Caspar Hauser; oder, Die Trägheit des Herzens, Roman

Chapter 15

Chapter 153,496 wordsPublic domain

Und doch, als Caspar eintrat, als das freudeverklärte Antlitz aus dem Dämmer tauchte, da zitterte empfundener Schmerz über die Züge des Lords und eine plötzliche Verzagtheit raubte ihm die Sprache. Ja, er wurde verwirrt, er lenkte den Blick abseits, und erst als Caspar, durch das fremdere Wesen betroffen, ihn leise anrief, brach er das Schweigen; es lag nahe, die bevorstehende Reise als Grund der Verstimmung anzuführen, aber der Zustand inneren Zurückbebens und jähen Wankelmutes in solchen Augenblicken war dem Lord nicht unbekannt, wenngleich er sich heute stärker als sonst fühlbar machte. Ihm war dann, als ob der Anblick des Jünglings den vorgesetzten Willen lähme, als ob mühsam aufgebaute Pläne zusammenbrächen, wie von einem Orkan gefaßt, so daß er das Werk wieder von vorn beginnen konnte, wenn er allein war und sich erholt hatte; er glich dann der Penelope, die, was sie tagsüber kunstvoll gesponnen, bei Nacht wieder in seine Fäden trennte.

Caspars wehmütige Klage bei der unerwarteten Kunde wurde nicht beschwichtigt durch den Hinweis, daß sein eignes Wohl diese Trennung erforderlich mache, auch nicht durch die Versicherung Stanhopes, daß er sobald als möglich, vielleicht schon nach Verlauf eines Monats, zurückkehren werde. Caspar schüttelte den Kopf und sagte mit erstickter Stimme, die Welt sei gar zu groß; er umklammerte den Freund und bat flehentlich, mitgenommen zu werden, der Graf solle den Diener entlassen, er, Caspar, wolle dienen, er brauche kein Bett, auch keinen Lohn, er wolle wieder von Brot und Wasser leben. »Ach, tu es, Heinrich!« rief er unter Tränen. »Was soll ich denn ohne dich hier anfangen?«

Der Lord stand auf und befreite sich sanft aus den Armen des Jünglings. Der Trost, den er spenden durfte, rettete ihn vor sich selbst und verlieh seinen Worten größeres Gewicht. »Daß du so kleinmütig bist, Caspar, beweist ein kleines Vertrauen zu mir,« sagte er, »wie kannst du nur glauben, daß Gott, der uns endlich vereinigt hat, uns nun wieder voneinander reißen wird? Das hieße seine Weisheit und Güte verdächtigen. Die Welt ist ein Bau von hoher Harmonie, und der Mensch findet sich zum Menschen durch ein auserwähltes Gesetz; halte du deine Bestimmung fest, so tragen dich Raum und Zeit ans Ziel, und ob ich eine Stunde lang oder wochenlang von dir fort bin, gilt gleichviel vor der Gewißheit der Erfüllung. Wartet doch mancher bis zum Tod auf den Erlöser und wird nicht ungeduldig. Auch mußt du dich beherrschen lernen, Caspar; Fürstensöhne weinen nicht.«

Es war mittlerweile dunkel geworden; der Lord führte Caspar zum offenen Fenster und sprach bewegt: »Blick auf zum Himmel, Caspar, schau, wie die Sterne durch das Firmament brechen! In diesem Zeichen wollen wir uns erkennen.«

Mit Befriedigung bemerkte Stanhope, daß Caspar nachdenklich wurde und, feierlich gestimmt, sich der zügellosen Verzweiflung schämte, die keinen Zwang des Wechsels anerkennen, keine Zukunft gegen die beglückte Gegenwart in Kauf nehmen wollte. Es war, als spüre Caspar die höhere Notwendigkeit, welche die Schicksale steigert und heimlich ineinander stickt; vielleicht erwachte sein verwundert umherschauendes Auge in dieser Stunde zum Begreifen und der Damm, der den Strom der Sehnsucht hemmte, wurde eine Kraft der Seele; die besiegte Leidenschaft adelt den Jüngling zum Mann. Fürstensöhne weinen nicht; ein starkes Wort; der leise Windhauch, der die Vorhänge bauschte, flüsterte es nach.

