Caspar Hauser; oder, Die Trägheit des Herzens, Roman
Chapter 14
»O nein; umgekehrt wird ein Schuh draus. Viel zu schön war er mir. Hab’ immer Herzklopfen gehabt, wenn ich ihn angesehen.«
»Aber jetzt wirst du ihn tragen?«
»Ja, jetzt will ich ihn tragen. Jetzt weiß ich, er gehört wirklich mir.«
Der Wagen hielt vor dem Tor, Stanhope nahm zärtlichen Abschied von Caspar und bestellte ihn für den nächsten Vormittag in den Gasthof. »Auf Wiedersehen, Liebling!« rief er ihm noch zu.
Caspar stand beklommen. Jetzt kroch die Zeit wieder träge. Jeder Schritt ins Haus war ein schmerzliches Sichentfernen aus dem Kreis des herrlichen Mannes; was jetzt die Hand, der Blick berührte, war alt, war tot.
Schon um zehn Uhr morgens war er im »Wilden Mann«. Der Unterrichtsstunde war er einfach entlaufen; hätte ihn jemand abzuhalten versucht, er wäre an einem Strick vom Fenster heruntergeklettert.
Der Lord kam ihm in der oberen Halle entgegen, küßte ihn vor vielen Zuschauern auf die Stirn und führte ihn ins Empfangszimmer, wo auf einem Tischlein Geschenke für Caspar lagen: eine goldene Uhr, goldene Hemdknöpfe, silberne Schuhschnallen und feine weiße Wäsche. Caspar traute seinen Augen nicht, der Überschwang des Dankes versperrte ihm die Kehle, er wußte nichts andres, als immer nur die freigebige Hand des Spenders in der seinen festzuhalten.
Der Lord nahm den stillen Ansturm mit gerührtem Schweigen auf. Aber nachdem sie ein paarmal Arm in Arm durch die Mitte des Raumes gewandelt waren und Caspar noch immer mit sichtbarer Anstrengung nach Zeichen seiner Erkenntlichkeit rang, ermahnte ihn Stanhope sanft, er möge doch jeden Dank unterlassen. »Diese Dinge sind ja nur geringfügige Merkmale meiner Liebe zu dir,« sagte er; »das Wirkliche, das Große, was ich für dich tun will, bleibt der Zukunft vorbehalten. Inzwischen bleibe du so, wie du bist, mein Caspar, denn so bist du mir eben recht; nicht geräuschvoll in Worten, aber zuverlässig in deinem Herzen. Zuverlässig und treu sollst du mir bleiben, ein Sohn, ein Kamerad, ein Freund.«
Caspar seufzte. Das war zu viel des Glücks. Nie hätte er geglaubt, daß ein Menschenmund so sprechen könne. Zur Beteuerung war er ohnmächtig, nur sein Auge gab Kunde in einem schwärmerischen Blick.
Stanhope öffnete eine Tür und geleitete den Jüngling zu einer kleinen Frühstückstafel, die im Nebenzimmer bloß für sie beide gedeckt war. Sie nahmen Platz, der Lord füllte Wein in die Gläser und lächelte sonderbar, als Caspar erklärte, er trinke niemals Wein. »Wie wird es dann werden, Caspar, wenn wir zusammen in die Länder des Südens reisen? Auf allen Hügeln glüht dort der Wein und die Luft ist voll davon. Was schaust du mich so an? Glaubst du mir nicht?«
»Wirklich? Werden wir wirklich zusammen reisen?« fragte Caspar jubelnd.
»Gewiß werden wir das. Denkst du denn, daß ich mich von dir trennen will? Oder denkst du, daß ich dich in dieser Stadt lasse, wo dir so viel Übles widerfahren ist?«
»Also fort? Wirklich fort? Fort in die weite Ferne!« rief Caspar, preßte wie außer sich beide Hände vor den Mund und zog in freudigem Krampf die Schultern bis an die Ohren. »Was wird aber Herr von Tucher dazu sagen? Und der Herr Bürgermeister? Und der Herr Präsident?« fügte er hinzu, vor lauter Hast plappernd, während sich in seinem Gesicht die ganze Betrübnis malte, die er bei der Vorstellung empfand, jene Männer könnten die Pläne des Grafen mißbilligen oder zunichte machen.
