durch eine Halluzination von Güte und Mitleid.

Feuerbach hatte sich vor seinen Schreibtisch niedergelassen. Den Kopf in die Hand gestützt, schaute er sinnend in die Luft. »Wir sind die Diener unsrer Taten, Mylord,« begann er nach langem Schweigen, und die sonst polternde oder schrille Stimme hatte einen sanften und feierlichen Klang. »Vor dem schlimmen Ende zittern, hieße jede Schlacht aufgeben, bevor sie geschlagen. Offenheit gegen Offenheit, Herr Graf! Bedenken Sie, ich stehe hier auf einem verlorenen Posten des Landes. Mein Leben war für eine andre Bahn bestimmt, einst glaubte ich es wenigstens, als in der Verborgenheit einer Kreisstadt beschlossen zu werden. Ich habe meinem König Dienste geleistet, die gewürdigt worden sind und die vielleicht dazu beigetragen haben, seinem Namen das stolze Attribut des Gerechten zu verleihen. Noch größere wollte ich leisten, sein Volk erhöhen, die Krone zu einem Symbol der Menschlichkeit machen. Dies scheiterte. Ich ward zurückgestoßen. Freilich, man hat mich belohnt, aber nicht anders als wie Domestiken belohnt werden.«

Er hielt inne, rieb das Kinn mit dem Handrücken und knirschte mit den Zähnen. Dann fuhr er fort: »Von früher Jugend an habe ich mich dem Gesetz geweiht. Ich habe den Buchstaben verachtet, um den Sinn zu veredeln. Der Mensch war mir wichtiger als der Paragraph. Mein Streben war darauf gerichtet, die Regel zu finden, die Trieb von Verantwortung scheidet. Ich habe das Laster studiert wie ein Botaniker die Pflanze. Der Verbrecher war mir ein Gegenstand der Obsorge; in seinem erkrankten Gemüt wog ich ab, was von seinen Sünden auf die Verirrungen des Staates und der Gesellschaft entfiel. Ich bin bei den Meistern des Rechts und bei den großen Aposteln der Humanität in die Lehre gegangen, ich wollte das Zeitalter der überlebten Barbarei entreißen und Pfade zur Zukunft bauen. Überflüssig zu beteuern. Meine Schriften, meine Bücher, meine Erlässe, meine ganze Vergangenheit, das heißt eine Kette ruheloser Tage und arbeitsvoller Nächte, sind Zeugen. Ich lebte nie für mich, ich lebte kaum für meine Familie; ich habe die Vergnügungen der Geselligkeit, der Freundschaft, der Liebe entbehrt; ich zog keinen Gewinn aus eroberter Gunst; kein Erfolg schenkte mir Rast oder nachweisbares Gut, ich war arm, ich blieb arm, geduldet von oben, begeifert von unten, mißbraucht von den Starken, überlistet von den Schwachen. Meine Gegner waren mächtiger, ihre Ansichten waren bequemer, ihre Mittel gewissenlos; sie waren viele, ich einer. Ich bin verfolgt worden wie ein räudiger Hund; Pasquillanten und Verleumder besudelten meine gute Sache mit Schmutz. Es war eine Zeit, da konnte ich nicht durch die Straßen der Residenz gehen, ohne die gröblichsten Insulten des Pöbels fürchten zu müssen. Als ich, durch widerwärtige Intrigen und Anfeindungen gezwungen, mein Professorenamt in Landshut aufgeben mußte, als man den studentischen Janhagel gegen mich in Raserei versetzt hatte und ich nach meiner Heimat floh, Weib und Kind im Stich lassend, da trachteten mir bezahlte Schergen nach dem Leben. Es war der große Krieg, alle Ordnung war zerrüttet; von der österreichischen Partei wurde ausgesprengt, daß ich mit der französischen Partei im Bündnis stehe, die dem Kaiser Napoleon zur Errichtung eines okzidentalischen Kaiserreichs den Weg bahnen und die souveränen Fürsten stürzen wolle, die Franzosen verdächtigten umgekehrt meine Beziehungen zu Österreich. Es gab einen Mann, einen Amts- und Berufsgenossen, einen Gelehrten, berühmt und angesehen – o, ein feiger Poltron, die Zeit wird seinen Namen an einen der Schandpfähle des Jahrhunderts heften! –, der sich nicht entblödete, mich öffentlich als Spion zu bezeichnen, und mein Protestantentum zum Vorwand nahm, den König gegen mich mißtrauisch zu machen. Ich erlag nicht. Die Widrigkeiten hatten ein Ende, mein Fürst nahm mich wieder in Gnaden auf, freilich nur in Gnaden. Ein neuer Herr bestieg den Thron, ich blieb in Gnaden. Heute bin ich ein alter Mann, sitze hier in der Stille, immer in Gnaden. Auch meine Feinde sind besänftigt oder sie stellen sich so, auch sie sind in Gnaden. Aber was es bedeutet, eine aufs Große und Allgemeine gerichtete Existenz vernichtet zu sehen, bevor noch die letzte Faser des Geistes, der sie trug und nährte, ihre Kraft verzehrt hat, das empfinden nicht jene, das weiß nur ich.«