Der Lord schaute auf die Uhr und erklärte, daß er Eile habe, er wolle der Hitze wegen die Nacht durch fahren. Vor dem Wagen unten nahm er Abschied; Stanhope reichte Caspar einen kleinen mit Goldstücken gefüllten Beutel; er gebot ihm, damit nach seinem Belieben zu schalten und keiner Einrede Gehör zu leihen.

Diese unbedachte oder vielleicht schlau berechnete Weisung verschuldete ein ernstes Zerwürfnis zwischen Caspar und seinem Vormund. Herr von Tucher erfuhr von dem abermaligen Geschenk des Grafen und verlangte, daß Caspar ihm das Geld abliefere. Caspar weigerte sich wiederum, Herr von Tucher bestand jedoch mit seiner ganzen Autorität darauf, und er würde Gewalt angewendet haben, wenn nicht Caspar, eingeschüchtert durch Drohungen wie durch das Gefühl der Abwesenheit seines mächtigen Freundes, klein beigegeben hätte. Doch verharrte er in dumpfer Auflehnung, und dies brachte Herrn von Tucher außer sich. »Ich werde dich aus dem Haus stoßen,« rief er, nicht mehr fähig, sich zu beherrschen, »ich werde deine Schande der Welt offenbaren; man soll dich endlich kennen lernen, du Schlack!«

Caspar, betrübt und erregt, glaubte in seiner Weise ebenfalls drohen zu sollen. »Ach, wenn das der Graf wüßte, der würde Augen machen!« sagte er erbittert und mit naiver Bedeutsamkeit, als ob es in der Macht des Grafen läge, jedes Unrecht zu sühnen.

»Der Graf? Auch gegen ihn machst du dich ja des Undanks schuldig,« versetzte Herr von Tucher. »Wie oft hat er mir versichert, er habe dich zur Folgsamkeit und Treue ermahnt, habe dich himmelhoch gebeten, deinen Wohltätern keinen Anlaß zur Klage zu geben. Du aber mißachtest sein Gebot und bist seiner großmütigen Liebe ganz und gar unwürdig.«

Caspar erstaunte. Von solchen Ratschlägen des Grafen wußte er nichts, eher vom Gegenteil; er bestritt daher, daß der Lord dergleichen gesagt habe. Da schalt ihn Herr von Tucher mit verächtlicher Ruhe einen Lügner, woraus ersichtlich ist, daß das so weise aufgerichtete Erziehungssystem sich nicht einmal für seinen Schöpfer als tragfähig genug erwies, um Ausbrüche empörter Leidenschaft und verwundeten Selbstgefühls hintanzuhalten.

Die Grundsätze waren endgültig in die Flucht geschlagen. Herr von Tucher war des unerquicklichen Kampfes müde; obwohl entschlossen, Caspar nicht länger zu behalten, verschob er die Ausführung seines Vorsatzes bis zur Rückkehr des Grafen. Um nicht durch Caspars Anblick der beständigen Pein der Enttäuschung ausgesetzt zu sein, folgte er der Einladung eines Vetters und begab sich für den Rest des Sommers auf ein Landgut in der Nähe von Hersbruck, wo seine Mutter schon seit drei Monaten weilte. Da es Ferienzeit war und der Lehrer ohnedies nicht ins Haus kam, brauchte er für den Unterricht Caspars keine Maßnahmen zu treffen; er empfahl ihm fleißiges Eigenstudium, trug Sorge für seine täglichen Bedürfnisse, ließ ihm vier Silbertaler an Taschengeld zurück und ging nach kaltem Abschied, die Aufsicht über ihn der Polizei und einem alten Diener des Hauses überlassend.