»Sie werden es geschehen lassen, sie werden keine Gewalt mehr über dich haben, dein Weg führt dich über sie empor,« antwortete Stanhope ernst und sah Caspar zugleich mit einem scharfen, ja durchbohrenden Blick an.
Caspar erbleichte, von einem grenzenlosen Gefühl überwältigt. Während in seiner Brust Wunsch und Zweifel, dunkel umschlungen, alle Kräfte der Seele an sich zogen, erhob sich vor seinem Geiste leuchtender als je das Bild der Frau aus dem Traumschloß. Mit einer ergreifenden Gebärde des Flehens wandte er sich zu Stanhope und fragte: »Herr Graf, werden Sie mich zu meiner Mutter bringen?«
Stanhope legte Messer und Gabel beiseite und stützte den Kopf in die Hand. »Hier liegen furchtbare Geheimnisse, Caspar,« flüsterte er dumpf. »Ich werde reden und ich muß reden, aber du mußt schweigen, keinem andern Menschen darfst du vertrauen als mir. Deine Hand, Caspar, dein Gelöbnis! Herzensmensch! Unglücklich-Glücklicher, ja, ich will dich zu deiner Mutter bringen, die Vorsehung hat mich erwählt, dir zu helfen!«
Caspar sank hin, die Beine trugen ihn nicht mehr, sein Kopf fiel auf die Knie des Grafen. Die Luftadern pochten um ihn, ein Schluchzen löste die ungeheure Spannung seiner Brust. »Wie soll ich denn zu dir reden?« fragte er mit der Kühnheit eines Trunkenen, denn die Formeln, in denen man sonst zu Menschen spricht, erschienen ihm fremd, sie taten seiner dankbaren Liebe nicht genug.
Der Lord hob ihn sachte empor und sagte zärtlich: »Recht so, das traute Du soll zwischen uns herrschen; du sollst mich Heinrich nennen, als ob ich dein Bruder wäre.«
In so inniger Nähe erblickte sie der eintretende Bediente, der den Bürgermeister und den Regierungskommissär anmeldete. Durch die geöffnete Tür forderte der Lord die Wartenden ins Zimmer. Es sah aus, als wünsche er, daß die beiden Zeugen seiner Liebkosungen gegen Caspar würden. Er tat, als könne er sich nicht von ihm trennen; da die Besucher nach ehrfürchtigem Gruß Platz genommen, schritt er, noch leise plaudernd und ihn bei der Schulter umschlungen haltend, mit Caspar auf und ab, sodann begleitete er ihn zur Stiege, eilte zurück, ging ans Fenster, beugte sich hinaus, sah Caspar nach und winkte ihm mit dem Taschentuch. Die Verwunderung seiner Gäste wohl bemerkend, mäßigte er sich trotzdem nicht, im Gegenteil, er gebärdete sich wie ein Verliebter, der seine Empfindungen ohne Scheu preisgibt.
Die Geschenke des Lords wurden einige Stunden nachher ins Tuchersche Haus gebracht. Herrn von Tuchers Erstaunen beim Anblick der wertvollen Gaben war groß. »Ich werde diese Gegenstände an mich nehmen und aufbewahren,« äußerte er zu Caspar nach einigem Nachdenken; »es steht einem zukünftigen Buchbinderlehrling nicht an, derlei auffallenden Luxus zu treiben.«
Da hätte man Caspar sehen sollen! »O nein,« rief er aus, »das gehört mir! Das ist mein, und ich will’s haben, das darf mir keiner nehmen!« Seine Haltung war geradezu drohend, und sein Blick funkelte.
Aus Herrn von Tuchers Zügen wich alle Farbe. Ohne eine Silbe zu erwidern, verließ er das Zimmer. Also ein Undankbarer, dachte er bitter, ein Undankbarer! Einer, der eigensüchtig die Gelegenheit nutzt und den einen Wohltäter verleugnet, wenn der andre besser zahlt!