Feuerbach stand auf und atmete tief. Hierauf griff er zur Schnupftabaksdose, nahm eine Prise, dann wandte er Stanhope voll das Gesicht zu, und unter den barschen Brauen blitzte ein rührend-ängstlicher und dankbarer Blick hervor, während er sagte: »Herr Graf, ich bin mir nicht ganz klar darüber, was mich bewegt, so zu Ihnen zu sprechen. Es erstaunt mich selbst. Sie sind der erste, der zu hören bekommt, was so verzweifelt den Klagen eines Zurückgesetzten ähnelt und doch nur die Erklärung für eine unabänderliche Notwendigkeit bieten soll. Es ist mir in der Angelegenheit Caspars nichts an dem Besonderen des Falles gelegen, und nicht das Besondere der Person ist es, was meinen Beschluß stärkt. An mich tritt der härteste Zwang heran, der einen Mann von grauen Haaren treffen kann, und nötigt mich zu der Frage an das Schicksal: ob denn alles Geopferte und Gewirkte umsonst gewesen, ob es mir und den Gleichstrebenden keine andre Frucht gezeitigt hat als Ohnmacht hier und Gleichgültigkeit dort. Ich muß die Probe machen, ich muß es durchführen, komme, was da wolle; ich muß wissen, ob ich in Wind geredet und auf Sand geschrieben habe; ich muß wissen, ob die Versprechungen, mit denen man die Bitterkeit meines Exils versüßt hat, nur wohlfeile Lockspeise waren; ich muß und will wissen, ob man es ernst meint mit mir und meiner Sache. Ich habe Beweise, Graf, es liegen furchtbare Indizien vor; ich kann dreinschlagen, ich habe den Donnerkeil und kann das Wetter machen, alles ist von mir fixiert und in einem besonderen Dokument dargestellt; man weiß es, man wird es nicht zum Äußersten treiben, denn zum Äußersten bin ich entschlossen, um das kostbare Gut zu wahren, zu dem ich vor Gott und den Menschen als Hüter bestellt bin. Immerhin, ich werde warten, große Dinge brauchen viel Geduld. Aber Caspar darf mir nicht entfernt werden. Er ist die lebendige Waffe und der lebendige Zeuge, deren ich bedarf, und zwar in stets erreichbarer Nähe. Verlöre ich ihn, so wäre das Fundament meines letzten Werks dahin, ich spür’ es wohl, es ist das letzte, und jeder Anspruch auf Gehör würde wesenlos. Und Sie, edler Mann, was verlören Sie? Wollen Sie eine Tat der Barmherzigkeit oder der Liebe verrichten und der Gerechtigkeit nicht gedenken? Das hieße Gold wegwerfen, um Häckerling zu erhalten.«