Caspar zählte die Tage und durchstrich jeden vergangenen mit roter Kreide auf dem Kalender. Das lautlose Haus, die verödete Gasse, in der die Sonne brütete, ließen ihm das Alleinsein stetig fühlbar werden. Gesellschaft hatte er keine, Fremde, die noch immer zahlreich kamen, zahlreicher noch, seit die passionierte Teilnahme eines Lord Chesterfield den Findling wie mit einem Nimbus umgab, wurden nicht zugelassen, die früheren Bekannten aufzusuchen hatte er keine Lust.

Am Abend nahm er manchmal sein Tagebuch zur Hand und schrieb; da war ihm dann der Freund näher, es glich einer Unterhaltung mit ihm durch die trennende Ferne. Ohne das Gelöbnis des Stillschweigens über das, was Stanhope ihm anvertraut, zu vergessen, wurde doch auf solche Weise das Papier zum Mitwisser der mysteriösen Andeutungen. Aber aus seiner Art, sie zu fassen, erhellte klar, daß er sich im mindesten nicht dabei zurechtfinden konnte. Es war ein Märchen. Er verstand nicht den Bau der Ordnungen, nicht das labyrinthisch verschlungene Gefüge der menschlichen Gesellschaft. Noch war das Schloß mit seinen weiten Hallen ein Traum: da wehten die Schauer unbekannter Sterne. Nur heimzugehen war sein Wunsch, dies Wort hatte Sinn und Kraft. Wehe, wenn er zum Begreifen erwachte; erst wenn die Finsternis entwichen, kann der verirrte Wanderer ermessen, wie weit er von seinem Ziel verschlagen worden.

Anfangs September erhielt Caspar die erste kurze Nachricht vom Grafen, die auch dessen bevorstehende Rückkehr meldete. Seine Freude war groß, doch war ihr ein ahnender Schmerz zugemischt, als könne es zwischen ihm und dem Freund nicht mehr werden wie vordem, als hätte die Zeit sein Antlitz verwandelt. Bei jedem Wagenrollen, jedem Läuten am Tor dehnte sich sein Herz bis zum Springen. Als der Erwartete endlich erschien, war Caspar keines Lautes mächtig; er taumelte nur so und griff um sich, wie wenn er an der Wahrheit der Erscheinung zweifle. Der Lord veränderte Haltung und Miene; es sah aus, als verschiebe er ein vorgesetztes Anderssein für später, das Lauern seiner Blicke versank in der weicheren Regung, in die der Jüngling ihn stets versetzte, der einzige Mensch vielleicht, dem er Macht über sein Inneres zugestehen mußte und dessen Geschick er zugleich hinter sich herschleifte wie der Jäger das erbeutete Wild.

Er fand Caspar schlecht aussehend und fragte ihn, ob er genug zu essen gehabt habe. Der Bericht über die mit Herrn von Tucher vorgefallenen Streitigkeiten entlockte ihm nur Sarkasmen, doch schien er nicht weiter mißgelaunt darüber. »Hast du denn bisweilen an mich gedacht, Caspar?« erkundigte er sich, und Caspar antwortete mit dem Blick eines treuen Hundes: »Viel, immer.« Dann fügte er hinzu: »Ich habe sogar an dich geschrieben, Heinrich.«

»An mich geschrieben?« wiederholte der Lord verwundert. »Du wußtest doch meinen Aufenthalt nicht!«

Caspar drückte die Hände zusammen und lächelte. »In mein Buch hab’ ich’s geschrieben,« sagte er.

Der Graf wurde nervös, doch stellte er sich zutraulich. »In welches Buch? Und was hast du denn geschrieben? Darf ich’s nicht lesen?«

Caspar schüttelte den Kopf.

»Also Heimlichkeiten, Caspar?«

»Nein, keine Heimlichkeiten, aber zeigen kann ich dir’s nicht.«

Stanhope brach das Gespräch ab, nahm sich aber vor, der Sache auf den Grund zu gehen.