Die Grundsätze hörten auf zu triumphieren. Sie machten ein zerknirschtes Gesicht und hüllten sich in Sack und Asche.
Nachgiebigkeit wäre in diesem Fall eine unwürdige Schwäche, deren ich mich schämen müßte, sagte sich Herr von Tucher. Aber was tun? Soll ich Gewalt anwenden? Gewalt ist unmoralisch. Er wandte sich an Lord Stanhope und trug ihm die Sache vor. Der Graf hörte ihn freundlich an, er gab sich Mühe, die Vergehung Caspars als eine kindische Maßlosigkeit zu verteidigen, und versprach, ihn dahin zu bringen, daß er dem Vormund die Geschenke freiwillig überreiche.
Herr von Tucher war von der Liebenswürdigkeit des Lords bezaubert und verließ ihn in bester Zuversicht. Auf den verheißenen Gehorsam Caspars wartete er aber vergeblich. Kein Zweifel, die Mühe des Lords war ohne Erfolg geblieben; kein Zweifel, Caspar verstand es, den gütigen Mann zu beschwatzen. Kein Zweifel, dieser Bursche war mit allen Salben geschmiert, ein Charakter voll Heimlichkeit und List. Viel zu stolz, um einen Dritten zum Mitwisser seiner niederschmetternden Erfahrungen zu machen, begnügte sich Herr von Tucher vorläufig, den Ereignissen ruhig zuzusehen, wenn auch mit dem Verdruß eines Mannes, der sich hintergangen fühlt. Daß Caspar sich nicht ein einziges Mal bewogen fand, über die Art seiner Beziehung zu dem Lord, über den Gegenstand ihrer Gespräche sich zu äußern, verletzte ihn tief; einen solchen Mangel an zutraulicher Mitteilsamkeit hätte er zum allerwenigsten erwartet.
In der ersten Zeit hatte sich der Lord darauf beschränkt, Caspar im Tucherschen Haus zu besuchen oder ihn höchstens nach förmlich erbetener Erlaubnis des Barons zu einer Spazierfahrt abzuholen. Allmählich änderte sich das, und er bestellte den Jüngling an fremde Orte, wo Caspars unvermeidliche Leibwache sich fünfzig Schritte entfernt halten mußte. Herr von Tucher führte beim Bürgermeister Beschwerde; er behauptete, der Lord handle damit seiner ausdrücklich gegebenen Zusage entgegen. Aber was konnte Herr Binder tun? Durfte er den vornehmen Herrn zur Rede stellen? Er wagte einmal eine schüchterne Andeutung. Der Lord beruhigte ihn mit einem Scherz; um nicht für wortbrüchig zu gelten, war es leicht, den Verstoß auf Caspars Unbesonnenheit zu schieben.
So sah man die beiden auffallenden Gestalten häufig am Abend durch die Gassen wandeln. Arm in Arm; im eifrigen Gespräch achteten sie der Blicke nicht, die sie verfolgten. Meist gingen sie über den Stadtgraben und dann auf die Burg; hier durfte sich Caspar wehmütiger Erinnerung überlassen; der düstere Turm barg die größten Schrecknisse seines Lebens, und wenn er auf die Stadt niederschaute, wo zwinkernde Lichter aus vielen Fenstern das dunkelverschlungene Gassengewirr belebten, vernahm er mit ganz andern Gefühlen die Stundentöne der Glocke; jetzt band und einte die Zeit ihre Schläge und zerriß sie nicht mehr zu Pausen des Grauens.
Der Lord wurde nicht müde zu erzählen. Er erzählte von seinen Reisen. Er verstand es, Dinge und Begebenheiten mit einfachen Worten zu malen. Caspar erfuhr von den Alpen und daß dort Berge mit ewigem Schnee seien und glückliche Täler, wo freie Menschen lebten. Er sah Italien – das Wort war schon ein Rausch –, geschmückte Kirchen, enorme Paläste, Gärten mit wunderbaren Statuen, voller Rosen, Lorbeer und Orangen, einen märchenhaft blauen Himmel und die schönsten Frauen. Er sah das Meer und Schiffe mit blanken Segeln auf der Flut. Seine Sehnsucht wurde so groß, daß er manchmal plötzlich lachen mußte. Einmal wirklich dort sein dürfen in den Ländern der Sonne und der unbekannten Früchte, dort sein dürfen, und das bald, solche Hoffnung machte das Herz stillstehen. Es war eine Freude, die weh tat.