Stanhopes Gesicht war nach und nach so fahl geworden, als flösse kein Blut mehr unter der Haut. Er hatte sich niedergesetzt, sich geduckt, wie wenn er sich verkriechen wollte; ein paarmal waren Blicke aus seinen Augen gebrochen wie wilde Tiere, die ihren Käfig zertrümmert haben, dann rief er sie wieder zurück, saugte sie in sich hinein, hielt den Atem an, nestelte mit den Fingern am Kettchen des Lorgnons, und als der Präsident am Ende war, richtete er sich mit einer leidenschaftlichen Bewegung auf. Er hatte Mühe, sich zu finden, er hatte Mühe, Worte zu finden, in heftigem Wechsel zuckte es um seinen Mund, wie wenn er lachen oder einen körperlichen Schmerz verbeißen wollte, und als er die Hand des Präsidenten ergriff, wurde ihm eiskalt; der Doppelgänger stand an seiner Seite, dieser Schattenleib des Gelebten, Begangenen, Versäumten, und zischelte ihm das Wort des Verrats ins Ohr, aber seine Augen waren feucht, als er sagte: »Ich verstehe. Alles, was ich zu antworten vermag, ist: nehmen Sie mich als Freund, Exzellenz, betrachten Sie mich als Ihren Helfer. Ihr Vertrauen ist mir wie ein Wink von oben. Doch welche Bürgschaft haben Sie? Welche Gewähr, daß Sie Ihr Herz nicht einem Unwürdigen eröffnet haben, der nur besser zu heucheln versteht als alle andern? Ich hätte Caspar entführen können, ich könnte es noch –«

»Wenn dies Antlitz lügt, Mylord, mit dem Sie hier vor mir stehen, dann will ich es meinetwegen für ein Hirngespinst erklären, Wahrheit auf Erden zu suchen,« unterbrach ihn Feuerbach lebhaft. »Entführen, Caspar entführen?« fuhr er gutmütig lachend fort. »Sie scherzen; ich möchte das jedem Manne widerraten, der noch Wert darauf legt, im Sonnenschein spazierenzugehen.«

Stanhope versank eine Weile in regungsloses Grübeln, dann fragte er hastig: »Was soll aber geschehen? Schnelles Handeln ist Pflicht. Wohin mit Caspar?«

»Er soll hierher nach Ansbach,« versetzte Feuerbach kategorisch.

»Hierher? Zu Ihnen?«

»Zu mir, nein. Das ist leider unmöglich, aus vielen Gründen unmöglich. Ich muß viel allein sein, ich habe viel zu arbeiten, ich bin viel auf Reisen, meine Gesundheit ist erschüttert, mein Charakter eignet sich schlecht zu der Rolle, die ich dabei übernehmen müßte, und außerdem verbietet es die Sache, ein allzu persönliches Band zu knüpfen.«

Stanhope atmete auf. »Wohin also mit ihm?« beharrte er.

»Ich werde nach einer Familie Umfrage halten, wo er gute Pflege und geistige wie sittliche Unterstützung findet,« sagte der Präsident. »Noch heute will ich mit Frau von Imhoff sprechen und ihren Rat einholen, sie kennt die hiesigen Leute. Seien Sie dessen versichert, Mylord, daß ich über den Jüngling wachen werde wie über mein eignes Kind. Die Nürnberger Schwabenstreiche sind zu Ende. Daß ich Ihrem Verkehr mit Caspar keinerlei Schranken setze, bedarf nicht der Erwähnung. Herr Graf, mein Haus ist das Ihre. Glauben Sie mir, auch unter der Hülle des Beamten und Richters schlägt ein für Freundschaft empfängliches Herz. Man wird in diesem Land der Kleingeisterei nicht verwöhnt durch den Umgang mit Männern.«

Nachdem sie noch flüchtig über die an Herrn von Tucher und den Nürnberger Magistrat zu sendenden Nachrichten beraten hatten, verabschiedete sich Stanhope.