Er war wieder im »Wilden Mann« abgestiegen, doch lebte er anders als vorher. Zu jeder Mahlzeit bestellte er Champagner und teure Weine und trieb den größten Aufwand, als sei es ihm darum zu tun, Reichtum zu zeigen. Er brachte seine eigne Equipage mit, deren Räder vergoldet waren, während am Schlag Wappen und Adelskrone prangten. Als Dienerschaft hatte er einen Jäger und zwei Kämmerlinge, und diese drei Betreßten erregten das Staunen der Nürnberger.

Er säumte nicht, sein Ansuchen um die Überlassung Caspar Hausers zu erneuern. Zum Beleg seines günstigen Vermögensstandes wies er, scheinbar nur nebenbei, auf die Kreditbriefe hin, die er seit seiner Rückkunft beim Marktvorsteher Simon Merkel deponiert hatte. Es lag darin eine Gebärde von Prahlerei, als seien so geringfügige Summen kaum der Rede wert; in der Tat aber waren die Akkreditive, von deutschen Wechselhäusern aus Frankfurt und Karlsruhe ausgestellt, von riesiger Höhe.

Der Magistrat sah sich jedes stichhaltigen Einwands gegen die Wünsche des Lords beraubt. In der Versammlung der Stadtväter wurde die Frage aufgeworfen: ja warum? Was will er eigentlich mit dem Hauser? Darauf las Bürgermeister Binder mit besonderem Nachdruck eine Stelle aus der Zuschrift des Grafen vor, worin es hieß: »Der Unterzeichnete fühlt um so mehr den Beruf, sich des unglücklichen Findlings anzunehmen, als er bei langem Umgang mit ihm die selbst einem Vaterherzen wohltuende Erfahrung gemacht hat, wie sehr ihm dies kindliche Gemüt in liebender Anhänglichkeit und Dankbarkeit ergeben ist.«

»Fragen wir also den Hauser selber,« hieß es, »man muß wissen, ob er Lust hat, dem Grafen zu folgen.«

Caspar wurde vor Gericht zitiert. In tiefer Bewegung erklärte er, er sei überzeugt, daß der Herr Graf den innigsten Anteil an seinem Schicksal nehme, erklärte, mit dem Grafen gehen zu wollen, wohin ihn dieser auch führen werde.

Trotz alledem verzögerte sich die förmliche Bewilligung des Magistrats durch eine Reihe erst scheinhafter und ungreifbarer Umstände, die aber nach und nach zu entschiedenem Widerstand erwuchsen, bis sie sich schließlich in einer einzelnen Stimme Gehör verschafften, welcher niemand zu widerstehen wagte.

Der übermäßige Eifer des Lords, sich der Person Caspars zu versichern, rührte den unterirdisch murrenden Argwohn immer wieder empor. Sein pomphaftes Auftreten mißfiel dem Bürger, der einer bescheidenen Lebensführung, auch bei Großen, mehr Vertrauen entgegenbrachte als einer Verschwendungssucht, die nur die schlechten Instinkte des Pöbels nährte. Es erbitterte, wenn der Graf in seiner Prunkkarosse daherfuhr, mit Absicht die belebtesten Plätze wählte und nach rechts und links Kupfermünzen ins Volk streute, das sich dann, jeder Würde bar, vor dem in nachlässiger Leutseligkeit thronenden Fremdling im Kot wälzte.

Man sprach davon, daß Stanhope vom Marktvorsteher Merkel auf die Kreditbriefe hin hohe Summen entlehnt habe. Merkel, wenngleich er gesichert schien, wurde zur Vorsicht ermahnt; es lief das Gerücht, der Lord dürfe die Papiere gar nicht angreifen oder doch nur bis zu einer vorgeschriebenen Grenze.