An einem regnerischen Abend befanden sie sich im Hotel. Der Lord öffnete eine Truhe und zeigte einiges von den Schätzen, die er auf seinen Reisen gesammelt. Da waren seltene Münzen und Steine; Kupferstiche, Statuetten, Gemmen, Kameen, Perlen und altertümliches Geschmeide; ein geweihter Rosenkranz aus dem Heiligen Land; ein silberner Becher mit kunstvoll gravierten Figuren; eine Bibel mit den herrlichsten Initialen und Malereien, ein Damaszenerdolch mit goldenem Griff, der Siegelring eines Papstes, ein indischer Mantel aus Seide, bestickt mit Sternen; ein pompejanisches Lämpchen und altfranzösische Porzellanväschen und vieles andre, alles seltsam, alles fremdartig, alles mit einem Duft von weiter Welt und großem Schicksal.
»Das habe ich vom Kurfürsten von Mainz bekommen,« sagte der Lord etwa, »und dies ist ein Geschenk des Herzogs von Savoyen; diese schöne Miniature habe ich bei einem Händler in Barcelona gekauft, und dies Tonfigürchen stammt aus Syrakus. Da ist ein Talisman, den hat mir Scheik Abderrahman verehrt, und diese orientalischen Stoffe hat mir meine Base aus Syrien geschickt; sie ist eine wunderliche Person, zieht mit Arabern und Beduinen durch die Wüste, schläft in Zelten und treibt Alchimie und Astrologie.«
Welche Laute, welche Fernen! Mit offenbarer Lust schürte der Graf das Feuer des Verlangens in Caspar. Vielleicht nahm er es mit seinen Verheißungen ernst. Vielleicht bereitete es ihm bloß eine Wonne, Wunsch und Lüste aufzupeitschen. Vielleicht war es nur ein Spiel der Rede. Vielleicht aber das furchtbare Vergnügen, dem Vogel im Bauer, im nie zu öffnenden, so lange vom Flug durch den goldnen Äther zu erzählen, bis endlich der jubelnde Freiheitsgesang durch seine Kehle bricht.
Wie er sprach, wie er die Worte besaß! Zwischen den Lippen und den weißen Zähnen spielte das Lächeln wie ein listiges Tierchen. Er war nicht gleichmäßig heiter. Was war das? Oft zog Finsternis über sein Gesicht. Bisweilen pflegte er aufzustehen und wie ein Lauscher an die Tür zu treten. Seine Liebkosungen waren nicht selten voll Schwermut, dann saß er wieder schweigend da, und sein suchender Blick glitt düster an dem Jüngling vorüber. Da faßte Caspar einmal Mut und fragte: »Bist du denn eigentlich glücklich, Heinrich?«
»Glücklich, Caspar? O nein. Glücklich, was sprichst du da? Hast du schon von Ahasver gehört, dem ewigen Juden, dem ewigen Wanderer? Er gilt als der unglücklichste aller Menschen. Ach, ich möchte mein Leben vor dir aufblättern, denn auf seinen dunkeln Seiten liegt der Gram. Aber ich darf nicht, ich kann nicht. Später vielleicht, wenn dein eignes Geschick sich entschieden hat, wenn du mit mir in meine Heimat gehst ...«
»Ist denn das möglich, wird denn das sein?«
Es schüttelte den Lord plötzlich; es war, als werfe er einen Mantel ab oder wolle sich einem unsichtbaren Druck entziehen. Eine krampfhafte Lebendigkeit ergriff ihn, er begann von Caspars künftiger Größe zu sprechen, doch wie stets nur in geheimnisvollen Wendungen und mit der feierlichen Ermahnung zur Verschwiegenheit. Ja, er sprach von Caspars Reich, von seinen Untertanen, und das zum erstenmal, wie einem Zwang gehorchend, selber schaudernd, selbst zitternd, immer von neuem das Gelöbnis des Schweigens betonend, hingerissen von einem Phantom gleichsam und alle Gefahr vergessend. »Ich will dich führen; ich will deine Feinde zermalmen, du bist tausendmal mehr wert als jeder einzelne von ihnen. Wir gehen zuerst nach dem Süden, um sie irrezuführen, dann fliehen wir zu mir nach Hause, schaffen uns einen Hinterhalt, von wo die Verfolger zu treffen sind, wo man Kräfte sammeln kann für den entscheidenden Schlag.«