Der Präsident schritt lange Zeit, in tiefe Gedanken versunken, auf und ab. Von Minute zu Minute wurde sein Gesicht unruhiger und finsterer. Ein sonderbares, nagendes, nicht abzuweisendes Mißtrauen stieg in seiner Brust empor. Je mehr Frist verstrich, seit der Graf das Zimmer verlassen hatte, je mehr wuchs diese peinigende Empfindung. Er war ein zu gewiegter Menschenkenner, um sich gewissen Merkmalen zu entziehen, die ihn bedenklich stimmten. Plötzlich schlug er sich mit der Hand vor die Stirn, begab sich an den Schreibtisch und schrieb in großer Hast drei Briefe: einen nach Paris an einen hochgestellten englischen Freund, einen an den bayrischen Geschäftsträger nach London und einen dritten an den Staatsminister der Justiz, Doktor von Kleinschrodt, in München. In jenen beiden zog er genaue Erkundigungen über die Person des Grafen Stanhope ein, in letzterem meldete er seine baldige Ankunft in der Residenz und ersuchte um Reiseurlaub.

Alle drei Briefe ließ er zur Stunde mit expresser Post aufgeben.

Nacht wird sein

Stanhope hatte dem Kutscher befohlen, vorauszufahren, und ging zu Fuß durch die menschenleeren Gassen, in denen sein Schritt wie in einer Kirche widerhallte. Er war verstört, zerschlagen und außerstande, eine vernünftige Überlegung anzustellen. Im Gasthof angelangt, schloß er sich ein und machte eine halbe Stunde lang Fechtübungen mit dem Florett.

Er unterbrach sich erst, als er von draußen eine Stimme vernahm, die mit dem Kammerdiener unterhandelte, der Auftrag hatte, niemand vorzulassen. Stanhope lauschte; er erkannte die Stimme, nickte gleichgültig, und mit dem Degen noch in der Hand öffnete er. Es war Hickel, der auch sofort eintrat und den ihn schweigend betrachtenden Grafen etwas verlegen begrüßte.

Nach seinem Begehr gefragt, räusperte er sich und stotterte ein paar unzusammenhängende Floskeln, aus denen hervorging, daß er um den Besuch Stanhopes bei Feuerbach wußte. Sein Benehmen verriet trotz einer unangenehm wirkenden Kriecherei eine nicht zu fassende freche Vertraulichkeit.

Stanhope verwandte keinen Blick von dem aufgeregten Mann in der kleidsamen Uniform. »Was hatte es eigentlich zu bedeuten, daß Sie mir zu einer Zusammenkunft mit dem Herrn Präsidenten Ihre Hilfe anboten?« fragte er frostig.

»Der Herr Graf haben sich aber meine Hilfe doch gefallen lassen,« erwiderte Hickel. »Wer weiß, ob der Staatsrat ohne mich zu haben gewesen wäre, er versteht es, sich zu verschanzen. Der Herr Graf geruhen das nicht anzuerkennen. Je nun,« fügte er achselzuckend hinzu, »große Herren haben ihre Launen.«

»Wie kommen Sie denn überhaupt dazu, sich zum Zwischenträger anzubieten?«

»Zwischenträger? Der Herr Graf legen meiner unschuldigen Zuvorkommenheit ein zu großes Gewicht bei.«

»Das Gewicht gaben Sie selbst. Sie beliebten dunkel zu sein. Sie gefielen sich in einigen Wendungen, um deren Aufklärung ich höflichst gebeten haben möchte.« Stanhope verbarg nach wie vor unter steifer Würde die Unsicherheit, die er diesem Menschen gegenüber empfand.

»Ich stehe dem Herrn Grafen ganz zu Diensten,« versetzte Hickel. »Darf ich meinerseits fragen, inwieweit sich der Herr Graf zu eröffnen gedenken werden?«

»Zu eröffnen? Wem zu eröffnen? Ihnen? Ich habe nichts zu eröffnen.«

»Der Herr Graf haben in mir einen Mann von unbedingter Verschwiegenheit vor sich.«

»Was soll das heißen?« fuhr Stanhope auf. »Wollen Sie mir Scharaden zu lösen geben?«

»Man hat sich vor der Ankunft Eurer Lordschaft nach einer vertrauenswürdigen Persönlichkeit umgesehen,« sagte Hickel plötzlich mit eisiger Ruhe. »Meine langjährigen Beziehungen zu Exzellenz Feuerbach empfahlen mich mehr als einige bescheidene Fähigkeiten.«

Stanhope entfärbte sich und sah zu Boden. »Sie haben also direkte Aufträge?« murmelte er.