Mittlerweile war Herr von Tucher vom Land zurückgekehrt. Die Entwicklung der Dinge war ihm bekannt; er wollte für seinen Teil ein klares Ende herbeiführen. Er richtete an den Lord einen ziemlich weitläufigen Brief, in welchem er ihn schließlich vor die Wahl stellte: entweder den Jüngling ganz zu sich zu nehmen und ihn, den Baron, damit seiner Verantwortlichkeitspflicht zu entheben, oder einen jährlichen Beitrag auszusetzen, welcher es ermögliche, Caspar einem verständigen und gebildeten Mann vollständig zu übergeben; in letzterem Falle müsse Seine Herrlichkeit allerdings die Güte haben, jedem Verkehr mit Caspar schriftlich wie mündlich für die Dauer mehrerer Jahre zu entsagen; er seinerseits würde sich dafür gern verbinden, dem Lord regelmäßigen Bericht über Caspars Tun und Treiben abzustatten.

In der sonstigen Fassung des Schreibens herrschte jedoch die gebotene Devotion vor. »Mit dem wärmsten Dank habe ich, hochzuverehrender Herr, die zahllosen Beweise des Wohlwollens anzuerkennen, mit denen Sie mich seit den wenigen Wochen Ihres Hierseins überschüttet haben,« hieß es unter anderm; »aus dem Grund meiner Seele habe ich die ungeheuchelte Verehrung an den Tag zu legen, zu welcher mich Ihre Herzensgüte und Ihr seltener Edelmut zwingen. Aus dieser Gesinnung entspringt mir auch die Pflicht des Vertrauens, zu der Sie mich so oft aufgefordert haben, und so trete ich vor Ihnen, edler Mann, geraden und offenen Sinnes auf mit der Zuversicht, daß Sie meinen Worten ein geneigtes Ohr schenken werden. Caspar ist nicht der, für den Sie ihn zu halten scheinen. Wie konnten Sie auch dieses wunderliche Zwitterding kennen lernen, da ihn ja im Umgang mit Ihnen, dem er alles verdankt und von dem er alles erwartet, was sein Sinn begehrt, auch alles dazu einlud, im besten Licht zu leuchten. Herr Graf! Sie haben ihm eine Freundschaft bezeigt, wie man sie nur einem Gleichgestellten schenkt. Bei der unbegrenzten Eitelkeit, mit welcher die Natur neben so reichen Gaben seine Seele verunstaltet hat und die von einfältigen Menschen hier noch großgezogen wurde, haben Sie unschuldigerweise ein Gift in sein an sich schon krankes Wesen gemischt, das kein Seelenarzt, auch nicht der geschickteste, wird jemals wieder daraus entfernen können. Ich bin von nichts weiter entfernt, als Ihnen damit einen Vorwurf zu machen, ich bitte Sie inständig, auch nicht einen solchen finden zu wollen. Sie sind außer Schuld. Aber feststellen muß ich, daß während der ganzen Zeit, die Caspar in meinem Hause weilte, kein Anlaß war, mit ihm unzufrieden zu sein, während er seit Ihrem Aufenthalt dahier, ich sage es mit blutendem Herzen und mit der Zaghaftigkeit, die mir Liebe und Ehrfurcht gegen Sie, vortrefflicher Mann, gebieten, wie umgewandelt und verkehrt ist.«

Eine solche Sprache mußte auch dem verwöhntesten Ohr schmeicheln. Nichtsdestoweniger gab sich Lord Stanhope den Anschein, durch den Brief des Freiherrn herausgefordert und verletzt worden zu sein, sprach auch überall in Gesellschaft davon. In einer Eingabe an das Kreisgericht in Ansbach, die sich als notwendig erwiesen und worin er seine Bereitwilligkeit anzeigte, nicht nur während seines Lebens für Caspar Hauser zu sorgen, sondern auch dessen Erhaltung für den Fall seines Todes zu sichern, erwähnte er, daß zwischen ihm und Herrn von Tucher Verhältnisse eingetreten seien, die ihm für jetzt und künftig jeden Verkehr unmöglich machten; es sei deshalb von Wichtigkeit, daß Caspar tunlichst bald in eine andre Umgebung versetzt werde.