Wieder zur Tür; wieder lauschen; nachsehen, ob kein Horcher versteckt sei. Dann, ängstlich ablenkend, schilderte der Graf seine Heimat, den Frieden eines englischen Landsitzes, die herrenhafte Unabhängigkeit auf erbgesessenem Gebiet; die tiefen Wälder und klaren Flüsse, die balsamische Luft, das behagliche Weilen überall, Frühling, Herbst und Winter, eingeschlossen in einem Ring unschuldiger Genüsse.
In solchen Bildern lag etwas von der Wehmut reuigen Gewissens und dem Schmerz eines auf immer Verstoßenen. Zum andern Teil aber enthielten sie viel von der modischen Empfindsamkeit, die auch das verhärtetste Gemüt unter Umständen davon schwärmen ließ, seine selbstgeschaffene Unrast am Busen der Natur zu besänftigen. Und dann sprach er doch von seinem Leben. Er wußte sich als einen Mann darzustellen, der, vielbeneidet, mit Ehren und Ämtern und greifbaren Glücksgütern beladen, gleichwohl das Opfer feindlicher Mächte ist. Das Schicksal trat in romantischer Verkleidung auf und jagte den Sohn eines verfluchten Geschlechts unstet von Land zu Land. Vater und Mutter tot, ehemalige Freunde gegen den edeln Sproß des Hauses verschworen und er, ein Mann von fünfzig Jahren, ohne Heim und Weib und Kind, Ahasver!
Derlei Enthüllungen öffneten wie nichts sonst Caspars Herz der Freundschaft. Denn da war endlich einer, der sich gab, sich öffnete, die Vermummung abwarf. Es war bittersüße Lust, die angebetete Gestalt den Sockel verlassen zu sehen, auf dem sie für alle übrigen thronte.
Was ihn betrifft, er bot in dieser Zeit das Schauspiel eines ruhenden Menschen; außen und innen ruhend, gelöst von hemmender Fessel, Blick und Gebärde gelöst, die Gestalt aufgerichtet, die Stirn wie entschleiert, die Lippen geschwellt von einem beständigen Lächeln.
Er wurde seiner Jugend inne. Er dehnte sich aus, es war ihm, als sei er ein Baum und seine Hände wie Zweige voller Blüten. Ihm schien, als ströme sein Blut einen Wohlgeruch aus; die Luft schrie nach ihm, das Land schrie nach ihm, alles war voll von ihm, alles nannte seinen Namen.
Er pflegte manchmal laut mit sich selbst zu reden, und wenn er dabei überrascht wurde, lachte er. Die Leute, die mit ihm in Berührung kamen, waren bezaubert; sie fanden kein Ende, die über alles liebliche Erscheinung zu preisen, in der Kind und Jüngling zu rührendem Verein gediehen waren. Es gab junge Frauen, die ihm zärtliche Briefchen schrieben, und Herr von Tucher wurde vielfach mit Bitten belästigt, ihn von einem Maler konterfeien zu lassen.
Das üble Gerede gegen ihn war auf einmal wie verblasen. Keiner wollte je etwas Schlechtes gesagt haben, die eingefleischten Widersacher duckten sich, die ganze Stadt warf sich plötzlich zu seinem Beschützer auf. Es hieß mit immer kühnerer Deutlichkeit, man müsse ihn gegen die Machenschaften des englischen Grafen in Schutz nehmen.