Der Polizeileutnant verbeugte sich. »Aufträge? Nein,« entgegnete er zögernd. »Man versicherte sich meines guten Willens und ich wurde angewiesen, mich Eurer Lordschaft zur Verfügung zu stellen.«

Es war Stanhope zumute, als ob er an diesem Tag schon einmal gestorben wäre, und zwar einen bußfertigen Tod, und als ob er nun wieder zum Leben aufgestanden und ein für allemal seiner Bestimmung übergeben sei.

Er wollte um fünf Uhr bei Frau von Imhoff zum Tee erscheinen und fragte den Polizeileutnant, ob er ein Stück Wegs mitfahre. Obwohl aus der Frage der Wunsch einer Ablehnung klang, nahm Hickel, dem es darum zu tun war, mit dem Lord öffentlich gesehen zu werden, das Anerbieten dankbar an.

Die Straßen waren jetzt etwas belebter als am Mittag; die alten Beamten und Pensionisten machten um diese Stunde ihren täglichen Spaziergang über die Promenade. Viele blieben stehen und grüßten gegen das Innere der hocherlauchten Kutsche.

Nun passierte es, daß an einer Straßenecke der Mann auf dem Bock wieder einmal sein welsches Geschrei ertönen ließ; es stand nämlich mitten auf dem Fahrdamm ein träumerisch wolkenwärts guckender Herr, der von dem Herannahen der gräflichen Karosse keine Notiz zu nehmen schien. Höchst erschrocken sprang er beiseite, als der Elsässer zu fluchen begann, doch nicht schnell genug, daß nicht seine Kleider durch den Kot beschmutzt wurden, der von den Hufen der Pferde und den Rädern aufspritzte.

Hickel bog den Kopf zum Fenster hinaus und griente, denn der Besudelte stand mit einem verdutzten und unglücklichen Gesicht, hielt die Arme vom Leib und sah sich die Bescherung an.

»Wer ist der ungeschickte Mann?« erkundigte sich Stanhope, den die Schadenfreude des Polizeileutnants verdroß.

»Das? Das ist der Lehrer Quandt, Mylord.«

Eigner Zufall; eine halbe Stunde später wurde bei Frau von Imhoff derselbe Name genannt. Der Präsident und seine Freundin waren nach langen Beratungen übereingekommen, Caspar in die Obhut des Lehrers Quandt zu geben.

»Er ist ein aufgeklärter und gebildeter Kopf und genießt als Bürger wie als Mensch allgemeine Achtung,« sagte Frau von Imhoff.

»Und ist er denn geneigt, eine so verantwortungsreiche Aufgabe zu übernehmen?« fragte der Lord zerstreut. Doch darüber konnte Frau von Imhoff keine Auskunft geben.

Als Stanhope sich am andern Morgen beim Präsidenten melden ließ, traf er Herrn Quandt dortselbst. Beide waren offenbar schon einig, denn Feuerbach zeigte sich sehr aufgeräumt, und als sich der Lord wegen des gestrigen Zwischenfalls mit dem Wagen bei Quandt entschuldigte, hatte der Präsident seinen Spaß an der Verlegenheit des Lehrers, die er durch harmlose Witzchen über zerstreute Denker und dergleichen noch steigerte. Sein Gelächter trieb einen wahren Angstschweiß auf Quandts Stirn, er verneigte sich vor Stanhope wie ein Muselmann vor dem Kalifen, und es hatte den Anschein, als müsse er sich geschmeichelt fühlen, daß der Kot der gräflichen Karosse seine geringe Person der Beachtung wert gefunden.