Hofrat Hofmann in Ansbach beeilte sich, Herrn von Tucher von der verhüllten Anklage des Lords zu unterrichten. Herr von Tucher war außer sich. Er teilte der Behörde seinen an Stanhope gerichteten Brief wörtlich mit, schilderte noch einmal und in düsteren Farben den unheilvollen Einfluß des Grafen auf Caspars Charakter und ersuchte um schleunige Decharge von einer Vormundschaft, die ihm, wie er sich ausdrückte, Sorgen, Plagen und Lasten und zuletzt noch Undank und Verargung seines redlichen Willens zugezogen habe. Da das Ansbacher Amt ein Gutachten über die Person des Lords gewünscht, schrieb er zurück, er habe den Herrn Grafen als einen seltenen Mann von ausgezeichneten Eigenschaften kennen gelernt. Das Gerücht bezeichne ihn als sehr vermöglich, er selbst behaupte, eine jährliche Rente von zwanzigtausend Pfund Sterling, also dreimalhunderttausend Gulden, zu genießen, welches Einkommen ihn übrigens als Earl und erblichen Pair von Großbritannien noch keineswegs unter die reichen Edelleute seines Landes setze. »Vorausgesetzt, daß die hochlöbliche Kuratelbehörde genügende Sicherheit erlangt,« schloß er sein mächtig langes Schreiben, »auch solche, die über gewisse bedenkliche Konjunkturen in England Aufschluß gibt, habe ich als Vormund gegen die Adoption Caspar Hausers durch Lord Stanhope, sonderlich in finanzieller Hinsicht, nichts einzuwenden.«

Ein umständliches Verfahren, ein endloser Instanzenweg. Stanhope zappelte schon vor Ungeduld und Wut. Doch schienen ungeachtet des geschäftigen Klatsches und der widerstreitenden Meinungen alle Hindernisse beseitigt, und er sah sich dem von Anfang an mit langsamer Zähigkeit verfolgten Ziele nahe, als plötzlich alles wieder vernichtet wurde. Der Präsident Feuerbach legte nämlich sein Veto ein gegen die Entfernung Caspars aus Nürnberg. Er schickte einen Privatboten an den Bürgermeister Binder und ließ ihn wissen, daß er soeben von seiner Badekur in Karlsbad zurückgekommen und was im Werke sei als vollkommene Neuigkeit vernehme. Er untersagte jede Entscheidung, bevor er den ihm verworren und verdächtig erscheinenden Fall geprüft und die auszuführenden Schritte gutgeheißen habe.

Der Bürgermeister fand sich verbunden, den Lord sogleich von der neuen Wendung der Dinge in Kenntnis zu setzen. Stanhope empfing und las das Briefchen Binders in seinem Hotel gerade während man ihn rasierte. Er stieß den Bader beiseite, sprang auf und rannte, noch mit dem Seifenschaum auf seiner Wange, heftig erregt durch das Zimmer. Es dauerte geraume Zeit, bis er sich seiner Toilettenpflicht wieder erinnerte; er zerriß den Zettel, den ihm Binder geschickt, in hundert kleine Stücke und saß dann unter dem Rasiermesser mit einem Gesicht so voll Haß und Galle, daß die Hand des erschrockenen Barbiers zu zittern begann und er sich nach vollendeter Arbeit eilig aus dem Staube machte.

Zu spät bedachte der Graf, daß er sich vergessen habe; aber wie empfindlich mußte der Schlag sein, der ihn getroffen, wenn dadurch die eherne Ruhe und Zurückhaltung eines so vom Zweck Umpanzerten erschüttert werden konnte!

Mit fliehender Hand schrieb er einige Zeilen, schloß und siegelte den Brief, ließ den Jäger kommen, gebot ihm, ein Pferd zu satteln, und trug ihm auf, die Botschaft vor Ablauf von achtundvierzig Stunden an Ort und Stelle zu bringen, kost’ es, was es wolle.