Eines Tages mußte Stanhope zu seiner größten Bestürzung wahrnehmen, daß er von allen Seiten peinlich überwacht und behorcht war. Er mußte sich entschließen zu handeln.
Die geheimnisvolle Mission und was ihrer Ausführung im Wege steht
Schon lange hieß es an allen Wirtshaustischen, der Lord wolle Caspar Hauser an Sohnes Statt annehmen. In der Tat stellte Stanhope Mitte Juni den förmlichen Antrag an den Magistrat, ihm den Jüngling zu überlassen, er wünsche für seine Zukunft zu sorgen. Der Magistrat ließ durch den Bürgermeister erwidern: zum ersten, daß ein solches Ersuchen #in pleno# vorgetragen werden müsse; zum zweiten, daß der Lord vor allem den Nachweis eines hinlänglichen Vermögens erbringen müsse, damit die Stadt eine sichere Gewähr für das Wohlergehen ihres Pfleglings habe.
Stanhope nahm den Bescheid sehr ungnädig auf. Er ging zum Bürgermeister, zeigte ihm seine Orden, die Beglaubigungen fremder Höfe, sogar vertrauliche Briefe hoher Fürstlichkeiten; Herr Binder, bei aller Ehrfurcht vor Seiner Lordschaft, bedauerte, den einstimmigen Beschluß des Kollegiums nicht rückgängig machen zu können.
Der Graf war unvorsichtig genug, in einer Gesellschaft, wo er zu Gast geladen war, seine Geringschätzung gegen das pedantisch-überhebliche Bürgerpack zu äußern. Dies wurde ruchbar, und obgleich er sich beeilte, in einem Brief an den Magistratsvorstand sein Benehmen zu entschuldigen und es als einen durch Weinlaune verursachten Ausbruch verzeihlichen Ärgers hinzustellen, machte die Sache doch böses Blut. Der Argwohn war einmal geweckt. Man wollte wissen, daß er in seinem Hotel häufig Persönlichkeiten von zweifelhaftem Aussehen empfange, mit denen er hinter verschlossenen Türen lange Verhandlungen führte. Wie kommt es überhaupt, fragte man sich, daß der angeblich so reiche und vornehme Mann sein Quartier in einem Gasthaus zweiten Ranges nimmt? Fürchtet er am Ende, von seinen eignen Landsleuten gesehen zu werden, wenn er wie sie im »Adler« oder im »Bayrischen Hof« wohnt? Dies schien plausibel, wenn man einer unverfolgbaren Nachricht trauen durfte, die irgendwer eines Tages verbreitete und nach welcher der Lord ehedem als Traktätchenverkäufer im Dienst der Jesuiten in Sachsen herumgezogen sei.
Stanhope beeilte sich zu reisen. Er stattete dem Bürgermeister in seiner Kanzlei einen Abschiedsbesuch ab und sprach von dringlichen Geschäften, die ihn wegberiefen; bei seiner Rückkunft werde er den geforderten Vermögensnachweis vorlegen. Zugleich deponierte er fünfhundert Gulden in guten Scheinen, welche Summe ausschließlich für die kleinen Wünsche und Bedürfnisse seines Lieblings zu verwenden sei. Der Bürgermeister wandte ein, daß eigentlich Herr von Tucher die Verwaltung dieses Geldes übernehmen müsse, doch der Lord schüttelte den Kopf und meinte, in Herrn von Tuchers Verfahren liege zu viel vorgefaßte Strenge, er handle nach einem erdachten Ideal von Tugend, eine so zarte Lebenspflanze könne nur in liebevollster Nachsicht aufgezogen werden. »Seien wir doch eingedenk, daß das Schicksal eine alte Schuld an Caspar abzutragen hat und daß es engherzig ist, immerfort hemmen und beschneiden zu wollen, wo die Natur selbst gegen den Willen der Menschen ein so herrliches Gebilde erzeugt hat.«
Der Ernst dieser Worte wie auch das hoheitsvolle Wesen des Lords machten großen Eindruck auf den Bürgermeister. Er sprach nochmals sein Bedauern darüber aus, daß die Absichten des Grafen nicht sogleich verwirklicht werden konnten, und versicherte, daß die Stadt es sich stets zur Ehre rechnen würde, einen solchen Gast in ihren Mauern zu beherbergen.