»Na, Quandt, machen Sie sich nicht so mausig,« mahnte der Präsident belustigt, »ich wette, Ihre Ehefrau hat Ihnen tüchtig den Marsch geblasen und sich gemüht, das Röcklein wieder sauber zu kriegen.«

»Es war ja nur der Mantel, Euer Exzellenz,« erwiderte Quandt lächelnd und von so viel Leutseligkeit beglückt.

Stanhope blieb gemessen. Sie befanden sich diesmal im Staatszimmer des Präsidenten, und drei hohe Fenster gewährten Aussicht gegen den Garten. Der Raum war wohnlich geschmückt, auch hier alles von der größten Nettigkeit. In einer Art von vertiefter Nische hing ein gutes Ölbild Napoleon Bonapartes im Krönungsornat; Stanhope betrachtete es mit vorgeblichem Interesse; in Wirklichkeit prüfte er aufmerksam das Wesen und Gehaben des Lehrers.

Quandt war mittelgroß und hager; über der hohen Stirn waren tabaksgelbe Haare mit Hilfe von Pomade ganz lächerlich glatt zurückgekämmt. Die Augen blickten schüchtern, fast betrübt, und blinzelten bisweilen, die Hakennase stach ein wenig prahlerisch in die Luft, der Mund, versteckt unter demütigen und zerbissenen Schnurrbartstoppeln, hatte einen säuerlichen Zug, der die Berufsgewohnheit vielen Nörgelns verriet.

Der Lord war nicht unzufrieden mit dem Ergebnis seiner Beobachtung; er fragte den Präsidenten, ob die Verhandlungen zum gewünschten Ziel geführt hätten, und als dieser bejahte, wandte er sich an Quandt, reichte ihm stumm dankend die Rechte und sagte, er werde ihm am Nachmittag seinen Besuch abstatten. Sehr benommen von solcher Huld, verbeugte sich der Lehrer abermals tief, machte sein Kompliment gegen den Präsidenten und ging.

Auch Stanhope entfernte sich bald, da Feuerbach zu einer Gerichtssitzung mußte. Im Hotel angekommen, verbrachte er zwei Stunden mit dem Schreiben eines Briefes, und als er fertig war, schickte er den Jäger damit ab. Um halb zwei stellte sich, wie verabredet, der Polizeileutnant ein; sie aßen zusammen und gingen hernach zu Quandt.

Das Häuschen des Lehrers, das am Kronacher Buck beim oberen Tor lag, war auf den Glanz hergerichtet; Frau Quandt, eine frische, gefällige junge Frau, mit dem rostfarbigen Seidenkleid wie zu einer Hochzeit angetan, stand knicksend am Eingang, in der guten Stube war der Tisch mit Konditorkuchen beladen, und das feine Porzellanservice blinkte einladend auf dem schneeweißen Tuch.

Der Lord war gegen die Lehrerin von väterlicher Freundlichkeit; da sie guter Hoffnung war, wünschte er Glück, ein Händedruck bekräftigte seine zarte Teilnahme; er fragte, ob es das erstemal sei; das junge Weib wurde purpurrot, schüttelte den Kopf und sagte, sie habe schon einen dreijährigen Knaben. Als der Kaffee aufgetragen war, gab ihr Quandt einen Wink, sie ging still hinaus und die drei Männer blieben allein.

Stanhope sagte, noch könne er sich nicht in den Gedanken einer Trennung von Caspar finden, aber er sei enchantiert von dieser friedlichen und geordneten Häuslichkeit und es beruhige ihn ungemein, seinen Liebling hier untergebracht zu wissen. So dürfe man denn endlich hoffen, daß der Unglückliche, an dem schon so viele Pfuscherhände herumprobiert und der dabei an Leib und Seele Schaden erlitten, einen rettenden Port erreicht habe.

Quandt legte beteuernd die Hand auf die Brust.