Der Mann entfernte sich schweigend. Er kannte seinen Herrn. Er wußte, daß sein Herr sich nicht mit Späßen beschäftigte, Liebeshändeln und kleinen Intrigen. Er kannte dieses Gesicht an Seiner Lordschaft, diese Spannung eines gräßlichen Entweder-Oder, diese Miene eines angestrengten Wettläufers, diese krampfhafte Fassung des Hasardspielers. Man hatte dergleichen Ritte schon oft unternommen bei Tag wie bei Nacht; man mußte eine verschwiegene Zunge haben, um die unbehaglichen Zutaten solcher Obliegenheiten vor einer wißbegierigen Welt bergen zu können, denn es hatte nicht selten den Anschein, als ob man der Mittler lichtscheuer Geschäfte sei. Eile war stets geboten; man kam auch stets zurecht, doch jenes »Kost’ es, was es wolle« war ein bißchen aufschneiderisch, man erhielt nicht immer seinen Lohn, man mußte oft wochenlang warten und heimlich nach den Brocken haschen, die von der gräflichen Tafel abgetragen wurden; Seine Herrlichkeit war eben nicht bei Kassa, man erwartete Gelder aus England oder aus Frankreich oder man wurde sogar um Geld zu irgendeinem vornehmen Herrn geschickt, und es war auffallend, daß dem gräflichen Verlangen häufig nicht eben diensteifrig begegnet wurde, der vornehme Herr ließ in seiner Sprache eher etwas von Geringschätzung als von Ehrfurcht gegen die Person des Lords merken.

Woran hing das alles? Wohin liefen die Fäden, die dieses über den Pöbel erhobene Schicksal an die gemeine Notdurft knüpften? Der edle Abkömmling eines edeln Geschlechts, seine Tage in einer erbärmlichen Spelunke fristend, einer der stolzesten Namen eines stolzen Reiches, abhängig von der schmierigen Freundlichkeit eines Gastwirts, verdammt, seines Lebens Mark und Kern mit eignen Füßen in den Schlamm zu treten, das strenge Gedächtnis unantastbarer Ahnen preiszugeben, wofür? Woran hing das alles?

Jede gegenwärtige Stunde war eine Ruine der Vergangenheit, jeder Tag die Trümmerstätte eines goldenen Ehemals; ehemals, da der Name Stanhope in den Hauptstädten Europas noch jene Rolle gespielt, die seinem Träger selbst nur noch wie eine Sage erschien, als der jugendliche Lord das Entzücken der Salons von Paris und Wien gewesen war, als er reich gewesen und den Reichtum benutzt hatte, um seine maßlose Jugend damit zu sättigen und der Welt seiner Standesgenossen das Schauspiel einer Verschwendung ohnegleichen zu geben. Seine Feste und Gastmähler waren berühmt gewesen. Er war von Land zu Land gereist mit einem Hofstaat von Köchen, Sekretären, Kammerdienern, Handwerkern und Spaßmachern. Er hatte bei einer Pergola in Madrid für fünfundzwanzigtausend Livres Blumen an die Frauen verteilen lassen. Er hatte während des Wiener Kongresses die Könige und Fürsten bewirtet, Wettrennen veranstaltet, die allein ein Vermögen verschlangen, und Oratorien und Opern für eigne Rechnung aufführen lassen. Seine luxuriösen Launen hielten die Gesellschaft in Atem; er beschenkte seine Freunde mit Villen und Landgütern und seine Freundinnen mit Perlenketten. Er war jahrelang der Timon des Kontinents gewesen, um den sich eine Armee von geilen Schmarotzern drängte, die alle ihr Profitchen an ihm machten und ihre ausschweifenden Gelüste bei ihm befriedigten. Seine Gutherzigkeit und Freigebigkeit war sprichwörtlich geworden, seine Art, mit immer gefüllten Händen Gold um sich her zu streuen, achtlos, ob es in die Gosse oder auf die Teppiche fiel, glich dem Wahnsinn oder einer tollen Probe auf die menschliche Habgier.