Von hier begab sich Stanhope unverweilt zu Herrn von Tucher. Man sagte ihm, der Baron sei mit einigen Bekannten auf die Jagd geritten, auch Caspar sei ausgegangen, müsse aber in Bälde zurückkehren, er möge zu warten geruhen. Ungeduldig schritt er in dem großen Salon auf und ab. Er nahm die Brieftasche heraus, zählte Geld, notierte mit dem Bleistift Ziffern auf ein Blatt, wobei er mit den Zähnen knirschte und der feine weiße Hals sich langsam dunkelrot färbte wie bei einem Trinker. Er stampfte auf den Boden, das Gesicht war förmlich aufgerissen, der Blick glitzerte. »Gottverdammte Bestien,« murmelte er, und auf den schmalen Lippen lag eine wilde Verachtung.
Da war nichts mehr von der Gemessenheit und Würde des Edelmanns. O, Herr Graf, muß der Vorhang des öffentlichen Theaters nur für eine Viertelstunde fallen, damit der Schauspieler, überdrüssig der gutgelernten Rolle, sein geschminktes Antlitz zu furchtbarer Wahrheit verändere? Schade, daß kein Spiegel in dem Raum angebracht war, vielleicht hätte er den Lord zur Besinnung gebracht und zur Behutsamkeit ermahnt, denn es brauchte ja nur schnell eine Tür aufzugehen, und das Stück begann von neuem. Aber zeugte dieser Umstand nicht zugunsten des Grafen? Wäre mehr Beherrschung nicht ein Beweis von größerer Kunst gewesen? Der echte Komödiant tragiert sein Spiel auch leeren Räumen vor und macht selbst die Wände zu Zuschauern. In dieser Brust aber waren noch Stimmen des Verrats, in ihrer Tiefe war noch Sturm, ihr dumpfes Höhlengetier hatte noch Augen, die vom Strahl der Wandelbarkeit getroffen wurden.
Es scheint, daß der Lord ein schlechter Rechner war, denn die aufgestellten Zahlen wollten nicht das notwendige Ergebnis liefern, so daß er immer wieder von neuem begann und mit gerunzelter Stirn einzelne Posten auf ihre Richtigkeit prüfte. »Für Popularitätszwecke entschieden zu wenig,« sagte er mürrisch, eine Äußerung, deren Unbedachtsamkeit dadurch gemildert war, daß sie in englischer Sprache getan wurde. Dann noch ein sonderbares Wort, unheimlich anzuhören, nicht wie aus einem geistreichen Schauspiel, sondern wie aus einem Räuberdrama: »Wenn der Graue sich wieder blicken läßt, will ich ihn in den Schwanz kneifen; seine Beute ist wahrhaftig groß genug. Kronen sind keine Marktware, er mag ehrlicher im Teilen sein.«
Beklagenswerter Lord! Auch die Einsamkeit hat ihre Laute. Durch eine schlechtverschlossene Fensterspalte zwängt sich der Wind, und es gleicht einer Stimme, oder das Holz der jahrhundertalten Möbel zieht sich zusammen, und es klingt wie ein Schuß oder wie ein Miniaturgewitter. Zudem war Graf Stanhope abergläubisch; das Rieseln der Kalkkörner hinter den Tapeten erinnerte ihn an den Tod; wenn er mit dem linken Fuß ein Zimmer betrat, wurde ihm übel und ängstlich. Dies war hier geschehen; er nahm sich zusammen und schwieg, um so mehr als er vom Flur herauf Caspars helle Stimme hörte; er begab sich wieder in seine Rolle, die Augen gewannen ihren gazellenhaften Glanz zurück, er holte einen Band Rousseauscher Schriften aus dem Bücherregal in der Ecke, setzte sich in den Lehnstuhl und begann mit sinniger Miene zu lesen.