»Ja,« mischte sich Hickel ein, indem er den letzten Bissen Kuchen hinunterschluckte und Schnurrbart und Lippen mit dem Handrücken abwischte, »das wohl; und es muß nun einmal Licht werden um dieses Kind der Dunkelheit.«

Der Lord runzelte die Brauen, ein Zeichen des Unwillens, das Hickel nicht entging; er lächelte leer vor sich hin, nahm aber eine drohende Miene an.

»Leider ist ja Anlaß zum Argwohn vorhanden,« fuhr Stanhope fort, und seine Stimme war tonlos und kalt; »wohin man sich auch wendet und wie man es auch betrachtet, überall Argwohn und Zweifel. Da ist es kein Wunder, wenn die ursprüngliche Neigung von Bitterkeit durchtränkt ist. Will ich mich gleich dem liebenden Gefühl hingeben, so melden sich doch immer wieder Stimmen, deren Urteil oder Gewicht zu verdächtigen sinnlos wäre, und der schlummernde Funke des Mißtrauens löscht nicht aus.«

»Nun also,« ließ sich Hickel wieder vernehmen, »so hab’ ich doch recht! Man muß reinen Tisch machen. Man muß den hinterlistigen Burschen endlich Mores lehren. Man muß ihm die Mucken aus dem Kopf jagen.«

Stanhope erblaßte; über Hickel hinwegblickend, sagte er schneidend: »Herr Polizeileutnant, ich muß mich gegen einen solchen Ton verwahren. Was immer auch gegen den Jüngling zeugen mag, so ist er doch nur als die mißleitete Kreatur eines unbekannten Frevlers zu betrachten.«

Hickel senkte den Kopf, und von neuem irrte das leere Lächeln über sein Gesicht. »Verzeihen Eure Lordschaft,« entgegnete er hastig und ziemlich erschrocken, »aber das ist die Meinung der ganzen Welt, zumindest des aufgeklärten und vernünftigen Publikums. Erst gestern war ich Zeuge, wie der Ritter von Lang und der Pfarrer Fuhrmann sich über den Findling und die Dummheit der Nürnberger geäußert haben. Das hätten der Herr Graf nur hören sollen. Wir wissen ja dahier auch, es ist von Gerichts wegen bekannt geworden, was der Herr von Tucher über den Undank und die moralische Verderbtheit des Findlings an Eure Lordschaft geschrieben hat. Zeigen Sie doch Herrn Quandt den Brief des Barons und er wird sich überzeugen, daß ich nur gesagt habe, was jeder anständige und vorurteilslose Mann darüber denkt.« Und Hickel heftete auf den Grafen einen befremdet-forschenden Blick.

»Dem ist nicht ganz so,« versetzte Stanhope abweisend und nippte mechanisch von der Kaffeetasse. »Herr von Tucher spricht in seinem Brief nur von einigen übeln Gewohnheiten Caspars. Auch ich habe Augen; ein liebendes Herz ist niemals blind; versteht es nicht abzuwägen, so ist ihm doch die Gabe der Ahnung eigen. Im übrigen wollen wir unserm würdigen Gastgeber nicht vorgreifen. An ihm wird es sein, zu richten. Was krumm gewachsen ist, kann er grade biegen, und wenn er mir die häßlichen Flecken von meinem Kleinod nimmt, will ich’s ihm fürstlich danken.«

Hickel verzog das Gesicht und schwieg. Quandt hatte mit gespannter Aufmerksamkeit das Gespräch verfolgt. Wozu der Wortstreit? dachte er; als ob es nicht die leichteste Sache von der Welt wäre, zu erkennen, ob einer ein Spitzbube ist. Man muß die Augen offen halten, das ist alles; der Gute ist gut, der Böse ist bös, wo liegt da die Schwierigkeit? Ein Übel auszurotten, wenn es sich nicht zu tief eingefressen hat, ist nur eine Frage der Tatkraft und Umsicht. Aber mir scheint, mir scheint, meditierte der Lehrer in seinem stillen Sinne weiter, da sind noch ganz andre Dinge verborgen, die Herren reden nicht von der Leber weg.